Broken
Kapitel 28
Gefunden
Draco warf sich mit der ganzen Kraft seines Oberkörpers gegen die Tür. Er konnte drinnen nichts hören, aber er wusste, dass Ginny sich darin befinden musste. Draco, Pansy, Blaise sowie Fred und George suchten die ganzen Ländereien ab und Draco wagte sich sogar in den verbotenen Wald vor. All ihre Anhänger leuchteten auf, als sie das Quidditch Feld erreichten, und nun standen sie vor der Tür zu den Umkleiden und der Anhänger leuchtete hell genug, damit man fast blind wurde.
Draco wusste, dass Harry und Ron sich Ginny geschnappt haben mussten, als sie am See auf ihn wartete. Das Schuldgefühl wuchs in seiner Brust heran, als er merkte, dass sie weder am See, noch in Pansys Zimmer war, und wurde fast unerträglich. Wenn er Ginny bloß gesagt hätte, sie solle mit Pansy und Blaise zurück zum Schloss gehen, dann wäre sie jetzt nicht in diesen Schwierigkeiten. Er musste einen Weg finden, wie er Harry und Ron aufhalten konnte. Er wusste, dass Ginny wütend sein würde, wenn er ihnen etwas antat. Und er wusste auch, dass es sie nicht aufhalten würde. Es gab nur eines, das er tun konnte, um sicher zu gehen, dass Harry und Ron sich zumindest zurückzogen, und er mochte diesen Gedanken nicht sonderlich.
Draco und Blaise hatten die letzten paar Minuten lang versucht, die Tür aufzubrechen. Draco dachte nicht daran, seinen Zauberstab zu benutzen. Er konnte nicht mehr klar denken, seit Ginny als vermisst galt. Pansy, Fred und George liefen um die Umkleide herum, um nachzusehen, ob es noch einen Weg hinein gab. Blaise hörte plötzlich auf, seine Schulter gegen die Tür zu rammen, und sah Draco verwirrt an, aber Draco bemerkte es nicht.
"Warte", sagte Blaise.
"Was?", fauchte Draco ihn an. Er wollte jetzt nicht mit Blaise sprechen. Alles, das er wollte, war zu Ginny zu gelangen. Sie alle wussten, dass Ginny sich in der Umkleide befand, da die Anhänger hier am allerhellsten leuchteten, aber unglücklicherweise wusste keiner von ihnen, ob das nicht auch bedeuten konnte, dass sie sich in großen Schwierigkeiten befand.
"Warum benutzen wir keine Magie?", fragte Blaise ruhig. Er beschloss, seinen Freund nicht anzumotzen, denn er wusste, dass er wirklich besorgt war.
Draco durchsuchte hastig seine Robe. "Ich habe meinen Zauberstab in Pansys Zimmer vergessen."
"Hier", sagte Blaise, als er seinen eigenen Zauberstab hervor zog. "Alohomora", sagte Blaise und deutete mit dem Zauberstab auf das Schloss.
Nichts passierte.
"Es hat nicht geklappt", sagte brachte jedes Quäntchen Selbstbeherrschung auf, das er besaß, um ruhig zu bleiben.
"Das merke ich", meinte Blaise. "Geh zurück." Draco trat zögerlich einen Schritt nach hinten und Blaise wedelte mit dem Zauberstab. "Bombarda", rief Blaise.
Die Tür zur Umkleide und der größte Teil der Wand herum wurde zerstört. Die stille Nachtluft wurde von einem betäubenden Knall und den zerbrochenen Mauerteilen erfüllt, die zu Boden fielen. Draco und Blaise rissen ihre Arme hoch in die Luft und drehten ihre Gesichter weg, um sich von dem splitternden Glas, dem Mauerwerk und den Holzsplittern zu schützen. Blaise wurde von einem besonders großen Glassplitter getroffen, er sich tief in seinen Unterarm bohrte und dort schmerzhaft stecken blieb. Draco wurde von einem herumfliegenden Ziegel getroffen und hatte winzige Schnitte auf seinen Wangen und seiner Stirn abbekommen.
Draco verschwendete keine Zeit und wartete nicht, bis die Trümmer zur Ruhe gekommen waren und der Staub sich gelegt hatte. Er lief in die Umkleide und suchte nach Ginny. Er spürte ein paar Staubkörnchen in seinen Augen und der staubige Nebel machte es schwer, zu sehen und zu atmen, aber es war ihm egal.
"Ginny!", schrie Draco. Blaise lief ihm nach. Er hatte ebenfalls Schnitte und Kratzer im Gesicht, wollte aber auch nicht warten, bis der Staub sich gelegt hatte.
"GINNY!", riefen Blaise und Draco zusammen. Sie wagten sich noch nicht weiter in den Raum hinein. Sie hatten Angst, sie könnte irgendwo auf dem Boden liegen und dass sie auf sie treten könnten. Sowohl Draco, als auch Blaise hofften, dass keines der Trümmerteile Ginny getroffen hatte.
Pansy, Fred und George kamen eine Sekunde später zu ihnen gelaufen. Draco und Blaise streckten ihre Arme aus, um ihnen zu signalisieren, nicht weiter in den Raum vorzudringen. Die fünf warteten ein paar Minuten, bis der Staub sich gelegt hatte, bevor sie weitergingen. Nachdem die Luft klar genug war, um wieder sehen zu können, gingen sie vorsichtig weiter in den Raum hinein und sahen sich um.
"HIER HERÜBEN!", schrie Blaise von der anderen Seite des Zimmers, wo die Besen aufbewahrt wurden.
Alle liefen in die Richtung, aus der Blaises Stimme kam.
Bei dem Anblick, der sich vor ihnen auf tat, waren sie alle so schockiert, dass sie stockstill stehen blieben und nach Luft schnappen mussten. Ginny lag vor dem Besenschrank auf dem Boden. In ihrem Haar befand sich getrocknetes Blut und ihr Gesicht war schlimmer denn je mit Blutergüssen und Schnittwunden übersät. Ihr rechtes Bein stand in einem unnatürlichen, verdrehten Winkel ab und es sah aus, als wäre es gebrochen.
"Wir müssen sie in den Krankenflügel bringen", sagte Blaise.
"Aber ... was, wenn ...", begann Pansy.
"Nein, diesmal gibt es keinen anderen Ausweg. Sie muss in den Krankenflügel", sagte Fred grimmig.
"Okay, gehen wir. Ich will nicht noch mehr Zeit vergeuden", sagte Draco. Er versuchte, seine Sorgen zu verbergen, aber es gelang ihm nicht.
Draco beugte sich hinab und hob Ginny mit einer Hand unter den Knien und der anderen unter ihrem Rücken hoch. Die anderen traten zur Seite und ließen ihn vorbei, bevor sie ihm folgten.
Die drei Slytherins und die Zwillinge gingen mit der bewusstlosen Ginny in Dracos Armen in Stille zurück zum Schloss. Jeder wusste, dass Draco nicht nur extrem besorgt war, sondern auch vor Wut brodelte. Sie alle hatten den selben Gedanken. Diesmal würde nichts und niemand Draco aufhalten, sich Harry und Ron vorzunehmen, und sie mussten alle bei dem Gedanken böse lächeln.
Als sie die Haupteingangstore zum Schloss erreichten, kam Pansy plötzlich ein Gedanke und sie blieb abrupt stehen. Blaise bemerkte dies zuerst und hielt ebenfalls inne. Die Zwillinge gingen noch ein paar Meter weiter, bevor sie etwas bemerkten, und Draco wollte Ginny schnellstmöglich in den Krankenflügel bringen, also bemerkte er nichts und ging weiter.
"Wartet", sagte Pansy. Draco drehte sich zu ihr um und ging mit einem eindeutig genervten Gesichtsausdruck wieder zu ihr zurück.
"Was?", fragte er gereizt.
"Was sollen wir Madam Pomfrey erzählen?", fragte Pansy.
Sie alle standen einen Moment lang in Stille da. Sie wussten, dass Madam Pomfrey nicht so wie die Lehrer war. Sie verlangte keine Antworten, aber sie musste natürlich wissen, was geschehen war, damit sie ihre Patienten gut behandeln konnte. Draco war es egal, was sie ihr erzählten, solange sich Ginnys Zustand bald besserte und sie gesund wurde. Er würde liebend gern erzählen, was passiert war, dass Harry, Ron und fast alle anderen Weasleys Ginny schon ihr ganzes Leben lang schlugen. Er wusste jedoch, dass er das aus einigen Gründen nicht tun konnte. Niemand wusste genau, was heute Abend passiert war, und es würde auch keiner wissen, solange sie nicht erwachte und es ihnen erählte. Ginny wäre sicher wütend, wenn sie es erzählen würden. Harry und Ron würde Ginny wahrscheinlich umbringen, wenn sie es jemandem erzählten, und sie würden dafür sorgen, dass sie von der Schule verwiesen wurden. Und natürlich war es nicht an ihnen, Ginnys Geschichte zu erzählen. Das war einzig und allein Ginnys Entscheidung.
"Sagen wir einfach, dass sie in der Umkleide eingeschlossen war und Blaise den 'Bombarda'-Zauber angewandt hat, um die Tür zu öffnen, weil 'Alohomora' nicht funktioniert hatte", schlug Fred vor.
"Das würde erklären, wie sie zu ihren Verletzungen kam und wieso die Umkleide zerstört wurde", sagte George.
"Und das ist zumindest die halbe Wahrheit", fügte Blaise hinzu.
"Okay ... aber wie kam es dazu, dass sie in der Umkleide eingeschlossen war? Sie spielt nicht Quidditch, und ich bin mir sicher, dass Madam Pomfrey das weiß", meinte Pansy. Sie klang gerade stark wie Hermione.
"Sagen wir einfach, sie hat mich gesucht. Können wir jetzt gehen?", fragte Draco irritiert.
"Ich denke, das wird gut genug sein", sagte Fred und sie begannen wieder weiterzugehen.
"Ja, Fred und ich waren ständig im Krankenflügel und wir haben ihr nie die ganze Wahrheit erzählt."
"Und auch wenn sie wusste, dass wir logen, sie hat uns nie gedrängt, die Wahrheit zu sagen", fuhr Fred fort.
Sie erreichten den Gang, der zum Krankenflügel führte, als Pansy wieder stehen blieb. Den anderen inklusive Draco fiel das sofort auf, und sie blieben ebenfalls bei ihr stehen.
"Was jetzt?", fragte Draco, nachdem er Ginnys Gewicht in seinen Armen etwas umgelagert hatte.
"Sie können nicht mitkommen", sagte Pansy geradeheraus und deutete auf Fred und George.
"Oh, danke", sagte Fred voll Sarkasmus.
"Wir lieben dich auch, Prinzessin", sagte George in genau dem selben Tonfall.
"Ich meine, Pomfrey wird das komisch vorkommen, wenn ihr beiden zufällig auch da seid, wenn sie versehentlich bei einem 'Unfall' verletzt wird", meinte Pansy und machte bei dem Wort "Unfall" unsichtbare Gänsefüßchen in die Luft.
"Ich will da sein, um zu erfahren, was mit ihr passiert ist", sagte Fred entschlossen.
"Ich weiß, aber das wird ihr komisch vorkommen, und ich würde gern die kniffligen Fragen momentan vermeiden", sagte Pansy mit einem mitfühlenden Seufzen.
"Ihr zwei wartet in Pansys Zimmer und wir erzählen Pomfrey, dass wir euch verständigen wollen, weil Ginny sicher möchte, dass ihr Bescheid wisst, dass sie verletzt ist", schlug Blaise vor.
"Na schön", stimmten die Zwillinge zaghaft zu.
Fred und George drehten sich um und liefen zu Pansys privatem Zimmer, während Pansy, Blaise und Draco mit der bewusstlosen Ginny in Richtung des Krankenflügels weiter liefen. Sie gingen in besorgter Stille dahin und gingen in ihren Gedanken noch einmal die Geschichte durch. Sie wussten, dass die Geschichte schwach war, aber ihnen fiel nichts Besseres ein. Sie hofften bloß, dass die Geschichte für Madam Pomfrey gut genug war. Wenn Harry und Ron einen Fluch über Ginny gelegt hatten, dann wusste Madam Pomfrey mit Sicherheit, dass sie logen, und dann mussten sie ihr die Wahrheit erzählen und gleichzeitig riskieren, dass Ginny noch weiterer Schaden zugefügt werden würde, und das war keiner von ihnen bereit zu tun. Das einzige Problem war, dass weder Pansy, noch Blaise, noch Draco wusste, ob Ginny in mehr oder weniger großer Gefahr war, wenn die Lehrer darüber bescheid wussten, womit Ginny schon ihr ganzes Leben lang zu kämpfen hatte.
Sie kamen vor den Türen zum Krankenflügel an und holten tief Luft, bevor sie sie öffneten. Madam Pomfrey kam sofort aus ihrem Büro. Sie wussten alle anhand ihres Gesichtsausdruckes, dass sie mit ihnen schimpfen wollte, weil sie sie gestört hatten, bis ihr Blick auf Ginny fiel.
"Oh du grundgütiger Merlin! Was ist passiert?", fragte sie und hob sie sanft aus den Armen von Draco, der sie zögerlich los ließ.
Blaise und Pansy erklärten ihr, was vorgefallen war. Madam Pomfrey war skeptisch, aber sie stellte ihre Geschichte nicht in Frage. Sie legte Ginny in eines der leeren Betten und begann, einige Tests durchzuführen.
"Vier gebrochene Rippen, ein verstauchter Knöchel, ein gebrochenes Bein ... ein dreifacher Bruch. Blutergüsse auf den Beinen, der Brust, dem Bauch, im Gesicht und an den Armen. Schnitte an den Armen, Beinen, im Gesicht, im Nacken und am Kopf", murmelte Madam Pomfrey leise, während sie jeden einzelnen Teil von Ginnys zerbrechlichem und verletzten Körper untersuchte. Ein Klemmbrett und eine Feder schwebten neben ihr in der Luft und machten eilig Notizen, während sie Ginnys Körper betrachtete.
"Das ist seltsam ...", sagte sie nach einem Moment der Stille. Sie hatte bei Ginnys Brust inne gehalten und die Narben gesehen, die Harry in der Nacht der Halloweenfeier verursacht hatte.
"Wo hat sie diese Narben bekommen?", fragte Madam Pomfrey die drei Slytherins.
"Wissen wir nicht", sagten Blaise und Draco zusammen.
"Sie hat mal erwähnt, dass sie eine kratzende Katze besaß", warf Pansy schwach ein. Pomfrey hob ihre Augenbraue bei Pansys Worten hoch, sagte aber nichts dazu.
"Okay, der Schaden scheint mir nicht zu schlimm zu sein, aber sie ist ernsthaft verletzt", informierte Madam Pomfrey sie nach einer weiteren Kontrolle.
"Wie kann es sein, dass es nicht schlimm ist, wenn sie ernsthaft verletzt ist?", fragte Draco bitter.
"Was ich meine, ist, dass das nichts ist, das ich nicht wieder hinkriege, aber wenn sie damit allein gelassen wäre, müsste sie tage- oder wochenlang starke Schmerzen erleiden", fuhr sie fort. Dracos kleiner Ausbruch ließ sie anscheinend unbeeindruckt.
"Also muss sie keine Schmerzen leiden, wenn sie aufwacht?", fragte Blaise in einem hoffnungsvollen Tonfall.
"Das habe ich nicht gesagt", meinte Madam Pomfrey. Die Gesichter der Slytherins verloren ihre Hoffnung wieder. "Es gibt eine Wahrscheinlichkeit, und zwar eine ziemlich große Wahrscheinlichkeit, dass sie Schmerzen leiden wird, am ehesten ihr Kopf und ihr Bein, denn diese Körperteile wurden am schwersten verletzt", meinte sie mit mitfühlender Stimme.
"Madam Pomfrey?", fragte Pansy.
"Mmmm?"
"Können wir ihre Familie kontaktieren? Wir wissen, dass es ihnen nicht gefallen würde, dass sie nicht informiert werden, wenn Ginny so schwer verletzt ist", erklärte Pansy.
"Ich hatte schon die Absicht, Ronald zu kontaktieren."
"Nein!", schrien die drei Slytherins alle zusammen. Madam Pomfrey sah sie mit einer Mischung aus geschockter Neugier und etwas an, das ihnen fast wie Belustigung vorkam.
"Sehen Sie, ich weiß, dass Sie ihn nicht mögen und dass Ms. Weasley und ihr Bruder derzeit nicht miteinander sprechen, aber ich glaube schon, dass er verständigt werden sollte", sagte sie.
"Sie will nichts mit ihm zu tun haben. Wir wissen, dass sie ihn nicht hier haben möchte, wenn sie in solch einem Zustand ist", sagte Draco, der seine Wut kaum unterdrücken konnte.
"Mr. Malfoy, ich weiß, dass Sie und Mr. Zabini und Ms. Parkinson sich um Ms. Weasley sorgen, und zwar aus Gründen, die niemand in dieser Schule auch nur annähernd erraten kann, und die meisten möchten dies auch gar nicht erst versuchen, aber ich kann mit vollem Vertrauen sagen, dass Mr. Weasley ein Recht hat, Bescheid zu wissen."
"NEIN, HAT ER NICHT! UND SIE WISSEN EINEN SCHEISSDRECK!", schrie Draco und knallte seine Fäuste auf das nächste Nachttischchen, wodurch nicht nur Pansy und Blaise zurückzuckten, sondern auch Madam Pomfrey.
"Wenn Sie weiterhin in diesem Tonfall mit mir sprechen, bin ich gezwungen, dafür zu sorgen, dass sie diese Krankenstation verlassen", sagte Madam Pomfrey streng und erinnerte dabei stark an Professor McGonagall.
"Können Sie uns nicht einfach vertrauen, wenn wir sagen, dass sie ihn nicht hier haben möchte? Und wenn sie aufwacht, können Sie sie selbst fragen, aber jetzt belassen wir es einfach mal dabei?", sagte Draco etwas ruhiger.
"In Ordnung. Merlin allein weiß, warum ich dem zustimme", meinte Madam Pomfrey zögerlich. "Nun, darf ich fragen, wen Sie stattdessen informieren möchte, oder werde ich dann auch wieder angeschrien?", fragte sie mit einem kleinen Lächeln.
"Fred und George", sagte Pansy mit einem Grinsen. Madam Pomfrey spitzte ihre Lippen in unverkennbarer Abneigung, aber sie gestattete es trotzdem.
