Kapitel 26

LEKTION 3

Die Wahrheit ein Lügner zu sein
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Längst war das Heulen zu schrillem Pfeifen geworden. Der Wind peitschte die Wellen auf, ließ den Regen wie unzählige spitze Nadeln auf Schiff und Besatzung eintrommeln. Die tobende See glich einem brodelnden Hexenkessel, und Jack kam es beinahe so vor, als könnte er den Sturmwind höhnisch lachen hören.

Erneut schwappte ein Brecher über die Reling und drohte ihn mitzureißen. Er fand gerade noch Halt an einem der Taue, mit denen die Beiboote gesichert waren. Mit einer Hand wischte er sich das triefend klebrige Haar aus den Augen und sah sich nach den anderen um.

Charly Winston, der erste Steuermann, war damit beschäftigt, die Sicherung der Masttakelage zu beaufsichtigen, während One-Eye-Joe mit ein paar anderen Männern die Kanonen kontrollierte.

Plötzlich spürte Jack einen Ruck, der ihn nun doch von den Füßen riß. Wieder hatte das Schiff sich aufgebäumt, und nun, da das Heck steil nach oben schoß, merkte er erst, welche Gefahr drohte.

Captain!" brüllte er in Richtung Steuerruder, wo Jared Gonzales nach wie vor stoisch seinen Posten einhielt. „Die Boote lösen sich!"

Im nächsten Moment war der Kapitän an seiner Seite und zog den Jungen am Arm hoch.

Donato! Hilf mir die Boote zu vertäuen! Und du, Jack, geh nach unten!"

Aber -"

Geh jetzt runter in die Kajüte! Der einzige, dem du bei diesem Sturm helfen kannst, ist Davy Jones!"

Schmollend verschwand Jack im Schiffsbauch. Hier unten war es dunkel und kühl, wenn auch nicht so kalt wie an Deck. Auch das Tosen des Sturms klang bedeutend leiser.

In der Kapitänskajüte entzündete Jack eine Laterne und ließ sich mürrisch am Schreibtisch nieder.

Davy Jones", knurrte er abfällig. Als ob er noch an solche Geistergeschichten glauben würde! Schließlich war er acht und kein kleines Kind mehr!

Nachdem er eine Zeit lang gelangweilt die flackernde Flamme in der Laterne angestarrt hatte, suchte er aus einer der Schubladen Pergament und eine Schreibfeder hervor. Obgleich es sehr schwierig war, die Worte bei dem ständigen auf und ab des Schiffs einigermaßen lesbar zu Papier zu bringen, hatte er wenig später die ersten paar Zeilen fertig. In schiefer, ausgesprochen krakeliger und fehlerhafter Schrift stand dort:

Hallo Mutter und Tori,

mir geht es gut. Hier auf der Aurelia bin ich endlich JEMAND.

Ich darf überall mithelfen. Auf die Takelage hoch darf ich auch schon.

Ich hab jetzt sogar einen Nachnamen. Eigentlich ein Spottname,

aber der ist nicht schlimm. Ich werd Sparrow genannt, weil ich der

Kleinste in der Crew bin.

Prüfend betrachtete Jack seinen Text. Er legte den Kopf schief, kratzte sich mit dem Federkiel nachdenklich am Kopf. Schließlich zuckte er seufzend mit den Schultern, tauchte die Schreibfeder erneut in die Tinte und setzte noch das Wörtchen 'fast' dicht über sein 'überall'. Er war so darin vertieft, seine Ergänzung leserlich zu gestalten, daß er die Anwesenheit des Kapitäns erst bemerkte, als dieser sich von hinten über seine Schulter beugte.

Das B ist spiegelverkehrt", bemerkte er trocken. „Du hast also doch gelogen."

Jack machte vor Schreck einen so heftigen Satz vom Stuhl runter, daß das Tintenglas auf dem Schreibtisch gefährlich ins Wanken geriet.

Captain! Ich … Ja … Nein… Jein", stotterte er herum, während er befangen zu dem strengen, fragenden Blick des Mannes aufsah.

Ich hör zu, red nur weiter. Für wen soll der Brief sein?"

Für … Meine Mutter. Und meine Schwester." Jack senkte zerknirscht den Kopf, sah jedoch sofort wieder hoch. „Aber die wußten, daß ich zum Meer wollte. Meine Schwester hat mir doch Euren Namen und den Eures Schiffs gesagt."

Moment mal, langsam." Der Captain hob Einhalt gebietend die Hände. „Darf ich das jetzt so verstehen, daß du quasi mit Erlaubnis deiner Familie ausgerissen bist?"

Naja … So ähnlich."

Gonzales seufzte. „Und wieso haben deine Eltern mich nicht eingeweiht?"

Jack zuckte mit den Schultern. Jared Gonzales runzelte die Stirn.

Na red schon, Junge. Ich beiß dir ja nicht den Kopf ab."

Weil wir keine richtige Familie sind", murmelte Jack. „Nicht SO richtig wie ANDERE es sich vorstellen." Von Seiten des Kapitäns kam verwundertes - oder nachdenkliches? - Schweigen, und er fügte hinzu: „Ich'abkeinvater."

Nervös hielt Jack seinen Blick auf den Schreibtisch gerichtet.

Geh ich recht in der Annahme, daß dein Vater deine Mutter geschwängert und dann sitzen gelassen hat?" hörte er Gonzales fragen.

Wortlos nickte er zur Antwort.

Du bist aber kein verkannter Lordssohn oder sowas?"

Seh ich etwa so aus?" Er schaute an sich herab.

Nun ja, du kannst immerhin lesen und schreiben." Der hünenhafte Mann warf abermals einen Blick auf das Pergament. „Wenn auch verbesserungswürdig. Und bitte sieh mich an, wenn ich mit dir rede, Sparrow!"

Verdutzt in dieser Situation seinen Spitznamen zu hören, blickte Jack dem Kapitän ins Gesicht. Jared Gonzales unterdrückte ein Schmunzeln, musterte den Knaben vor sich mit ernstem Gesichtsausdruck.

Du wolltest also zur See fahren, damit du 'jemand' bist?"

Naja …", der schwarzhaarige Junge druckste herum - suchte nach Worten. „Das Meer gehört keinem. Nur zu den Küsten. Vom Meer kann mich niemand wegjagen. Und außerdem … bin ich auf dem Meer geboren. In einem Sturm wie heute. Ich … hab schon immer dazugehört. Aber auf dem Land … fast nirgendwo."

Sein Blick schweifte wieder ab. Erneut war der Raum von Schweigen erfüllt. Das einzige, was Jack hören konnte, war sein eigenes, wie wild pochendes Herz.

Übrigens ist der Schreibtisch und alles, was sich auf und in ihm befindet, mein Privateigentum", ertönte nach einer Weile die Stimme des Captains. „Ich nehme an, du willst diesen Brief im nächsten Hafen abschicken? Wieder Festland unter den Füßen würde dir ganz gut tun."

Jack nickte abgehackt, die Augen starr auf den Boden gerichtet.

Du brauchst dringend seetaugliche Kleidung, Junge. Was meinst du?"

Sein Kopf schoß in die Höhe. Sprachlos schaute er Captain Gonzales an.

M- meint Ihr das ehrlich?!"

Der Mann lächelte, nun deutlich amüsiert. „Zweifelst du etwa an dem Urteil eines alten Seebären, Sparrow?" Er nickte auf die abgerissenen Klamotten, die er trug.

Aye … Ich meine, nein Sir." Ein scheues Grinsen malte sich auf Jacks Lippen. „Captain, Sir …"

Der Junge blinzelte gegen die Tränen an und lachte gleichzeitig, als seine Anspannung sich löste. Und auf einmal vergaß er jegliche Etikette. Überglücklich fiel er dem Kapitän der Aureliaum den Hals.