27. Eis in der Winkelgasse

So verbrachte Stefanie einen wundervollen Monat bei den Weasleys. Sie waren oft draußen, auf dem Quidditchfeld, und spielten, und wie Fred es angekündigt hatte, wurde sie tatsächlich ein klein wenig besser und fing am Ende zumindest ein paar Äpfel. Außerdem wurde sie sicherer, was das Fliegen anbelangte und es machte ihr mehr Spaß als am Anfang.

Abends, wenn es draußen dämmrig wurde, oder an Tagen, an denen es zu heiß war, um draußen zu sein, hockte Stefanie zusammen mit den Zwillingen über Scherzartikeln. Sie nahmen die Feuerwerkskörper auseinander und überlegten, wie sie eigene gestalten könnten, und sie wagten sich wieder an Nasch- und Schwänzleckereien, waren aber vorsichtiger, was die Dosierung der Zauber anging. Um das Nasenblutnougat machten sie aber immer noch einen weiten Bogen.

Nach zwei Wochen nur bekam Stefanie einen Brief von ihrer Mutter. Sie schrieb, wann sie sich in der Winkelgasse treffen sollten und dass sie den Brief mit den Büchern mitbringen würde, da man ihn an sie geschickt hatte. Stefanie fand das ein wenig seltsam, normalerweise fanden Eulen ihre Empfänger immer, egal wo sie waren, aber sie fand es auch bequem, weil sie sich so noch keine Gedanken über die Bücher machen musste.

Dafür war der Termin viel zu früh, sie hatte das Gefühl, die Zeit würde einen Sprung machen und schon war der letzte Abend gekommen.

Es war schon spät, die anderen waren längst zu Bett gegangen, und Stefanie saß im Zimmer der Zwillinge und ließ sich von ihren Plänen bezüglich eines eigenen Scherzartikelladens erzählen.

„Wisst ihr, was absolut witzig wäre?", kicherte sie plötzlich und stand auf. „Eine unsichtbare Stinkbombe. Stell dir vor, du legst sie vorsichtig in Montagues Kessel, so dass sie nicht platzt, und wenn er das nächste Mal eine Zutat hinein haut…."

Die beiden fingen bei der Vorstellung zu giggeln an und George suchte kurz in einer alten Kiste, dann reichte er ihr eine Stinkbombe. „Sie ist schon ein bisschen älter, aber normalerweise macht das nichts aus. Meinst du, du kannst sie unsichtbar machen?"

Stefanie nickte. „Nichts leichter als das." Sie zückte ihren Zauberstab und tippte leicht auf die Bombe, aber nur so vorsichtig, dass sie nicht platzen konnte. Sofort verlor sie an Sichtbarkeit, dann war sie gar nicht mehr zu sehen und Stefanie war nur sicher, sie noch in den Händen zu halten, weil sie sie spüren konnte.

„Genial", hauchte George und streckte begierig seine Hände aus. „Kann ich mal?"

„Ist ja deine." Sie hielt sie ihm hin und ließ sie dann in seine Hand rollen, doch er fing sie aus irgendeinem Grund nicht auf. Stattdessen war ein leises Geräusch zu hören, als sie am Boden aufschlug, und sofort breitete sich ein äußerst unangenehmer Geruch im Zimmer aus.

„Meine Güte, George!", schimpfte Fred, sprang auf, riss noch heldenhaft das Fenster auf und flüchtete dann, zusammen mit Stefanie und seinem Bruder, durch die Türe in den Flur.

Sie alle husteten heftig, als sie die Türe geschlossen hatten und schnappten nach Luft.

„Und das waren auch noch die Starken, die sich so lange halten." Fluchend ging George von der Türe weg und blieb dann stehen.

„Wo sollen wir jetzt schlafen, nachdem Stefanie und ich unser Zimmer für Wochen unbewohnbar gemacht haben?"

„Wenn Mum das erfährt – im Hühnerstall", murmelte Fred und fuhr sich durch sein Haar. Stefanie schluckte und fühlte sich mehr als nur ein bisschen schuldig.

„Naja, Ginny hat sicher nichts dagegen, wenn ihr in ihrem Zimmer schläft…"

„Da können wir genauso gut bei Ron schlafen, das ist ja nicht das Problem."

Also taten sie das auch. Während Stefanie ihnen vor Ginnys Zimmertüre eine gute Nacht wünschte, schlichen die beiden noch weiter hinauf, zu Rons Zimmer, das unter dem Dach lag, und Stefanie konnte hören, wie sie, ohne anzuklopfen, hineingingen.

Immer noch ein wenig schuldbewusst betrat Stefanie Ginnys Zimmer und legte sich kurz darauf ins Bett. Sie ging im Kopf alle Zauber durch, die mit Duft zu tun hatten, aber sie musste feststellen, dass es keinen Zauber gab, der den Geruch einer magischen Stinkbombe zu dämpfen vermochte.

Am nächsten Morgen erwachte Stefanie viel früher, als es gut für sie gewesen wäre. Sie blinzelte, als ihr helle Sonnenstrahlen ins Gesicht fielen und stöhnte leise, weil ihr einfiel, dass sie jetzt aufstehen musste.

Sie stand also mühsam auf und zog sich an, ehe sie begann ihren Koffer zu packen. Sie hatte es tatsächlich geschafft, ihr ganzes Hab und Gut in Ginnys Zimmer zu verstreuen und es war gar nicht so einfach, alles wiederzufinden. Nach einer Stunde war sie sich aber ziemlich sicher, dass sie es geschafft hatte und verließ Ginnys Zimmer, ohne sie zu wecken. Sie ließ ihren Koffer im Treppenhaus stehen, weil es ihr zu anstrengend war, ihn herunter zu tragen. Sobald sie in der Winkelgasse sein würde, würde sie ihn in ihren Beutel stecken und nicht mehr an ihn denken müssen, aber derweil würde das nur unangenehme Fragen hervorrufen.

Aus der Küche klangen leise Geräusche, weshalb Stefanie annahm, dass Mrs. Weasley schon wach war, und sie ging schnell die Treppe herunter. Im zweiten Stock herrschte ein etwas unangenehmer Geruch, der eindeutig aus dem Zimmer der Zwillinge kam. Stefanie schluckte, dann hielt sie die Luft an und rannte bis ins Erdgeschoß, ehe sie sich wieder erlaubte, zu atmen. Sie konnte nur hoffen, dass Mrs. Weasley erst wieder in, oder durch, den zweiten Stock gehen würde, wenn der Geruch sich verflüchtigt hatte.

Leise lugte Stefanie in die Küche, doch entgegen ihrer Erwartungen, erblickte sie nicht die, am Frühstück werkelnde, Mrs. Weasley, sondern die beiden Zwillinge, die am Tisch saßen und je eine Tasse Tee tranken.

„Morgen, Stefanie", begrüßte George sie und Fred blickte auf und nickte ihr zu.

„Schon wach, ihr beiden?" Sie trat in die Küche und nutzte das restliche Teewasser für einen Tee für sich selbst.

„Ja, wir hatten eine schreckliche Nacht. Kaum geschlafen. Ron war gar nicht begeistert und hat uns dann nur eine mickrige Decke gegeben." Fred seufzte tief und nahm einen Schluck Tee, während Stefanie die beiden mitleidig ansah.

„Das tut mir furchtbar leid!"

„Ist ja nicht deine Schuld. George hat sie fallen lassen."

„Hey!", kam es von George, der nicht glauben konnte, dass sein Bruder nicht zu ihm hielt. „Stefanie hat sie blöd zu mir kommen lassen."

„Gestern waren wir uns noch einig, dass die Schuld bei uns beiden liegt", erinnerte sie ihn und setzte sich neben Fred. Nachdenklich nippte sie an ihrem Tee.

„Ihr hattet also eine Decke für euch beide?"

„Und Matratze sowieso nicht. Es war hart und laut. Hart, weil der Boden eben nicht weich ist und laut, weil Ron schnarcht und dieser Ghul einen Heidenlärm veranstaltet hat…"

„Und dann hatten wir noch Albträume, weil du uns jetzt verlässt", witzelte George und Stefanie grinste. „Ich glaube ihr werdet das schon überleben. Immerhin habt ihr ja noch eure Filibuster-Feuerwerke und eure Geschwister. Ich bin viel ärmer dran als ihr."

„Wieso, du hast ja auch noch deine Geschwister. Und Marry kommt zum ersten Mal nach Hogwarts… ich wette, sie wird eine Gryffindor, genau wie du."

„George, sie heißt Marie", versuchte Stefanie ihn auszubessern, doch er schmunzelte nur.

„Sag ich doch, Marry."

Sie gab es kopfschüttelnd auf und war froh, dass Mrs. Weasley in diesem Moment die Treppe herunterkam und sofort begann, ihnen ein Frühstück zu bereiten. Sie war offenbar nicht im zweiten Stock gewesen, denn ihre Laune war bestens. Vielleicht war sie auch einfach nur froh, Stefanie endlich wieder los zu werden, doch das glaubte Stefanie, der es im Fuchsbau wirklich gut gefallen hatte, nicht.

„Du kannst zu Weihnachten und im nächsten Sommer gerne wieder herkommen!", lud sie sie zum Abschied ein, als Stefanie sich schon von allen, bis auf die Zwillinge, verabschiedet hatte.

„Dem werde ich gerne nachkommen", erklärte sie und umarmte Fred und George.

„Schreibt mir, auch wenn es sich vielleicht nicht mehr ganz auszahlt."

„Machen wir, keine Angst."

„Wir erzählen dir alles."

Sie lachte und nahm eine Hand voll Flohpulver. „Gut, darauf baue ich."

Wenig später war sie mit einem „Winkelgasse", in den Flammen verschwunden und tauchte kurz darauf im tropfenden Kessel wieder auf.

Sie trat hustend aus dem Kamin und fuhr mit ihren Händen über ihre Kleidung, um den Staub und die Asche hinaus zu bürsten. Dann ging sie schnell vom Kamin weg, damit ihr nicht wieder dasselbe passierte, wie im Fuchsbau, und sie sich auf dem Boden liegend wiederfand, irgendeine Person auf ihrem Rücken.

Ein Blick auf ihre Uhr zeigte ihr, dass sie noch ein wenig Zeit hatte, ehe ihre Eltern und Marie kommen würden, weswegen sie schon einmal in die Winkelgasse ging und an den Schaufenstern vorbeischlenderte. Bei ‚Qualität für Quidditch' bewunderte sie den neuen Nimbus 2001 und fragte sich, ob die Zwillinge vor laute Freude wohl noch atmen könnten, würden sie solche bekommen.

Sie stellte sich ihre freudigen Gesichter vor und ging lächelnd weiter. Ja, sie würde den beiden gerne solche guten Besen schenken, aber sie war nun einmal nicht reich genug dafür. Zwar hatte sie ihr Geburtstagsgeld vom letzten Jahr noch immer nicht ausgegeben und für dieses Jahr würde sie sicher auch welches bekommen, aber das würde immer noch nicht reichen, um zwei Nimbusse zu kaufen. Außerdem hatte sie den Verdacht, dass die Zwillinge solche teuren Geschenke gar nicht annehmen würden können.

„Stefanie!", erklang von hinten eine Stimme und anhand der deutschen Aussprache ihres Namens, wusste sie sofort, dass es nur ihre Mutter sein konnte. Mit einem strahlenden Lächeln drehte sie sich um und ließ sich von ihr in die Arme schließen.

„Wir haben dich ja so vermisst! Wie geht es dir? Du musst uns erzählen, wie deine Ferien bisher waren!"

„Hallo Mama, hallo Marie. Wo ist Papa? Hatte er mal wieder keine Zeit? Und die Ferien waren super, ich habe euch eh einen Brief geschrieben, der dürfte bald daheim ankommen." Sie wandte sich an ihre kleine Schwester. „Und, Marie? Aufgeregt?"

Sie nickte. „Und wie, ich kann es kaum erwarten! Mama hat gesagt, wir gehen jetzt meinen Zauberstab kaufen! Derweil sollst du deine Bücher besorgen."

„Ja, soll ich?" Ihre Mutter reichte ihr die Liste und ein Blick darauf, ließ sie würgen. „Sämtliche Lockhart-Werke? Sind die verrückt geworden?"

„Ja, die muss Mariechen auch haben…." Ihre Mutter überlegte kurz und legte dann einen Arm um Maries Schulter. „Gehen wir besser doch alle zuerst die Bücher kaufen. Du hast doch diesen Beutel, der nicht an Gewicht zunimmt, oder?"

Stefanie nickte. „Klar, ich kann das alles tragen, ist kein Problem. Ich hoffe nur, dass du genug Geld dabei hast…"

„Apropos Geld und einkaufen. Ich hoffe, du hast daran gedacht, Mrs. Weasley etwas zu kaufen, als Dank dafür, dass du bei der Familie wohnen durftest."

„Oh", machte Stefanie und errötete leicht. Nein, daran hatte sie absolut nicht gedacht. Wie gut, dass ihre Mutter für sie mitdachte.

Sie betraten 'Flourish und Blotts' und sofort schwirrte ein Verkäufer herbei und ließ sich die Listen geben, ehe er begann alle Bücher zusammenzusuchen. Marie stand fasziniert vor einem Stapel Mini-Büchern und ihre Mutter blätterte in einem Kochbuch. „Was für komische Rezepte… statt Handgriffen stehen hier Zaubersprüche… wirklich seltsam ihr Zauberer…"

Stefanie jedoch ging zielsicher durch den Laden und suchte die Lockhart Abteilung. Sie wusste genau, womit sie Mrs. Weasley eine Freude bereiten konnte, immerhin hatte sie selber erwähnt, wie gerne sie seine Autobiografie ‚Zauberisches Ich' haben wollte, aber, dass sie es sich nicht leisten konnten. Ein so sinnloser Gegenstand war das ideale Geschenk und das Buch war, wenn auch schon fast ausverkauft, schnell gefunden. Als sie zu ihrer Mutter zurückging, wollte diese bereits bezahlen.

„Warte, das auch noch!", rief Stefanie und legte es auf den Stapel. Der Verkäufer zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

„Ach, sie sind wohl auch ein Fan, was?"

„W,was? Fan?" Sie wurde rot. „Nein, bin ich nicht. Das ist für eine Bekannte, die es gerne haben würde."

„Ich verstehe schon", meinte er und zwinkerte schon wieder. Stefanie hatte das Gefühl, im Erdboden versinken zu müssen.

„Für Mrs. Weasley? Liest sie solche Sachen?" Ihre Mutter warf einen genauen Blick auf das Buch und den Einband, von dem, wie sollte es auch anders sein, Lockhart herunter lächelte.

„Sie… ja, sie würde es gerne haben. Das hat sie mir selbst gesagt."

„Na, hoffentlich hat sie es sich inzwischen nicht selbst gekauft", meinte ihre Mutter, die nicht wusste, wie arm die Weasleys wirklich waren. Stefanie hatte von der großen Anzahl Kinder gesprochen und sie hatte gemeint, dass das ins Geld gehen würde, aber mehr Worte hatten sie nie zum Thema Finanzen der Wealseys verloren.

Als sie den Laden verließen, lief Stefanie schnell zu der kleinen Poststelle in der Winkelgasse und schickte Mrs. Weasley das Buch, zusammen mit einem kurzen Brief. Sie hielt es für sinnvoller, etwas dafür zu zahlen und es von London aus zu schicken, als gratis von Österreich.

So würde Mrs. Weasley noch am selben Abend darin lesen können.

Als Stefanie zu Marie und ihrer Mutter zurückging, standen die beiden vor dem Quidditchladen und hatten sich in die Liste vertieft. „Du brauchst also noch einen Umhang…Zauberstab… Kessel… eine ganze Menge also. Wo sollen wir zuerst hin?"

Die beiden begannen darüber zu reden und Stefanie sah zur Seite, in die Auslage des Ladens. Sie stutzte, dann sah sie noch einmal genauer hin. Nein, sie hatte sich nicht getäuscht: dort stand Roger Davies, der Ravenclaw aus ihrem Jahrgang. Er hatte sie nun auch bemerkt und kam mit einem strahlenden Lächeln auf sie zu.

„Stefanie! Was für ein Zufall dich hier zu sehen – wir haben unsere Listen doch noch gar nicht!"

„Hallo Roger." Sie erwiderte sein Lächeln. „Was machst du denn hier?"

„Ich habe einen neuen Besen zum Geburtstag bekommen… ein Nimbus wäre super gewesen, aber jetzt ist es der neueste Sauberwisch, der ist auch nicht schlecht."

Stefanie, die kaum eine Ahnung von Besen hatte, nickte und versuchte beeindruckt auszusehen. Dann fiel ihr die Frau auf, die einen verpackten Besen trug und hinter Roger stand.

„Willst du uns nicht vorstellen?", fragte sie ihn und seine Wangen färbten sich ein wenig rot.

„Natürlich. Stefanie, das ist meine Mum, Mum, das ist Stefanie."

„Ach, du bist Stefanie? Du musst wissen, er hat ein wenig von dir erzählt." Sie schüttelte ihr lächelnd die freie Hand.

„Ach, hat er das?" Da fiel ihr ihre eigene Familie wieder ein. Schnell wandte sie sich um. „Das ist übrigens meine Mum und meine kleine Schwester, Marie. Marie, Mama, das ist Roger Davies, ein Mitschüler von mir."

Wieder wurden, freundlich lächelnd, Hände geschüttelt. Dann kündigte Stefanies Mutter an, dass sie nun einen Zauberstab besorgen wollte und Rogers Mutter hatte einen Bekannten gesehen und verschwand in seine Richtung. Stefanie blieb mit Roger zurück.

„Tja, wie wärs mit einem Eis?", schlug er vor und Stefanie nickte begeistert.

Also gingen sie zum Eissalon und wenig später aßen sie beide ein köstliches Eis. „Warum bist du also hier? Weil deine Schwester ihre Liste schon hat?"

Stefanie schüttelte ihren Kopf. „Wir beide haben unsere Listen schon. Ich wohne ein bisschen weiter weg, wir bekommen sie deshalb früher."

„Ach ja, ich hab gehört du kommst aus dem Süden. Man hört auch, dass du einen leichten Akzent hast. Woher genau kommst du?"

„Österreich, falls du weißt wo das ist."

Er machte ein peinlich berührtes Gesicht. „Ähm, nein."

Das war zu erwarten gewesen. „Weißt du wo Deutschland ist? Oder Italien?"

„Äh, vielleicht… so in etwa…"

Stefanie schüttelte ihren Kopf, dann nahm sie die Serviette, die bei ihrem Eisbecher dabei gewesen und kramte einen Kugelschreiber aus ihrem Beutel. Natürlich wusste der reinblütige Roger Davies auch mit einem Kugelschreiber nichts anzufangen, fand es dann aber doch ganz praktisch, dass man nicht immer zu ein Tintenfass neben sich stehen haben musste.

Stefanie zeichnete eine grobe Faustskizze von Europa und malte dann die Länder Spanien („Da waren wir dieses Jahr auf Urlaub"), Frankreich, Portugal, Italien, Österreich, Schweiz, Deutschland, Belgien, Niederlande, Dänemark, ganz Skandinavien und natürlich Großbritannien ein.

„Hier unten ist auch noch Ungarn, Kroatien und so weiter, aber das will ich jetzt nicht so genau machen. Nur dass Österreich in etwa hier liegt, ist ganz wissenswert."

„Sieht auf jeden Fall warm aus. In Spanien war es warm. Wie warm ist es in Österreich so?"

„Oh, im Sommer kann es warm werden, wärmer als hier, manchmal mehr als 35 Grad, aber im Winter hat es auch schon mal Temperaturen bis zu minus 20 Grad."

„Minus 20 Grad? Das ist ja furchtbar kalt. Und das, obwohl es so weit südlich liegt…"

Stefanie nickte. „Das machen die Berge. Wir haben recht viele davon, eigentlich haben wir nichts anderes, als Berge. Weil sie so weit über dem Meeresspiegel liegen, ist es dort eben kälter."

Das verstand Roger nicht ganz, aber sie beließ es dabei.

In diesem Moment trat eine Frau auf sie zu und ihr folgte ein blonder, sehr gut aussehender Junge. Es waren Daniel und seine Mutter und Stefanie war überrascht, sie zu sehen, obwohl sie eigentlich damit hätte rechnen müssen, sie zu treffen, immerhin benutzten sie immer denselben Portschlüssel.

„Stefanie!", begrüßte Frau Laska sie auf Deutsch. „Wie schön dich zu sehen! Daniel hat mir erzählt, dass du zuerst in England geblieben bist, wir waren ganz geschockt, als du nicht aufgetaucht bist. Wie war es? Schön?"

„Oh ja, es war sehr schön."

„Wir wollen ja auch immer hierher auf Urlaub fahren, aber Daniel sagt, er hat genug von der Landschaft, weil er fast das ganze Jahr hier sein muss und;"

„Mama, es reicht, wir müssen weiter", unterbrach Daniel seine Mutter und sie lächelte.

„Natürlich. Wir sehen uns Stefanie."

„Ja, wir sehen uns", kam es von Daniel, jetzt auf Englisch.

Als sie gegangen waren, sah Roger sie erstaunt an. „Ich hab zwar nichts verstanden, aber alleine, dass Daniel Laska mit dir geredet hat, ist schon erstaunlich. Normalerweise sagen Mädchen ‚Hallo' zu ihm und er ignoriert sie. Mit dir hat sogar seine Mutter geredet!"

Sie ja, er nicht, aber das erwähnte Stefanie nicht. „Wie meinst du das mit dem Hallo-sagen und ignorieren?"

„Naja, die meisten Mädchen himmeln ihn an… sogar aus Ravenclaw, sonst würde ich das ja gar nicht wissen. Sie finden er sieht unglaublich gut aus und ist ja so begabt." Er verdrehte die Augen. „Kann lästig werden, wenn sie nur von ihm schwärmen. Und er hat anscheinend so viele Verehrerinnen, dass er sie alle ignorieren muss… aber mit dir hat er sogar geredet!"

„Ja, wir kennen uns… weil wir immer denselben Portschlüssel benutzen. Er lebt auch in Österreich, musst du wissen."

„Tatsächlich?" Er klang ernsthaft überrascht und griff nach seinem Eisbecher, oder was davon übrig war. „Dabei klingt sein Name nicht Deutsch."

„Nein, ich glaube seine Familie kommt nicht aus Österreich, aber sie leben auf jeden Fall dort. Und im Übrigen hatte ich nie das Gefühl, er würde mich wirklich mögen. Er verbringt nur so viel Zeit mit mir, wie unbedingt notwendig und sieht in mir nur ein lästiges Anhängsel, mit dem er sich zweimal im Jahr rumschlagen muss. Das Gespräch eben ging eher von seiner Mutter aus."

„Und worum ging es?", fragte Roger interessiert nach und sie lächelte ein wenig.

„Um meine Ferien. Ich habe die Zeit bisher bei den Weasleys in Devon verbracht, statt daheim."

„Ach, bei den Weasleys?" Er wirkte auf einmal ein wenig merkwürdig. „Du verstehst dich aber echt gut mit denen, was?"

„Ja, sie sind für mich fast wie Brüder. Du musst wissen, ich habe einen Bruder, aber er ist ein Muggel und ich habe nicht mehr viel mit ihm zu tun… da tut es ganz gut, zwei Ersatzbrüder zu haben." Sie grinste und auch er hob zaghaft seine Mundwinkel an.

„Achso, okay. Und den Rest der Ferien bist du dann daheim?"

Sie nickte.

„Kannst mir gerne eine Postkarte schicken, ich würde mich freuen. Dann seh ich auch mal, wie es bei euch aussieht."

„Eine Muggelpostkarte?", hakte Stefanie nach und er nickte, zu ihrer großen Überraschung.

„Ja, wenn du willst, kann ich dir auch eine schicken, aber ich wohne in Wales, das ist nicht übermäßig spannend."

„Doch, das fände ich nicht schlecht." Sie grinste immer noch und löffelte das übrig geblieben Eis aus ihrem Eisbecher. Als sie den fertig ausgelöffelten Becher von sich schob, seufzte sie. „Ich muss noch in die Apotheke, meine Zaubertrankzutaten auffüllen."

„Ach ja, jetzt, wo du es sagst. Würde es dir was ausmachen, wenn du mir deine Liste leihen könntest?" Er blickte von seinem Eisbecher auf, der noch nicht ganz leer war, und lächelte. „Meine kommt sicher erst in ein oder zwei Wochen und meine Mum wäre echt dankbar, wenn wir heute schon alles besorgen könnten. Sie hat sich extra freinehmen müssen und das war schwer genug, sie hat viel zu tun bei der Arbeit."

Stefanie zuckte mit den Schultern. „Klar, warum nicht. Aber ich muss dich warnen, die Liste ist ein wenig besser ausgestattet als sonst. Wir brauchen sämtliche Lockhart Werke…"

„Nicht dein Ernst, oder?! Nicht die Bücher von diesem… Idioten!"

Seine entsetzte Miene brachte Stefanie zum Lachen. „Komisch, wieso habe ich den Eindruck, dass nur ältere Frauen gut über ihn sprechen?"

„Er ist einfach arrogant und eingebildet. Meine Mum liebt ihn, sie hat alle Bücher daheim…"

„Dann musst du sie wenigstens nicht mehr kaufen, nimm einfach ihre", schlug sie vor, doch er wirkte nicht gerade begeistert.

„Da kauft sie mir lieber eigene, ehe sie ihre heiß geliebten Bücher weggibt… Nein, ich glaube, in dem Fall ist es vorteilhaft, wenn man Muggel als Eltern hat."

„Wieso? Auch Muggel schwärmen für berühmte Personen." Was - dachte er denn, dass sich Muggel und Zauberer in diesem Punkt unterschieden?

„Nein, das hast du falsch verstanden. Ich meinte, dass deine Mutter nicht für ihn schwärmen wird, weil er sie nicht interessiert."

„Normalerweise benutzen Schulen auch keine Romane als Lehrbücher", meinte Stefanie und fuhr mit ihrem Zeigefinger die Tischkante nach.

„Das stimmt. Wahrscheinlich ist der neue Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste ein riesiger Fan von ihm."

„Vielleicht ist es ja deine Mum und du hast es verpennt", neckte Stefanie ihn und tatsächlich grinste er ein wenig.

„Vielleicht. Aber dann kann ich mich ja entspannt zurücklehnen, denn um meine Noten muss ich mir in dem Fall keine Sorgen mehr machen." Er schwieg kurz, ehe er mit dem Kinn auf etwas, oder jemanden, hinter Stefanie deutete.

„Apropos, ist das nicht deine Mum?"

Stefanie wandte ihren Kopf nach hinten und sah Marie und ihre Mutter, die voll bepackt auf sie zukamen.

„Stefanie! Sag bloß du hast die Zeit übersehen! Wir müssen zum Portschlüssel, komm schon!" Ihre Mutter wirkte ein wenig gestresst und ruderte mit einer Hand in ihre Richtung. Natürlich hatte sie Deutsch gesprochen, genau wie Stefanie, als sie hektisch aufstand und sagte: „Ach verdammt! Ich war noch nicht mal in der Apotheke."

„Das haben wir für dich erledigt. Schau, hier ist deine Liste, alles gekauft."

Ihre Mutter gab ihr die Liste und Stefanie sah sie noch einmal kurz an. Sie hatten alles tatsächlich besorgt. „Okay, danke." Dann wandte sie sich an Roger. „Ich muss jetzt gehen."

Er blickte sie ein wenig irritiert an. „Ich finde es voll befremdlich, wenn du in deiner Muttersprache redest, das passt irgendwie nicht."

Stefanie lachte leise auf. „Nur weil du es nicht gewohnt bist. Hier ist meine Liste, viel Spaß beim Einkaufen. Wir sehen uns in Hogwarts."

Er nickte und rief ihr dann hinterher: „War übrigens schön, dich getroffen zu haben!"

Als sie das hörte, drehte sie sich im Gehen noch einmal um und schenkte ihm ein Lächeln, danach verschwand er hinter einer kleinen Gruppe Zauberer-Touristen, die offenbar aus dem Orient gekommen waren und sich entzückt über die Architektur unterhielten.

„Sag mal Schatz, diesen Roger Davies hast du nie erwähnt, wie kommt das?", erkundigte ihre Mutter sich, als sie sich in den Hinterhof des tropfenden Kessels begaben.

„Ähm, es war einfach nicht notwendig…"

„Aber von Fred und George erzählst du immer!" Sie stellten sich an das alte Fass und jeder legte eine Hand um seinen Rand, während sie auf die Familie Laska warteten.

„Ja, die sind auch meine besten Freunde! Ich verbringe fast meine ganze Zeit mit ihnen. Mit Roger habe ich nur einmal eine Straf; ähm, nur einmal kurz Zeit verbracht, sonst nicht." Um sich selbst ein wenig abzulenken, ließ Stefanie ihren Blick auf die Einkaufsbeutel wandern, die ihre Mutter trug. Eigentlich hätte sie sie problemlos in ihrem kleinen Beutel verstauen können, wie abgemacht, aber ihre Mutter schien nun nicht mehr daran zu denken.

„Ach, aber jetzt habt ihr euch doch ganz gut verstanden, oder habe ich das falsch gesehen?"

„Nein, wir verstehen uns ja gut. Aber ich habe nichts von ihm erzählt, weil ich nie viel mit ihm zu tun hatte. Das ist alles."

Marie, die seltsam schweigsam war, blickte nun plötzlich auf und winkte in Richtung Winkelgasse. Stefanie folgte ihrem Blick und sah Frau Laska, die lächelnd zurückwinkte, gefolgt von Daniel, der eine schwere Einkaufstüte von 'Flourish und Blotts' trug. Was da drinnen war, war nicht schwer zu erraten. Es sah fast so aus, als würden sämtliche Jahrgänge alle Lockhart Werke kaufen müssen. Und Roger hatte wohl recht, entweder der neue Lehrer war ein großer Lockhart-Fan, oder jemand, der ihm beim Geldverdienen und Absatz-steigern helfen wollte.

Kurze Zeit später umklammerten sie alle den Portschlüssel und pünktlich wie immer trug er sie fort, zurück in den Süden.

Als Stefanie auf der Wiese, neben der alten Hütte, ankam, und dabei geübt auf ihren Beinen landete, fühlte ein Teil von ihr sich zu Hause, der andere aber so, als hätte sie ihr Zuhause gerade weit hinter sich gelassen.

Sie streckte ihre Hand aus und half Mariechen auf, während ihre Mutter sich stöhnend erhob und den Kopf rieb. „In Zukunft könnt ihr das gerne alleine machen, an diese Art zu Reisen werde ich mich nie gewöhnen."

Frau Laska lachte und ließ sich von Daniel hochziehen. „Ja, ich sage ihm auch jedes Mal, er soll doch bitte ohne mich gehen, aber ich glaube, er hat zu viel Angst vor diesen Kobolden in der Bank."

„Mama!", rief er dazwischen und wurde rot, doch sie lachte einfach weiter.

„Ist doch so. Sie sind ein wenig gruselig und sie geben selbst mir das Gefühl, ich wäre nicht ernst zu nehmen. Wie soll ein Junge in deinem Alter ohne irgendwelche negativen Gefühle dort hinein gehen? Jeder würde sich davor fürchten, oder nicht, Stefanie?"

„Ähm, ich weiß nicht, vielleicht, Frau Laska." Sie fing Daniels Blick auf, der sich für seine Mutter zu entschuldigen schien und grinste ein wenig, obwohl sie das Gefühl hatte, dabei wirklich dämlich auszusehen.

„Ich finde sie gruselig!", kam es von Marie und Stefanie war erstaunt, dass die Kleine auf einmal doch so mutig war.

„Na siehst du", lächelte Frau Laska und sie verabschiedeten sich. Stefanie war froh, dass ihre Mutter mit dem Auto hergekommen war, denn sie war erschöpft und jetzt, da sie endlich wieder in ihrem Heimatland war, spürte sie auf einmal die Müdigkeit in ihren Knochen. Natürlich, sie hatte in den vergangenen Wochen oft nicht so viel geschlafen, wie ihr vielleicht gut getan hätte und jetzt bekam sie die Quittung dafür. Deswegen war sie während der Fahrt sehr schweigsam und ließ sich von Marie alles erzählen, was sie verpasst hatte.

Sie zählte auf, welche Pferde sie verkauft und welche sie behalten hatten, wie gut ihr Englisch geworden war und wie hervorragend Christoph in der Schule und im Reiten war. Außerdem hatte er seit einigen Monaten eine Freundin, die ebenfalls ritt und mit der er viele Stunden zubrachte.

„Jetzt sehen wir ihn noch weniger als vorher."

„Aber er sieht dich auch bald nicht mehr, Mariechen", meinte Stefanie, die wieder einmal feststellen musste, wie sehr die Beziehung zu ihrer Familie durch ihren Hogwartsaufenthalt litt. Sie hatte nichts dagegen, dass sie Christoph nicht oft sehen würde, denn von ihm hatte sie sich am weitesten entfremdet. Lag es daran, dass er kein Zauberer war, oder daran, dass er einfach älter war und andere Interessen hatte, als seine kleine Schwester zu bespaßen – sie hatte nicht mehr viel mit ihm zu tun.

Als sie zu Hause ankamen, packte Stefanie erst einmal ihren Koffer aus, während Mariechen ihren voller Begeisterung einpackte. Sie wusch alle ihre Kleidungsstücke, dann versuchte sie den Koffer wieder zu packen, musste aber feststellen, dass nicht alles hineinpasste, weil die verdammten Lockhart-Bücher so viel Platz verbrauchten.

Und als sie verzweifelt vor ihrem Koffer hockte und auf den Stapel der Bücher starrte, die sie eigentlich noch alle hatte mitnehmen wollen, dachte sie zuerst daran, sie in ihren Beutel zu tun, doch dann kam ihr der Gedanke, einfach ihren Koffer mit einem unaufspürbaren Ausdehnzauber zu belegen. Sie kannte den Spruch, hatte sich aber bisher noch nie daran versucht, weil sie immer andere Dinge im Kopf gehabt hatte. Nun aber hatte sie Zeit und es bestand die Notwendigkeit, es zu versuchen.

Also holte sie ihren Zauberstab und versuchte es. Sie versuchte es den ganzen Nachmittag lang, und nach dem Abendessen machte sie damit weiter. Dabei legte sie fast so viel Geduld an den Tag, wie wenn sie sich mit Slytherins herumschlagen musste, oder wenn Peeves, der Poltergeist, sie einfach nicht in Ruhe lassen wollte.

Und ihre Geduld wurde belohnt, am Abend, als sie es eigentlich schon fast aufgeben wollte, hatte sie es geschafft. In ihrem Koffer hatte alles Mögliche, und noch mehr, Platz und er wog nicht mehr, als eine Handtasche. Zufrieden packte sie das letzte, ekelige Lockhart Buch ein, und das nur, um es gleich wieder auszupacken.

Sie wollte jetzt unbedingt herausfinden, was so besonders an diesen Büchern sein sollte. Also begann sie in ihnen zu lesen.

Sie brauchte eine ganze Woche, um sämtliche Werke zu lesen und am Ende dieser Woche, war sie braungebrannt, als wäre sie in Spanien, und nicht nur auf ihrer Terrasse, gewesen. Und sie war zu dem Entschluss gekommen, dass Lockhart das niemals alles selbst getan haben konnte. Sie hatte die Vermutung, dass er das entweder erfunden, aber selbst geschrieben, oder aber mehrere Ghostwriter engagiert hatte, die für ihn geschrieben hatten. Wenn er das nämlich wirklich alles getan hätte, dann wäre er viel zu genial, um es auch noch aufzuschreiben und sich daran zu bereichern. Und dafür war er viel zu sehr von sich selbst überzeugt und selbstverliebt. Er würde wahrscheinlich bei einem Kampf mit einem Vampir viel zu sehr um seine Fingernägel, oder sein blondes Lockenhaar fürchten.

Das schlimmste aber war, dass Stefanie das Gefühl hatte, schrecklich viel Zeit damit vergeudet zu haben, diese Bücher zu lesen. Zeit, in der sie besser ihre anderen Schulbücher gelesen hätte.

Das war auch der Grund, warum sie den Rest der Ferien damit verbrachte ‚Lehrbuch der Zaubersprüche Band 4' und andere Schulbücher zu lesen und sich eingehend mit den Zaubersprüchen auseinander zu setzen. Das empfand sie als viel angenehmer, als ihr Hirn durch Lockharts Geschreibsel zu zermatschen.

Zwei Tage vor dem bekam Stefanie dann einen Brief von den Zwillingen, in dem sie ihr davon berichteten, dass sie Harry auf spektakuläre Art und Weise mit dem verzauberten Auto ihres Vaters gerettet hatten und das die Ferien mit Harry fast genauso spaßig gewesen waren, wie die mit ihr. Was sie davon halten sollte, wusste Stefanie nicht genau, aber sie fand es sehr nett, dass die Zwillinge am Ende noch geschrieben hatten, dass sie versuchen würden, Ginny und Mariechen in ein Abteil zu setzen und dass Stefanie unbedingt eines für sie reservieren sollte. Außerdem erzählten sie ihr, wie sehr ihre Mutter sich über das Buch gefreut hatte und dass Stefanie jederzeit wiederkommen konnte, wenn sie wollte.

Stefanie verzichtete darauf, noch eine Antwort zu schreiben, denn sie würde die Zwillinge sowieso in zwei Tagen persönlich treffen, aber sie belohnte Ivy ausgiebig und fragte sich gerade, ob ihre Schwester eigentlich ein Haustier hatte, als sie, zwei Stockwerke tiefer, die Haustüre hörte.

„Stefanie! Komm schnell! Das musst du dir ansehen!"

Was war los? War jemand mitten in ihren Garten appariert? War Omas Haus eingestürzt?

So schnell sie konnte, rannte Stefanie die Treppen hinunter, bis ins Erdgeschoß, und blieb, ein wenig atemlos, am Fuß der Treppe stehen. Dort stand Mariechen und sie strahlte über das ganze Gesicht. In ihrer Hand hielt sie einen großen Weidekorb, aus dessen Vordergitter ein kleines, weißes Babykätzchen hervorlugte.

„Oh wie süüüüüß!", rief Stefanie aus und ging ein paar Schritte weiter nach vorne.

„Wie alt ist sie denn?", fragte sie, als sie ihre Finger vorsichtig durch die Gitterstäbe steckte und sanft über den Kopf des Kätzchens strich.

„Sie ist noch ganz jung, erst 10 Wochen alt. Mama hat sie von einer Arbeitskollegin bekommen, weil ihre Katze hat Jungen gekriegt und sie hatte zu viele." Marie stellte den Korb auf dem Boden ab und öffnete das Gitter. Man konnte sehen, dass es nicht leicht gewesen war, ihn zu tragen, denn sie fuhr sich mit der Hand über ihren Arm und ihre Miene war ein wenig schmerzverzerrt.

„Ich habe mir überlegt sie Minky zu nennen, aber das ist nicht gerade kreativ, oder?"

Stefanie ging in die Hocke und zuckte dabei mit den Schultern. Das weiße Kätzchen schien sich nicht recht aus seinem Körbchen wagen zu wollen. Leicht würde es für das arme Ding wahrscheinlich nicht werden, jetzt noch einmal schnell das Zuhause zu wechseln, aber dafür würde sie sich in Hogwarts sicher wohl fühlen.

„Du kannst sie ja Hexe nennen", schlug Stefanie vor, aber Marie war wenig begeistert.

„Das kann ja keiner aussprechen. Und sie ‚Witch' zu rufen, ist auch wieder unkreativ."

„Wenn du was willst, dass in allen Sprachen gleich klingt, dann nenn sie doch Whisky. So heißt sicher keine andere Katze."

Als Mariechen den Namen hörte, kicherte sie leise. „Whisky", wiederholte sie und giggelte. „Das gefällt mir. Ich nenne sie also Whisky."

„Ein wenig hart ist der Name aber schon", ertönte plötzlich die Stimme ihrer Mutter, die durch die Haustüre kam. In jeder Hand hielt sie einen Sack mit Einkäufen, offenbar waren sie zu einem Supermarkt gefahren, ehe sie die Katze geholt hatten.

„Hart, aber witzig." Marie bückte sich und hob Whisky auf, um sie ein wenig in ihren Händen zu halten. Stefanie fielen ihre grünen Augen auf und sie fragte sich, ob weiße Katzen normalerweise nicht blaue Augen hatten.

„Nenn sie wie du willst, aber... Stefanie, hilfst du mir bitte mit den Einkäufen?" Ihre Mutter stellte eine der Taschen ab und Stefanie hob sie auf, um sie ihr hinterher zu tragen und in der Küche abzustellen.

„Ich hoffe ihr habt alles gepackt", meinte sie beiläufig, während sie begann Mehl, Eier, Milch, Vollkornnudeln und noch andere Lebensmittel auszupacken und in den Schränken zu verstauen.

„Ja, ich glaube schon. Also, ich zumindest."

„Sieh bitte auch nach, ob Marie alles hat. Du bist die ältere Schwester, du musst auch ein wenig auf sie Acht geben."

„Ich hab es damals auch alleine geschafft", warf Stefanie ein und nahm sich einen Apfel.

„Das mag sein, aber ich glaube, dir wäre Hilfe nicht unwillkommen gewesen, oder?"

Das ließ Stefanie seufzen und sie nickte. Was für eine tolle Aussicht. Sollte sie jetzt Babysitterin für ihre kleine Schwester spielen?

Aber dann fiel ihr ein, dass sie Mariechen einfach nur mit Ginny bekannt machen musste. Die beiden würden sich blendend verstehen und ganz sicher würde keine der beiden wollen, dass ihre großen Geschwister sie betütelten. Sicher würden die Zwillinge Ginny auch nicht dauernd hinterher laufen, wenn sie eine Socke vergessen hatte. Das hatten sie bei Ron auch nicht getan.

Nein, entschieden schüttelte Stefanie ihren Kopf. Mariechen war jetzt elf Jahre alt und sie war somit auch alt genug, um es alleine zu schaffen. Natürlich würde sie ein wenig auf sie Acht geben, aber sie würde ihr ihre Hilfe sicher nicht aufdrängen.

„Wie dem auch sei, ich hoffe, du wirst dieses Jahr deine schulischen Leistungen nicht zugunsten anderer Dinge zurückstellen", fuhr ihre Mutter fort und sortierte Bananen in eine Obstschale.

„Was meinst du? Was für Dinge sollen das sein?"

Stefanie griff nach den Bananen, weil sie ihren Apfel schon aufgegessen hatte, und nahm sich eine, bevor sie den Rest des Apfels in den Müll warf.

Ihre Mutter warf ihr einen sehr eindringlichen und unmissverständlichen Blick zu. „Jungs natürlich."

„Jungs?" Wie kam ihre Mutter denn jetzt dazu, dieses unangenehme Thema anzusprechen. „Wieso sollte das auf einmal so sein? Ich meine, abgesehen davon, dass Fred und George auch Jungs sind, und du dir darüber keine Gedanken machst."

„Wer sagt, dass ich mir darüber keine Gedanken mache? Ich vertraue nur darauf, dass sie derweil einfach Freunde für dich bleiben und du erst in ein paar Jahren merkst, dass dir einer der beiden doch deutlich lieber ist, als der andere."

Stefanie verdrehte ihre Augen und ihre Mutter lachte. „Ja, jetzt verdrehst du deine Augen, aber in ein paar Jahren stehst du weinend vor mir und bejammerst das gemeine Schicksal. Aber nein, momentan habe ich wegen der beiden keine Sorgen. Mehr Zeit als bisher wirst du mit ihnen wohl nicht verbringen."

„Geht ja auch gar nicht", murmelte Stefanie, aber nur so leise, dass ihre Mutter es nicht hören konnte.

„Ich meinte eigentlich eher wegen diesem Roger…"

Stefanie stöhnte auf. „Kannst du einfach mal aufhören, ihn zu erwähnen? Das nervt schon. Ich habe nur ein Eis mit ihm gegessen und wir haben uns zufällig getroffen, das ist alles."

Ihre Mutter schwieg und räumte seelenruhig die leeren Einkaufssäcke weg. „Sag Marie bitte, dass es in einer Stunde Essen gibt. Und vergesst nicht, euch um die Katze zu kümmern."