Sommerregen

Kapitel 28

Professor Slughorns Weihnachtsparty entpuppte sich in vielerlei Hinsicht als große Überraschung. Trotz ihrer anfänglichen Skepsis fand Hermine genau die ersehnte Ablenkung, die sie brauchte, um etwas Abstand von ihren Sorgen zu erhalten, die sich in erster Linie um die schleppende Suche nach den Horkruxen sowie die Sicherheit ihrer Eltern und natürlich auch die ihres Professors drehten.

Der Gedanke, die Todesser könnten es früher oder später auf ihre Eltern abgesehen haben, beschäftigte Hermine seit geraumer Zeit. Zwar war der Orden darum bemüht, immer einen Wachposten in der Nähe ihres Hauses stationiert zu haben, die Ungewissheit aber blieb. Und so reifte nach und nach in ihrem Hinterkopf der Plan heran, ihnen eine neue Identität zu geben, damit sie in einem anderen Land ein unbehelligtes Leben beginnen konnten. Bis es irgendwann einmal soweit sein würde, mussten jedoch noch eine Menge Vorbereitungen getroffen werden.

Hermine, die stets darum bemüht war, sich ihre Gefühle für ihren Professor in der Öffentlichkeit nicht anmerken zu lassen, wurde langsam etwas besser darin, ihre Unsicherheit zu übertünchen, sobald sie seine imposante Erscheinung irgendwo ausmachen konnte. Ein oder zweimal gelang es ihnen am Abend des Fests sogar, einen abgeschiedenen Winkel für sich zu ergattern, in dem sie unbeobachtet von den anderen beisammen stehen und sich einfach nur ansehen konnten. Wortlos griff er nach ihren Armen und hielt sie fest.

Hermine schlug das Herz bis zum Hals. Die Geste an sich, so einfach sie auch sein mochte, löste ein Kribbeln in ihr aus, das sich bis tief in ihre Körpermitte ausbreitete. Leider war die wundersame Begegnung nicht von langer Dauer und wurde von einem lauten Stimmengewirr in Slughorns Esszimmer unterbrochen: Vollkommen unerwartet stand Draco auf der Bildfläche, der von Filch beim Durchstreifen der Gänge aufgegriffen worden war und nun so tat, als wäre auch er zur Party eingeladen gewesen.

Snape ließ abrupt von ihr ab und warf ihr einen warnenden Blick zu. Dann rauschte er mit Draco im Schlepptau davon. Hermine sah ihnen nach, hin und hergerissen, ob sie es wagen sollte, ihnen zu folgen oder nicht. Sie biss die Zähne zusammen und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Mauer. Severus würde nicht wollen, dass sie ihm hinterher spionierte und so ließ sie es bleiben. Doch das Gefühl die beiden ziehen zu lassen, war beklemmend. Hermine wusste nicht, ob sie Mitleid mit Draco empfinden sollte oder eher Wut, weil er sich wie ein Idiot aufführte und den Professor mit Missachtung strafte, obwohl dieser offensichtlich bemüht war, ihm in seiner brisanten Lage zu helfen; was auch immer das bedeuten mochte.

Nachdem Hermine Snapes Warnung ernst genommen hatte und das von vornherein zum Scheitern verurteilte Vorhaben angegangen war, auf Harry einzureden, damit er dieses Jahr in Hogwarts bleiben und das Schloss nicht verlassen würde, um mit den Wealseys zusammen Weihnachten zu feiern, gab sie sich letztendlich geschlagen und ließ ihre Freunde ziehen. Da auch Snape in den kommenden Tagen nur wenig Zeit bei ihr und in den Kerkern verbringen würde, stellte sie sich darauf ein, während der Ferien von extremer Langweile heimgesucht zu werden. Um deswegen nicht nur dem körperlichen Entzug vorzubeugen, beschloss sie, jede verfügbare Minute in der Bibliothek zuzubringen und Nachforschungen zu betreiben. Es war das Beste, was sie in ihrer Sehnsucht tun konnte und hatte zudem den Effekt, nicht einfallslos und dumpf dem Trübsinn zu verfallen.

Der Schnee fiel in dicken Flocken vom Himmel und Hermine hatte sich ein lauschiges Plätzchen an einem der hohen Fenster ausgesucht, um mit ihrer Suche zu beginnen, die hoffentlich einige ihrer offenen Fragen klären würde. Weil die Bibliothek zwischen den Jahren nur spärlich besucht wurde, konnte sie ihren Stapel an Zeitungen und Büchern weitläufig ausbreiten und sich nach Herzenslust austoben. Schon bald stellten sich dabei erste Erfolge ein, als sie wie durch Zufall auf eine Geburtsanzeige in einer alten Zeitungsausgabe stieß, die Snapes Herkunft als halbblütiger Zauberer einen handfesten Hintergrund verlieh. Nicht nur sein Muggel-Vater, sondern auch seine Mutter, eine gebürtige Hexe, wurden darin erwähnt.

Je länger sie sich, wie ihr zu ihrer Schmach bewusst wurde, unter Berücksichtigung der Erfahrungen, die Harry mit dem Denkarium gemacht hatte, damit befasste, wie seine Kindheit ausgesehen haben musste, desto mehr wurde sie davon eingenommen. Es ließ sie nicht los, was Severus über seinen Vater erzählt hatte und Hermine musste erkennen, dass es eine Geschichte war, die sie sowohl erschütterte als auch magisch fesselte. Genau aus diesem Grund musste er wie versessen darauf gewesen sein, von zuhause wegzukommen und die Zeit in Hogwarts mit Lernen verbracht haben, sofern er nicht damit beschäftigt gewesen war, sich mit James und Sirius herumzuschlagen, die ihm während seiner Schulzeit das Leben schwer gemacht hatten.

Mit den Ergebnissen ihrer Recherchen zufrieden räumte Hermine die aus dem Fundus der Bibliothek stammenden Zeitungen und Bücher zusammen und kehrte ihrem Arbeitsplatz den Rücken zu, um sich auf den Weg in die Große Halle zu machen, wo in Kürze das Abendessen serviert werden sollte.

Gedankenverloren schlenderte sie auf den Tisch der Gryffindors zu, wo sie sich einen der zahlreichen freien Plätze suchte und den jüngsten Entwicklungen mit Snape nachhing. Sie hatte den Kopf auf die Hand gestützt und blickte verträumt auf den verlassenen Stuhl ihres Professors, der für diesen Abend angekündigt hatte, auf Malfoy Manor zu sein.

Hermine wollte gar nicht näher wissen, was er dort zu suchen hatte. Alleine die Vorstellung, wie er gezwungen war, zwischen den Malfoys als Gastgebern sitzend, Voldemorts Reden über die Unterdrückung der Muggel über sich ergehen zu lassen, war ein Albtraum für sie.

Sie fröstelte und ließ ihre Gedanken weiter schweifen. Ein Ergebnis ihrer Recherchen hatte dazu geführt, dass sie endlich Snapes Geburtstag herausgefunden hatte. Bisher hatte er erfolgreich vor ihr zurückgehalten, dass er im Januar geboren war. Doch damit war nun Schluss. Aus Hermines Sicht gab es keinen Grund, warum er sich vor ihr dafür schämen sollte, bald ein Jahr älter zu sein. Sie hatte ohnehin schon längst gewusst, dass er so alt wie James und Sirius sein musste, würden die beiden noch leben.

Im Anschluss an das Essen machte Hermine einen Abstecher in die Schulküche, um Dobby einen Besuch abzustatten, ehe sie in ihrem Turm verschwand. Es war der erste Abend seit Wochen, den Hermine vollkommen allein und abgeschieden vom Geschehen um sich herum verbrachte. Mit Snape bei einem seiner Todesser-Treffen und ihren beurlaubten Freunden, die das Dasein im Fuchsbau genossen, blieb nur noch Krummbein als zu einhundert Prozent vertrauenswürdige Gesellschaft übrig.

Gemeinsam mit einem dicken Wälzer aus der Bibliothek und dem Kater machte Hermine es sich in ihrem Bett gemütlich, indem sie die Vorhänge zuzog und den von Harry im Buch des Halbblutprinzen entdeckten Muffliato-Zauber ausführte. Schon bald fielen ihr die Augen zu und Hermine döste ein.

xxx

Hermine stöhnte leise auf. Sie erinnerte sich noch gut an ihr erstes Mal mit Snape. Trotz Trunkenheit.

Sie fühlte jede seiner Berührungen auf ihrer Haut und konnte noch genau den ersten Kuss zwischen ihnen auf ihren Lippen spüren. Das Verlangen nach ihm war da, überall und zu jeder gottverdammten Tageszeit.

Immer; heiß, feucht und vielversprechend.

Hermine, im nächtlichen Traum so mit ihrem Professor beschäftigt, merkte nicht, wie McGonagall in ihren Schlafsaal stürmte und nach mehrmaligen ungehörten Rufen rücksichtslos die Vorhänge des Himmelbetts mit dem Zauberstab zur Seite beorderte. Ahnungslos und mehr oder weniger nackt lag sie in ihrem Bett, zu einer sich um ein imaginäres Trugbild windenden antiken Gottheit gekrümmt, die Beine in abstruser Form um ihre Decke geschlungen, als würde sie gerade einen unter sich befindlichen menschlichen Leib besteigen.

Minerva stemmte beim Anblick des windigen Nachthemds die Hände in die Hüften. Sie war selbst einmal ein Teenager gewesen, doch die Zeiten damals hatten bei Weitem einen nicht annähernd freizügigen Charakter gehabt. Entrüstet setzte sie ihren Zauberstab an die Stimmbänder.

„Sie haben genau fünf Minuten, um sich in meinem Büro einzufinden, Miss Granger", verkündete sie spitz. „Und ziehen Sie sich um Himmelswillen etwas an."

Der Traum löste sich in Nichts auf und Hermine riss schockiert den Oberkörper empor. Sie konnte gerade noch sehen, wie McGonagalls Morgenmantel aus dem Schlafsaal flatterte und war froh, dass die anderen Mädchen über die Ferien zu ihren Familien gefahren waren, um nicht vor Scham im Boden versinken zu müssen.

Sie rieb sich die Augen. Ein Blick auf ihre Uhr verriet, dass es halb drei am Morgen war.

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Da Professor Dumbledore, wie Hermine im Laufe des Verhörs, das die Professorin eingeleitet hatte, erfuhr, die Schule verlassen hatte, wurde es ein sehr demütigendes Gespräch zwischen ihr und ihrer Hauslehrerin allein. In einem eilends übergestülptem Pullover und einer Jeans, in die sie die untersten Zentimeter des Nichts von einem Nachthemd gestopft hatte, saß sie vor McGonagalls Pult und hatte die Hände, wenn auch etwas verkrampft, in sittsamer Manier in den Schoß gelegt.

„Was haben Sie sich nur dabei gedacht, Miss Granger?", sagte McGonagall mit säuerlicher Miene.

Hermine unterdrückte den Drang, sich auf die Lippe zu beißen, um möglichst unbehelligt zu wirken. Das Szenario kam ihr mächtig bekannt vor, hatte sie doch ein ähnliches vor nicht allzu langer Zeit mit Snape erlebt.

„Die Vorschriften der Schule verlangen ordnungsgemäße Kleidung. Das schließt auch Nachthemden und Schlafanzüge mit ein. Sie als Vertrauensschülerin sollten das eigentlich wissen und anderen als Vorbild dienen."

Hermine nickte widerstandslos, woraufhin McGonagall ihren bohrenden Blick nur noch mehr intensivierte, als würde sie dadurch ein Geständnis ihres Opfers erzwingen können.

„Nun denn", fuhr sie fort und holte tief Luft, um im selben Satz zum eigentlichen Zweck dieses nächtlichen Treffens zu kommen, „wie Sie wissen, sind Mr Potter, Mr und Miss Weasley zum Fuchsbau gereist. Man bat mich im Auftrag des Ordens, Sie darüber zu informieren, dass der Fuchsbau gegen Mitternacht angegriffen wurde."

Hermine stockte der Atem. „Was?", sagte sie entgeistert.

Alles in ihr überschlug sich. Harry, Ron, Ginny … Unzählige Tränen drangen in ihre Augen, noch bevor McGonagall den richtigen Ansatz gefunden hatte, ihre Worte näher zu erklären. Auch sie wirkte nun nicht mehr wütend sondern besorgt. Es schien irrsinnig zu sein, dass jemand so krank sein konnte, derart liebenswerte Menschen wie die Weasleys anzugreifen.

„Es tut mir leid, Miss Granger. Es war eine hinterrücks geplante Attacke. Glücklicherweise wurde niemand bedrohlich verletzt, aber das Haus ist schwer beschädigt. Die Reparaturen sind bereits im Gang. Ihre Freunde sind derweil im Krankenflügel und werden zur Beobachtung über Nacht dort bleiben."

„Sie sagten", würgte Hermine mit trockenem Hals hervor, die es immer noch nicht fassen konnte, „niemand sei bedrohlich verletzt?"

McGonagall nickte.

„Es war in der Tat ein großes Glück, dass sich zum Zeitpunkt des Angriffs zusätzliche Gäste im Haus befanden, die das schlimmste Übel abwehren konnten."

„Wer?"

„Tonks, Remus, Bill und Fleur."

Ein eisiger Schauder erfasste Hermine. Sie wagte gar nicht, daran zu denken, was geschehen wäre, wenn Harry und die Weasleys allein gewesen wären. Jetzt, da auch Fred und George mitsamt ihren Freundinnen ein eigenes Haus bezogen hatten, ging es im Fuchsbau oftmals ruhiger als gewöhnlich zu.

„Professor", sagte Hermine vorsichtig, obwohl sie wusste, dass es riskant war, den Versuch zu starten, etwas über Snape herauszufinden, „Sie wissen nicht zufällig, wer von der anderen Seite an dem Angriff beteiligt war?"

Eine kurze Pause trat ein, in der sie sich wünschte, sie hätte ihre Frage besser für sich behalten.

„Warum wollen Sie das wissen?", entgegnete McGonagall, die Lippen missbilligend geschürzt.

Betrübt senkte Hermine den Blick auf ihre nach wie vor in ihrem Schoß verkrampft liegenden Hände. Was sollte sie sagen? Dass sie tief in ihrem Herzen Rache nehmen wollte, verstand sich von selbst. Die Täter mussten ohne Wenn und Aber zur Verantwortung gezogen werden. Doch das war nicht der einzige Gedanke gewesen. Ihre Sorge um Snape stellte den eigentlichen Grund für ihre Frage dar, denn wenn er daran beteiligt gewesen war, wäre das eine Enttäuschung, die sie nur schwer verkraften könnte ... Hatte er sie am Ende vielleicht sogar angelogen und nur behauptet, dass er den Abend in Malfoy Manor verbringen würde, weil er ihr die Wahrheit vorenthalten wollte?

Es kam einer ziemlichen Überraschung gleich, als McGonagall antwortete.

„Er war nicht dabei, Miss Granger", sagte sie trocken. „Professor Snape ist um Punkt Mitternacht ins Schloss zurückgekehrt."

Hermine, von einem urplötzlich aufkommenden stechenden Schmerz in ihrer Brust getroffen, hob in einem Ruck den Kopf und starrte sie sprachlos an.

„Er hatte Recht", fuhr McGonagall überraschend fort und es klang nicht weniger hart, da ihre Augen einen messerscharfen Blick offenbarten, der bei nahezu allen Schülern gefürchtet war. „Ich habe oft versucht, ihm etwas anzuhängen. Ich war so blind ..."

Während Hermine verzweifelt ihre Sprache suchte, überlegte sie, was sie tun konnte, um McGonagall davon abzuhalten, ungerechtfertigte Anschuldigungen in die Welt zu setzen, die ihre Vermutungen zum Ausdruck bringen sollten. Wie es die Ironie so wollte, fiel ihr jedoch nichts Passendes ein, das es geschafft hätte, das pikante Verhältnis zwischen ihr und Snape zu entschärfen. Es war auch jetzt, da sie volljährig war, immer noch verboten und daran gab es nichts zu Rütteln.

„Glauben Sie, er hat Albus je ein Wort davon erzählt, Miss Granger?"

„Ich – ich weiß es nicht", stammelte Hermine verlegen. Sie schluckte. „Hören Sie, Professor. Es wäre vielleicht das Beste, wenn Sie nicht gleich die schlimmsten Schlüsse ziehen. Ich fühle mich sehr unwohl, über ihn zu reden, wenn er nicht dabei ist. Lassen Sie uns -"

„Schlafen Sie mit ihm?"

Hermine sackte die Kinnlade nach unten.

„Wie kommen Sie darauf?"

„Ich kenne ihn schon sehr lange. Er ist kein einfacher Mensch und gibt sich meines Erachtens nach die größte Mühe, es für immer und ewig dabei zu belassen, egal wie sehr man sich bemüht, ihm entgegenzukommen. Trotzdem macht er wie jeder andere Veränderungen durch. Die Meisten würden es gar nicht merken, da sie ihn meiden. Ich hingegen muss zugeben, dass ich darauf bestanden habe, auf ihn zuzugehen und ihn mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln zu konfrontieren." Sie holte Luft. „Ich bin kein kaltherziger Todesser, Miss Granger. Ich sorge mich um die Schule und um unsere Schüler. Zeitweise sorge ich mich auch um Severus. Wenn Sie ihn also erst einmal so lange kennen wie ich, dürfte es keine Frage sein, dass selbst winzige Veränderungen Ausschlag gebend sind, meine Besorgnis zu erregen. Kurz gesagt, er hat es nicht geleugnet und auch nicht bestritten. Seine Gegenwehr war für seine Verhältnisse äußerst schwach. Er war ruhig und gefasst. Er wäre, wenn nötig, sogar bereit gewesen, die Schuld für etwas auf sich zu nehmen, was er nicht getan hat."

Ein weiterer Schlag traf Hermine, diesmal mitten ins Herz. Was hatte sie ihm angetan? Was hatte sie mit ihm gemacht? Es war ihr unmöglich vorgekommen, ihn seines Stolzes zu berauben oder gar zu zähmen.

„Und was sollte das sein?", hörte Hermine sich sagen. Sie fühlte ihren Puls rasen und war machtlos dagegen, den Stein, der ins Rollen gekommen war, aufzuhalten.

„Der erste Schritt. Der entscheidende Wink des Schicksals, der seine Prinzipien zu Fall gebracht hat und ihn seine moralischen Grundsätze vergessen ließ. Sie haben diesen Schritt gemacht, nicht er."

Hermine blickte stumm und starr auf das eingefrorene Gesicht ihrer Professorin. Alleine deren faltiger Mund war es, der unheilvoll vibrierte, als würden noch weitere Anschuldigungen auf den Lippen zur Anklage bereitliegen. Das, was McGonagalls Entdeckung zur Folge haben könnte, verschaffte Hermine Übelkeit. Hatte Severus sie nicht davor gewarnt, dass, wenn jemand etwas ahnen würde, es McGonagall sein würde? Es hatte keinen Sinn, etwas Gegenteiliges zu behaupten. Vermutlich würde es nur dazu führen, sich oder Severus noch tiefer in Schwierigkeiten zu verstricken.

"Wie soll es nun weitergehen?", fragte Hermine mit gebrochener Stimme. "Was werden Sie jetzt tun?"

"Das wird sich zeigen, Miss Granger. Das übliche Prozedere verlangt danach, die Schulräte zusammenzurufen und nach einer Lösung für das Problem zu suchen."

Hermine nickte abermals, schwieg jedoch.

"Wie dem auch sei", sagte McGonagall rasch, so dass es den Anschein hatte, sie würde den unangenehmsten Teil der Unterhaltung endlich hinter sich bringen wollen, "es liegt beim Schulleiter, das weitere Vorgehen in die Wege zu leiten. Ich kann nicht von mir behaupten, meine Hände in Unschuld waschen zu wollen. Ich habe zu lange gezögert, Albus meine anfänglichen Vermutungen mitzuteilen."

"Aber er wusste von Ihren Bedenken bezüglich der Zusammenarbeit zwischen mir und -", Hermine stockte, was sichtlich McGonagalls Interesse weckte, "ähm, Professor Snape."

"Mir scheint, Sie und Severus sind weitaus vertrauter im Umgang miteinander als angenommen."

Obgleich ihre Wangen erröteten, kam Hermine nicht umhin, eine gewisse Genugtuung zu verspüren. Es hatte sie einiges an Überredungskunst gekostet, den Professor dazu zu bringen, sich gegenseitig beim Vornamen zu nennen.

"Nun denn, wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mich als Nächstes gern mit Severus darüber austauschen, bevor ich den Schulleiter informiere. Ich kann es kaum erwarten, seine Meinung dazu zu hören."

Der Zynismus in ihren Worten behagte Hermine gar nicht. Wie erschlagen sah sie McGonagall dabei zu, als diese sich aus ihrem Stuhl erhob und sie scharf in Augenschein nahm, ehe sie es ihr gleichtat und sie sich unbehaglich gegenüber standen. Es dauerte eine ganze Weile, bis Hermine endlich den Mut fand, den Mund zu öffnen, um die ganze Sache zu entschärfen.

"Eines sollten Sie noch wissen, Professor", sagte sie betreten. "Was auch immer Sie glauben, es hat erst nach meinem siebzehnten Geburtstag begonnen. Sie hatten Recht, es war nicht seine Schuld, dass es dazu kam. Wenn Sie ihn wirklich so gut kennen, wie Sie glauben, sollten Sie das wissen. Er hat nie etwas getan. Ich habe ihn erst dazu ermutigt, aufeinander zuzugehen. Sagen Sie das Dumbledore, wenn Sie mit ihm reden, denn er hat sich geweigert, auf unsere Bedenken zu hören."

"Ihre Bedenken?"

"Ja. Dachten Sie etwa, uns war nicht bewusst, wie absurd es war, dass er uns zusammen auf diese Reisen schickte?"

"Nein, Miss Granger", sagte McGonagall von einem tiefen Seufzer begleitet. "Bis heute bin ich mir nicht darüber klar geworden, was er überhaupt damit bezweckt. Doch wenn ich Sie mir so ansehe, werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie mir etwas verschweigen. Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie den genauen Grund für seine Heimlichtuerei kennen?"

"Dazu kann ich Ihnen nichts sagen, Professor", entgegnete Hermine entschieden. "Ich bin nicht befugt, darüber zu sprechen, tut mir leid."

Das Gesicht der älteren Hexe wirkte empört über diese Äußerung und Hermine machte sich auf heftige Gegenwehr gefasst. Sie wusste, wie viel von ihrem Stillschweigen darüber abhing. Jeder weitere Mitwissende stellte ein Risiko dar, das sie nicht eingehen wollte. Nur die geringste undichte Stelle könnte fatale Folgen für die gesamte Zaubererschaft zur Folge haben.

"Wollen Sie damit sagen, Sie weigern sich, mir entgegenzukommen, obwohl ich mich bemüht habe, den Schaden, den Sie angerichtet haben, einzugrenzen?"

"Keineswegs. Ich weiß, was ich getan habe. Eine Lüge jedoch würde alles nur noch schlimmer machen. Es wäre ein Fehler, den ich mir nie verzeihen könnte."

"Versuchen Sie nicht, die Angelegenheit zu beschönigen oder ihn in Schutz zu nehmen", fuhr McGonagall aufgebracht dazwischen. "Ihr beider Verhalten war verantwortungslos und könnte schwerwiegende Konsequenzen für Ihre sowie Severus' Zukunft und das Wohl der ganzen Schule haben."

In Hermine regte sich der Protest und so nahm sie die Arme hoch und verschränkte sie vor der Brust.

"Ich habe befürchtet, dass Sie das zur Sprache bringen würden. Ob Sie es glauben oder nicht, Professor, ich bin es leid, wie ein Kind behandelt zu werden. Ich will nicht weiter darüber reden. Das habe ich zur Genüge hinter mir." McGonagall runzelte skeptisch die Stirn und Hermine verdrehte die Augen. "Wofür halten Sie ihn? Dachten Sie, er hätte mich zu irgendwas gezwungen oder überredet, was ich nicht selbst wollte?"

"Das sagen Sie jetzt. Wenn es erst an die Öffentlichkeit gelangt, werden Sie sich wünschen, mit Nachsicht behandelt zu werden."

Und wieder fühlte Hermine sich wie in einer ihrer Erinnerungen gefangen. Severus hatte ganz ähnliche Bedenken zum Ausdruck gebracht.

"Ich war mir voll und ganz darüber bewusst, was ich tat", wand sie offen heraus ein. "Seien Sie unbesorgt, nicht Sie müssen damit leben, sondern ich."

"Das ist alles? Wollen Sie denn gar nichts dazu beitragen, um die Sache zu bereinigen?"

"Es gibt nichts zu bereinigen. Ich werde mich nicht von Ihnen dazu überreden lassen, einen Deal mit Ihnen auszuarbeiten. Meine persönlichen Gefühle sind eine Sache, der Auftrag eine andere. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, müssen Sie Dumbledore danach fragen. Er zählt auf mich. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, ich könnte keine größere Enttäuschung für Professor Snape darstellen, als einen Verrat an unserer Mission zu begehen."

Hermines Entschlossenheit schien nun auch nicht mehr vor McGonagalls Enthusiasmus, sie irgendwie vom Gegenteil überzeugen zu können, haltzumachen. Die Professorin schürzte noch einmal säuerlich die Lippen und deutete mit flach ausgebreiteter Hand zur Tür.

"Gut. Sie können gehen, Miss Granger."