HARRY POTTER UND DAS ANKH VON KHEPRI
Kapitel 28 – Doppelagent
Die folgenden zwei Monate waren vermutlich die schlimmsten in Harrys Leben. Jeder Tag verging so langsam, dass es fast schmerzte, doch wenn er sich abends ins Bett legte, konnte er sich nicht daran erinnern, was an diesem Tag geschehen war. Er wurde zu einer wandelnden, leeren Hülle. Mitte Mai überfielen ihn die UTZ Prüfungen, und sie verschwanden ebenso schnell. Harry wusste, dass nur drei seiner sieben Prüfungen gut gelaufen waren – Zaubertränke, Verteidigung gegen die Dunklen Künste, und Reine Künste. Doch sogar hier war er sich nicht sicher. Er konnte sich fast nicht erinnern, welche Fragen in den Theorieteilen gekommen waren, und obwohl er in Reine Künste seine Sache gut gemacht hatte, fragte ihn der Prüfung am Ende, ob mit ihm alles in Ordnung sei, weil er ziemlich abwesend wirkte. Seine Prüfung in Zauberkunst verlief überhaupt nicht wie erwartet. Er stolperte durch die Sprüche, schaffte sie gerade mal zufriedenstellend, und er wusste, dass ihm im Theorieteil mindestens ein Viertel fehlte. In Verwandlung lief es ähnlich. Er versaute seine menschliche Verwandlung in der praktischen Prüfung, und konnte sie nicht in Ordnung verbringen. Geschichte der Zauberei konnte man nur als Tragödie bezeichnen. Er ließ eine Frage nach der anderen aus und wünschte sich nur, dass er zumindest eine beantworten könnte, ohne nachdenken zu müssen. Er schaffte es schließlich, für die meisten Fragen einfache Antworten zu finden, aber wusste, sie würden ihm nicht genügend Punkte bringen.
Er merkte, dass es ihm einfach egal geworden war. Er begann, fast sehnsüchtig an Askaban zu denken. Er stellte es sich nicht mehr als Gefängnis vor, sondern als Festung, wo er sicher wäre. An manchen Tagen hielt Harry eine ständige Verbindung zu Snape. Er saß stundenlang im Gemeinschaftsraum der Gryffindors, taub von Kopf bis Fuß, und sprach mit seinem magischen Beschützer, während seine Augen heiß brannten. Wenn Ron und Hermine ihn fragten, was los war, schüttelte er nur den Kopf, und wenn sie keine Ruhe gaben, stand er einfach auf und ging. Er saß oft einfach in Snapes Unterkunft in der Dunkelheit. Er wusste, dass er seine Freunde abwies und sie nur versuchten, ihm zu helfen, aber er wollte sie nicht ebenfalls runterziehen. Er wollte nicht, dass sie litten. Hermine war sicher, dass es nur der Prüfungsstress war und bat ihn, zu Madam Pomfrey zu gehen. Ron versuchte verzweifelt, Harry aufzumuntern. Draco sagte ihm ernst, er solle sich zusammenreißen und nicht mehr so miesmutig sein. Harrys Freunde gingen mit ihm sogar zu Hagrid, und Hagrid versuchte, mit ihm zu reden, aber es half nichts. Harry hörte von Kainda, dass sie oft weinte, voller Angst, etwas falsch gemacht zu haben, weil Harry seit Wochen keine Gefühle mehr gezeigt hatte. Harry wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Er wollte nicht alleine sein, aber er wollte auch nicht, dass alle einen solche Aufstand machten. Er fühlte sich nur glücklich, wenn er alleine war und ihn niemand belästigte.
Es war eine kalte Nacht, ungewöhnlich kalt für Juni. Es war ungefähr acht Uhr. Kainda saß im Gemeinschaftsraum der Slytherins und las, als Draco hereinstürmte.
„Er macht es schon wieder", meinte er. „Potter. Ist gerade runtergekommen, während ich meinen Rundgang gemacht hab, und er geht einfach ins Snapes Quartier. Schlug mir die Tür vor der Nase zu. Was hat er vor?"
Kainda runzelte die Stirn. „Vielleich solltest du aufhören, so zu tun, als hätte er etwas Falsches gemacht."
Draco zog seinen Umhang aus. „Oh, komm schon. Er stößt uns doch alle weg. Hat seit drei Tagen nicht mehr mit mir geredet. Und wir versuchen, ihm zu helfen, fragen ihn, was los ist, und er ignoriert uns einfach und sitzt stattdessen im Dunkel in Snapes Quartier."
„Er macht im Moment viel durch", sagte Kainda kalt.
„Ja? Wir haben auch gerade alle unsere UTZ Prüfungen gemacht. Und du siehst nicht, dass ich einfach rumgehe, ständig den Tränen nahe bin, und mich in leeren Räumen einschließe, oder?"
Kainda schloss hart ihr Buch. Sie stand auf, legte das Buch zur Seite und verließ den Gemeinschaftsraum. Als sie die Tür schloss, rief Draco: „Oh, ich seh schon, du machst es jetzt auch?"
Sie ging durch den Korridor und versuchte, die Tür zu Snapes Unterkunft zu öffnen. Sie war verschlossen. „Harry?", rief sie leise. „Harry? Ich bin es. Öffne doch die Tür, bitte."
Nach einer kurzen Pause öffnete sich die Tür. Sie trat ein und schloss sie wieder. Harry saß vor dem Feuer und starrte in die Flammen, eine alte Decke um seine Schultern gelegt. Kainda konnte nicht verstehen, wie Draco so gemein sein konnte, als wäre Harry absichtlich so. Sie wusste nicht, was Harry solche Sorgen bereitete, und sie fragte auch nicht weil sie wusste, dass er nicht wollte, dass ihn alle belästigten. Leise ging sie zu ihm. Er rutschte ein wenig zur Seite und sie setzte sich zu ihm auf den Lehnstuhl.
Sie legte eine Hand auf seine Schulter. Er schloss die Augen.
„Harry …", sagte sie. Sie sah, dass etwas in Harry zerbrach, jetzt gerade, als er sich ein wenig bewegte und sie über seine Schulter ansah. Seine grünen Augen waren nicht mehr hell und lebendig, sondern dunkel und müde. Sie streckte ihre Arme aus und legte sie um ihn. Einen Moment lang erstarrte er, doch dann lehnte er sich an sie.
Sie saßen mindestens eine halbe Stunde lang so, vielleicht sogar länger. Harry war still, doch manchmal spürte Kainda, wie ihre Schulter feucht wurde. Sie sagte nichts, sondern hielt ihn einfach fest. Alle anderen schienen Harry zu bedrängen, ihnen zu sagen, was los war, aber Kainda wusste, dass er es auch so sagen würde. Er würde es ihr sagen, wenn er es wollte, und wenn er nicht wollte, würde sie ihn nicht belästigen.
„Kai …?", sagte Harry leise, nach dieser langen Stille. „Ich … ich will Hilfe …"
„Oh?", sagte sie.
Harry nickte. Er lehnte sich an sie und schloss die Augen. Er hatte noch mit niemandem über alles geredet. Nicht einmal Snape wusste von all seinen Problemen. Er wollte so dringend mit jemandem reden. Er betete, dass Kainda ihn verstehen würde. „Was siehst du in der Ecke?", fragte er.
Er sah, wie sie ihren Blick der Ecke zuwandte, und dann wieder ihn ansah. „Ein paar Stühle … ein Bücherregal …"
„Sitzt jemand auf den Stühlen?"
„Nein …"
„Ich … ich …" Er schloss die Augen. „Du wirst denken, dass ich verrückt bin …"
„Das werde ich nicht. Was ist denn?"
„Ich … ich sehe dort jemanden sitzen. Khepri. Er ist wie ein Junge. Ägyptisch. Körperteile von Tieren. Ich glaube nicht, dass mir irgendjemand auf der Welt glaubt, dass es ihn gibt. Alle glauben, dass ich lüge. Oder halluziniere. Oder verrückt werde."
Kainda sagte nichts. Harry ebenfalls nicht. Er schloss wieder die Augen und kuschelte sich an sie. Etwas an ihrem Duft beruhigte ihn und er wusste nicht, warum er Khepri erwähnt hatte. Er wollte es einfach jemandem sagen. Tief drinnen wusste er, dass sie glaubte, er würde verrückt und halluzinierte, genauso wie Snape das glaubte, aber er konnte nun wenigsten so tun. Er öffnete ein Auge und blickte in die Ecke. Khepri saß auf einem von Snapes Stühlen und grinste ihn an. Khepri tat dies immer, wenn er in Snapes Quartier war. Zuerst hatte Harry versucht, mit ihm zu reden. Khepri gab ihm immer die gleiche Antwort: „Die Zeit wird knapp …"
„Harry?", sagte Kainda leise in seinem Ohr.
Er kuschelte sich näher an sie. „Ja?"
Als sie sprach, erkannte er ihren Tonfall. Es war die Art von Ton, in dem man mit jemandem spricht, der gefährlich ist, der vielleicht jeden Moment durchdrehen kann. Jemand, vor dem man ein bisschen Angst hat. „Harry … was hältst du davon, wenn wir zum Schulleiter gehen? Vielleicht wird Khepri dann hier bleiben, und dich nicht mehr belästigen."
Harry sah Khepri an. Das Biest grinste breiter, rutschte ein wenig im Stuhl herum und zwinkerte ihm zu. Harry wandte seinen Blick wieder Kainda zu. Sie beobachtete ihn genau. Als er sie ansah, fällte er endlich eine Entscheidung. Ihre Worte überzeugten ihn nicht, aber der Ausdruck, den er in ihren Augen sah. Er wusste, dass Kainda Angst vor ihm hatte. Er wusste nun, dass die Situation so schlimm war, dass er nichts mehr zu verlieren hatte.
„Okay", flüsterte er. Er nahm die Decke ab und merkte dabei, dass seine Finger zitterten. „Ich werde zu ihm gehen … geh bitte zurück in deinen Schlafsaal. Es ist fast neun Uhr, und ich will nicht, dass du ausgesperrt und verletzt wirst."
Sie warf ihm einen Blick zu, den er einige Momente lang erwiderte. Schließlich nickte sie. „Okay … aber versprich mir, dass du zu ihm gehen wirst."
„Ich versprech's", sagte er.
Sie begleitete ihn still den Korridor entlang. Auf halbem Weg zwischen Snapes Quartier und dem Slytherin-Gemeinschaftsraum blieben sie stehen. Sie lehnte sich nach vorn und umarmte ihm sanft, bevor sie sich umdrehte und in den Gemeinschaftsraum ging. Harry verließ die Kerker. Er würde zu Dumbledore gehen. Und falls Dumbledore ihm nichts glaubte und ihn abwies, dann wusste Harry wenigstens, dass alles vorbei war. Das war seine letzte Hoffnung.
Die steinernen Wasserspeier bewachten wie immer den Eingang. Harry fühlte, wie sich in seinen müden Gedanken Verzweiflung breit machte als er erkannte, dass er das Passwort nicht wusste.
„Bitte", sagte er. „Macht einfach auf …"
Sie blieben regungslos. Er versuchte, sich an ihnen vorbei zu drängen, doch sie versperrten ihm beharrlich den Weg, egal was er versuchte. Er sagte ihnen die Namen von allen Lebensmitteln, die Zucker beinhalteten, die ihm einfielen, aber keines davon war richtig. Erschöpft und wieder einmal geschlagen ließ er sich auf den Boden fallen und blieb sitzen. Er wusste, dass er genauso mitleiderregend aussah, wie er sich fühlte. In der Schule ging das Gerücht um, er würde verrückt werden. War das vielleicht richtig? Hatten die anderen Recht?
Er hörte neben sich ein Geräusch. Er öffnete die Augen gerade, als die steinerne Treppe neben ihm zur Ruhe kam. Dumbledore stand vor ihm. „Ah … ja … ich habe mir schon gedacht, dass du bald hier sein würdest, Harry …" Er streckte die Hand aus und mit überraschend viel Kraft für jemanden seines Alters half er Harry auf die Beine. „Komm in mein Büro … wir müssen reden, denke ich … Miss Granger und Mister Weasley waren heute bei mir, um über dich zu sprechen. Sie haben mir erzählt, dass es dir nicht gut ginge."
Seit fast zwei Monaten hatte niemand so ruhig und normal mit Harry gesprochen. Er fühlte, wie sein Gehirn dank Dumbledores Tonfall ein wenig erfrischt wurde. Er ließ sich vom Schulleiter auf die Treppe stellen, und kurz darauf betrat er still Dumbledores Büro. Dumbledore folgte ihm und schloss die Tür.
„Nun denn …", sagte er. „Setz dich, Harry, mach es dir bequem."
Harry setzte dich. Er sah Dumbledore an, als dieser an ihm vorbeiging. Der Gedanke, dass er nun endlich jemandem alles erzählen konnte, alle Sorgen und Ängste, die ihn plagten, war so erleichternd. Auch, wenn Dumbledore ihm nicht glaubte und ihm sagte, dass er ein Verrückter war, war Harry das egal. Nur der Gedanke, endlich reden zu können …
Dumbledore setzte sich Harry gegenüber an den Tisch. Er lehnte sich nach vorn und betrachtete Harry ein paar Augenblicke lang. Harry erwiderte den Blick. Dumbledore lächelte ein wenig. „Ich denke, es gibt ein paar Dinge, die dir Sorgen bereiten, Harry … ich will, dass du mir alles erzählst …"
Harry hatte gerade erst den Mund aufgemacht, als jemand an der Bürotür klopfte. Dumbledore stand auf, doch Harry war schneller. „Ich mach schon auf, Direktor", sagte er. Er ging zur Tür und öffnete sie, während er hoffte, dass es keine wichtige Angelegenheit war.
Er hatte nicht einmal die Zeit, die Tür ganz zu öffnen, bevor die Person auf der anderen Seite sie grob aufstieß. Harry ging einen Schritt zurück und fragte sich, was los war. Dann erkannte er, wer es war, doch er hatte nicht genügend Zeit, um zu reagieren. Mit einem Zischen und Kreischen stürzte sich der Vampir auf ihn, packte ihn, zog an seinem Hals und biss ihn heftig. Harry schrie und schlug um sich, versuchte, zu entkommen, den eisernen Griff zu brechen. Dumbledores Stuhl fiel zu Boden, als er aufsprang und den Zauberstab zog, um zu helfen. Harry konnte nicht kämpfen. Er fühlte sich schwach, Blut tränkte seinen Umhang. Er konnte seinen Zauberstab nicht erreichen. Aber Moment mal … er hatte etwas, das er erreichen konnte. Etwas, das er schon fast vergessen hatte, das ihm jemand gegeben hatte, zu einer Zeit, die wie eine lang vergangene Erinnerung erschien. Er steckte die Hand in seinen Ärmel.
In der nächsten Sekunde schrie der Vampir vor Schmerz und Schreck auf. Er ließ Harry los. Dieser fiel erschöpft zu Boden. Der Vampir stolperte, drückte die Hände auf seinen Bauch und gab seltsame Geräusche von sich. Er fiel nach hinten, schlug auf der Tür auf und rutschte nach unten zu Boden. Der Dolch, den Snape Harry an seinem siebzehnten Geburtstag gegeben hatte, steckte im Bauch des Vampirs und glitzerte im Licht des Büros. Harry fühlte, wie er das Bewusstsein verlor. Doch er musste es wissen. Er stolperte zum Vampir, packte seine Kapuze und zog sie herunter.
Sogar in Form eines Vampirs war Madam Ivy problemlos zu erkennen. Ihr Haar war schwarz geworden, und ihre Augen purpurrot. Ihr Mund mit den Fangzähnen war zu einem stillen Schrei geöffnet.
Harry merkte noch, wie Dumbledores Hände ihn packten, sein Kopf schlug auf dem Boden auf, und dann verlor er durch den Schock und den Blutverlust das Bewusstsein.
Harry wachte auf und fühlte Stille und Schwäche. Ihm war kalt, er fühlte sich klamm, seine Haut war feucht, aber er lag an einem bequemen Ort. Snapes Quartier? Er erinnerte sich an eine Verletzung durch einen Klatscher. War er deswegen hier? Nein, seitdem war mehr geschehen … sein Gehirn wollte nicht ordentlich arbeiten. Dumbledore, daran erinnerte er sich. Dumbledore, und der Vampir … und Madam Ivy …
Er öffnete die Augen. Er war im Krankenflügel. Er lag in einem Bett am Ende der Station, von wo aus er die Tür sah. Schwarzer Sichtschutz war um sein Bett herum aufgestellt. Wie lange war er schon hier? Es war sehr dunkel und sehr still. Zuerst dachte er, er wäre alleine, bis eine Stimme hinter ihm sprach.
„Du bis' also wach."
Er runzelte die Stirn, rieb seine Augen und rollte sich auf die Seite. Professor Chetry saß neben seinem Bett. „Professor …? Wo ist Madam Pomfrey?"
„Sie is' ned da", sagte Chetry leise.
„Also … wo ist sie?"
„Trifft Dumbledore."
„Oh, okay …" Harry zog die Bettdecke hoch. Er fühlte viele Verbände um seinen Hals, um die Wunde, die ihm der Vampir verpasst hatte, zu bedecken. Er sah Chetry an. „Wie lange war ich bewusstlos?"
„Zwei Tag' und a paar Stund'n", sagte Chetry. Er sah Harry seltsam an. „Hab drauf g'wartet, dass'd aufwachst."
„Ähm … warum?", fragte Harry.
Chetry sagte nichts. Er beobachtete Harry nur mit leicht zusammengekniffenen Augen, als hätte Harry ihn irgendwie beleidigt.
Harry wurde nun definitiv nervös und versuchte, eine weitere Frage zu stellen. „Was ist mit Madam Ivy passiert?"
„Sie is' tot", sagte Chetry. „Erstoch'n. Solltest doch wiss'n."
„Ich … ich glaub schon", sagte Harry. Er klammerte sich an die Bettdecke. „Es ist … nicht so, dass ich nicht dankbar bin, aber … warum sind Sie hier?"
Chetry blieb still. Sein Blick war immer noch auf Harry fixiert. Einige Moment lang war seine Miene sehr neutral. Dann stand er auf. Er begann, seine Ärmel hoch zu rollen. Harry beobachtete ihn und bewegte sich instinktiv ein paar Zentimeter weg. Das gefiel ihm nicht. Irgendetwas war nicht in Ordnung.
„Warum bin i da?", sagte Chetry. Er rollte den zweiten Ärmel hoch. Er sah nun wütend aus, frustriert, zitterte ein wenig. „I bin da, um die Aufgabe zu erledig'n, die Ivy ned fertig g'macht hat."
Er streckte die Arme aus und packte Harrys Hals. Harry versuchte, zu schreien, war furchtbar erschrocken, doch Chetrys Griff war zu stark. Harry kämpfte gegen ihn, rang verzweifelt nach Luft. Er konnte nicht atmen. Er packte Chetrys Hände und versuchte, sie wegzudrücken, aber Chetry war zu stark. Er starrte Harry einfach nur hasserfüllt an. Harry trat nach ihm, versuchte immer noch, zu schreien, aber dadurch verlor er nur schneller Luft. Er fühlte sich wieder schwindlig. Er grub seine Fingernägel in Chetrys Hände, doch dieser ließ nicht los. Harry brachte einen kleinen Schrei hervor, aber der Professor drückte seinen Daumen hart auf Harrys Kehlkopf und schnitt jegliche Luftzufuhr zu seinen Lungen ab. Das war's also. Aus. Vorbei. Zu Ende.
Und dann flogen die Türen zum Krankenflügel mit einem Knall auf, der Tote geweckt hätte, der Sichtschutz wurde umgeworfen und seine wütende Stimme rief: „STUPOR!"
Der Zauber traf Chetry am Kopf. Sein Griff um Harrys Hals wurde sofort locker und er fiel stolpernd nach hinten. Seine Augen drehten sich nach innen und er fiel zu Boden. Harry atmete tief und dann noch tiefer ein, während er die Hand an seinen Hals legte. Er hustete verzweifelt. Sein Retter lief die Krankenstation entlang, und als er ihn erreichte, legte er die Arme um ihn.
„Harry. Sprich mit mir."
Harry brachte ein Wort hervor, bevor er wieder ohnmächtig wurde. „Severus …" Er fiel nach vorne, gegen Snape, und sein Geist wurde wieder leer.
Irgendwo, weit, weit weg, sprach eine Stimme. Es klang wie in einem Sturm. In den verschwommen Tiefen von Harrys Geist erkannte er die Stimme, und drehte seinen Kopf ein wenig um.
„Poppy", sagte die Stimme. „Poppy, schnell. Er bewegt sich."
Seine Augen waren noch geschlossen, zu schwer, um sie zu öffnen, aber er konnte sprechen. Sein Hals tat dadurch unglaublich weh. „S… S…"
Schritte kamen in seine Richtung. „Er sollte noch nicht wach sein. Die Dosierung muss falsch gewesen sein. Harry, trink das."
Etwas wurde an seine Lippen geführt, sie öffneten sich und seine heiße Flüssigkeit lief seinen Hals entlang. Sie brannte furchtbar und es fühlte sich an, als würde sie seinen Hals verstopfen. Er schrie kurz vor Schmerz auf.
„Ich weiß, dass es schmerzt", sagte die erste Stimme. „Du solltest wieder schlafen, Harry."
Wunderbare Dunkelheit umgab ihn wieder.
Plötzlich wurde ihm wieder bewusst, dass sein Kopf schmerzte. Er musste es noch einmal versuchen, sichergehen, dass er vorhin nicht geträumt hatte. „Sss… Se …"
„Poppy!"
„Ich verstehe nicht. Er kann nicht aufwachen. Die Menge sollte noch für zwei Tage reichen. Vielleicht ist der Trank nicht in Ordnung, du solltest noch einen machen."
„Ich werde diesen Raum nicht verlassen. Dumbledore hat angeordnet, dass ich hier bleibe."
Das Glas wurde wieder an Harrys Lippen geführt, und er war zu schwach, um dagegen anzukämpfen. Die brennende Flüssigkeit lief wieder durch seinen Hals. Dieses Mal schmerzte sie nicht so sehr, aber sie schien immer noch seinen Hals zu verstopfen. Er fühlte, wie eine Hand seine Stirn berührte, ein Daumen über seine Narbe strich, und ein Gefühl von Sicherheit durchströmte ihn, bevor die Dunkelheit wieder kam.
Harry rührte sich wieder, zum dritten Mal. Sein Hals fühlte sich eng an, seine Lippen waren trocken und sein Kopf war schwer. Dieses Mal waren seine Gedanken jedoch klarer. Er schaffte es, seine Lippen fest zu schließen, damit sie ihm nicht wieder diesen Trank einflößen konnten. Er bewegte sich ein wenig. Jemand, der neben seinem Bett saß, seufzte leise.
„Harry … du musst wieder schlafen …"
Er wollte nicht. Er wollte instinktiv näher zu der Stimme, weil er wusste, dass sie ihm helfen würde. Der kalte Metallrahmen des Krankenhausbettes berührte, eisig kalt und unfreundlich, seine Haut, aber die warme Hand legte sich beruhigend auf seine Stirn. Er gab ein undefinierbares Geräusch von sich, als ein Finger über seine Narbe strich.
„Komm, Harry. Schlaf wieder. Alles wird bald erklärt werden."
Das Glas wurde wieder an seine Lippen geführt. Dieses Mal kämpfte er nicht dagegen an, weil er wusste, dass die Hand, die es führte, ihm nichts Böses wollte. Er fiel wieder in die Dunkelheit.
Harry wachte wieder auf. Dieses Mal waren seine Gedanken klarer. Seine Kopfschmerzen waren verschwunden, doch sein Hals fühlte sich immer noch eng und seltsam an, Er war ganz aufgewacht, aber er wollte die Augen noch nicht öffnen. Er wusste, dass es draußen hell war. Er schaffte es, ein leises Geräusch von sich zu geben, und als Antwort legte sich eine Hand auf seine Stirn. Er streckte die Hand aus und legte seine Finger um Snapes Handgelenk und hielt sich fest. Er wollte den Trank nicht noch einmal nehmen. Er wollte aufwachen.
„Nnh", brachte er hervor. Snape fuhr mit dem Daumen über Harrys Narbe, und Harry entspannte sich. Er ließ sich ein wenig in die weiche Wärme, die ihm umgab, fallen und schließlich ließ er Snape los. Seine Hand fiel schlaff auf das Laken. Er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie so erschöpft und ausgelaugt gefühlt, doch die Finger auf seiner Narbe schickten kühle, erfrischende Wellen in seinen Geist.
„Schhh …", war alles, was Snape sagte, doch diese Silbe war genug Beruhigung und Mitgefühl für Harry. Er musste Snape so viel sagen, so viele Dinge, bei denen er dringend Hilfe benötigte. Ivy, Chetry, seine UTZe, der Brief, Khepri … es war ein Wirbel aus Problemen. Doch Harry wusste, dass er noch nichts sagen musste. Snape war hier, und alle Probleme konnten bis später warten.
Harry war fast eine halbe Stunde lang still. Er lag einfach da, konzentrierte sich auf seine Atmung und das beruhigende Gefühl, das sich in seinem Kopf breit machte, während Snape weiterhin sanft mit dem Daumen über Harrys Narbe rieb. Niemand zwang ihn, noch mehr Schlaftrank zu nehmen, und endlich schien es, als dürfe Harry aufwachen.
„Sie … Sie sind … Sie sind wieder hier …", flüsterte Harry. Das Sprechen schmerzte. Alles, außer ruhig zu liegen, schmerzte ihn.
„Mm", sagte Snape leise. Er war ein paar Augenblicke still, bevor er weitersprach. „Sie haben mich freigelassen, nachdem Ivy gefasst wurde. Als ich hörte, was passiert war, bin ich sofort hergekommen." Ein Glas wurde an Harrys Lippen geführt, und das Licht wurde dunkler. „Trink etwas. Wasser."
Harry trank langsam und ließ die Flüssigkeit einfach von seinem Mund in seinen Hals laufen. Nach ein paar Schlucken öffnete er die Augen ein wenig. Er war im Krankenflügel. Snape hatte die Kerzen neben Harrys Bett gelöscht, weshalb alles etwas düsterer, aber auch beruhigender wirkte, zumindest für Harrys Geist. Snape saß in einem Stuhl neben Harry und beobachtete ihn still. Als Harry ausgetrunken hatte, nahm er ihm das Glas ab.
„Wie lange hab ich geschlafen …?", murmelte Harry.
„Wenn man nicht mitzählt, wie oft du aufgewacht bist, dann etwa eine Woche, seit Chetry weggebracht wurde." Snape legte eine Hand an Harrys Nacken und half ihm, sich aufzurichten. „Ivy hat dich schwer am Hals versetzt, und als er dich gewürgt hat, hat Chetry die Wunde wieder aufgerissen und verschlimmert. Madam Pomfrey musste dir einen Trank geben, um den Schaden an einem Hals zu heilen, und Schlaftabletten, damit du nicht wach sein und den Schmerz ertragen musstest. Aus irgendeinem Grund hast du dich dagegen gewehrt."
„Ich habe mir Sorgen gemacht", sagte Harry leise. „Ich … ich habe Sie gebraucht."
Snape sagte nichts, aber seine Miene war genügend Antwort für Harry. Er strich über Harrys Haar und begann wieder, seine Narbe zu massieren. Nach einem Moment sagte er: „Mmh … das hast du … ich habe erfahren, dass du Cornelius Fudges Brief an Ivy gelesen hast."
Harry nickte. Er war zu müde, um sich zu schämen oder schuldig zu fühlen. „Sie haben mir nicht gesagt, dass sie auch hinter mir her war."
„Seltsamerweise war sie hinter keinem von uns her", sagte Snape leise. „Sie wollte nur den Schein wahren, uns glauben lassen, sie käme vom Ministerium, bis sie ihren Auftrag erfüllt hatte. Danach hatte sie vor, zu fliehen, zurück zu ihrem wahren Meister."
Harry schloss die Augen. „Voldemort."
„Mmh."
„Also … sie war ein Todesser?"
„Nein. Das war sie nicht." Snape gab Harry wieder das Wasserglas. „Was glaubst du, wie alt Madam Ivy war?"
Harry dachte nach. „Ungefähr … fünfunddreißig."
„Nein", sagte Snape. „Sie ist zwölf." Als er Harrys Blick bemerkte, erklärte er weiter. „Vor einigen Jahren fand der Dunkle Lord eine der wenigen reinblütigen Vampirfamilien, die es auf dieser Welt noch gibt. Zum Glück hatte die Familie eine junge Tochter, ein sehr kleines Kind. Er nahm sie mit, löschte alle ihre Erinnerungen an ihre Familie, und zog sie als seine Tochter auf. Er gab ihr den Namen Arabella Morgana Ivy."
„Das kleine Vampirmädchen", flüsterte Harry.
Snape nickte. „Im letzten Sommer wurde der Dunkle Lord seines Haustieres überdrüssig. Er wollte, dass sie schneller älter wurde, damit sie sich mit einem Nekromanten paaren konnte, um die in seinen Augen perfekte Kreatur zu schaffen. Er gab ihr Tränke, die normalerweise einen Menschen in einen Nekromanten verwandeln, doch etwas lief schief. Das Mädchen begann, sehr schnell zu altern, und es wurde klar, dass sie nur noch ein paar Jahre leben würde. Die Todesser sahen, wie Voldemort das Mädchen wegbrachte und als er zurückkehrte, war sie verschwunden. Sie nahmen an, er hätte sie getötet. Jedoch hatte er ihr einen wichtigen Auftrag gegeben. In die Hogwarts Schule für Hexerei und Zauber einzudringen und Albus Dumbledore zu töten. Er entführte langjährige Mitarbeiter des Ministeriums und veränderte ihre Erinnerungen, sodass sie glaubten, dass sie Ivy schon ihr ganzes Leben lang kannten. Sie begann, für das Ministerium zu arbeiten. Glücklicherweise suchte Fudge jemanden, der in Hogwarts mich selbst, Lupin und dich loswerden würde. Seine Berater empfahlen ihm Ivy, und sie wurde in der Schule platziert. Dank der Nekromant-Substanzen in ihrem Blut erkannte ich nicht, dass sie ein Vampir war, und Remus Lupin ebenfalls nicht. Er merkte jedoch etwas und entwickelte instinktiv eine Ablehnung gegen sie, lange, bevor wir den Brief entdeckten."
„Aber … als Gareth angegriffen wurde …" Harry sah Snape an. „Sie sah normal aus. Sie hatte keine Fangzähne oder so was, als sie aus der Bibliothek kam."
„Wir haben den Fehler gemacht, anzunehmen, Gareth sei erst seit höchstens einer Stunde dort gelegen", sagte Snape. „Er war eigentlich schon viel länger dort. Ich weiß nicht, wie lange. Nachdem Ivy ihn angegriffen hatte, trank sie einen Teil seines Blutes, reinigte sich und ging in die Bibliothek, um ein Alibi zu haben. Ich habe Gareth Stunden später gefunden, geriet in Panik und floh. Dann hast du ihn gefunden, und Ivy tauchte auf und tat so, als sei Gareth erst vor kurzem angegriffen worden. Als ich dann auftauchte, schien ich verdächtig, und Ivy blieb unbemerkt."
„Und was ist mit Pansy?", sagte Harry. „Ivy konnte doch das Passwort für den Slytherin-Gemeinschaftsraum nicht kennen."
„Hier kam Professor Chetry ins Spiel", sagte Snape ruhig. „Er war bereits ein Todesser, dem Voldemort vertraute, und bewarb sich um die Stelle als Lehrer für Muggelkunde, um Madam Ivy im Auge zu behalten und sicherzustellen, dass sie ihre Aufgabe erfüllte. Ich glaube, dass Kainda Zabini Muggelkunde nimmt. Soweit wir wissen, hat sie die Passwörter für den Slytherin-Gemeinschaftsraum auf die letzte Seite ihres Kalenders geschrieben. Chetry hat sie geben, den Kalender zu sehen, um eine Deadline für ihr Projekt festzulegen. Er fand das Passwort und gab es an Ivy weiter. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits erkannt, dass ich ein Vampir bin, und dass die Geschehnisse in der Schule mit krank und hungrig machten. Sie wartete, bis sie das Blut von meiner Mahlzeit roch, und eilte dann in die Kerker, griff Miss Parkinson an und ging sicher, dass du mich ein zweites Mal verdächtigst."
„Aber die ganzen toten Eulen in den Kerkern", sagte Harry. „Warum griff sie Eulen an und brachte sie in die Kerker?"
„Um den Verdacht wieder auf mich zu lenken", sagte Snape. „Doch dabei unterlief ihnen ein tragischer Fehler. Ivy bemerkte, dass du mir nahe stehst und für den Beweis meiner Unschuld kämpfen würdest. Weil du ein zuverlässiger Schüler bist und respektiert wirst wussten sie, dass dir die anderen glauben würden, wenn du ihnen sagst, ich sei unschuldig. Eines Abends schlich sich Ivy vor unserer Stunde in die Kerker. Als wir fertig waren, griff sie an, um dich ernsthaft zu verletzen und wegbringen zu lassen. Sie rechnete nicht mit meinem Gegenangriff. Schwer verletzt floh sie zu einem nicht gebrauchten Kamin in einem leeren Klassenzimmer. Chetry wartete dort mit Flohpulver, um sie vom Tatort wegzubringen. Alle verdächtigten mich, außer dir natürlich, doch alle wussten, dass du etwas verheimlicht hast. Es ging soweit, dass niemand mehr protestierte, als ich verhaftet wurde. Ivy hoffte, wenn ich weg war, würde sich ein falsches Gefühl der Sicherheit in der Schule verbreiten, und sie könnte Dumbledore erledigen."
„Warum hat sie dann Lupin angegriffen?", fragte Harry.
„Lupin verdächtigte sie zu sehr", sagte Snape. „Ich glaube, dass er zufällig ein Gespräch zwischen Ivy und Chetry gehört hat in der Nacht vor dem Angriff. Ivy verletzte ihn schwer, um zu verhindern, dass er jemandem von seinen Verdächtigungen erzählen konnte."
In Harrys Kopf begann alles, langsam Sinn zu machen. „Aber … was ist mit dem toten Vampir in der Eingangshalle? Woher kam der?"
„Er war das Ergebnis eines Kommunikationsfehlers", sagte Snape. „Der Vampir war schon lange tot, vermutlich ein Überbleibsel der Belagerung von Hogwarts. Er war damals verängstigt in die Schule geflohen und hatte sich in den Kerkern versteckt. Leider wurde er in einen Raum gesperrt und verhungerte. Chetry fand ihn. Er brachte ihn in die Eingangshalle, um allen ein falsches Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Ivy wusste nichts von seinem Plan und griff Lupin an, während Chetry die Leiche in die Eingangshalle brachte. Massenpanik brach aus – die Angst vor mehreren Vampiren in der Schule. Ivy wusste, dass man bald merken würde, wie schnell sie alterte. Sie entschied, Dumbledore zu töten. Als sie sah, dass du eines Nachts zu seinem Büro unterwegs warst, folgte sie dir. Jedoch wusste sie nichts von deinem Extra-Schutz … dieses Messer."
Er öffnete das Schränkchen neben Harrys Bett und nahm den Dolch heraus. Er glitzerte in Snapes Händen. Harry sah sein eigenes Spiegelbild darauf; er war blass, sein Nacken dick mit Mullbinden eingewickelt. Er streckte die Hand aus und berührte den Dolch vorsichtig. „An meinem Geburtstag … haben Sie gesagt, dass Sie mir davon erzählen würden, wenn ich bereit wäre. Bin ich jetzt bereit …?"
Snape lächelte ein klein wenig, fast nur ein Zucken an seinen Mundwinkeln. „Das bist du. Nun gut … dieser Dolch wurde in meiner Familie von Vater zu Sohn weitergegeben. Er wird traditionell in der Blutsnacht verwendet. Wenn ich einen Sohn hätte, hätte ich ihn ihm gegeben, doch ich will keine Kinder und die Zeit dafür ist vermutlich schon vorbei. Und deshalb denke ich, dass du ihn haben solltest."
Harry war sehr gerührt. Er nahm das Messer vorsichtig aus Snapes Hand und hielt es fest. „Sie könnten Kinder haben … eines Tages …"
„Bitte, Harry …" Snape fuhr mit dem Daumen wieder über Harrys Narbe. „Es gibt Dinge, die ich akzeptiert und ersetzt habe. Ich habe kein Verlangen nach einer Familie oder eigenen Kindern."
Etwas rührte sich in Harrys Gedanken. Er erinnerte sich an den Sommer, als sie am Malfoy-Anwesen gewesen waren. Er sah Snape an. „Haben Sie … haben Sie von Rookwoods und Isabis Tochter irgendetwas gehört?"
Snape nickte still. Er gab Harry wieder das Wasserglas. „Ja. Morgan Brianna Rookwood, glaube ich. Furchtbarer Name."
Harry war erstarrt.
Snape hob eine Augenbraue. „Ja …?"
„Wie war ihr Name?"
„Morgan Brianna Rookwood."
„Morgan …" Harry wandte sich um und starrte Snape mit aufgerissenen Augen an. „Sie hat es. Sie hat das Ankh."
„Falsch", ertönte eine Stimme.
Beide wirbelten herum. Khepri hatte es sich auf einem Lehnstuhl bequem bemacht, halb verborgen im Schatten. Snape stand abrupt auf, den Zauberstab in der Hand. „Zeig dich."
Khepri stand langsam auf und ging still nach vorn. Das Mondlicht fiel auf sein Gesicht, und er hob eine Augenbraue und sah Snape an. Zum ersten Mal sahen sie keinen Anflug eines Lächelns auf Khepris Gesicht.
Snapes Finger legten sich fester um seinen Zauberstab. „Bleib, wo du bist."
„Sie können ihn sehen?", sagte Harry und starrte Snape an.
Khepri ging immer noch auf sie zu. Sein Blick ruhte auf Harry. „Es ist an der Zeit … zu spät … es ist vorbei." Er schüttelte den Kopf. „Warum bin ich zu dir gekommen?"
„Er hat es", sagte Harry. Ihm wurde kalt. „Voldemort hat es?"
„Mm-hmm", sagte Khepri leise. „Ich bin hier, um dich zu ihm zu bringen. Und eine Person deiner Wahl, tot oder lebendig, die dir hilft. Ich denke, ich weiß, wen du auswählen wirst."
Harry sah Snape an. Snapes Augen verengten sich. „Potter … was ist los?"
„Ich hab es Ihnen doch gesagt", sagte Harry leise. „Khepri. Die Suche nach dem Ankh. Wenn Voldemort es findet, krieg ich Ärger. Er hat es."
Snape sagte nichts. Harry wusste, was die Stille bedeutete.
„Erfüllen Sie ihre Pflicht als Beschützer. Kommen Sie mit", sagte er leise.
Snape legte seine Hand auf Harrys Schulter. Er sah Khepri kalt an. „Nun gut."
Khepri nickte. Er sah sie ernst an und wandte dann den Blick ab. Er hob die Hände und zeichnete in der Luft ein Rechteck. Seine Klauen hinterließen sanfte rosa und blaue Flammen, die den Umriss einer Tür zeigten. Als sie fertig war, stieß Khepri sie auf. Er wandte sich an Snape und Harry und bedeutete ihnen, sie sollten ihm folgen. Harry schaffte es, dank Snapes Hilfe, aus dem Bett zu kommen, und sie gingen auf die Tür zu. Er sah durch sie ins Nichts. Sein Schicksal würde entschieden werden, wenn er hindurch ging. Er warf Snape einen Blick zu, und gemeinsam gingen sie weiter, in einen Strudel aus Zeit und Raum.
