Trotz ihres Erfolges in der Blutkrustenhöhle war die Stimmung bedrückt, als sie sich auf den Heimweg machten, nachdem der Scheiterhaufen im Wald herabgebrannt war. Vicente dachte vermutlich über Luciens Worte nach, Lucien selbst hatte deswegen ein schlechtes Gewissen, und worüber Maglir so tief in Gedanken versunken war, war schwer zu erraten. Vielleicht dachte er ja an die Schwarze Hand und ihre Aufgabe, Greywyns Spur erneut aufzunehmen.

Auch Lucien machte sich so seine Gedanken dazu. Insgeheim wurmte es ihn, dass er der Vernunft nachgegeben hatte und zurückgeblieben war, um seine Wunden zu versorgen. Vielleicht hätte er doch mitgehen sollen … Doch was nicht war, das war nicht, und so sollte er sich wieder auf die alltäglichen Geschäfte der Zuflucht konzentrieren.

Maglir kehrte nach Festung Farragut zurück, während Lucien und Vicente in der Zuflucht blieben. Dann wurde es einige Zeit still. Freilich wurden sie von den anderen bedrängt, was denn vorgefallen sei und wie die ganze Sache ausgegangen war, doch sie hielten es für besser, die ganze Sache klein zu halten und nicht allzu viel zu verraten. Es war nicht gut, wenn zu viele von den internen Problemen der Bruderschaft wussten; selbst ihre Familie sollte besser nicht alles wissen, um nicht unnötig beunruhigt zu werden. Sie wussten ja selbst nicht genau, wie die ganze Sache nun ausgehen würde, jetzt, da Sprecherin Drewani selbst spurlos verschwunden war.

Für eine Weile herrschte völlige Ruhe um die Schwarze Hand und ihre Jagd nach den letzten Verrätern der Purpurnarben. Lucien war nervös, da er nicht wusste, wie die Lage aussah, also konzentrierte er sich auf seinen Alltag. Etwas anderes konnte er ohnehin nicht machen.

Es bereitete Lucien große Freude zu beobachten, wie sich seine Schutzbefohlenen entwickelten. Besonders Ocheeva und Mirabelle hatten sich in den letzten Jahren hervorgetan, Ocheeva durch beeindruckendes Talent, Mirabelle durch harte Arbeit. Die Argonierin ging gänzlich in ihrer Arbeit für die Zuflucht auf und war stets darum bemüht, zum Wohl der Zuflucht zu wirken. Lucien kam gern auf sie zurück, wenn es um etwas offiziellere Angelegenheiten der Zuflucht ging.

Mirabelle schmachtete ihm noch immer nach, schien sich mit der Einseitigkeit ihrer Gefühle jedoch abgefunden zu haben. Das hinderte sie jedoch nicht daran, ihn dennoch noch immer beeindrucken zu wollen und ihm nachzueifern. Stets riss sie sich um die schwersten und herausforderndsten Aufträge, und Lucien musste aufpassen, welche Aufträge er ihr wirklich gab, ohne sie gänzlich zu überfordern, ihr aber dennoch einen Anreiz bot, der groß genug war. Sie war kein perfekter Mörder und hatte auch nach all den Jahren noch immer ihre Schwächen und Probleme, doch ihre größte Stärke war ihre Verbissenheit, die eine Menge wettmachte.

Und dann war da noch Mathieu, die dritte große Hoffnung der Zuflucht – und allmählich auch ein Sorgenkind. Mathieu hatte sich von Anfang an als wenig sozial oder kontaktfreudig gezeigt. Seit jeher war er für sich geblieben, zeigte wenig Motivation aber großes Talent, das zu fördern sich als Herausforderung erwies. Lucien ging davon aus, dass der mittlerweile junge Mann es schon längst so weit hätte bringen können wie er selbst – und das in einer wesentlich kürzeren Zeit! –, wäre er nur motivierter.

Doch das war nicht Luciens Hauptsorge. Wäre Mathieu nicht erwachsen, Lucien wäre davon ausgegangen, dass er die üblichen Grillen der Jugend durchlebte. Dafür war Mathieu jedoch zu alt, und darum war seine allmählich aufblühende Aufmüpfigkeit bedenklich. Mathieu zeigte Anzeichen davon, die Autorität höhergestellter Mitglieder nicht mehr vollkommen ernst zu nehmen und ihr Wort nicht mehr gebührend zu achten.

Lucien hatte noch keine direkte Befehlsverweigerung beobachten können, doch die Entwicklung bereitete ihm Sorgen. Warum verhielt sich Mathieu so? Hatte er etwas aufgeschnappt, das er nicht hätte aufschnappen sollen? Und wenn ja, was hätte das sein können? Er beschloss, mit Vicente darüber zu reden.

»Das ist mir auch schon aufgefallen«, sagte der Vampir. »Aber ich glaube nicht, dass das nicht von ungefähr kommt. Du mochtest den Jungen ja von Anfang an, Lucien, weil er dir in gewisser Weise so ähnlich ist. Auf der anderen Seite ist er bedeutend unsozialer als der Rest von uns, ehrlich gesagt sogar mehr noch als jeder normale Mensch.«

»Deutest du damit an, dass ich ihn, hm, hätte sozialisieren sollen?«, fragte Lucien. Dieses Wort klang seltsam. Als hätte er ein Tier dressiert …

»Vielleicht«, sagte Vicente grübelnd. »Wir, die Dunkle Bruderschaft, sind schließlich nicht nur Ausbilder wie ein Schmied, der seinen Lehrling einarbeitet. Wir sind eine Familie, und eine Familie leistet mitunter auch Erziehungsarbeit. Insbesondere dann, wenn wir jüngere Mitglieder aufnehmen, ist das durchaus noch manchmal nötig. Wenn wir das bei Mathieu versäumt haben sollten, dann ist es aber nicht nur deine Schuld, Lucien. Eher wohl noch meine, denn die Neulinge stehen immerhin unter meiner Obhut, nicht deiner.

Aber das ist müßig, darüber nachzudenken. Schlussendlich weiß ich genauso wenig wie du, was ihn da geritten hat. Wir können das nur beobachten und versuchen, ihn wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Sollte er wirklich eines der Gebote übertreten, bekommt er seine Strafe.«

Lucien blieb skeptisch. »Ich weiß nicht«, meinte er. »Das klingt mir zu leicht vom Tisch gewischt. Irgendetwas sagt mir, dass da mehr dahinter steht. Vicente, Ihr habt mehr Einfühlungsvermögen als ich, vielleicht redet Ihr einmal mit ihm und findet heraus, ob ihm etwas auf dem Herzen liegt?«

»Das kann ich machen«, versprach dieser. »Aber ich weiß nicht, ob ich dafür weit genug in ihn eindringen kann. Er war schon immer sehr verschlossen.«

»Und auch das bereitet mir Sorgen …«

Der Gedanke an Mathieu verdrängte für eine kleine Weile die Sorgen um die Purpurnarben. Wie sich herausstellte, waren letztere jedoch unbedenklich. Zu Beginn des Monats Letzte Saat tauchte auf einmal wieder Sprecherin Drewani auf. Ganz unerwartet erschien sie in der Zuflucht und verlangte Lucien zu sprechen. Er bat sie in Proximos Gemächer, seine Gemächer, wie er jetzt sagen musste – so ganz hatte er sich daran noch nicht gewöhnt.

»Die Purpurnarben sind ausgelöscht«, kam sie sogleich zur Sache, wie es ihre Eigenart war.

»Was ist weiterhin geschehen, als Ihr uns in der Höhle verlassen habt?«, wollte Lucien wissen.

»Von Greywyn war keine Spur zu finden«, berichtete Drewani. »Wir suchten ganz Cyrodiil ab, doch es war nichts zu machen. Schließlich weiteten wir unsere Suche über die Landesgrenzen hinaus aus, doch auch das blieb erfolglos. Es war, als sei er vom Erdboden verschwunden. Dann jedoch sprach die Mutter der Nacht zum Zuhörer. Durch ihn ließ sie mitteilen, dass Greywyn und, wie sich herausstellte, auch Rowyles Eardwulf nun keine Bedrohung mehr darstellen und die Purpurnarben nicht mehr existieren.«

»Rowley!«, entfuhr es Lucien. »Der Name ist mir ein Begriff.«

»Ja, ein seltsamer Mann. Fast verwundert es mich nicht, dass auch er eine Rolle darin zu spielen hatte.«

»Aber ich verstehe nicht, warum wir uns keine Sorgen mehr um die Purpurnarben machen sollen, wenn diese beiden anscheinend noch am Leben sind und nicht ausfindig gemacht werden können«, wunderte er sich.

»Die Mutter der Nacht ließ uns nur wissen, dass die Verräter anscheinend geläutert sind und wir uns keine Gedanken mehr darum machen sollen, wir sogar die ganze Sache endgültig ruhen lassen sollen, bis ihre Zeit erneut gekommen sei«, gab Drewani wieder.

Lucien war verwirrt. »Das alles erscheint mir sehr sonderbar«, warf er ein.

»Dies sind die Worte der Mutter der Nacht und damit sind sie Gesetz«, sagte Drewani nur. Entweder konnte sie es leichter hinnehmen oder hatte einfach schon länger Zeit, mit der Sache abzuschließen. »Jedenfalls gibt es uns Gelegenheit, uns wieder dem Alltag zu widmen – was Ihr, wie ich sehe, bereits getan habt. Gut. Dann kann ich mich um eine Angelegenheit in der Kaiserstadt kümmern, die mir schon zu lange unter den Nägeln brennt.«

»In der Kaiserstadt? Ihr wisst, dass das ein gefährliches Pflaster für uns ist«, gab Lucien zu bedenken. »Seit Proximos Tod hat sich niemand mehr von uns dort hinein gewagt.«

»Doch genau darum geht es mir«, hielt Drewani entschieden dagegen. »Zugegeben, es mag eine private Angelegenheit sein, doch es lässt mir keine Ruhe.«

»Ich habe kein gutes Gefühl dabei, wenn ich mir diese Worte erlauben darf, Sprecherin.«

Der Blick, dem sie ihm schenkte, hätte einen Dremora das Fürchten gelehrt. Er zog intuitiv den Kopf ein.

»Ihr seid nicht in der Position, mich zu belehren, Lachance«, mahnte sie.

Er fühlte sich wie ein gescholtener Junge und das passte ihm ganz und gar nicht. Widerwillen kam in ihm auf. »Aber vielleicht kann ich Euch meine Gedanken mitteilen und dadurch eventuell auch einen Rat erteilen«, hielt er dagegen. Ja, er hielt Drewanis Vorhaben für eine ganz und gar dumme Idee.

»Meinethalben. Aber ich wünsche nichts davon zu hören.« Damit schien für sie die Angelegenheit vom Tisch zu sein. Sie verabschiedete sich, hieß ihn noch, weiter wie gewohnt seiner Arbeit nachzugehen, und verschwand dann.

Zurück blieb ein irritierter Lucien. So hatte er die Sprecherin noch nie erlebt. Sie wahrte den äußeren Anschein der Vernunft, doch er wusste, dass es dieses Mal nur eine Maske war. Eine schlecht gearbeitete und bröckelnde. Was Sprecherin Drewani da tat, war bar jeglicher Vernunft und offensichtlich allein durch persönliche Motive, allen voran Rache, geprägt. Sie wollte Rache für den Tod Proximos, den sie geliebt hatte. Lucien hatte das ungute Gefühl, dass das nicht gut ausgehen konnte. Vor allem dann nicht, wenn ihr Gegenspieler Adamus Phillida war.

Dass ausgerechnet der schweigsame, verschlossene Maglir einige Zeit später bei ihm erschien, gab Lucien erst recht zu denken. Er hatte Maglir nicht als jemanden kennen gelernt, der bei eigener Ratlosigkeit bei Anderen Rat suchte. Generell erschien der Bosmer nicht als jemand, der überhaupt Rat brauchte.

»Ich muss sicher gehen, dass Ihr das, was ich Euch mitzuteilen habe, Lachance, nicht an Sprecherin Drewani weitertragt«, begann Maglir.

Lucien wusste sofort, woran er war. »Euch plagen dieselben Sorgen, die auch mich umtreiben«, sagte er. »Die Sprecherin kam bereits zu mir und deutete an, dass sie nun, da die Purpurnarben kein Problem mehr darstellen, hinter Phillida her ist.«

»Noch nie habe ich sie so sehr von persönlichen Emotionen geleitet gesehen«, gestand Maglir, »und ich diene ihr seit mehreren Dekaden als Ruhigsteller. Das kann so nicht gut ausgehen.«

»Lasst mich raten: Ihr habt es Sprecherin Drewani mehrmals zu denken gegeben und sie schlug es aus dem Wind«, erriet Lucien. Als Maglir nickte, fuhr er fort: »Sie wollte auch meine Bedenken nicht hören, genau genommen verbot sie mir regelrecht das Wort.«

Maglir nickte, als wisse er genau, wovon Lucien sprach. »Dasselbe geschah, als ich mit ihr sprach. Wie ich hörte, hattet Ihr schon einmal mit Adamus Phillida zu tun. Ich hoffe, das hilft Euch dabei, Einfluss auf Sprecherin Drewani zu nehmen.«

»Ich?«, echote Lucien erstaunt. »Ich glaube nicht. Es ist viele, viele Jahre her, seit ich in Skyrim etwas mit ihm zu tun hatte. Und das auch nur am Rande, denn mein eigentliches Ziel war General Consantius Tituleius. Ich sehe nicht, wie das helfen könnte – vor allem dann nicht, wenn ich mit meinen Argumenten nicht zur Sprecherin vordringen kann.«

Maglor ließ die Schultern hängen. »Ihr seid meine einzige Hoffnung gewesen, da auch Ihr die Sprecherin schon lange kennt und zu ihren Lieblingen gehört.«

»Wendet Euch an den Zuhörer, auf sein Wort muss sie hören«, schlug Lucien vor.

»Ja, aber …« Maglir zögerte und schien sich mit einem Male unwohl zu fühlen. »Ach, was soll's. Aber tragt es nicht weiter, sonst bekommen Ihr und ich große Schwierigkeiten. Denn niemand in der Hand kann Ungolim sonderlich gut leiden.«

Lucien runzelte die Stirn. »Aber er ist doch der Zuhörer.«

»Das stimmt, und niemand würde es wagen, offen das Wort gegen ihn zu erheben«, sagte Maglir. »Doch hinter vorgehaltener Hand wird getuschelt, dass er ein schwacher Zuhörer ist, eine blasse Führungsfigur ohne Rückgrat. Wenn Drewani nicht schon unseren Worten Gehör schenkt, so wird sie sicherlich einen Weg suchen, selbst Ungolims Wort zu umgehen, wenn er ihr befiehlt, von ihrem Vorhaben abzulassen.«

Lucien war ratlos. »Was bleiben uns also für Möglichkeiten?«

»Keine. Auch von den anderen Sprechern steht ihr keiner nahe genug, um genügend Einfluss auf sie zu nehmen, um sie umzustimmen.«

Eine Weile schwiegen sie bedrückt. Schließlich schenkte Lucien ihnen neuen Wein ein, den sie während ihres Gesprächs geleert hatten. Eine Ausweichshandlung, um das Gefühl der Ohnmächtigkeit loszuwerden. Es half nicht.

»Bleibt nahe bei Drewani und habt ein Auge auf sie«, riet er dem Waldelfen schließlich.

»Etwas anderes bleibt uns ja nicht.« Mit diesen Worten griff Maglir zum Kelch und stürzte den Wein in einem Zug hinab.

Diese Sorgen beschäftigten Lucien, mehr noch als die alltäglichen Nöte der Zuflucht. Mathieu bereitete ihm ebenso Kopfzerbrechen wie Drewanis sonderbares und beunruhigendes Verhalten. Über letzteres sprach er nicht einmal mit Vicente, da er Maglirs Rat beherzigte und das Thema nicht zum allgemeinen Gespräch machte. Stattdessen bat er seinen Mentor, ein Auge auf Mathieu zu haben, um sich nicht auch damit noch belasten zu müssen.

Maglir ließ sich alsbald nicht mehr blicken. Anscheinend hatte er sich an Drewanis Fersen geheftet und beschützte sie nun. Beschützen! Drewani! Wie absurd das klang! Und doch war es anscheinend vonnöten.

Auch das, was Maglir ihm über die inneren Spannungen der Hand gesagt hatte, gab Lucien zu denken. Er wusste, dass er davon nichts hätte wissen dürfen, und er wusste auch, dass er da nun wirklich nichts tun konnte; auch wenn er nun Henker und Leiter einer Zuflucht war, auch wenn er der Liebling der Sprecherin Drewani hatte, er war noch lange kein Teil der Hand. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, dennoch darüber nachzudenken.

Es waren müßige Gedanken. Maglir hatte sich trotz allem nur mit Andeutungen begnügt, die Lucien kaum ein genaues Bild der Situation der Führungsschicht vermittelten. Und doch hatte er das Bedürfnis, irgendetwas ändern zu müssen. Aber was? Was konnte er aus seiner Position heraus schon tun? Er war ein Henker, nichts weiter, und damit immer noch ein einfacher Meuchelmörder, auf den lediglich etwas größere Stücke gehalten wurden als auf den Rest von ihnen. Es machte ihn beinahe rasend, dass ihm die Hände gebunden waren.

Natürlich blieb nicht aus, dass die anderen Zufluchtsmitglieder bemerkten, dass ihn etwas umtrieb. Einige Tage nach Maglirs überraschendem Besuch suchte ihn Mirabelle auf. Noch nichtsahnend ließ er sie ein.

»Ich habe derzeit keinen Auftrag für Euch, FaniJ, begrüßte er sie. Auch wenn sie beinahe so alt war wie er, sah er sie immer noch als übereifriges kleines Mädchen. Nicht einmal die distanzierte Anrede, die ihr als Assassine zustand, half ihm da.

»Ich will keinen Auftrag«, erwiderte sie. »Jedenfalls nicht diese Art von Auftrag. Ich habe mit den anderen gesprochen, Ocheeva und Telaendril vor allem, aber auch Teeinava und Gogron und der alte Stinkstiefel M'raaj-Dar – und na ja, irgendwie auch mit Mathieu. Meister Valtieri hält sich vornehm zurück, aber nicht zuletzt er hat angedeutet, dass da Dinge im Busch sind, die Euch belasten, Meister Lachance. Wir wollen helfen. Ich will helfen.«

Lucien ließ ihre Worte zunächst sacken und dachte über eine angemessene Erwiderung nach. Schließlich sagte er nur: »Das ist nichts, wobei geholfen werden kann. Das ist nicht einmal etwas, das mich etwas angehen sollte und den Rest von uns schon gar nicht.«

»Aber es beschäftigt Euch, das sieht man – und das, obwohl Ihr Euch seit Tagen hier drinnen einschließt!« Mirabelle stützte sich auf den Tisch auf und schob ihr Gesicht vor seines. Sie machte eine strenge Miene, als wollte sie ihn schelten.

Lucien lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust. Ihre Nähe war ihm unangenehm, aber das wollte er nicht zeigen.

»Die Mitglieder dieser Zuflucht scheinen rastlos zu sein«, sagte er nur sachlich-nüchtern. »Das ist bedauerlich, aber derzeit kann ich nicht einmal daran etwas ändern. Geht auf die Straße, ermordet einen Bettler, erschreckt den Grafen ein wenig und versohlt seinem verzogenen Balg den Hintern. Etwas Anderes kann ich nicht in Auftrag geben.«

Mirabelle schnaubte. »Mir ist Indarys egal. Das ist ein Sport, an dem Ihr mehr Freude findet als ich. Egal ist mir jedoch nicht, dass hier etwas im Busche ist, von dem Ihr anscheinend etwas wisst, Ihr aber nicht zulasst, dass man Euch hilft.«

»Ich war nie für meine Geduld bekannt, Fani«, konterte Lucien, nun im drohenderen Tonfall. »Ihr vergesst Euch. Eure Treue und Pflichtbewusstsein in Ehren, doch das sind Angelegenheiten, in die Eure Nase zu stecken Euch nicht erlaubt ist. Haltet Euch da heraus.«

Mirabelle knirschte mit den Zähnen und war sichtlich unzufrieden. Doch Lucien hatte ihr einen Befehl erteilt, und dem musste sie Folge leisten. Widerwillig ließ sie von ihm ab. »Ihr führt, wir folgen«, sagte sie nur. Dann verließ sie ohne ein weiteres Wort den Raum.

Nun kam zu all seinen Sorgen noch eine weitere hinzu. Anscheinend wurde seine Führung hinterfragt. Es stimmte, er hatte sich seit Tagen in seinem Raum eingeschlossen und sich nicht blicken lassen, und es nicht einmal gemerkt. Vielleicht sollte er seinen eigenen Rat befolgen und dem Grafensohn den Hintern versohlen. Wie man hörte, war Farwel Indarys ein ungezogener Draufgänger und Wichtigtuer.

Lucien gab sich einen Ruck und beschloss, dass es so nicht weitergehen konnte. Drewani war nicht da und mit ihr fehlten die Aufträge, die sie an ihre Zufluchten weiterleitete. Ein oder zwei aufgeschobene kleine Aufträge, eigentlich für Neulinge gedacht, hatte er noch auf Lager, für den Rest würde er sich etwas überlegen müssen. Irgendwie würde er seine Zuflucht schon beschäftigt halten, bis Drewani wieder auftauchte und das normale Geschäft weitergehen konnte. Und ihm konnte das auch nicht schaden.

Also begann er einen Übungsplan zu erstellen. Sprecherin Drewani sei in geheimen Angelegenheiten der Schwarzen Hand unterwegs und habe daher momentan nur wenig Zeit für ihre Zufluchten (was zumindest eine Halbwahrheit beinhaltete), sagte er. Da dadurch das Geschäft momentan still stünde, sie aber durch kluge Wirtschaft und reiche Beute der Zufluchtsmitglieder passable Rücklagen hätten, wäre das kein Problem. Um nicht zu versanden, mussten sie sich also anderweitige Beschäftigungsmöglichkeiten suchen. Er habe einen Plan, wäre aber dazu bereit, selbigen mit Absprache der Mitglieder der Zuflucht zu erweitern oder zu ändern.

Mirabelle wirkte sichtlich zufrieden.

»Wie wäre es mit einem Familienausflug an die Goldküste nach Anvil?«, schlug sie vor. »Ich bin da immer gern. Das Meer, das Salz in der Luft, die Geschichten der Seemänner, die Seemänner selbst.«

»Ach, Firlefanz!«, schnaubte Gogron. »Ich will Köpfe einschlagen!«

Das konnte sich Lucien allerdings sehr gut vorstellen. Er versuchte, sich Gogron in leichter sommerlicher Kleidung (es war immerhin Letzte Saat und ging auf Herdfeuer zu, da konnte man das noch tragen) mit einem Strandtuch am Strand nahe Anvils vorzustellen. Er verscheuchte das Bild ganz schnell wieder aus seinem Kopf, um nicht lachen zu müssen. Gogron in etwas anderem als einer schweren Plattenrüstung zu sehen, war einfach eine alberne Vorstellung.

»Ich dachte allerdings auch weniger an einen Vergnügungsausflug als an etwas Praktisches, das uns in der Gesamtheit der Zuflucht voranbringt«, sagte er stattdessen.

»Warum nicht beides verbinden, das Vergnügen mit dem Praktischen?«, schlug Ocheeva vor.

»Wir könnten den Bewohnern von Anvil nachstellen und ihnen ihre Geheimnisse entlocken«, ging auch Telaendril darauf ein.

»Das klingt nach einer guten Idee«, kommentierte Vicente. »Wir beide, Lucien und ich, gönnen uns einen gemütlichen Urlaub am Meer und der Rest hat Spaß in der Stadt. Besondere Herausforderung: Nicht auffallen.«

»Also keine Köpfe einschlagen?« Gogron wirkte betrübt.

»Doch, Ihr dürft dabei nur nicht auffallen, sonst ist der Urlaub für uns alle beendet«, betonte der Vampir.

Für Lucien nahm seine ursprüngliche Idee allmählich absurde Ausmaße an. Doch Vicente hatte die Vorschläge bereitwillig aufgegriffen, und seinem Urteil vertraute Lucien. Auch wenn der dem Gedanken an etwas so Sonderbares wie »Urlaub« nichts abgewinnen konnte, schien es doch größtenteils positiv aufgenommen zu werden.

»Aber ich bin nicht so gut im Unaufälligsein«, maulte Gogron.

»Dann übst du es eben, du großer Trampel«, lachte Telaendril, wie sie über alles lachte und froh war.

Da fiel Luciens Blick auf Mathieu, der wie so oft etwas abseits stand und eine ablehnende Haltung eingenommen hatte.

»Sprecht, Bellamont«, sprach er ihn an. »Was habt Ihr dazu zu sagen?«

Mathieus Gesichtszüge verhärteten sich, doch schließlich sagte er: »Kinderkram, das habe ich zu sagen.«

Lucien stutzte. »So?«

Das schien etwas in Mathieu zu lösen. »Mehr habt Ihr dazu nicht zu sagen?«, knurrte er. »Ihr habt Euch seit jeher als schwacher Führer erwiesen, aber das ist die Krönung, dass Ihr solchen Kinderkram bewilligt!«

»Lüge!«, rief Mirabelle aufgebracht und stellte sich schützend vor Lucien. »Er muss hinter niemandem anstehen und kann sich gewiss mit Proximo messen! Untersteht Euch, so etwas zu behaupten!«

»Fani, genug!«, rügte Lucien sie und schob sie zur Seite. »Wenn Bellamont meint, Kritik an meinen Führungsqualitäten zu üben, dann soll der das tun. Genau hier und jetzt.« Herausfordernd sah er zu dem jungen Mann. Wenn sich die Spannungen entladen sollten, die sich aufgebaut hatten, dann war es gut, dass jetzt die Gelegenheit dazu da war.

»Ihr seid eine Witzfigur, Lachanche«, knurrte Mathieu, die unausgesprochen Herausforderung annehmend.

»Ich warne Euch, Bellamont«, drohte Lucien. »Kritik sei Euch gestattet, doch seid Ihr nahe dran, die Gebote zu übertreten.«

Er bemerkte, wie die Stimmung kippte. Selbst Vicente wirkte mit einem Male angespannt. Vorbei war die lockere Aufbruchsstimmung.

»Sonst was?«, entgegnete Mathieu. »Erwecke ich den Zorn von Sithis? Und dann? Fahre ich mit einem Blitz und Feuer in die Leere hinab?«

»Eure Worte entehren Euch«, sagte Lucien so eisig, wie er nur konnte. »Ihr spottet über unseren Fürchterlichen Vater. Vergesst nicht, wer Euch aus der Gosse geholt hat, in die Euer Vater Euch gesoffen hat. Vergesst nicht, wem Ihr zu verdanken habt, was Ihr nun alles besitzt.«

»Nachdem Ihr…!«, begehrte Mathieu auf, doch unterbrach er sich plötzlich selbst.

»Nachdem ich was?«, ließ Lucien jedoch nicht locker. Er kämpfte mit dem Ärger, der in ihm aufwallte. »Sagt es mir hier und jetzt. Frei heraus. Und wenn Ihr Euch weigert, werde ich es Euch befehlen.« Mathieu tanzte ihm auf der Nase herum, das durfte nicht sein!

Vicente warf ihm einen raschen aber strengen Seitenblick zu. »Mathieu, wir sind eine Familie«, sagte er sanfter, »und in einer Familie spricht man sich aus, wenn eine Probleme auf dem Herzen liegen.«

Mathieu knirschte sichtbar mit den Zähnen und blickte zwischen Lucien und Vicente hin und her. »Na gut«, spuckte er dann aus. »Dann spreche ich frei heraus, wie es mir befohlen wurde. Ich werde jemandem wie ihm nicht mehr folgen und weigere mich, Befehle von ihm anzunehmen.« Mit diesen Worten spukte er Lucien vor die Füße.

Ein Raunen ging durch die versammelten Familienmitglieder. Eine tödliche Kälte breitete sich in Lucien aus, und mit einer ebenso gefährlichen Ruhe verschränkte er die Arme vor der Brust.

»So, so«, sagte er. »Ihr sprecht offen an, dass Ihr willentlich gegen eines der Gebote verstoßen wollt«, sagte er. »Ihr erkennt meine Führung nicht mehr an, trotz allem, was Ihr durch mich erreicht habt. Ich weiß nicht, was Eure Gründe für diese Torheit sind, doch ein Verstoß gegen unsere Gebote ist es nichtsdestotrotz. Hinzu kommt, dass Ihr versucht, meine Autorität zu untergraben. Die Strafe dafür ist eindeutig. Vicente, bringt mir eine Geißel.«

Der Trotz wollte nicht so recht aus Mathieus Gesicht weichen, doch nun wurde er dennoch bleich. Den Mimiken der umstehenden Familienmitglieder war deutlich zu entnehmen, dass sie hinter Lucien standen und seine Strafe Mathieus begrüßten.

»Gogron, entblößt seinen Oberkörper und bindet ihn dort an die Säule«, befahl Lucien, ohne dabei Mathieu aus den Augen zu lassen. »Wenn er sich wehrt, wendet Gewalt an.«

Körperlich war Gogron jedem hier überlegen. Sollte Mathieu auf die dumme Idee kommen, sich gegen seine Bestrafung zu wehren, würde er durch den Ork nur noch mehr Schmerzen zu spüren bekommen. Lucien war das nur recht. Oh ja, er war wütend und jetzt wollte er Blut lecken.

Als Gogron seinem Befehl nachgekommen und nur auf schwachen Widerstand Mathieus gestoßen war, kam auch Vicente wieder und reichte Lucien die Peitsche.

»Habt Ihr noch etwas zu sagen, Bellamont?«, fragte er der Form halber. »Worte zu Eurer Verteidigung?«

»Tut es endlich!«, spuckte dieser aus. »Tut es und zögert es zum Vergnügen aller nicht noch länger heraus!«

Ohne weitere Worte holte Lucien aus. Die Geißel bestand aus neun geflochtenen Zöpfen aus Leder, deren Enden mit Metallkugeln beschwert waren und in die Splitter ebenfalls aus Metall eingearbeitet worden waren. Er wollte Mathieu nicht töten, diese Strafe wäre nicht angemessen gewesen – noch nicht. Aber er sollte sich noch auf lange Zeit an seine Dummheit erinnern, offen die Führungsautorität eines höhergestellten Mitglieds der Dunklen Bruderschaft in Frage gestellt zu haben.

Mit Genugtuung ließ er die Peitsche auf Mathieus Rücken niedergehen. Dieser wand sich in seinen Fesseln und ließ ein Grunzen vernehmen, doch ansonsten schwieg er. Bereits der erste Schlag hatte ihm die Rückenhaut aufgerissen, und er blutete heftig. Wenn Lucien mit ihm fertig sein würde, würde er auf Tage hinaus nicht auf dem Rücken liegen oder gerade stehen können.

Wieder ging die Peitsche nieder und wieder biss Mathieu die Zähne zusammen, um möglichst keinen Laut von sich zu geben. Beim dritten Schlag aber, bei dem Lucien darauf achtete, in die bereits gerissenen Wunden zu schlagen, hielt es Mathieu nicht mehr aus und er stieß einen Schrei aus, in dem sein Schmerz, seine Wut und seine Frustration lag, Lucien unterlegen zu sein.

Lucien spürte, wie ihn der altbekannte und geliebte Rausch durchfuhr, wenn er bereit zum Töten war. Wie damals, als er den Barden in Weißlauf ermordet hatte. Er fletschte die Zähne zu einem wölfischen Grinsen. Nein, er würde Mathieu nicht töten und den Zorn von Sithis erwecken. Aber das hier war fast genauso gut.

Zehn Schläge hielt Mathieu aus, dann sank er in eine gnadenvolle Ohnmacht. Lucien ließ von ihm ab und wollte die Widerwilligkeit, mit der er dies tat, sich eigentlich nicht so recht eingestehen. Doch die Vernunft riet ihm dazu. Der Rücken Mathieus war mittlerweile eine blutende Masse, kaum eine Stelle war noch unversehrt. Die Narben, die bleiben, würden tief sein.

»M'raaj-Dar, versorgt seine Wunden mit dem Nötigsten und mit keinem bisschen mehr«, befahl er. »Das soll ihm noch lange eine Erinnerung bleiben.« Mit diesen Worten wandte er sich ab. Die Sache war für ihn erledigt, er duldete keinen weiteren Widerspruch.

»Das Blut bekomme ich für Wochen nicht von meinen Stiefeln ab«, hörte er hinter sich noch Gogron seufzen.

Mathieu erwachte erst am nächsten Tag aus seiner Ohnmacht und konnte danach für viele Tage wieder sitzen noch stehen noch liegen. Lucien hatte M'raaj-Dar zu seiner Pflege abgestellt, achtete aber darauf, dass der Khajiit ihn nicht zu schnell mit seiner Magie heilte. Während Mathieu also noch an seinen von der Peitsche gerissenen Wunden litt, bereiteten die anderen Zufluchtsmitglieder ihren Urlaub vor, als sei nichts gewesen. Niemand übertrat die Gebote ungeschoren, jeder wusste das. Luciens Strafe wurde allgemein als angemessen erachtet.

Nur Vicente trat wenige Tage danach an Lucien heran.

»Vielleicht hast du dich etwas zu sehr gehen lassen«, gab er zu bedenken.

Lucien, der gerade dabei war, einige Kleidungsstücke in sein Gepäck zu stopfen, hielt inne. »So?«

»Du hattest schon immer zu Gewaltausbrüchen geneigt«, sagte der alte Vampir. »Erinnerst du dich noch, weswegen Sprecherin Drewani dich das erste Mal aufsuchte? Das war doch auch eine Affekthandlung, nicht wahr?«

Lucien wollte zunächst widersprechen, doch dann überlegte er es sich anders. »Das stimmt durchaus«, sagte er stattdessen. »Doch im Gegenzug zu damals bin ich nun erwachsener und habe aus meinen Fehlern gelernt. Sagt Ihr trotzdem, dass ich unangemessen gehandelt habe?«

»Nein, ganz und gar nicht«, korrigierte sein Mentor. »Mathieus Strafe war voll und ganz im Rahmen des Angemessenen. Ich bin sicher, Proximo hätte ebenso gehandelt. Im Gegensatz zu dir wäre er dabei jedoch nicht so sehr von seinen Emotionen geleitet worden.«

Eine ganze Weile schwieg Lucien und ließ sich das gesagte durch den Kopf gehen, während er selbst noch einmal die Situation durchdachte.

»Ihr habt wohl recht«, sagte er schließlich. »Ich wollte sein Blut fließen sehen. Nicht nur, weil unsere Gebote eine Strafe verlangten, sondern auch, weil ich es so wollte. Solche Leichtfertigkeit kann schnell in Willkür enden.«

»So würde ich es nicht unbedingt sagen«, sagte Vicente. »Wir sind eine Familie. Gefühle sind es, die uns aneinander binden – manchmal auch die negativen wie Wut oder Enttäuschung. Du solltest dennoch aufpassen, dass du nicht immer über die Stränge schlägst.«

Vicente hielt inne und lachte trocken auf. »Wir sind von gleichem Rang und du der Leiter dieser Zuflucht«, bemerkte er mit einem schiefen Grinsen. »Es sollte nicht mehr an mir sein, dich zu belehren, und doch sehe ich in dir immer noch mein Mündel.«

Unwillkürlich musste Lucien schmunzeln. »Lasst mich ebenso offen sein: Ich werden auch nie davon ablassen können, in Euch meinen Mentor zu sehen, und eigentlich ist es gut so.«

Auch wenn Lucien erkannt hatte, dass er zwar aus den richtigen Gründen aber mit der falschen Motivation an die Bestrafung herangegangen war, hatte das seinen Respekt bei den anderen Zufluchtsmitgliedern gefestigt. Selbst bei Mathieu, der immerhin von Lucien bis zur Besinnungslosigkeit geprügelt worden war, schien in Bezug auf Lucien einen Schalter umgelegt worden zu sein. Er wirkte in sich zurückgezogen und wurde sehr schweigsam, was Lucien als Erfolg wertete. Offenbar ging er jetzt in sich und reflektierte seine Fehler.

Lucien war im Großen und Ganzen mit sich zufrieden. Seine Autorität war angezweifelt worden, doch statt sie zu untergraben, hatte er sie gestärkt. Nun, da das vom Tisch war, konnte er sich wieder ganz auf ihren Urlaub konzentrieren.

Sie hatten sich dazu entschieden, als Abenteurergruppe aufzutreten. Gogron hatte dies gefreut, da ihm das die Gelegenheit gab, weiterhin seine schwere Plattenrüstung und seine Streitaxt zu tragen. Für den Rest hieß das, dass sie die Ohren nach bezahlten Abenteuern aufsperren konnten, sodass sie neben dem ganzen Spaß auch ein wenig ihre Fähigkeiten trainieren und ein wenig Taschengeld verdienen konnten.