Meall Dearg

Der Pfad führte sie tiefer in den Wald hinein. Unter den Kiefern wurde es rasch dunkel. Die Felsen, die von der Lichtung aus zu sehen waren, erhoben sich drohend zu beiden Seiten des Pfades. Harry fröstelte unwillkürlich, obwohl es nicht wirklich kalt war. Von den beiden Hexen, denen sie folgten, war weder etwas zu sehen noch zu hören. Plötzlich ließ deGazeville sie alle anhalten. Der Pfad bog vor ihnen nach links ab und der Druide sah vorsichtig um den Felsen herum.

„Das dachte ich mir doch fast", murmelte er, als er zu Harry, Ron, Hermine, Ginny, Neville und Luna zurück kam.

Harry sah ihn wie die anderen auch fragend an.

„Da vorn ist eine weitere Lichtung", erklärte deGazeville. „Dort sammeln sich gerade einige Todesser. Wir sollten von dem Weg hier verschwinden, denn es ist nicht gewiss, ob nicht noch mehr Todesser hier entlang kommen."

Dann führte er sie ein kleines Stück zurück und durch eine Lücke in der Felswand. Sie mussten einige Meter einen steilen Hang hinauf klettern.

Harry und Ron waren die ersten, die oben ankamen und halfen den Mädchen und Neville.

„Passt auf, dass ihr nicht zu viel Lärm macht!", warnte deGazeville sie.

Oberhalb des Pfades zwischen den Felsen bahnten sie sich einen Weg durch hohes Gras. Wenig später kamen sie zu einigen Büschen, hinter denen der Hang wieder abfiel, um auf der Lichtung, die deGazeville gesehen hatte, zu münden.

Harry, Ron, Hermine, Ginny, Luna und Neville krochen vorsichtig durch das Gebüsch. deGazeville begann wieder in seinem Umhang zu kramen und holte ein kleines Stückchen Holz hervor. Harry beobachtete fasziniert, wie der Druide es sorgsam mit Erde bestreute, diese wieder weg bließ und einige Worte murmelte. Augenblicklich hatte deGazeville einen Stab in der Hand, der ihm locker bis zum Kinn reichen musste.

„Damit kann ich besser zaubern, als damit", sagte er leise und hielt in der anderen Hand den Zauberstab, den Harry von ihm kannte.

„Was sagt deine Narbe, Harry?", fragte deGazeville.

Harry schüttelte den Kopf. „Sie tut nicht mehr weh, wenn Sie das meinen."

DeGazeville runzelte die Stirn. „Das muss bedeuten, dass Voldemort noch nicht hier ist. Versuchen wir näher ran zu kommen."

Das Gebüsch war breiter, als es von hinten ausgesehen hatte, und so konnten sie recht nah an die Lichtung heran schleichen. Harry hockte sich zwischen Ron und Hermine und konnte Wyrren sehen, die nur wenige Meter vor ihnen im Gras hockte. Ein Tuch verhüllte ihren Kopf und sie schluchzte leise. Etwa zehn Todesser waren bereits versammelt und in der Mitte der Lichtung brannte ein helles Feuer. Auf der gegenüberliegenden Seite war der dunkle Eingang einer Höhle zu sehen.

Eine maskierte Gestalt trat zu Wyrren.

„Steh auf!", sagte eine barsche Frauenstimme.

Wyrren horchte auf.

„Mum?", fragte sie zögernd.

Die maskierte Frau zog Wyrren grob das Tuch vom Kopf und lachte höhnisch.

„Mum, hilf mir!", flehte Wyrren.

Doch Narzissa Malfoy lachte nur noch schriller und zog ihre Kapuze von Kopf.

„Hör auf mich so zu nennen, du dumme, nichtsnutzige Göre! Ich habe dir gesagt, dass ich keine Tochter mehr habe!"

„Warum?", fragte Wyrren leise.

Narzissa begann irre zu lachen.

„Das fragst du mich? Du wagst es tatsächlich, mich das zu fragen?", schrie sie. „Als erstes schaffst du es nicht einmal, nach Slytherin zu kommen. Alle deine Vorfahren waren im ehrenwerten Slytherin! Und wo landest du? In Gryffindor! Jedes andere Haus wäre noch zu verschmerzen gewesen, aber ausgerechnet Gryffindor!", begann sie mit schriller Stimme aufzuzählen. „Du hast mir so lange den Kopf verdreht, bis ich endlich zu gestimmt habe, dich nach Hogwarts gehen zu lassen und dann das! Als dein Vater alles heraus fand, hat er mich krankenhausreif geschlagen. Wie erbärmlich! Nenne mir doch nur einen Grund, wieso ich meinen Kopf für dich hin halten sollte? Dann die Geschichte mit Black. Du bist nach Malfoy Manor gekommen und hast mich so verhext, dass ich unseren höchst wertvollen Gefangenen freigelassen habe. Welch eine Schande du über unsere Familie gebracht hast! Hast du auch nur einmal daran gedacht, was das für Konsequenzen für mich und deinen Vater haben könnte? Nein, natürlich hast du das in deinem gryffindor'schen Übermut nicht getan", spuckte sie aus.

„Als nächstes habe ich erfahren, dass dein verdammter Vater mich all die Jahre mit einer anderen betrogen hat. Und dann war mir auf einmal klar, wieso er unbedingt noch ein Kind haben wollte. Er wollte eine legitime Tochter haben."

„Aber was hat das mit mir zu tun?", weinte Wyrren.

„Was das mit dir zu tun hat?", schrie Narzissa weiter, die neugierig zuhörenden Todesser nicht beachtend. „Ich wollte nicht noch ein Kind! Einen Erben zu haben, reichte doch völlig aus. Aber nein, dein Vater war völlig von der Idee besessen, noch ein Mädchen haben zu wollen. Und dann kamst du", sagte Narzissa abschätzig.

„Er hat mich all die Jahre belogen und betrogen", sagte Narzissa hart. „Niemand, auch kein Lucius Malfoy hintergeht Narzissa Black!"

„Wo ist Vater?", fragte Wyrren.

Narzissa lachte wieder höhnisch auf.

„Der wird dir nicht helfen können, Schätzchen!"

Wyrrens Mutter begann aufgeregt hin und her zu laufen.

„Nachdem du mich verhext hattest und ich wieder einen klaren Kopf hatte, versuchte doch dein Vater tatsächlich, mich unter einen Imperiusfluch zu setzen, damit nicht raus kommt, dass Black verschwunden war. Aber ich konnte schließlich doch dem Dunklen Lord eine Nachricht zu kommen lassen und so hat der arme Lucius seine gerechte Strafe bekommen. Aber vorher", sie grinste Wyrren kalt an, „vorher habe ich ihn noch dazu überredet, dir diese alte Kette zu schenken. Was er nicht wusste, war, dass ich den dazu gehörigen Ring dem Dunklen Lord brachte. Er war sehr erfreut über dieses Geschenk. Jeder, der den Ring besitzt, kann den Träger der Kette zu sich rufen. Jeder Zeit", säuselte sie.

„Ich bin sicher, in Hogwarts haben sie die Kette auf schwarze Magie untersucht", meinte Narzissa geringschätzig. „Aber da ist keine Magie, die man so leicht finden könnte", lachte sie tonlos.

„Genug davon!", sagte sie mit schneidender Stimme, zog sie ihren Zauberstab und zerrte Wyrren ein Stück näher ans Feuer.

„Cruc-", begann sie, doch in diesem Augenblick war deGazeville aufgesprungen und schrie: „Impedimenta!"

Dann warf er seinen kleinen Zauberstab weg. Narzissa Malfoy fiel auf der Stelle um. Die Todesser starrten deGazeville erschrocken an.

„Schnappt euch Wyrren und flieht in den Wald", schrie deGazeville Harry zu und stürzte sich mitten in den Todesser.

Harry sah fasziniert, wie deGazeville mit dem langen Zauberstab Flüche abblockte. Aus der Spitze fuhren gelbe Blitze heraus und einen Todesser erledigte er mit einem gezielten Schlag auf den Kopf. Gleichzeitig schien deGazevilles Umhang heller zu werden und eine seltsame Aura entstand um ihn herum.

„Harry!", riss ihn Hermine aus seinen Gedanken. Von deGazeville gedeckt, rannten sie aus ihrem Versteck zu Wyrren, die versuchte, ihre Handfesseln zu lösen. Hermine zerschnitt sie mit ihrem Zauberstab.

„In den Wald", rief Hermine Wyrren zu und duckte sich unter einem Fluch weg. Harry drehte sich um und hexte einem Todesser ein „Tarantalegua" an den Hals. Luna und Ginny blockten ebenfalls Flüche ab. Harry war sehr stolz auf ihre Schildzauber.

„Nein", sagte er plötzlich. Ein stechender Schmerz ging von seiner Stirn aus. Er wagte es kaum, zum Waldrand zu sehen. Doch eigentlich wusste er es schon. Voldemort war gekommen und betrat die Lichtung.

Harry entschied sich im Bruchteil einer Sekunde.

„In die Höhle!", sagte Harry, packte Ron und Neville am Kragen und zog sie mit sich. Ginny und Luna halfen Wyrren auf, die ihnen mit Hermine zusammen folgten.

„In den Wald!", rief deGazeville, der sie in die falsche Richtung laufen sah und noch nicht Voldemorts Ankunft bemerkt zu haben schien.

Mehrere laute Knalle ließen Harry zusammenzucken. Er warf einen Blick über die Schulter und konnte einige Auroren sehen, sie soeben appariert waren. Nun liefen auch zwei Todesser in Richtung der Höhle. Hermine schockte sie.

„Gut gemacht!", rief Harry und rannte weiter.

In der Höhle brannte kein Licht. Sie liefen, bis der Schein des Feuers sie nicht mehr erreichen konnte, dann hielten sie an, um nach Atem zu ringen.

„Vermutlich gibt es hier noch Nebengänge", sagte Harry und wollte gerade mit seinem Zauberstab Licht machen, als er eine leise Stimme aus der Dunkelheit zischen hörte:

„Ihr hättet auf euren Lehrer warten sollen!"

Harry gefror das Blut in den Adern. Snape. Wie angewurzelt blieb er mit erhobenen Zauberstab stehen.

„Ich hätte es wissen müssen, dass Potter der Superheld sich nicht zurück halten kann!"

Harry wollte etwas erwidern, doch zu seinem maßlosen Entsetzen war er nicht in der Lage, etwas laut zu sagen. Snape lachte böse auf und trat an ihn heran.

„Potter, du hättest besser dir und den anderen Kindern in der DA beibringen sollen, ohne Worte zu zaubern."

Hinter ihnen wurden Stimmen laut und Snape wechselte plötzlich den Ton.

„Lauft nach rechts. Dort kommt ihr in eine größere Kammer. Dort versteckt ihr euch und wartet, bis ihr abgeholt werdet. Biegt unterwegs nicht ab!", befahl er.

Harry wollte etwas sagen.

„Nicht jetzt!", sagte Snape. Und mit einem „Finite" hob er die Sprechhemmung auf.

„Nach rechts. Lauft schon!"

Schritte kamen in der Dunkelheit immer näher. Snape lief ihnen entgegen und ließ seinen Zauberstab hell erleuchten.

„Ich hab die Bälger gesehen. Sie sind hier links runter gelaufen", hörte Harry ihn rufen und atmete auf.

Harry und die anderen liefen in die Richtung, die Snape ihnen gewiesen hatte. Der Gang war nur spärlich mit einzelnen Fackeln beleuchtet, die Wände grob behauen. Vor und hinter ihnen krachte es laut und die Wände gaben ein lautes Echo wider. Erschrocken hielten Harry, Ron, Hermine, Ginny, Luna, Wyrren und Neville inne. Vor ihnen verzweigte sich der Gang erneut. Von der linken Seite waren eilige Schritte zu hören. Wieder gab es einen lauten Knall. Diesmal jedoch deutlich näher. Ginny keuchte erschrocken auf.

„Da lang!", meinte Harry und deutete auf den anderen Abzweig.

Hastig zogen sie sich zurück, doch nicht schnell genug. Hinter Hermine, die Wyrren leicht stützte, traf ein Fluch in die Felswand, riss mit einem lauten Poltern einen Teil der Steine in den Gang und versperrten ihnen den Rückweg. Im letzten Aufflackern der wenigen Fackeln konnte Harry gerade noch eine Staubwand sehen, die sich da bildete, wo sie eben noch gewesen waren. Dann erloschen die Fackeln endgültig und sie standen im Dunkeln. Vorsichtig nach beiden Seiten tastend, versuchte Harry sich neu zu orientieren und rings um ihn herum konnte er die anderen hören, die mühsam beherrscht gegen ihre Panik anzukämpfen schienen.

„Wie kommen wir jetzt hier wieder raus?" flüsterte Ron und Harry konnte deutlich das angestrengte Atmen seines Freundes hören.

Harry, der gerade überlegte, ob sie einen Lumoszauber riskieren konnten, um abzuschätzen, ob es nicht doch eine Lücke in dem Trümmerhaufen hinter ihnen gab, raunte Ron ein leises: „Pst!" zu, da deutlich, wenn auch durch den Steinhaufen gedämmt, Stimmen zu hören waren.

„Die Gören sind da hinter gelaufen!" sagte eine raue Männerstimme. „Potter und die Malfoy sind wichtig, was mit dem Rest passiert, ist dem dunklen Lord egal!"

„Lauft weiter hinter!" schlug Harry vor und tastete so leise wie möglich nach der Wand. Neben ihm keuchte Neville leise auf, als Harry auf etwas weiches trat.

„Entschuldigung, Neville", flüsterte Harry und drehte sich in die Richtung um, in der er seine Freunde vermutete. „Haltet euch an die Wand, wir müssen hier weg."

Hinter ihnen polterte und krachte es wieder und Harry hatte die starke Vermutung, dass die Todesser begannen, die Steine aus dem Weg zu räumen, um ihnen folgen zu können. So schnell es ohne Licht ging, folgte Harry dem Gang und unterdrückte nicht nur einmal einen schmerzvollen Aufschrei, als er mit dem Kopf an vorstehende Felsbrocken knallte. Hinter sich konnte er leise Schritte hören, die jedoch von dem Poltern im Gang meistens übertönt wurden. Dann hörte die Wand plötzlich auf. Eine kleinere Gestalt prallte gegen seinen Rücken und Harry verlor den Halt.

„Hermine? Ginny?" fragte er verwundert und tastete hinter sich, wo er in lange Haare griff.

„Nein, Wyrren", flüsterte eine verängstigte Stimme.

„Wo sind die anderen?" Leichte Panik kroch in Harry auf, er konnte niemand anderes mehr hören. Wenn er hier hingefallen war, hätten doch die anderen längst hier sein müssen.

„Ich weiß es nicht", erwiderte Wyrren leise. „Vorhin sind wir glaub ich wieder an einer Abzweigung vorbei gekommen. Aber ich bin mir nicht sicher."

„Was soll's", Harry atmete tief durch und erhellte den Raum um sie herum mit einem leisen „Lumos". Sie standen in einer hohen Kammer. An den Wände lief Wasser herab und sammelte sich am anderen Ende der Kammer. Die Decke der Kammer konnte Harry im Licht seines Zauberstabes nicht sehen. Es gab einen kleinen Durchgang, durch den sie wohl hier herein gekommen waren. Von Ron, Hermine und den anderen dreien war nichts zu sehen. Harry wollte eben zu dem Ausgang gehen und in den Gang hinaus leuchten, als es draußen wieder laut krachte, leise Schreie zu hören waren und jemand schnell rannte. Da Harry nicht das Risiko eingehen wollte, von einem Todesser entdeckt zu werden, zog er schnell wieder den Kopf ein und dämmte das Licht seines Zauberstabes.

Dann wendete er sich wieder Wyrren zu.

„Ist alles in Ordnung bei dir?" fragte er sie leise und strich ihr beruhigend über die Schultern.

Wyrren, die noch immer weinend am Boden saß, hob leicht den Kopf und wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sich wieder Schritte der Höhle näherten. Erschrocken fuhr Harry mit erhobenen Zauberstab herum und atmete beruhigt durch. deGazeville eilte auf sie zu.

„Harry, Wyrren", flüsterte er, „ist alles in Ordnung bei euch?"

Harry nickte, während Wyrren sich energisch die Tränen aus den Augen wischte.

„Passt auf, es ist noch nicht vorbei", sagte deGazeville und sah sich wachsam um. „Wyrren, du musst Harry schützen, hörst du? Ich werde versuchen, die anderen Schüler zu finden."

Wyrren Malfoy sah ihn fragend an.

„Wie?", fragte sie mit zitternder Stimme.

„Illusionen", erwiderte deGazeville und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Wyrren nickte und zog ihren Zauberstab.

DeGazeville begann leise zu singen und aus dem Nichts traten fünf Jungen aus der Dunkelheit zu ihnen. Harry stockte der Atem. Diese Fünf waren genaue Abbilder seiner Selbst.

„Du musst ihn aufhalten, Harry. Ich weiß, dass du es schaffen wirst. Es wird heute noch keine endgültige Entscheidung fallen. Halte ihn einfach auf, bis wir die anderen hier raus geholt haben, ja?"

Harry sah deGazeville stirnrunzelnd an.

„Was soll ich-", begann Harry, wurde jedoch von panischen Stimmen unterbrochen, die in der Höhle widerhallten. Ihnen folgten barsch gebrüllte Befehle. DeGazeville sprang auf.

„Wir sehen uns draußen", sagte er, während er zum Ausgang der Kammer lief.

Ein heißer Schmerz auf der Stirn durchfuhr Harry. Jemand schien in seinem Kopf mit einem großen Hammer gegen seine Stirn zu schlagen. Die Höhle verschwamm vor seinen Augen und er konnte Tränen über seine Wangen laufen fühlen.

„Harry Potter. Und wieder treffen sich unsere Wege. Doch diesmal ist kein Dumbledore da, der dich rettet. Heute korrigieren wir die Vergangenheit."

Voldemort stand keine drei Meter von ihm entfernt in der Dunkelheit. Er murmelte etwas und darauf hin erschien eine kleine Kugel aus reinem Licht, die an die Decke der Kammer schwebte. Harry, dessen Schmerzen im Kopf schlagartig nachgelassen hatten, konnte sehen, wie sich Voldemorts hässliche Fratze zu einem Grinsen verzog.

Wyrren begann zu singen und duckte sich blitzartig weg, als Voldemort seinen Zauberstab erhob. Neben Harry entstanden plötzlich nebelhafte Gestalten, die, immer klarer werdend, zwischen Harry und Voldemort hin und her gingen. Wyrren erzeugte weitere Illusionen von Harry, die nicht so perfekt wie deGazevilles Kreationen, trotzdem nicht vom Original zu unterscheiden waren. Voldemort sah irritiert von Harry zu Wyrren und zu den Potterillusionen. Harry schoss ein Gedanke durch den Kopf. Wenn es ihm gelang immer in Bewegung zu bleiben, sollte es für Voldemort unmöglich sein, zu unterscheiden, wer der wirklich, echte Harry war. Er rannte nach links. Ein Teil der Illusionen folgte ihm, er drängelte sich zwischen ihnen hindurch und half Wyrren, sich hinter einen Felsbrocken zu verstecken. Aus den Augenwinkel konnte er sehen, wie die Illusionen keineswegs nur rumstanden, sondern sich genauso hektisch bewegten, wie er.

„Adava Kedavra", ertönte Voldemorts zornige Stimme.

Harry fuhr erschrocken herum, doch Voldemort hatte sich nach rechts gewandt und eine der Illusionen mit seinem Fluch getroffen. Ein wenig neugierig blickte Harry auf die Illusion, die sich durch den Todesfluch jedoch nicht auflöste, sondern merkwürdig verzerrt weiter durch die Halle lief.

„Ich kriege dich schon noch, Potter!", schrie Voldemort wutentbrannt und feuerte den Todesfluch auf die nächste Illusion mit dem gleichen Ergebnis.

Nacheinander wurden die Illusionen getroffen und wandelten verschoben und verzerrt weiter durch die Kammer.

Die ihm am nächsten stehenden Potterillusionen stellten sich in einer lockeren Pentagrammformation um Harry auf. Harry erhob seinen Zauberstab und die Illusionen folgten seinem Beispiel ohne eine einzige Sekunde Zeitverzögerung. Eine seltsame Kraft durchfloss Harry. In seinem Hinterkopf begann eine Idee zu wachsen. Das Wissen, dass das Pentagramm seine magischen Kräfte verstärken würde, kam wie aus dem Nichts. Voldemort versuchte noch immer die verzerrten Illusionen, die sich um Wyrren geschart hatten, zu vertreiben. Ein weiterer grüner Blitzstrahl traf eine dieser Harry Potter Illusionen. Als würde er in einen gewölbten Spiegel sehen, konnte Harry das Abbild seines Körpers nach hinten, nach links und rechts verbogen sehen.

Harry konzentrierte sich. Er fühlte, wie sich der Bogen spannte und die Worte in seinen Gedanken Form annahmen. Mit einem Male verspürte er eine eisige Kälte von seinem Zauberstab ausgehen und seine Hand begann leicht zu zittern. Voldemort wandte sich wieder Harry zu. Harry konnte kaum einen Gedanken daran verschwenden, dass Voldemort nur schwerlich in der Lage sein sollte, zu erkennen, welcher der sechs der echte Harry Potter war.

Als Voldemort den Zauberstab erneut auf die Gruppe richtete, sprach Harry den Zauberspruch.

„Raon deighe."

Die Macht des Spruches warf ihn nach hinten und er landete unsanft auf dem harten Felsboden. Beim Sturz verlor er seinen Zauberstab.

„Oh nein", keuchte er erschrocken und richtete sich auf, bereit Voldemorts nächstem Fluch durch einen Hechtsprung zur Seite auszuweichen. Doch Voldemort schoss keinen Fluch auf ihn ab. Harry rückte sich seine Brille wieder gerade und erblickte einen riesigen Eisklumpen. Eine dicke Eisschicht hatte Voldemort umhüllt.

„Wow", entfuhr es Harry.

„Harry!", Wyrrens Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Wir müssen hier weg. Er beginnt schon wieder zu schmelzen."

„Accio Zauberstab", rief Harry und fing seinen Zauberstab auf.

„Wo sind die fünf Illusionen hin?", fragte er. Wyrren drehte sich erschrocken um.

„Sie sind weg. Oh Gott!", schrie sie mit immer panischer werdenden Stimme.

„Was hast du?", fragte Harry sie und ergriff ihre Schultern.

„John. Oh nein", schluchzte Wyrren.

„Was soll mit deGazeville sein?", fragte Harry.

Doch dann hielt er inne. Wenn die Illusionen verschwunden waren, die der Verteidigungslehrer geschickt hatte, dann musste irgendetwas ihn daran hindern, sie aufrecht zu erhalten. Oder, schlimmer, durchfuhr es Harry jäh, er war schwer verletzt. Nein, tot konnte er nicht sein. Keine Toten. Harry packte Wyrrens Arm, warf noch einmal einen Blick über die Schulter zu dem dampfenden Voldemort, der noch immer unter der dicken Eisdecke steckte und rannte mit Wyrren im Schlepptau zum Ausgang der Höhle.

Die Fackeln brannten wieder und warfen ein unruhiges Licht auf den Gang, der sich vor ihnen mehrfach verzweigte. Harry konnte sehen, dass es ein Wunder war, dass er und Wyrren es geschafft hatten, zusammen zu bleiben und sich nicht auch noch verloren hatten. Die Todesser hatten tatsächlich den eingestürzten Gang soweit geräumt, dass man durch den Trümmerhaufen hindurch kriechen konnte.

Ein dunkelhäutiger Zauberer mit kahlem Kopf dirigierte gerade weitere Auroren, gefangene Todesser weg zu schaffen. Als Harry Shacklebolt sah, atmete er erleichtert auf und rutschte hastig den Steinhaufen herunter.

„Wo sind die anderen?" rief er Kingsley entgegen.

Der Auror drehte sich zu Harry und Wyrren um und lächelte kurz.

„Du hast es mal wieder geschafft, Harry." Dann zog er Harry an den Schultern näher zu sich heran und klopfte ihm leicht auf die Schulter, ehe er sich an Wyrren wendete.

„Ist alles in Ordnung bei dir, Kleine?"

Doch ehe Wyrren antworten konnte, schob sich Harry zwischen die beiden.

„Kingsley, wir müssen hier weg. Ich weiß nicht, wie lange der Eiswind Voldemort gefangen halten kann. Als wir weg sind, fing er schon an zu tauen", meinte Harry eindringlich. „deGazeville und die anderen fehlen aber noch."

„Die sind schon draußen", antwortete Shacklebolt leicht bedrückt und schob Harry und Wyrren zum Ausgang der Höhle.