Bury my heart
Kapitel 28
Willkommen im Club
Seit dem Vorfall auf dem Sofa an diesem Morgen begleitete Hermine ein wohliges Schaudern in ihrer Magengegend. Sie wusste, dass sie für Snape fühlte und hoffte, dass es richtig war, es ihm zu offenbaren. Er verdiente die Wahrheit. Doch was, wenn sie zu weit gegangen war? Würden ihre Worte das Vertrauen, das sie zueinander aufgebaut hatten, erschüttern? Immerhin ging es um Snape und es war keine Kleinigkeit, jemandem wie ihm zu gestehen, dass man so für ihn empfand. Selbst dann nicht, wenn es der Wahrheit entsprach und es aufrichtig gemeint war. Und erst recht dann nicht, wenn es sich dabei um den eigenen Professor handelte.
Beim Frühstück in der großen Halle bekam sie die Gelegenheit, ihn zu beobachten und erneut verschmolzen ihre Blicke miteinander. Hermines Herz raste. Und das, obwohl er einfach nur wie immer auf seinem Platz saß und sie ansah.
Sie wusste, dass es in ihm arbeitete und dass er niemals etwas aus Zufall tat. Alles Weitere würde sich ergeben müssen.
„Hat Ron dich gefunden?", fragte Ginny neben ihr.
Hermine nickte. Eigentlich wollte sie jetzt nicht darüber reden, doch sie musste einsehen, dass sie sich nicht auf ewig vor ihr verschließen konnte, schließlich war Ginny wie ein Familienmitglied.
„Oh. Diesen Blick kenne ich."
Hermine stützte den Kopf auf den Ellenbogen und legte die Stirn in Falten. „Tatsächlich? Und was hast du dazu zu sagen?"
Ginny seufzte. „Er hat doch nicht etwa versucht, dich zurückzugewinnen?"
Hermine biss sich auf die Lippe und es schien Ginny zu genügen, um ihre Vermutungen zu bestätigen.
„Vielleicht sollte ich das nicht sagen, weil es ihm gegenüber nicht fair ist, aber ich bin voll auf deiner Seite, Mione."
Überrascht blinzelte sie sie an. „Wie meinst du das?"
„Ich meine, er ist mein Bruder und ich liebe ihn, aber ich hatte immer das Gefühl, dass du für jemand anderen bestimmt bist. Seien wir doch mal ehrlich, Ron ist nicht gerade der Hellste in unserer Familie. Du hingegen bist absolut genial."
Hermine wusste nicht so recht, was sie darauf antworten sollte, doch Ginny fackelte nicht lange und quatschte weiter.
„Ich dachte immer, du landest mal bei einem richtig gebildeten Typen. So jemand wie ein Arzt. Oder wie ein Professor ..."
Hermine hob energisch die Hand und kreischte los. „Das ist jetzt nicht dein Ernst!" Sie konnte fühlen, dass sich sämtliche Köpfe neben ihr in ihre Richtung drehten. Schnell räusperte sie sich und senkte die Stimme. „Soll das jetzt vielleicht eine Anspielung auf Snape sein?"
Ginny zuckte wie beiläufig mit den Schultern. „Vielleicht."
Hermine rollte mit den Augen. „Gott, Gin! Wenn du was über ihn wissen willst, frag mich einfach, anstatt diese doofen Bemerkungen zu machen. Hörst du?"
Sie nickte. „Klar. Also, was genau läuft da zwischen euch?"
Hermine holte tief Luft. „Wenn ich das nur wüsste." Verträumt sah sie zum Tisch der Lehrer hinüber und stellte fest, dass Snape schon wieder verschwunden war. „Bisher hatten wir ein tolles Wochenende. Ich meine, wir waren zusammen in Hogsmeade, haben für das Labor Besorgungen gemacht, geredet und all das eben."
„Ah", bemerkte Ginny mit den Augen rollend. „Geredet."
Sie nickte. „Ja, Gin. Auch dann, wenn du es dir vielleicht nicht vorstellen kannst, soll es doch Leute geben, die miteinander reden."
„Hmmm. Wenn du es sagst."
Hermine starrte sie entgeistert an. „Könntest du bitte damit aufhören? Es geht hier um Snape. Und ich habe nicht vor, dir genauere Details von dem abzuliefern, was sich sonst noch zwischen uns abgespielt hat. Oder eben auch nicht."
Ginny hüstelte. „Jetzt kommen wir der Sache endlich näher. Ich wusste doch, dass du total auf ihn abfährst. Warum solltest du sonst auch ständig versuchen, ihn in Schutz zu nehmen?"
Ein triumphales Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus und Hermine wusste wieder nicht, was sie darauf antworten sollte, ohne ihr zu viel zu verraten.
Verlegen kaute sie auf ihrer Lippe herum. „Na ja, weißt du, es ist eben ein brisantes Thema, Gin. Eigentlich ist es verboten, sich überhaupt so nahe zu kommen. Und ich will nichts riskieren, also ..."
„Schon gut. Mach dir keine Sorgen, dein Geheimnis ist gut bei mir aufgehoben. Ich werde mich hüten, irgendwem davon zu erzählen. Es ist ja auch nicht so, dass Snape länger der ist, der er immer war. Anfangs dachte ich schon, er ist immer noch derselbe Arsch von früher. Aber in den letzten Tagen sind mir deutliche Veränderungen im Unterricht aufgefallen."
Hermine riss ungläubig die Augen auf. „Wie das?"
Sie schmunzelte. „Er wirkte einfach anders auf mich. Irgendwie gelassener. Ich meine, es ist nicht so, dass ich denke, er würde aufhören, uns im Unterricht hart ran zu nehmen, aber es sind Kleinigkeiten, die mir gezeigt haben, dass sich was getan hat. Vielleicht hattest du ja recht und er will uns wirklich nur was beibringen. Jedenfalls glaube ich mittlerweile fest, dass er mich nicht grundlos zur Schnecke machen würde. Außerdem ist er sowas wie ein Held, oder?"
Hermine hob die Brauen an. „Dass ausgerechnet du so von ihm denkst, wundert mich, Gin. Harry war immer sein Erzfeind. Woher kommt also dieser plötzliche Sinneswandel?"
Ginny wurde schlagartig rot im Gesicht. „Das ist so ..." Sie hielt inne und räusperte sich. „Nachdem ich herausgefunden habe, dass da mit dir und Snape was im Busch ist, habe ich mit Harry gesprochen."
Alarmiert setzte sie sich auf. „Du hast mit Harry über Snape geredet?"
Sie nickte. „Ja. Er hat mir nochmal das bestätigt, was in der Zeitung über ihn geschrieben wurde. Vor allem aber meinte er, dass diese Dinge mit dem Spionieren und dem Drumherum wahr sind."
Hermine sog scharf die Luft ein. „Verstehe."
„Bitte sei mir nicht böse. Ich wollte nur sicher gehen, dass du dich da nicht in was verrennst, was dir hinterher leid tun könnte."
„Harry hat doch hoffentlich nicht geschnallt, dass es dabei auch um mich ging, oder?"
Sie schüttelte energisch den Kopf. „Wo denkst du hin! Er hat keine Ahnung. Und ich glaube weiterhin, dass es erst mal so bleiben sollte."
Erleichtert atmete sie auf. „Puh!"
„Sorry, Mione. Ich wollte dir nicht zu nahe treten."
„Schon gut. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, eine Verbündete zu haben - solange du den Mund hältst."
„Geht klar." Sie legte den Kopf schief und sah Hermine voller Erwartung an. „Also? Erzählst du mir jetzt, was zwischen euch läuft?"
Hermine musste unweigerlich darüber lachen. „Du meinst, ob wir uns geküsst haben?"
Ginny nickte.
„Ja, das haben wir. Und es war einfach himmlisch."
„Klingt doch schon mal ganz vielversprechend, findest du nicht?"
„Allerdings. Ich könnte den ganzen Tag nichts anderes tun."
„Ah. Willkommen im Club."
xxx
Das nächste Zusammentreffen mit Snape in den Kerkern verlief keinesfalls so, wie Hermine es erwartet hätte, denn kaum hatte sie das Labor betreten, bemerkte sie, dass er in schlechter Stimmung war.
„Morgen", sagte sie vorsichtig, ebenso wie sie es erst wenige Stunden zuvor getan hatte, als sie neben ihm aufgewacht war.
Er grummelte leise etwas vor sich hin, das sie nicht verstehen konnte, ohne sie dabei anzusehen.
Hermine stutzte, doch um es mit ihm nicht auf die Spitze zu treiben, entschied sie sich dazu, am besten gleich mit der Arbeit anzufangen. Es hätte keinen Sinn, nach einer Erklärung für sein Verhalten zu suchen. Er war schon immer launisch gewesen und das würde wohl auch so bleiben. Ganz gleich, ob sie nun für ihn empfand oder nicht, er war zu komplex, um es je begreifen zu können. Doch genau das war es, was sie so sehr an ihm liebte. Man konnte Snape nicht einfach mit einem Satz beschreiben. Es gehörte schon mehr dazu, um das auszudrücken, was ihn ausmachte.
Eine ganze Weile herrschte eisiges Schweigen zwischen ihnen, bis er sich endlich von der Arbeitsplatte loslöste, auf der er mit einem Messer irgendein Kraut zerkleinert hatte.
Seine Augen verhießen nichts Gutes und umgehend wurde Hermine wieder daran erinnert, wie es früher im Unterricht gewesen war, wenn er sie derart befremdlich angestarrt hatte.
„Du hast heute Morgen mit Miss Weasley geredet", bemerkte er knapp.
Sie runzelte die Stirn. „Ja. Warum?"
„Über was habt ihr geredet?"
Hermine klemmte etwas überrumpelt ihre Lippe zwischen die Zähne und zögerte. Sollte sie ihm erzählen, dass sie mit ihr über ihn gesprochen hatte?
„Soll ich dir vielleicht auf die Sprünge helfen?", dröhnte er plötzlich, ohne länger auf ihre Antwort zu warten.
Erschrocken zuckte sie zusammen, als sie die Kraft spürte, die in seiner Stimme steckte. Dann ließ er sein Messer auf die Arbeitsplatte fallen.
„Miss Weasley", sagte er scharf. „Klingelt es jetzt? Ihr Bruder war hier."
Hermine schluckte. „Oh." Nur langsam dämmerte ihr, dass es ihm um Ron gehen musste.
Snape hob die Brauen und Hermine konnte spüren, dass er voller Erwartung steckte. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie beinahe geglaubt, er wäre eifersüchtig. Doch das konnte wohl kaum der Fall sein. Oder?
Schnell zuckte sie mit den Schultern und seufzte. Es gab keinen Grund, warum sie ihm verschweigen sollte, was zwischen ihr und Ron geschehen war. Er war ein Freund, mehr nicht.
„Ron war der Meinung, wir sollten es noch einmal miteinander versuchen und ich habe ihm gesagt, dass es ein für alle Mal vorbei ist", erklärte sie eifrig und schüttelte dabei den Kopf, als wäre es selbstverständlich, dass es so kommen musste. „Eigentlich hätte er es von selbst einsehen müssen. Wir haben einfach nicht zusammengepasst ..."
Snape schnaubte unzufrieden, ehe sie ausgesprochen hatte und sie blinzelte ihn fragend an. Sein ganzer Körper schien in Aufruhr zu sein, denn seine Brust bebte bedrohlich.
„Ich werde nicht zulassen, dass du einen Narren aus mir machst, Hermine", gab er mit zusammengeballten Fäusten von sich. „Wenn du also noch etwas für ihn empfindest, solltest du es mir sagen."
Ihre Kinnlade sackte nach unten. „Was?" Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er sich wegen dieser Kleinigkeit so aufregen würde.
Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Aber nein! Wozu all das Gerede bei Aberforth, wenn du mir so etwas verschweigst?"
Ungeduldig wartete er auf eine Antwort von ihr, doch Hermine konnte nicht klar denken.
„Woher wissen Sie, dass Ron hier war?", fragte sie ausweichend.
Seine Mundwinkel zuckten, doch es vergingen Sekunden, ehe er antwortete. „Minerva hat mich heute in ihr Büro bestellt. Sie war aufgebracht, dass ich die ganze Nacht mit dir gearbeitet habe." Hermine runzelte die Stirn, doch er fuhr fort, ohne sie weiter zu beachten. „Mr. Weasley hat dich am Morgen in deinem Turm gesucht und nachdem du nicht dort warst, kam er zu ihr."
„Snape ..."
Er stieß ein unliebsames Zischen aus, das sie augenblicklich wieder verstummen ließ. „Ich war noch nicht fertig!"
Hermine schluckte. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass diese ganze Unterhaltung aus dem Rahmen laufen würde, noch ehe sie die Gelegenheit bekommen sollte, ihm alles zu erklären.
Heftig atmend schob er seine Hände durch die inzwischen ohnehin schon zerzausten Haare, ein deutliches Zeichen für seine eigene Unsicherheit. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass er kommt?"
Sie blinzelte. „Ich hatte seine Eule vollkommen vergessen. Das ganze Wochenende war ich bei Ihnen, wenn Sie sich erinnern."
Hermine wusste nicht, wie ihr geschah und warum sie ihm das überhaupt erzählte. Eigentlich ging es ihn nichts an. Doch langsam dämmerte ihr, dass es furchtbar für ihn sein musste, von McGonagall zu erfahren, dass ihr Exfreund nach ihr gesucht hatte, nachdem er damals auf so harte Art und Weise Lily an James verloren hatte.
„Snape, bitte", sagte sie sanft und machte einen Schritt auf ihn zu, doch er hob die Hände.
„Nicht."
Sie blieb verdattert stehen. Schon lange hatte er nicht mehr so abwehrend auf sie reagiert. Nicht einmal, als er seine Anfälle gehabt hatte.
„Okay."
Er seufzte tief und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. „Hermine", begann er dann. „Ich erwarte von dir, dass du mir so etwas sagst." Sein harte Fassade war zurückgekehrt und so starrte er sie einfach nur an. „Ist das zu viel verlangt?"
Im ersten Moment war Hermine versucht, ihn einfach stehen zu lassen. Selbst dann, wenn sie ihn verstehen konnte, hatte er nicht das Recht, sie so schwach anzureden. Nachdem sie jedoch in seine Augen sah, erkannte sie, dass er sich verletzt fühlte und es war dieser Blick, der sie an das erinnerte, was sie ihm versprochen hatte.
„Snape", sagte sie leise. „Es war keine Absicht. Wirklich nicht. Es spielte nur einfach keine Rolle für mich. Ron und ich … Wir sind nicht mehr zusammen. Es ist vorbei. Ich liebe ihn wie einen Bruder, aber nicht anders. Wir haben es miteinander versucht, doch es konnte nicht funktionieren. Bitte glauben Sie mir." Sie seufzte. „Was ich Ihnen gesagt habe, war die Wahrheit. Unser Gespräch im Eberkopf hat mir sehr viel bedeutet. Ebenso wie dieses Wochenende. Sie haben mein Leben verändert, Snape. Doch ich kann nicht zulassen, dass Sie mir Vorwürfe wegen etwas machen, das derart unbedeutend für mich war, dass ich es vergessen habe."
Er schluckte, dann senkte er den Blick.
Hermine stand unsicher vor ihm und wusste nicht weiter. Sie fühlte, dass er mit sich rang. Und sie spürte auch, dass das, was er jetzt tun würde, alles Weitere zwischen ihnen beeinflussen würde.
Langsam löste er sich von seinem Platz los und kam auf sie zu. Er hob den Blick und sah sie an. Dann nahm er die Hand nach oben und legte sie um ihren Nacken, um sie zu sich an seine Brust zu ziehen.
Endlich atmete sie auf. Sie schauderte, als sie die Wärme spürte, die von ihm ausging.
Snape verbarg seinen Kopf in ihren Haaren. „Es tut mir leid", flüsterte er leise. „Es tut mir leid ..."
Hermine nickte und legte die Arme um seine Hüften. „Ja. Mir auch."
Schweigend hielten sie sich fest.
„Glauben Sie mir, Snape?", fragte sie irgendwann.
Sie hörte ihn schlucken. „Ja." Seine Stimme klang rau und unvollständig und noch immer schien sein Körper unter großer Anspannung zu stehen.
„Gut. Denn es ist die Wahrheit."
Er atmete aus. „Ich weiß … Ich weiß."
