28. Der Todesfluch
Daniel bog um die Ecke und rannte fast in Suzette hinein. Er hielt an und ein Blitzen in seinen Augen verriet Suzette, dass sie gleich enttarnt werden würde.
Statt zu rennen, eine aussichtslose, wahllose Flucht einzuschlagen, blieb er stehen und ohne noch mal groß nachzudenken, rief er, schrie er hysterisch und panisch: „Da ist sie! Die sucht ihr doch! Hier ist sie! Ich hab sie gefunden! Ich hab sie für euch gefunden!".
Schon kamen die Todesser um die Ecke gerannt. Suzette machte ein paar Schritte zurück und erkannte neben Bellatrix, Dolohov, Amycus, Alecto und wiederum Greyback, der mittlerweile bei allem dabei sein musste, um sich innerhalb der Todesserschar hochzuarbeiten.
Bellatrix grinste höhnisch und voller Abscheu, als sie ihren Zauberstab erhob: „Ich wusste, dass diese fette Gryffindor-Schülerin keinen so mächtigen Schockzauber zustande gebracht hätte! Du warst es, mein Schatz!".
Daniel, der sich neben und ein wenig hinter Suzette gekauert hatte, sah nun den Moment gekommen Fersengeld zu geben und rannte, was das Zeug hielt davon. Tatsächlich verfolgte ihn niemand.
„Lass den Jungen!", schnarrte Dolohov, „Er ist nichts wert! Purer Zeitvertreib. Aber jetzt haben wir ja etwas, das uns hier wirklich einen Schritt weiter bringen wird.". Er grinst ein wenig und Bella stimmte zu: „Der Dunkle Lord wird stolz auf uns sein und uns mit sämtlichen Ehren bedenken, weißt du Suzette?".
Diese knirschte mit den Zähnen und überlegte fieberhaft, wie sie hier wieder rauskommen sollte. Sie war zweifellos eine besonders begabte Hexe, aber gegen fünf Todesser würde sie allein nur schwer ankommen können.
Ein wenig Zeit brauchte sie um sich etwas zu überlegen, irgendetwas überhaupt zu denken und in diesem Augenblick geschahen zwei Dinge gleichzeitig:
Bellatrix setzte ein gelangweiltes Lächeln auf, was der herabwürdigenste Gesichtsausdruck von allen war, den sie hätte aufsetzen können. Sie würdigte Suzette nicht einmal eines hasserfüllten Grinsen.
Langsam und immer noch unglaublich gelangweilt zückte sie ihren Zauberstab, doch im gleichen Augenblick flatterte Pip auf und schien genau in Bellatrix' Gesicht landen zu wollen. Die Todesserin schrie und zeterte, als der Rabe die offensichtlich pickte und kratzen, bis Dolohov einen ungesagten, grünblitzigen Zauber gegen den Vogel abschoss, sodass er matt und leblos zu Boden fiel. Die Todesser lachten müde, doch Suzettes Gehirn war nun so wach und klar wie selten zuvor. Plötzlich wurde ihr schlagartig bewusst, plötzlich in der Todessekunde von Pip dem Raben erkannte wie, wusste sie, was es mit der schwarzen Taube auf sich hatte.
Es war nicht schwer. Der Zauber an sich fiel Suzette nicht schwer. Das Komplizierte am Animagus-Zauber war nicht die Umsetzung, es war die Vorarbeit, herauszufinden, in welches Tier man sich verwandeln würde und warum.
Suzette wusste es jetzt. Es musste, es konnte nur die schwarze Taube sein!
Eine schwarze Taube, ein Wesen, das es in der Natur zwar nicht gab, das ihren Charakter allerdings so frappierend beschrieb, dass ihr fast Angst und bange wurde.
Selten bis unmöglich schien diese Kombination von Tier und Färbung, genau wie ihre Art und Weise eine Hexe zu sein: Selten, ausgestorben und eventuelle sogar als unmöglich verkannt.
Schwarz, wie ihr Umhang, schwarz, wie ihre Zauberkunst und schwarz wie ihre eigene Seele nach allem, was sie verbrochen hatte, zweifellos war. Schwarz, die Farbe, die Unfarbe der Schuld und der Schuldigen, der Reuigen.
Und die Taube, ein Zeichen des Vertrauens, des Friedens und der Reinheit.
Gegensätze, die nur zu oft in ihrem Inneren endlose Kämpfe ausgefochten hatten.
Suzette flatterte in die Dunkelheit eines verlassenen Korridors hinter sich, wo die Todesser sie nicht mehr sehen konnten.
Euphorisiert und dennoch tief schockiert über den Tod so vieler Freunde in dieser Nacht suchte sie nach Daniel. Sie hoffte, dass er nicht in Richtung Astronomieturm gerannt war, denn wenn ihn jemand gesehen hätte, wären auch wieder die anderen in Gefahr. Ernüchternderweise musste sie feststellen, dass er offenbar genau das gemacht zu haben schien.
Sie flatterte, was der kugeliger Körper der Taube hergab die Gänge hinauf. Sie war nicht besonders schnell und auch recht schnelle außer Atem, da sie es nicht gewohnt war, zu fliegen.
Ein fürchterlicher Gedanke drängte sich auf, je höher sie in den Astronomieturm kam. Ein kaltes grünliches Licht schimmerte durch die Kristallfenster und als Suzette eine kurzen Blick hindurchwagte, erkannte sie das Morsmordre über dem Turm stehen.
Sie hatte keine Zeit mehr sich Gedanken zu machen, denn plötzlich hörte sie schlaffe Schritte auf der engen Treppe zum Turms.
Ob Daniel in ihrem Zimmer bei den anderen angekommen war, erfuhr sie nicht, denn sie musste sich in einer dunklen Ecke verstecken, als niemand geringeres als Draco Malfoy, bleicher als sonst, schmaler denn je hinaufstieg.
Etwa im gleichen Augenblick musste sie feststellen, das gerade eben durch das grüne Licht und eines der Kristallfester Albus Dumbledore mit Harry Potter ins Schloss eingestiegen war.
Dumbledore sah aus, als benötigte er keinen Todesfluch um in den nächsten Minuten zu sterben. Harry konnte Suzette nicht sehen, aber sie war sich sicher, dass er dabei sein musste, denn es standen zwei Besen an der hinteren Turmzimmerwand.
Suzette konnte nicht hören, was, aber zumindest, dass gesprochen wurde. Die Stimmen waren leise, schwach und müde.
Es ging einige Minuten hin und her zwischen Draco und Dumbledore. Zweifellos hatte Dumbledore gute Argumente und Draco erhebliche Zweifel.
Tu es, dachte Suzette, mach es endlich!
Er tat es nicht und die Zeit verstrich. Kurz herrschte Stille im Astronomieturm, eine unbehagliche, kalte und verstörende Stille.
Dann hörte Suzette wieder Dumbledore sprechen: „Wenn sie es möchten, dann kann ich dafür sorgen, dass sie und ihre Familie in Sicherheit gebracht werden, aber bitte, machen sie sich nicht unglück...".
Schritte kamen die Treppe hinauf.
„...lich! Es wäre recht ungesund, Mr. Malfoy.".
Draco hatte keine Zeit zu antworten, denn in diesem Moment stürzten mehrere schwarzgewandete Gestalten in den Astronomie-Klassenraum. Suzette erkannte Fenir Greyback und die Carrow-Geschwister, es waren allerdings noch zwei weitere Todesser bei ihnen, die Suzette unter ihren Masken nicht zuordnen konnte.
Keifende Stimmen sprachen durcheinander: „Los Draco!", „Mach schon!", „Worauf wartest du?".
Draco sagte nichts, schien sich nicht einmal zu bewegen. Starr und steif stand er mit ausgestrecktem Zauberstab vor Dumbledore. Er zitterte nicht, doch seine Augen schienen leer und er selbst keinesfalls in der Lage einen Zauber auszuführen.
„Er schafft es nicht!", keifte Alecto und dann rief sie: „Ruft Snape!".
Suzettes Eingeweide zogen sich zusammen, als daraufhin einer der maskierten Todesser aus dem Zimmer und die Treppen hinunter rannte.
Es dauerte nicht lange und er kam zurück gehetzt, hinter ihm Severus Snape.
Suzette konnte sein Gesicht nicht sehen, aber er schien die anderen von seiner Integrität überzeugen zu können.
Es ging sehr schnell und Suzette war wie immer nicht darauf vorbereitet, als die Zauberformel „Avada Kedavra" in Snapes Stimme um die Ecke donnerte.
Suzette, immer noch im Körper der Taube, entfuhr ein erschrockenes Gurren.
Niemand hätte es hören können, wenn sich nicht im Nebenraum ein Halbmensch mit besonders geschärften Sinnen befunden hätte.
Fenir Greyback, der Werwolf vernahm das seltsame Geräusch vom Flur her und schnupperte skeptisch umher.
In seiner menschlichen Gestalt waren seine Wolfsinne nicht ganz so ausgeprägt, dennoch aber immer noch schärfer als die gewöhnlicher Menschen.
Sofort hatte er Suzette gewittert und während Snape Draco fort zerrte und die übrigen Todesser fluchtartig den Turm verließen, blieb Greyback zurück und sah sich suchend im Gang um.
In Gestalt einer Taube konnte Suzette nicht zaubern und sich zurück zu verwandeln wäre so, als wäre sie dem Werwolf direkt zwischen die Zähne gesprungen.
Im Augenblick schützte sie die Dunkelheit der Ecke in der sie saß, die sich mit ihrem Gefieder deckte und die Tatsache, dass Greyback nicht besonders gut sehen konnte – auch eine Entwicklung mit der Zeit seiner Werwolfkrankheit.
Der Gang war schmal und es war nur eine Frage der Zeit, dass er Suzette finden würde und tatsächlich schnüffelte er jetzt verdächtig lange an der Ecke herum in der die kleine schwarze Taube sich so klein wie möglich machte.
Speichel tropfte auf den Boden und der widerliche Gestank von Blut, Urin und Schweiß drang unangenehm nahe an den Vogel heran, sodass ihm langsam die Luft wegblieb.
Hier würde sie nicht mehr herauskommen, das war ihr klar. Eine winzige Chance hatte sie nur dann, wenn sie das Überraschungsmoment für sich nutzen konnte.
Sie flatterte auf, Greyback wusste sofort, dass das Suzette sein musste, denn er hatte ja gesehen, wie sie sich verwandelt hatte, und irgendwie schaffte sie es sich an dem Todesser vorbei zu quetschen.
Suzette schaute nicht hinter sich, denn sie wollte nicht sehen, was sich dort abspielte. Was sie wollte, war einzig Snape zu finden, warum auch immer.
Greyback indes erkannte mit einem dreckigen Lächeln, dass Suzette offensichtlich noch nicht allzu viel Erfahrung mit dem Fliegen und dem Körper eines Vogels hatte sammeln können, er zückte seinen Zauberstab und schickte einen Todesfluch nach ihr. Er verfehlte den kleinen dunklen Vogel in dem finsteren Gang, doch Suzette wusste, dass dies kein zweites Mal geschehen würde.
Sie hatte mittlerweile eine recht ordentliche Distanz zwischen sich und den Werwolf gebracht, dass sie es nun wagte ihre menschliche, zum Zaubern fähige Gestalt wieder annahm.
Ein zweiter Todesfluch flog in ihre Richtung, doch die junge Hexe machte einen Hechtsprung zur Seite, wo sie gegen die Wand knallte.
Suzette schickte einen Schockzauber in Richtung Greyback, doch sie bedachte nicht, was nun passierte. Der Werwolf schob einen starken Protego-Zauber zwischen sich und Suzette, sodass er geschützt und der Fluch zurück auf seine Urheberin geschleudert wurde.
Der rote Lichtblitz traf Suzette bevor sie es verhindern konnte und sie sank bewegungslos zusammen.
Doch Greyback zögerte. Er wand sich um und schnupperte in den leeren Gang hinein. Hatte er da nicht einen weiteren Menschen wahrgenommen? Womöglich ein unsichtbarer Auror?
Nichts rührte sich und bald darauf war auch der seltsame Geruch verschwunden. Falls tatsächlich jemand hier gewesen war, so war derjenige nun nicht mehr in der Nähe, sondern den Turm hinab gestiegen.
„Avada Kedavra!", sagte Greyback schnell und stürzte ebenfalls die Treppe hinab, zurück in die Schlacht.
Der Korridor lag in Ruhe und Dunkelheit, sodass man glauben konnte, es handelte sich um eine ganz normale Nacht am Zaubererinternat von Hogwarts, wenn nicht an einer Wand die Leiche eines jungen Mädchens gelegen hätte, an der bei oberflächlicher, wie auch bei intensiverer Betrachtung keine Todesursache würde festgestellt werden können.
Erst Stunden nach den Vorfällen der Nacht, es dämmerte schon am Horizont, wagten Daniel, Nat und Des es einen Blick hinaus aus dem Zimmer zu werfen in dem sie die letzte Nacht überlebt hatten.
Die beiden Mädchen öffneten das Fenster und brachen sich ein paar von den saftigen Blumen, die über Nacht auf magische Weise ihre Farbe von blütenweiß in blutrot gewechselt hatten und nun bis hinauf zum Fenster ihres Turmzimmers gewuchert hatten, um sie sich in die Haare zu stecken.
Daniel war es schließlich, der die Leiche von Suzette vorfand und er war sich sicher, dass er daran die Schuld trug.
