A/N
So endlich gibt es wieder etwas Neues… gg. Vielen lieben Dank für eure tollen Reviews!
Tut mir Leid, dass das alles so lange gedauert hat, aber ihr wisst ja wie das mit den Viren ist… Diese Biester dürfte es gar nicht geben, denn die ruinieren einen nur, wenn man endlich mal wieder etwas fabriziert hat. grr
Naja. Ich hoffe dieses Kapitel gefällt euch. Ich wurde nach einer Ewigkeit der Blockade vom Plotbunny geküsst hehe. Sah übrigens sehr gut aus, wie Mads Mikkelsen gg (kleiner Scherz am Rande).
Ach ja, das Anwesen der Hellsings habe ich einfach so ein wenig beschrieben und ehrlich gesagt, keine große Rücksicht auf das Original genommen sorry.
Und zu den Namen der Kapitel. Ich fang jetzt an, die zu benennen, habe aber einfach keine Einfälle für die anderen… Das dauert noch n bissel, ja?
Außerdem an alle Christen: Bitte den Dialog von Andersen und Rune nicht persönlich nehmen. Ich will niemanden beleidigen!
So Mädels, rückt eure Sessel zurecht
Zimtsterne verteil
Glühwein einschenk
Jetzt geht's los!
Halfmoon
Kapitel 27
– Konfrontationen –
Noch immer lag er im Garten Hellsing Manors auf dem Rasen.
Unbeweglich. Stumm.
Hin und wieder strich ein eisiger Wind über ihn hinweg und obwohl die Hecken und Bäume einen relativ guten Schutz boten – schafften sie es doch nicht gänzlich ihn fernzuhalten. Mehr noch, erschien es Alexander dass sie von Minute zu Minute nachlässiger in ihrer Funktion zu werden schienen. Oder lag es vielleicht an dem Boden, auf dem er lag? Sein Mantel war zwar relativ dick, doch der Kälte, die von dem Gras ausging hatte der Stoff wenig entgegenzusetzen. Langsam aber sicher kroch sie durch seinen Mantel hindurch und fraß die Wärme die sein Körper abgab. Er würde sich den Tod holen, wenn er noch länger hier liegen bliebe…oder zumindest eine schwere Erkältung. Immerhin war es Winter und nicht Sommeranfang. Jeder normale Mensch wäre aufgestanden und ins Haus zurückgekehrt. Aber weder war Alexander Andersen normal, noch die Situation in der er sich befand. Nein…es war alles andere als normal – und gesund, in mehr als nur einer Bedeutung des Wortes, ebenfalls nicht…
Wie lange er wohl schon hier lag? Er hatte nicht den Hauch einer Ahnung. Vielleicht nur Minuten, vielleicht aber auch Stunden… Er wusste es nicht. Der warme Körper, der auf ihm lag, raubte ihm jegliches Zeitgefühl.
Er sah in die Sterne und lauschte zur gleichen Zeit ihren regelmäßigen Atemzügen.
Aus reiner Langeweile heraus, war er in den Garten gegangen, um ein wenig spazieren zu gehen. Er mochte die Kälte und in Kombination mit einer Sternenklaren Nacht hatte er sich ihr einfach nicht mehr entziehen können. Wie sich hatte herausstellen sollen, der größte Fehler seines Lebens.
Sein Blick war starr in den klaren Himmel gerichtet. Den Mond konnte er von seiner Position aus nicht erkennen, dafür jedoch die Sterne umso besser.
Sie kamen ihm vor, wie Millionen und Abermillionen Augen, die auf ihn hinab sahen. Leuchtende Gesichter, die sich ihre Mäuler zerrissen. Den gefallenen Priester verhöhnten….
Gefallener…Sünder… Schienen sie zu rufen und fast glaubte er ihre Stimmen wirklich in seinen Ohren hören zu können.
Die Worte spukten in seinem Kopf umher und fraßen sich in seine Gedanken und sein Herz.
Wie hatte es nur soweit kommen können? Wie hatte er nur derart auf sie reagieren können?
Er fühlte, wie Hitze in seine Wangen stieg. Reagiert… Das hatte er – und wie er das hatte!
Zorn durchflutete ihn und zur selben Zeit Scham.
Wie kann ich den Kirchenoberen jemals wieder in die Augen schauen? Fragte er sich in Gedanken und bemühte sich verzweifelt darum, einen klaren Kopf zu bekommen.
Nie hätte er geglaubt, einen solchen Fehler zu begehen. Für ihn waren Frauen nie ein Thema gewesen. Niemals!
Er war der Kirche verpflichtet und Gott. Enrico Maxwell hatte ihm eine Aufgabe gegeben. Sie brauchten das Mädchen als Verbündete. Sie war eine Dame die bald zu einer Königin werden sollte. Dem Ass Iscariots und es würde weder seinem Auftrag noch ihr helfen, wenn er dieses kurz zuvor begonnene Spielchen weiterspielte….
Eine Dame… Nicht mehr und nicht weniger war sie wehrt. Und er würde eher in der Hölle schmoren, als zuzulassen, dass sie ihn um den Finger wickelte – diese kleine Hexe.
Es war nur ein Spiel…. Er musste es nur durchstehen und dann würde es vorbei sein…
Endgültig.
Etwas in ihm, zweifelte jedoch daran. Eine leise Stimme, die er noch nicht gewillt war zu akzeptieren…
Und warum hast du sie nicht schon längst verlassen? Fragte diese gehässig. Warum liegst du immer noch hier im Garten? Worauf wartest du? Die Stimme lachte leise und fuhr fort:
Ich werde es dir sagen! Weil du sie begehrst. Du brauchst ihre Wärme und ihre Zuneigung. Du sehnst dich nach jeder noch so kleinen Berührung ihrer Haut, nicht wahr? Du träumst von ihr…sie macht dich verrückt. Es zerreißt dich wenn du nur daran denkst, dass ein anderer auf sie aufmerksam werden könnte. So sieht es aus, Priester – und nicht anders!
„Nein", zischte er leise – ohne dass ihm bewusst wurde, dass er es laut ausgesprochen hatte.
„Das ist nicht wahr!"
Und ob es das ist, kam prompt die Antwort zurück und ließ ihn vor Zorn erzittern.
Du willst es dir nur nicht eingestehen, weil du dein Leben so zu einer Lüge machst!
„Schwachsinn!" Gab Andersen zurück, auch wenn er wusste, dass die Stimme Recht
hatte. „Schwachsinn!" Er schloss die Augen, als könne er so alle unliebsamen Gedanken und Gefühle aussperren. Er würde sich damit abfinden müssen, sie nie wieder berühren oder sehen zu können. Er hatte eine Aufgabe – und die würde er erledigen…
Unbewusst hatte seine linke Hand erneut begonnen über das Haar der jungen Frau in seinen Armen zu streichen...
Rune bekam von dem Kampf, den Alexander Andersen mit sich selbst ausfocht, nichts mit. Sie schien zu schlafen – oder was im Allgemeinen dafür gehalten wurde…
Sie selbst hätte alles dafür gegeben, träumen zu können, wie ein normaler Mensch. Natürlich schlief auch sie normal – manchmal… Nur allzu oft begannen sich ihre Träume jedoch zu verselbstständigen. Was als normaler Traum begann mündete manchmal in einem real erscheinenden Alptraum, in dem sie floh und letztendlich von Gestalten gefangen wurde. In diesen Träumen konnte sie ihre Gabe problemlos einsetzen. Anders als in der Realität bereitete es ihr keine Schwierigkeit das Feuer heraufzubeschwören. So stark es sich ihr in der Wirklichkeit entzog, so eng schien es mit ihr in ihren Träumen verbunden zu sein. Es gehorchte ihr und ließ sich kontrollieren. All das nutzte ihr dennoch herzlich wenig, denn das Feuer, mit welchem sie sich zur Wehr setzte, hatte keine Wirkung auf die Gestalten. Es hinterließ nicht einmal kleinste Löcher in ihren nachtschwarzen Umhängen.
So oft hatte sie bis jetzt davon geträumt, dass sie die Gestalten ihre persönlichen Schattengeister nannte. Diese speziellen Träume endeten jedes Mal in einem hohen Raum. Sie lag auf einer Art Tisch und ihr Körper wurde von groben Seilen auf diesem gehalten, die sich schmerzhaft in ihr Fleisch schnitten. Die Gestalten standen um sie herum und wiegten sich hin und her, als ob sie in einer Art Trance wären. Es war jedoch still, wie in einem Grab. Kein Singsang, den man vielleicht erwartet hätte oder rhythmisch gesprochene Worte. Noch nicht einmal das Rascheln von Stoff, wenn sie sich von der einen auf die andere Seite neigten, jeder in perfekter Harmonie mit seinem Nebenmann.
Eine der Gestalten stand jedes Mal direkt neben ihrem Tisch. Sie hielt ein Messer in der Hand, dessen silberne Klinge blitzte, als sie es hob und… An diesem Punkt wachte Rune jedes Mal Schweiß gebadet auf.
Nichtsdestotrotz gab es auch Träume, die harmloser waren. Träume, die sie zu einem Beobachter machten. Dann war es fast, wie in einem Kino und die Bilder zogen an ihr vorbei. Manche verschwommen und zur Unkenntlichkeit erstarrt, andere wiederum gestochen scharf. An die Meisten konnte sie sich nach dem Aufwachen jedoch nicht mehr erinnern, was sie jedes Mal aufs Neue frustrierte.
Dieser Traum war jedoch neu… Sie wusste, dass sie träumte, das wusste sie immer. Trotzdem schaffte sie es nie sich aus den Klauen Morpheus' zu befreien…
Rune sah sich um.
Es war stockdunkel. Sie konnte die Hand vor Augen nicht sehen und trotzdem fühlte sie sich merkwürdig entspannt. Irgendwie…befreit… Als ob die Schwärze um sie herum ihre Angst, die sie bis jetzt vor dieser immer gehabt hatte, im Keim ersticken würde. Sie kam nicht einmal auf die Idee, ihre Kräfte einzusetzen.
Was für ein merkwürdiger Anfang… Noch nie war es in der Dunkelheit so…angenehm gewesen. Angestrengt versuchte sie durch die Schwärze irgendetwas von ihrer Umgebung zu erkennen, doch es war ein unmögliches Unterfangen. Zu dicht waren die Schatten und es gab nirgendwo auch nur die kleinste Lichtquelle.
Plötzlich vernahm sie eine leise Stimme, die durch die Dunkelheit drang.
Ein Singsang, der sie beruhigte und gleichzeitig erzittern ließ, wie ein kühler Windhauch in einer lauen Sommernacht. Rune erschauderte – nicht aus Angst – sondern aus Erwartung. Etwas in ihr hatte diese Stimme schon einmal gehört und sie seither sehnsüchtig erwartet – sich nach ihr gesehnt. Sie wollte sich so gerne in ihre Wärme fallen lassen … Die magische Anziehungskraft, die von ihr ausging verfehlte ihre Wirkung nicht. Sie musste ihr einfach folgen…
Langsam ging Rune einen Schritt in die Richtung, aus der sie das Geräusch zu hören glaubte. Dann hielt sie inne und horchte erneut. Diesmal schien die Stimme von weiter links zu kommen. Ganz leise nur – und sie musste sich anstrengen, sie zu verstehen. Einen Schritte vor den anderen setzend folgte Rune der Stimme. Die Arme hatte sie weit von sich gestreckt, um nicht gegen ein Hindernis zu stoßen. Wer wusste schon, was sich in Richtung der Stimme verbarg, der sie entgegenstrebte. Lieber Gott, lass es bitte keinen Abgrund sein…. Sand sie ein Stoßgebet gen Himmel und hoffte dass sie erhört wurde.
Es verstrich einige Zeit, in der sie hoffte und bangte und in der sie glaubte, dass jeder Schritt ihr letzter sein würde. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie sich langsam vorantastete.
Bald hatte Rune jegliches Zeitgefühl verloren. Sie konnte schon seit Stunden unterwegs sein – aber auch erst seit fünf Minuten. Sie wusste es nicht. Das Einzige was sie wusste war, dass sie zu der Stimme musste. Koste es was es wolle.
Manchmal entfernte sich der Gesang etwas von ihr und Rune rechnete jedes Mal damit, dass er aufhöre, noch bevor sie die Quelle gefunden hatte. Dem war jedoch nicht so. Vielmehr glaubte sie es danach oft näher als zuvor. Ihre Arme begannen vor Anstrengung zu zittern, doch sie versuchte es zu ignorieren und ging langsam weiter. Der Gesang wurde mit einem Mal zu einem Flüstern, welches sie kaum mehr verstehen konnte. Rune spitzte die Ohren und Angst durchflutete sie automatisch. Angst, dass diese wunderbare Wärme sie verließe…
Sie beschleunigte ihren Schritt auch wenn alles in ihr schrie vorsichtig zu sein – und sie nahm die Veränderung erst wahr als sie schon längst geschehen war. Sofort verlangsamte Rune ihr Tempo.
Die Dunkelheit um sie herum schien sich mit einem Mal gelichtet zu haben. Nicht gänzlich, aber doch so weit, dass sie die Umrisse eines Weges ausmachen konnte, der vor ihr verlief. Er schlängelte sich gleichmäßig durch etwas, das sie glaubte, als Wald identifizieren zu können. Wie seltsam… War sie seinem Verlauf zwangsläufig gefolgt? Das konnte nicht sein, denn sie war immer nur geradeaus gelaufen… So etwas war unmöglich! Man konnte nicht geradeaus laufen und gleichzeitig Schlangenlinien… Aber wie erklärte sich dann, dass sie nicht gegen einen einzigen Baum gestoßen war? Während sie in Gedanken fieberhaft versuchte, eine Lösung für dieses wundersame Geschehen zu finden, nahmen ihre übrigen Sinne zweierlei wahr.
Erstens roch es wie in einem Wald. Der Duft von Harz mischte sich mit dem von Blättern und Gräsern und kitzelte angenehm ihre Nase.
Zweitens ging es sich auch wie in einem Wald. Der weiche Boden federte ihre Schritte leicht ab. Rune fragte sich, wie um alles in der Welt sie das vorher nicht hatte wahrnehmen können?
Ganz einfach, meldete sich ihre innere Stimme. Weil es noch nicht da war! Du glaubst es ist ein Wald, also machst du es zu einem Wald. Es ist ein Traum! Du hättest dir auch vorstellen können, in einer Großstadt zu sein!
Aber Rune zweifelte daran. Sie wusste, dass sie träumte, genau so wie sie mit Sicherheit sagen konnte, dass die Gerüche vorher noch nicht da gewesen waren – und auch nicht der Boden. Sie hatte mit dieser Veränderung auch nichts zu schaffen. Auf sie wirkte es fast, als wäre die Dunkelheit zuvor eine Barriere gewesen. Eine Mauer, die es erst zu überwinden galt, bevor sich der Wald zu erkennen gab. Sie dachte bewusst über den Wald, als eine Person. Es war kein Ausrutscher gewesen, da sie wirklich daran glaubte, dass er ein Eigenleben besaß. Zumindest einen Antrieb sich selbst zu schützen…. Aber wovor – und wer hatte ihr geholfen? Sie hatte Hilfe gehabt. Das stand außer Frage. Allein wäre sie in der Dunkelheit ohne Führung herumgeirrt. Die Stimme jedoch hatte sie geleitet. Hatte ihr den Weg gewiesen….
Rune atmete tief durch – und beschleunigte ihre Schritte erneut. Die Stimme erklang wieder wie zuvor und sie folgte ihrem Engelsgleichen Klang fast willenlos. Immer weiter ging es in den Wald hinein, wobei Rune mit jedem Schritt das Gefühl hatte gleich rennen zu müssen. Die Neugier den Urheber dieses Gesangs aufzuspüren war übermächtig. Sie fühlte, dass sie ganz nah war etwas zu entdecken, dass sie seit einer Ewigkeit hatte wissen wollen. Ein Rätsel, welches ihr Unterbewusstsein seit langer Zeit beschäftigte, ohne dass ihr Bewusstsein jemals etwas davon mitbekommen hatte.
Immer weiter zog sich die Dunkelheit zurück. Grautöne wichen sattem Grün und der Boden unter ihren Füßen bekam einen dunkelbraunen Anstrich – wie es einem erdigen Walboden gebührte. Sonnenstrahlen brachen durch die Wipfel der Bäume und zeichneten wechselnde Muster auf Boden und Stämme – und am Rande des Weges hoben kleine Blumen ihre Köpfe vorwitzig aus dem Gras, als wären sie eben gerade aus einem langen Schlaf erwacht.
Rune wäre stehen geblieben, um sich die Schönheit der Natur anzusehen, hätte sie dafür Zeit gehabt. Ihr stand der Sinn jedoch einzig und allein nach dem Lösen des Rätsels – wie sie das Geschehen in ihren Gedanken bezeichnete.
Wäre sie stehen geblieben, hätte sie vielleicht eine Vertrautheit gespürt. Vielleicht wäre ihr die Umgebung bekannt vorgekommen…. Aber sie blieb nicht stehen, sondern lief im Gegenteil nur noch schneller. Wurzeln wanden sich hier und dort über den Waldweg und gruben sich auf der anderen Seite wieder tief in die kühle Erde. Mühelos übersprang Rune diese und rannte weiter.
Unvermittelt blendete gleißendes Licht sie. Genauso wie sie das vertraute Gefühl nicht bemerkt hatte, hatte sie auch nicht gesehen, wie auch der Wald sich langsam gelichtet hatte.
Bäume und Sträucher hatten sich zurückgezogen und sie stand nun in gleißendem Licht am Rande des Waldes. Rune verdeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und bunte Punkte tanzten vor ihrem inneren Auge. Nur zögernd traute sie sich ihre Hände fortzunehmen und langsam gewöhnten sich ihre Augen an die veränderten Lichtverhältnisse. Blinzelnd trat Rune auf die riesige Wiese hinaus, die sich vor ihr erstreckte. „Wow…" Flüsterte sie leise und vergaß fast die Stimme, deren Klang nun lauter erschien als noch Minuten zuvor im Wald. Noch immer flackerten ein paar kleine Punkte vor ihren Augen, doch das hinderte sie nicht daran, dieses wunderschöne Stück Natur zu bewundern.
Die Schönheit dieses Stück Edens verschlug ihr die Sprache und ließ sie an ihrem Verstand zweifeln. War es möglich so etwas Schönes in einem Traum zu erschaffen? War es vielleicht doch mehr, als ein... Sie hielt mitten im Gedanken inne. Eine Gestalt kam den sanft abschüssigen Hügel hinauf, der, wie Rune jetzt erst erkannte, in einem kleinen See endete. Das blaue Wasser funkelte im Licht der Sonne wie ein einziger großer Saphir und schien die Gestalt einen Moment lang mit seinem neckischen Glitzern zu umgeben. Rune verengte die Augen zu Schlitzen, um mehr von der Person erfassen zu können. Möglicherweise trug sie ein Kleid. Das würde die weit auslaufende Form ihrer Kleidung erklären. Aber ob es sich bei der Kleidung wirklich um ein Kleid und bei der Peron ergo um eine Frau handelte, konnte sie nicht sagen. Rune beschattete mit der rechten Hand ihre Augen um besser sehen zu können.
Just diesen Moment schien sich die Sonne auszusuchen, um hinter einer Wolke hervorzubrechen und erneut wurde sie derart geblendet, dass sie kaum etwas sehen konnte. Als wolle der Himmelskörper nicht, dass Rune die Gestalt erkannte.
Der Gesang wich nun Worten, die sie nicht verstand. Sie versuchte die Sprache zu analysieren. Versuchte herauszufinden, woher diese kommen könnte. Vielleicht Spanien? Nein, dafür klang sie zu hart. Möglicherweise kam die Gestalt aus Skandinavien. Sie hatte einmal gehört, wie ein Mann in einer Dokumentation Finnisch gesprochen hatte und die Worte klangen ähnlich. Auch wenn sich Spitzen darin befanden, die sie zweifeln ließen.
Jetzt hast du deine Erklärung, meldete sich eine kritische Stimme in Runes Gedanken zu Wort. Du träumst und verarbeitest vergangenes. Du hast irgendwo mal Finnisch gehört – also wird in deinem Traum Finnisch gesprochen…
Aber wieder zweifelte Rune an ihrer eigenen Logik. Sie spürte dass mehr dahinter steckte – und ausnahmsweise vertraute sie ihrem Gefühl.
Sie war beileibe kein Sprachgenie aber schon als Kind hatte sie gerne anderen Sprachen gelauscht. Es war einfach faszinierend zu hören, wie andere Menschen sich artikulierten.
Diese Sprache jedoch schien aus all denen zusammengesetzt zu sein, die sie bisher gehört hatte. Ein unverständliches Kauderwelsch an Klängen und Betonungen die ihr fremd waren. Sprach die Gestalt mit ihr? Wollte sie eine Antwort haben? War es unhöflich nicht zu antworten?
Natürlich hätte man für den Sprachsalat auch eine logische Erklärung geben können, doch Rune wollte nicht wahrhaben dass es alles „nur" ein Traum war.
Immer näher kam die Gestalt und Rune verharrte in atemloser Stille reglos an ihrem Platz.
Sie wagte nicht etwas zu sagen, auf Grund der Angst, den Moment zu zerstören. Mit einem Mal wusste sie, wenn sie etwas sagte, auch nur den kleinsten Laut von sich gab, wäre alles vorbei. Die Hoffnung auf Erklärungen, zu Nichte gemacht. Allein der Gedanke dass sie so nah vor der Lösung, eines ihr unbekannten Rätsels, scheitern könnte, steigerte ihre Anspannung ins unermessliche.
Die Gestalt war nur noch wenige Meter von ihr entfernt und Rune bemerkte es erst gar nicht. Zu sehr war sie damit beschäftigt herauszufinden, wer die Person war, die auf sie zu kam.
Dann jedoch…
Nur langsam drang es zu ihr durch, dass sie sich von der Gestalt entfernte.
Etwas zog sie fort…
Es waren keine Hände, die sie ergriffen und mit sich zogen, keine Arme die sich um sie legten sondern es glich eher einem unsichtbaren Fluss. Als befände sie sich inmitten eines mächtigen Stroms und würde von seinen Wassermassen mit sich gerissen…. Immer weiter entfernte sie sich von der Gestalt, von der Hilfe, die sie sich erhofft hatte und wurde zurück in die Dunkelheit gedrängt.
Immer weiter wurde sie fort gezogen, bis völlige Schwärze Rune umschlossen hielt, wie eine kalte Umarmung.
Die Schatten schienen sich enger um sie zu ziehen. Als hätten sie auf sie gelauert und Rune schlang die Arme um ihren Oberkörper. Was geschah hier? Sie war so kurz davor gewesen, etwas Wichtiges zu erfahren, das spürte sie. Etwas, dass ihr helfen konnte, ihre Fehler wieder gut zu machen, etwas…
Ein dumpfes Pochen drang an ihre Ohren, bahnte sich seinen Weg durch die Schwärze, die sie umgab. Woher es wohl kam? Rune sah sich um, versuchte die Richtung auszumachen aus der sie es zu hören glaubte – und stockte. Dieses merkwürdige Pochen befand sich direkt neben ihrem Ohr… Es klang wie das Schlagen eines Herzens und ihr gefror das Blut in den Adern. Sie war davon ausgegangen, dass sie alleine war – ein Fehler? Sie wagte nicht sich zu bewegen, geschweige denn ihre Kraft einzusetzen.
Angst lähmte sie. Sie wollte gar nicht sehen, was dort neben ihr stand… Doch ihre Gedanken verselbstständigten sich und begannen ihr Bilder von Monstern vorzugaukeln. Wesen mit scharfen Klauen und spitzen Zähnen, die nur darauf warteten sie zu zerfetzen. Geifernde Fratzen, die sich jede Sekunde auf sie stürzen würden.
Ein Windhauch strich über ihr Haar und Rune machte augenblicklich einen Satz, der sie außer Reichweite möglicher Klauen bringen sollte – es entpuppte sich als das Schlechteste und zugleich Beste, was sie hätte tun können. Je nachdem von welchem Standpunkt man es betrachten wollte…
Plötzlich hatte sie das Gefühl, als zöge es ihr den Boden unter den Füßen fort. Auch wenn sie nichts sah, schien sich alles um sie herum zu drehen. Sie fiel…und mit einem Mal lag sie auf dem Boden auf etwas Weichem. Es war warm und kühl zugleich und sie fragte sich schlaftrunken, ob sie noch richtig unter ihrer Bettdecke lag. Langsam öffnete sie ihre Augen und es dauerte einige Zeit, bis sie mehr erkennen konnte, als ein Gemisch aus dunklen Farben. Rune blinzelte mehrmals und die dunklen und grauen Schlieren verwandelten sich in einen dunklen Stoffmantel und… vielleicht einen Rasen. Rasen? Mantel? Fragte Rune sich verwirrt und ihre Gedanken brauchten einige Zeit, um sich zu ordnen.
Etwas fuhr über ihr Haar… und sie runzelte die Stirn. Wäre die Berührung nicht so sanft gewesen, wäre sie wahrscheinlich erschrocken aufgesprungen. So aber blieb sie liegen und ließ sich Zeit, ihre Gedanken zu ordnen.
Vielleicht handelte es sich um eine Hand? Möglicherweise… Auch das Pochen würde so Sinn ergeben. Der Herzschlag eines Menschen…. Es war also ein Mensch auf dem sie lag… Aber warum – und wieso streichelte er ihr Haar? Oder eher hatte, denn die Hand hatte innegehalten, sie zu berühren und ruhte nun auf ihrem Kopf. Rune dachte angestrengt nach was passiert sein könnte und die Erinnerung kehrte so plötzlich zurück, dass sie erstarrte.
Wenn sie Recht hatte, dann musste der Mann, auf dem sie lag Alexander Andersen sein.
Er und sie hatten…noch bevor sie den Gedanken zu ende führen konnte stieg Hitze in ihre Wangen. Die bloße Erinnerung an das, was geschehen war, trieb ihr die Schamesröte ins Gesicht. Am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst… Sofort…oder wäre in ihre Traumwelt hinab geglitten ohne jemals wieder zu erwachen.
Sie hatte sich hinreißen lassen, durch was wusste sie nicht mehr. Auch nicht, wie sie den Mut hatte aufbringen können, ihn zu küssen. Gerade ihn, Alexander Andersen. Obwohl sie oft davon geträumt hatte, hätte sie nie geglaubt, es wirklich zu tun….und augenblicklich bahnte eine weitere Frage sich ihren Weg durch das Wirrwarr in ihren Gedanken:
Wie zum Teufel hatte sie nur einschlafen können?
Es war….plötzlich über sie gekommen, die Müdigkeit – das wusste sie noch und dann…. Warum war er bei ihr geblieben?
Warum hatte er sie nicht einfach in ihr Zimmer gebracht? Wie kannst du von ihm erwarten, dass er dich durch ganz Hellsing Manor trägt? Beantwortete sie, verärgert über ihre Naivität, ihre Frage jedoch sogleich selbst. Für Alucard wäre das ein gefundenes Fressen – und nicht nur für ihn…
Sie wusste, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis er merkte, dass sie wach sei. Wie sollte sie sich nur verhalten? Was sollte sie sagen? Sie war nicht dumm. Sie wusste, dass es eine einmalige Sache gewesen war, auch wenn die Hoffnung bekanntlich zuletzt starb.
Alexander Andersen fühlte, wie Rune erstarrte und seine Hand hielt automatisch inne, durch ihr Haar zu streichen. Ihre Atmung veränderte sich leicht und er wusste augenblicklich, dass es jetzt so weit war … Sie würde bald aufwachen und dann wäre alles vorbei. Vielleicht würde die Erinnerung ihn noch eine Weile heimsuchen, doch auch dies würde ein Ende haben. Spätestens wenn er sie nach Iscariot brächte und Maxwell übergab. Die Erinnerung an ihre weichen Lippen und ihren Körper würde verblassen und er würde sie vergessen. Der Fehler jedoch, den er begangen hatte, würde ihn ewig heimsuchen und die Schuld ihn sein Leben lang begleiten.
Stumm horchte er auf ihre Atemzüge. Sie war wach, dass spürte er, auch wenn er ihr Gesicht nicht sehen konnte.
Dann steh auf! Befahl ihm seine innere Stimme, doch wider besseren Wissens blieb er liegen.
Er konnte sie nicht einfach von sich werfen, als wäre sie unnötiger Ballast. Alles in ihm sträubte sich dagegen, obwohl er wusste, dass es vielleicht die beste Lösung wäre. So würde sie gleich verstehen und er brauchte sich den Mund nicht fusselig zu reden. Er würde einfach gehen und sie allein lassen – so zumindest wäre es am heilsamsten. Für sie und für ihn selbst. Keine langen Erklärungen seiner -, und keine Tränen ihrerseits. Eine einfache Geste – und sie würde verstehen. Das zumindest war der theoretische Plan. Die Praxis sah jedoch anders aus.
Anstatt sie einfach abzuschütteln, wie ein lästiges Insekt, sprach er sie direkt an.
„Rune?" Seine innere Stimme heulte, ob dieser nicht Beachtung, gequält auf, doch Andersen ignorierte sie einfach.
Rune hingegen zuckte erneut zusammen, als er sie ansprach. Sie musste sich dazu zwingen, den Kopf zu heben und ihn anzusehen. Ihr kam es so vor, als wöge er Tonnen und als sie endlich dem Blick Andersens begegnete, hätte sie sich am liebsten wieder von ihm abgewendet. Trotz der Dunkelheit, konnte sie die Worte darin lesen, die er sich für sie zu Recht gelegt hatte – und es brach ihr das Herz. Natürlich hatte sie gewusst, dass es so kommen würde. Nichts anderes wäre möglich gewesen, doch die Wahrheit tat immer weh, auch wenn man sie bereits erahnte. Selbst jetzt noch, versuchte ihr Verstand eine andere Erklärung, eine andere Lösung zu finden. Er gaukelte ihr andere Möglichkeiten vor, die angenehmer waren – aber auch törichter. Rune wusste genau, selbst wenn die kleinste Möglichkeit bestand, dass Alexander Andersen sie liebte, würde er niemals in ihrem Sinne handeln. Er war katholischer Priester – und das würde er bleiben. Wenn alles vorbei war, wenn die Allianz besiegt – und sie vielleicht noch am Leben waren, würde er nach Iscariot zurückkehren!
Wie um ihre Gedanken zu bestätigen, hörte sie ihn sagen: „Es wäre besser, wenn wir nicht so zusammen gesehen werden…"
Der Knoten in ihrer Brust schien noch größer zu werden und sie hatte das Gefühl nicht richtig atmen zu können. Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, ihm zuzustimmen, doch der Klumpen, der in ihrem Hals zu sitzen schien, machte es ihr unmöglich. Ein heiseres „j..a" war das Einzige was sie herausbrachte.
Langsam erhob sie sich. Peinlich darauf bedacht ihn so wenig wie möglich zu berühren, stützte sie sich mit den Handflächen auf dem eisigen Boden auf und stemmte sich in die Höhe. Ihre Arme zitterten protestierend, auf Grund der plötzlichen Kraftanstrengung und das kalte Gras ließ ihre Finger taub werden – doch sie schaffte es letztendlich, sich taumelnd aufzurichten. Ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte, er könne es hören, als sie sich ein Stück von ihm entfernte.
Auch Andersen erhob sich, eleganter als sie und wieder einmal wurde sie seiner fast schon unheimlichen Größe gewahr. Wie ein Riese aus einem Märchen wirkte er auf sie, als er sich seinen Mantel zurecht zog und hier und dort abklopfte.
Der Blick seiner sonst grünen Augen richtete sich dunkel auf sie. Die Schatten die auf sein Gesicht fielen, gaben ihm etwas Gefährliches, Raubtierhaftes und sie fragte sich unwillkürlich, ob es bei ihr genauso war – oder ob die Schatten sie nur noch ängstlicher erschienen ließen. Rune versuchte seinem Blick standzuhalten nur um ihm letztendlich doch auszuweichen. Es war, als läge eine Anklage in seinen Augen, stumm und versteckt, aber sie spürte es. Spürte, dass er ihr die Schuld an dem Geschehenen gab, obwohl er nichts dergleichen sagte. Dieses subtil vermittelte Gefühl machte ihr mehr zu schaffen, als wenn er sie angeschrieen oder beschimpft hätte. Ein Messer, das einem hinterrücks in den Rücken gerammt wurde und an dem man in irgendeiner Ecke jämmerlich verblutete.
Sie sah auf ihre Hände. Dreck klebte an ihnen und jetzt erst sah sie, dass ein Ärmel ihrer Bluse eingerissen war. Wenn man bedachte, dass es eigentlich nicht ihre Bluse, sondern zu der abgelegten Kleidung Integral Hellsings zählte, konnte das mehr als nur Bauchschmerzen verursachen. Sie bringt mich um… Dachte Rune und hätte im selben Moment am liebsten laut aufgelacht. Sie machte sich über die Folgen einer zerrissenen Bluse Sorgen, obwohl sie weitaus schlimmeres zu erwarten hatte.
Nervös zupfte sie an ihrem kaputten Ärmel. Die Stille war unerträglich. Doch der bloße Gedanke daran, diese selbst zu durchbrechen, war noch schrecklicher. Sie würde stottern wie ein kleines Kind, außerdem wusste sie nicht, was sie sagen sollte…
Mach schon! Feuerte sie sich innerlich an und gerade, als sie glaubte, genug Mut gefunden zu haben, brach er das Schweigen:
„Du solltest jetzt rein gehen – und vergiss was geschehen ist."
Seine Stimme war ruhig und klang wie immer. Kein Anzeichen auf das, was noch kurz zuvor geschehen war. Es war, als hätte es ihn nicht berührt. Als wäre es an ihm vorbeigegangen – ein völlig anderer Mann, als… Rune schloss die Augen gegen das beginnende Brennen und verbot sich daran zu denken. Es hatte keinen Sinn… Er hatte ihr deutlich zu verstehen gegeben, wie es weiter laufen würde, nämlich gar nicht. Sie würden so tun, als wäre nichts geschehen, obwohl sie nicht wusste, ob sie das konnte. Ihre Gefühle so einfach abstellen…
Sie fühlte sich müde, leer und enttäuscht, obwohl sie nichts anderes erwartet hatte.
Rune wandte sich um, um in Richtung Hellsing Manor zu gehen und hielt inne. Eine Frage brannte in ihr darauf, beantwortet zu werden und sie wusste, dass sie keine Ruhe haben würde, ehe diese nicht beantwortet war. Die Frage war plötzlich aufgetreten, wie eine Flamme, die eben noch halb erloschen, zu neuem Leben erwachte. Es war eine Frage, bei der sie sich nicht sicher war, ob sie sie überhaupt stellen konnte, ohne dass sie ihn beleidigte. Andererseits jedoch gab es nichts, was sie nicht schon ruiniert hatte. Eine Frage würde da nicht noch mehr Schaden anrichten, als bereits geschehen war.
„Wa…" Sie nahm all ihren Mut zusammen und sah ihn an. „Warum sind Sie katholischer Priester geworden?"
Es klang merkwürdig, ihn erneut zu siezen. Doch sie brachte es nicht über sich, ihn mit „du" anzusprechen. Es war zu nah…zu nah an ihrem Herzen.
Die Frage traf ihn unvorbereitet und Andersens erste Reaktion war, ihr zu sagen, dass es sie einen Dreck anginge, warum er Priester geworden war. Dann jedoch sah er ihren unsicheren Blick – und antwortete ihr nichtsdestotrotz. Wir sind wieder am Anfang, alles auf null, dachte er. Welch eine Ironie… Er hätte gelacht, wäre die Situation nicht so heikel gewesen.
….und doch schafft sie es erneut deine Wut mit einem einzigen Blick zu ersticken… Stellte die unnachgiebige Stimme in seinem Kopf leise fest. Eine Feststellung, die er der Stimme am liebsten aus dem Leib geprügelt hätte – hätte sie einen Körper gehabt….
„Es war", begann Andersen, zum einem, um die Stimme zum Schweigen zu bringen und zum Anderen, um ihre Frage zu beantworten. „…Bestimmung."
„Bestimmung?" Rune verstand nicht worauf er hinaus wollte. „Was meinen Sie damit?"
Der Priester schnaubte verächtlich. Sie verstand auch gar nichts…. Aber was konnte er von einer wie ihr schon erwarten?
„Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe", begann er. „Dann würdest du vielleicht verstehen."
Runes Augen weiteten sich. Was bildete der Kerl sich ein? Sie wusste nicht, was genau er erlebt hatte, aber glaubte er, sie wäre nur zum Spaß hier? Er hingegen wusste, was sie erlebt hatte… Natürlich gab es gewiss schlimmeres aber das, was er ihr mit diesem Satz unterschwellig mitteilte, machte sie unglaublich wütend. Er unterstellte ihr, dass sie nicht in der Lage wäre, seine Gründe nachzuvollziehen. Mit anderen Worten gab er ihr zu verstehen, dass das was sie erlebt hatte, nicht schrecklich gewesen war. Etwas schlimmes, vielleicht, aber nicht so grauenhaft, dass sie seine Beweggründe verstehen könnte. Immerhin war er dabei gewesen, als sie Integral Hellsing erzählt hatte, dass ihre Familie vor ihren Augen von Mitgliedern der Allianz getötet worden war. Galt das für ihn nicht als Gräueltat? Zählte so etwas für ihn nicht?
Diese Arroganz seinerseits machte sie unglaublich zornig. Es glich der absolut selbstmörderischen Tat Spiritus in eine ohnehin schon brennende Flamme zu gießen. In Rune brannte diese Flamme seit langem an der absoluten Schmerzgrenze – und Alexander Andersens Worte waren der zusätzliche Schuss Spiritus...
Besagter Priester fühlte den Umschwung, noch bevor es aufs heftigste aus ihr hervorbrach:
„Ich habe gesehen, wie meine Familie abgeschlachtet wurde, du arrogantes Arsch!" Erst als das Gesagte gesagt und nicht mehr rückgängig zu machen war, realisierte Rune, was sie ihrem Gegenüber an den Kopf geworfen hatte. Er hatte nur seine Meinung gesagt und sie hatte kein Recht ihn aufs Übelste zu beschimpfen. Aber auch wenn sie sich wie ein Penner aus der Gosse benahm, war es ihr unmöglich aufzuhören. „Du glaubst du hast alles gesehen! Du glaubst du wärst der Einzige…."
Eine schallende Ohrfeige brachte sie augenblicklich zum Schweigen. Heiß brannte der Schmerz in ihrer linken Wange und sie hatte das Gefühl, als würde sich ihre Haut an dieser Stelle zusammenziehen und von dem Rest ihres Gesichtes lösen. Der Schock saß tief in ihr. Mit so etwas hatte sie nicht gerechnet – und Andersen, wie es schien, ebenfalls nicht. Er hätte allen Grund gehabt sie einfach dort stehen zu lassen, oder sie ihn, um in sein, oder ihr, Zimmer zurückzukehren. Keiner von beiden bewegte sich jedoch nur einen Millimeter.
Andersen fühlte ein leichtes Prickeln in seiner Handfläche, dort wo sie mit Runes Wange kollidiert war. Es drang langsam durch den roten Nebel aus Wut, der ihn umgab und er ließ seine Hand sinken, als er endgültig realisierte, was er getan hatte.
Der Nebel lichtete sich langsam und er sah durch ihn hindurch auf die Gestalt der jungen Frau, die er sooft nur als Mädchen gesehen hatte…
Das war nicht geplant gewesen. Seine Wut hatte ihn einfach übermannt und die klar denkende Seite seines Gehirns gelähmt. Sein Geduldsfaden, der seit einiger Zeit bereits extrem dünn gewesen war, war letztendlich doch gerissen!
Für kurze Zeit dachte er an Enrico Maxwell und dessen Plan – und eine Stimme, die der seines Vorgesetzten unglaublich ähnlich klang, schrie in Andersens Gedanken frustriert auf. Alexander wusste, dass er den Plan jetzt vergessen konnte, trotzdem war ihm im Moment nichts ferner als der verdammte Plan.
Er versuchte seine Gedanken und Gefühle so weit wie möglich zurückzudrängen und fragte, so ruhig er konnte:
„Was willst du eigentlich?"
Rune schluckte. Sie öffnete den Mund um ihm eine passende Antwort an den Kopf zu werfen – und stockte. Ja, was wollte sie eigentlich? Er hatte sie verletzt und sie hatte ihn aus Wut heraus verletzen wollen, das geschah unter Menschen…wenn sie ihn denn als normalen Mensch bezeichnen konnte. Zählte man als Regenerator zu den Menschen? Sie wusste es nicht und es war ihr eigentlich auch egal. Die Tatsache, dass er ihr erzählt hatte, was er war, war ihr im Moment gleichgültig. Er hatte es in einer Situation getan, in der er offensichtlich selbst nicht ganz klar im Kopf gewesen war – und sie versuchte nicht mehr daran zu denken. Deswegen versuchte sie diesen Gedanken so weit wie möglich von sich zu schieben und ihn in die hinterste Ecke ihrer Erinnerungen zu verbannen. Sie würde später noch genug Zeit haben, sich damit auseinander zu setzen… Jetzt musste sie eine Antwort auf seine Frage finden – und zwar schnell, wenn sie nicht wie ein Vollidiot vor ihm stehen wollte.
Sie brauchte eine Antwort die ihm und ihr selbst Genugtuung verschaffte. Eine Antwort die sie, von ihren Gefühlen für ihn fort brächte und die Situation in sicherere Bahnen lenkte.
Bald dämmerte es ihr jedoch, dass die einzige Antwort, die sie ihm würde geben können, ihre Gefühle betraf. Sämtliche Sätze, die in ihrem Kopf herumspukten, handelten mehr oder weniger offensichtlich davon und eine Alternative gab es nicht. Es war einer der Momente, in dem sich Rune wünschte ein Herz aus Stein zu haben. Ein weiterer Moment war die Ermordung ihrer Eltern gewesen und die Nachricht von Petes Tod, durch Lady Hellsing.
Für den Bruchteil einer Sekunde materialisierte sich das Gesicht Pete Fishers vor ihrem inneren Auge. Ein alltägliches Gesicht, weder besonders hübsch noch hässlich mit zwei freundlichen, braunen Augen. Sie hatte ihn durch Zufall kennen gelernt, als sie in der Mülltonne eines Supermarktes nach Essbarem gesucht hatte. Er hatte sie mit nach Hause genommen und ihr etwas zu Essen gegeben. Wider ihres besseren Wissens hatte ihr Bauch über ihre Logik gesiegt – und Pete hatte den Preis bezahlen müssen. Er war ein guter Mann gewesen, der zu seinem Wort stand, dass hatte Rune gespürt. Er hatte beim MI5 gearbeitet, als was genau wusste sie nicht mehr. Etwas Technisches auf alle Fälle und wenn er es konnte, dann hätte er ihre Daten gelöscht, wie er es ihr versprochen hatte. Aber etwas muss ihn gehindert haben. Sie müssen ihn entdeckt haben…
Rune schüttelte leicht den Kopf um diese Gedanken und Petes Bild vor ihrem inneren Auge zu vertreiben. Später konnte sie sich über ihren Fehler ausheulen, doch jetzt brauchte sie eine Antwort! Sie brauchte… Rune hielt inne sich den Kopf zu zermatern, was und wie viel sie Alexander Andersen sagen konnte. Eigentlich hatte sie es die ganze Zeit über gewusst…
Er war Priester und katholisch, das waren die Fakten. Er glaubte sehr stark an Gott, jedenfalls ging sie, auf Grund seiner Reaktion, davon aus und das war ja auch nichts Schlechtes. Es waren nur die Regeln, die den Priestern auferlegt wurden, die störten. Wenn er vielleicht vom katholischen zum evangelischen Glauben wechseln würde… Dort durften die Pfarrer sich mit Frauen einlassen. Er würde seinen Glauben so nicht verraten und...
Glaubst du im Ernst, dass er sich auf so einen Kuhhandel einlässt? Gab ihre innere Stimme zu bedenken. …und das nur wegen dir?
Vielleicht… Antwortete Rune, obwohl sie selbst nicht damit rechnete. Einzig ihre Hoffnung ließ es als eine gute Idee erscheinen – und wie schon zuvor erwähnt, starb die Hoffnung bekanntlich zuletzt. Was die Enttäuschung am Ende sicherlich nur noch schrecklicher machte.
Rune musste sich fast gewaltsam dazu zwingen Alexander Andersen anzusehen. Ihr Kopf schien eine Tonne zu wiegen, als sie ihn langsam hob, um den Priester anzusehen.
„Protestantische Priester dürfen…" Begann sie leise brachte den Satz jedoch nicht zu Ende.
Ihr fehlte einfach der Mut, aber der Priester Iscariots wusste genau, was sie sagen wollte.
Hier lag also der Hund begraben… Andersen wusste buchstäblich worauf sie hinaus wollte – und aus irgendeinem Grund machte es ihn fassungslos und zur gleichen Zeit unglaublich wütend. Er wusste nicht, ob es die Tatsache war, dass sie seine Glaubenswahl komplett in Frage stellte, sie absolut naiv zu sein schien – oder ob es daran lag, dass sie auf mehr hoffte, als er gewillt war zu geben. …oder als du geben kannst… Mischte sich die leise Stimme erneut ein. …denn wollen, dass steht außer Frage…wollen tust du sie… das hast du selbst bewiesen….
„Ich bin keiner dieser Scharlatane!" Zischte er erbost, als hätte sie ihn einen Ketzer genannt. Die Wut auf sich selbst und auf das was sie ihm antat, erreichte einen neuen Höhepunkt.
„Sie predigen von der Liebe Gottes – und dienen ihm doch nicht ganz!" Seine grünen Augen wirkten im Dunkel der Nacht wie schwarzer Obsidian. Gefährlich…tödlich….
Automatisch wich Rune einen Schritte zurück. Nur allzu leicht hatte sie vergessen, mit wem sie sprach. Es war genau das geschehen, wovor Seras sie gewarnt hatte. Sie hatte sich in seiner Nähe fallen lassen, hatte ihrem Herzen und ihren Wünschen nach gegeben und ihnen mehr getraut, als den Worten ihrer Freundin. Auf gar keinen Fall durfte sie vergessen, was Seras ihr erzählt hatte.
Die Geschichten der Vampirin hatte sie erst nicht glauben wollen. Sie selbst hatte den Pater als einen freundlichen Mann kennen gelernt.
Er hatte sie stets gut behandelt und ihr geholfen, doch als sie ihm jetzt in die Augen sah, glaubte sie einem Fremden gegenüber zu stehen. In diesem Moment sah sie endlich hinter die Maske des Priesters.
„Ich soll Kompromisse eingehen – wegen…dir?" Hörte sie seine Stimme, die wie ein Messer durch den Nebel ihrer Gedanken drang und ihr Herz traf. Touché! Dachte ein kleiner Teil von ihr. Hast du etwas anderes erwartet?
Den Mann, den sie kurz zuvor als zärtlich und leidenschaftlich erlebt hatte, schien verschwunden. Sein Blick war kalt wie Eis, fast schon hasserfüllt. Selbst durch die Düsternis drang dieser mühelos hindurch und strafte sein vorheriges Verhalten ihr gegenüber Lügen. Am liebsten hätte sie sich herum gedreht und wäre davon gelaufen. Fort von ihm und vor sich selbst…
Ja, lauf nur. Lauf weg! So wie du es immer tust! Ertönte plötzlich eine neue Stimme in ihren Gedanken. Eine Stimme, die sie zuvor noch nicht gehört hatte und die sie nicht geglaubt hatte, inne zu haben. Zornig, nein hasserfüllt klang sie, als sie fortfuhr: Verkriech dich! Lass dich benutzen und verrecke jämmerlich! Nur zu!
Rune fühlte, wie etwas in ihr bei diesen Worten explodierte. Es war nur ein kleiner Knall, und nur für sie allein hörbar, aber die Wirkung war verheerend.
Nein, sie würde sich nicht von ihm verunsichern lassen. Nicht von ihm! Nicht nach allem was zwischen ihnen vorgefallen war…
„Und dienst du Gott, indem du unschuldige Menschen tötest?" Fragte sie plötzlich, ohne sich über die Konsequenzen ihres Verhaltens Sorgen zu machen. Die Wut in ihr gab ihr Kraft ihm Paroli zu bieten. Es war, als stände jemand hinter ihr, der ihr den Rücken stärkte und ihr Mut gab. „Glaubst du, dass ist der richtige Weg? Glaubst du etwa, dass du Gott so besser dienst?"
Andersens Augen verengten sich zu Schlitzen. Was führte sie im Schilde? Was wollte sie ihm mit ihrem kleinen Vortrag beweisen?
Er musterte sie verstohlen.
Nichts von kindlicher Unsicherheit mehr in ihren Augen, soweit er es erkennen konnte. Nur Kälte und Verachtung. Emotionen, die er bei ihr noch nicht gesehen hatte und die ihn, auch wenn er es nicht zeigte, überraschten. Es war, als stände ein anderes Mädchen…eine andere Frau vor ihm…und es gefiel Andersen überhaupt nicht. Trotzdem war er nicht gewillt sich von ihr die Leviten lesen zu lassen. Wer war sie schon, dass sie ihm von Gott und dem richtigen Glauben predigen konnte? Nur mühsam schaffte er es, seinen Zorn zu verbergen und fragte gefährlich leise:
„Wer hat dir das erzählt?"
„Dann ist es also wahr?" Stellte Rune statt einer Antwort eine Gegenfrage, die Alexander nicht im Geringsten gewillt war, zu beantworten. Was ging es diese Frau auch an? Nichts!
„Wer…" Begann er erneut, diesmal jedoch lauter. Gleichzeitig ging er einen Schritt auf sie zu und es sah fast so aus, als wolle er die Hand erneut heben um ihr eine Ohrfeige zu verpassen…oder schlimmeres.
„Eine…Freundin…." Ließ sich Rune zu einer Antwort herab ohne in irgendeiner Weise zurück zu weichen. Er würde sie nicht töten… Nicht hier…oder?
Diese verdammte Vampirin… Dachte er zornig. Alexander schwor sich, diese als erstes zu töten, wenn es zu einem Kampf kam.
„Meiner Meinung nach ist die katholische Kirche eine einzige Farce!" Begann Rune plötzlich ohne jegliche Zusammenhänge. Sieh hatte die Arme vor der Brust überkreuzt und begegnete seinem Blick direkt, ohne auszuweichen! „Ihr stellt euch hin und behauptet ihr seid der einzig wahre Weg zu Gott! Das alles kommt mir vor wie ein Jahrmarkt. Jeder behauptet den wahren Glauben zu vertreten und versucht so viele Menschen wie möglich zu bekehren. Wie weit soll das noch gehen? Ein Bonus bei lebenslanger Mitgliedschaft? Vielleicht einen extra schönen Grabstein?
Ihr versprecht das Paradies – aber was, wenn es das alles nicht gibt? Woher wollt ihr Priester wissen, dass es Eden gibt? Wart ihr je dort? Jeder kann etwas versprechen, von dem er nicht weiß, ob es wirklich existiert!"
Alexanders Augen weiteten sich. „Du wagst es…" Begann er, doch Rune unterbrach ihn und ging ihm sogar noch einen Schritt entgegen:
„Ihr wollt Gottes Wort verbreiten – notfalls mit Gewalt – und dass ist garantiert nicht Gottes Wunsch! Ich weiß nicht ob es Gott gibt. Ich zweifle daran. Ich glaub' nicht an einen Mann auf einer Wolke, der uns alle steuert. Denn wenn es ihn wirklich gäbe, müsste ich ihn abgrundtief hassen! Er hat zugelassen, dass meine Familie getötet wurde! Er lässt es zu, dass diese Bestien, diese Vampire und Zombies zahllose Menschen vernichten!
Wenn er diese Welt geschaffen hat, warum achtet er nicht besser auf sie? Warum hilft er uns nicht? Wenn er uns geschaffen hat, warum hat er uns keinen besseren Charakter gegeben? Kannst du mir das sagen, großer, katholischer Priester?" Ihre letzten Worte troffen förmlich vor Zynismus und sie stand kaum mehr als einen Schritt von ihm entfernt. Immer noch hatte sie die Arme vor der Brust überkreuzt und so war sie ihm noch ein wenig näher.
Andersen sah auf sie hinab und begegnete ihrem herausfordernden, fast schon kampfeslustigen Blick, durch den plötzlich ein Welle an Emotionen huschte, die er angesichts der Düsternis um sie herum und der Schnelligkeit, mit der sie wieder verschwanden, kaum erfassen konnte.
„Vielleicht….vielleicht hat Gott etwas anderes mit dir vor? Vielleicht…ist deine Bestimmung eine andere?" Flüsterte sie leise. Ihr letzter Satz war fast nicht mehr hörbar und die harten Worte, die er sich für sie zu Recht gelegt hatte, erstarben augenblicklich auf seinen Lippen.
Er sah sie schweigend an, als hätte sie etwas Weltbewegendes gesagt. Aber war es das für ihn nicht auch? War es für ihn nicht eine Ausrede? Ein Freifahrtsschein?
Gott hat etwas anderes mit dir vor…. Die magischen Worte. Eine Entschuldigung für die grausamsten Taten…
Entschuldigen Sie Herr Richter, aber den Mord an dieser Familie war ein Auftrag, den Gott mir gegeben hat!
Aber hatte er nicht von jeher so gehandelt? Es war seine Aufgabe in Gottes Namen Untote zu vernichten – und wenn ihm Ungläubige in den Weg gekommen waren, hatte er nie auf sie geachtet.
Menschen, er hatte sich selbst nie als eines dieser schwachen Individuen gesehen, waren Kollateralschäden, wenn sie bei seinen Einsätzen starben. Auch wenn es harmlose Bürger waren. Sie waren selbst Schuld, wenn sie bei einem Ghoulangriff keinen Schutz suchten, sondern stattdessen nur wie gebannt dem Kampf zusahen. Ein paar andere gingen drauf, weil sie Informationen zurückhielten. Und? Was machte das schon?
Alexander bemerkte erst nicht, wie Rune zurücktrat und ihn, fast schon nachdenklich ansah. Erst, als er sie in der Dunkelheit kaum mehr ausmachen konnte erkannte er, dass sie ihn in Richtung Hellsing Manor, verließ.
Was sollte das? Er war noch nicht fertig mit ihr! Entgeistert sah er ihr nach und für einen kurzen Moment wusste er nicht, was er tun sollte. Sollte er ihr folgen? Sollte er es lieber sein lassen? Wie konnte sie ihn einfach stehen lassen? Gerade sie? Was gab ihr das Recht dazu?
Mit einem ruckartigen Kopfschütteln vertrieb er das Wirrwarr seiner Gedanken jedoch. Langsam folgte er ihr. Er würde sie nicht einholen, nein, das wollte er nicht. Aber da er den gleichen Weg hatte, musste er ihr wohl oder übel nachgehen.
Er sah ihre Umrisse ein gutes Stück von ihm entfernt, wie sie zielstrebig auf die Villa Hellsings zuging und schlagartig wurde ihm klar, dass dieses Duell an sie ging. Sie hatte ihn regelrecht niedergestreckt, nicht mit dem was sie gesagt hatte, zumindest nicht mit allem – sondern wie sie es gesagt und wie sie sich verhalten hatte.
Er sah wie das Licht der Laternen, die am Hauptweg des Gartens standen, auf sie fiel, als sie diesem folgte und er spürte ein Ziehen in der Magengegend. Er hatte sie unterschätzt. Sie war stärker als er und vielleicht auch sie selbst gedacht hatte.
Vielleicht ist deine Bestimmung eine andere…. Ihre Worte ließen ihn nicht mehr los und Alexander dachte an den Blick ihrer Augen. Was hatte er gesehen? Erkenntnis? Schuld? Hoffnung? Vielleicht sogar Liebe…? Er wusste es nicht, konnte es nicht mehr sagen. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er es geglaubt zu wissen. Er hatte schon fast triumphiert, nur um dieses Wissen im nächsten Augenblick zu verlieren….
Rune sah ein paar roter Augen auf sich zukommen und wusste, auf Grund deren Höhe, dass es Seras war, die in der Dunkelheit, auf sie zukam. So sehr sie ihre Freundin auch mochte und so wenig sie sie in letzter Zeit gesehen hatte, war es ihr in diesem Moment jedoch regelrecht zuwider mit ihr reden zu müssen.
„Nicht jetzt…." Sagte sie deshalb etwas schroffer, als beabsichtigt und ging an der verdutzten Vampirin vorbei, als wäre diese nichts weiter als ein unbeliebter Störenfried.
Seras sah ihr nach und runzelte argwöhnisch die Stirn. Erst wollte sie Rune hinterher, doch sie fühlte die Wut ihrer Freundin und blieb etwas ratlos stehen.
Walter hatte ihr erzählt, dass Integral Hellsing Rune durch Alucard hatte prüfen lassen! Um ihre Kraft aus ihr herauszulocken. Seras wusste nicht, was Rune gesehen hatte, aber sie kannte ihren Meister nur zu gut und wusste, dass es garantiert nichts Schönes gewesen war. Nichtsdestotrotz kam Rune ihr weder verstört noch verzweifelt vor, jedenfalls nicht in dem Maße, wie Walter es ihr beschrieben hatte. Nach seinen Angaben war sie, wütend und weinend, aus dem Keller regelrecht geflüchtet. Das was sie jedoch jetzt ausstrahlte war eher eine gereizte Angriffslustigkeit. Aber sicher war sie sich nur, auf Grund der Reaktion und einigen wenigen Schwingungen.
Du klingst wie eine Wahrsagerin, unkte Seras mit sich selbst. Ich spüre eine negative Energie, nehmen sie sich vor schwarzen Katzen in acht….
Plötzlich fühlte sie sich, als würde sie jemand beobachten. Seras wandte sich um und erkannte, etwas weiter entfernt im Halbdunkel Alexander Andersen. Augenblicklich zuckte sie zusammen, doch dann bemerkte sie, dass er nicht sie ansah. Es schien, als hätte er sie noch nicht einmal bemerkt… Sein Blick ging zwar in ihre Richtung, doch es war nicht sie, die er anstarrte – das wusste die Vampirin augenblicklich. Sie runzelte die Stirn und sah zurück zu Rune, die schon fast am Haus angekommen war und nun vom Licht der Laternen auf dem Hauptweg angeleuchtet wurde. Die Sachen die sie trug waren verschmutzt und ihre Bluse an einigen Stellen eingerissen. Aus dieser Entfernung hätte sie als Mensch diese Details niemals wahrgenommen und nicht zum ersten Mal war sie froh, ein Vampir zu sein.
Was zum Teufel ist passiert? Fragte sie sich und sah erneut zu Andersen, der nun auf sie zu kam.
Hoch erhobenen Kopfes ging Seras auf ihn zu.
„Was haben Sie…" Nahm Seras all ihren Mut zusammen und wurde fast gänzlich ignoriert.
„Aus dem Weg, Vampir!" Andersen ging an Seras vorbei ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Gerade wollte diese einen entsprechenden Kommentar loslassen, denn immerhin ging es hier um das Wohl ihrer Freundin, als sie die Stimme ihres Meisters in ihren Gedanken hörte.
Keine Zeit für Spaziergänge, kleine Polizistin! Ghoulangriff in Kensington! Sag's dem Schweinepriester und fahrt mit Fargason!
Zum zweiten Mal in wenigen Minuten runzelte Seras argwöhnisch die Stirn. Alucard klang irgendwie anders als sonst, irgendwie…. Sie wusste nicht, wie sie es beschreiben sollte. Fröhlicher war zu menschlich, Alucard war nie fröhlich… Vielleicht gut gelaunt? Ja das traf es eher.
„Warum immer ich?" Fragte sich Seras und seufzte leise. „Da kommt man grade von einem Einsatz und muss schon wieder los…."
Sie beschleunigte ihre Schritte, um zu dem Katholiken aufzuschließen. „Ghoulangriff in Kensington, Pater Andersen. Wir sollen zu General Fargason!" Rief sie im Überholen. Sie hörte ihn noch verächtlich schnauben, bevor ihre Schritte an Schnelligkeit gewannen und sie schließlich in Richtung Truppenplatz rannte.
Während Seras Victoria und Alucard Hellsing Manor verließen, war Integral in die Wärme ihres Zimmers zurückgekehrt. Noch Minuten zuvor hatten sie und Alucard, sich küssend, auf dem Balkon gestanden und nun war er wieder dort draußen, um Ghoule zu vernichten...
Fast wäre es zu einem peinlichen Zwischenfall gekommen. Walter hatte sie aufgesucht, um ihr mitzuteilen, dass es einen Ghoulangriff in Kensington gegeben hatte und dass das Dorf von dem Rune geträumt vernichtet worden war. Das Dorf, in dessen angrenzendem Wald Rune eine Vision gehabt hatte und mehr Erkenntnisse über die Allianz und deren Führer gewonnen worden waren. Der Überfall auf das Dorf hatte sie nicht so schockiert, wie die Brutalität, mit der die Dorbewohner niedergemetzelt worden waren. Noch nicht einmal vor Kindern hatten sie halt gemacht… Diese Bastarde, die sich „Die Allianz" nannten.
Alle Einwohner waren getötet und die Häuser weitgehend niedergebrannt worden.
Dieser Wahnsinn musste bald ein Ende haben!
Er wird es…. Dachte Integral zornig. Wir werden sie vernichten. Mit Iscariots Hilfe…
Natürlich hätte Integral am liebsten auf die Hilfe des Vatikans verzichtet. Sie hatte regelrecht kriechen müssen, um eine Zustimmung Maxwells zu bekommen… Widerlich und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als diesem widerwärtigen Ekel das Grinsen aus dem Gesicht zu wischen! Aber vielleicht ergab sich noch eine Möglichkeit dazu, wer wusste das schon…
Ihre Gedanken kehrten zu Walter zurück, der sie fast entdeckt hatte. Wäre Alucard kein Vampir, wären sie gnadenlos aufgeflogen worden. Andererseits wäre es nicht derart schlimm gewesen, wenn Walter es erfahren hätte.
Sie sah ihr eigenes Spiegelbild in der Fensterscheibe. Blass wie immer – bis auf die Röte ihrer Wangen. Sie erschauderte leicht, als sie daran dachte, was zuvor zwischen ihr und Alucard geschehen war. Schon seit längerem hatte sie davon geträumt und ein Teil von ihr, ein ziemlich großer sogar, hatte sich nach der Realisierung dieser Träume gesehnt. Auch wenn dadurch vieles kompliziert würde. Integral schloss die Augen und ihr Herzschlag beschleunigte sich, als sie sich seine Berührungen in Erinnerung rief. Nie hätte sie geglaubt, dass er so sanft und rücksichtsvoll sein konnte. Sie übertrieb nicht und verkitschte das Geschehene auch nicht. Es war eine Tatsache, die sie nicht leugnen konnte, auch wenn sie es gewollt hätte.
Integral wusste nicht, wohin sie das alles führen würde. Eines jedoch wusste sie. So wohl sie sich auch fühlte, durfte sie sich niemals zu sicher fühlen. Alucard war en Vampir – und der König der Unsterblichen noch dazu.
„Vergiss das niemals," ermahnte sie sich selbst leise, rückte ihr Kreuz zurecht und verließ ihr Zimmer, um ihr Büro aufzusuchen.
Das Anwesen der Familie Hellsing war eine riesige, alte Villa und Leanor mochte diese. Das hatte sie bereits nach ihrem ersten Besuch festgestellt. Die Größe, der Geruch nach altem Holz und Staub hatten sie sofort in ihren Bann gezogen.
Die beiden riesigen Flügel, die sich vom Hauptgebäude abzweigten beinhalteten jeder eine Vielzahl an Zimmern und Räumen. Allein achtundzwanzig Gästezimmer in beiden Flügeln – die anderen Wirtschaftsräume und das Hauptgebäude und die Kellerräume nicht mitgezählt.
Ein Paradies für einen unbeobachteten Einstieg – und sie freute sich, das Haus wieder zu sehen. Leanor machte sich eine gedankliche Notiz, ihren Vater darum zu bitten, ihr dieses Haus, nach der Schlacht, zu schenken.
Im Nordflügel, in dem sich ihre Einstiegsmöglichkeit befand, war durch Alexander Andersen in diesen Tagen nur ein einziges Zimmer besetzt. Sir Hellsing bewohnte größere Räumlichkeiten auf der zweiten Etage des Hauptgebäudes und der Butler lebte im Erdgeschoss. Die Soldaten bewohnten eines der Nebengebäude. Die Vampire hielten sich am Tage im Keller verborgen und Rune… Rune befand sich im ersten Stock des Südflügels, im ersten Zimmer des Flures. Wie nachlässig von Hellsing, nur mit Werwölfen oder Vampiren zu rechnen, dachte Leanor.
Vorsichtig legte sie ihren Spiegel auf den Betonboden. Das Glas schimmerte im Licht der Kerzen und die Bewegungen unter dessen Oberfläche erstarben für einen Augenblick. Leanor warf einen Blick zu Adam, sprach ihn jedoch erst an, als sie wieder auf ihren Spiegel am Boden sah. „Achte auf ihn, oder du wirst dir wünschen ewig in der Hölle zu schmoren!"
„Ich werde ihn mit meinem Leben beschützen." Antwortete der junge Werwolf und nahm Haltung an, als wäre er beim Militär. Er dachte an Raul und das, was mit ihm passiert war – und wusste das, auch wenn damals das Haustier Hellsings ihn getötet hatte, ihm selbst doch ähnliches blühte, wenn dem Spiegel etwas zustieß. Vielleicht sogar schlimmeres.
Die Zauberin in Gestalt eines jungen Mädchens ließ sich zu einem verächtlichen Lächeln herab. „Das weiß ich."
Sie konzentrierte sich und murmelte leise etwas, was er nicht verstand. Ob es an den Worten selbst, oder an seinem Gehör lag, konnte Adam nicht sagen. Der Blick ihrer durchdringenden gelben Augen schien das Glas durchbohren zu wollen und Adam rechnete damit, dass es in tausend Scherben zerspringen würde. Dem war jedoch nicht so und es geschah etwas, mit dem Adam nicht gerechnet hatte. Er wusste, dass der Meister und seine Tochter Kräfte besaßen, die über seine Vorstellungskraft hinaus gingen. Kräfte, von denen er nicht einmal zu träumen wagte. Er hatte gesehen, was dieses vermeintliche Mädchen mit ihrem Spiegel anrichten konnte – und war froh auf der richtigen Seite zu stehen. Umso mehr, als er sah, wie sich ihre Konturen aufzulösen begannen.
Er blinzelte. So etwas hatte er noch nie gesehen. Wenn Leanor ihren Spiegel benutzte um zu reisen, so hatte immer Andris auf diesen geachtet. Andris… Sein direkter Vorgesetzter und das Sprachrohr des Meisters, war zu Zeit mit einigen Auserwählten und Ghoulen in Kensington. Warum wusste er nicht genau, aber es würde sich sicher bald zeigen…
Oh ja, sie waren organisiert, wie das Militär. Sie hatten Ränge, wie die einfachen Fußsoldaten, Offiziere und so weiter, der Menschen.
Spitzel berichteten ihnen über die Situation oberhalb der Kanalisation und brachten sie mit Waffenhändlern in Kontakt, denn auch wenn sie übermenschlich stark waren, so würden sie ein Risiko doch nicht eingehen. Adam zwang sich seine Gedanken wieder auf das Hier und Jetzt zu richten und das Geschehen erinnerte ihn an einen Science-Fiction Film. Der Körper Leanors begann zu zerfließen.
Ähnlich einer Plastikente, die man zu lange auf einer heißen Kochplatte hatte liegen lassen – so begannen auch Leanors Körperteile wie Wachs zu schmilzen. Ihr Gesicht fiel ein, als säßen weder Knochen noch Gehirn dahinter. Ihr weißes Haar bekam die Konsistenz von Wachs – zumindest erschien es Adam so – und floss ihren Rücken hinab. Die Hitze die der junge Werwolf erwartete blieb jedoch aus. Anstelle eben dieser trat eine eisige Kälte, die ihm jeden Luftzug zur Qual werden ließ und sein Atem stand ihm in einer weißen Wolke vor dem Gesicht. Er wagte jedoch nicht sich in irgendeiner Weise zu bewegen, aus Angst das grauenhafte Etwas, das einmal ein kleines Mädchen gewesen war würde ihn töten. Adam verharrte stumm an seinem Platz und beobachtete angeekelt und fasziniert zugleich wie sich die Überreste Leanors in eine Wolke schwarzen Rauches verwandelten. Schwarzer Rauch… Anders konnte er es nicht beschreiben, denn das was dort kurz über dem Boden schwebte, hatte zumindest in seiner Sprache keinen Namen.
Ein leises Lachen ertönte und ein eisiger Schauer lief über seinen Rücken. Der schwarze Rauch bewegte sich über den Spiegel, welcher für einen kurzen Moment aufflackerte, als hätte jemand hinter dessen Glas eine Lampe an und ausgeschaltet.
Der Rauch…nein Leanor…wurde förmlich in den Spiegel hinein gesogen, oder kroch hinein, wie auch immer man es nennen wollte. Es war vergleichbar mit einem brennenden Haus, wenn der Rauch des Feuers unter den Türritzen hindurch quoll. Hier handelte es sich jedoch um einen Spiegel, in den der vermeintliche Rauch eindrang… Adam wusste, dass dieser Spiegel nicht nur eine Waffe, sondern auch ein Art Teleporter war. Eine Verbindung, mit der man von Ort zu Ort reisen konnte, ohne auf Autos, Flugzeuge, Boote oder die eigenen Füße angewiesen zu sein. Was für eine wunderbare Art sich fortzubewegen, dachte Adam und musste trotz des eben gesehenen lächeln.
Wenn er nur so reisen könnte…
Der Raum war dunkel.
Die geschlossenen Fensterläden sperrten das Licht des Mondes fast gänzlich aus. Aber nur fast. Ein paar dünne Strahlen Mondlicht hatten es doch geschafft sich durch Ritzen des relativ alten Holzes zu stehlen. Ihr schwacher Schein fiel auf weiße Decken unter denen man die Umrisse von Möbeln erkennen konnte. Hier ein Sofa, dort ein Ohrensessel. Dazwischen vielleicht die Essfläche eines Tisches.
Träge tanzten Staubflocken einen langsamen Walzer durch die Luft und wogen sich einsam oder in Paaren über Boden und Möbel. Plötzlich durchbrach ein leises Klirren die Stille des Raumes. Für das Gehör eines Menschen nicht wahrnehmbar klang es, als würden zwei Weingläser aneinander gestoßen – nur ungleich höher. Das Geräusch hielt sich länger und schien erst nach einer Weile langsam abzuklingen.
Erst jetzt kam ein hoher, flacher Gegenstand in Sicht, der in der hinteren Ecke des Raumes stand. Auch er war mit einem langen, weißen Tuch bedeckt, welches seine rechteckige Form gänzlich umschloss. Kaum war das Klirren abgeklungen, begann sich das Tuch über dem Gegenstand zu bewegen. Millimeter für Millimeter erst und kaum sichtbar, begann sich etwas Spitzes unter dem Tuch abzuzeichnen. Man hätte es übersehen können, hätte man nicht genau hingesehen… Der spitze Gegenstand schien in etwas ovalem auszulaufen und je mehr das Tuch ausgefüllt wurde, desto mehr rutschte es von dem hohen Gegenstand.
Ein kleiner, weißer Fuß blitzte unter dem Tuch hervor und eben diesen Zeitpunkt suchte sich letzteres aus, um gänzlich von dem Gegenstand zu rutschen, über den es einst gehangen worden war. Das hohe Rechteck entpuppte sich als ein, in einem mannshohen Holzrahmen eingefasster Spiegel. Sein Glas glitzerte matt im Halbdunkel des Raumes und für Sekunden schien es, als wirbelten Rauchschwaden über das Glas – oder handelte es sich nur um eine Sinnes Täuschung? Denn, kaum einen Lidschlag später, war nur noch das Spiegelbild des weißen Tuchs über dem Eindringling zu sehen. Dieser verharrte einige Sekunden, vielleicht um auf irgendeine Gefahr zu horchen. Vielleicht war sein Eindringen bemerkt worden?
Dem schien jedoch nicht zu sein, denn es geschah nichts. Weder stürmten bewaffnete Soldaten in den Raum, noch tauchte sonst irgendein ungetener Gast auf.
Schließlich stahl sich eine weiße Hand unter dem Tuch hervor, hob sich und weiße Finger ergriffen den Stoff. Langsam zog der Eindringling das Tuch von seinem Kopf und ließ es achtlos neben sich fallen.
Ein junges Mädchen, vielleicht 12 Jahre alt mit weißem Haar und gelben Augen kam zum Vorschein.
Leanor….
Sie kicherte leise, der Werwolf hatte vielleicht geguckt… Er hatte sich fast in die Hose gemacht. Sie hatte seine Angst gerochen.
Natürlich hätte auch ohne großes Brimborium in den Spiegel eintreten können, doch es wäre bei weitem nicht so komisch gewesen. Diese kleine Machtdemonstration würde ihm ein Warnung sein. So würde er noch besser auf ihren Spiegel achten…
Staubflocken kitzelten ihre Nase und ein leises Niesen durchbrach die Stille. Sie schüttelte ihre weiße Lockenpracht und horchte erneut auf Schritte von Soldaten.
Bei ihrem ersten Eindringen in Hellsing Manor wäre sie fast einem Soldaten begegnet. Sie hatte sich zu sicher gefühlt und hatte sich so wie sie war, in diesem unbewohnten Flügel ein wenig umsehen wollen. Ein Fehler. Denn selbst dieser wurde bewacht! Natürlich war es für sie ein Kinderspiel an den Wachen vorbeizukommen, die die Gänge auf und ab patrouillierten. Wenn sie jedoch unachtsam war… Außerdem hätte Alucard sie fast erwischt. Der Vampir war einfach wie aus dem Nichts aufgetaucht und sie hatte sich gerade noch in einen Spiegel flüchten können.
Leanor hätte sich für diese Dummheit am liebsten zerfetzt, doch für so etwas war einfach keine Zeit geblieben. Ihr Vater brauchte sie und sie konnte von Glück sagen, dass er ihr zumindest verzeihen konnte… Aber das war vor Wochen gewesen…und jetzt war jetzt.
Trotz allem hatte es sich gelohnt die Kraft aufzuwenden, um die Spiegel zu präparieren.
Die Chancen die sich der „Allianz", die sich ihr und ihrem Vater dadurch boten, waren unvergleichlich… Schade dass die Kraft nicht mehr ausgereicht hatte, mehr Spiegel als Eintrittsspiegel zu präparieren… Natürlich hatte sie sämtliche Spiegel Hellsing Manors für Beobachtungen präparieren können. Diese Art von Zauber war nicht schwer. Sie hatte sie damals, in der alten Zeit, als ihr Vater noch Herrscher über das gesamte Land war auf neue Spiegel angewandt. Spiegel, die sie gemeinsam erschaffen hatten. Einige davon wurden den Untertanen gegeben, die Loyal waren, als Belohnung – ohne dass sie wussten, dass es der Überwachung diente. Wie schön die Zeit vor dem Umsturz gewesen war, vor dem Zusammenschluss der Wächter…. Mit Widerwillen erinnerte sie sich an die Qualen, die sie erlitten hatte. Wie das Feuer sich langsam in ihr Fleisch gefressen hatte und Stück für Stück ihren Körper vernichtete. Ein Zittern lief durch ihren Körper. Stets war das Feuer ihr Element gewesen, bis zu diesem kalten Wintermorgen, an dem sie auf den Hof ihrer eigenen Festung hinausgezerrt worden war. In Ketten, die jeweils mit einem mächtigen Bann belegt worden waren hatte man sie die Stufen zum Scheiterhaufen empor gezerrt.
Die Festung war gefallen, das, was sie nie für möglich gehalten hatten, war eingetreten.
Der Orden der Wächter war stärker gewesen, als sie gedacht hatten, sie hatten sie unterschätzt und hatten dafür teuer bezahlt. Leanor schloss die Augen. Versuchte die Erinnerungen an die Qualen ihres Todes und das lange Warten auf einen Körper aus ihren Gedanken zu verbannen.
Wären unsere loyalen Diener nicht gewesen, wäre ich jetzt immer noch ein Häufchen Asche, dachte sie verbittert. …und mein Vater wäre immer noch… Stopp! Sie schüttelte wütend ihren Kopf. Lass dich nicht von Erinnerungen überwältigen, Leanor! Ermahnte sie sich selbst.
Du bist hierher gekommen, um einen Plan umzusetzen, du musst den finalen Stein ins Rollen bringen, bevor alles zusammenbricht!
Das Gelb ihrer Augen flackerte, als sie diese öffnete und sie verbannte jegliche Erinnerungen an diese schrecklichen Tage aus ihrem Gedächtnis. Zumindest für eine Weile….
Leanor konzentriert sich, wie kurz zuvor in der Kanalisation und murmelt etwas leise vor sich hin. Es waren unverständliche Worte, eine längst vergessenen Sprache, die kein Lebewesen mehr verstehen konnte.
Wie in der Kanalisation verlor sie auch diesmal jegliche Form…ohne jedoch zu zerfließen. Sie schien sich aufzulösen, nur um gleich darauf zu einem Schatten zu werden. Als solcher glitt sie durch den Raum und unter den Spalt der Tür hindurch, die auf den Flur hinausführte. Immer ihr Ziel vor Augen, stieg sie, ähnlich einem mit Helium gefüllten Ballon, an die Decke und glitt flach darüber hinweg. Ein Schatten, kaum sichtbar für das menschliche Auge und tödlicher als die Pest…
Während Leanor sich langsam ihren Weg unerkannt durch Hellsing Manor bahnte, war Rune an ihrem Zimmer angekommen. Mit einem Ruck, der ihren Zorn verriet, riss sie die Tür auf und betrat ihr Zimmer. Achtlos ließ sie die Tür mit einem Knall hinter sich ins Schloss fallen und atmete tief durch.
„Verdammte Scheiße!" Fluchte sie und hätte ihrem Ärger am liebsten Luft gemacht, indem sie irgendetwas zertrümmert hätte. Sie zog ihre Dreck verkrusteten Schuhe aus, wobei sie einige Mühe mit ihren klammen Fingern die Schnürsenkel zu öffnen und ließ sie einfach wie sie fielen vor der Tür stehen.
Es war alles so wunderbar gewesen… Sicher, sie hatte gewusst, dass, wenn es überhaupt geschah, es eine einmalige Sache sein würde. Immerhin war er Priester…und doch… Seine Worte hatten sie hart getroffen. Nie hätte sie ihn für derart radikal gehalten. Sicher, Seras hatte ihr einiges erzählt – und trotzdem hatte sie es nicht wahrhaben wollen. Tief in ihrem Herzen hatte sie geglaubt, ihn ändern zu können. Sie hatte geglaubt, sie würde ihm etwas bedeuten. Sie hatte sich geirrt – und die Erkenntnis schmerzte mehr als sie es sich eingestehen wollte. Gleichzeitig brannte die Wut über seine Aussage wie eine heiße Fackel in ihr.
Mit einem Mal jedoch verrauchte der Zorn in ihr – und machte kalter Angst platz. Ihr Blick war durch Zufall über ihren Schreibtisch gewandert und was dort lag, jagte eiskalte Schauer durch ihren Körper.
Auf der Tischplatte des Schreibtisches, lag ein Briefumschlag. Eigentlich nichts Schlimmes und für die meisten Menschen auch kein Grund zur Besorgnis, doch bei ihr lagen die Dinge etwas anders... Was für manche Menschen normal war, konnte für sie den Tod bedeuten – oder zumindest eine schreckliche Veränderung. Auch hier, in Hellsing Manor trotz seiner Soldaten und Vampire. Zu Anfang hatte sie kaum schlafen können. Hatte auf jedes noch so kleine Geräusch gelauscht. Jeder Schritt der Wachen, jedes noch so kleine Knarren des Hauses hatte sie fast aus dem Bett springen lassen. Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, bis sie sich daran gewohnt hatte, sich fallen lassen zu können. Zumindest was den Schlaf betraf.
Ihre Gedanken kehrten zurück zu dem eigentlich wichtigen Anliegen.
Sie hatte keinen Brief geschrieben, das wusste sie genau – an wen auch? Alle an die sie hätte schreiben können waren tot. Langsam nährte sie sich dem Schreibtisch und dem darauf liegenden Brief.
Erst jetzt erkannte sie, dass dieser schon einige Jahre alt sein musste. Denn das einstige Weiß war an einigen Stellen gräulich verfärbt. Zögernd streckte sie die Hand danach aus. Wer könnte ihr hier einen Brief schreiben? Niemand, den sie auf Hellsing Manor kennen gelernt hatte, schien dafür in Frage zu kommen. Für kurze Zeit sah sie eine Bild vor ihrem inneren Auge. Alucard, wie er über einen Tisch gebeugt, einen Brief schrieb – und ein leises Kichern fand den Weg über ihre Lippen. Was für eine Vorstellung… Der Meister der Unsterblichen, wie er sich gerne nannte, als Briefschreiber. Wahnwitzig – aber äußerst komisch! Sie würde auf ihre Gedanken achten müssen, das nächste Mal, wenn sie ihm über den Weg lief. Er war kein Mensch…Vampir, korrigierte sie sich, der Spaß verstand. Allein so viel hatte sie schon gemerkt.
Jetzt nimm schon den verdammten Brief! Wies sie sich innerlich an. Es ist ja nicht so, als ob er dich fressen wird… Öffne ihn!
Schließlich nahm sie ihn an sich und setzte sich auf das Bett.
Sie wog ihn leicht in der Hand, er relativ leicht. Eben ein ganz normaler Brief. Womit hast du auch gerechnet? Fragte eine bissige Stimme in ihren Gedanken. Etwa einer Bombe?
„Ich weiß nicht…" Murmelte Rune leise und drehte den Brief unschlüssig in ihren Händen. Dabei bemerkte sie zweierlei.
Zum einen war die Lasche des Umschlags nicht verschlossen, sondern nur ins Innere geschoben.
Zum anderen schien sich noch etwas außer dem Papier selbst in dem Umschlag zu befinden.
Etwas zeichnete sich unter ihm ab. Ganz leicht nur und auf dem ersten Blick nicht ersichtlich. Vorsichtig fuhren ihre Fingerspitzen die Kanten nach, die das Umschlagpapier etwas ausbeulten. Kaum ertastbar aber trotzdem da. Etwas dünnes, rechteckiges…vielleicht ein Foto?
Ob sie wollte oder nicht, ihre Neugier war geweckt.
Langsam zog sie die eine, nicht zugeklebte Seite, aus dem Umschlag, schob Zeige – und Mittelfinger in diesen und spreizte sie, um in ihn hineinschauen zu können. Wie es aussah befand sich nur ein einziges Papier darin und etwas das aussah, wie ein Foto… Es schien eine Person darauf zu sein, doch Rune entschied sich dafür, zuerst den Brief zu lesen und nahm das Papier aus dem Umschlag. Sie bemerkte gar nicht, wie sie die Luft anhielt, als sie das Papier raschelnd auseinander faltete. Es war nur ein einziges Blatt und von beiden Seiten beschrieben.
Sie sah die ersten Buchstaben des Briefes und an wen dieser adressiert war – und sämtliche Vorsicht war vergessen. Gebannt fing sie an zu lesen…
Geliebte Rune,
wenn du diesen Brief liest, werde ich nicht mehr leben. Mein Name ist Morgan McCallister und ich weiß nicht, wie ich es anders sagen soll, aber du bist nicht die Tochter von Sean und Christine. Du bist mein Kind, Rune Morgana. Du bist eine McCallister.
Sean und Christine O'Brian, die du zweifellos bis jetzt für deine leiblichen Eltern gehalten hast, sind wundervolle Menschen. Bitte sei ihnen nicht böse, dass sie es dir nicht früher gesagt haben. Aber ich wollte es so – du hättest es nicht eher verstanden.
Ich liebe dich, meine Kleine, mehr als mein eigenes Leben – und deswegen muss ich dich abgeben.
Wie du mich angesehen hast, als du in meinen Armen lagst und sich deine kleinen Händchen zu Fäustchen ballten. Ich wünschte ich könnte dich mit nach Hellsing Manor nehmen. Aber das ist kein Ort für ein kleines Würmchen wie dich.
Ich weiß, er hätte sich so gefreut, dich zu sehen…
Du fragst dich sicherlich, warum dein Vater nie nach dir gesucht hat. Er konnte es nicht, da ich es ihm nie erzählt habe. Wenn er von dir gewusst hätte – dann hätte er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um dich zu finden, glaub mir das! Er ist ein wundervoller Mann und ich liebe ihn sehr.
Wenn mir verzeihen kannst und du deinen Vater sehen und mit ihm sprechen willst, wende dich an Harrold Birch, Marketplace 15 in London, England. Zeig ihm meine Unterschrift. Er weiß über alles Bescheid und wird dich zum Anwesen der Familie Hellsing bringen. Frage nach Walter C. Dolneaz. Er ist dein Vater…
Rune hatte nicht aufhören können zu lesen. Das was ihr der Brief sagte, schien durch ihr Gehirn hindurch zu gleiten, ohne sich fest zu setzen – bis jetzt. Erneut überflog sie die Zeilen und alle Kraft schien aus ihr zu weichen.
Der Brief glitt ihr aus den Händen und fiel mit einem leisen Rascheln auf den Boden. Die Stille in ihrem Zimmer schien sie mit einem Mal zu erdrücken.
Ihre Eltern wahren nicht mehr ihre Eltern. Die Menschen, bei denen sie aufgewachsen war, von denen sie geglaubt hatte zu ihnen zu gehören…waren eigentlich Fremde… Die Menschen, die wegen ihr gestorben waren…. „Sie sind wegen mir gestorben…" Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „…ich bin noch nicht mal ihr Kind…" Sie schwankte, fühlte sich merkwürdig leicht.
Hört das denn nie auf…? Fragte sie sich verzweifelt und fühlte, wie im selben Moment ihre Augen zu brennen begannen. Augenblicklich schäumte Wut in ihr hoch.
„Und schon wieder fängst du an zu heulen." Zischte sie zornig. „Erbärmlich!"
Am liebsten hätte sie ihren Frust herausgeschrieen. Die ganze Wut, über Alucard und seine verdammten Spielchen, über Andersen und seine radikalen Ansichten…und über die Erkenntnis dass ihr bisheriges Leben eine Lüge gewesen war.
Der Brief der sie erst jetzt erreicht hatte, nach all den Jahren – und ihr bisheriges Leben zu einer Lüge machte. Vor ihrem inneren Auge sah sie ein Bild aus glücklicheren Tagen.
Mit einem lauten Knall drückte ein Stempel ein unwiderrufliches Wort darauf.
LÜGE.
Ihre richtigen Eltern waren….Ihr richtiger Vater war…Walter… Der getreue Butler Lady Hellsings – und ihr, Runes, bester Freund in diesem Chaos…bis jetzt…
Rune hatte es gelesen – und doch nicht wahrgenommen. Der Schock hatte ihre Gedanken gelähmt, nur um sie jetzt noch stärker zu treffen. „Walter…"
Mit Schrecken sah sie zu den dünnen Seiten des Briefes, als würden sie jede Sekunde Zähne bekommen und sich auf sie stürzen.
„Mein…Vater…?" Obwohl sie selbst es laut ausgesprochen hatte, zuckte sie augenblicklich zusammen.
Es klang falsch und unwirklich.
„Walter…" Rune schloss die Augen. So viel… Es ist einfach zuviel… Dachte sie verzweifelt und schlug die Hände vor ihr Gesicht. Am liebsten wäre sie verschwunden. Hätte sich einfach aufgelöst…
Sie konnte zwar ihre Augen vor der Wahrheit verschließen, doch ihren Gedanken konnte sie nicht verbieten, sich weiter zu drehen. Sie drehten sich und drehten sich, bis einzelne Bilder plötzlich einen Film ergaben, der ratternd und mit Anlaufschwierigkeiten startete. Es war, als würde sein Bilderfluss sie mit sich zerren und mit einem Mal, war Rune mitten drin…
Ein, in zwei Hälften aufgeteiltes Studio hieß sie willkommen. Im hinteren Bereich befanden sich Sitzreihen, die wie eine Tribüne, halbmondförmig angeordnet waren. Circa zwei Meter davon entfernt erstreckte sich eine ein Meter hohe Bühne. In deren Mitte stand ein rotes Sofa, mit Blick auf die Publikumstribüne.
„Meine sehr Geehrten Damen und Herren vor den Fernsehern, liebes Publikum. Ich heiße Sie herzlich willkommen bei einer weiteren Folge von „Der Irrsinn des Lebens", " begrüßte ein breit grinsender Talkmaster das anwesende Publikum und die Menschen, die daheim auf ihren Sofas saßen. Ein älterer Herr um die vierzig, mit Schnauzbart und einem glatten, weichen Gesicht, das aussah, als hätte es eine Botox – Behandlung hinter sich. Nicht die kleinste Falte war zu entdecken. Er trug einen Nadelstreifenanzug, wie einer dieser Mafiosi aus den alten Mafia Filmen und die weißen Zähne des Moderators blitzen mit der grellen Beleuchtung des Studios um die Wette. Ein gewinnendes Lächeln, das jede Schwiegermutter glücklich gemacht hätte.
Das Publikum klatschte höflich Beifall. Eine Masse aus rosafarbenen, wohlgenährten Gesichtern, die nur darauf wartete, dass sich etwas spannendes ereignete. Gierig auf die Schwächen anderer Menschen, nur damit sie die eigenen für eine kurze Weile vergaßen.
Nach einiger Zeit hob der Talkmaster beide Hände leicht an um in einer abwehrenden Geste Genugtuung zu heucheln. „Danke sehr", erklang seine wohl tönende Stimme und sein brauner Schnurrbart erzitterte bei jedem Wort, als besäße er ein Eigenleben. „Das Thema der heutigen Sendung ist „Verlorene Kinder, verlorene Eltern" und dazu haben wir heute einen besonderen Gast.
Begrüßen Sie heute bei mir, Miss Rune Morgana McCallister, ehemalige O'Brian."
Rune konnte sich kaum fragen, ob er wirklich sie meinte, als sie sich auch schon mitten in dem gleißenden Licht des Studios befand. Jemand hatte sie nach vorne geschoben und nun ging sie auf das knallrote Sofa zu, welches in der Mitte der Bühne stand. Der polierte Boden schien zu funkeln und Rune richtete ihren Blick auf das Sofa. Eine knallige Farbe, die das Auge reizte – und doch war sie matter als der irrsinnige Boden und das verdammte Licht. Wie können Menschen sich nur tagtäglich hier aufhalten? Fragte sie sich während sie darauf achtete vorsichtig zu gehen, um nicht auszurutschen.
Der Moderator kam ihr ein Stück entgegen und ergriff, als sie ihn erreicht hatte, sogleich ihre Hand. Kühl und trocken hielt er ihre in der seinen und führte sie das letzte Stück, als wäre sie eine alte Dame, deren Beine nicht mehr so ganz mitmachten.
„Miss McCallister…" Er ließ ihre Hand los – und bedeutete ihr mit einem leichten Nicken, sich zu setzen. Rune lächelte gezwungen und kam dieser stummen Aufforderung zögernd nach. Was tat sie hier eigentlich?
Nachdem auch er sich gesetzt hatte, fuhr er fort:
„Sie sind eine außergewöhnliche junge Frau, Miss McCallister – und haben schon einiges erlebt. Wollen Sie unserem Publikum nicht davon erzählen?" Sein Zahnpastalächeln erstrahlte ein wenig gedämpfter. Anscheinend sollte es aufmunternd wirken.
Innerlich schüttelte es Rune. Was für ein Schleimbolzen! Sie wollte nicht antworten, doch die Worte formten sich aus eigenem Antrieb und kamen über ihre Lippen bevor sie etwas dagegen tun konnte.
„Ich bin seit einiger Zeit auf der Flucht vor der „Allianz". Werwölfe und Vampire haben mich und meine Familie verfolgt…und haben sie getötet." Ein ehrfürchtiges Raunen ging durch das Publikum. Anscheinend störte sich niemand an der Tatsache, dass sie von Werwölfen und Vampiren sprach. Als wüssten diese Menschen bescheid… Hier und dort hörte Rune leises Geflüster und entsetztes Einatmen.
Mitfühlend legte der Mann neben ihr, eine Hand auf die ihre, die ruhig auf ihrem Schoß lagen. „Aber dass war noch nicht alles…" drängte er sie sanft und sie schüttelte den Kopf.
„Meine Familie…ist nicht meine Familie. Ich wurde…adoptiert." Die Kameras bewegten sich leicht, so dass sie näher am Geschehen waren.
„Sie wurden also von dem Ehepaar O'Brian aufgezogen, Sean und Christine, richtig? Und Sie haben ihren Adoptivbruder für ihren leiblichen gehalten?" Wiederholte der Moderator die wichtigen Details für das Publikum und Rune blieb nichts anderes übrig als zu nicken.
„Ja."
„….und war die Wahrheit nicht ein Schlag ins Gesicht? Bei alledem, was sie durchgemacht haben?" Bohrte der Showmaster seinen imaginären Finger weiter in die ohnehin schon blutende Wunde.
„Ich…fühlte mich verraten." Antwortete Rune, ohne dass sie sich selbst daran hindern konnte. Es war wie verhext. Als hätte dieser verdammte Moderator sie mit einem Fluch belegt.
„Wie haben Sie herausgefunden, dass Ihre Eltern nicht ihre richtigen Eltern sind?" Kam erneut eine Frage von eben diesem und seine dunklen Augen blitzten erwartungsvoll.
„Ich habe einen Brief von meiner leiblichen Mutter erhalten…" „Die tot ist." Fügte der Mann vor ihr nonchalant hinzu und erneut ging ein Raunen durch das Publikum. Als hätte er etwas wirklich Ehrfürchtiges gesagt. Die polierten Kameras blitzten, als sie sich auf Rune zu bewegten, um jede noch so kleine Regung ihres Gesichtes einzufangen – bloß nichts verpassen! Denn die Gier der Menschen nach Tragödien musste befriedigt werden.
Kein Wunder, dass Shakespeare so einen Erfolg mit seinen Stücken hatte…
Rune nickte stumm – und die Kameras liefen. Das Publikum hielt den Atem an. Das Gesicht des Talkmasters verdunkelte sich etwas und auf seiner glatten Stirn erschien eine kleine Falte. Offenbar hatte er mit einer anderen Reaktion ihrerseits gerechnet.
„Und das hat Sie nicht, sagen wir, irritiert?" Hakte er nach. Ein Hoch auf die Gier der Menschen… Wenn man selbst keinen Schmerz hatte, labte man sich an der Trauer der anderen… Man brauchte nur den Fernseher einzustellen – das nächste Entsetzen war nur einen Knopfdruck weit entfernt. Rune schüttelte den Kopf. „Ich meine", begann sie. „Ja, aber…ich kannte sie nicht." Sie zuckte etwas hilflos mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll…"
Dies schien den Moderator zu besänftigen. Er beugte sich ein wenig vor und legte seine freie Hand auf die ihre und drückte sie leicht. Rune widerstand der Versuchung, sich zurückzuziehen und lächelte gezwungen. Der schwere Geruch teueren Aftershaves kam ihr entgegen und hüllte sie förmlich ein. Der Altherren Duft reizte ihre Nase und nur mit Mühe schaffte sie es, ein Niesen zu unterdrücken. Innerlich schüttelte es sie. Warum hatte sie das nicht schon vorher bemerkt? Dann hätte sie sich etwas von ihm entfernt, auf das Sofa gesetzt.
Aber wahrscheinlich hätte das auch nicht viel genützt…
„Natürlich meine Liebe", brachte er ihr Verständnis entgegen und unterbrach so ihre Gedankengänge. „Das ist nur verständlich." Ein letzter Druck ihrer Hand, dann lehnte er sich wieder zurück. „Aber Ihr Leid wird bald ein Ende haben…"
Rune horchte auf. Was meinte er? Der Moderator musste ihren verwirrten Gesichtsausdruck bemerkt haben, denn er lächelte milde: „Wir von „Irrsinn des Lebens" haben keine Mühen gescheut und haben jemanden gefunden, der Ihnen in dieser schwierigen Zeit beistehen wird." Er machte eine bedeutungsschwangere Pause. „Miss McCallister. Sie haben geglaubt, alles verloren zu haben. Doch Sie sind nicht allein. Jemand anderes hat ebenso gedacht – und dieser jemand ist heute hier…" Er wandte sich in Richtung der Kamera, die ihnen am nächsten war. „Begrüßen Sie, meine Damen und Herren, heute hier bei uns Walter C. Dolneaz! Miss McCallisters leiblichen Vater!"
Rune gefror das Blut in den Adern. Sie hörte den Beifall des Publikums, doch für sie waren es eher Trommeln die sie auf ihrem Weg zum Schafott begleiteten. Sie wagte nicht sich umzudrehen. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter…
„NEIN!" Ihr Schrei hallte in ihren Ohren wieder. Vor ihren Augen zerfiel das Studio in abertausend Scherben, die sich auflösten – nur um kurz darauf dem bekannten Bild ihres Zimmers Platz zu machen. Ihr keuchendes Atmen war das einzige Geräusch im Raum und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.
Sie schloss die Augen und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.
Das, was sie sich eben unfreiwillig selbst ersonnen hatte, war nichts weiter als die bittere Wahrheit – nur in überkandidelter Form – und all das hatte nur ein Ziel:
Konfrontation…
Sie würde es Walter irgendwann sagen müssen… Die Wahrheit…
Wenn sie daran dachte, drehte sich ihr der Magen um. Sie wusste noch nicht einmal, ob sie Walter jemals wieder in die Augen sehen konnte – geschweige denn ihn umarmen.
Für Rune war die Offenbarung ihrer Mutter ein Schlag ins Gesicht! Genau wie es der fiktive Moderator in ihrem Kopf es ausgedrückt hatte.
Sie saß wortwörtlich zwischen zwei Stühlen und wusste nicht mehr, wohin sie gehörte.
Da waren die Menschen, die sie ihr gesamtes Leben begleitet hatten…und dann diese Frau, die behauptete, ihre leibliche Mutter zu sein.
Sie zwang sich zwischen ihren Fingern hindurch, einen Blick auf den am Boden liegenden Brief zu werfen.
Die Wahrheit…
Momentan wollte sie nichts lieber, als den Brief zu verbrennen – oder zu zerreißen und das was er enthielt zu vernichten! Aber wäre es damit wirklich getan? Würde sie jemals vergessen können, was sie gelesen hatte?
…und hatte Walter nicht ein Recht darauf zu erfahren, wer sie war? Auch wenn es ihm vielleicht nicht gefiel? Vielleicht wollte er gar kein Kind?
Gedanken über Gedanken wechselten sich ab und Szenarien, eines schlimmer als das andere spielten sich vor ihrem inneren Auge ab.
Schließlich fluchte sie leise und beugte sich zu dem Papier hinab. Sie wollte es erneut an sich nehmen und weiter lesen, denn Szenario hin, Szenario her, sie konnte nicht ewig hier sitzen und sich vor einem Brief fürchten! Auch wenn er Wahrheiten enthielt, die sie nicht wissen wollte!
Ihre Hand streckte sich danach aus – nur um kurz vor dem Ziel in der Luft zu verharren. Was würde noch auf sie zukommen? Was würde ihr dieses verhasste Stück Papier noch preisgeben? Wollte sie es überhaupt wissen?
Und…wer war diese Frau, die behauptete ihre Mutter zu sein, eigentlich wirklich? Sie kannte sie nicht. Sie hatte sie verlassen – hatte sie bei Fremden zurückgelassen… Warum? Wie sah sie aus? Wer war sie?
Dann solltest du den Brief weiter lesen, meldete sich Runes rationales Denken zu Wort.
„Komm schon! Alles andere kann dir auch nicht helfen", murmelte Rune letztendlich laut und zwang sich das Papier aufzuheben. Sie glättete es und es dauerte ein wenig, bis sie die Stelle gefunden hatte, an der sie den Brief hatte fallen lassen…
Was ich dir jetzt erzähle ist der Grund, warum du diesen Brief nicht früher bekommen hast. Das was du gleich liest, darfst du niemandem erzählen! Schwöre es bei deinem Leben!
Werwölfe und Vampire existieren! Es gibt sie wirklich, wie dich, Sean, Cristine oder mich. Es mag verrückt klingen, doch das ist die Wahrheit.
Und du, mein Kind, du bist anders. Vielleicht hast du es schon gemerkt. Die Kraft, die in dir schlummert. Sie entfaltet sich bei jedem Wächter anders.
Wir Wächter sind auserwählt, den Meister der Spiegel, Damien, in seinem Verlies festzuhalten. Solange nur ein einziger Wächter existiert, ist dieser in der Lage, die Siegel, die den Meister gefangen halten, zu erneuern.
Ich selbst weiß nicht, wo dieser Ort ist. Ich kann nur sagen, wenn du den Ruf hörst, ihn fühlst, dann folg ihm! Ich kann es nicht mehr. Meine Zeit ist bereits abgelaufen – und ich kann nicht zulassen, dass dein Vater an meiner Stelle stirbt.
Es ist nicht viel, das ich dir noch sagen kann. Ich weiß selbst sehr wenig darüber. Nur, dass die Kraft von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Meine Zwillingsschwester war eigentlich die Auserwählte – eine Wächterin – und als sie starb ohne Kinder zu hinterlassen, ging diese Kraft irgendwie auf mich über. Vielleicht trug ich auch schon einen Teil davon in mir, immerhin waren wir Zwillinge, Kara und ich. Ich kann es nicht erklären – jedenfalls bekam ich Visionen und meine bisherigen Fähigkeiten im Kampf steigerten sich rapide. Ich sah ein Wesen, eine Fratze mit Augen aus Eis. Er ist es. Damien. Aber fürchte dich nicht vor ihm sondern vor seinen Helfern. Noch ist er gefangen. Aber Werwölfe und Vampire stehen ihm zur Seite um ihn zu befreien. Wenn das geschieht, werden wir Menschen und das Leben das du kennst, vernichtet!
Ich bete, dass nicht alles umsonst war und dich dieser Brief erreicht und du das Richtige tun wirst.
Ich liebe dich über alles,
deine Mutter
Rune bemerkte gar nicht wie stark ihre Hände zitterten, als sie den Brief endgültig sinken ließ. Ihr schwirrte der Kopf vor Gedanken und Gefühlen, die ohne Halt hin und her wirbelten. Wie bei einem Haufen Laub, über den der Wind einmal kräftig hinweg blies und dessen einzelne Blätter nun wild durch die Luft tanzten.
Im Garten hatte sie zu Andersen gesagt, dass sie daran zweifle, dass es einen Gott gäbe. Das es alles eine einzige Geschichte sei… Jetzt war sie sich nicht mehr sicher. Vielleicht gab es doch einen Gott. Immerhin war sie hierher gelangt.
Und wie… Ihre Gedanken trugen sie zu dem Abend, als der Unfall geschehen war. Sie war vor ihnen fortgelaufen – und hatte es ein weiteres Mal geschafft der „Allianz" zu entkommen. Freilich nicht so, wie sie es sich gedacht hatte… Aber sie war ihnen entkommen…durch einen Unfall.
…und von allen Bediensteten Hellsings, die mich hätten anfahren können, ist es ausgerechnet Walter gewesen! Sie hätte gelacht, wäre die Situation nicht so ernst gewesen.
Was für ein Zufall…wenn es denn einer war – und Rune glaubte aus irgendeinem Grund nicht daran. Es waren einfach zu viele Zufälle. Zu oft war sie der „Allianz" nun schon entkommen. Zu oft um Haaresbreite dem Verderben entronnen. Sollten das wirklich alles nur reine Zufälle gewesen sein?
Rune seufzte leise und ihre Daumen fuhren über das Papier. Das leise Rascheln, das dadurch erzeugt wurde, hatte eine merkwürdig beruhigende Wirkung auf sie. Es durchbrach die Stille im Raum, wenn auch leise und gab ihr das Gefühl nicht gänzlich allein zu sein.
Unvermittelt dachte sie an das Foto, welches sich noch immer unangesehen in dem Briefumschlag befand.
Das hätte sie fast vergessen!
Obwohl sie ahnte, wen es zeigen würde, nahm sie den Umschlag erneut an sich und zog schließlich, nachdem sie einmal tief Luft geholt hatte, um sich vor dem, was sie zu sehen bekommen würde, zu wappnen, eine Handflächengroße Fotografie heraus.
Die Ahnung die sie gehabt hatte, bestätigte sich nicht gänzlich. Auf dem Bild war nicht nur Walter zu sehen, sondern auch eine junge Frau mit feuerroten Haaren. Ein paar Sommersprossen zierten ihre Nase und graue Augen funkelten in die Kamera.
Eine schöne Frau, die bestimmt viele Verehrer gehabt hatte… Rune runzelte die Stirn. Irgendwo hatte sie diese Frau schon einmal gesehen…da war sie sich ganz sicher. Obwohl es eigentlich nicht sein konnte. Diese Frau, ihre Mutter, hätte sie niemals irgendwo sehen können! Das war vor ihrer Zeit…und doch kam es Rune vor, wie ein deja-vu Erlebnis. Auch ihr Name…Morgan McCallister… Sie hatte ihn schon einmal gehört, da war sie sich ganz sicher…nur wo?
Sie warf einen Blick auf die Rückseite der Fotografie.
„Juli neunzehnhundertachtzig…" Las sie leise und sah erneut auf das Foto. Das Paar, das so glücklich wirkte…
Ich bin einundachtzig geboren…
Nachdenklich betrachtete sie Walter. Auf der Fotografie war er zwanzig Jahre jünger und Rune schätzte ihn auf, vielleicht Mitte dreißig, Anfang vierzig. Er war damals also schon älter gewesen, als ihre Mutter.
Er grinste nicht, wie man es oft in solchen Abbildungen fand in die Kamera. Aber sein angedeutetes Lächeln und das Leuchten seiner Augen sprach mehr als tausend Worte… Er hatte einen Arm um ihre Schultern gelegt und ihre rechte Hand ruhte auf seiner Brust.
In diesem Moment fiel der so genannte Groschen endgültig. Dieses glücklich wirkende Paar waren ihre Eltern… Ihre leiblichen Eltern…und die Frau, Morgan McCallister, hatte sie auf einem Foto in Walters Räumen gesehen. Als sie sich für Lady Hellsings Verhalten hatte entschuldigen wollen. Es hatte auf dem Boden gelegen und sie hatte es aufgehoben...
Sie hatte ihre Mutter bereits gesehen, ohne dass sie es damals gewusst hatte… Rune fühlte, wie ein eisiger Schauer über ihren Rücken lief.
Schon wieder einer dieser Zufälle…und schon wieder Tod… Fügte sie in Gedanken hinzu und rechnete fast damit, dass sie wieder anfangen würde zu weinen. Doch nichts dergleichen geschah. Ihre Augen blieben trocken.
Vielleicht besaß sie keine Tränen mehr? In letzter Zeit hatte sie wieder so viel geweint… Geheult, korrigierte sie sich selbstkritisch in Gedanken und richtete diese wieder auf die wirklich wichtigen Fakten, die sie in den Händen hielt. Einen Brief und ein Foto.
Sie ist für meinen… Rune zögerte. Selbst in ihren Gedanken klang es fremd und eigenartig Walter Vater zu nennen.
Du wirst dich daran gewöhnen müssen. Riet ihr der rationale Teil ihres Denkens. Immerhin ist er dein Vater.
Ich weiß, dachte Rune zurück. Ich werde es auch…irgendwann. Trotzdem hatte sie das Gefühl es nie zu können – es noch nicht einmal über die Lippen zu bringen. Vater… Den Mann den sie ihr Leben lang als Vater bezeichnet hatte war gestorben. Ihre Eltern…Adoptiveltern, waren für sie gestorben. Ihre leibliche Mutter war für ihren leiblichen Vater, für Walter, gestorben…
Ein Drama allererster Güte. Shakespeare hätte seine helle Freude an ihrer Familie gehabt! Zumindest wenn der alte Knabe noch gelebt hätte…
„Die McCallisters… Ein Drama um Liebe, Verrat und übernatürliche Geschehnisse, von Shakespeare in drei Akten." Murmelte sie, die Realität ironisierend.
Sie dachte an die letzten Zeilen im Brief, in denen es hieß:
„…dann folge dem Ruf…" Nachdenklich sah sie auf das Bild, als könne es ihr Antworten geben. „Was hat sie nur damit gemeint? Fragen werden geklärt, nur um noch mehr Fragen aufzuwerfen. Ich komm' mir vor wie bei ´ner Rateshow..."
Plötzlich fiel ihr der Traum wieder ein, den sie hatte als sie auf…in den Armen Alexander Andersens gelegen hatte. Er hatte sie festgehalten, das hatte sie gefühlt und… Sie schüttelte leicht den Kopf, als ob sie eine lästige Fliege vertreiben wollte, die vor ihrer Nase umher schwirrte.
Hör auf an ihn zu denken, befahl sie sich in Gedanken. Er zählt im Moment nicht!
Was zählt ist die Stimme…
Die Stimme der sie unbedingt hatte folgen müssen… War das der Ruf, den ihre Mutter im Brief gemeint hatte? Diese wunderschöne Stimme, deren Gesang so unwiderstehlich auf sie gewirkt hatte? Aber es war nur ein Traum gewesen. Ein Traum, nichts weiter! Erinnerungen und Gefühle, die sie tags unterdrückte und die nachts in ihren Träumen Gestalt annahmen. Oder zumindest dann, wenn sie schlief, was Tagsüber geschah…
Aber deine Träume sind alles andere als normal… Erinnerte sie ihre innere Stimme ungebeten an die Tatsache, die sie am liebsten verdrängt hätte. Stell dich endlich, anstatt immer wegzulaufen!
Rune nickte. „Ich werde es versuchen… Immerhin soll ich eine Wächterin sein…"
Nein, sie war eine Wächterin… Das hatte das Mädchen ihr auch schon gesagt. Der Geist, den sie in ihrer Vision gesehen hatte. Sie hatte sie mit Wächterin angesprochen – damals hatte sie noch nicht verstanden…und es verdrängt und nun… Damals, dachte sie bitter. Es ist gerade mal ein paar Wochen her…
Rune seufzte leise und legt das Bild neben sich auf das Bett. Sie fühlte sich schmutzig, ausgelaugt…und erschöpft…
Langsam erhob sie sich und ging ins Bad. Sie hatte nicht wirklich daran gedacht, ein Bad zu nehmen, ihr Körper hatte einfach reagiert. Hatte auf ihre Gefühle reagiert, ohne dass sie daran gedacht hatte, sie in die Tat umzusetzen.
Wie mechanisch steckte sie den Stöpsel in den Abfluss und drehte den Wasserhahn auf. Sie prüfte kurz die Temperatur und drehte den Regler für warmes Wasser ein wenig mehr auf.
Ein heißes Bad und Ruhe war im Moment alles, was sie brauchte. Dafür hätte sie wahrscheinlich ihre Seele verkauft. Das Rauschen des Wassers erfüllte die Stille des Bads mit einem angenehmen Lärmpegel und allein dieser kleine veränderte Zustand, ließ sie sich schon besser fühlen. Er verhieß ein warmes, wohliges Bad. Entspannung pur.
Sie streckte sich und das Knacken ihrer Knochen ließ sie zusammenzucken. „Ruhe ihr da drin, ich brauch euch noch", befahl sie und begann ihre Bluse aufzuknöpfen. Diese, ebenso wie ihre feuchte Jeans, kein Wunder, wenn man auf dem Rasen lag, und ihre Unterwäsche fand ihren Platz auf dem mit weißen Fliesen ausgelegten Boden.
Der heiße Dampf, der von der bereits halbvollen Wanne aufstieg hüllte sie ein, als sie vorsichtig über den Rand der Wanne stieg und sich, nachdem sie sich vergewisserte, dass keine Gefahr auf Brandblasen bestand, ins Wasser gleiten ließ.
Das heiße Wasser umgab sie und die Entspannung, die augenblicklich einsetzte brachte ihrem müden Körper Entspannung.
Hätte sie einmal einen kurzen Blick an die Decke geworfen, hätte sie vielleicht einen Schatten ausmachen können, der sich langsam über den weißen Putz bewegte. Wie schwarzer Rauch, nur ungleich dichter. Ein seidiges Tuch, welches ein tödliches Eigenleben besaß...
A/N
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