Kapitel 28 – Hogsmeade

Der Rest des Novembers verging ohne Zwischenfall. Weder Draco noch Hermine sprachen an, was geschehen war, was tatsächlich in jener Nacht geschehen war. Hermine tat es nicht, weil sie nicht glaubte, dass Draco sich überhaupt noch daran erinnerte, und Draco nicht, weil er wusste, dass Hermine es tat. Und da keiner von ihnen es zur Sprache brachte, waren sie irgendwie in der Lage, ihr anfängliches Unbehagen zu überwinden and wieder zu den Streitereien, dem Sarkasmus und doch zur gleichen Zeit gegenseitigen Unterstützung zurückzukehren.

Sie hatten ihr gemeinsames Verwandlungs- Training fortgesetzt und trafen sich jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag abends im Gemeinschaftsraum. Beide waren anfangs ein wenig eingerostet, doch nach etwa einer Stunde Übung schafften sie es rasch, sich teilweise zu verwandeln. Doch noch konnte keiner der beiden eine volle Metamorphose erreichen.

Dezember brach mit einer Schneedecke herein. Am ersten Samstag, der auch ihren zweiten Ausflug nach Hogsmeade darstellte, war der Boden von einer dicken, flockigen Schicht ummantelt. Hermine schaute aus dem Fenster und wurde fast von der Helligkeit des frühen Morgenlichts geblendet, das von dem strahlenden Weiß reflektiert wurde. Sie lächelte und legte schnell ihre Winterkleidung an. Sie rief Draco zu:

„Malfoy, komm schon! Es ist Zeit zu gehen! McGonagall hat dich schon ein Mal davon befreit zu patrouillieren. Ich glaube nicht, dass sie sehr erpicht wäre, wenn du es wieder schwänzt!"

„Schon gut, schon gut!", brüllte er, während er seine Tür schloss. „Ich komme ja schon. Sei nicht so penetrant!"

„Sei du nicht so langsam", scherzte sie.

Er verdrehte die Augen und sie streckte ihm die Zunge raus. Gemeinsam verließen sie den Schlafsaal und verabschiedeten sich von Helga, bevor sich auf den Weg machten.

„Wir haben noch kein einziges Mal Salazar im Porträt gesehen", bemerkte Hermine, während sie durch den dunklen Gang liefen.

„Ich bin sicher, er hat Besseres zu tun als den ganzen Tag auf uns zu warten", sagte Draco.

„Ein Porträt mit etwas Besserem zu tun? Was könnte das wohl sein?"

Draco zuckte die Achseln. „Wer weiß? Vielleicht ist er… Nein, Granger", sagte er und nahm sie am Ellenbogen. Er zog sie in den linken Tunnel. „Hier lang." Hermine kicherte verlegen und Draco fuhr fort: „Vielleicht ist er sich einfach zu gut dafür, das Porträtloch zu bewachen."

Hermine lachte spöttisch. „Das ist das Problem mit euch Slytherins", sagte sie. „Ihr haltet immer so große Stücke auf euch selbst. Tja, Malfoy, entschuldige, dass ich dich aufklären muss, aber ihr seid gar nicht so toll."

„Ach ja?", sagte er mit neckendem Tonfall. „Und was macht die Gryffindors so viel besser?"

Hermine drehte sich um und trat ein paar Schritte rückwärts, damit sie ihn besser ansehen konnte. „Oh komm schon, das erklärt sich doch von selbst. Jeder kennt die Gründe: Loyalität, Tapferkeit, Edelmütigkeit… wir sind einfach innerlich überlegen", sagte sie mit einem Augenzwinkern.

Draco stieß ein kurzes Lachen aus, ebenso wie Hermine. Ihr Geplänkel setzte sich fort, bis sie den Ausgang erreicht hatten. Dann ernüchterten sie und lauschten den Instruktionen von McGonagall.

„Ihnen stehen zwei Stunden zum persönlichen Einkauf zur Verfügung, die Sie nutzen können, wann immer Sie möchten", sagte sie. „Für den Rest des Tages werden Sie die versteckten Orte von Hogsmeade patrouillieren, um sicherzustellen, dass keine Schüler in Schwierigkeiten kommen. Wenn Sie auf einen Aufruhr stoßen, bleiben Sie diskret und gehen Sie angemessen mit der Situation um. Und was das Wichtigste von allem ist: Sie müssen zu allen Zeiten zusammenbleiben. Ich möchte nicht, dass ein Schulsprecher davonrennt, während der andere die gesamte Verantwortung übernimmt", endete sie mit einem spitzen Blick zu Draco. „Brechen Sie jetzt auf", sagte sie mit einem Handwedeln und einem strengen Blick, „und viel Spaß."

Draco hob die Taschen, die er in seiner Hand trug. Obwohl er nicht viel gekauft hatte, wurde sogar das kleinste Paket nervig, nachdem er stundenlang damit herumgelaufen war. Es schneite fast die gesamte Zeit, während sie patrouillierten. Es hatte gerade wieder eingesetzt. Riesige Flocken schwebten sanft vom Himmel und besprenkelten alle Fußgänger mit Weiß.

„Wenigstens ist es nicht windig", sagte Hermine, den Blick zum Himmel gerichtet. Schneeflocken landeten auf ihren Wimpern. Das geschmolzene Wasser formte hübsche Perlen auf ihnen, was ihre braunen Augen zum Strahlen brachte. Draco wandte rasch den Blick ab, als Hermine ihren Kopf zu ihm drehte.

„Hast du Lust auf ein Butterbier?", fragte sie ihn.

„Und Patrouille schwänzen?", erwiderte er mit spöttischer Ungläubigkeit.

Hermine lächelte nachsichtig. „Ich bin sicher, ein paar Minuten können nicht schaden. Wir sollen sowieso bald wieder an der Schule sein. Die meisten der Schüler sind schon zurückgegangen. Du hast doch nicht etwa Angst, ein wenig die Regeln zu verbiegen, oder, Malfoy?"

Draco lachte kurz auf, die grauen Augen fröhlich blitzend. „Die Regeln verbiegen? Granger, ich bin dazu geboren, sie zu brechen."

Sie lachte und sie traten in die Drei Besen. Hermine ging einen Tisch suchen, während Draco ihnen etwas zu Trinken holte. Er ließ sich dankbar auf seinen Stuhl sinken und stellte die Taschen zu seinen Füßen auf den Boden. Er nahm einen Schluck des Tranks, der ihn fast sofort aufwärmte. Er lehnte sich zurück und knöpfte seinen Mantel auf.

„Also, ist gut gelaufen heute", sagte Hermine. Sie nippte an ihrem Butterbier.

„Ja, ist es", gab Draco zu. Er war überrascht, dass es stimmte. Nachdem McGonagall sie losgeschickt hatte, hatten sie eine Stunde damit zugebracht zu patrouillieren. Dann hatte Hermine einkaufen gehen wollen. Sie schlenderten in verschiedene Geschäfte – damit Hermine Weihnachtsgeschenke für die Freunde besorgen konnte, die nicht mit ihr sprachen. Draco warf einen flüchtigen Blick auf ihre Einkäufe und versuchte, das Geschenk dem jeweiligen Empfänger zuzuordnen. Es war leichter, als er gedacht hätte.

„Ein Buch mit offensiven und defensiven Flüchen… das muss für Potter sein. Besen- Politur. Das ist zweifellos für Weasley. Ohrringe für die kleine Weasley. Ein Bilderrahmen für ihre Eltern…"

Draco schaute auf seine erbärmlichen Einkäufe hinunter: ein paar neue Federhalter und Nachschub von seinen Trankzutaten. Die Sehnsucht nach Freunden traf ihn in diesem Moment wie ein Schlag und katapultierte ihn fast für den ganzen Tag in eine schlechte Laune. Da fing etwas seinen Blick ein. Er schaute es an und überlegte.

„Ich warte draußen, in Ordnung, Malfoy?", sagte sie.

„In Ordnung", antwortete er, abgelenkt von seinem Fund. „Ich brauche nur ein paar Minuten."

Getreu seiner Worte tauchte Draco zehn Minuten später aus dem Laden auf, ein weiteres Paket in seiner Tasche. Er konnte Hermine nirgends entdecken.

„Wo zum Teufel ist sie hingegangen?", dachte er, während er seinen Blick über die Schülermenge schweifen ließ. Ihr buschiges braunes Haar war nirgends zu sehen. Gerade als Draco sich langsam anfing Sorgen zu machen, kam Hermine mit gerötetem Gesicht auf ihn zugeeilt.

„Entschuldige bitte", sagte sie. Draco hob fragend eine Augenbraue. „Da gab es diese eine letzte Sache, die ich noch besorgen wollte." Sie hatte ein kleines Lächeln auf dem Gesicht. Es machte Draco leicht misstrauisch, doch er ignorierte das Gefühl. Sie gingen als nächstes in den Honigtopf und kauften mehr Süßigkeiten als erlaubt sein sollte.

Ihre Einkaufszeit lief langsam ab und sie fuhren mit ihrer Patrouille fort, wobei sie sich zwanglos unterhielten und gelegentlich Schneeballschlachten ausfochten.

„Und erfolgreich war der Tag auch", sagte Hermine gerade, was Draco aus seinen Gedanken riss. „Ich habe einen Großteil meiner Weihnachtseinkäufe erledigt."

Draco räusperte sich. „Ja, das habe ich gesehen", sagte er in dem Versuch, den Anflug von Bedrücken aus seiner Stimme zu bannen.

Hermine errötete leicht. Sie nahm schnell einen Schluck Butterbier. Gerade als sie etwas sagen wollte, legte sich eine Hand auf Dracos Schulter. Auf der Stelle wachsam, schaute er auf, um zu sehen, wer sie da störte.

„Orman", begrüßte Draco kalt.

Channing ignorierte Dracos Kühle. „Hermine", sagte er. „Was für ein Zufall, Sie hier zu sehen!"

„Oh, hallo, Channing!", sagte sie mit fast zu fröhlicher Stimme. „Malfoy und ich haben gerade ein Butterbier getrunken, aber ich denke, wir sollten besser ge – "

„Na dann!", unterbrach er sie laut, „wird es Ihnen ja nichts ausmachen, wenn ich mich für eine Weile zu Ihnen geselle?" Ohne auf eine Antwort zu warten, holte er sich einen Stuhl herbei und nahm zwischen ihnen Platz. Er wandte sich zu Hermine, wodurch er Draco von jeglicher potentiellen Unterhaltung abschnitt.

Sie sprachen mit gedämpften Stimmen. Draco saß völlig regungslos da, darum bemüht, ihre Unterhaltung zu belauschen.

„Haben Sie an Ihrer Aufgabe gearbeitet?", fragte er.

„Ja", erwiderte sie, „ein wenig."

„Gut, gut. Und irgendetwas Neues zu der alten Mission?"

„Nein", sagte sie schlicht. Schweigen hing in der Luft, als erwartete Channing mehr als Antwort. Als sie nichts weiter sagte, fuhr Channing fort:

„Im Orden ist alles in Ordnung. Aber ich schätze, das wussten Sie bereits." Sie nickte. Channing sagte: „Ich freue mich, dass Sie sich endlich an die Arbeit gemacht haben. Sie wissen nicht, wie wichtig das ist, Hermine. Wann immer sie genauere Ergebnisse haben, sagen Sie mir bescheid."

„Das werde ich", sagte sie.

„Gut. Nun, dann sollte ich jetzt besser aufbrechen."

Es war schwer für ihn etwas zu erkennen, doch Draco glaubte zu sehen, wie Channing eine Hand nach Hermines Gesicht ausstreckte.

„Hermine", hörte er ihn flüstern.

„Channing, bitte…"

„Shh", sagte er. Draco hörte Hermine wimmern, als Channing sie küsste.

Er hielt es nicht länger aus. Draco knallte sein Butterbier auf den Tisch, wodurch das goldene Getränk aus dem Krug schwappte und den Rücken von Channings Mantel benetzte. Er stand so schnell auf, dass sein Stuhl umfiel. Er krachte zu Boden. Die Aufmerksamkeit der gesamten Einrichtung lag auf ihm, als er aus dem Gebäude stürmte und die Tür mit Wucht zuschlug.

Was im Krankenflügel geschehen war, spielte sich immer wieder in Hermines Geist ab, während sie mit Channing sprach. Sie fürchtete, dass er es wieder tun würde. Es sah schon danach aus, als könnte sie seiner Zuneigung entrinnen, bis er ihren Arm packte. Er beugte seinen Kopf zu ihr hinüber.

„Channing, bitte…" sagte sie und schüttelte leicht den Kopf. Er schaute sie an und seine Augen verengten und verdüsterten sich.

„Shh", sagte er. Er drückte ihren Arm unter dem Tisch, während er seine Lippen energisch gegen ihre presste. Sie konnte spüren, wie ihr Arm unter seinem festen Griff schmerzte, da sich seine Finger in ihre weiche Haut bohrten. Hermine wimmerte unwillkürlich vor Schmerz. Genau in diesem Augenblick hörte sie Draco von seinem Stuhl aufspringen und mit großem Aufstand hinausstürmen.

Sie löste sich von Channing und schaute ihn mit angsterfüllten Augen an.

„Hören Sie auf, Channing", flüsterte sie mit zittriger Stimme. „Bitte hören Sie damit auf."

Sie nahm hastig ihre Einkäufe in die Hand (und Dracos ebenfalls) und eilte aus den Drei Besen. Sie ignorierte ihn, als er ihren Namen rief. Sie stürzte fast, als sie auf die eisige Türschwelle trat, doch eine kräftige Hand erwischte ihren Arm, bevor sie zu Boden fiel.

„Du hast eine Menge zu erklären, Granger", zischte Draco in ihr Ohr, während er sie in Richtung Hogwarts steuerte.

„Nicht hier, Malfoy", flehte sie, die Augen immer noch mit Tränen gefüllt. „Bitte mach keine Szene." Es starrten sie bereits viele Leute an.

Er wirkte zögerlich, als würde es den Höhepunkt seines Tages darstellen, einen Aufstand zu veranstalten. „Na schön... wenn wir in unseren Gemeinschaftsraum angekommen sind."

Sie waren den Weg noch nie so schnell zurückgelegt. In Rekordzeit waren sie am Porträtloch angelangt, beantworteten Helgas einfaches Rätsel, ihre gehobene Augenbraue ignorierend. Hermine hatte kaum Zeit, ihren Schal abzuwickeln, als Draco sie gegen die Wand drückte. Sie zitterte wie Espenlaub im starken Wind, da der Gang von Hogsmeade ihre verstörten Nerven keinesfalls beruhigt hatte.

„Was zur Hölle war das, Granger?"

„Ich weiß nicht", erwiderte sie mit bebender Stimme.

Er schlug eine Hand gegen die Wand neben ihrem Kopf. Sie zuckte zusammen und wandte ihren Blick von ihm ab. Tränen stiegen ihr wieder in die Augen.

„Ich habe deine schwachsinnigen Antworten satt, Granger! Es ist Zeit, Rede und Antwort zu stehen! Warum zur Hölle hast du dich von ihm küssen lassen?"

„Ich habe ihn nicht gelassen!", verteidigte sie sich, die Wangen rot vor Empörung. „Er hat es einfach getan!"

„Und du hättest nicht Nein sagen können?", brüllte Draco.

„Das habe ich doch!"

„Und du hättest dich nicht wehren können?"

„Nein, es ist nur, dass…"

„Ha!", bellte er. „War ein ganz schöner Kampf, den du dir da geliefert hast", höhnte er.

Frustriert riss sie den Ärmel ihres Pullovers hoch. „Das ist der Grund!" Die mittelgroßen Blutergüsse auf ihrem Arm waren offensichtlich frisch und nahmen gerade erst einen leicht bläulichen Ton an.

Draco verstummte und nahm ihren Arm, um ihn näher an sein Gesicht heranzuziehen. Seine Augen weiteten sich und er schaute ihr ins Gesicht. Tränen quollen ihr aus den Augen und liefen ihr Gesicht hinunter. Ihr Unterkiefer bebte, als sie leise sagte: „Ich hatte Angst."


AN: Hallo! Bitte sagt mir, was ihr davon haltet! Danke! :D