Kapitel 28

Elizabeth war noch niemals so froh in ihrem Leben gewesen, als sie etliche Stunden später den kleinen Parkplatz am Waldrand erreichten und ihren Wagen unversehrt dort vorfanden. Der Weg zurück war am Ende einfach zu finden gewesen, auch entdeckten sie das versteckte Zeichen, das sie gestern übersehen hatten, an einer der vorherigen Wegkreuzungen. Unterwegs hatten sie Beeren gesammelt und gegessen, am Teich, an dem sie sich gestern noch geliebt hatten, machten sie diesmal nur eine kurze Pause, um sich zu erfrischen und notdürftig zu waschen. Als sie dann endlich das Auto erreichten, waren sie kurz vorm Verhungern, doch so wie sie aussahen, waren sie wenig vorzeigbar, um auf die Menschheit losgelassen zu werden. William war unrasiert und sah aus wie ein Yeti, Elizabeths Haare waren mit Blättern gespickt und zerzaust. Ihre Klamotten sahen aus wie aus dem Altkleidersack, verdreckt durch den Regen und zerknittert vom darin schlafen. So wollten sie sich nirgends sehen lassen und ihr Plan, in der vornehmen Jasper Park Lodge zu essen, wie sie es eigentlich gestern abend vorgehabt hatten, wurde stillschweigend auf Eis gelegt. Sie verkniffen sich jegliche Gelüste und fuhren die Strecke ohne Halt zum Campingplatz, um sich dort über ihre Vorräte herzumachen wie zwei halbverhungerte Hyänen.

Als sie eine Stunde später gesättigt und frischgeduscht im Bett kuschelten – für mehr hatten sie momentan keine Energie – und sich vorstellten, wie sie wie zwei Bären unter dem Laubhaufen geschlafen hatten, konnten sie fast schon wieder über ihr Abenteuer lachen. „Ich will das trotzdem niemals wieder erleben," sagte Elizabeth und dachte mit Schaudern an die unbekannten Geräusche des Waldes, die sie die ganze Nacht über wachgehalten hatten. William strich langsam über ihren Bauch. „Mein Bedarf an Abenteuern ist ebenfalls fürs erste gedeckt," meinte er. „Wer hätte gedacht, daß man so etwas in der eigenen kultivierten Heimat erleben kann…" Elizabeth grinste. „Ich glaube, wir sollten den Rest unserer Flitterwochen lieber kuschelnderweise zubringen, was meinst du?" William zog sie träge auf seinen Bauch. „Nicht das geringste dagegen einzuwenden, meine Süße," brummte er und seine Müdigkeit war im gleichen Moment vergessen.

Sie verbrachten die nächsten drei Tage mit absolutem Faulenzen – bloß keinen Schritt zuviel gehen! William hatte darauf bestanden, daß Elizabeth in Jasper einen Arzt aufsuchte, der seine Sorgen jedoch zerstreuen konnte. Der Gewaltmarsch hatte ihr und dem Baby nicht geschadet, so versicherte er. Er riet allerdings von weiteren Trekkingtouren dieser Größenordnung dringend ab. Elizabeth hatte kein Problem damit, das zu versprechen. Stattdessen nutzten sie die Zeit und fuhren mit dem Auto durch den Park oder machten ganz kurze Spaziergänge. Sie erwischten den Mount Robson, den höchsten Berg der kanadischen Rocky Mountains ohne Wolken und in strahlendem Sonnenschein, sie hatten das seltene Glück, eine Herde Bergziegen auf ihrem abendlichen Weg zu einer Wasserstelle beobachten zu können und sie veranstalteten fast jeden Mittag intime Picknicks an wilden Gewässern.

William überraschte Elizabeth an einem besonders schönen Sommertag damit, daß er sie zu einer unchristlichen Zeit aufweckte und sie nach einem nur knappen Frühstück ins Auto nötigte. „Wo fahren wir hin, William?" wollte sie immer wieder wissen, doch er grinste nur und verriet es nicht. Sie fuhren in die gleiche Richtung wie zum Mount Robson, passierten diesen jedoch ohne anzuhalten und bogen dann an der großen Kreuzung in Richtung Süden ab, nach Valemount. William durchquerte den Ort, bis sie das Ufer eines Sees erreichten, wo sie schließlich haltmachten. William schaute sich einen Moment lang suchend um, dann lächelte er. „Ok, Liebes, du kannst aussteigen. Wir sind da."

Elizabeth warf ihm einen skeptischen Blick zu. Das Gewässer machte keinen besonders einladenden Eindruck, es war definitiv kein Touristengebiet, aber sie kam der Aufforderung nichtsdestotrotz nach. Was zum Teufel wollten sie hier? Diese Frage wurde ihr umgehend beantwortet. William zog sie ein Stück mit sich am Ufer entlang, wo ihr Blick auf ein Wasserflugzeug fiel, das an einem Steg festgemacht war und ruhig auf den Wellen schaukelte. Ein junger Mann stand daneben und lächelte ihnen zu. „Mr. Darcy?" rief er und winkte. Elizabeth blieb abrupt stehen. „Du willst nicht, daß ich da einsteige, oder?" fragte sie mißtrauisch. „Doch, natürlich! Wir haben einen Termin zum Mittagessen!" William grinste. „Darf ich bitten?"

Der Pilot begrüßte sie, wobei Elizabeth sich nur zögernd näherte. Wollte sie da wirklich einsteigen? Wollte sie tatsächlich mit einem Wasserflugzeug fliegen? Sie war unschlüssig. Einerseits war es schon immer ihr Traum gewesen, andererseits hatte sie ein bißchen Angst. Der Pilot spürte ihr Zögern und beruhigte sie. „Sie brauchen keine Angst zu haben, Ma'am. Und so schrecklich weit fliegen wir auch nicht." Er grinste William an und nickte. „Auch wenn ich ihnen nicht verraten darf, wohin die Reise geht. Aber sie werden sehen, es macht Spaß. Und es tut nicht weh." Elizabeth hatte instinktiv Vertrauen in den jungen, sympathischen Mann. Sie ergriff mutig Williams Hand, atmete tief durch und ließ sich von ihm in die kleine Maschine helfen.

Und bereute es keinen Augenblick. Es war einfach umwerfend! Sie verstand zwar ihr eigenes Wort nicht mehr, als der kleine Flieger Geschwindigkeit aufnahm und sich schließlich elegant in die Lüfte erhob, doch sie war sowieso viel zu aufgeregt, um zu reden. Williams Hand fest an sich gepreßt, schaute sie mit großen Augen aus dem Fenster. Die schneebedeckten Gipfel waren fast zum Greifen nahe, die kristallklaren Seen blitzten unter ihnen auf und die wenigen grauen Bänder, die sich als Straßen entpuppten, wanden sich kurvenreich durch die Berge. Es war in der Tat traumhaft.

Sie flogen in Richtung Westen, denn es dauerte nicht lange und Elizabeth konnte die Silhoutte von Vancouver vor sich sehen – leicht zu erkennen an der Bucht und der Lions Gate Bridge, die in den Norden der Stadt führte. Elizabeth freute sich schon auf einen Bummel durch die Stadt. Sie war schon seit ewigen Zeiten nicht mehr in Vancouver gewesen! „Oh William, Vancouver?" fragte sie aufgeregt und hüpfte in ihrem Sitz hin und her. William lächelte über ihren Enthusiasmus, auch wenn er sie enttäuschen mußte. „Heute leider nicht, Liebling." „Oh." machte Elizabeth, hörte auf zu hüpfen und schaute nach unten. Als sie die Bucht überflogen und dabei Canada Place passierten, anstatt dort zu landen, runzelte sie die Stirn. Also nicht nach Vancouver? Hm. Die Stadt lag ja bereits am Meer, also konnte die nächste Station nur Vancouver Island sein. Und mit dieser Vermutung lag sie dann auch richtig. Sie nahmen Kurs auf Victoria.

Die Landung war ebenso aufregend wie der Start, doch der Pilot war ein echter Könner. Sanft setzte er die Maschine im Hafen von Victoria auf und drehte zu den Stegen ab. William half seiner Frau auf festen Boden zurück, winkte dem Piloten zu und sagte: „Also dann bis heute nachmittag. Wir werden gegen fünf Uhr wieder zurück sein." „Geht klar, Mr. Darcy! Schönen Tag!" Er grinste Elizabeth zu und machte sich dann daran, die Maschine zu versorgen. „Du bist nicht enttäuscht, daß wir nicht in Vancouver gelandet sind?" fragte William und bot ihr seinen Arm. „Nein, natürlich nicht. Victoria ist auch sehr nett." „Gut." William blieb stehen, zog sie an sich und küßte sie lange – vollkommen ignorierend, daß sie auf einem belebten Fußgängerweg standen und die Passanten um sie herumlaufen mußten und ihnen Blicke zuwarfen – von empört über genervt bis zu verstehend lächelnd.

Elizabeth hätte den Rest des Tages so stehenbleiben können. Manchmal fand sie es beängstigend, wie glücklich sie mit William war. Auch wenn er ihr manchmal für ihren Geschmack zuviele Vorschriften machen wollte! Sie war sehr gespannt, wie sich ihr Leben später im Alltag entwickeln würde – für immer auf Wolken schweben, das war natürlich auch utopisch. Dazu kam, daß sie ihre junge Ehe nicht sehr lange alleine würden genießen können – in wenigen Monaten wären sie bereits zu dritt. William löste sich schließlich von ihr und unterbrach ihre müßigen Gedanken. „Komm, Mrs. Darcy, unser Mittagessen wartet schon."

Elizabeth war nicht wirklich überrascht, daß William sie ins Hotel „Empress" führte. Das vornehmste Hotel auf der Insel, das britischste Hotel außerhalb Englands – wobei man hier, so die Einheimischen, höchstwahrscheinlich noch englischer war als die Engländer selbst. Sie war jedoch überrascht, daß er es geschafft hatte, auf der bereits sehr gut besuchten Veranda einen Tisch zu reservieren. „William, die reservieren draußen doch normalerweise gar nicht!" flüsterte sie und William lächelte nur. „Doch, Liebes." „Guten Tag, Mr. Darcy," wurden sie auch prompt sehr höflich von einer Empfangsdame begrüßt, die William ein strahlendes, Elizabeth ein etwas weniger strahlendes Lächeln schenkte. Ihr Namensschild wies sie als ‚Anne Radcliffe" aus. William schien sie zu kennen, er wechselte ein paar Höflichkeiten mit ihr, stellte ihr seine Ehefrau vor, was sich noch viel negativer auf das Lächeln auswirkte und folgte ihr schließlich mit Elizabeth zu ihrem reservierten Tisch. Dem einzigen reservierten Tisch auf der Veranda.

„Du bist hier bekannt?" fragte Elizabeth und sah der Frau neugierig hinterher, bevor sie durch die Speisekarte blätterte. William lächelte bloß. Elizabeth mußte nicht unbedingt wissen, wie gut er Ms. Radcliffe kannte. Eine einmalige Sache, mehr nicht. Außerdem schon drei Jahre her, als Folge einer Party im Empress, an der er alleine, ohne weibliche Begleitung teilgenommen hatte. Ihm war schrecklich öde gewesen, er kannte kaum jemanden und so hatte er das ein oder andere Glas zuviel getrunken. Anne hatte damals noch im Housekeeping gearbeitet und ihm später Kopfschmerztabletten aufs Zimmer gebracht, um die er gebeten hatte. Er mußte zum Gotterbarmen ausgesehen haben, denn sie gab ihm nicht nur die Tabletten, sondern auch ein bißchen Trost. Eine ganze Nacht lang. Am nächsten Morgen war sie glücklicherweise verschwunden, noch bevor er aufwachte. Vorbei und schon längst vergessen. Nichts, wofür sich Elizabeth interessieren mußte. Nicht im geringsten.

Aber er kannte seine Gattin schlecht. „Bist du öfter hier?" wollte sie wissen. „Ich hatte bis vor zwei Jahren öfter hier zu tun, ja. Dieses Jahr bin ich noch gar nicht hiergewesen." „Und woher kennst du Ms. Radcliffe, oder wie sie heißt?" William zuckte mit den Schultern und versuchte, so gleichgültig wie möglich zu bleiben. Elizabeth würde die geringste Unsicherheit aufspüren und ihn darauf festnageln. „Sie arbeitet schon seit längerem hier und daher kenne ich sie. Sie hat mich einmal nach einer Party spät in der Nacht noch mit Kopfschmerztabletten versorgt, daher kenne ich sie mit Namen." William fand, daß dieser Teil der Wahrheit nicht schaden konnte. Elizabeth zog amüsiert die Augenbrauen hoch. „Party? Spät in der Nacht? Kopfschmerztabletten? Und ich dachte, du bist kein Partylöwe!"

William seufzte. „Manchmal muß man seinen gesellschaftlichen Pflichten eben nachkommen, ob man will oder nicht. Aber das wirst du auch noch am eigenen Leib erfahren, Liebes. Früher als dir lieb ist, wahrscheinlich." Er hoffte, er hätte Elizabeth genügend abgelenkt und widmete sich seiner Speisekarte. Ms. Radcliffe erschien nach kurzer Zeit wieder am Tisch, was Elizabeth die Stirn runzeln ließ. Normalerweise war für das Aufnehmen der Bestellung jemand anderes zuständig – aber nicht die Empfangsdame, die, wie der Name schon sagt, die Gäste bloß an ihre Tische brachte. „Danke, Ms. Radcliffe, daß sie meinem Mann damals Erleichterung verschafft haben, nach einer offenbar wüsten Party," sagte Elizabeth mit einem Augenzwinkern, bevor sie ihre Bestellung aufgab. Ms. Radcliffe nahm die Farbe von überreifen Tomaten an und William blieb vor Schreck der Mund offenstehen. Beide starrten sie perplex an. Woher wußte sie das jetzt bloß…?!

Elizabeth wußte nicht das geringste, ihre Wortwahl war einfach nur fatal und sie wunderte sich über die Reaktion, die ihr kleiner Scherz ausgelöst hatte. Als keiner von beiden etwas sagte sondern sie nur entsetzt anstarrten, begann ihr die Wahrheit zu dämmern und ihr Lächeln verschwand. „Oh," sagte sie nur, errötete leicht und bestellte das erstbeste, was sie auf der Speisekarte fand. Ihr war plötzlich der Appetit vergangen. William gab seine Bestellung auch eher geistesabwesend auf und Ms. Radcliffe eilte davon. Eine peinliche Pause entstand am Tisch.

„Du kennst sie etwas besser, nicht wahr? Etwas...hm...intimer" fragte Elizabeth nach einiger Zeit leise und schaute angestrengt auf die Blumenvase, die vor ihr auf dem Tisch stand. Sie kam sich wie eine Idiotin vor. Warum konnte sie bloß ihren vorlauten Mund nicht halten? Es war eine peinliche Situation für alle gewesen und am liebsten hätte sie das Restaurant umgehend verlassen. Natürlich hatte William vor ihr ein Liebesleben gehabt, darüber war sie sich durchaus im klaren und damit konnte sie leben, auch wenn sie es vorzog, nicht darüber nachzudenken. Es war etwas anderes, wenn sie eine seiner „Exen" auf solche Art und Weise kennenlernte. Es war einfach nur peinlich. Sie fühlte sich schlecht.

William griff nach ihrer Hand und lächelte etwas verlegen. „Ja, ich kenne sie. Können wir vielleicht später darüber reden, wenn wir ein wenig mehr Privatsphäre haben? Aber sei versichert, es gibt nicht viel zu erzählen, es ist keine große Sache." Elizabeth nickte schweigend. Sie bemühte sich, sich ganz normal zu verhalten und versuchte, sich zusammenzureißen. William hatte sie geheiratet, oder etwa nicht? Na also. Warum stellte sie sich dann so an?

Ihr Essen wurde von einer anderen Mitarbeiterin gebracht und sie sahen Ms. Radcliffe an diesem Tag glücklicherweise nicht noch einmal. Elizabeth vertilgte mühsam ihre Mahlzeit, sie bekam kaum etwas davon mit. Ihre Gedanken kreisten um Anne Radcliffe. Sie war ein ganz anderer Typ als sie selbst: klein, zierlich, sehr blond, sehr kurvig. Hm. Ließ sich daraus etwas ableiten? Diese unsägliche Alison war rothaarig gewesen. Nein, das hieß nichts. Höchstens, daß William gewisse Gelegenheiten nutzte. Vielmehr, genutzt hatte. Ach, es war so kompliziert! War sie eifersüchtig? Worauf? Auf eine vergangene Affäre? William war aufmerksam, er liebte sie, er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, er schaute sich nach keinen anderen Frauen um. Sie hatte keinen Grund zur Eifersucht. Nein, gestand sie sich ein, es war nicht unbedingt Eifersucht, was sie verspürte. Es war vielmehr eine tiefergehende Furcht, die sie von Beginn an ihrer Ehe mitschleppte: Die Angst, unzulänglich zu sein. Williams Maßstäben nicht gerecht zu werden. Seinem Leben, seinen gesellschaftlichen Kreisen nicht gewachsen zu sein. Sie, kleiner Bauerntrampel, Landei und Farmerstochter von Sherwood Oak.

Nach dem Essen machten sie einen Spaziergang rund um den kleinen Hafen von Victoria. William hatte einen Arm um Elizabeths Schultern gelegt. Er spürte ihr Unbehagen, ihre Unsicherheit und seufzte innerlich. Hoffentlich würde sie ihn nicht falsch verstehen. „Das mit den Tabletten ist die Wahrheit," begann er langsam. „Anne hatte sie mir damals aufs Zimmer gebracht, nachdem ich an der Rezeption darum gebeten hatte." Er deutete auf eine Bank am Wasser und Elizabeth nickte. „Es war eine dieser gesellschaftlichen Verpflichtungen, die ich so verabscheue und bei der ich diesmal keine Begleitung hatte. Aber es ging um eine wohltätige Sache und so mußte ich ausharren. Anne hat mir wohl angesehen, daß es mir nicht sonderlich gut ging. Wir haben uns ein bißchen unterhalten und… nun ja. Sie ist über Nacht geblieben. Es war eine einmalige Sache, wir haben später, wenn wir uns sahen, so getan als wäre nie etwas geschehen. Sie hätte ihren Job verlieren können. Darüberhinaus hatte ich kein weiteres Interesse und sie war klug genug, das zu akzeptieren." Er zog Elizabeth ein Stück näher an sich und küßte sie auf die Stirn. „Außerdem stehe ich nicht so sehr auf blond," murmelte er und sah erleichtert das kleine Lächeln in ihren Augen.

„Es tut mir leid, daß ich eine peinliche Situation heraufbeschworen habe," sagte Elizabeth leise und zupfte gedankenverloren am Kragen seines Hemdes. „Dazu konntest du nichts, ich hätte ja nichts von den Tabletten erzählen müssen. Aber für mich war das ganze Thema sowieso abgeschlossen, warum hätte ich dich damit belasten sollen. Du weißt, daß du keinen Mönch geheiratet hast, nicht wahr?" Elizabeth wurde rot, doch sie nickte. „Aber diese Zeiten sind vorbei, ich bin sehr glücklich mit meiner Monogamie," schloß William das Thema ab und Elizabeth lächelte scheu. „Solange die Monogamie nicht zur Monotonie wird…" murmelte sie und William lachte. „Mit dir sicherlich nicht, meine wundervolle Gemahlin," sagte er mit seinem unwiderstehlichen, britischen Akzent, der sie sowieso immer schwachwerden ließ und wie zum Beweis nahm er sie zärtlich in die Arme und küßte sie ausgiebig.

Nachdem sie den kleinen Schatten, den die Begegnung mit Ms. Radcliffe über ihren Tag gelegt hatte, komplett verdrängen konnten, spazierten sie noch ein wenig durch den Ort, tätigten einige Einkäufe oder schauten am Hafen einigen Künstlern zu, die mehr oder weniger professionelle Porträts von Touristen anfertigten. William weigerte sich rundheraus, sich von einem Karikaturisten zeichnen zu lassen, was Elizabeth zum Lachen brachte. „Ach wie schade, William, ich finde, das wäre ein sehr lustiges Bild geworden." „Ja, damit könnte ich dann meine Tochter erschrecken!" brummte er gutmütig und Elizabeth blieb wie angewurzelt stehen. „Deine Tochter?" fragte sie erstaunt. William tätschelte ihren anschwellenden Bauch und grinste. „Ja. Hab ich dir nicht gesagt, daß es ein Mädchen wird?" Elizabeth stemmte einen Arm in die Hüfte und starrte ihren Mann fragend an. „Keiner weiß bisher, was es wird, William!"

William lachte. „Doch. Ich. Es wird ein Mädchen." Er wandte sich um und zog Elizabeth mit sich. „Laß uns weitergehen, ja?" Sie kam hinter ihm her. „Was macht dich so sicher?" Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich weiß es einfach. Wir quatschen viel miteinander, weißt du?" Elizabeth mußte lachen. Das stimmte allerdings. William plauderte jeden Tag ausführlich mit ihrem Bauch und war felsenfest davon überzeugt, daß er Antworten bekam. „Du Spinner!" sagte sie liebevoll und wuschelte ihm durchs Haar. William verzog gespielt gekränkt das Gesicht. „Selbst schuld, warum hast du mich geheiratet?" brummte er, doch dann konnte er sich das Lachen nicht länger verkneifen. „He, was hältst du davon, wenn wir einen Abstecher zu den Butchart Gardens machen, bevor wir zurückfliegen?"

Pünktlich um fünf Uhr nachmittags waren sie wieder im Hafen und bestiegen ihr gechartertes Wasserflugzeug. Elizabeth hatte sich von den traumhaft schönen Gärten gar nicht trennen wollen. Als Kind war sie schon einmal dortgewesen, doch sie konnte sich nur vage daran erinnern. Stundenlang hätte sie sich alleine in den „sunken gardens" aufhalten können, oder den akribisch gepflegten japanischen Gärten, bei denen man den Eindruck hatte, die Rasenflächen wären mit der Nagelschere geschnitten worden. Den großzügig angelegten Rosengarten konnte sie jedoch nur für einen kurzen Moment betreten, da ihr die intensiven Düfte zu sehr zu schaffen machten, was sie sehr verwunderte. Auswirkungen der Schwangerschaft, wahrscheinlich. William mußte sie schließlich fast mit Gewalt und dem Versprechen, bald noch einmal hierherzukommen, mit sich ziehen, damit sie rechtzeitig wieder am Hafen waren.

Den Rest ihrer Flitterwochen verbrachten sie in der bewährten Mischung aus Faulenzen und ein bißchen durch die Gegend fahren, bevor sie schließlich über den Icefields Parkway und Banff wieder in Richtung Calgary fuhren. Viel zu schnell standen sie wieder vor den Toren Pemberleys – vorbei waren die Tage fröhlichen Nichtstuns, Faulenzens (ja, und auch Abenteuers) – der Alltag hatte sie wieder. Leider.