26. Kapitel: „Wenn man am Wenigsten damit rechnet…"
Tatsächlich dauerte es nur knapp eine Stunde, bis die Zwillinge in die Höhle zurück kamen, aber die Elben schafften es, alle Habseligkeiten wegzupacken, das Feuer noch einmal anzufachen und alles für den Aufbruch vorzubereiten, ohne die Menschen zu wecken. Es wurde ein schweigsames Frühstück, weil selbst nach dieser gewonnen Stunde Schlaf niemand wirklich erholt war, doch sie alle schienen von dem Wunsch erfüllt zu sein, endlich in die Stadt zurück zu kehren und in ihre trügerische Sicherheit zu gelangen.
Die Stimmung schien sich auch über den Tag nicht bessern zu wollen. In der Nacht war der Sturm abgeklungen und jetzt strahlte der Himmel erneut in einem klaren Blau und keine Wolke zeigte sich, aber dafür waren einige Abschnitte des Weges durch Geröll und Steine verschüttet worden. Eine Folge von Blitzeinschlägen und des heftigen Windes. Einige Male mussten sie sogar einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, weil eine Stelle absolut unpassierbar geworden war.
Je weiter sie ins Tal hinab stiegen, desto drückender wurde die Luft. Die Sonne brannte erbarmungslos auf sie hernieder und nun verschaffte ihnen der Höhenwind keine Kühlung mehr. Beunruhigt bemerkte Linnyd, wie sehr die Menschen unter der Hitze litten.
Eban schien seine Verletzung von Tag zu Tag mehr zuzusetzen. Er humpelte und stolperte auf Boromir und seine Frau gestützt und immer wieder zwangen ihn die Schmerzen zu pausieren. Er benötigte Ruhe und Erholung – so lange sie in den Bergen unterwegs waren, würde er keines von beidem finden.
Ebans Gepäck hatten sich Elrohir und Boromir geteilt. Laietha trug nun ihr ganzes Gepäck und auch an ihr ging die Reise nicht mehr spurlos vorüber. Sie war blass und hatte Kopfweh – das mussten die Folgen des Gewürzweines sein, den sie benutzt hatte, um ihre Angst vor dem Gewitter zu zügeln, schoss es der Elbin durch den Kopf.
Aragorn schien von Tag zu Tag mehr von seiner Kraft einzubüßen, aber bis zu diesem Tage hatte er es recht geschickt vor den anderen zu verbergen geschafft. Aber das war jetzt vorbei.
Wenn er sich unbeobachtet glaubte, ließ er die Schultern unter der Last seines Gepäcks hängen, sein Gang wurde unsicher und langsamer. Sah Linnyd jedoch direkt in seine Richtung, straffte er sich wieder. Fast hätte die Elbin über seinen Stursinn gelacht, denn er war nicht der Einzige, der sich so verhielt – seine Schwester tat es ihm gleich.
Auch Ruchon, der Leibwächter des Königs kam weniger schnell voran und war dankbar über jede kurze Rast, die sie hauptsächlich wegen Eban einlegten. Boromir, der für einen Menschen in seinem Alter ein starker Mann war, zeigte ebenfalls zum ersten Mal auf dieser Reise Schwäche. Bei der nächsten Rast, würde Linnyd zu ihm gehen und ihm einen Vorschlag unterbreiten, den sie für vernünftig hielt. Sie wollte wissen für wie realistisch der Mann es hielt, die Wirtschaft an der sie ihre Pferde gelassen hatten in einem letzten anstrengenden Marsch zu erreichen.
Nicht lange danach erreichten sie die ersten Bäume und machten Rast. Linnyd begab sich an die Seite des Kriegers, der sich auf einem umgefallenen Baumstamm niedergelassen hatte. Unweit von seinem Rastplatz saßen seine Frau und Eban – Schulter an Schulter mit geschlossenen Augen. Dieser Anblick bestärkte Linnyd in ihrem Vorhaben.
Boromir reichte der Elbin einen Schluck Wasser, den sie dankbar akzeptierte, um ihre staubige Kehle zu befeuchten. Der Schlauch des Mannes enthielt nicht mehr viel Flüssigkeit, denn er teilte ihn mit Eban und seiner Frau. Ein weiterer Grund, den Gasthof so schnell wie möglich zu erreichen.
„Ihr kennt diese Berge gut, Boromir", begann die Elbin und als sie in seine Augen blickte, glaubte sie voller Erstaunen zu erkennen, dass er ihre Gedanken teilte. „Wir haben Umwege machen müssen – das Terrain ist steinig und durch das Unwetter unsicher geworden. Der Abstieg dauert länger, als ich vorgesehen hätte." Linnyd nickte und er beantwortete von selbst die Frage, die sie ihm hatte stellen wollen. „Wir könnten das Dorf noch heute Nacht erreichen, aber wir müssten schnell gehen und nicht rasten."
Beide warfen einen Blick auf Eban, der bleich und mit geschlossenen Augen auf dem Boden lag und zu schlafen schien. „Der Mann braucht Ruhe. Glaubt ihr, er wird solch einen Gewaltmarsch verkraften?" Der Krieger lachte bitter. „Ich denke, es spielt keine Rolle, ob wir nun schnell oder langsam gehen. Eban ist verletzt, aber es besteht keine Gefahr für sein Leben. Ich denke, wenn die Elben und ich uns abwechseln und ihn tragen, könnten wir es schaffen. Wir werden jeden Knochen in unserem Leibe spüren, aber wir werden ein weiches Bett und ein Dach über dem Kopf haben."
Linnyd lächelte, froh, dass der Mann einer Meinung mit ihr war. „Ich werde mit Aragorn sprechen." Boromir erhob sich und machte sich auf den Weg zu seinem Freund. Die Elbin beobachtete beide aus der Ferne, bis sie neben sich das Rascheln von Stoff hörte. „Manchmal findet man unerwartete Verbündete", verkündete die Stimme ihres Prinzen und sie konnte sein Lächeln hören, ohne ihn anzusehen.
Es war schon seit Stunden finster, als sie endlich das warme Licht des Gasthauses durch die Bäume schimmern sahen. Ein leises Seufzen ging durch die Reihen der Gemeinschaft, als die Elben den Menschen ihre Beobachtung mitteilten. Fast hatten sie aufgeben und doch noch einmal im Freien ihr Lager aufschlagen wollen, aber nun schienen neue Kräfte sie zu durchfluten und mit zusammengebissenen Zähnen marschierten sie auf ihr Ziel zu.
Der Wirt war mehr als erstaunt, als er den späten Besuch erblickte. Die Gaststube war leer und die Glut im Kamin drohte bereits zu erlöschen. Schnell wurden ihnen zwei Zimmer zugewiesen und aus der Küche hörten sie die Köchin rumpeln, die ihnen rasch noch etwas zu Essen machen wollte.
Linnyd war nicht wohl bei dem Gedanken daran, mit Eban, Laietha und ihrem Mann ein Zimmer teilen zu müssen, aber das Gasthaus war klein und das andere Zimmer bereits belegt. Sie beeilte sich, so schnell wie möglich zurück in den Schankraum zu gehen, als die Menschen sich noch kurz in der Waschschüssel erfrischten.
Sie war nicht lange allein, denn schon bald gesellte sich erst Legolas, dann auch die Zwillinge zu ihr und schließlich kamen auch die Menschen – bis auf Aragorn und Eban. Letzterer war eingeschlafen, wie Laietha berichtete, aber Aragorn hatte darum gebeten, dass man auf ihn wartete
Der Wirt und seine Frau brachten ihren Gästen ein wenig Brot, Milch und Käse, was die müden Wanderer gerne annahmen, gerecht teilten und hungrig verspeisten. Auch Eban und Aragorn wurden nicht vergessen, aber der König ließ noch immer auf sich warten.
Elladan und Elrohir hatten neben der Feuerstelle Platz genommen, Legolas und Linnyd nahe der Tür, im Schatten eines Pfeilers stützte Ruchon seinen Kopf auf den Arm und dicht bei der Treppe saßen Laietha und ihr Mann, der seinen Arm um sie gelegt hatte.
Als ihre Bäuche gefüllt waren, wurden ihre Lider schwer und fast schon dachte Linnyd daran, die Versammlung aufzulösen und daran zu erinnern, dass sie am besten am nächsten Tag früh aufbrachen, als überraschend die Kriegerin die Augen aufschlug und sie mit wachem Blick musterte.
„Nun sind wir also in den Bergen gewesen und haben Eure Bestien gefunden, Linnyd. Habt Ihr gefunden, wonach Ihr gesucht habt?" Es lag keine direkte Feindseeligkeit in der Stimme der Menschin, aber die Elbin richtete sich auf und machte sich innerlich dafür bereit, sich zu verteidigen.
„Ich habe Wissen erlangt – wenn ich auch zugeben muss, dass ich noch keine Ahnung habe, wie ich es mir zu Nutzen machen kann, um heraus zu finden, was die Drachen von uns wollen – falls es das ist, was Ihr meint, Laietha." Die Blicke beider Frauen trafen sich und einen Augenblick lang schienen sie die Augen des Gegenübers so lange gefangen halten zu wollen, bis eine von beiden nachgab. Sie brachen beide den Kontakt ab, als sich Boromir zu Wort meldete.
„Wir wissen nun zumindest, wo die Drachen ihren Unterschlupf haben. Vielleicht kann uns das nützlich sein." Stille legte sich über den Raum, während jeder für sich nach einer Möglichkeit zu suchen schien, wie man den winzigen Vorteil nutzen konnte, den man gewonnen hatte. Wieder war es die Kriegerin, die zuerst ihr Wort erhob.
„Wir könnten unsere Männer in diese Berge schicken. Vielleicht haben wir dort eine Chance gegen die Biester. Vielleicht können wir sie vertreiben oder die Höhlen zum Einsturz bringen. So würden wir zumindest keine Unschuldigen gefährden."
Allein die Erwähnung der Möglichkeit, dass den Drachen ein Leid zugefügt werden könnte, ließ Linnyd in die Höhe fahren. „Nein!", sagte sie mit fester Stimme und musterte die Kriegerin kühl. „Außerdem scheint Ihr vergessen zu haben, wie hart der Panzer eines Drachen ist. Eure Waffen wären nutzlos. Es muss eine andere Möglichkeit geben."
Die Luft im Raum schien sich zu verdichten. Zwar behielten die Elben ihre entspannte Haltung bei, aber ihre Augen blitzten wachsam, bereit, jeden Streit im Keim zu ersticken. Auch Boromir und sogar Ruchon schienen wacher zu werden. Laietha erhob sich nun ebenfalls von ihrem Stuhl. Zornesröte war auf ihre Wangen getreten und ihre Augen blitzten wild.
„Es muss eine Möglichkeit geben, diesen Ungeheuern beizukommen! Ich kenne die Geschichten von Herrn Bilbo auswendig! Wenn es die Bewohner von Seestadt geschafft haben, Smaug zu besiegen, so können wir das auch. Ich werde nicht zusehen, wie noch mehr Menschen sterben!"
Sie schüttelte den Kopf, um die Bilder zu verdrängen, die sich vor ihrem Auge aufbauten – Aragorn und Eban vor dem Maul des Drachens. Seit diesem Tag sah sie diese Szene jede Nacht in ihren Träumen, in ihren Träumen, in denen jedes Mal die Fänge des Untiers zuschnappten – Knochen barsten und Blut spritzte. Es musste eine Möglichkeit geben, den Drachen beizukommen!
Beschwichtigend legte Boromir ihr eine Hand auf den Arm und zog sie zurück auf den Stuhl. „Auch ich kenne die Geschichte auswendig – du hast sie oft genug den Kindern erzählt – und ich weiß auch, dass Smaug eine verwundbare Stelle hatte. Wir sollten Linnyd die Möglichkeit geben, mehr über die Drachen zu erfahren, bevor wir die Leben unserer Soldaten in einem Angriff aufs Spiel setzen. Außerdem haben wir es mit drei Drachen zu tun – nicht nur mit einem, wie die Bürger von Seestadt."
Auch ihn hatte der Anblick der Drachen entsetzt, aber tief in seinem Inneren verspürte er Bewunderung für diese schrecklich schönen Geschöpfe und allein der Gedanke daran, einen von ihnen zu töten, brach ihm schier das Herz. Sicher, wenn es keine andere Möglichkeit gab, würden sie versuchen müssen, die Drachen zu töten, aber er setzte große Hoffnungen in die bezaubernde Elbin.
Auf wessen Seite stehst du eigentlich, schienen Laiethas Augen zu sagen, aber Boromir duldete keinen Widerspruch. Er schien nicht oft seine Autorität gegenüber seiner Frau zu gebrauchen, aber dies war solch ein seltener Augenblick und Linnyd war klug genug, ihren Mund zu halten. Eine andere Stimme mischte sich in das plötzliche Schweigen, eine Stimme, voll Müdigkeit, aber doch mit genug Kraft, um jedes Aufbegehren im Keim zu ersticken.
„Boromir hat Recht. Linnyd bekommt noch einen Monat Zeit, um die Drachen friedlich aus der Stadt zu vertreiben. Dann fürchte ich allerdings, werden wir militärische Schritte einleiten müssen."
Aragorn stützte sich müde auf das hölzerne Geländer der Treppe und nahm dankbar seinen Teil des Abendessens entgegen, den ihm sein Leibwächter reichte. „Und nun befehle ich euch, ins Bett zu gehen. Wir haben morgen einen anstrengenden Ritt vor uns."
Er schlich zurück in sein Gemach und nicht lange danach folgten auch Laietha und Boromir. Linnyd fragte sich, ob es wohl noch eine Diskussion zwischen beiden geben würde und beschloss, sich in dieser Nacht lieber im Heu bei den Pferden zur Ruhe zu begeben.
Als sie ihren Kopf im duftenden Heu vergrub, stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen und Legolas Worte hallten durch ihren Geist - Manchmal findet man unerwartete Verbündete.
