III.3 Dunkles Wasser
Tief... tief... Er fiel. Ließ seine Waffen los. Drehte er sich in der Luft so gut er konnte. Mit den Armen voran, den Körper gestreckt, tauchte er ein in den schmutzig braunen Fluss. Tief... tief... Das kalte Wasser ließ sein Herz stocken. Auftauchen, ich muss auftauchen! Er drehte sich im Wasser. Suchte das Licht, schwamm in seine Richtung. Keine... Luft... aushalten... Die Oberfläche!
Er atmete tief in seine hungrigen Lungen, hustete und spuckte Wasser. Kämpfte, bis er besser Luft bekam. Schaute sich um. Über ihm erstreckte sich steil das Felsufer. Nicht weit stromabwärts waren gefährliche Strudel - bedrohlicher als sonst, da das Wasser so hoch stand. Er musste zum anderen Ufer schwimmen. Das waren etwa dreihundert Meter mit der Flut. Vielleicht etwas mehr. Nicht viel für einen gesunden jungen Mann. Eine Ewigkeit für jemanden, der schwer verletzt war. Nicht weit von sich hörte Zevran den Leibwächter um Hilfe schreien.
Schwimmen - Zug um Zug. Sein Arm schmerzte, sein Bein... der Schnitt an seiner Wade brannte wie Feuer. Das Blut pochte hinter seinen Schläfen. Kalt... das Wasser ist so kalt... Ihm fielen die Augen zu. Nicht einschlafen, Zevran, du musst weiter! Zug um Zug. Nein, du drehst dich! Der verletzte Arm ist zu schwach. Gegensteuern. Dort musst du lang. Achte auf die Strömung. Pass auf!
Rinna... Er hörte ihre Stimme. Rinna, die junge Elfin. Temperamentvoll, stark, lebendig. Ginera nannte sie Mannsweib. Taliesen hasste sie. Rinna war anders. Verrückt, dickköpfig, unnahbar. Er hatte sie auf jede denkbare Art umworben - mit Geschenken, Humor, Anzüglichkeiten, Charme. Sie blieb kalt, blieb auf Distanz. Faszinierende Rinna mit ihrem eisig glühenden Augen...
Nicht träumen, nicht einschlafen! Wie kann das Ufer immer noch so weit entfernt sein? Weiter schwimmen. Zug um Zug...
Auf dem Weg hinaus stießen sie kaum auf Widerstand. Die meisten Wachen im Palast unterstützten die Aktion, auch wenn sie sich nicht daran beteiligten. Auf dem Vorplatz trafen sie unverhofft auf Javiero und seine Gruppe. Taliesen ging direkt auf den Capo zu:
"Was machst du hier? Warum warst du nicht bei Ferenna?"
Javiero schaute verblüfft, duckte sich vor dem wütenden Mann. "Befehl von Empio. Wir sollten hier Wache halten."
"Hier draußen? Gegen wen denn?"
Der Capo zuckte die Schultern.
"Da waren zwölf Wachen im Vorraum, zwölf. Wir waren nur zu sechst. Der Plan war, dass ihr mit dabei seid."
"Nun, der Plan wurde halt geändert. Was kann ich dafür."
Taliesen war fassungslos. Hier stand der andere Capo mit seiner vollständigen Gruppe - acht Mann - und bewachten einen leeren Platz.
Rinna griff ein: "Lass ihn. Wir dürfen keine Zeit verlieren."
Taliesen hätte diesen Feigling am liebsten mit seinem Schwert bekannt gemacht. Sie hatten Kemen verloren. Und Zev... er wollte nicht daran denken. Aber Rinna hatte Recht - sie mussten weiter, wenn sie Zevran helfen wollten.
Es wurde Abend und es würde eine kalte, dunkle Nacht sein. Dick und schwer hingen die Regenwolken über der Stadt. Nebel stand über dem Fluss, erschwerte zusätzlich die Sicht. Sie mussten stromabwärts suchen. Taliesen nahm an, Zevran würde auf die andere Flussseite schwimmen. Sofern er das konnte... Also überquerten sie die prunkvolle Palastbrücke zum nördlichen Ufer. Die königlichen Wachen ließen die passieren.
Taliesen hustete in immer kürzeren Abständen. Sein Atem rasselte.
"Du solltest wirklich zu Jove gehen damit," meinte Rinna mit einem Seitenblick.
"Lass es. Erwähne es nicht einmal. Du warst diejenige, die uns das eingebrockt hat."
Rinna schaute überrascht: "Du gibst mir die Schuld?"
"Wem sonst, du warst die erste, die krank war. Statt dich in irgendeinem Loch zu verkriechen, hast du es zu uns gebracht."
Rinna zog die Augenbrauen zusammen. "Fein, gib mir die Schuld, wenn dich das glücklich macht."
"Halt lieber die Augen offen. Habt ihr schon was gesehen, Genaldo, Valentin?"
Der Halbelf zuckte die Schultern. Er zitterte im kalten Regen und musste niesen. Genaldo schüttelte den Kopf.
Er hatte keine Ahnung, wie lange er geschwommen war oder wie er es überhaupt geschafft hatte. Irgendwann griff seine Hand in matschige Erde und Gras. Mit letzter Kraft zog er sich an Land. Er roch den modrigen Boden, drückte sein Gesicht in das Gras und atmete schwer. Dann endlich, gab er der Müdigkeit nach.
Sie waren seit Stunden unterwegs - suchten den Fluss mit den Augen ab, untersuchten jeden Strauch und jeden Baum am Ufer. Rinna rief immer wieder seinen Namen in die Dunkelheit. Taliesen war wütend. Sie sollte still sein - nicht auffallen, keine Aufmerksamkeit. "Wir sind Krähen, keine Fischweiber!" Rinna verstummte.
"Es hat so keinen Zweck", wandte Genaldo ein. "Man kann die Hand kaum vor Augen sehen. wir sollten irgendwo übernachten und morgen weiter suchen." Valentin stimmte sofort zu. Taliesen zögerte und Rinna wollte protestieren. Aber als sie sich noch einmal umschaute, war ihr klar, dass er Recht hatte: Sie würden ihn in dieser Nacht nicht finden. Bei Tageslicht hatten sie bessere Chancen.
Taliesen führte die Gruppe zu einem Fischerdorf in der Nähe. Sie drangen in das beste Haus ein und zwangen die Bewohner, ihnen Unterkunft zu gewähren. Der Fischer - überglücklich, dass sie ihn und seine Familie nicht töteten, nahm Frau und Kinder und lief zu seinen Nachbarn. Die vier Krähen hatten das Haus für sich. Sie schürten das Feuer, plünderten die Speisekammer. Sie legten die nassen Sachen ab und suchten sich trockene Tücher. Schließlich legten sie sich schlafen. Taliesen überließen sie das einzige Bett. Die anderen übernachteten auf Stroh und Decken am Boden.
Ruhig war die Nacht nicht, da Taliesen ständig hustete, Valentin schniefte und nieste. Aber es war trocken in der Hütte. Trocken und warm.
Rinna schaute zur niedrigen, weiß geputzten Decke. Ihre Gedanken waren bei Zevran. So sinnlos es erschien, sie wäre am liebsten da draußen geblieben, ihn weiter zu suchen. Sie konnte nicht aufhören, an ihn zu denken. Seit nunmehr drei Jahren warb der junge Elf um sie. Unablässig. Aber was bedeutete das schon? Er flirtete mit allem und jedem. Sie war hartnäckig geblieben - die ganze Zeit.
Als sie krank war, wollte er, dass sie im Bett blieb. Er brachte ihr Tee und Suppe. Natürlich konnte sie nicht im Bett bleiben. Selbst wenn sie keine Aufträge übernahm, hatte sie ihre Pflichten als Ausbilderin junger Krähen. Und natürlich war das wieder nur eine weitere Verführungstaktik von ihm. Trotzdem - wenn er abends neben ihrem Bett saß und sie fragte, ob es ihr schon besser ging - das war schön. Sie hatte ihn gern in ihrer Nähe.
War es langsam Zeit, sich das zu gestehen? Wenigstens vor sich selbst? Dass sie ihn mochte - sein Gesicht, seinen Körper, seine Stimme, seine Bewegungen. Seinen Geruch... Dass sie davon träumte, von ihm berührt zu werden, umarmt, geküsst. Sie schloss die Augen und schluckte, als sie spürte, wie ihre Brüste sich bei dem Gedanken spannten, wie es zwischen ihren Beinen kribbelte. Sie presste ihre Scham zusammen und zog ihre Knie hoch zum Bauch. Ja, sie mochte ihn. Sie hatte Angst um ihn und hoffte so sehr, ihn lebend zu finden. Aber nachgeben würde sie ihm nicht. Sie würde nicht zu einer seiner Trophäen werden. Niemals.
Als er zu sich kam, dämmerte der Morgen. Er hörte Kinderlachen und spürte, sie jemand an seinen Füßen zog. Ein kalter Schmerz zuckte durch sein verletztes Bein. Er riss die Augen auf und sah nichts als tanzende Punkte. Sein Magen drehte sich. Er wollte sich bewegen, etwas sagen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht. Schwach, Schmerzen, Kälte... Kalte Füße... Stiefel! Seine Stiefel! Wieder wurde ihm schwarz vor den Augen. Wieder schwand sein Bewusstsein.
Mit dem ersten schwachen Licht am Horizont stand Rinna auf und weckte die anderen. Eilig zogen sie sich an und verließen das Haus. Es regnete nicht mehr, aber kalter weißer Nebel stand über Wasser und Land. Sie liefen in Richtung Flussufer, teilten sich auf. Valentin und Genaldo liefen zurück flussaufwärts. Vielleicht waren sie gestern zu früh dort oder hatten in der Dunkelheit etwas übersehen. Rinna und Taliesen liefen weiter den Fluss hinab.
Taliesen hustete fast ununterbrochen. Einmal lief er ein Stück von ihr weg zwischen ein paar Sträucher und sie hörte, dass er sich übergeben musste. Aber sie wusste nun, dass es besser war, so zu tun, als würde sie nichts bemerken.
Nach nur einer weiteren Stunde Suche fanden sie Zevran - am Ufer liegend im Gras zwischen zwei Bäumen. Das Herz sank Rinna in den Magen vor Angst, als sie ihn dort so regungslos liegen sah. Zitternd näherte sie sich, hockte sich zu ihm, berührte ihn. Was für eine Freude, seinen Atem zu spüren! "Er lebt", rief nun auch Taliesen, ebenso erleichtert wie erschöpft.
Rinna lief zum Fluss und mit den Händen zu einem Trichter über ihrem Mund geformt ahmte die den Ruf einer Krähe nach. Dreimal schickte sie den Ruf über den Fluss. Das verabredete Signal für Genaldo und Valentin. Dann hockte sie sich wieder zu Zevran. Sie untersuchte ihn und fand den garstigen Schnitt an seiner Wade. Er blutete nicht mehr, aber es war klar, dass er viel Blut verloren haben musste. Das Gewebe um die Wunde herum war rot und dick angeschwollen. Rinna biss sich auf die Unterlippe - das sah gar nicht gut aus. Sie suchte in ihrer Gürteltasche und fand getrocknete Elfenwurzel. Sie nutzte Stoffstreifen, um die Wunde zu verbinden. 'Auch die Verletzungen an Arm und Oberschenkel versorgte sie.
Taliesen bemühte sich in derselben Zeit immer weiter darum, Zevran zu wecken. Gemeinsam drehten sie ihn vorsichtig auf den Rücken, sprachen ihn an, drückten seine Hände. Endlich flatterten seine Lider, seine Augen öffneten sich einen Spalt und seine Lippen bewegten sich. "Zevran?" fragte Rinna und ihr Herz sprang vor Hoffnung. Sie näherte sich mit ihrem Ohr seinen Lippen, um verstehen zu können, was er sagte. "Meine Stiefel... diese... Bastarde... haben... meine... Stiefel... geklaut!"
Rinna lachte und weinte und sie schüttelte den Kopf. Nur Zevran konnte in einer solchen Situation zuerst an seine Stiefel denken.
