Neue Erkenntnisse

Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ

Kurz vor 15:00 Uhr tauchte Tonks bei Narcissa auf, um den Schlafzauber von Draco zu nehmen, dem die Ruhe sichtlich gutgetan hatte. Er war nicht mehr ganz so blass.

„War er ruhig?" „Ja", lächelte Narcissa und strich ihrem Sohn durch die Haare. Tonks beugte sich leicht zu ihm und murmelte „Evigilas." Draco tat sich jedoch recht schwer damit, die Augen zu öffnen, was der Aurorin nochmal deutlich zeigte, dass er Ruhe brauchte. Sobald sie da waren, konnte er sich wieder hinlegen.

„Draco. Augen auf. Wir müssen los." „Was?", murmelte er völlig vertrant und blinzelte die freche Hexe mit dem bunten Haarschopf verschlafen an.

„Es ist fast 15:00 Uhr. Blaise und Charlie warten sicher schon." Damit war er wach, rappelte sich aber viel zu schnell auf, sodass sich seine Gehirnerschütterung erneut unangenehm meldete. Genauso die noch immer teils ramponierten Rippen, denn er zischte vor Schmerz.

„Langsam", mahnte Tonks.

„Was ist mit Her-… Granger?", korrigierte er sich rasch. Tonks schmunzelte auf den Versprecher allerdings spitz.

„Du brauchst mir nichts vorspielen. Deine Mutter hat mir da noch ein paar Sachen verraten. Davon abgesehen hab ich Augen im Kopf. Dein Verhalten letzte Nacht war recht deutlich", grinste sie, was Dracos Laune nicht hob, sondern ihn nur wieder knurren ließ.

„Alter Stinkstiefel", stänkerte Tonks gewitzt und half ihm auf.

„Na komm. Kingsley ist soweit mit allem fertig. Er und ich werden euch begleiten." „Ihr traut mir wohl nicht?", stellte er nüchtern fest. Tonks sah sich verlegen, denn ihre Haare verfärbten sich.

„Doch", log sie, da sie ursprünglich allein mit ihm und Hermione hatte gehen wollen. Kingsley traute der Sache allerdings nicht zu 100%. Darüber hinaus standen auch Harry, Remus und vor allem Ron, dem Vorhaben mehr als skeptisch gegenüber, sodass sie letztlich resigniert hatte.

„Du bist aber auch noch ganz schön Matsch, von Hermione mal zu schweigen. Selbst mit einen Portschlüssel ist so eine lange Reise anstrengend." „Sicher", gab er ihr süffisant zurück, da er für sich andere Wahrheiten sah. Am Ende folgte er Tonks, die sich nochmal neugierig zu ihm drehte.

„Aber sag mal… Was mich noch interessieren würde…. Seit wann kennst du dich so gut mit diesem Muggle Zeug aus?" „Hm? Ach, das ist wegen Charlie." „Der ist doch auch ein Reinblut?", wunderte sich Tonks, zu der Draco spitz sah.

„Und? Macht das irgendeinen Unterschied?" „Na ja… Eigentlich nicht", wurde sie verlegen, kam allerdings nicht umhin, sich über ihren Cousin zu wundern. Solche Worte aus seinem Mund?

„Aber gerade ein Reinblut hat damit doch noch weniger zu tun als sonst jemand." „Sicher. Die Freundin von Charlies Vater ist aber ein Halbblut. Sie hat wohl eine Menge von dem Zeug angeschleppt, weil sie es teils recht praktisch fand, aus beiden Welten zu schöpfen. Charlie kam mir irgendwann dann auch damit. Ich hab am Anfang gedacht, er hat einen Treffer weg. Aber das mit dem Telefon ist wirklich hilfreich. Auf dem Weg können sie einem nicht nachspionieren, wie mit den Eulen oder Flohgesprächen." „Scheint so", murmelte Tonks, nach wie vor angenehm überrascht, eine derartige Seite an ihm entdeckt zu haben. Kurz darauf waren sie in dem kleinen, warmen Zimmer, in dem Hermione lag. Dort herrschte jedoch gesteigerter Aufruhr.

„Warum nicht?", fragte Ginny ihre Mutter zum gefühlt hundertsten Mal.

„Es ist viel zu gefährlich!" „Und was? Wieso?" „Ich habe Nein gesagt und gut!", sprach Molly ein Machtwort. Der Rotfuchs sah es aber nicht ein.

„Jetzt sag doch auch mal was!", richtete sie sich an ihren Vater. Rons blöde Argumentation ebenfalls ignorierend, der ausnahmsweise auf Mollys Seite war. Allerdings war Harry auch nicht sonderlich begeistert von Ginnys Idee.

„Du hast deine Mutter doch gehört", gab sich Arthur hilflos.

„Nein! So leicht lass ich mich von euch nicht abkanzeln! Verdammt nochmal, was ist denn dabei, wenn ich Tonks begleite?" „Ich trau dem ganzen nicht, Merlin nochmal!", entwich es Molly. Just in dem Moment betrat Tonks mit Narcissa und Draco das Zimmer.

„So so", flötete der Blonde süßlich in Tonks' Richtung, die sich verlegen sah, bevor sie zu Molly meinte: „Denkst du wirklich, dass es eine Falle ist und die Jungs ihr etwas antun würden? Wir haben die Koordinaten doch geprüft. Es ist so, wie Zabini es beschrieben hat. Außerdem wurde der Portschlüssel von uns angefertigt. Im Zweifelsfall wären wir mit dem ganz schnell wieder weg", versuchte Tonks es mit Logik, dem Remus zustimmte.

„Seh ich auch so. Zumal Kingsley noch dabei ist. Vermutlich ist es in Arizona im Augenblick 100-mal sicherer, als hier in England." „Siehst du!", warf Ginny ihrer Mutter zu, der es dennoch nicht behagte.

Draco folgte der Zankerei nur kurz, ehe sein Blick auf Harry fiel und eine Weile an ihm haften blieb. Am Ende gab er sich seufzend einen Ruck und zog sich seinen persönlichen Feind Nummer 2 ran. An erster Stelle kam noch immer die Hohlbirne Weasley.

„Was?", giftete Harry sofort, als Draco ihn unauffällig von den Streitenden wegdirigierte.

„Ich hab dir noch was zu sagen, Potter." „Ach ja?", zischte Harry. Draco versuchte aber ruhig zu bleiben und ihm das, was ihm wieder eingefallen war, zu vermitteln.

„Granger hat mir erzählt, dass ihr diese Horcruxdinger sucht." „Sie… WAS?!", sah Harry ihn entsetzt an, womit sich Dracos Blick verfinsterte.

„Jetzt mach nicht so einen Aufstand und hör mir ein einziges Mal zu!" „Dir?" „Ich hab gesagt, du sollst die Schnauze halten! Verdammt, ich… Ich weiß vielleicht, wo zwei dieser Dinger sind." „Du…", fand Harry schlagartig keine Worte mehr. Ja überhaupt die Tatsache, dass Hermione ihm etwas verraten haben könnte, überstieg gerade gewaltig sein Verständnis.

„Sie hat mir erklärt, was das für Dinger sind und warum ER sie braucht. Dass er bloß wegen den Teilen noch existiert." „Das … du…", konnte Harry nur stammeln, sodass Draco entnervt mit den Augen rollte.

„Auch wenn mir das von eurem glorreichen Vogelverein keiner glaubt, aber ich habe ein genauso großes Interesse daran, dass ER wieder verschwindet. Und zwar endgültig! Also hör zu. Granger meinte, der Kelch von Helga Hufflepuff ist einer davon. Das Ding liegt aber bei Bellatrix im Verlies bei Gringotts. Ich hab sie abends mal darüber reden hören, ob er dort noch sicher wäre. Das andere, was ich mitgekriegt habe, ist, dass der letzte, von dem ihr noch nichts wisst, vermutlich das Diadem von Rowena Ravenclaw ist. ER hat es scheinbar schon vor Jahrzehnten im Schloss im Raum der Wünsche versteckt. Und was seine Schlange Nagini angeht, er hat einen Schutzzauber auf ihr liegen und lässt sie eigentlich nie unbeaufsichtigt. Nur so als Tipp." Damit ließ er Harry los, der kurz völlig überfordert da stand, bevor er sich Draco seinerseits ran zog.

„Warte." „Was?", zischte der Blonde genervt.

„Wieso?" „Was?" „Warum sagst du mir das?" „Bist du blöd und taub? Ich hab gesagt, ich will, dass ER verschwindet. Okay? Ich habe - kein- Interesse an dieser ganzen Scheiße", betonte Draco seine Worte nachhaltig. Harry glaubte ihm nicht.

„Du lügst!" „Sieh es wie du willst, Potter", zischte er überheblich.

„Ich hab dir gesagt, was ich dir sagen wollte. Wenn du mir nicht glaubst, dann streng dein Spatzenhirn eben selbst an! Auf Granger musst du die nächste Zeit nämlich verzichten!" Damit wollte er sich erneut umdrehen, doch Harry ließ ihn nicht los.

„Was noch?", nölte Draco und sah Harry langsam stinkig an.

„Wieso dann das alles? Warum hast du bei dieser ganzen Scheiße mitgemacht, wenn du das wirklich nicht wolltest? Wieso hast du sie in die Schule gelassen?!", sah Harry ihn durchdringend an.

Er hatte es auf dem Astronomieturm deutlich gesehen. Malfoy hatte seinen Zauberstab gesenkt. Er hätte Dumbledore nicht getötet. Ob nun aus Feigheit oder weil er es wirklich nicht wollte, dessen war sich Harry nach wie vor nicht schlüssig.

„Ich hatte meine Gründe", raunte Draco dunkel.

„Gründe?", japste Harry aufgebracht, bevor ihn eine dumpfe Wut packte.

„Was für kranke Gründe kann man für so etwas haben?" „Gründe die du nie verstehen wirst, Potter!", zischte Draco nun wirklich wütend, während sich in den grauen Augen ein unheimliches, dunkles Funkeln zeigte. Es war ein tiefer Sturm, mehr noch Orkan, der dafür sorgte, dass Harry seinen Arm losließ.

„Draco?", vernahm er zum wiederholten Mal, sodass er schließlich zu Tonks trat. Diese sah, wie auch die anderen, verwirrt zu den beiden jungen Männern, die kurz miteinander gesprochen hatten. Inzwischen war Harry so bleich wie Draco.

„Was ist los? Was hat er wieder abgelassen?", knurrte Ron leise, dem es nach wie vor nicht schmeckte Hermione und nun auch Ginny, die sich mit ihrem Dickkopf durchgesetzt hatte, auf diese ungewisse Reise zu noch zwei Slytherins zu schicken. Noch dazu, da Malfoy dabei war.

Harry sah sich jedoch noch immer in diesem Blick verloren. Aber auch dem, was Malfoy ihm gerade gesagt hatte. Ob es der Wahrheit entsprach, wusste er nicht. Nur machte es leider irgendwo Sinn.

Dass der Kelch einer der Gegenstände war, hatten sie stark vermutet, um nicht zu sagen gewusst. Nur hatten sie keinen Schimmer, wo sie nach diesem suchen sollten? Und der Letzte…

Sie hatten bereits gemutmaßt, dass es etwas von Rowena Ravenclaw oder Godric Gryffindor sein musste. Nun hatte Malfoy ihm ein durchaus stimmiges Indiz vor die Füße geworfen. Eigentlich sogar drei, denn wenn ER seine Schlange so sehr schützte, wie sollten sie die dann töten?

„Was war los?", fragte Tonks, die noch immer stutzig zu Harry sah. Draco gab ihr keine Antwort, sondern trat zu Kingsley, der sich gerade Hermione nehmen wollte. Er schob die Hände des groß gewachsenen Aurors beiseite und griff nach dem zitternden Mädchen, dem der kalte Schweiß auf dem Gesicht glänzte.

Sie murmelte schwach und stöhnte leise unter jeder noch so kleinen Bewegung. Dennoch hüllte er sie fest, aber trotzdem vorsichtig in die warme Decke. Im Anschluss nahm er sie richtig zu sich. Dabei verzog er ein wenig schmerzhaft das Gesicht. Tonks sah es und trat zu ihm.

„Lass Kingsley sie nehmen. Du bist doch selber verletzt", flüsterte sie, doch er blieb stur und trat zu dem Auror, was Tonks seufzend so hinnahm.

„Kleiner Dickkopf", murmelte sie und schürzte kurz die Lippen, bevor sie sich noch schnell von Remus mit einem Kuss verabschiedete.

„Seid vorsichtig", mahnte er sie. Tonks grinste.

„Das solltet ihr lieber sein." Damit trat sie zu Kingsley, der den kleinen Portschlüssel, ein Feuerzeug, in der Hand hielt. Mit der anderen ergriff er Draco am Arm, was Tonks ihm gleich tat und zum Schluss Ginnys Hand nahm, sodass sie alle zusammenhingen.

„Wir sehen uns!", warf Tonks dem Rest nur noch zu, als Kingsley das Feuerzeug aufschnappen ließ und so der allseits bekannte Zug um den Bauchnabel sie hinfort riss.

Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ

Mit einem leisen Plopp kamen sie irgendwo im nirgendwo in einem Mischwald an, dessen Bäume mehrere 100 Meter in den Himmel ragten. Es herrschte beinahe völlige Stille um sie herum, sah man von den Vögeln ab, die am frühen Morgen zwitschernd ihre Bahnen zogen. Darunter mischte sich ein leises Stöhnen, was von Draco kam, dem die Beine nachgaben.

„Hey! Langsam", hielt Kingsley ihn und griff ihm rasch unter die Arme. Tonks und Ginny versuchten Hermione zu halten, falls Draco sie vor Erschöpfung fallen ließ. Die Beiden merkten aber recht schnell, dass das noch das Unwahrscheinlichste war, denn er drückte sie trotz allem fest an sich.

„Draco?", hauchte Tonks besorgt, worauf er die Augen träge aufschlug. Irgendwie drehte sich alles um ihn.

„Lass Kingsley sie nehmen. Du kippst gleich um, so wie du aussiehst", appellierte sie an ihn, worauf er ernsthaft meinte: „Mir geht's gut!" Seine Stimme strafte ihn Lügen, denn sie war nicht mehr als ein erschöpftes Flüstern.

„Tut es nicht. Du -" „Fang ja nicht so an wie meine Mutter!", pflaumte er sie an. Das aber noch immer fertig, was ihn dennoch nicht daran hinderte, sich aus Kingsleys Griff zu winden.

Tonks blies auf sein Gemecker bereits beleidigt die Backen auf und wollte ihm noch was an den Kopf werfen, doch da taumelte er schon los.

„Blaise? Charlie?", rief er keuchend in den Wald, in dem seine leise Stimme durch das Echo kräftig widerhallte. Kurz darauf tauchten in gut 20 Metern Entfernung, hinter einem der riesigen Bäume, zwei Gestalten auf.

In der nächsten Sekunde schossen die Zauberstäbe von Ginny, Tonks und Kingsley nach oben und zeigten sofort auf die Neuankömmlinge. Draco kümmerte sich nicht darum, sondern schlurfte zu den beiden Jungs, die die Hände etwas hoch nahmen, um zu zeigen, dass sie unbewaffnet waren.

„Nette Begrüßung!", rief Blaise den Dreien zu und trat ganz zu Draco.

„Du siehst richtig scheiße aus, weißt du das?", warf der Dunkelhäutige ihm mit einem matten Grinsen entgegen. Draco konnte allerdings nicht darin einstimmen.

„Erspar mir dein Gesülze", keuchte er schwer.

„Ja, ja", meinte Blaise grinsend, bevor er auf das zerbrechliche Stoffbündel blickte, welches in den Armen des Blonden lag.

Hatte er bis eben geglaubt, dass sein bester Freund mehr einem wandelnden Toten glich, so wurde er in dem Moment eines besseren belehrt, als er Hermiones bleiche Erscheinung erkannte. Sie sah noch 100-mal schlimmer aus.

„Scheiße", murmelte er, während Charlie zu Draco sah.

„Was genau ist jetzt eigentlich passiert? Was hast du mitgekriegt?" „Nicht viel", keuchte Draco. Inzwischen waren auch die anderen Drei bei ihnen, die Charlie nur mit einem kurzen Blick bedachte, der am Ende hauptsächlich Ginny galt. Blaise versuchte unterdessen Hermione anzusprechen und legte die Hand auf ihre Stirn.

„Man, sie glüht!" „Erzähl mir was Neues", murmelte Draco matt und kniff die Augen zusammen, als der Schwindel wieder stärker wurde, was Charlie die Augenbrauen kraus ziehen ließ.

Du brauchst dringend ein Bett", rieb er ihm unter die Nase.

„Mir fehlt nichts." „Schnauze", meinte Blaise akkurat und nahm ihm kurzerhand Hermione ab, der durch den Personenwechsel ein leises, schmerzliches Wimmern über die Lippen kam.

„Ganz ruhig, Süße", flüsterte Blaise beruhigend und hielt sie sicher, ehe sein Blick zurück auf Draco fiel. Der drohte, nun, da er die Gryffindor nicht mehr als Halt hatte, erneut umzukippen. Nur war diesmal Charlie da, der ihn am Arm fest und somit aufrecht hielt.

„Ist dein Vater da?", richtete sich Ginny an den schlanken, brünetten Jungen, dessen grüne Augen sie kurz streiften, bevor er sich wieder auf Draco konzentrierte. Er legte sich ungefragt seinen Arm um Schulter und Nacken, um ihn besser zu stützen.

„Er ist nach Tucson appariert, um noch ein paar frische Zutaten und Bücher über Verfluchungen und dergleichen zu holen. Kann sein, dass er etwas später erst zurückkommt. Das Nötigste ist aber da. Allen voran ein warmes Bett", erklärte er und schielte zu Draco, der sichtlich darum kämpfte, die Augen offen zu halten.

„Ist es sehr weit?", erkundigte sich Tonks, worauf Charlie mit dem Kopf schüttelte.

„Das Auto ist ganz in der Nähe. Wir müssen zwar noch kurz fahren, es sind aber keine zehn Minuten bis nach Coyote Creek." „Auto?", stutzte die Aurorin und auch Ginny und Kingsley guckten verblüfft.

„Auto, ja. Wieso?", verstand Charlie jedoch nicht, der die ganze Muggletechnik, durch seine Stiefmutter in spe, bereits recht gut kannte und irgendwann seine anfängliche Skepsis diesen Dingen gegenüber beigelegt hatte. Genauso Blaise.

„Nur so", meinte Tonks leicht dahin, womit die beiden Jungs losliefen. Charlie weiter an Dracos Seite, den Tonks lieber noch auf der anderen flankierte, da es ihr so vorkam, als wäre er bloß noch eine Marionette, die an dünnen Fäden aufrecht gehalten und zum Gehen gebracht wurde. Eine Marionette, der man jede Sekunde die Fäden durchschneiden könnte. Dass er am Ende seiner Kräfte war, erkannte sie jetzt erst überdeutlich.

Sie hätten sich im Hauptquartier wirklich mehr um seine Verletzungen kümmern sollen, anstatt diese im stillen Keimen zu lassen. Hatte Narcissa ihr nicht auch gesagt, dass er an der Schulter verletzt worden war? Vergiftet? Das schien sich zunehmend zu rächen.

Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, lichtete sich der riesige Wald und es kam ein schicker, schwarzer SUV-Chevrolet mit getönten Scheiben zum Vorschein. An diesen trat Charlie und vergrößerte den Innenraum magisch, damit sie alle bequem Platz hatten. Draco scheuchte er als erstes rein, der sich mehr als dankbar in den weichen, schwarzen Ledersitz fallen und erschöpft sinken ließ. Die Augen hielt er für einen Moment geschlossen, bis Blaise dazu kam.

„Gib sie mir", wies er seinen Freund leise an, der kurz überlegte, ihm diesen Wunsch aber erfüllte und stattdessen neben ihm Platz nahm. Dem folgte Ginny, dann Tonks, die erneut sehr interessiert schaute, und zum Schluss etwas zögerlich Kingsley, dem es als Einzigem nicht so ganz geheuer war, sich in den schwarzen Kasten zu setzen. Als Letztes folgte Charlie, der auf dem Fahrersitz vorn verschwand und das Stahlmonster sicher über den Waldweg zurück auf eine halbwegs befestigte Straße lenkte, die irgendwann auch wieder durch den aufgetragenen Teer schwarz wurde.

Während der gesamten Fahrt sprachen sie kaum ein Wort. Stattdessen belauerten sich die Parteien ein wenig. Hauptsächlich Kingsley, der unruhig alles im Auge behielt. Blaise versuchte es zu ignorieren und hatte seinerseits ein Auge auf seinen Freund und Hermione.

Draco schien, kaum dass er Hermione bei sich hatte, allerdings eingenickt zu sein. Er war noch tiefer in seinem Sitz zusammengesunken und hatte dadurch den Kopf richtig an dem der Hexe liegen, der halb in ihrem zerwühlten, braunen Schopf verschwand. Es war ein Bild, was sich gerade Ginny nachdenklich und zunehmend verwirrt besah.

Malfoy hatte sonst immer über ihre Erscheinung und alles gewettert. So sehr, dass man glauben sollte, er würde sie nicht einmal mit einer Kneifzange anfassen. Das jetzt aber, das war…

Bei Merlin, wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie glatt auf den Gedanken kommen, dass er ihre Freundin gern hatte. Aber das war verrückt!

Zwischenzeitlich lenkte Charlie den SUV in eine riesige Einfahrt, hinter der sich ein flacher Bau, ganz in weiß ausgekleidet, mit jeder Menge verspiegelter Fenster verbarg. Der Vordereingang war geprägt von einem üppigen Garten, mit exotischen Pflanzen und einem satten, grünen Rasen.

„Wahnsinn", kam Ginny nicht umhin zu staunen. Tonks ging es ähnlich, als sich plötzlich vor ihnen ein Tor öffnete und der SUV in der Kellereinfahrt verschwand. Es war eine völlig normale Handlung, die Kingsley jedoch aufscheuchte, denn er zückte seinen Zauberstab.

„Was wird das?", fragte er Blaise drohend, der nur eine Augenbraue hob.

„Wir fahren in die Garage?", gab er ihm in einer stutzigen Frage Antwort und maß den Auror zweifelnd. Am Ende schüttelte er mit dem Kopf, kaum dass Charlie geparkt hatte, und richtete sich an Draco.

„Draco? Hey, wir sind da", rüttelte er seinen Freund sacht, doch er reagierte nicht, was Blaise beinahe befürchtet hatte. Als er Hermione nehmen wollte, regte sich der Blonde doch noch. Er hielt das Mädchen wieder fester und blinzelte knurrend mit dunklen Augen über ihren Schopf zu Blaise.

„Nein." „Wir sind aber daah", rieb Blaise ihm gedehnt unter die Nase. Mittlerweile war auch Charlie an der Tür, die er den Vieren auf hielt.

„Kommt ihr?" „Sicher", murmelte Blaise und neigte sich erneut zu seinem Freund.

„Gib sie mir, damit sie wieder ins Bett kommt. Und zwar ohne Zusammenbruch", gab er Draco überdeutlich zu verstehen und sah ihn durchdringend an, sodass er nachgab. Kurze Zeit später waren sie oben und liefen durch die einzelnen, teils offenen Räume, die sich die beiden jungen Frauen fasziniert besahen.

Der Flachbau war nicht einfach nur ein Haus, sondern entpuppte sich immer mehr als kleine Villa, die in hellen Farben, vorzugsweise in Weiß, gehalten war, und zudem aus vielen Glas und Edelstahlelementen bestand. Es wirkte nicht kalt oder steril, sondern sehr modern aber dennoch gemütlich, da sich überall entsprechende Dekorationen, verbunden mit viel Grünzeug, wiederfanden.

„Schick, nicht?", richtete sich Blaise keck an Ginny, in deren Augen es anfing zu leuchten.

„Das ist irre." „Hat Heather so hergerichtet", erklärte Charlie.

„Wer?" „Die Freundin meines Vaters. Magie und Mugglemoderne in einem", grinste Charlie, als er noch eine Tür öffnete. Sie standen nun in einem doch etwas überdimensionierten Schlafzimmer, welches größer war, als das Wohnzimmer der Weasleys.

„Merlin nochmal", murmelte Ginny und ließ erneut alles auf sich wirken. Die tolle Einrichtung, die schlicht aber dennoch elegant, sowie modern war, wie auch sonst alles, was sie bis jetzt von dem Haus gesehen hatte. Dann war da noch der atemberaubende Blick aus dem Panoramafenster, der in einiger Ferne einen riesigen Wald zeigte. Direkt hinter dem Haus verbarg sich zudem ein Garten mit Terrasse, der an einem seichten Hang befestigt war. Am Fuße dessen lag ein kristallklarer, kleiner See.

Während Ginny und Tonks noch ein wenig staunten und Kingsley alles nach Merkwürdigkeiten absuchte, trat Blaise an das große, weiße Bett. Dort schlug Draco die Decke zurück, damit sie Hermione hinlegen konnten. Als die Gryffindor sicher und warm versteckt vor ihnen lag, scheuchte Blaise seinen Freund raus.

„Du legst dich jetzt hin." „Mir geht's gut!" „In deinen Träumen vielleicht. Los raus. Um Hermione kümmert sich Charlie. Ich guck nach dir." „Aber -" „Raus!", ließ Blaise nicht mit sich reden und schleifte den Blonden kurzerhand am Kragen hinter sich her.

„Wirklich erstaunlich", murmelte Tonks verblüfft, obgleich des Schauspiels der beiden Jungs, dem sie kurz mit Blicken folgte, bevor sie zu Harper trat. Der war bereits bei Hermione und schlug die Decke nochmal etwas zurück. Anschließend zog er das Hemd ein wenig auf, um näher nach ihren Wunden zu sehen.

„Kannst du ihr helfen?" „Wird sich zeigen. Erstmal muss ich wissen, was genau ihr fehlt. Die Verletzungen sind da weniger das Problem, sondern die Flüche", murmelte Charlie leicht abwesend, als er die Verbände vorsichtig löste. Dabei strich er sehr behutsam mit den Fingern über die Blessuren.

„Blaise hat mir die Nacht noch von einem erzählt, der wie ein Anfall oder so kam", sah er fragend von Hermione zu Tonks, die ihm so gut sie konnte erklärte.

Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ

„Okay. Und jetzt noch mal ganz von vorne", setzte Blaise an, kaum dass er Draco in einem anderen Zimmer auf das Bett gedrückt hatte. Dieser seufzte kurz, bevor er ihm berichtete, was vor gut zwei Wochen seinen Anfang genommen hatte. Er ließ nichts aus. Auch nicht die beiden Vergewaltigungen, die er viel zu spät bemerkt hatte.

„Die haben WAS?", schrie Blaise entsetzt, während Draco Mühe hatte, diese Bilder wieder aus seinem Kopf zu vertreiben, ehe er weiter erklärte.

Dass sie mit IHM weggeschlossen war und er wohl sonst was mit ihr veranstaltet hatte. Er erzählte seinem Freund von ihrer Flucht, dem Aufenthalt in Mugglelondon, den ersten Anfall, den sie gehabt hatte, dann den Angriff durch die Death Eater. Den Tagen im Cottage und zum Schluss den Zirkus, den sie im Hauptquartier des Ordens hatten.

Als Draco fertig war, war er aufs Neue erschöpft und hatte einen furchtbar kratzigen Hals vom Reden, dem Blaise mit einem Glas Wasser entgegen wirkte. Im Anschluss kramte er ein paar vorgefertigte Präparate heraus, die er Draco nach und nach reichte, sodass ihm von den ganzen Tränken kotzübel wurde.

„Viel hilft nicht unbedingt viel, Zabini", brachte er angewidert über die Lippen, als sich ihm der Magen ein weiteres Mal umzudrehen drohte.

„Na in deinem Fall trotzdem noch immer besser als nichts. Los, Jacke und Hemd ausziehen", wies er ihn in einem leichten Militärton an, dem Draco nicht widersprach. Er war viel zu K.o., um stundenlang mit Blaise zu diskutieren, da er einen ähnlichen Dickkopf hatte wie der Blonde.

Sein Freund musterte die schmächtig gewordene Gestalt Dracos nachdenklich, was sich immer stärker in Sorge wandelte. Allen voran als er sich den lädierten Brustkorb betrachtete, der in sämtlichen Farben schimmerte. Aber auch die Wunde an Dracos Schulter verursachte Blaise Bauchschmerzen. Die sah nicht gut aus. Zwar blutete sie nicht, rings um den Einstich war die Haut allerdings stark entzündet.

„Das war das Geschenk deiner Tante, was?", tastete Blaise vorsichtig darüber, was Draco überdeutlich in einem Stich spürte und ungewollt die Schulter wegzog.

„Ich hab zwar nicht so viel Ahnung wie Charlie, aber das da sieht richtig scheiße aus." „Erzähl mir was Neues", murmelte Draco matt, sodass sich Blaise zu ihm beugte und ihm eingehend in die Augen sah. Diese waren glasig und wirkten stark ausgezehrt. Am Ende legte er die Hand auf Dracos Stirn, um sich das Offensichtliche zu bestätigen.

„Hinlegen!", schnauzte Blaise im Anschluss und half mit einem Schubs nach.

„Ich hol Charlie." „Der soll Hermione -" „Mit der wird er fertig sein, solange wie du erzählt hast. Also bleib liegen oder ich helf nach", warnte Blaise ihn und deutete mit seinem Zauberstab auf Dracos Gesicht, als er Anstalten machte sich aufzurappeln.

Auf die dreiste Drohung ließ er sich grummelnd zurück nach hinten fallen, was ihm sein Körper dankte.

„Ich bin gleich wieder da", versprach Blaise und huschte zu Charlie. Im Kopf noch immer die ganze Story, die er eben gehört hatte. Dass die Beiden, insbesondere Hermione, da noch lebten, grenzte für ihn an ein kleines Wunder.

„Charlie?", rief er seinen Freund, der sich gerade mit Ginny und Tonks unterhielt.

„Was?" „Bist du fertig?" „Mehr oder weniger." „Heißt?" „Es sind noch ein paar Flüche, mit denen ich nichts anfangen kann. Allen voran dieser Komische", sah er zu den Frauen, bevor er sich zu Blaise drehte.

„Ich denke, es ist besser, Paps sieht dann auch nochmal nach ihr. Vielleicht fällt ihm noch etwas ein." „Hm", machte Blaise und sah auf ihre verletzte Freundin. Sie atmete schwer und war noch immer vollkommen bleich.

„Wenn du dann Zeit hast… Ich glaube, es ist besser, du guckst bei Draco selber nochmal. Seine Verletzungen sehen auch nicht gut aus", erklärte Blaise, sodass die Beiden zu ihm gingen. Tonks wie ein Schatten hinter ihnen, während Ginny bei ihrer Freundin blieb und ihr besorgt durch die Haare strich.

Ƹ̵̡Ӝ̵̨̄Ʒ