Es dauerte fast eine Woche, bis Ginny sich wohl genug fühlte um auch nur aufzustehen. Nach dem ersten Tränenausbruch hatte sie nicht wieder geweint, sondern brütete nur still vor sich hin.

Molly und Arthur Weasley machten sich große Sorgen um ihre Tochter, gerade weil sie so in sich gekehrt und schweigsam war, ganz gegenüber ihrer üblichen Art. Sie machten viele Versuche, sie aus ihrer Lethargie herauszureißen, aber alle scheiterten.

Draco versuchte es gar nicht erst. Stattdessen tat er das einzige, was er konnte – er blieb bei ihr und leistete Ginny beim Schweigen Gesellschaft.

Ginny reagierte beherrscht, lächelte manchmal sogar gezwungen, aber man konnte deutlich erkennen, dass sie kaum etwas von dem wahrnahm, was um sie herum passierte oder gesprochen wurde.

Hermine, Harry und Ron kamen zu Besuch. Neville erschien, und zu aller Überraschung sogar Millie Bulstrode, zusammen mit Blaise Zabini. Niemand kam zu Ginny durch, nicht einmal ihre Brüder, die sich ebenfalls die Klinke in die Hand gaben.

Madam Ibanez hielt das nicht für weiter besorgniserregend.

„Sie muss allein damit fertig werden, und glauben Sie mir, sie wird es", sagte sie bei einem Gespräch, das sie zusammen mit den Weasleys und Draco in ihrem Büro führte. „Lassen Sie ihr Zeit, das ist fast normal nach einer Fehlgeburt."

„Ich finde es nicht normal", antwortete Molly angriffslustig.

„Geben Sie ihr Zeit", wiederholte Ibanez nur.

Sie behielt Recht.


„Tja", sagte Ginny plötzlich, genau zwei Tage nach diesem Gespräch. Sie war allein mit Draco und wandte ihm nun das Gesicht zu. „Das war´s dann wohl." Tränen standen in ihren Augen, aber tapfer bekämpfte sie sie.

Draco sah sie an.

„Alles okay?"

„Nein, aber ich schaffe es. Und die kriegt mich nicht klein, egal was sie versucht."

Es war klar, wer mit die gemeint war.

„Sie wird dafür bezahlen, ich verspreche es dir."

„Oh, das wird sie. Garantiert." Ihre Augen bekamen nun einen harten Glanz, den Draco noch nie bei ihr gesehen hatte. „Wärst du sehr schockiert, wenn ich dir sage, dass ich die meiste Zeit darüber nachgegrübelt habe, wie ich sie am besten foltern und danach elendig verrecken lassen kann?"

„Nein. Mir sind ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen." Das war zum Teil gelogen, denn es hatte ihn tatsächlich ein wenig erschreckt, diesen mordlüsternen Glanz in ihren Augen zu sehen.

Ginny schwieg wieder einen Moment.

„Wann wollt ihr aufbrechen, Sari und du?"

„Haben wir erst mal ersatzlos gestrichen, wir wussten ja nicht, wann es dir besser geht." Der abrupte Themenwechsel irritierte Draco. „Ginny, wegen dem Baby …"

„Es ist besser, wir sprechen nicht darüber", unterbrach ihn Ginny brüsk.

„Aber wir sollten …"

„Ich will nicht. Es war schwer genug, mich zusammen zu reißen, also hör bitte auf, in gerade verschorften Wunden herumzukratzen."

„Deine Entscheidung." Zufrieden war Draco nicht damit, aber er wollte ihr nicht zusetzen.

Es klopfte, und Madam Ibanez betrat den Raum.

„Hallo, Miss Weasley. Mr Malfoy. Nun, was sehe ich denn da? Sie haben wieder etwas Farbe bekommen."

Ginny war froh über ihr Erscheinen. Sie wollte sich mit Draco nicht streiten.

„Wie lange muss ich noch hier bleiben?"

Ibanez zuckte mit den Achseln.

„Das kommt darauf an. Wie geht es Ihnen?"

„Besser, wirklich, viel besser."

„Dann wollen wir mal sehen. Mr Malfoy, würden Sie bitte draußen warten?"

Draco nickte und ging hinaus. Er schloss gerade die Tür hinter sich, als Molly und Arthur auftauchten.

„Ibanez ist drinnen, dauert ein paar Minuten", sagte er, seine Anwesenheit im Flur erklärend.

Molly musterte ihn.

„Ist etwas mit Ginny?" fragte sie alarmiert.

„Nein, soweit alles klar. Sie hat mir gesprochen."

„Richtig gesprochen?" Auf Mollys Gesicht breitete sich ein erleichtertes Lächeln aus. „Merlin sei dank. Ich hatte solche Angst um sie."

„Und was stimmt nicht?" fragte Arthur stirnrunzelnd. „Sie sehen nicht sehr erfreut aus, wenn ich das mal sagen darf."

„Sie will nicht mit mir reden, jedenfalls nicht über das Baby."

„Das kann ihr ja nun auch keiner verdenken", antwortete Molly scharf und, wie Draco fand, ziemlich vorwurfsvoll.

„Kann ich ihr ja auch nicht, aber … ist ja auch egal."

Ibanez öffnete die Tür.

„Sie können wieder hereinkommen. Oh, Mr und Mrs Weasley, Sie sind ja auch da. Es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Ihre Tochter auf dem direkten Weg der Besserung ist."

Molly strahlte und lief vor. Arthur und Draco folgten langsamer.

Ginny umarmte ihre Mutter fest.

„Hallo, Mum. Mir geht´s wieder gut, ehrlich. Mach dir bitte keine Sorgen mehr."

„Wenn Ginny will, kann sie übermorgen entlassen werden", sagte Ibanez freundlich. „Einen Tag möchte ich sie gerne noch zur Beobachtung hier behalten."

„Das ist ja wunderbar." Auch Arthur war erleichtert.

„Dann kommst du noch für zwei Wochen nach Hause, damit du dich richtig erholen kannst", sagte Molly fürsorglich.

„Ach, Mum, wirklich, ich bin okay. Ich würde am liebsten sofort wieder nach Hogwarts zurückkehren."

„Kommt nicht in Frage."

Draco hatte das deutliche Gefühl, das er hier störte, und räusperte sich vernehmlich.

„Ich lasse euch mal allein. Ich komme heute Abend noch mal wieder, Ginny."

Ginny zögerte einen Moment.

„Ich würde heute Abend gern mal ein bisschen allein sein", sagte sie endlich. „Wenn das okay ist."

„Sicher, dann komme ich morgen." Draco überspielte den kleinen Stich, den ihm ihre Worte versetzt hatten. „Muss sowieso noch tausend Sachen erledigen."

„Und du bist wirklich nicht sauer?"

„Quatsch, red nicht so einen Blödsinn."


„Dann geht´s der Feuerlocke wieder besser?"

Sari lehnte am Tresen des kleinen Buchladens und musterte Draco.

„Scheint so", antwortete der kurz.

„Begeistert siehst du aber nicht aus."

„Sie versucht, die ganze Sache zu verdrängen, und ich glaube nicht, dass das gut für sie ist, ganz einfach."

„Komm schon, sie hat ´ne Menge durchgemacht, also gib dir ´nen Ruck und freu dich."

„Ich freue mich ja auch."

Sari sah skeptisch drein.

„Wenn du meinst. Oh, hey Mum!"

Seine Mutter hatte den Laden betreten.

„Hallo, Susan." Draco grüßte sie höflich.

„Draco, ich dachte, du bist bei Ginny?" fragte Susan Hayes erstaunt.

„Ihre Eltern sind gerade bei ihr, und ich dachte, da stör ich irgendwie. Aber ihr geht´s besser."

„Das freut mich, wirklich. Armes Mädchen." Sie wandte sich an ihren Sohn. „Essen ist fertig, ich löse dich hier ab. Draco, willst du mitessen? Es ist genug da."

„Gerne, ich hatte heute Morgen nur das Frühstück im Krankenhaus, und das kann man kaum als Essen bezeichnen."


„Also, soll es dann losgehen?" fragte Sari mit vollem Mund.

Die beiden saßen in der gemütlichen, kleinen Küche der Hayes.

„Je nachdem, wie es Ginny geht. Aber ich denke, vielleicht tut uns ein bisschen Abstand ganz gut, dann kann sie sich in Ruhe erholen."

Draco stocherte auf seinem Teller herum ohne hochzusehen.

„Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es dir trotzdem nicht ganz passt."

„Hier geht´s aber nicht um mich, sondern darum, dass Ginny sich wieder hochrappelt." Er legte die Gabel beiseite. „Ich schätze, in drei Tagen kann´s losgehen."

„Zuerst Frankreich, richtig?"

„Vielleicht wär´s besser, wir würden zuerst nach Berlin gehen. Zu deinem Freund … wie hieß er noch?"

„Daniel."

„Genau, Daniel. Es würde mich interessieren, ob er mehr weiß als wir. Der ganze andere Kram ist nicht ganz so wichtig." Draco trank einen Schluck Wasser. „Obwohl ich mir immer noch nicht vorstellen kann, wie er uns helfen könnte."

„Abwarten. Er hat echt was drauf, ganz schlauer Kopf. Er war mal ein Gastsemester hier an der Uni, da haben wir uns kennen gelernt." Sari studierte Chemie an der Westminster University, nahm das ganze aber ziemlich locker. Er ließ öfters mal Vorlesungen ausfallen, um seiner Mutter im Laden zu helfen oder einfach nur zu faulenzen. „Apropos Berlin, wie wollen wir da überhaupt hinkommen?"

„Ich könnte apparieren und dich mitnehmen", schlug Draco vor. Er konnte ein Grinsen nicht ganz verbergen. Sari hatte eine notorische Abneigung gegen das Apparieren.

„Nix da." Sein „Cousin" schüttelte energisch mit dem Kopf. „Ich mag meine Einzelteile gern da, wo sie sind. Ich schlage vor, wir fliegen."

„Auf einem Besen?"

„Mit einem Flugzeug, Trottel. Mum kennt jemanden bei British Airways, da kriegen wir die Tickets günstiger."

„Keine Chance. Eher laufe ich." Saris Abneigung gegenüber dem Apparieren war nichts im Vergleich zu Dracos eigener in Sachen Flugzeug. Er dachte nach. „Das Flohpuder-Netzwerk?"

„Schade", maulte Sari. „Irgendwann bekomme ich dich noch in ein Flugzeug, ich schwör´s."

„Wie gesagt, eher laufe ich. Notfalls auf allen Vieren."

„Das will ich sehen." Sari grinste nun auch. „Also gut, in drei Tagen. Dann packe ich wohl schon mal mein Köfferchen und sage Mum bescheid."

„Wenn Ginny einverstanden ist", schränkte Draco vorsichtshalber ein.

„Geht klar."