28.
Dieser Brief ist mit Wassertropfen übersät. Hier und da ist der ein oder andere Buchstabe verlaufen. Die Verfasserin muss beim Schreiben dieser Zeilen geweint haben.
Der Brief liegt neben dem Bett von Professor Snape, ganz oben auf einem Stapel weiterer Briefe. Als Briefbeschwerer, damit das Papier auch dort liegen bleibt, wurde eine Haarspange darauf liegengelassen.
Hogwarts, den 21. November
Wie konnte das nur alles passieren? Wie konnte ich es nur so weit kommen lassen?
Severus, es tut mir so unendlich leid. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie ich mich fühle. Ach, wen interessieren schon meine Gefühle! Wie muss es Ihnen jetzt nur gehen? Wie müssen Sie sich fühlen? Ich kann mir kaum vorstellen, was man Ihnen angetan hat, und ich musste Ihren Brief mehrmals lesen, bis mir das ganze Ausmaß Ihrer Qualen bewusst geworden ist.
Severus, Sie hätten sterben können! Und das, weil ich unvorsichtig und unüberlegt gehandelt habe. Haben Sie die Gryffindors nicht immer verflucht deswegen, Severus? Sie hatten ja so Recht. Ich mache mir solche Vorwürfe.
Ich hoffe, Sie haben den Traumlostrank auch wirklich zu sich genommen; das macht es mir leichter, hier bei Ihnen zu sitzen. Ja, Severus, Sie lesen richtig.
Nachdem Ihr Brief mich erreicht hat, musste ich einfach hierher kommen um zu sehen, wie es Ihnen geht. Seien Sie nicht sauer deswegen; ich bin direkt nach Hogwarts appariert, so dass die Malfoys mich nicht erwischen konnten. Hier werde ich vor denen sicher sein, das wagen die nicht.
Sie haben geschrieben, dass ich nicht herkommen soll; aber wie könnte ich Sie einfach, nachdem man Ihnen all das WEGEN MIR angetan hat, hier so liegen lassen? Wie sollte ich denn ruhig sitzen bleiben bei den Gedanken an Ihre Verletzungen? Ich bin sicher, Madame Pomfrey hat Mittel und Wege gefunden, Ihre körperlichen Verletzungen zu heilen.
Doch was ist mit Ihrer Seele, Severus? Wenn ich es könnte, ich würde Ihnen diese Last nehmen. Wenn es einen Trank oder einen Zauber gibt, der Ihnen diese Qualen nimmt, dann finde ich ihn.
Sie sehen so friedlich aus, wenn Sie schlafen, Severus; der Trank, Sie müssen ihnzu sich genommen haben; er wirkt offensichtlich. Mein Schluchzen hätte Sie sonst längst geweckt…
Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie nach Rumänien gereist sind, um mir zu helfen. Das konnte ich nicht von Ihnen erwarten. Und doch habe ich es gehofft, Severus. Wie egoistisch von mir, auf meine Rettung durch Sie zu hoffen. Ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie gefährlich das für Sie werden könnte.
In welche Gefahren Sie sich für mich begeben haben, weiß ich nun. Das verzeihe ich mir nie.
Bitte, Severus, geben Sie nicht auf. Geben Sie sich nicht auf. Geben Sie Remus nicht auf.
Und - geben Sie uns nicht auf. Die Malfoys und ihre „Freunde" werden dafür büßen, das schwöre ich Ihnen.
Ich konnte es kaum glauben, als ich lesen musste, was diese Mistkerle Ihnen angetan haben. Wie können Menschen nur zu so etwas fähig sein? Was gibt denen das Recht, sich so über das Leben anderer zu stellen und alle möglichen Mittel zum Zweck anzuwenden, ohne Rücksicht auf Verluste? Severus, das sind die wahren Bestien!
Ich kann verstehen, dass Sie mich nicht sehen wollen. Doch ich musste Sie sehen, Severus, ich musste mit eigenen Augen sehen, dass Sie noch leben. Ich habe meine Chance genutzt, als Sie vom Traumlostrank schrieben. Ich habe lange überlegt, ob ich Ihnen schreiben soll, dass ich hier gewesen bin. Aber es könnte sein, dass Madame Pomfrey mich vorhin gesehen hat, als sie aus Ihrem Zimmer kam (obwohl sie erstaunlicherweise nicht hergekommen ist um nachzusehen, woher die Geräusche stammen), und so ergreife ich die Flucht nach vorn und schreibe Ihnen.
Es fällt mir so schwer, Severus, ich kann meine Gedanken kaum ordnen, geschweige denn in Worte fassen.
Ich bitte Sie, mir zu verzeihen, dass ich hier gewesen bin. Ich respektiere Ihre Gefühle und dass Sie allein sein möchten; doch ich musste sehen, dass Sie leben, sehen, ob Sie es auch wirklich sind. Deswegen sitze ich hier, während Sie schlafen.
Bitte, Severus, wenn Sie sich dazu imstande sehen, schreiben Sie mir. Vielleicht finden wir noch einen Weg. Für Remus. Für uns wohl nicht mehr, nicht wahr?
Wenn Sie den Kontakt zu mir nicht mehr ertragen, werde ich versuchen, das zu akzeptieren.
Doch ich hoffe, dass wir uns eines Tages gegenübertreten können. Wenn Sie es wünschen. Und wenn ich es mir vergeben kann.
Auf dem Tisch neben sich finden Sie noch zwei weitere Briefe. Ich habe diese geschrieben, als Sie nicht aufzufinden waren. Das hat mir ein beruhigendes Gefühl gegeben. Ich wollte sie Ihnen erst nicht geben; doch wenn Sie sie schon verbrennen, sind sie vielleicht wenigstens noch einmal gelesen worden. Und dafür schreibt man Briefe ja wohl, nicht wahr?
Ich werde bald nach London zurückkehren; die Sonne geht bereits auf, und ich muss fort sein, bevor Madame Pomfrey wieder bei Ihnen ist.
Leben Sie wohl, Severus.
Hermine
Als Madame Pomfrey gerade nach ihrem Patienten sehen will, sieht sie, dass die Zimmertür nur angelehnt ist; das Schlimmste befürchtend, stürzt sie mit gezogenem Zauberstab in Professor Snapes Zimmer – und sieht gerade noch, wie Hermine etwas auf dem Tisch neben seinem Bett ablegt und nach einem zärtlichen Kuss auf seine Stirn durch die zweite Tür des Zimmers verschwindet.
Dies ist der erste der Briefe, den Hermine während der Abwesenheit von Severus geschrieben hat:
Bran, den 16. November
Lieber Severus,
es ist schon komisch; obwohl Sie nicht aufzufinden sind, habe ich irgendwie das Bedürfnis, Ihnen zu schreiben. Ich mache mir solche Sorgen um Sie. Und ich rede mir ein, es würde helfen, an Sie zu denken, um Sie zu finden.
Merkwürdig, nicht wahr?
Ich bitte in aller Form um Entschuldigung für meinen letzten Brief an Sie. Die Worte, die mir davon noch in Erinnerung sind, hätte ich so niemals an Sie richten dürfen.
Ich wage kaum, darüber nachzudenken, wie bestürzt Sie gewesen sein mussten, als Sie meine Zeilen lasen.
Und - bitte verzeihen Sie mir meinen Sarkasmus - so gesehen ist es vielleicht ganz gut, dass wir uns im Augenblick nicht treffen können; ich könnte Ihnen kaum in die Augen sehen. Es tut mir so leid. Ich kann mein Verhalten nur mit dem ganzen Zeug erklären, dass man mir eingeflößt hat. Und das dank Ihrer Schwester nicht allzu großen Schaden angerichtet hat.
Mal abgesehen von meinem letzten Brief.
Severus, für mich sind Sie merkwürdigerweise nicht verschwunden, obwohl mein Geist doch weiß, dass es so ist; es ist, als wären Sie immer bei mir um mich zu beschützen.
Doch was rede ich - vielleicht sind Sie derjenige, den es zu beschützen gilt! Wo sind Sie nur gelandet, Severus? Was haben Sie gemacht?
Tonks hat tatsächlich an Ihre Schwester geschrieben, Severus, sie macht sich solche Sorgen. Die mache ich mir auch.
Wie konnte das alles nur geschehen? Wie konnte es nur so weit kommen? Ich habe das Gefühl, die Ereignisse der letzten Tage hätten mich total überrannt.
Wissen Sie noch, dass ich mir anfänglich "nur" Sorgen um Ihre Kopfschmerzen gemacht habe? Was für eine Nichtigkeit im Vergleich zu den Sorgen, die mir jetzt im Kopf herumgeistern. Severus, ich würde für den Rest meines Lebens Ihre Kopfschmerzen übernehmen, wenn ich nur wüsste, dass es Ihnen gut geht!
Ihre Schwester Malicia ist ein herzensguter Mensch, Severus. Sie kümmert sich um mich, als wären wir schon jahrelang befreundet. Ich kann das alles nie wieder gutmachen. Sie konnte mich gestern aus Bran befreien, doch leider hat ein Freund von ihr, der sich bereiterklärt hatte zu helfen, schwere Verletzungen erlitten bei dem Versuch, mir das Leben zu retten. Nun, mein Leben hat er gerettet; aber zu welchem Preis? Malicia ist sich nicht sicher, ob Balthasar, so heißt dieser arme Mann, jemals wieder richtig gesund wird, aber sie versucht ihr Bestes.
Severus, ich bin mir nicht sicher, ob Sie diese Zeilen jemals lesen werden. Selbst wenn Sie hoffentlich bald wieder auftauchen, bin ich mir nicht sicher, ob ich genug Mut habe, Ihnen all das hier zu senden. Meinen seelischen Offenbarungseid.
Ich bitte Sie von ganzem Herzen um Verzeihung.
Hermine Granger
Und hier folgt der zweite:
London, den 18. November
Severus,
ich weiß langsam nicht mehr weiter. Meine ganze bisherige Welt bricht aus den Fugen, und ich weiß nicht, was ich noch tun kann.
Sie sind nun schon seit Tagen nicht aufzufinden; anscheinend weiß nicht mal der Orden so genau, wo die Sie suchen sollen. Denn sonst hätte man Sie doch schon längst aufgespürt? Ich kann das alles nicht glauben; wo sind Sie nur, Severus?
Ich will mir gar nicht vorstellen, dass Ihnen etwas zugestoßen sein könnte… Ich rede mir ein, Sie wollten nur geheime unauffällige Nachforschungen anstellen oder so etwas; doch dann hätte Snowflake Sie finden müssen, nicht wahr? Und Mephisto würde sich nicht so seltsam benehmen, als quäle ihn etwas ganz furchtbar…
Severus, wenn ich nur wüsste, dass Sie überhaupt noch leben!
So etwas Verrücktes; ich schreibe Briefe an einen Mann, von dem niemand weiß, wo er sich aufhält und – ob es ihn überhaupt noch gibt.
Nie! Nie kann ich es mir verzeihen, wenn Ihnen meinetwegen etwas zugestoßen ist.
Malicia hat mir Mephisto mitgegeben; es fällt mir schwer, ihn so zu betrachten. Immer wieder stößt er laute Rufe aus, die einem das Herz zerreißen können; er verweigert fast vollständig die Nahrungsaufnahme und frisst nur so viel, dass er fast den ganzen Tag in der Luft bleiben kann. Ich denke, er sucht Sie ebenfalls; aber irgendwie kann ich nicht richtig zu ihm durchdringen. Meine geistigen Fähigkeiten für solch eine Art von Kommunikation reichen wohl nicht aus, leider. Aber er kann mir seine Gefühle vermitteln. Und das macht es nicht wirklich besser.
Malicia ist in Burgas geblieben, um ihrem Freund Balthasar helfen zu können. Das ist der Mann, der sein Leben für mich riskiert hat, obwohl wir uns nie vorher begegnet sind. Ich habe heute einen Brief von ihr erhalten. Sie schreibt, es gehe Balthasar etwas besser, aber sie könne einen Teil seiner Wunden nur unzureichend versorgen, weil diese magisch verändert worden seien. Aber sie hofft, dass sie der Lösung dafür bald auf die Spur kommt.
Auch sie macht sich solche Sorgen, Severus. Mir ist klar, dass ich überhaupt keine Ahnung von Ihrer Familiengeschichte habe; ich weiß nicht, ob zwischen Ihnen beiden mal etwas vorgefallen ist; aber ich würde doch zu gern wissen, warum der Kontakt zwischen Ihnen so eingeschlafen ist. Haben wir unterschiedliche Auffassungen zu der Bedeutung von Familie?
Oder wollten Sie sie nicht in Gefahr bringen, falls Voldemort sie sonst für seine Zwecke hätte missbrauchen können?
Es geht mich wirklich nichts an, Severus. Entschuldigen Sie meine Neugier.
Ach, es ist alles so surreal! Ich sitze hier und mache mir Gedanken über Ihre Familie, und dabei könnten Sie längst – längst – ich kann das nicht aufschreiben, Severus. Ich habe Angst, es könnte eintreten, wenn ich es aufschreibe.
Ich mache mir solche Sorgen.
Hermine
