Kapitel 28
Bei Hermines nächsten Besuch in Spinners End war Adrian Bergstrom schon anwesend gewesen und die Tatsache, dass er aus mitgebrachten Tüten unzählige Tränke und Salben entnommen hatte, hatte sie kurz glauben lassen, die beiden Zauberer hätten ohne sie die Arbeit fortgeführt.
Sie war enttäuscht gewesen. Völlig irrational, denn sie konnte ihre Hilfe nur an zwei Tagen in der Woche anbieten und wenn sie darüber hinaus weiter arbeiten wollten, war ihnen das nicht zu verdenken.
In diese Gedanken hinein hatte Heiler Bergstrom zu Snape gesagt
"Ein Hoch auf deine knappen Briefe. Willst du hier eine Apotheke betreiben?"
Hermine hatte einmal tief durchgeatmet und dann geholfen, alles in den Keller zu bringen.
Und als habe er ihre Gedanken verfolgen können, hatte Snape geradezu amüsiert zu ihr gesagt
"Sie haben nichts verpasst, Miss Granger."
An diesem Abend hatten sie dann ihre Interpretation der Farben verglichen. Sie waren alle zu dem gleichen Ergebnis gekommen.
Die Farbspuren auf der atomaren Struktur konnten nur für die Magie stehen.
In den Komponenten ohne Potential für Tränke war demnach keine Magie zu finden. Bergstrom hatte dies gleich als Beweis für das Widerlegen der gängigen Theorie über Magie werten wollen, was Snape aber vehement verneinte.
Nur weil sie in der einen Probe keine Einfärbung gesehen hatten, bedeutete das nicht, dass sie nicht vielleicht doch vorhanden war, wohlmöglich nur, wie propagiert, in einem sehr viel geringerem Maß, so dass es in der Vergrößerung schlicht nicht sichtbar war.
Die potentiell magischen Zutaten schienen selbst über keinerlei magische Energie zu verfügen, was sie mit frischen, unbearbeiteten Proben bestätigt sahen. Die atomare Struktur war natürlich eine gänzlich andere als die, des mit Auszügen versetzen Wassers, aber es war eindeutig keine abweichende Farbe zu erkennen. Demnach schien tatsächlich beim Brauen Magie des Zubereitenden auf bestimmte Zutaten übergehen zu können, aber nicht auf alle.
Wenn das tatsächlich so war, dann stand die Farbe Weiß für die Magie Hermines, Blau für Bergstroms, die Pastelltöne für die Magie der Komponenten mit eigener magischer Energie, vermischt mit der von Hermine. Entsprechende Blau- und Violettverfärbungen für den gleichen Prozess ausgeführt von Bergstrom. Sie hatten auch das wieder mit Proben von unbearbeiteten Zutaten überprüft. Auch hier hatten sich auf den Atomen Farbtupfer gefunden.
Bei Eisenhut und Florfliegen in einem dunklen orange, die Alraunenblätter mit strahlendem rot und die Schlafbohne in einem leuchtenden Türkis.
Als sie dann die Proben der Tränke untersucht hatten, war es Snape gewesen, der ein System erkannt hatte.
Er war kommentarlos in sein Wohnzimmer gegangen und einige Minuten später mit einer detaillierten Farbtabelle zurückgekehrt. Damit hatten er aufgezeigt, dass bei jedem verfügbaren Trank ein Rotton sichtbar war.
Ein rotbraun, ein dunkles orange, ein rosa oder violett, in jedem Fall aber ein Farbgemisch dessen Hauptfarbe rot war.
Es sah fast so aus, dass ein Trank nur dann stabil war, wenn man auf atomarer Ebene eben einen Rotton fand.
Am folgenden gemeinsamen Abend, wieder einem Samstag, hatten sie weitere Zutaten untersucht und dabei festgestellt, dass vor allem bei den Zutaten, die als kritisch oder gar gefährlich galten, eben kein Rotton unter dem Mikroskop zu erkennen war.
Der Nieswurz erschien in einem tiefen blau, Drachenblut und Aschwinderin-Ei in Grüntönen, das Gift des Lobalugs in violett.
Snape glaubte damit eine Erklärung für die Instabilität von diesen Zutaten gefunden zu haben. Verschoben sie vielleicht die magische Einfärbung so weit, dass der Trank eben nicht mehr in einem Rotton erschien und deshalb Kessel schmolzen oder es zu Explosionen kam?
Allerdings hatte dieser Abend ohne Adrian Bergstrom stattgefunden, der Nachtdienst im St. Mungos gehabt hatte.
So sehr Hermine den Heiler und seine humorvolle Art zu diesem Zeitpunkt schon zu schätzen gewusst hatte, war ihr seine Abwesenheit an diesem Abend dennoch sehr gelegen gekommen.
Sie war am folgenden Donnerstag ins Ministerium vorgeladen gewesen und seit sie die Einladung erhalten hatte, hatte sie sich vor Prozedur der angekündigten Vorbereitung ihrer Aussage gefürchtet. Sie hatte gewusst, dass es darum ging, auf die Fragen der Anklage und wohl viel wichtiger auf die der Verteidigung vorbereitet zu sein.
Aber was würde geschehen?
Sie hatte Berichte über die ersten Todesserprozesse gelesen und dort mehrfach die Beschreibung von der Sicherung von Erinnerungen zur Unterstützung der Aussage gefunden. Sie hatte Snape an diesem Abend darauf angesprochen.
Was wenn jemand in ihren Geist eindringen würde? Was, wenn sie als Beweis gegen die Widerwertigkeit der Todesser die Behandlung von Cecilia aufzeigen wollten? Wenn jemand auf diesem Weg die Wahrheit über Eric Lancaster erfahren würde?
"Aber Miss Granger. Zum einen wird man die Finger von solchen Erinnerungen lassen, allein schon zum Schutz von Miss Lancaster.
Außerdem ist sie nicht verwertbar, weil Sie nur eine Quelle zweiter Hand wären, wer weiß schon, was ihr Geist, wenn auch unbeabsichtigt, verändert hat?
Aber all das spielt von vornherein keine Rolle, weil man eine solche Sicherung nur vornimmt, um eine Aussage von fragwürdigen Zeugen zu überprüfen oder zu stützen. Dabei ist die Beweiskraft gering, denn ein guter Oklumentiker kann sehr wohl beeinflussen, was er preisgibt.
Aber kein Mensch wird in Ihren Geist eindringen, Sie sind doch über jeden Zweifel erhaben.
Und sollte das tatsächlich jemand vorschlagen, haben Sie jedes Recht, das abzulehnen."
Sie hatte sich erleichtert bedankt, war dabei aber ins Stocken geraten.
Sein Blick hatte sich deutlich verändert. An allen Abenden war er ihr gegenüber höflich und distanziert gewesen. Doch in diesem Moment war es ihr erschienen, als habe etwas genau diese Distanz einfach weggewischt.
Sein Blick war warm und voller Anteilnahme gewesen und dann hatte er gefragt
"Haben Sie Angst, Miss Granger?"
Ja, sie hatte schreckliche Angst gehabt und das auch offen zugegeben.
Gerade in diesen Tagen war sie tatsächlich herrlich abgelenkt gewesen. Sich nun bewusst wieder den Erinnerungen zu überlassen, hatte sie verängstigt.
Auf dieses Eingeständnis hin hatte Snape gesagt, dass er sie verstehe. Dass es am folgenden Mittwoch kein Treffen in seinem Haus geben würde, weil er da seinen Termin im Ministerium haben würde. Und zwischen den Zeilen hatte Hermine seine eigenen Ängste deutlich gehört.
Unmittelbar nach diesen Worten war er zur Tagesordnung zurückgekehrt und auch am folgenden Samstag griffen sie die vergangenen Geschehnisse im Ministerium nicht auf.
Doch Hermine kannte Severus Snape inzwischen gut genug, um zu erkennen, dass sein ganzes Verhalten, seine Stimme, seine Wortwahl und seine Mimik sehr kontrolliert erschienen.
Er versuchte augenscheinlich zu verbergen, dass es in ihm rumorte.
Wohl so, wie in ihr selbst.
Der oberste Ankläger, ein kühler Magier namens Elias Plummer, hatte im Ministerium Hermines Aussage mit ihr durchgespielt und so unfassbar wie es ihr erschien, die Konfrontation mit dem Erlebten war nicht das schlimmste gewesen.
Plummer hatte sie auf das vorbereitet, was die Verteidigung wohl an ihr anwenden würde.
Er hatte ihr erklärt, dass eine der wenigen Möglichkeiten die Todesser zu entlasten, die war, die Zeugen zu schwächen.
Die Verteidigung würde Hermines Aussagen anzweifeln, als übertrieben darstellen, gerade bei ihr wohlmöglich einen Rachfeldzug unterstellen, den sie führen wollte, als Ausgleich für vorangegangene Schmähungen wegen ihrer Herkunft.
Plummer hatte geschickte Fragen gestellt und Hermine völlig aus der Fassung gebracht.
Als sie mit Wut auf seine Unterstellungen reagiert hatte, hatte er ihr unter die Nase gerieben, dass sie sich sehr leicht genau in die Rolle treiben ließ, die die Verteidigung sich nur wünschen konnte. Der Ankläger tat nur seine Arbeit, er hatte nur eine Rolle gespielt, die aber mit solcher Überzeugungskraft, dass Hermine sich fragte, was nun wohl seine tatsächliche Meinung von ihr war.
Adrian Bergstrom war an diesem Abend wieder dabei.
Anders als an jedem anderen Treffen, das Hermine in diesem Haus erlebt hatte, spielte keine Musik, den ganzen Abend nicht. Es war bis dahin immer so gewesen, dass Snape sie zu einem Stück befragt hatte und Hermine hatte nie wirklich falsch gelegen.
Sie liebte klassische Musik. Es gab kaum etwas, was ihr nicht gefiel. Mit reiner oder sehr vordergründiger Klaviermusik hatte sie manchmal Probleme, je nach Stimmung ging sie ihr schnell auf die Nerven. Und Blechbläser im Überfluss mochte sie auch nicht. Aber sonst gab es keine Einschränkungen.
Doch an diesem Abend blieb die Musik aus – sie konnte noch nicht wissen, dass dies auch an den folgenden Abenden so sein würde - und die Fragen und kurzen Wortwechsel zwischen ihr und Snape zur Zeit und Entstehung eben dieser damit auch.
Snape trat im Keller an sie heran und gab ihr genau die Aufgabe, um die es anfangs gegangen war.
Sie sollte Brauen.
Alles, was Bergstrom an magischen Tränken, Tinkturen und Salben mitgebracht hatte, sollte sie kopieren. Er wollte sehen, wie sehr die Proben allein durch die Tatsache, dass sie von verschiedenen Magiern stammten, in der Farbgebung voneinander abweichen.
Sie tat ihre Arbeit gewissenhaft.
Von der Forschung bekam sie bei den nächsten Treffen aber dadurch nicht viel mit. Am Rande hörte sie, dass Bergstrom an einem Zauber arbeitete, um die farbigen Spuren, die nur auf den kleinsten Teilchen erkennbar waren, in irgendeiner Form bei Zutaten oder Gegenständen sichtbar zu machen. Aber Details gingen an ihr vorbei, denn sie versuchte an jedem Abend so viele Tränke wie möglich herzustellen.
Während die beiden Männer Hand in Hand arbeiteten, tat es Hermine eher für sich allein.
Das befriedigte sie nicht annähernd so sehr, wie das anfängliche Teilhaben an der Forschung, das Denken und Diskutieren.
In Hogwarts versuchte sie sich an eigenen Gedanken für einen Zauber, aber während Bergstrom in seinem Leben tatsächlich schon drei Heilsprüche entwickelt hatte und sie über Snape wusste, dass er schon als Kind Flüche kreiert hatte, war es für sie völliges Neuland und ohne Anleitung fühlte sie sich überfordert.
So blieb ihr in der Schule wieder viel Zeit zum Grübeln.
Der Prozessbeginn rückte immer näher und Kingsley hielt alle Mitglieder des Ordens und damit natürlich auch alle, die in der finalen Schlacht eine entscheidende Rolle gespielt hatten, bei regelmäßigen Treffern auf dem Laufenden.
Und es waren wirklich alle, selbst die Zentauren, ja sogar Charlie Weasley, der ein jedes Mal extra aus Rumänien anreiste. Diese Treffen fanden ebenfalls zwei Mal in der Woche statt und manchmal fragte sich Hermine doch, warum sie überhaupt noch zur Schule ging, wenn sie dafür nahezu gar nichts mehr tat.
Aber in diesem ersten Jahr nach dem Krieg war auch in Hogwarts so viel anders, dass dieser Abschlussjahrgang in den Prüfungen wohl gnädiger beurteilt werden würde. Selbst Professor Binns schien Verständnis dafür zu haben, dass es in diesen Tagen wichtigeres gab, als die Kenntnis über den taggenauen Beginn des 23. Koboldaufstandes.
Durch die Treffen mit Kingsley sah sie sich auf einmal auch wieder regelmäßig Ron gegenüber. Die anfängliche Furcht über dieses Kreuzen der Wege legte sich, als sie merkte, dass auch er wirklich einen unkomplizierten Umgang wünschte.
Knapp sieben Wochen nach ihrer Trennung berichtete Harry, dass Ron sich mit einer jungen Frau aus dem Ministerium zu einem Essen verabredet hatte. Hermine war darüber erleichtert.
Somit kam der Tag, an dem sie sich ihrem früheren Freund gegenüber wieder unbefangen genug fühlte, um ihn fragen zu können, wie es ihm ging.
Und er reagierte sehr dankbar. Sie konnten wieder normal miteinander sprechen.
So sehr sie die Prozesse auch einschüchterten, sie fühlte sich zumindest ihren Freunden wieder näher, waren sie doch auf einmal wieder alle von ähnlichen Gedanken beherrscht.
Der Ablauf des Verfahrens wurde immer klarer.
Kingsley hatte sich nach reiflicher Überlegung dafür entschieden, die Rechtsprechung in magischen Welt in Großbritannien zu reformieren. Er stellte klar, dass die Vergangenheit deutlich bewiesen hatte, dass sie bisher manipulierbar gewesen war. Er hatte sich mit Ministern aus anderen Ländern besprochen, in denen seit Jahren bereits ein an die Mugglewelt angelehntes Gerichtssystem bestand.
Kingsley wollte einen fairen, aber aussagekräftigen Prozess.
Plummer würde für jeden der 21 überlebenden und inhaftierten Todesser ein Verteidiger gegenüberstehen, den sich die Angeklagten selbst wählen konnten. Sollten die fünf Flüchtigen zu Prozessbeginn noch immer nicht in Gewahrsam sein, wovon inzwischen wohl realistischer Weise auszugehen war, würde über sie in Abwesenheit verhandelt werden. Es würde einen Richter geben und es war schwer gewesen, einen Magier mit der nötigen Erfahrung zu finden, der nicht unmittelbar von der Gewalt der Todesser betroffen gewesen, selbst aber über jeden Verdacht der Mittäterschaft erhaben war. Eigentlich unmöglich.
Schließlich hatte sich Kingsley für einen früheren Auroren entschieden, sein Ausbilder, wie er sagte, Ignacio Prewell.
Er entstammte aus einer alten, reinblütigen Familie, war über mehrere Ecken sowohl mit den Notts und Carrows verwandt, hatte selbst aber öffentlich jeden Rassismus abgelehnt und war wegen seiner Ehe sogar aus dem Stammbaum seiner Familie gestrichen worden. Seine Frau war die Tochter einer mugglegeborenen Hexe.
Über Schuld oder Unschuld sollten 13 Geschworene urteilen, wobei eine Mehrheit von 9 Stimmen für einen Schuldspruch reichen sollte.
Das Strafmaß würde zu einem späteren Zeitpunkt festgelegt werden.
Beim nächsten Treffen gab Kingsley dann bekannt, dass nicht alle Zeugen an jedem Prozesstag anwesend sein durften. Dies galt dann, wenn Aussagen durch ähnliches Erleben nicht beeinflusst werden durften.
Hermine würde also bevor sie selbst ausgesagt hatte, nicht als Zuschauer Ron und Harry, oder auch Luna und Dean im Zeugenstand erleben.
Zudem würden Erinnerungen als Beweismittel nur zugelassen werden, wenn sie freiwillig, aber in einer unbemerkten Situation gesichert worden waren.
Eine Beschreibung, die bei allen Anwesende rastlose Mienen produzierte.
Kingsley erklärte dazu nur, dass ein fähiger Magier in der Lage war, eine manipulierte Erinnerung abzugeben. Dies ließ sich mit einem neuen Verfahren verhindern, was er selbst in den vergangenen drei Jahren mit einigen anderen Kollegen entwickelt hatte und was schon sehr erfolgreich getestet worden war. Überhaupt war es gelungen, die Legilimens deutlich zu perfektionieren.
Gefühle konnten deutlicher als früher nachspürbar gemacht werden.
Bei den Worten, dass ein wirkliches Nachfühlen bisher nur möglich gewesen war, wenn die Erinnerungen von einem Menschen mit extrem tiefen Gefühlen und Gefühlsausbrüchen stammten, musste Hermine schlucken, waren ihr doch die Schilderungen Harrys bezüglich seiner Wahrnehmung von Snapes Erinnerungen noch sehr gegenwärtig.
Gefühlsausbrüche.
Ja, diese Beschreibung traf es sehr gut.
Sie sah einen Mann vor sich, der in Wut seinen Zauberstab in die Dunkelheit warf, oder einen Glasträger in seiner Hand zerbrach.
Sie sah einen entschlossenen Mann, der sich nicht um seine körperliche Schwäche scherte und dadurch eine Stärke ausstrahlen konnte, die in der Realität definitiv nicht vorhanden war. Er hatte bis zum Zusammenbruch stark gewirkt.
Sie sah Snape, der schluchzend vor dem Zelt kniete.
Doch schon bald wurde sie von weiteren Erklärungen des Ministers in die Gegenwart zurückgeholt.
Hermines Denken wurde in den folgenden Tagen immer mehr von dem Prozess beherrscht und so trauerte sie der anfänglichen intensiven Beteiligung an der Forschung nach und hoffte, sie würde in ähnlichem Umfang wieder möglich sein, wenn sie erst ihre Aufgabe beendet hatte.
Doch genau dieses Beenden sollte sie noch einmal gänzlich aufwühlen.
Sämtliche Proben waren genau vier Wochen nach dem Forschungsbeginn fertiggestellt.
Adrian Bergstrom war an diesem Abend wieder einmal nicht dabei. Snape war mit jedem der vergangenen Abende stiller geworden.
Nicht unhöflich oder biestig wie früher, einfach sehr in sich gekehrt.
Hermine war ohnehin etwas außen vor, aber sie hatte mitbekommen, dass auch die Gespräche zwischen Snape und dem Heiler immer einsilbiger geworden waren. Die Entwicklung des Zaubers schritt nicht voran und Hermine war sich sicher, dass auch Snape immer zunehmender vom Prozessbeginn belastet wurde.
In etwas mehr als zwei Wochen sollte die Anklageschrift verlesen werden, am Montag nach Neujahr. Das würden mit Sicherheit nicht die entspanntesten Feiertage seines Lebens werden. Ihre allerdings auch nicht.
Sie hatte sich zunächst die Frage nach Bergstrom gespart, als sie bemerkt hatte, dass er nicht kommen würde. Aber als nun alle Kessel gereinigt waren und es ohnehin für sie an der Zeit war, zu ihren Eltern zu apperieren, überwog ihre Neugier doch.
Schließlich hatte Bergstrom selbst am Mittwoch gesagt, er wollte noch mit Hermine sprechen, wenn sie wie geplant ihre Tränke fertiggestellt hätte. Sie hatte so sehr gehofft, dass der Heiler sie in ihrem Wissen auf den aktuellen Stand bringen würde.
Snape war gerade am Mikroskop beschäftigt und reagierte mit einiger Verzögerung, als Hermine ihn ansprach.
"Warum ist Heiler Bergstrom heute nicht gekommen?"
Er schien sich nur widerwillig von dem zu lösen, was er gerade sah.
"Er kommt morgen."
Hermine dachte kurz, was das doch für eine fabelhafte und aussagekräftige Antwort war.
Es war ein Spiel, was sie schon von Snape kannte, sehr gut sogar. Er wich ihr aus.
Vielleicht lag es daran, dass sie wieder schlechter schlief und alle zusätzlichen Aufgaben und Treffen im Moment einfach zu viel für sie waren, oder es war die Sorge um ihn, die sein wieder sehr in sich gekehrtes Verhalten in ihr auslöste. Es könnte auch an der fürchterlichen Stille liegen, die den gesamten Abend geherrscht hatte.
In jedem Fall reagierte sie weit weniger geduldig, als es sonst der Fall war.
"Herr Gott, sind wir jetzt wieder mal an dem Punkt, an dem ich um jeden Fetzen Information betteln muss?"
Stieß sie gepresst aus.
Und Snape tat etwas sehr denkwürdiges.
In seinem Gesicht flackerte kurz ein Lächeln auf. Es war kein glückliches und der Moment war sehr schnell wieder vorbei.
Aber es brachte sie für einen Augenblick völlig aus der Fassung.
Snape schien dies nicht zu bemerken, weder seine eigene Mimik, noch ihre Reaktion darauf, denn er sprach plötzlich gefühlt mehr zusammenhängende Worte zu ihr, als insgesamt in den letzten zwei Wochen.
Sein Ton erinnerte sie dabei ein wenig an den Professor von früher, leicht herablassend wie er war.
"Heiler Bergstrom kommt morgen vorbei, weil wir etwas zu besprechen haben, was nicht direkt mit der Forschung hier zu tun hat und ich nicht von ihm verlangen kann, seine gesamte Freizeit für mich zu opfern."
Hermine nickte lahm und konnte nicht verhindern, dass sie sagte
"Etwas, was Sie nicht besprechen können, wenn ich mich im gleichen Haus aufhalte.
Befürchten Sie, Sie könnten mich hier unten nicht unbeaufsichtigt allein lassen? Ich bin jetzt volljährig und auf das Klauen von Zutaten nicht mehr angewiesen, das kann ich Ihnen versichern."
Sie stellte entsetzt fest, dass sein Sarkasmus eine ansteckende Wirkung auf sie haben musste. Am schlimmsten war dabei, dass sie selbst fast über ihre Wortwahl und den Tonfall lachen musste und es nur verhindern konnte, indem sie die Lippen aufeinander presste. Hermine hoffte, dass er es als Geste der Verlegenheit deuten würde.
Wieder überraschte er sie, in dem er gar nicht auf ihre Worte einging.
"Morgen läuft die zweite Frist ab, die Adrian mir gesetzt hat. Ich werde morgen versuchen zu zaubern."
Snape sagte das so ruhig, dass sie sich einen Moment fragte, warum er nicht zumindest mit etwas Euphorie auf diese Aussicht reagierte.
Sie war in jedem Fall euphorisch.
"Das ist doch wunderbar. Vielleicht können Sie morgen schon wieder zaubern."
Er nickte und wiederholte, wieder gänzlich ruhig
"Ja, vielleicht kann ich morgen wieder zaubern."
Und sein Blick schweifte dabei kurz durch sein Labor.
Es kam für Hermine einen Wink mit dem Zaunpfahl gleich.
Sie hatte die von ihm gewünschten Tränke punktgenau fertiggestellt. Morgen würde er ihre Hilfe vielleicht schon nicht mehr brauchen.
Hatte Bergstrom vielleicht gar nicht mehr mit ihr reden brauchen? Wozu sollte sie über etwas in Kenntnis gesetzt werden, was sie gar nichts anging? Snape hatte diesen Termin genau vor Augen gehabt.
War es am Ende nur die Euphorie der ersten Erkenntnisse gewesen, die dazu geführt hatte, dass sie mehr hatte teilhaben dürfen, als nur mit diesem stupiden Brauen? Ein Fehler, den er schnell und bewusst korrigiert hatte, indem er ihr ein so umfangreiches Arbeitspensum gegeben hatte, dass er und Bergstrom wohl in so manchem Moment dem Fußboden einen Guhl hätten entwachsen lassen können, ohne dass Hermine in all ihrer Konzentration etwas davon mitbekommen hätte?
Die Jahre der Erfahrung mit dem berechnenden Snape ließen sie sagen statt fragen
"Dann brauchen Sie meine Hilfe wahrscheinlich nicht mehr."
Er drehte sich vollends zu ihr um und sagte
"Nein, Ihre Hilfe beim Brauen werde ich ab morgen hoffentlich nicht mehr benötigen."
Das saß. Mit einer solchen Kaltschnäuzigkeit hatte sie doch nicht gerechnet.
Hermines Augenbrauen schossen in die Höhe und sie schüttelte über seine Worte den Kopf.
Er schien einen Moment von ihrer Reaktion irritiert und sagte dann in sehr eindringlichem Tonfall
"Miss Granger, mit hoffentlich meine ich natürlich, dass ich hoffe, wieder selbst Brauen zu können."
Seine Korrektur besänftigte ihre angespannten Nerven etwas. Er sprach weiter.
"Ich weiß nicht aus welchen Motiven Sie hier sind, ob es eher an Ihrer Art liegt, jedem helfen zu wollen, der Ihrer Meinung nach Hilfe braucht, oder ob es ihrem Wissensdurst zu verdanken ist. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beidem, oder etwas gänzlich anderes.
Ich habe ernsthaft überlegt, mir Ihre weitere Unterstützung zu erschleichen, indem ich Sie darüber im Unklaren lasse, was morgen hoffentlich geschehen wird. Wüssten Sie nicht, dass ich möglicherweise wieder zaubern kann, würden Sie einfach weiter hier her kommen. Ich halte Sie für höflich genug, dass Sie nicht kehrt machen, wenn Sie einmal hier sind und dann überrascht werden.
Ich werde Ihre Hilfe nicht mehr in dem Umfang brauchen, wie bisher. Und ich bin mir sicher, Sie wissen alles, was Sie wissen müssen, um selbst forschen zu können."
Hermine brauchte einen Moment, um seine Worte zu verstehen. Oder besser, bis sie glaubte zu wissen, was er meinte.
Sie fragte mit einem leicht spöttischen Ton
"Sie denken also, ich komme hier eigentlich nur widerwillig her? Ich opfere wortwörtlich meine Zeit, entweder für meinen übergroßen Helferkomplex, oder für die zugegeben sehr interessanten Denkanstöße?"
Snapes Miene verhärtete sich und Hermine war sich sicher, dass er glaubte, zu viel von sich preisgegeben zu haben, in dem er ihr mit vielen Worten schlicht gesagt hatte, dass er wollte, dass sie weiterhin kam.
Und diese Reaktion von ihm ärgerte sie.
"Es kann ganz schön anstrengend sein, sich mit Ihnen zu unterhalten, ehrlich.
Soll ich darauf einsteigen?
Ich weiß nicht, aus welchen Motiven heraus Sie es scheinbar begrüßen würden, wenn ich Sie und Heiler Bergstrom weiterhin unterstützen sollte.
Vielleicht ist es die Tatsache, dass ich nun ohnehin Bescheid weiß und drei Leute einfach mehr tun und sehen können als zwei...?
Das ist nervend.
Sie wollen wissen, warum ich Ihnen angeboten habe, hier her zu kommen? Ja, ich wollte helfen, aber nicht irgendwem, sondern Ihnen.
Und nun halte ich es wie Sie, ich beende hier diesen Satz und Sie müssen entscheiden, ob Sie wissen wollen warum ich Ihnen helfen möchte.
Und wenn Sie es wissen wollen, müssen Sie noch abwägen, ob ihr Interesse so groß ist, dass Sie danach fragen und sich gegebenenfalls eine spöttische Abfuhr einhandeln."
Während Hermine gesprochen hatte, war sie lauter geworden, etwas wovor er sie gewarnt hatte.
War ihre Lautstärke schon als Schreien zu bezeichnen? So oder so rechnete sie mit einem Wutanfall.
Er blieb aus. Stattdessen fragte er
"Warum? Warum wollen Sie mir helfen?"
Er fragte es so dringlich, als habe ihn diese Frage schon sehr lange beschäftigt.
Sie überlegte kurz ob sie weit ausholen, ihm erklären sollte, dass er doch auch allen geholfen hatte, dass er wohl sein ganzes Leben für andere geopfert hatte und sie jetzt mit ihren vergleichbar kleinen Problemen zu ihm kommen konnte.
Aber wenn er sie etwas gelehrt hatte, dann das sie nicht plappern sollte.
Die Wahrheit konnte sie ihm nicht sagen. Zumindest nicht die ganze.
So entschied sie sich für ein kleines Stück davon.
"Weil Sie diese Hilfe verdienen."
Und sie sah, dass diese wenigen Worte ihr Ziel weit sicherer trafen, als eine ganze Ansprache es getan hätte.
Seine Miene würde weich und als könne er es nicht ertragen, dass sie genau das sah, drehte er sich von ihr weg.
Hermine war aber noch nicht fertig.
"Ehe Sie sich das jetzt wohlmöglich damit erklären, dass ich noch immer meine Schuld begleichen und mein schlechtes Gewissen wegen der heulenden Hütte beruhigen möchte: Ich komme gerne hier her.
Die letzten Wochen haben mir sehr viel gegeben, vor allem wenn ich die Möglichkeit hatte, mit Ihnen zu sprechen."
Hermine musterte ihn und erkannte, dass er ihr keine Reaktion mehr zeigen würde.
Vielleicht wusste er noch nicht einmal, wie diese aussehen sollte. Er hielt Abstand, sein Körper war leicht nach vorn gebeugt, als würde er auf den Träger schauen, an dem er herumfingerte.
Seine Haare fielen ihm in sein Gesicht und verdeckten so jegliches Mienenspiel.
Er hatte die Flucht ergriffen und Hermine würde einen Teufel tun, in irgendeiner Art weiter auf ihn einzuwirken. Ein in die enge getriebener Snape war ihrer Erfahrung nach gefährlich. Bissig und bösartig.
Sie nahm ihren Zauberstab und ihr Tränkebuch und verstaute beides in ihrer Tasche. Dann sagte sie deutlich
"Bis Mittwoch."
Sie schaute nicht noch einmal zurück, doch als sie die Treppe hinauf ging, sagte sie zu ihm
"Die Musik fehlt mir. Wie wäre es mal mit Beethoven?"
Erst bei ihren Eltern realisierte Hermine, wie sehr das Gespräch sie angestrengt hatte.
Sie war voller Adrenalin.
Es war schon eine merkwürdige Situation.
Er, der immer so sicher wirkte, schien genau das nicht zu sein.
Er hatte deutlich gezeigt, dass er ihre Motive hinterfragt hatte. Warum hatte er nicht einfach sie gefragt?
Doch es war wohl leicht nun von oben herab zu denken, doch ganz ehrlich zu sich selbst gestand Hermine sich ein, dass auch sie nicht eben locker im Umgang mit ihm war. Wobei sie jeden Grund dazu hatte, sämtliche Worte abzuwägen, schließlich hatte sie oft genug eine deutliche Ablehnung erfahren.
Er nicht. Zumindest nicht von ihr.
Wie sehr beneidete sie Adrian Bergstrom um seinen Umgang mit Snape.
Er kannte ihn noch nicht einmal ein halbes Jahr und die beiden Männer verband dennoch eindeutig eine Freundschaft. Nach allem, was Hermine in den letzten Wochen so an Gesprächsfetzen aufgefangen hatte, warf Snape seine Spitzen dem Heiler gegenüber weit vorsichtiger und dieser reagierte meist angemessen mit ähnlichem Biss. In der Art wie sie sich begrüßten und verabschiedeten, wie sie diskutierten, lag eine tiefe Vertrautheit.
Und Hermine kannte Snape nun seit sieben Jahren und hatte vor allem gelernt, sich vor seinem Zorn in Acht zu nehmen.
Es war ungerecht.
Sie wollte ihn doch auch kennen, er wollte es nicht.
Aber er wollte, dass sie weiter zu ihm kam. Er hatte ihr schon vor Wochen zu verstehen gegeben, dass sie ihn nicht nervte, aber das war nun noch einmal eine andere Hausnummer.
Und erst seine Reaktion auf Ihre Worte. Es hatte ihm eindeutig etwas bedeutet.
Interessant wäre es nun zu wissen, warum.
Aber selbst wenn sie den Mut aufbringen würde, ihn das zu fragen, war sie sich sicher, dass er nicht darauf eingehen würde. Sie war sich sicher, dass er bereute, so offensichtlich überfordert reagiert zu haben. Überfordert davon, dass sie es nicht hasste, sein Haus zu betreten.
Wie würde er wohl reagieren, sollte er erfahren, dass sie inzwischen immer wieder davon träumte, ihn zu berühren oder zu küssen.
Oder davon, dass sie inzwischen weit davon entfernt war, schockiert über solche Träume zu sein, ganz im Gegenteil sogar in Tagträumen versank und durch das ständige Denken an ihn wohl die Bilder im Schlaf regelrecht provozierte.
Tatsächlich merkte Hermine sogar, dass dieser Abend ihren Blick auf ihn wohl noch einmal verändert hatte.
Zum ersten Mal gab sie sich nicht nur ohne schlechtes Gewissen ihren Gedanken und Phantasien hin. Sie wollte es tatsächlich.
In den letzten Wochen hatte sie manchmal das Gefühl gehabt, einen dritten Snape kennengelernt zu haben, den höflich distanzierten. Auch der war ihr nicht unsympathisch. Und doch hatte sein Verhalten die Erinnerungen an ihre gemeinsame Suche und damit auch ihre Träume immer unwirklicher wirken lassen, denn er gab nur wenig von sich Preis.
Es waren die Momente, in denen sie sah, dass er fühlte, die ihr versicherten, dass der Ursprung all ihrer Gedanken um ihn ein realer war.
Er hatte sie tatsächlich getröstet und sich trösten lassen. Sie hatte tatsächlich schon seine Hände auf sich gefühlt. Sie wollte es wieder. Mit einem Mal noch viel mehr.
Gleichzeitig bezweifelte sie, dass er auch nur im Entferntesten erfreut über solche Gedanken wäre, über ihre Verliebtheit.
Der Mensch ist ein soziales Wesen und sie war einer seiner sehr wenigen Kontakte zur Außenwelt.
Mehr mit Sicherheit nicht.
Sie war seine ehemalige Schülerin, für ihn wohl immer noch mehr Kind als Frau, ein Eindruck, der von ihrem eher immer zarteren werdenden Körper sicher noch unterstützt wurde. Wie charmant war doch die immer eindringlicher werdende Mahnung ihres Vaters, sie sei bald nur noch Haut und Knochen.
Zumindest ihr Gesicht war hübsch. Ein hübsches Schulmädchengesicht, umrahmt von einem wilden Haarbusch, der sich nur mit Mühe bändigen ließ.
In ihrem Inneren konnte sie noch immer seine verzweifelte Stimme hören, mit der er nach Harrys Mutter gerufen hatte.
Lily.
