28. Sirius' Entscheidung

Harry war dieses Mal froh, als die Schule nach den Weihnachtsferien wieder begann. Schließlich bedeutete das, dass er Draco nun auch in einigen Schulklassen wieder sehen würde und nicht nur hin und wieder bei den Mahlzeiten. Ansonsten hielt sich Draco im Moment von ihm fern und Harry tat das Gleiche. Es war ein Fehler gewesen, Lavender und Parvati gegenüber auch noch zu erwähnen, dass Draco ein guter Tänzer war. Damit hatte er Öl auf Flammen gegossen, die sich wahrscheinlich bereits entzündet hatten. Den beiden waren neue Gerüchte über Draco Malfoy sowieso äußerst willkommen, und dass gerade Harry Potter neuerdings Positives über ihn sagte, war natürlich besonders pikant. Zum Glück waren sie, soweit Harry wusste, noch nicht dahinter gekommen, was wirklich los war, aber er fühlte, dass sie ihn beobachteten. Vor allem, wenn auch Draco in der Nähe war. Harry fürchtete, dass Draco es ihm übel nehmen könnte, wenn er herausfand, dass Harry Wasser auf die Mühlen von Gerüchten gekippt hatte, also war er sehr darauf bedacht, sich nichts mehr anmerken zu lassen. Sogar bei den Mahlzeiten mied er es, in Dracos Richtung zu blicken und auch sonst erwähnte er ihn möglichst selten. Eine Tatsache, die vor allem Ron sehr willkommen hieß.

Gerade aus diesem Grund wusste Harry Dracos Weihnachtsgeschenk immer mehr zu schätzen. Oft saß er einfach auf seinem Bett und beobachtete den kleinen Drachen, der sich immer auf irgendeine Art beschäftigte. Offenbar konnte er sogar Bücher lesen, oder zumindest so tun, denn sobald Harry auf dem Bett ein Buch aufschlug, kam er hinzu und lief auf den Seiten entlang, als würde er lesen. Am allerliebsten schwirrte er allerdings im Raum umher. Offensichtlich liebte er das Fliegen genauso sehr wie Draco und er war auch ebenso geschickt. Zum Glück verließ er niemals das Zimmer, wenn Harry ihn nicht mit hinaus nahm, denn sonst wäre er sicher verloren gegangen, unternehmungslustig, wie er war. Harrys Mitbewohner hatten den Drachen natürlich inzwischen auch schon bemerkt, aber Harry hatte ihnen einfach gesagt, dass es ein Weihnachtsgeschenk von seinem Paten gewesen war und niemand hatte daran gezweifelt. Alle hielten den Drachen offenbar für eine Art magisches Spielzeug, ohne zu ahnen, was es wirklich damit auf sich hatte.

Harry fragte sich natürlich manchmal, wie sich der Drache verhielt, der bei Draco lebte und hoffte, dass er auch etwas von der Eleganz und Anmut seines eigenen Drachens hatte. Allerdings bezweifelte er das leider.

Cai hatten er zusammen mit Ron und Hermione während der letzten Tage natürlich oft besucht. Was auch immer dem kleinen Werwolf im Wald zugestoßen war, hatte ihn sehr stark mitgenommen. Zwar waren die Scherben nach und nach offenbar von seinem Körper abgestoßen worden, aber die Wunden heilten nur sehr langsam. Wenn es möglich war, war Cai seitdem noch mehr in sich zurückgezogen. Außerdem war er ständig unruhig, so als ob er große Angst vor etwas hatte. Er zuckte vor jeder Berührung zurück und aß und trank nur gerade so viel, wie er brauchte, um am Leben zu bleiben. Für Harry war es vor allem qualvoll zu sehen, wie Remus Lupin darunter litt, dass es Cai schlecht ging. Er fragte sich, ob Lupin daran erinnert wurde, wie es ihm selbst gegangen war, nachdem er gebissen worden war. Höchstwahrscheinlich war es auch für ihn eine quälende Zeit gewesen. Gerade für einen so sanften Menschen, wie Lupin musste es grauenvoll sein, sich jeden Monat in eine Art Monster zu verwandeln.

Seit dem Vorfall mit Cai im Wald war allerdings in Hogwarts nichts ungewöhnliches mehr passiert und Harry wagte es langsam wieder aufzuatmen. Langsam konnte er auch glauben, dass Sirius und er sich nur etwas eingebildet hatten, und dass in Wahrheit keine Gefahr aus dem Verbotenen Wald drohte.

Ein anderer Gedanke hatte Harry allerdings die ganzen Weihnachtsferien nicht losgelassen und das war der an seine Animagus-Gestalt. Seit er wusste, dass er ein Mungo werden würde, hatte er sich wieder und wieder mit aller Kraft darauf konzentriert, in der Hoffnung, dass ihm eine Verwandlung gelingen würde, aber nichts geschah. Natürlich hatte er Sirius noch einmal darüber ausgefragt, aber der hatte ihm nur gesagt, dass er Geduld haben musste. „Schamanen-Zauber zeigen ihre Wirkung, wenn ihre Zeit gekommen ist", hatte er gesagt und ihm lächelnd die Haare zerstrubbelt. „Mit Ungeduld erreichst du gar nichts. Und glaub mir: Wenn du es erst einmal geschafft hast, ist es das einfachste von der Welt."

„Aber kannst du mir nicht ungefähr sagen, wie lange es dauern wird?" hatte Harry ihn gedrängt.

„Wenn du es wirklich mit aller Macht willst, dann wird es funktionieren."

Das war allerdings nur ein schwacher Trost gewesen, denn Harry wusste nicht, wie in aller Welt er es noch mehr wollen könnte, als jetzt. Er war unendlich gespannt darauf, wie es sich anfühlen würde, ein Mungo zu sein. Er erinnerte sich sehr gut an die Lebensfreude und Kraft, die er in den Träumen gespürt hatte, in denen er dieses Tier gewesen war. Außerdem hatte er die Hoffnung, dass er so vielleicht wieder einmal unauffällig in Dracos Nähe gelangen konnte. Aber offenbar reichte das nicht für eine Verwandlung. Ron und Hermione hatte er noch nichts davon erzählt. Er wollte sie erst einweihen, wenn es ihm tatsächlich gelungen war, sich zu verwandeln, da er glaubte, dass er sich sonst noch mehr unter Druck setzen würde.

Am ersten Schultag, einem Mittwochmorgen, fiel es Harry äußerst schwer aus dem Bett zu kommen, wie immer wenn er sich erstmal daran gewöhnt hatte, länger zu schlafen. Noch schwieriger war es allerdings für Ron, der sich so oft noch einmal umdrehte, dass Harry schließlich drohte, ihm einen Eimer Wasser ins Gesicht zu kippen. Die erste Schulstunde, die sie haben würden, war „Verteidigung gegen die dunklen Künste" bei Lupin. Immerhin begann der Schulalltag also mit Harrys Lieblingsfach. Mit einem Schauder dachte er bereits jetzt an „Magischer Schutz" bei Arabella Figg. Die einzige die in dieser Klasse offenbar aufmerksam bleiben konnte, war Hermione. Alle anderen verbrachten sie in einer Art geistigem Dämmerzustand, Mrs. Figg eingeschlossen. Sogar Zaubertränke war besser zu ertragen, ausgenommen die Tage, an denen Snape schlecht gelaunt war. Nun gut, das waren natürlich die allermeisten Tage…

Ron wäre um ein Haar beim Frühstück wieder eingeschlafen, was Hermione mit einem missbilligenden Kopfschütteln kommentierte. Harry wagte einen Blick zu Draco, der im Gegensatz zu den allermeisten anderen Schülern sehr ausgeschlafen wirkte und selbstverständlich mit äußerster Sorgfalt gekleidet war. Er war vermutlich der einzige Schüler, der es schaffte in ihren eher unscheinbaren Schulroben elegant zu wirken. Harry dachte lächelnd daran, wie großen Wert sein kleiner Drache jeden Morgen auf die Pflege seiner silbrigen Schuppen legte.

„Verteidigung gegen die dunklen Künste" würden sie mit den Slytherins zusammen haben und Harry fand den Gedanken sehr angenehm, zwei Stunden lang mit Draco im selben Raum zu sein. Wieder einmal würde er sich zusammennehmen müssen, um nicht zu oft zu ihm zu sehen. Lavender und Parvati würden schließlich auch da sein.

Wie in Lupins Unterricht üblich, setzten sich Harry, Hermione und Ron in die erste Reihe, während Draco mitsamt seinem Gefolge in der letzten Platz nahm. Harry seufzte leise. Aber immerhin erledigte sich damit auch das Problem mit Lavender und Parvati.

Der Geräuschpegel in der Klasse war recht hoch, da Professor Lupin noch nicht aufgetaucht war. Seltsamerweise war er auch zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn noch nicht da. Das war ungewöhnlich, denn Lupin war normalerweise immer pünktlich.

„Glaubst du, es ist vielleicht etwas mit Cai?" fragte Hermione und lehnte sich besorgt zu Harry. „Vielleicht geht es ihm schlechter, oder er ist wieder verschwunden."

„Ich hoffe nicht", sagte Harry leise, aber natürlich war ihm dieser Gedanke auch sofort gekommen.

„Meinst du, wir sollten nach ihm sehen?" fragte Ron und Harry nickte. Sie waren gerade aufgestanden, als sich die Tür des Klassenzimmers öffnete und Professor Lupin hereinkam.

Er sah sehr schlecht aus. Zwar wirkte er kurz nach Vollmond oft abgekämpft und erschöpft, aber das war mit seinem jetzigen Anblick nicht zu vergleichen. Er war sehr blass, seine Wangen wirkten eingefallen und sein Blick war auf seltsame Art verhangen. Zwar versuchte er sich offenbar nichts anmerken zu lassen, aber Harry sah sofort, dass irgendetwas ganz und gar nichts stimmte.

„Guten Morgen, ich hoffe sie hatten schöne Ferien", begrüßte er sie, aber seiner Stimme fehlte die übliche Wärme. „Schlagen sie bitte das Lehrbuch auf Seite 277 auf. Lesen sie den dort abgedruckten Text über schutzbrechende Flüche und fassen sie ihn zusammen", sagte er, bevor er sich hinter sein Pult sinken ließ.

Die Schüler murrten widerwillig, während sie ihre Bücher aufschlugen. Alle hatten in Professor Lupins erster Stunde nach den Ferien auf etwas Spannenderes gehofft. Hermione warf Harry einen bedeutungsvollen Blick zu, bevor sie sich gewissenhaft über ihr Buch beugte. Lehrbuchunterricht war äußerst ungewöhnlich für Lupin. Er hielt nicht viel von Theorie, die nicht in der Praxis geübt wurde. Eine der Tatsachen, warum Harry ihn als Lehrer so sehr schätzte. Heute jedoch schien er nicht in der Lage zu sein, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Zwar war er sehr bemüht darum, seine Haltung zu bewahren, aber Harry sah, wie seine Finger nervös mit einem Bleistift spielten und ihn schließlich zerbrachen. Er konnte es kaum mit ansehen. Entschlossen stand er auf und ging nach vorne.

„Ist alles in Ordnung?" fragte er leise, eine direkte Anrede vermeidend. Natürlich war er schon seit Weihnachten dazu übergegangen Lupin zu duzen und ihn mit Vornamen anzureden, aber hier im Klassenzimmer kam ihm das doch sehr seltsam vor.

Lupin rang sich ein Lächeln ab, das allerdings sehr gequält wirkte. „Ja. Danke, dass du fragst, Harry."

„Ist irgendetwas mit Cai? Oder mit Sirius?"

Lupin schüttelte den Kopf, aber es war Harry nicht entgangen, dass er ein wenig zusammengezuckt war, als er Sirius' Namen erwähnt hatte.

„Es ist wirklich nichts weiter", beteuerte Lupin. „Ich bin nur ein wenig müde."

Da jetzt mehrere Schüler zu ihnen nach vorne sahen, verzichtete Harry darauf, weiter nachzufragen, auch wenn er alles andere als beruhigt war.

Während der Stunde ging Lupin zwar im Klassenraum umher und beugte sich zu einigen Schülern hinunter, um ihnen zu helfen, aber es wirkte sehr, als müsse er sich dazu zwingen, mit seinen Gedanken in der Klasse zu bleiben. Die Slytherins nutzten die Gelegenheit, um sich unmöglich zu benehmen, indem sie andere Schüler mit Kügelchen bewarfen oder miteinander tuschelten. Draco beteiligte sich allerdings zu Harrys Freude nicht daran, sondern schüttelte nur kurz den Kopf über das kindische Verhalten seiner Klassenkameraden.

Harry hatte wirklich Mitleid mit Remus, der sich alle Mühe gab, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Er beschloss, nach dem Unterricht auf ihn zu warten. Schließlich waren Lupin und Sirius so etwas wie seine Familie, also hatte er ein Recht darauf, zu erfahren, was vor sich ging.

„Sollen wir mit dir warten, Harry?" fragte Ron, als die Stunde vorbei war.

„Lieber nicht", sagte Hermione. „Vielleicht ist es etwas, das uns nichts angeht. Harry steht ihm schließlich viel näher. Es ist besser, er spricht allein mit ihm."

„Wir heben dir was vom Mittagessen auf", versprach Ron ungewöhnlich fürsorglich.

Harry nickte nervös.

Professor Lupin ließ sich Zeit damit, seine Sachen zusammen zu suchen, bevor er die Klasse verließ. Harry kam es fast so vor, als zögere er das Gespräch mit ihm hinaus. Als er schließlich zu ihm trat, hatte er wieder das etwas angestrengte Lächeln auf den Lippen.

„Also, was ist los?" fragte Harry eindringlich.

„Ich weiß nicht, ob es richtig ist, wenn du es von mir hörst", sagte Lupin zögernd. „Aber erfahren wirst du es ja sowieso." Er nahm Harry bei der Schulter und führte ihn zurück ins Klassenzimmer. Nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, blickte er auf und in diesem Augenblick hatte sein Gesicht einen Ausdruck von solcher Traurigkeit und Verlorenheit, dass es Harry einen schmerzenden Stich gab.

„Sirius hat sich von mir getrennt", sagte er, sehr um eine feste Stimme bemüht und es gelang ihm auch halbwegs, es so wirken zu lassen, als würde damit nicht eine Welt für ihn zusammenbrechen.

„Wie bitte?" fragte Harry, völlig fassungslos.

Remus zuckte die Schultern. „Ja, leider ist es so. Er hat es mir gestern Abend gesagt und wie du dir wahrscheinlich vorstellen kannst, ist es für mich nicht gerade einfach, das zu akzeptieren." Er straffte sich. „Aber ich werde natürlich mit seiner Entscheidung leben. Und es war unverantwortlich von mir, dass mein Unterricht darunter gelitten hat. Das wird nicht wieder vorkommen."

Harry fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. „Remus", flüsterte er benommen. „Das kann doch nicht dein Ernst sein!"

„Nun, es ist leider nicht meine Entscheidung." Lupin schluckte hart. „Und Sirius war sich seiner Sache sehr sicher." Er schaffte ein kleines Lächeln, das allerdings nicht seine Augen erreichte. „Um ehrlich zu sein, habe ich so etwas schon befürchtet. Es war einfach zu gut, um wahr zu sein. Kopf hoch, Harry. Zwischen euch ändert sich dadurch doch nichts."

„Aber . . ." Harry schüttelte den fassungslos den Kopf. „Natürlich ändert sich damit etwas! Wie kann er so etwas tun, Remus? Das . . . das kann er nicht ernst gemeint haben. Er war doch so . . . so glücklich!"

„Das dachte ich auch, aber anscheinend habe ich mich getäuscht." Es war ganz offensichtlich, dass Lupin sich vor Harry nicht anmerken lassen wollte, wie hart er getroffen war und es gelang ihm auch einigermaßen, seinen Schmerz zu verbergen. Jetzt allerdings klang seine Stimme erstickt und es war offensichtlich, dass er das Gespräch beenden wollte. „Vielleicht ist es das Beste, wenn er es dir selbst sagt. Er ist zurück auf seinem Turm."

„Okay" murmelte Harry, ziemlich neben sich. Natürlich würde er sofort mit Sirius reden müssen. Das, was Remus ihm erzählt hatte, musste einfach ein riesiges Missverständnis sein. Anders konnte er sich das nicht erklären.

„Zwischen uns ändert das natürlich auch nichts." Remus legte ihm eine Hand auf die Schulter und drückte sie kurz. „Entschuldige mich jetzt." Er drehte sich um und verließ das Klassenzimmer ein klein wenig schwankend.

Harry ließ sich auf das Pult sinken, vor dem er gestanden hatte. Er war selbst überrascht davon, wie sehr ihn diese Nachricht schockierte. Noch vor kurzem war er alles andere als begeistert gewesen über die Beziehung seines Paten zu seinem Professor. Aber jetzt merkte er, wie sehr er sie bereits als selbstverständlich angesehen hatte. Er hatte es genossen mit Sirius, im Wohnzimmer zu sitzen und zu reden, während Remus Tee gekocht hatte. Sogar Cai hatte schon irgendwie dazugehört, obwohl man ihn meist kaum wahrnahm. Genau so hatte er sich immer eine Familie vorgestellt. Und das sollte jetzt zerstört sein? Von einem Tag auf den anderen?

Am meisten tat ihm natürlich Remus Lupin leid. Er hatte sich so lange geweigert, offen eine Beziehung mit Sirius zu führen. Schließlich hatte er nachgegeben und das scheinbar nur, um jetzt so vor den Kopf gestoßen zu werden. Harry konnte es einfach nicht begreifen. Er musste sofort mit Sirius reden.

Auf dem Weg zum Astronomieturm wurde seine Wut auf Sirius immer größer. Was fiel dem überhaupt ein, Remus gerade jetzt im Stich zu lassen, wo er sich so große Sorgen um Cai machte? Was dachte er sich überhaupt dabei, sich zu trennen, nachdem er so lange um Remus gekämpft hatte? Nachdem elf Jahre in Azkaban nichts an seinen Gefühlen geändert hatten, entschied er sich jetzt auf einmal alles zu zerstören? Das war doch Wahnsinn!

Harry rannte die letzten Treppen zum Turm hoch, bereit, Sirius seine Empörung ins Gesicht zu schleudern. Er erklomm die Leiter, stieß die Falltür auf und richtete sich auf, im Begriff Sirius eine gehörige Standpauke zu halten.

Als er diesen allerdings sah, verschwand alles, was er hatte sagen wollen aus seinem Kopf. Sirius saß auf dem Boden zusammengekauert, den Kopf nach hinten gegen die Mauer gelehnt und sah so verloren und einsam aus, dass Harry schlucken musste. Genau so hatte er vermutlich in seiner Zelle in Azkaban gesessen, schoss es Harry durch den Kopf.

„Sirius, was ist passiert?" fragte er, statt einer Strafpredigt und kniete sich zu seinem Paten.

Sirius Blick wandte sich langsam ihm zu, aber es wirkte, als würde er Harry wie durch eine Art Nebel sehen. Harry erschrak. Irgendetwas fehlte an diesem Blick. Ein gewisses Funkeln, das selbst elf Jahre Aufenthalt am schrecklichsten Ort der magischen Welt nicht zerstört hatten, war jetzt erloschen.

„Ich weiß es nicht"; sagte er. „Remus hat dir alles erzählt, nehme ich an?"

„Wie kannst du das so ruhig fragen?" Harrys Ärger flammte wieder ein wenig auf, als er hörte, wie gleichgültig Sirius' Stimme klang. „Wie kannst du dich einfach von ihm trennen? Nach allem was zwischen euch gewesen ist?"

„Ganz einfach. Ich liebe ihn nicht mehr. Würdest du es etwa fair finden, wenn ich trotzdem mit ihm zusammenbliebe?"

„Wie kann das sein, dass du ihn plötzlich nicht mehr liebst?" Harry sah ihn fassungslos an, aber da war tatsächlich nicht mehr eine Spur von Zärtlichkeit für den Werwolf in Sirius' Blick und Worten.

Sein Pate zuckte die Schultern. „Ich vermute, dass es schon länger so ist. Meine Gefühle für Remus und der Gedanke an dich waren das einzige, das mich in Azkaban am Leben gehalten hat. Vielleicht habe ich mir nur eingebildet, ihn zu lieben, um etwas zu haben, an dem ich mich festhalten konnte. Jetzt fühle ich jedenfalls nichts mehr davon."

Harry fröstelte. „Und was ist mit mir?" fragte er leise. „Hast du dir vielleicht auch nur eingebildet, mich zu lieben, damit du etwas hattest, das dich aufrecht hält?"

„Nein", sagte Sirius schnell. „Mit dir ist es etwas Anderes", aber Harry hatte das grässliche Gefühl, dass seine Antwort nicht mehr ganz so sicher klang, wie sie es noch vor einer Weile getan hätte.

„Sirius, das . . . das kann einfach nicht wahr sein! Du kannst nicht von einem Tag auf den anderen deine Gefühle verlieren!"

„Es war nicht von einem Tag auf den anderen." Sirius sah über den Turm hinaus in die Ferne. „Ich habe es schon seit einer Weile gefühlt und wollte es nicht wahr haben. Es engt mich ein. Ich brauche meine Freiheit. Natürlich habe ich mir auch überlegt, Remus zuliebe so zu tun, als wäre nichts." Er sah Harry eindringlich an. „Aber ich kann nicht schon wieder in einem Käfig leben. Und so habe ich mich gefühlt. Auch wenn es grausam klingt das zu sagen."

„Aber du wirktest so glücklich." Harry fühlte, dass er zitterte und er wusste nicht, ob es von der Kälte auf dem Turm kam, oder von den Tatsachen, mit denen er konfrontiert wurde.

„Natürlich war ich irgendwie glücklich", sagte Sirius ausweichend. „Aber im Großen und Ganzen war es eher eine Illusion, der ich mich hingegeben habe. In den Jahren in Azkaban hatte ich mir so sehr gewünscht, wieder mit Remus zusammen zu sein, dass ich dabei völlig übersehen habe, dass meine Gefühle nicht mehr die gleichen waren.

„Ich verstehe das einfach nicht", sagte Harry, immer noch erschüttert.

„Du wirst es verstehen, wenn du älter bist. Gefühle ändern sich. Remus war meine Jugendliebe, die ich glorifiziert habe, weil ich in Azkaban einen Halt brauchte. Glaubst du vielleicht, dass du für Malfoy immer so fühlen wirst, wie du es jetzt tust?"

„Ja", sagte Harry. Ihm war noch nie der Gedanke gekommen, dass seine Gefühle nachlassen könnten.

Sirius lächelte nachsichtig. „Leider muss ich dir sagen, dass du dich irrst."

Harry sah ihn entsetzt an. Im ersten Moment wollte er ihn anschreien, dass er gefälligst nicht über ihn urteilen sollte, wenn er nicht einmal über seine eigenen Gefühle bescheid wusste.

Aber dann drehte er sich einfach nur um und ging zurück zur Falltür. Ohne auf Sirius zu hören, der ihm etwas nachrief, kletterte er schnell die Leiter hinunter und rannte dann, um vom Turm weg zu kommen. Alle möglichen Gefühle wirbelten in ihm durcheinander. Er war enttäuscht, verletzt und auch wütend auf Sirius. Andererseits machte er sich wiederum Sorgen, auch wenn sein Pate das im Moment wahrscheinlich nicht verdient hatte. Vor allem war er jedoch über alle Maßen verwirrt.

Die Mittagspause war fast vorüber. Auf keinen Fall konnte er jetzt zu den anderen gehen und eine Stunde Zaubersprüche ertragen. Erstmal musste er sich einigermaßen wieder fangen und dazu musste er alleine sein.

Der einzige Ort der ihm dazu zu dieser Tageszeit einfiel, war der kleine Korridor auf dem Weg zum Astronomieturm, in dem er sich vor einer Weile mit Draco getroffen hatte und dorthin machte er sich jetzt auf den Weg. Froh, dort angekommen zu sein, ohne dass ihn jemand aufgehalten hatte, ließ er sich in der Fensternische nieder. Er zog die Beine an, nahm seine Brille ab und fuhr sich mit den Händen über das Gesicht. Ihm war nicht wirklich nach Weinen zumute, aber er fühlte einen Kloß in seinem Hals, der wahrscheinlich so schnell nicht verschwinden würde. Für ihn war es klar gewesen, dass Sirius und Remus von nun an zusammen bleiben würden. Irgendwie gehörten sie zusammen, auch wenn er sich am Anfang nur schwer damit hatte abfinden können. Es war schlimm, dass das jetzt einfach so vorbei sein sollte. Und was genau so schlimm war, war der Eindruck, dass sich Sirius verändert hatte. Konnte es wirklich sein, dass er erst jetzt die wahren Auswirkungen von Azkaban spürte? Dass die Jahre in Gefangenschaft ihn noch im Nachhinein so veränderten? Was, wenn er plötzlich entdeckte, dass auch sein Pflichtbewusstsein Harry gegenüber ihn einengte? Würde er dann nach Ron einen weiteren von den wenigen wirklichen Freunden verlieren, die er hatte? Er stöhnte leise auf und sah nach draußen in das Schneetreiben. Plötzlich kam es ihm vor, als würde es schon seit Ewigkeiten schneien oder zumindest seit Jahren und einen Moment lang hatte er das sichere Gefühl, dass er nie wieder sehen würde, wie die ersten zarten Grashalme sich aus der Schneedecke hervorkämpften und wie die ersten Vögel den Frühling begrüßten. Es war ein seltsam hoffnungsloses Gefühl und er bemühte sich, es schnell abzuschütteln. Dennoch legte sich in diesem Moment eine Traurigkeit auf ihn, die ihn niederzudrücken drohte. Nicht einmal, dass die nächste Stunde anfing, kümmerte ihn. Er wollte, dass dieses Funkeln in Sirius Augen zurückkehrte, er wollte, dass Ron ihm wieder so nahe war, wie früher und er wünschte sich, dass seine und Dracos Gefühle sich niemals ändern würden. Aber vielleicht gingen wirklich alle seine Wünsche ins Leere.

Er fühlte sich sehr müde und hätte am liebsten den Kopf gegen das Fensterglas gelegt und wäre eingeschlafen. Aber etwas hielt ihn davon ab. Er hatte das sehr unangenehme Gefühl, dass einer seiner Alpträume zu ihm durchdringen würde, wenn er jetzt einschlief. Mit einem Schauder erinnerte er sich an den Traum, in dem er seine Eltern wieder im Spiegel Erised gesehen hatte. Und dieses Mal hatten sie ihm nicht gesagt, dass sie stolz auf ihn waren und ihn vermissten. Auf keinen Fall konnte er jetzt auch noch hören, dass sie ihm die Schuld an ihrem Tod gaben. Er wollte nicht einschlafen, aber es fühlte sich fast so an, als würde ihn etwas hinabziehen, als würde etwas wollen, dass er schlief. Mühsam versuchte er sich aufzurichten, aber sein Körper gehorchte ihm nicht mehr. Seine Augenlieder schlossen sich und in seinen Gedanken sah er etwas durch die Gänge auf sich zukommen. Es war klein und glänzte silbrig und er wusste, dass es äußerst gefährlich war. Er wollte aufstehen und wegrennen, aber er war bereits zu weit in den Schlaf hinüber geglitten.

Erstmal muss ich sagen, dass es mir sehr viel bedeutet, dass diese Geschichte nach Jahren noch immer Leser hat und sogar Reviews bekommt. Mich hat sie auch nicht losgelassen und ich habe immer noch vor, sie zu Ende zu bringen. Danke an alle, die mich dabei unterstützen!

Boeli: Ich glaube einen treueren Leser kann man sich gar nicht wünschen. Fühl dich ganz fest umarmt!

Momo: Danke für das Review. Ich weiß es sehr zu schätzen, wenn sich jetzt noch jemand die Mühe macht, auch noch das Prequel zu lesen.

LaraLynx: Danke sehr! Ich habe es ganz fest vor!
Reinadoreen: Und ich finds schön, dass es noch ein paar von meinen alten Lesern auf gibt!