Viel mehr als unsere Fähigkeiten, sind es unsere Entscheidungen, die zeigen, wer wir wirklich sind.

- Albus Dumbledore


- Kapitel achtundzwanzig -

Denken ist das Selbstgespräch der Seele

Bulma lag mit dem Gesicht nach unten, als sie ihre Augen aufschlug und nichts weiter als Leere vorfand. Ein hauchdünner Schleier schien sich über die Hornhaut ihrer Augen gelegt zu haben, denn ihr Blick war unscharf, wodurch es ihr nahezu unmöglich war, genauere Umrisse zu stilisieren. Die dazugehörige Stille führte dazu, dass sie ihre blauen Augen umso schneller an die Umgebung anpassen wollte, doch sie musste diese Unschärfe ihrer Augen erst wegblinzeln. Im Anschluss folgte ein verdutzter, wenn auch irritierter Blick, nachdem ihre Sicht klarer wurde. Bulma wusste nicht recht, wo vorne und hinten war. Überall strahlte ihr dieselbe helle Lichtquelle entgegen, woraufhin sie verunsichert ihren Arm hob, um die Helligkeit etwas einzudämmen, was nicht wirklich von Erfolg gekrönt war, denn selbst der Boden strahlte ihr entgegen.

Wo war sie? Was war überhaupt geschehen? Das Letzte, an das sie sich erinnern konnte, war, wie sie wieder einmal mit Vegeta diskutierte – viel eher, sie seinen Spaß missverstand und sich beleidigt wegdrehte, obwohl sie wusste, dass das von seiner Seite Spaß gewesen war. Ja, sie ärgerte sich sogar über ihre Sensibilität, da sie gerne mit Vegeta zusammen gelacht hätte.

Träge drehte Bulma ihren Körper, um auf ihrem Rücken zu landen, doch noch immer sah alles gleich aus. Gut, ihre Augen hatten Bulma nicht getäuscht. Sie war in einem Raum, den sie nicht kannte. Nirgends konnte sie einen Punkt erspähen, der ihr einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort hätte geben können. Alles wirkte so surreal, sodass Bulma sich unwillkürlich fragte, ob sie träumte, da sie nicht eine einzige Andeutung, im Bezug auf die Realität, hier vorfand. Vielleicht sollte sie sich kneifen? Nur zur Sicherheit, aber auch um ihre Nervosität zu senken. Doch das war nicht mehr nötig, weil eine bisher nicht vernehmbare Kälte ihren Körper wie ein Kleidungsstück umhüllte, weshalb sie schwankend auf die Beine kam und sich abermals umsah, ohne eine feste Materie zu erkennen.

Sie konnte sich einfach nicht erklären, was passiert war, aber hier stehen zu bleiben und Wurzeln zu schlagen, würde im Endeffekt ebenfalls zu nichts führen, weshalb sie vorsichtig einen Schritt nach vorne trat.

Super. Nicht nur ihre Arme gehorchten ihr, auch ihre Beine entschieden, sich Bulmas Motorik zu beugen.

„Wo bin ich bloß?", hauchte sie, wonach das gasförmige Wasser in ihrem Atem kondensierte und die Luft für einen kurzen Moment sichtbar wurde. Während sie verwirrt durch das Nichts irrte, dachte sie darüber nach, wieso man diesen Atem sehen konnte. Schlussendlich lag es wohl an der Temperatur, daran gab es nichts zu rütteln. Bulma wusste, dass kalte Luft wesentlich weniger gasförmiges Wasser aufnehmen konnte als warme Luft, weswegen der Atem kondensierte. Dasselbe galt auch für die Wolkenbildung, die sich, wenn das aufsteigende Wasser in die Atmosphäre drang und ab einer bestimmten Höhe flüssig wurde, durch den sichtbaren Wasserstoff bildeten.

Nachdenklich, ohne ihr weiteres Umfeld bewusst wahrzunehmen, steuerte sie weiter nach vorne - oder ging sie zurück? - wo sie nach weiteren Schritten ein kleines Gebäude in der Ferne erkennen konnte, ebenso kleine Punkte, die wie sie ein ähnliches Aussehen hatten.

Oh nein. Ein schreckliches Gefühl durchfuhr ihren Körper, als die Realität Einzug verlangte.

War sie... war sie etwa tot? Das grelle Licht, das sie traf, nachdem sie Vegeta den Rücken kehrte, musste ein Angriff auf sie gewesen sein. Erschrocken war Bulma stehen geblieben, ihre Hände fuhren ruckartig über ihren Bauch, aber sie konnte nicht feststellen, ob das Kind noch in ihrem Bauch war.

„Du bist auf dem richtigen Weg, Bulma."

Das anfängliche Zittern in ihren Beinen erklomm in Windeseile ihren Körper, was es ihr erschwerte, sich flink zu der Stimme umzudrehen. Wenn sie allerdings mit sich selbst ehrlich war, und Bulma wollte ehrlich sein, wusste sie, dass sie sich gar nicht so schnell hätte umdrehen wollen – aus Angst vor der Wahrheit, die oftmals so unerbittlich schmerzlich war, so abgrundtief hart auf einen niederprasselte und man das Gefühl der Ohnmacht spüren konnte, um der Wahrheit zu entfliehen.

Aber wollte sie der Wahrheit entkommen? Zumal sie schon an Bulmas Gedankentür klopfte und Einlass forderte? Nein, aber diese unsägliche Angst, die ihren Mut auffraß, war unermüdlich. Somit verharrte sie steif auf der Stelle, bis die Stimme wieder hinter ihr zu hören war – sie war männlich, dunkel, tief, rau und doch sanft, liebevoll, einfühlsam, so als... als hätte derjenige, dem die Stimme gehörte, Bulma sehnlichst erwartet.

„Du musst keine Angst haben."

„Wer bist du?", fragte die blauhaarige Saiyajin, ohne selbst die Initiative zu ergreifen oder auf eigene Faust herauszufinden, wer sich hinter ihr verbarg. Stattdessen kniff sie ihre Augen zusammen, in der Hoffnung, alles würde am Ende gut werden. „Bin ich... bin ich gestorben? Weißt du das?", zischte sie gepresst, sich sicher, die Antwort bereits zu kennen.

„Dreh dich um, Bulma. Du musst keine Angst haben, denn in dir ruht – wenn auch noch unentdeckt – der Mut deines Vaters, die Feinfühligkeit deiner Mutter, sowie die Tapferkeit deiner Brüder und Mut bedeutet nicht, dass man keine Angst hat. Es bedeutet, dass man es trotz der Angst tut."

„Bist du mutig?", wollte Bulma wissen. Interesse war weniger der Antrieb, ihre Frage zu stellen. Viel mehr wollte sie die Stimme hören, welche sie mit einem liebenswürdigen Wesen in Relation setzte.

„Ich denke schon", antwortete die Stimme, woraus man einen Schwung Erheiterung herauskristallisieren konnte.

„Und hast du dich einmal in einer Situation wiedergefunden, in der du Mut beweisen musstest, aber zugleich Angst verspürtest? Gab es... gab es eine solche Situation schon einmal?", fügte sie nachdrücklich hinzu.

„Ja, immer. Wenn ich Mut bewiesen hatte, saß mir die Angst, wie ein zusätzliches Gewicht, auf den Schultern."

Noch immer lagen ihre Hände auf Bulmas Bauch, doch eine Hand befreite sich, wanderte langsam nach oben zu ihrer linken Brust, wo normalerweise ihr Herz schlug, doch dieses Mal blieb das aufgeregte Pumpen aus.

Resignation folgte.

Sie wurde von diesem grellen Licht getötet, ging ihr schmerzlich auf. „Bevor ich mich umdrehe, möchte ich wissen, ob du mich in die Hölle oder in den Himmel bringst."

„Das entscheide ich nicht. Man gewährte mir diese einmalige Erscheinung, um dich zu Enma Daio zu führen, der darüber entscheidet, ob du ins Paradies oder in die Hölle kommst, aber auch, ob du deinen Körper behalten darfst oder auf deine Seele reduziert wirst. Allerdings habe ich eine ganz andere Vermutung, die ich jedoch noch nicht aussprechen möchte."

„Wieso möchtest du mir deine Vermutung nicht sagen?" Teilnahmslos sah sie über ihre Schulter, hinüber zu der Gestalt, die immer feinere Konturen annahm. Die Silhouette begann sich zu festigen, einen Körper zu bilden, während sie auf Bulma zukam. Doch statt sich zu entfernen, blieb Bulma wortlos stehen, sah dabei zu, wie sich eine Hand auf ihre Schulter platzierte und sanften Druck darauf ausübte. Ihre blauen Augen folgten jeder Bewegung, von der blassen Hand, hinüber zu dem Arm, hinauf zu dem Gesicht.

„Weil es mir nicht zusteht. Jetzt lass uns gehen", lächelte die Gestalt Bulma zu.

„Ist Mama auch dort, wo du bist? Seid ihr... seid ihr im Paradies? Werde ich mit euch zusammen sein?" Der Gedanke war hilfreich. Es half Bulma, die unendliche Trauer, die später sicherlich einkehren würde, zu verarbeiten.

„Das wird Enma Daio entscheiden. Ich selbst bekam nur die Erlaubnis, dich hier abholen zu können."

Das war nicht das, was Bulma hören wollte. War der Saiyajin, in seiner blau-grünen Panzerung, überhaupt ihr Vater Bardock oder war auch das nur ein Trugschluss? Konnte die Gestalt vor Bulma sich noch an sein Leben auf Vegeta-Sei erinnern? Auch schloss sie aus seinen Worten, dass er offenbar nicht im Paradies lebte. Demzufolge musste ihr Vater wohl in der Hölle gelandet sein, was ihr noch mehr Angst bereitete.

„Ja, ich bin in der Hölle, weil ich während der Überquerung des Schlangenpfads in die Hölle gefallen bin", griff Bardock Bulmas Gedanken auf, während er seine Tochter den weiteren Weg entlang führte.

„Du wärst also nicht in die Hölle gekommen?"

„Nein, aber deine Mutter wird sicher bei dir sein. Demzufolge musst du keine Angst haben, es sei denn... etwas unvorhergesehenes passiert", erklärte er zögerlich, geheimnisvoll, den Blick nach vorne gerichtet. Unterdessen dachte er darüber nach, wann Bulma wohl verschwinden würde und er alleine hier stand. Lange konnte es nicht dauern, wenn er sein Gefühl richtig einordnete. „Du bist so groß geworden", begann Bardock ein belangloseres Gespräch, denn er wusste nicht, wie er mit seiner herangewachsenen Tochter umzugehen hatte.

„Ich bin mittlerweile achtzehn", akzentuierte sie lächelnd, als sie ihren Vater, der noch immer wie in ihren Erinnerungen aussah, von oben bis unten musterte. „Kakarott ist zweiundzwanzig und Radditz -"

„- vierundzwanzig, ich weiß", grinste Bardock – ebenfalls so unverblümt wie Bulma – zurück. Sicher konnte er das nur sagen, weil Bulma bereits die vorherigen Zahlen nannte, denn hier im Jenseits war die Zeitzählung anders. Nur wollte er sich nicht die Blöße vor seiner Tochter geben. „Das Alter meiner Kinder kenne ich, auch wenn wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben. Nur ist der Zeitverlauf hier ein wenig anders. Nichts als die unendlichen Äonen haben wir vor uns – demnach entspricht ein Jahr hier, einen Tag auf Vegeta-Sei."

„Du lebst also schon 2555 Jahre hier?", überschlug Bulma knapp die Zahlen. „Das klingt so abstrus", quittierte sie kopfschüttelnd. Sie lief neben ihrem Vater und alles, worüber sie sich unterhielten, waren Zahlen? Aber, laut seiner Aussage, hätten sie ja die Ewigkeit vor sich, weswegen sie noch alle Zeit der Welt hätten, um sich zu unterhalten, fiel ihr bitter ein - vorausgesetzt, sie würde auch in der Hölle landen. Ihr Blick war ehrfürchtig auf ihren Vater gerichtet, der groß und stolz neben ihr ging, seine Hand – mit bestimmtem Druck – stets auf ihrer Schulter und Bulma weiter führte. Es war, als stünde Kakarott neben ihr. Einzig das rote Stirnband, das ihr Vater trug, sowie die Panzerung die seinen Körper verhüllte, unterschieden ihn von Kakarott.

„Ähm", stutzte Bardock, der verwundert seine freie Hand nach oben hob, um an seinen Fingern zu zählen. „Äh, jedenfalls so etwas in der Größenordnung, ja. Wir haben schließlich die Unendlichkeit vor uns, nicht wahr?"

„Ja", replizierte Bulma eintönig und besah sich die Umgebung, die sich immer weiter in ihr Sichtfeld drängte. Weiter hinten konnte sie das einzige Haus erkennen, darüber ein Schild, auf dem Willkommen stand, woraufhin Bulma ihre Augenbrauen in die Höhe hob, verunsichert darüber, wie willkommen man sein konnte. „Wird man dort hinten unterteilt?", wollte sie argwöhnisch wissen, nicht fähig, den Kloß in ihrem Hals hinunterzuschlucken.

„Ja, aber bevor wir die Tür passieren, möchte ich wissen, wie es deinen Brüdern und dir ergangen ist?" Zielbewusst war er vor Bulma getreten, beide Hände auf ihren Schultern und sein Gesicht nahe vor ihrem. Irgendetwas war anders geworden, in dem Moment, als sie vor der Tür ankamen. Bulma, so konnte Bardock fühlen, gehörte nicht zu den Lebenden, aber auch nicht mehr zu den verstorbenen Seelen...

„Gut." Das Wort Papa kam ihr nicht über die Lippen, obwohl sie Bardock gerne so genannt hätte, aber nach all den Jahren, fiel es ihr ersichtlich schwer, diesen Kosenamen beizufügen. „Wir sind immer gut zurecht gekommen, aber wieso fragst du das?" Plötzlich konnte sie einen Stich in ihrer Brust vernehmen, wodurch Bulma leicht in die Knie gezwungen wurde. „Au... Aua! Was... was", keuchte sie, „passiert mit mir?"

Bardock ging mit Bulma zusammen in die Knie. „Ruhig, das ist völlig normal." In seinem blassen Gesicht, wo keine Narbe mehr zu erkennen war, zeichnete sich ein stolzes Lächeln ab, während er mit zwei Fingern über Bulmas Wange strich. „Dein... dein Herz beginnt zu schlagen."

Papa, was soll das?" Nun rollte der Name problemlos über ihre Lippen. „Bitte hilf mir!" Es tat schrecklich weh. Jede weitere Kontraktion ihres Herzen tat weh, ließ Bulma keuchen und stöhnen. Ihre Hände krallten sich an den Trägern der Panzerung ihres Vaters fest, der diesen Umstand kommentarlos akzeptierte. „Ich... Wie kann das sein?"

„Du wirst ins Leben zurückgeholt. Dein einst toter Körper muss sich erst wieder an die Funktionen gewöhnen, auch an deinen Herzschlag." Unsicher, aber voller Tatendrang, zog Bardock sein Kind zu sich heran, schlang seine breiten Arme um ihren jungen Körper und genoss die seltsame Nähe. Für einen kurzen Moment vergaß Bardock seinen Stolz, seine Härte, all das Brutale, das zu Lebzeiten in ihm wohnte und ging seiner Begierde, eines seiner Kinder endlich einmal in die Arme zu schließen, nach. Dieser Drang quälte ihn all die Jahrzehnte, die er bereits hier verbringen musste und nach so vielen Ewigkeiten, bekam Bardock die Chance, diesem Bedürfnis nachzugeben, aber auch die Chance, einem seiner Kinder für einen minimalen Moment nahe zu sein. Darüber hinaus war nicht nur sein Verlangen gestillt, sondern auch der Zeitpunkt gekommen, in dem er Bulmas Arme um seinen Körper spüren konnte, was Bardock zum Anlass nahm, seine Umarmung zu vertiefen. Und... es war, als könnte er den Duft seiner Tochter einatmen, weshalb er gierig versuchte, den Geruch einzufangen und in seinem Gedächtnis einzusperren, um sich immer wieder daran zurückzuerinnern.

„Papa, ich... ich..." Bulma wollte ihm sagen, dass sie schwanger war, doch soweit kam sie nicht.

„Pass auf deine Brüder auf", unterbrach der große Saiyajin die kleinere. „Und hab keine Angst", begann er zu flüstern, während er fast unberührt über ihre Wange strich, „denn Glück kann in den dunkelsten Zeiten gefunden werden. Solange sich jemand daran erinnert, ein Licht brennen zu lassen."

„Und auf Turles, richtig?"

„Auf Turles? Aber -" Verfixt, er hatte keine Zeit, um darauf einzugehen. „Ja. Ja, auch auf Turles!"

Erschrocken sprang Bulma zurück, als ihr die seltsamen Funken, die aus ihrem Körper schossen, bewusst wurden. Ihr Vater stand unbeeindruckt etwas abseits, winkte ihr zu und auch sein Körper schien sich in Luft aufzulösen. Dichter Rauch schmiegte sich um die Körper der beiden Anwesenden, der von ihren Füßen hinauf zu ihrem Kopf wanderte. „Nein! Nein, warte! Geh nicht weg!" Ihre Hand war bereits ausgestreckt, doch Laufen konnte sie schon nicht mehr, da eine seltsame Macht sie hinauf zog – wohin? Das wusste Bulma nicht, die sich vehement dagegen wehren wollte. „Bitte lass mich nicht alleine!", rief sie verzweifelt, doch die Antwort auf ihr Flehen gipfelte darin, dass Bulma ihr Bewusstsein verlor.

Bardock wurde zwar nicht ins Leben zurückgeholt, doch auch er bekam seine zweite Chance - statt wieder in der Hölle zu landen, stand er plötzlich vor den Himmelspforten, hinter denen er eine Gestalt erkennen konnte. Kaum merklich neigte er den Kopf zur Seite, nachdem das Wesen Bardock erreichte. Wohl wissend nahm sie seine Hand und ging mit ihm gemeinsam durch das Himmelstor, ehe Bardock - mit Gine an seiner Hand - im Nebel verschwand.

XxX

Vegeta stand wider Erwarten in einer seiner Hallen, die er schnell hinter sich brachte, um seinen Weg nach draußen fortzusetzen. Im Hof angekommen, fand er Bulma. Jedoch in einer anderen Position, als die erste Version, die er schon erlebte. Dieses Mal lag Bulma am Boden – orientierungs- und hilflos.

Tatsächlich wurde sein Wunsch erfüllt. Sie wurden allesamt wieder an den Ort gebracht, an dem alles passiert war und auch sein Palast war – so wie er sah – noch nicht angegriffen worden. Alles war so, wie es sein sollte.

„Onna", rief er beherrscht, aber streng, nachdem er sah, wie sich ihre Arme bewegten. Allerdings schloss Vegeta kurz seine Augen, ehe er sie wieder öffnete, um sich sicher zu sein, dass all das keine Einbildung war und Bulma lebte. Andernfalls wäre die einkehrende Euphorie in eine herbe Enttäuschung umgeschlagen und das wollte Vegeta unter keinen Umständen. „Steh auf!"

„Vegeta?" Ihre Hände fuhren zu ihrem Kopf, um das Brummen darin besänftigen zu können, doch es gab nicht nach. „Was... Wieso bin ich hier? Ich war doch eben noch -"

„Ist egal, bitte steh auf!" Vegeta wusste, er hatte nur diese eine Chance und er überlegte fieberhaft, worüber sie sich in ihrer ersten Version unterhalten hatten, um die Zeit, die ihnen noch blieb, besser abschätzen zu können. „Etwas schneller wäre wirklich fabelhaft, geradezu sensationell", fügte er nach ihren schwächlichen Versuchen hinzu, ehe er sich dazu herabließ, zu ihr ging und Bulma unter die Arme griff. Das Gefühl, ihren lebhaften Körper im Arm zu halten, war berauschend, aphrodisierend, ja, fast himmlisch. Das Gefühl war elektrisierend, auch, weil sie einfach wieder lebte und er eine zweite Chance bekam, ihr Leben zu schützen.

„Ich verstehe gar nichts mehr", stotterte sie vor sich hin, eine ihrer Hände noch immer am Kopf, den sie hin und her schwang. „Was ist passiert? Ich habe doch eben noch vor meinem Vater gestanden?", sprach sie unbekümmert, aber noch deutlich geschwächt, weiter.

Unterdessen suchte der König wie verrückt den Himmel ab, doch noch sah er keine Gestalt, die sich den Mauern näherte. Vegeta erkannte stattdessen etwas anderes. Er erblickte einen der Wachposten, der seelenruhig zu schlafen schien. Nun wusste Vegeta auch, weshalb Paragus unbehelligt angreifen konnte - Vegetas Posten schlief. Behutsam legte er Bulmas Arm über seine Schulter, während er knurrend zu dem schlafenden Saiyajin sah.

„Hey!", brüllte er erbost. „Aufwachen!" Doch der Posten reagierte nicht, was ihn noch wütender werden ließ. „Verdammt, der wacht nicht auf. Egal, wir müssen in den Palast. Kannst du gehen oder... oder soll ich dir helfen?" Ihr bewusst anbieten, sie zu tragen, wollte er nicht, da sich das aus seinem Mund sicherlich zweideutig anhören würde. So gut kannte sich Vegeta schließlich, um das abschätzen zu können.

„Ich bin nur etwas verwirrt, danke. Gehen funktioniert noch", scherzte sie, innerlich dankbar, diese Geste von Vegeta zu erhalten. Ihre Hand fuhr nach oben und kam erst auf seinem Unterarm zur Ruhe.

Plötzlich durchzuckten Vegetas Nervenbahnen seltsame Gefühle, weswegen er seine Schritte beschleunigte. Brachte sein Wunsch die Zeit durcheinander, obwohl er sich sicher war, noch zwei bis drei Minuten Zeit zu haben? Es war doch nicht zum Aushalten. Vegeta hätte platzen können, da ihm nur diese einmalige Chance blieb, woraufhin er Bulma, rabiater als beabsichtigt, in den langgezogenen Flur stieß.

„Du bleibst hier drin! Haben wir uns verstanden?" Sein Zeigefinger war auf sie gerichtet und hasserfüllt starrte er Bulma an, die nach und nach zu sich kam, um sofort wieder eingeschüchtert am Boden sitzen zu bleiben. Endlich. Endlich schien sein Blick aussagekräftig genug zu sein. „Ich will dein Wort, dass du mir einmal gehorchst und nichts anderes tust. Einfach nur dem nachkommst, was ich von dir verlange. Ist das angekommen, Onna?"

„Ja."

Ha, ja? Sie gab, ohne jeglichen Widerstand, nach? „Sicher? Ich wiederhole mich ungern. Hast du alles, was ich dir gesagt habe, verstanden?" Dieses Mal war er nicht abgelenkt, wodurch er die Annäherung deutlich spüren konnte. Mit dem Unterschied, Paragus gar nicht so weit kommen zu lassen, dass er überhaupt die Möglichkeit bekam, etwas gegen ihn auszurichten. Egal, wie hinterlistig sein nachfolgendes Handeln wäre, er tat es ihretwegen – für sie und das Kind. Ansonsten hätte er sich ja auch nur Bulmas Leben zurückwünschen können, womit er dem Paragus-Problem aus dem Weg hätte gehen können, aber nein. Wieso alles simplifizieren, wenn man es auch schwer haben könnte?

Oh, er hoffte bloß, dass Bulma diese Attitüde zu schätzen wusste. Zwar war er für solche Annäherungen und Gestiken blind, konnte sie nie wirklich zuordnen, doch er schöpfte Hoffnung, dass er – zumindest mit ihrer Hilfe – lernen konnte, damit umzugehen.

„Ich habe dich verstanden. Aber..." Nachdem sich Vegeta schnaubend umdrehte, stockte ihr kurz der Atem. „Aber erklär mir später, was passiert ist, ja?"

„Das kann dir Kakarott, der übrigens unhöflich ist, da er uns belauscht, erklären." Sein Kopf neigte sich leicht zur Seite, sodass er über seine Schulter zu den Ankömmlingen blicken konnte, den Blick leicht verzerrt, die Zähne fest zusammengepresst.

„Vegeta!"

Beide Saiyajins drehten sich synchron zu der Stimme, die abgekämpft und stöhnend durch ihren Gehörgang driftete. Weiter hinten entdeckten sie Kakarott, hinter ihm Radditz und Turles, die ebenso verwundert aussahen wie Bulma. Doch für Erklärungen hatten sie später noch genügend Zeit.

„Ja, das ist mein Name, Kakarott", entgegnete Vegeta enthusiastisch.

„Da seid ihr ja endlich. Ich habe in der Stadt bereits Alarm geschlagen und man bereitet sich vor. Sieh zu, dass du meine Schwester hier wegbringst, Vegeta." Kakarott war wild entschlossen, als er vor den König trat, seinen Blick kurz über Bulma gleiten ließ, um anschließend selbstbewusst in Vegetas Augen zu sehen.

Bitte? Er hörte wohl schlecht. „Befehle nehme ich von dir -"

„Du kannst später, wenn alles vorbei ist, eingeschnappt sein, Vegeta! Versprochen, großes Saiyajin-Ehrenwort. Aber diese Starrköpfigkeit ist, wie du und ich am besten wissen, gerade fehl am Platz."

Gerade wollte der König sich aufbauen, Kakarott wutentbrannt gegen die Brust tippen, doch schon wieder wurde er inmitten seiner unausgesprochenen Drohung unterbrochen.

„Hör nur dieses eine Mal auf Kakarott. Ich weiß zwar nicht, was passiert ist – erklären kann ich es mir erst recht nicht –, aber ich vertraute Kakarott blind", klinkte sich auch Bulma in die anbahnende Diskussion mit ein. Zaudernd legte sie ihre Hand auf Vegetas Oberarm. Das bekannte Kribbeln hinterließ eine Gänsehaut auf Bulmas Haut, ebenso massive Einwirkungen auf ihren Schweif, der zu zucken anfing.

„Schön, ich traue bestenfalls nur mir und das, Onna, ist schon sehr selten!" Ha, wenn sie wüsste, wie wenig er sich in ihrer Gegenwart vertraute, sobald es darum ging, sich von ihr fernzuhalten. Oh, sie würde ihn verteufeln, ihn angiften, bis er schlussendlich die Kontrolle verlor und sie überall anfassen musste, um seine Synapsen wenigstens etwas zu beruhigen. Und nein, sie wussten doch alle nicht, was er durchmachen musste. Keiner der Anwesenden konnte sich im Entferntesten vorstellen, was in Vegeta vorgegangen war, nachdem er Bulma am Boden liegen sah, sich sicher, sie für immer verloren zu haben, bis er die Unterhaltung zwischen Kakarott und Amaya – als würden sie Rezepte austauschen und Amaya ihm währenddessen eine bessere Kochmethode vorschlagen wollte – belauschen konnte.

„Los jetzt. Rein da", befahl Kakarott, der sein Gewicht gegen Vegeta stemmte und diesen somit in das Innere des Palastes trieb – gefolgt von Radditz und Turles, die allerdings Abstand hielten, die Gegend im Auge behielten und sich für ihr neues Leben und das vorherige Ableben revanchieren zu können.

„Kakarott!"

„Was denn?", erwiderte der Angesprochene, der das Talent besaß, sich so unschuldig zu verhalten, indem er ehrerbietig die Arme neben sein Gesicht hob.

„Ach, gar nichts!" Schnaufend drehte sich Vegeta weg von ihm, nachdem er seine Arme beleidigt überkreuzte, seine Mimik jedoch dezent weicher wurde, als er Bulmas erleichtertes Gesicht wahrnahm. Selbst seine verkrampften Arme wurden lockerer. Diese Saiyajin... Sie war sein Lebenselixier geworden. Ihre heitere, aufrichtige, selbstlose Art spiegelte sich vermutlich hervorragend in seinen düsteren, gemeinen, arroganten Charaktereigenschaften wider. Dennoch hatte er aufzupassen, dass solche kleinen Einblicke nicht öfters vorkamen. Auch durften sie sich nicht vergrößern, da er befürchtete, die Oberhand zu verlieren.

„Du hättest Vegeta sehen sollen. Als er... realisierte", begann Kakarott zu erzählen und warf einen kurzen Seitenblick auf Vegeta, „was passiert war. Er konnte sich nicht mehr halten. Noch nie habe ich seine Aura so stark gespürt." Indessen stieß er seinen Ellenbogen scherzhaft in Vegetas Seite, der alles nur mit zusammengezogenen Augenbrauen und einem Blick verfolgte, der – wenn er nur fähig dazu wäre – töten konnte.

„Ist das wahr?", wollte Bulma wissen, bevor sie zu Vegeta sah, der mit verschränkten Armen, einem angewinkeltem Bein und dem Rücken zur Wand, den Blick zur Seite richtete – sichtlich genervt von ihrer Frage, was wiederum ihre Mundwinkel anhob.

„Kakarott übertreibt. Ich musste schließlich meinen Planeten schützen. Nur deswegen bin ich explodiert."

„Ach ja?", bohrte Kakarott nach. Sein Grinsen, hätte er keine Ohren, würde einmal um seinen ganzen Kopf reichen, so breit war es. „Ich fand, du warst außer dir – und das rührte eher daher, dass man Bulma angegriffen hatte. Noch nie warst du so ungestüm", neckte er ihn weiter.

„Schnauze!", spie Vegeta, dessen Wangen sich leicht rötlich verfärbten. Dieses abartige Aas, das sich Kakarott nannte, brachte ihn hier – vor Bulma, aber auch vor Radditz und Turles – in Bedrängnis.

„Ist ja gut. Dann können wir jetzt zurück? Und du bleibst bei Bulma?"

„Ich muss schon sagen", begann Vegeta erbost, „ich bin fassungslos. Total fassungslos! Das ist die einzige Art zu beschreiben, wie... total fassungslos ich bin." Er wurde von seinem Kämpfer zum Aufpasser degradiert, was ihm eigentlich zugute kommen sollte, doch wollte er sich derweil keine Befehle geben lassen.

„Sehr gut. Wenigstens ein Gemütszustand, der – in Anbetracht der Situation – vollkommen in Ordnung ist." Krachend landete Kakarotts Hand auf Vegetas Rücken, bevor dieser sich mit Radditz und Turles entfernte. „Dann lasst uns diesem Eindringling mal ordentlich Feuer unterm Hintern machen, Jungs", motivierte er seine Begleiter, während seine Faust in seine offene Handinnenfläche schlug und sie gänzlich aus Vegetas, sowie Bulmas Sichtfeld verschwanden.

„Ich hoffe", richtete Vegeta das Wort danach an Bulma, „dass wir nicht wieder nach deiner kleinen Freundin suchen müssen, denn falls du das doch vorschlagen wolltest, kannst du dir das gleich aus dem Kopf schlagen. Das hier... Dass wir hier wieder stehen", implementierte er weiterhin hektisch, „verdanken wir einer einmaligen Chance, die ich durch deinen Starrsinn nicht gefährden will, nur weil es dir im Bauch kribbelt und du glaubst, Heroismus wird einem gedankt oder schützt einen vor dem Tod."

„Was musstet ihr, du und Kakarott, dafür tun? Für diese Chance?"

„Gar nichts natürlich", erwiderte Vegeta süffisant. „Ich bin der König der Saiyajins. Ich sagte dir bereits, dass ich das bekomme, was immer ich will."

„Aber wenn es doch nur eine einmalige Chance ist, dann kannst du diese Chance nicht noch einmal -"

„Bulma", schnaufte er, dieses Mal jedoch tatsächlich etwas wütender. „Du bist wirklich unschlagbar. Ich versuche dir gerade, wenn auch auf Umwegen, klarzumachen, dass du für mich nicht irgendeine dahergelaufene Saiyajin bist, ja? Zufälligerweise weiß ich, dass in deinem Kopf mehr als nur Luft – und die Fähigkeit zu nicken – vorhanden ist. Also bitte, stell dich nicht dümmer als du bist und mach es vor allem mir nicht schwerer, als es schon ist, denn diese Aussage ist für mich keine leichte Kost!"

„Kannst du mir trotzdem sagen, was passiert ist?" Wow... Vegetas Ansprache hatte Eindruck hinterlassen.

Innerlich verkrampfte sich Vegeta. Das wäre eine wunderbare Anekdote für Kakarott gewesen, aber der war ja nur anwesend, wenn man ihn nicht gebrauchen konnte. Abgesehen davon, beherrschte Kakarott – wenn er in unpassende Situationen stürmte – die Fähigkeit, nur unnötige Kommentare von sich zu geben. „Wir sind, dank eines Hinweises, nach Namek geflogen – Kakarott und ich. Dort gab man uns die namekianischen Dragonballs, die uns drei Wünsche erfüllten."

„Dragonballs?" Davon hörte Bulma zum ersten Mal, jedoch sprach sie nicht weiter. Stattdessen sah sie etwas verängstigt hinter ihm vorbei, durch die noch offen stehende Tür, doch auch dort konnte sie nichts erkennen, geschweige denn hören, was ihr Gefühl hätte verstärken können, sich inmitten eines Krieges zu befinden.

„Ja, mit dem ersten und zweiten Wunsch haben wir Radditz und Turles zum Leben -"

„Die beiden waren... auch -" Bulma ließ den Satz unbeendet. Wieso hatte sie die beiden nicht gesehen? Waren sie schon vor ihr gestorben und in Paradies und Hölle unterteilt worden?

„Ja. Mit dem dritten Wunsch wollte ich dich ins Leben holen, doch... Das hat nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe." Vegeta wusste nicht, ob der Kampf im vollem Gange war, denn er hörte nichts, was auch daran liegen konnte, dass Kakarott die Angreifer vom Palast weglockte. Bestenfalls müsste er mit Bulma von hier weg, weswegen er auch an ihr vorbeiging und einen anderen Weg einschlug.

„Warte! Das hast du getan?", rief Bulma erschrocken, bevor sie zu Vegeta aufschloss und gemeinsam mit ihm im Innern des Palastes verschwand. „Wieso hat es nicht funktioniert?"

„Das ist kompliziert." Als sie ein Fenster erreichten, blieben sie kurz stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen, der alles andere als gut war. Vegeta sah niemanden und er hoffte, dass Kakarott überlebte, damit er ihm gehörig ins Gesicht prügeln konnte, für seine lose Bemerkung, anlässlich seiner - um es gelinde zu sagen - Aufregung auf Namek. „Ich konnte den dritten Wunsch nicht realisieren, weil ich zwei Wünsche gebraucht hätte, um dich und das Kind ins Leben zu holen." Ihm gefiel es nicht, so spezifisch über dieses Thema zu sprechen. Es war so diametral, in Bezug auf seine sonstigen Gesprächsthemen.

„Du... Du hättest folglich auch nur mich – ohne das Kind – wiederbeleben können?"

„Ja", antwortete Vegeta genervt.

Leichte Panik stieg in Bulma auf. Was, wenn er diesen Wunsch äußerte? Sie wusste ja nicht, was passiert war. Hatte er vielleicht auch diesen Wunsch geäußert? Nein... hatte er nicht, aber Nachfragen täte nicht weh. „Und... und wie hast du dich entschieden?", seufzte sie schwermütig, den Blick nach unten gerichtet. Aufgeregt tippten ihre Zehen gegen den Stoff ihrer Schuhe, so nervös war Bulma.

„Ich habe mir gewünscht, an den Ort zurückzukehren, kurz bevor Paragus seine Attacke abfeuerte. Der Nachteil ist, dass Paragus demzufolge ebenfalls lebt, du dafür aber meinen Thronfolger nicht verloren hast."

„Hab ich nicht?"

„Hast du nicht!", betonte Vegeta.

„Vegeta, das... das ist -" Ihr fehlten schlichtweg die Worte. Sie konnte gar nicht ausdrücken, was sie in diesem Moment für Vegeta empfand. Übersät von Glücksgefühlen, handelte sie im Affekt, als sie zu ihm stürmte, ihre Hände um seinen Nacken schlang und sein Gesicht zu ihrem heranzog. Sie konnte nicht anders, doch für den Bruchteil einer Sekunde beobachtete sie, wie sie sich in Vegetas schwarzen Augen spiegeln konnte, ehe sie ihre Lippen mit seinen verband, ihren Körper nahe an seinen brachte und ein wohliger Schauer über ihren Rücken fuhr, nachdem sie Vegetas Hände, die zögerlich über ihren Rücken strichen, an ihrer Taille spüren konnte, bevor sich der Druck stärker ausbreitete und auch Vegeta Bulma zu sich heranzog.

So ungünstig der Moment auch war, Vegeta befand, dass das die schönste Art war, beide zu zwingen den Mund zu halten. Denn Worte konnten nicht im Ansatz das ausdrücken, was Vegeta für Bulma fühlte - aber er konnte ihr zeigen, wie viel ihm dieser Kuss bedeutete; sogar ohne Hintergedanken zu haben.