„Wie ernst ist es dir mit dem jungen Mann?" fragte ich. Vielleicht war es ja bloß eine harmlose Schwärmerei. Aber das wäre ja zu einfach gewesen. „Sehr ernst," kam auch prompt die leise, wenn auch sehr entschiedene Antwort. Allerdings konnte ich, die ich ja genauso alt wie Georgie war, solche Schwärmereien nur allzu gut nachvollziehen. Frisch verliebt…hach! „Verrätst du mir, wie er heißt?" Ein Lächeln überzog ihr Gesicht. „David. David Greenwood." Ich nickte. Die Greenwoods führten ein alteingesessenes Unternehmen, sie importierten Weine und betrieben ihren Handel schon seit mehreren Generationen, und das sehr erfolgreich. Fitzwilliam schätzte die Qualität und ließ es sich nie nehmen, persönlich nach Islington zu fahren wenn er in London war und höchstselbst seine Wahl für Sandhurst Manors umfangreichen Weinkeller zu treffen. Aber das bedeutete noch lange nicht, daß er auch mit David Greenwood als Ehemann für seine Schwester einverstanden sein würde!
Georgie erzählte mir, wie sie sich kennengelernt hatten, als David eines Tages eine große Lieferung Wein ins Stadthaus nach London gebracht hatte. Normalerweise bekam sie von den Anlieferungen der Händler niemals etwas mit, dafür hatte man schließlich Personal, doch eine der Flaschen ging versehentlich zu Bruch und Mr. Greenwood schnitt sich so heftig in den Finger, daß er eilig ins Haus gebracht wurde, um dort verarztet zu werden. Georgiana, in diesem Moment auf der Suche nach der Haushälterin, kam zufällig dazu und da niemand der anwesenden (ausschließlich weiblichen) Bediensteten beim Anblick des tropfenden Blutes in der Lage war, den armen Mr. Greenwood zu verarzten, handelte sie, ohne groß darüber nachzudenken und versorgte höchstpersönlich den böse blutenden Finger.
Durch das viele Blut sah es schlimmer aus als es im Endeffekt war, doch Mr. Greenwood war merklich blass um die Nase geworden und Georgiana ließ ihn kurzerhand in einen der Salons bringen und bewirtete ihn freundlich mit einem stärkenden Getränk. Die beiden kamen ins Gespräch, während sich der junge Mann ein wenig erholte, fanden sich durchaus sympathisch und am nächsten Tag ließ er als Dankeschön für die reizende „ärztliche Versorgung" eine süße Leckerei für Georgiana im Haus der Darcys abgeben. Diese an sich nette Geste war selbstverständlich hart am Rande der Schicklichkeit – aber Georgiana war bezaubert.
„Ja aber wie seid ihr dann weiter in Kontakt geblieben?" wollte ich wissen, schließlich konnte sie nicht einfach so nach Islington fahren oder den jungen Mann gar zu sich nach Hause einladen. „Nun ja, ich mußte ein bißchen mit List und Tücke arbeiten," gestand sie verlegen, doch sie lächelte dabei. „Meine Zofe zum Beispiel ist sehr verschwiegen, wenn du verstehst was ich meine... wir haben den ein oder anderen Ausflug gemacht und sind zufällig nach Islington gefahren. Einmal haben wir uns sogar völlig ungeplant mitten in der Stadt getroffen, stell dir vor!"
Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Schließlich war ich die letzte, die sich über unschickliches Benehmen echauffieren durfte, nicht wahr? Mein umfangreicher Bauch war dafür Beweis genug. Aber ich wußte nicht, was ich vom Verhalten meiner Schwägerin halten sollte und ich wollte auch nicht einmal annähernd daran denken, was Fitzwilliam vom Verhalten seiner Schwester halten würde! Daß ich vor unserer Hochzeit bereits schwanger war würde er ganz elegant abtun mit dem Hinweis darauf, daß es sich selbstverständlich nicht schickte und verwerflich war, aber wir schließlich umgehend geheiratet hatten und man die Situation sowieso überhaupt nicht vergleichen konnte. Bla bla bla. Schließlich war hier Georgiana die reiche Erbin und mußte sich vorsehen, nicht an einen Schurken zu geraten, der es auf ihr Geld abgesehen hatte und Georgie unglücklich machen würde.
Auch gefiel mir nicht besonders, daß ihre Zofe in die ganze Geschichte eingeweiht war. Sie mochte ein nettes, anständiges Mädchen sein, aber wer konnte schon wissen, ob sie nicht irgendwann doch Gewinn aus ihrem Schweigen ziehen wollte? Wer überhaupt alles von dieser Affäre erfahren würde? Nicht auszudenken. Oh weh, Georgie bewegte sich in gefährlichen Gewässern! Ihre Familie würde ausrasten, wenn sie davon erführe. Und früher oder später würden sie davon erfahren, keine Frage.
„Georgie, dir ist aber schon bewußt, auf was du dich da einläßt, oder?" versuchte ich es vorsichtig, doch Georgie reagierte erwartungsgemäß gereizt. Sie machte eine abwertende Handbewegung. „Es ist mein Leben, nicht wahr?" sagte sie trotzig. „Ich möchte mich verlieben, in wen ich will und später einmal heiraten, wen ich will. Und wenn das David ist, ist es halt so. Mein Bruder hat sich in der Wahl seiner Frau auch nicht hineinreden lassen, obwohl meine Familie..." Sie hielt erschrocken inne und wurde rot.
Ich seufzte. „Sprich es ruhig aus, es ist kein Geheimnis. Deine Familie war mit mir auch nicht gerade einverstanden, ich weiß. Deine Mutter wollte Miss Everton als Schwiegertochter haben." Wahrscheinlich trauerte sie ihr immer noch hinterher! Georgie drückte meine Hand. „Entschuldige, Lizzy. Ich bin sehr froh, daß mein Bruder dich geheiratet hat und nicht solch ein langweiliges Püppchen aus der ach so vornehmen Gesellschaft, die er verabscheut. Aber verstehst du, er ist seinem Herzen gefolgt, er hat aus Liebe geheiratet. Hat sich von niemanden unter Druck setzen lassen. Das will ich auch so haben."
„Aber dir ist schon bewußt, daß hier mit zweierlei Maß gemessen wird, oder? So ungerecht es auch scheinen mag," wagte ich einen Einwand. Ich konnte Georgie so gut verstehen, aber ich wußte genau um die Hindernisse, die sie zu überwinden hatte. Und dann war noch nicht einmal gesagt, ob diese zart keimende Liebe zu diesem David nicht doch nur eine harmlose Schwärmerei war.
Georgie seufzte niedergeschlagen. „Natürlich weiß ich das. Ich bin mir auch bewußt, daß meine Familie nicht gerade erfreut sein wird." Nicht erfreut sein wird? Das war die Untertreibung des Jahrhunderts! Lady Anne würde in Ohnmacht fallen, Mr. Darcy seine Tochter auf der Stelle enterben und Fitzwilliam den schurkischen Liebhaber zum Duell fordern! Mein Kind würde ohne Vater aufwachsen müssen und… aber was dachte ich da für einen Unsinn. „Aber es ist doch einfach nicht gerecht, oder?" fuhr Georgie aufgebracht fort. „Nur weil ich eine Frau bin? David ist ein respektabler Mann. Er ist ehrlich, fleißig, kommt aus guter Familie, und ja, er sieht noch dazu sehr gut aus..." Sie sah mich augenzwinkernd an und wir giggelten ein wenig albern. Gleich darauf wurden wir jedoch wieder ernst.
„Und trotzdem wird es schwierig, deine Familie davon zu überzeugen," sagte ich offen und sie seufzte bloß. „Aber Georgie, kannst du wirklich sicher sein, daß dieser Mr. Greenwood der Mann ist, mit dem du den Rest deines Lebens verbringen willst? Als die Frau eines Weinhändlers?" „Warum nicht?" Ja, warum nicht? fragte ich mich. Kein Problem, wenn es dabei um mich gegangen wäre – die immerhin ehemalige Verlobte eines Tuchhändlers! Aber Georgiana Darcy war dazu erzogen worden, das Leben einer gesellschaftlich hochstehenden Lady zu führen, Herrin über ein großes Anwesen zu sein, ihrem gesellschaftlich ebenbürtigen Ehemann jedes Jahr einen Sprößling zu schenken. Diese Möglichkeiten würden ihr sehr wahrscheinlich auf immer verwehrt bleiben – ich konnte mir nicht vorstellen, daß ihre Familie eine solche inadequate Verbindung unterstützen würde. Sie war nun einmal kein Mann, zum Teufel nochmal! Sie durfte ihre Entscheidungen nicht selbst fällen – und wenn sie das tat, mußte sie die Konsequenzen tragen. Das Leben war einfach ungerecht, aber wir Frauen mußten uns wohl oder übel damit abfinden. Wieder einmal dankte ich meinem Schöpfer für mein außergewöhnlich gutes Los, das ich mit Fitzwilliam gezogen hatte.
„Du kennst ihn doch nur oberflächlich, oder?" fragte ich und trat ans Fenster. Draußen schneite es immer noch und in der Ferne konnte ich Fitzwilliam erkennen, der mit dem Steward aus Richtung der Pferdeställe kam und aussah wie ein Schneemann. Ich mußte lächeln über seinen Anblick. „Na und, was heißt das schon? Man kann einen Menschen jahrelang kennen und weiß trotzdem nichts über ihn."
„Aber du bist entschlossen, den Rest deines Lebens mit ihm zu verbringen?" Sie zuckte mit den Schultern. „Ja, das möchte ich." Nun ja, es lag nicht an mir, mir ein Urteil über Georgies Gefühle zu erlauben, ich konnte schließlich nicht in sie hineinschauen. Aber ich hatte trotzdem so meine Zweifel. Sie erlebte ihre – höchstwahrscheinlich – allererste Liebe, die umso aufregender war, weil sie von ihrer Familie nicht im mindesten toleriert werden würde. Hier kam auf beiden Seiten die sprichwörtliche Sturheit der Darcys zum tragen, fürchtete ich. Aber Georgie war in Derbyshire, der junge Mann in London – sie würden sich vor dem Frühling nicht wiedersehen, je nachdem, welche Pläne Georgies Eltern mit ihr hatten. Bis dahin würde sie Bälle besuchen, neue Leute kennenlernen, alte Bekanntschaften auffrischen und vielleicht tat die Zeit ihr übriges und Mr. Greenwood würde langsam aus ihren Gedanken verschwinden. Zumindest konnte man hoffen, oder?
„Ich habe etwas schlimmes getan," kam es auf einmal sehr kleinlaut und ich erstarrte. Sie würde doch nicht etwa...? Sie hatte nicht... Nein, oder? Das konnte nicht sein! Oh nein! Bitte, bitte, keinen kleinen Weinhändler, der in den nächsten neun Monaten das Licht der Welt erblicken würde! War es nicht schlimm genug, daß ich und ihr eigener Bruder...nicht, daß ich es bereute, nein, nein! Aber dennoch... so einen Rest an schlechtem Gewissen hatte ich trotzdem. Aber Georgie? Nicht auszudenken!
Langsam wandte ich mich um. Ich wollte es nicht hören. Ich wollte sie nicht fragen, was sie schlimmes getan hatte. Ich wollte es gar nicht wissen und ich wollte schon gar nicht ihre Komplizin sein. „Was?" hauchte ich, meine Hände unbewußt auf meinen Bauch legend, aufs Schlimmste gefaßt.
Georgie war sehr rot geworden und druckste ein wenig herum. „Nun ja... ich... ich habe... einmal, als wir im Park spazieren waren, da habe ich... da habe ich ihm erlaubt, mich zu küssen." Ich starrte sie an, auf weitere „Enthüllungen" wartend, die jedoch nicht kamen. „Er hat dich geküßt?" fragte ich dumpf. „Sonst hast du ihm keine Freiheiten gewährt, hoffe ich?" Georgie schüttelte stumm den Kopf und Erleichterung breitete sich in mir aus. Puh! Nicht auszudenken, wenn ES geschehen wäre!
„Gott sei Dank!" machte ich erleichtert. „Ich bin froh, daß du wenigstens so vernünftig bist." Und dir kein Beispiel an deiner Schwägerin nimmst. Georgie winkte ab. „Nein, so schamlos bin ich nun auch wieder nicht," meinte sie. „Ich bin ja schließlich keine Hure, nicht wahr?" Ich wurde ziemlich rot. Würde sie mich als Hure bezeichnen, wenn sie bloß wüßte…? Wieder strich ich über meinen Bauch. Nein. Ich war keine Hure. Unser Kind war in Liebe gezeugt worden, auch wenn es vor der Hochzeit passiert war. Trotzdem versetzte es mir einen Stich. Ich hatte mich unschicklich verhalten. Ich hatte Fitzwilliam verführt, ihn dazu überredet, mich zur Frau zu machen, gegen seinen Willen, gegen sein Ehrgefühl. Ich hatte ihn gelockt, ihn wie eine schamlose Spinne in mein Netz gelockt und er hatte sich nicht dagegen gewehrt.
Warum machte ich mir darüber Gedanken? Nichts daran konnte geändert werden, ich mußte damit leben. Und ich war froh, daß Georgiana mehr Verstand im Kopf hatte als ich, was diese Dinge betraf. Aber ich durfte nicht den ersten Stein werfen.
„Nein, Lizzy, mach dir keine Gedanken. Nur ein kleiner Kuß, mehr nicht." Ich drehte mich zu ihr um und wollte noch etwas sagen, als ich eine mir wohlbekannte Stimme in der Tür hörte. „Ein kleiner Kuß für wen, Georgiana?" sagte Fitzwilliam gefährlich leise und schaute seine Schwester sehr interessiert an.
