Kapitel 27 Begegnungen

Lass Mut dein Wegweiser sein und fürchte nichts.

Gottesmaschinen McDevitt

In jener Nacht schlich sich Hagrid zu Dumbledore. Der Direktor von Hogwarts erwartete den Wildhüter bereits sehnsüchtig. Oft kam er in das Büro von Albus und erstattete Bericht, hielt ihn auf dem Laufenden wie es Snape ging, was er tat und wie gut er sich seiner neuen Situation anpasste.

Hagrid stand nun vor dem Direktor und wirkte auf der einen Seite erleichtert, auf der anderen wiederum sehr besorgt.

"Ich glaube Sie sollten ihn jetzt sehen", sagte Hagrid schlicht.

Dumbledore starrte Hagrid nur an. Das war alles? Kein, nun ja wir sollten vorsichtig vorgehen oder andere Hinweise?

"Ich sollte ihn nun sehen?" flüsterte Albus heiser.

Der Wildhüter nickte und sah betreten auf seine Füße.

Dumbledore hielt nichts mehr auf seinem Stuhl, er begann hinter seinem Schreibtisch, auf- und abzuwandern.

"Wie haben Sie sich das vorgestellt? Dass ich einfach so reinspaziert komme und sage 'Oh hallo Severus'?" fragte der alte Mann mit einem leichten Zittern in der Stimme. Wie sehr hatte er diesen Tag herbeigesehnt und jetzt fürchtete er ihn.

Hagrid zuckte mit den Schultern und schwieg. Dumbledore umrundete den Schreibtisch und kam vor dem Halbriesen zu stehen.

"Hagrid das geht nicht! So einfach geht das nicht! Gerade Sie müssten das doch wissen!" sagte Albus anklagend.

Nein so ging das wirklich nicht, Severus würde einen halben Herzinfarkt bekommen. Nach der Ruhe und der Freundschaft von Hagrid über diese lange Zeit, wäre ein so plötzliches Zusammentreffen mit Dumbledore wie ein Schlag ins Gesicht. Eine Weile standen sich die zwei Männer stillschweigend gegenüber.

"Ich habe ihm beigebracht wie er seine Taubheit ausgleichen kann. Ich habe ihn so weit gepflegt, dass er wieder auf zwei Beinen stehen kann", murmelte der Halbriese und sah unvermittelt in die Augen von Dumbledore. "Jetzt ist es an Ihnen seine Seele so weit zu pflegen, dass er neben Ihnen leben kann, ohne Furcht und Selbstaufgabe."

Der Direktor wandte sich ab. Verdammt Hagrid hatte recht, doch wie sollte er es anstellen? Nachdenklich starrte er auf seine Bücher, er hatte haufenweise Bücher, Bücher geschrieben von Magiern, Bücher geschrieben von Muggeln und sogar ein Buch, das sich selbst schrieb, eine Unendliche Geschichte. All dieses Wissen nützte ihm nun nichts. Er betrat Neuland. Wie sollte er diese Konditionierung von Voldemort sprengen? Ansatzweise hatte er es geschafft, doch nun vollends?

Natürlich hatten einige Muggel-Psychologen darüber geschrieben, doch sie alle gingen davon aus, dass die entsprechende Person vor der Konditionierung ein normales Leben führte. Was bei Snape nie der Fall gewesen war!

"Vielleicht wollen Sie zum Essen kommen?" fragte Hagrid sachte und unterbrach damit die Gedankengänge von Albus.

"Ja, ich komme dann morgen Abend zum Essen. So haben wir etwas mehr Zeit und ich muß nicht sofort in die Schule zurück." Er nickte. Essen, warum nicht?

***

Mit Hagrid stimmte etwas nicht. Das spürte Snape sofort. Schon als er aufgewacht war und wenig später aus dem Bad gewankt kam, spürte er es. Hagrid wirkte auf ihn müde und sehr nervös. Gab es Probleme mit dem Einhornjungen? Oder hatte der letzte Sturm doch mehr Schäden verursacht als sich der Wildhüter eingestehen wollte? Waren Dementoren in den Wald zurück gekehrt? Unbewußt begann Severus wie ein Wildhüter zu denken, ging in Gedanken alle Möglichkeiten durch. Nach dem etwas wortkargen Frühstück, es wurde sowieso immer seltener laut gesprochen in Hagrids Hütte, verabschiedete sich der Wildhüter. Er habe noch einen Rundgang zu machen. Severus nickte. Fast war er versucht zu fragen ob er den Wildhüter begleiten könne. Aber Hagrid war schon durch die Tür verschwunden und ließ dabei einen Schwall kalte Luft herein. Snape fröstelte und beschloß einzuheizen. Dabei mußte er ohne Magie auskommen, seinen Zauberstab hatte Rosier zerbrochen und einen neuen hatte er noch nicht.

Hagrid kam kurz nach Mittag wieder und verkündete, dass er nach Hogsmeade müsse um einige Vorräte aufzustocken, bevor ein neuer Schneesturm käme und er nicht mehr in das Dorf gehen könne. Severus, der in dem Sessel nahe am Feuer saß, nickte und wurde unruhig.

Während Hagrid im Dorf unterwegs war, beschloß Severus geschützt durch den Tarnumhang vor dem Haus etwas frische Luft zu schnappen. Gegen Abend erschien der Wildhüter bepackt mit Tüten und Taschen.

Es gab viele schöne frische Sachen im Dorf, das wird heute Abend ein Festessen! verkündete sein Freund lautlos.

***

Severus saß am Tisch und half Rubeus die Kartoffeln zu schälen und das Gemüse klein zu schneiden. Seit der ehemalige Todesser wieder auf eigenen Beinen stehen konnte, hatte es Hagrid aufgeben scharfe Gegenstände zu verstecken. Das Essen köchelte wenig später munter über dem Feuer und Hagrid wurde immer nervöser. Mit leicht zitternden Fingern begann er den Tisch zu decken.

"Rubeus stimmt etwas nicht?" fragte er sachte den Wildhüter.

Wie? Nein, nein alles in Ordnung wirklich! antwortete Hagrid und wischte sich seine schwitzenden Hände an seiner Hose ab.

"Wirklich? Warum decken wir dann für drei Personen? Kommt Pomfrey heute Abend?" Severus wunderte sich, die Heilerin ließ sich immer seltener blicken.

Da rüttelte es an der Tür, Severus spürte die Erschütterung, die der Türrahmen an den Boden weitergab. Er zuckte zusammen und starrte die Tür an. Fremde! Sofort suchte er einen Ort wo er sich verstecken konnte.

Hagrid hob beruhigend eine Hand. Ruhig! sagte er.

Langsam öffnete der Halbriese die Tür und trat dann einen Schritt auf die Seite, so dass Severus erkannte, wer in der Tür stand.

Er glaubte sein Herz setze einen Schlag aus.

Dumbledore sein Herr!

Mit aufgerissenen Augen sah er seinen Herrn an und dieser starrte zurück.

Unfähig zu glauben was er da sah stolperte er zwei Schritte auf Dumbledore zu. Er blickte in diese gütigen Augen, in das freundliche Gesicht, das war wirklich sein Herr. Er war gekommen! Endlich war er gekommen! Seine Knie knickten ihm ein und wie als ob nichts geschehen wäre, als ob es immer noch einen Voldemort gab, als ob es immer noch Befehle gab, warf er sich vor seinem Herrn in den Staub und drückte die Stirn fest auf den Boden.

Es war also doch so gekommen. Doch statt des erwarteten Herzinfarkts war das eingetreten, wovor sich Albus gefürchtet hatte. Severus zeigte ihm auf eine für Dumbledore grausame Art und Weise wo der Direktor in Snapes Weltbild stand.

Aber jetzt ließ er es nicht mehr auf sich sitzen, jetzt konnte er eingreifen und er ging selber in die Knie, packte sein Eigentum an den Schultern und zwang ihn in sein Gesicht zu sehen. Kurz trafen sich ihre Blicke und dann zog ihn Dumbledore in eine Umarmung. Für einen Moment spürte er die Unsicherheit in Snape, dann ließ sich dieser in die Arme von Albus fallen.

Bei allen guten Geistern, er war so dürr und selbst durch die Kleidung konnte Dumbledore spüren wie schwach Severus noch war. Tränen liefen dem alten Mann über das Gesicht und verschwanden im ellenlangen weißen Bart.

"Oh Kind", flüsterte er immer und immer wieder.

Hagrid schloß leise die Tür, auch ihm liefen die Tränen über das Gesicht. Er hatte die kurz aufflackernde Panik in den Augen seines Freundes gesehen, als Dumbledore ihn in die Arme genommen hatte. Fast schien es als wollte er sich losreißen und zurückziehen. Doch dann, als ob ein Damm gebrochen wäre, ließ er sich fallen. Da hob Severus vorsichtig die Arme und erwiderte die Umarmung.

Es war um Hagrids restliche Fassung geschehen und er vergrub sein Gesicht in seinen Händen.

Severus wußte nicht wie lange Dumbledore ihn umarmte. Im Endeffekt war es im gleich. Er bemerkte, dass der Direktor von Hogwarts etwas immer und immer wieder wiederholte. Er wollte wissen was es war und so zog er sich etwas zurück um in das Gesicht seines Herrn zu sehen.

Oh Kind, konnte er lesen.

Jetzt zog in sein Herr auf die Beine. Beide standen wieder und da sah Snape wie Hagrid neben der Tür stand und auch weinte. Selten hatten sich so viele aufgestaute Gefühle so plötzlich entladen. Die Angst von Hagrid, wie Snape reagieren würde. Die Sorge von Dumbledore und die langsam weichende Unsicherheit von Snape.

Dumbledore legte freundschaftlich eine Hand auf die Schulter von Snape. Willkommen zurück Kind! Willkommen zurück! Jetzt können wir es uns leisten!

Und Severus verstand.