Kapitel 28

Zweifel

Warum muss er ausgerechnet jetzt auch noch den Potter-Jungen mitnehmen?, schoss es ihr zum x-ten Mal durch den Kopf. Wenn wir noch nicht einmal wissen, wohin er eigentlich gegangen ist!

Minerva war wütend, nicht zum ersten Mal in diesem Jahr; - nur richtete sich ihre Wut zum ersten Mal gegen eine Person, deren Entscheidungen sie noch nie in ihrem Leben angezweifelt hatte: Albus Dumbledore.

Nicht nur die Ungewissheit, ob es Alena gut ginge, nagte an ihr, sondern auch dass sie noch immer keine Ahnung hatte, was Albus eigentlich plante. Der einzige Anhaltspunkt, den sie in dieser Sache hatte, war, dass Snape offenbar eine wichtige Rolle in seinem Plan spielen musste und mit dieser nicht glücklich war.

Schon dreimal war es jetzt vorgekommen, dass sie auf der Wendeltreppe zu Büro des Schulleiters ihrem Kollegen begegnet war, der mit angespannter Miene und geballten Fäusten an ihr vorbeistürmte.

Minerva hatte vorsichtig versucht herauszufinden, ob jemand anderes aus dem Orden eine Idee hatte, was Snape und Albus besprochen hatte. Und obwohl sie sich unrechtmäßig im Dunkeln gelassen fühlte, hatte sie dabei das ungute Gefühl gehabt, Albus zu hintergehen.

Die Tatsache, dass neben ihr auch niemand anderes Bescheid wusste, beruhigte sie insgeheim, weil sie ihre anfängliche Angst, sie könne das Vertrauen den Direktors enttäuscht haben, unbegründet scheinen ließ.

Einen Moment lang überlegte sie, ob sie vielleicht Snape bitten sollte, zum Hauptquartier der Todesser zu gehen. Velleicht gelang es ihm ja sogar, für eine relative Sicherheit des Mädchens zu sorgen.

Wenn Alena aber wie Nachtschatten nur gejagt, aber nicht gefangen genommen worden war, dann waren diese Gedanken nichts weiter als sinnlose Spielereien, dennoch klammerte sich Minerva daran, in der Gewissheit, dass sie sonst wahnsinnig werden würde.

Flüchtig kam in ihr die Erinnerung hoch an einen anderen Tag, an dem sie auf eine Nachricht von den Mitgliedern des Phoenixordens gewartet hatte.

Fiona war schon vom Tod gezeichnet gewesen, als sie aus dem Muggelkrankenhaus entführt worden war, in das St. Mungos sie verlegt hatte, als klar war, dass die magischen Heilmethoden im Angesicht der ihre Lunge zerfressenden Tumoren kläglich versagten.

Es hatte damals nur einen halben Tag gedauert, bis Minerva und Alexander die Gewissheit hatten, dass Fiona tot war.

Alena, die damals knapp zwei Jahre alt gewesen war, hatte nie erfahren, dass ihre Mutter letztendlich doch keines natürlichen Todes gestorben war.

Und bis heute war nicht bekannt, wer sie eigentlich getötet hatte, obwohl der betreffende Todesser sogar einen unterschriebenen Brief hinterlassen hatte.

Minerva hatte begonnen, mit fahrigen Bewegungen den Stapel mit Schüleraufsätzen auf ihrem Schreibtisch wieder und wieder neu zu sortieren. Noch etwas, mit dem sie sich beschäftigen musste. Die hagere Verwandlungslehrerin seufzte. Wie sollte sie nur die Prüfungszeit überstehen?

Schließlich erhob sie sich mit von trüben Gedanken schwer gewordenen Gliedern und machte sich auf in Richtung der Grenze der Schulländereien. Wenn Tonks, die dort zusammen mit wechselnden Mitgliedern des Phoenixordens Wache hielt, auch noch keine Nachricht von Remus hatte, dann würde Minerva ganz sicher wahnsinnig werden.

Ein grimmiges Lächeln huschte über das ernste Gesicht der Hexe. Immerhin behielten Hagrid und Fang jetzt den Wald im Blick, so dass ein weiteres Verschwinden von Schülern unwahrscheinlich wurde.

Zwei Tage.

Zwei Tage, in denen er geglaubt hatte, verrückt zu werden, in denen er gehofft hatte, dass alles nur ein schlechter Scherz war, dass Alena bald wieder auftauchen würde, breit grinsend, weil sie alle hereingefallen waren und sich Sorgen gemacht hatten.

Und die ganze Zeit hatte er das Gefühl gehabt, dass es seine Schuld war.

Zwei Tage lang hatte Rashid mit den stummen Vorwürfen seiner Schwester gelebt, ebenso wie mit seinem eigenen Kummer und seinen eigenen Vorwürfen.

Hätte er nicht auf Sarah gehört, dann wäre es gar nicht zu dem Streit mit Alena gekommen. In ihren sieben Jahren in Hogwarts war Alena nur zweimal so weit in den Wald geritten, beide Male, weil sie keinen Menschen sehen wollte.

Es war alles seine Schuld.