Kapitel 27 – Glück im Unglück

Dennis, Lailas sechs Jahre jüngerer Bruder, war glücklich seine Schwester nach so vielen Jahren wieder in die Arme schließen zu können.

Für mich war es irritierend, Dennis als den Jüngeren zu sehen, schließlich war Laila im Alter von achtzehn stehen geblieben, während Dennis weiter gealtert war.

Auch ihm fiel es deutlich schwer, dass alles zu glauben, aber letztlich hatte er keine andere Wahl.

Fassungslos massierte er sich die Schläfen und setzte sich aufs Sofa.

"Dann habt ihr also die ganze Zeit versucht meine Schwester zu retten. Und wir dachten, ihr wolltet flüchten.", sagte er schuldbewusst und senkte den Blick.

Ich hielt es für eine gute Idee, ihn in diesem Glauben zu lassen, es war sicher zu unserem Vorteil.

"Wieso hätten wir denn flüchten sollen?" fragte ich scheinheilig. Er wusste ja nicht, dass Harry uns Bescheid gegeben hatte. "Wir dachten, Malfoy wollte uns das Bild abnehmen. Es war wirklich nicht leicht, ihn abzuschütteln."

Ich sah kurz zu Severus, der eine Augenbraue hochzog.

"Es tut mir so leid, warum habt ihr mir denn nichts gesagt? Ich hätte euch gerne geholfen.", sagte Dennis entschuldigend.

Laila setzte sich neben ihn aufs Sofa und legte sanft einen Arm um ihn.

"Sie wussten doch nicht, wer ich war und das wir verwandt sind.", erklärte sie ihm ruhig.

Dennis hob den Kopf und runzelte die Stirn.

"Warum seid ihr denn dann bei mir eingebrochen? Ihr hättet auch die Klingel benutzen können."

Ich biss mir ertappt auf die Lippe, aber auch das hatte Laila sich offenbar schon überlegt.

"Ich hatte mir deine Anschrift rausgesucht, war mir aber nicht sicher, ob du es wirklich warst. Ich konnte nicht länger warten und ich wollte auch nicht mitten in der Nacht bei einem Fremden klingeln und ..."

"... Und da bist du einfach bei mir eingebrochen?" unterbrach Dennis sie zweifelnd.

"Du weißt doch, wie impulsiv ich sein kann.", meinte sie und errötete leicht. "Severus und Hermine sind mir gefolgt um mich aufzuhalten. Ich glaube, sie haben mich für kriminell gehalten."

"Verständlich", sagte Dennis und nickte. Offenbar war er sehr leichtgläubig, aber andererseits blieb ihm nichts anderes übrig als ihr zu glauben. Immerhin war sie seit Jahren vermisst und ich vermutete, dass es für Dennis momentan belanglos war, wie sie hergekommen war. Die Hauptsache war, dass sie wieder da war.

"Warum haben Sie Ihre Schwester eigentlich nicht erkannt? Ihr Bild hing doch die ganze Zeit über im Gemeinschaftsraum.", fragte ich neugierig. Laila war zwar nur schwer zu erkennen gewesen, aber ich glaube ich hätte die Umrisse meiner Schwester erkannt.

"Laila hing bei den Slytherins und ich war in Hufflepuff und im Allgemeinen waren die Porträts nie das Hauptgesprächsthema bei den Schülern.", erklärte er mir leicht wehmütig und ich verstand. Es musste schwer für ihn sein, zu erfahren, dass seine Schwester zu Anfang gar nicht weit von ihm entfernt war und er hatte nichts geahnt.

Seufzend stand er auf und sah zu Severus.

"Ich bin euch unendlich dankbar, für alles, was ihr für uns getan habt. Wenn ich mich irgendwie revanchieren kann..."

"Aber das können Sie!" rief ich überzeugt aus und er wandte sich überrascht zu mir. "Geben Sie Severus seine Rechte zurück, er war doch ursprünglich gar nicht von diesem Gesetz betroffen."

Dennis zögerte und fuhr sich nervös durch das Haar. Meine Hoffnung sank wieder, so leicht würde es wohl doch nicht werden.

"Das ist nicht so einfach, Miss Granger.", murmelte er verlegen. "Ich habe damals eine Aussage gemacht, ich kann das nicht einfach widerrufen. Das würde mich vielleicht meinen Job kosten. Ich kann nicht einfach..."

"Ein geringer Preis, dafür das Sie ihre Schwester wieder haben, finden Sie nicht?" unterbrach ich ihn ein wenig verärgert. "Wegen Ihnen hat er doch erst seine Rechte verloren. Ich weiß euer Verhältnis war nicht gerade gut, aber Sie wissen doch selbst, dass das was Sie damals ausgesagt haben, nicht der Wahrheit entspricht."

Das war nur eine Vermutung von mir, denn eigentlich wusste ich gar nicht, was er genau gesagt hatte. Aber da er dem nicht widersprach, hatte ich wohl ins Schwarze getroffen.

"Na ja, das ist ja nicht das einzige Problem. Immerhin war er dreimal in der Erziehungsmaßnahme und er wurde angezeigt.", erklärte Dennis entschuldigend.

"Von wem?" fragte Severus interessiert. Für mich war längst klar, dass es Berry war und sein Gedächtniszauber nicht funktioniert hatte.

"Das kann ich nicht sagen", antwortete Dennis ernst.

"Er war die ganze Zeit bei mir, ich hätte es doch bemerkt, wenn er irgendwen angegriffen hätte.", bemerkte ich scheinheilig.

"Vermutlich, man kann Malfoy auch nicht immer trauen...", er biss sich auf die Lippe, als ihm klar wurde, dass er sich verplappert hatte.

Überrascht blickte ich zu Severus, der selbstsicher die Augenbrauen hob. Er wusste das ich an seinem Zauber gezweifelt hatte.

Mit Malfoy hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Offenbar hatte er Bedenken gehabt, als er von dem Besitzerwechsel erfahren hatte.

"Wie auch immer. Ich entscheide das nicht alleine, das müsste das ganze Gamot tun. Das würde viel Ärger im Ministerium bedeuten, die Leute würden Zweifel bekommen."

Ich konnte ihn eigentlich verstehen. Es war schwierig vor allen Leuten zuzugeben, dass er eine Fehler gemacht hatte. Gerade bei seiner Position im Ministerium.

"Aber das ist es doch wert.", warf Laila überzeugt ein. "Ich bin sehr stolz, dass du es so weit gebracht hast. Du warst schon immer ein viel besserer Mensch, als ich es bin. Severus hat mir mein Leben zurück gegeben, gib ihm für mich sein eigenes zurück."

Dennis sah seine Schwester schmerzlich an. Ich konnte sehen, wie er innerlich mit sich kämpfte und ich wusste das wir gewonnen hatten. Er konnte ihr nach so vielen Jahren keine Bitte abschlagen. Geschlagen blickte er zu Severus.

"In Ordnung. Es ist nur Gerecht, wenn ich alles dafür tue.", erklärte er, Severus nickte dankbar, sagte aber nichts dazu.

Mir hingegen traten Tränen in die Augen. Wir waren dem Ziel so nahe.

"Ich danke Ihnen, Mr. Montgomery.", sagte ich und wischte mir schnell eine Träne weg.

"Ich habe zu danken, ihr habt mir meine Schwester gebracht.", entgegnete er und Laila ergriff glücklich seine Hand.

"Wunderbar, haben Sie Sekt? Wie müssen anstoßen.", rief ich begeistert. Ich brauchte ganz dringend etwas um mein Geständnis zu vergessen.

Severus stöhnte genervt und ich grinste.

Laila und Dennis waren ebenfalls in der Stimmung anzustoßen und so wurde Severus kurzerhand überstimmt, stieß aber ein paar Minuten später trotzdem mit an.

Laila und Dennis hatten sich auf dem Sofa niedergelassen, ich saß gegenüber von ihnen auf dem Boden, während Severus neben mir stand und sich weigerte, sich zu setzen.

"Es zieht ein wenig", bemerkte ich verlegen und warf einen Blick auf die zerstörte Scheibe.

"Das hab ich bei der ganzen Aufregung glatt vergessen!" erwiderte Dennis und fügte mit seinem Zauberstab die Scheibe wieder zusammen. "Also Severus, wie kommt es, dass Lucius solch einen Groll gegen Sie hegt? Ich meine mich zu erinnern, dass ihr mal so was wie Freunde wart."

Es freute mich, dass Montgomery ihn mit Respekt behandelte, obwohl er noch immer keine Rechte besaß.

"Er war ein wenig enttäuscht über meine lange Rolle als Spion und es ärgerte ihn, dass ich ihm nicht ebenfalls ein solches Fenster offen gehalten hatte. Denn nichts anderes sah er darin. Nebenbei bemerkt war es eine recht oberflächlich Freundschaft.", erklärte Severus kurz und Dennis nickte verstehend.

Etwa eine halbe Stunde später war uns der Gesprächsstoff ausgegangen und Laila und Dennis zogen sich daraufhin ins Schlafzimmer zurück. Ich vermutete, dass sie einige Dinge besprechen wollten, die uns im Grunde nichts angingen.

Seufzend füllte ich mein leeres Glas mit Sekt und stand leicht schwankend auf. Ich vertrug wirklich nichts, aber so konnte ich die angespannte Stimmung mit Severus besser ertragen.

Ich setzte mich aufs Sofa und dachte eine Weile lang darüber nach, was ich sagen sollte.

"Warum sagst du nichts?" fragte ich schließlich verunsichert.

"Was soll ich sagen?" entgegnete er ruhig. Ich zuckte mit den Schultern, dass musste er selbst am besten wissen.

"Irgendetwas, was es mir leichter macht, dir wieder in die Augen zu sehen.", meinte ich und nahm einen großen Schluck Sekt.

Severus atmete tief ein.

"Können wir das eventuell irgendwann anders bereden?"

Prüfend blickte ich ihn an und nickte niedergeschlagen. Ich hätte es gerne sofort hinter mich gebracht.

Ich seufzte leise und sah zu, wie er sein Sektglas auffüllte und sich neben mich aufs Sofa setzte.

"Ich weiß wirklich nicht was ich dazu sagen soll.", meinte er einige Zeit später.

"Ist es hilfreich, wenn ich dir sage, dass ich nun lieber mit gebrochenen Rippen im Garten liegen würde?" murmelte ich beschämt und er schien tatsächlich kurz nachzudenken.

"Nein, leider nicht.", entgegnete er knapp.

"Dann sag mir einfach, das es lächerlich ist und das ich mich besser nach jemandem in meinem Alter umsehen sollte.", schlug ich seufzend vor.

"Würdest du dich dann besser fühlen?"

Ich schüttelte langsam den Kopf.

"Natürlich nicht, aber das ist auch nicht wichtig. Ich will wissen was du denkst und zwar die Wahrheit."

Severus sah mich lange nachdenklich an und trank sein Glas in einem Zug leer.

"Die Wahrheit", wiederholte er leise. Offenbar kannte er die Wahrheit selbst nicht richtig. "Ich denke, du verschwendest deine Zeit. Ich war viel zu lange Einzelgänger um in der Lage zu sein, irgendjemanden glücklich zu machen. Du hast viel Potenzial und das solltest du für jemanden nutzen, der das zu schätzen weiß. Ich kann ehrlich nicht verstehen was dich gerade an mir reizt."

War das vielleicht ein kleiner Hoffnungsschimmer für mich oder einfach nur eine nette Umschreibung dafür das ich mir keine Hoffnungen machen sollte? Aber er war nicht gut in netten Umschreibungen, er hatte eigentlich keine Scheu davor zu sagen was er wirklich dachte.

"Das ist nicht schwer", erklärte ich schnell. "Es reizt mich, dass du zwar einen kleinen Anlauf brauchst, aber am Ende doch das richtige tust. Für einen Slytherin bist du nicht selbstverliebt genug, aber für einen Gryffindor bist du zu gemein. Du bist ein stilles Wasser und egal wie viel Zeit ich mit dir verbringe, ich kann einfach nicht sagen was in deinem Kopf vorgeht. Du schaffst es immer wieder mich zu überraschen. Heute hast du so kopflos gehandelt..."

"So kopflos war das gar nicht.", unterbrach er mich. "Ich habe nur Lailas Gesichtsausdruck richtig gedeutet, als der Name Montgomery fiel."

Ich runzelte verwundert die Stirn.

"Du hast gewusst, dass sie verwandt sind?" fragte ich irritiert.

"Das nicht, aber ich habe geahnt das sie sich kennen und sie hat meinen Gedanken nicht widersprochen.", erklärte er. Dann war ich wohl die einzige, die vollkommen ahnungslos hier eingebrochen war.

"Damit sind wir bei dem Punkt, der mir am wichtigsten ist. Das ist deine Intelligenz. Deshalb hat es zwischen mir und Ron nicht funktioniert. Meinst du ich hätte mal mit ihm über die Anwendung von Dinkelwurz sprechen können?"

"Unfassbar!" entgegnete Severus spöttisch.

"Du weißt was ich meine. Wie soll ich mit jemandem glücklich werden, wenn ich mich nicht mit ihm unterhalten kann.", erwiderte ich.

"Und wie willst du mit einem glücklich werden, der nicht mit Menschen umgehen kann?"

"Ich bin der festen Überzeugung das du es kannst, wenn du es erst mal versuchst!" sagte ich ernst und ich glaubte es wirklich.