hilflos
Die Nacht in der engen Arrestzelle war die längste ihres Lebens. Ihr war, als triebe sie die ganze Zeit über in einem Becken eiskalten Wassers, das ihr langsam bis über den Kopf stieg.
Sie versuchte zu rekonstruieren, wie sie hierhergekommen war, erinnerte sich aber nur an Bruchstücke wie Amelia Bones' ernsten Blick; Scrimgeour, der ein ums andere Mal beschwichtigend die Hände hob; und ihre eigenen zitternden Hände, mit denen sie fahrig gestikulierte während sie die Fragen des Komitees beantwortete. Schließlich wurde sie am Arm gepackt und zur sicheren Verwahrung für den Rest der Nacht in eine Zelle verfrachtet. Nicht im selben Trakt wie Sturgis, soweit sie das ausmachen konnte. Doch mindestens genauso furchteinflößend.
Sie lehnte sich an die kalte Steinwand in ihrem Rücken und zog die Beine an. Langsam aber sicher stieg die Gewissheit in ihr auf, schon am nächsten Tag nach Askaban geschickt zu werden.
Sie dachte an die wenigen Menschen, von denen sie wusste, dass sie schon einmal dort gewesen waren. Zuerst fiel ihr natürlich Sirius ein, sein stumpfer Blick und die Art, wie er sehnsüchtig den Lauf der Sonne am Himmel verfolgte, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Auch Mundungus hatte wohl die eine oder andere Woche in dem Zauberergefängnis zugebracht. In seinem ohnehin zwielichtigen Lebenslauf fielen diese Lücken gar nicht groß auf. Und dann war da noch ihre Tante, Bellatrix, die zusammen mit ihrem Mann seit Voldemorts Niedergang einsaß.
Bei dem Gedanken, am selben Ort wie all die Todesser, Mörder, Diebe und skrupellosen Folterknechte festgehalten zu werden, konnte Tonks nicht mehr an sich halten.
Ihr entfuhren mehrere heisere Schluchzer, bevor die ersten Tränen flossen.
Die Verzweiflung hielt sie die ganze Nacht in einer eiskalten Umarmung gefangen. Tonks hatte das Gefühl, in dem kleinen Raum ersticken zu müssen. In jedem Schatten erkannte sie die gesichtslose Gestalt eines Dementors und aus den Ecken ihrer Zelle grinsten die wahnsinnigen Augen zahlloser Häftlinge. Sobald sie die Lider senkte, konnte sie die stechenden Blicke auf sich spüren.
Panik war ein zu schwacher Ausdruck, um zu beschreiben, was sie in dieser Nacht fühlte.
Dennoch musste sie wenigstens zwei oder drei Stunden geschlafen haben, denn als am frühen Morgen die Zellentür aufflog, schreckte Tonks aus einem grauenvollen Albtraum hoch.
In Erwartung grobschlächtiger Gefängniswärter aus Askaban oder gar Dementoren, rappelte sie sich hastig auf und verharrte in einer Art improvisierter Abwehrhaltung.
Doch zu ihrer Überraschung kannte sie den Mann, der die Zelle betrat.
„Aber, aber Miss Tonks." Dawlish lachte herablassend. „Niemand will Ihnen Böses. Jetzt sind Sie in Sicherheit."
„Wo ist Kingsley?", schnappte Tonks mit einer Mischung aus Angst, Überraschung und offener Abneigung.
Dawlish, der wie üblich sein 20er Jahre Detektiv-Outfit – bestehend aus packpapierbraunem Trenchcoat und eingebeultem Hut – zur Schau trug, grinste gemein. „Den vergessen Sie mal ganz schnell. Folgen Sie mir freiwillig oder muss ich sie in Ketten legen?" Mit einem schmierigen Grinsen ließ er seinen Zauberstab unternehmungslustig zwischen den Fingern kreisen. Tonks erhob sich mit steifen Gliedern von der Pritsche und trat vor ihm auf den Gang hinaus.
„Etwas zügiger, bitte. Die Anhörung ist heute extra früh zusammengetreten, nur für Sie. Ist das nicht eine Ehre? Wir wollen niemanden warten lassen."
Scrimgeours Gesichtsausdruck wechselte beständig von fassungslos zu wütend und wieder zurück. „Erklären Sie mir, warum man Sie ohne triftigen Grund mitten in der Nacht vor einer der Verhörzellen aufgegriffen hat.", forderte er langsam und deutlich und tat einen weiteren Schritt auf Tonks zu, die mit gefesselten Handgelenken auf dem Holzstuhl in der Mitte des disziplinarischen Anhörungssaals thronte.
Kalter Schweiß rann ihr über den Rücken, während sie fieberhaft ein ums andere Mal wiederholte, was sie schon seit Tagen umtrieb: „Sturgis Podmore ist unschuldig."
Ein unerträglich hohes Hüsteln meldete sich aus einer der dunklen Ecken des Raumes. „Meine Liebe, das haben wir doch schon geklärt. Wenn Mr. Podmore tatsächlich unschuldig wäre, hätten die Mitglieder der magischen Polizeibrigade ihn doch keinesfalls festgenommen." Die rosa-gewandete, süßlich lächelnde Hexe trat ins Licht und beugte sich zu Tonks hinunter. „Wir können ja wohl unseren eigenen Mitarbeitern noch vertrauen, oder nicht?", fragte sie unschuldig.
„Ein Missverständnis!" Tonks schleuderte die Worte so wütend in Umbridges rundes Gesicht, dass diese pikiert die Augenbrauen hochzog und sich betont angewidert abwandte. Doch mit ihrem Verständnis hatte Tonks auch gar nicht gerechnet. Eindringlich richtete sie die folgenden Sätze an den Abteilungsleiter: „Sturgis steht unter dem Imperiusfluch. Ich habe es gesehen. Seine Augen ..." Schaudernd dachte sie an den leeren, stierenden Blick des Zauberers zurück, der ihr zwischen den Gitterstäben einer engen Zelle heraus entgegengesehen hatte.
„Rufus, was sagt man zu solchem Ungehorsam?" Umbridge positionierte sich so vor Scrimgeour, dass ihr voluminöser Körper ihm die Sicht auf Tonks versperrte. „Wer im Ministerium sollte denn einen 'arglosen'" – die Anführungszeichen, welche verrieten, dass Umbridge Sturgis keineswegs für arglos hielt, waren deutlich zu hören – „Mitarbeiter der Zaubererzentralverwaltung mit einem Imperiusfluch belegen? Er muss aus eigener Motivation gehandelt haben."
„Ich sage ja nicht, dass es jemand vom Ministerium gewesen ist." Tonks versuchte an Umbridge vorbei einen Blick auf Scrimgeour zu erhaschen. „Ein Todesser steckt dahinter!"
Bevor der Abteilungsleiter etwas darauf erwidern konnte, wandte sich die kleine Hexe zu Tonks um und setzte ein besorgt, klebriges Lächeln auf. „Meine Liebe, Sie sind doch wohl nicht dem Glauben anheimgefallen, dass nach jahrelanger, unermüdlicher, hervorragender Aurorenarbeit", sie schenkte Scrimgeour ein breites Krötenlächeln, „noch ein einziger Todesser existiert, von dem wir nicht unterrichtet sind." Sie legte eine Pause ein, um Tonks' ungläubigen Blick zu genießen. „Wie Sie wissen sollten, wurde schon seit Jahren kein Todesser mehr aufgegriffen. Die Anhänger von Dem-dessen-Namen-nicht-genannt-werden-darf sind in alle Himmelsrichtungen zerstreut oder sitzen in Askaban ein. Mit Ausnahme von Sirius Black natürlich … aber seien Sie versichert, es ist nur eine Frage der Zeit, bis er in seine Zelle zurückkehrt. Wir haben erst gestern einen Hinweis erhalten, der darauf schließen lässt, dass Black sich in London aufhält."
Tonks entfuhr ein entsetztes Japsen. Wieso hatte Kingsley ihr nichts davon erzählt?
Umbridge schien Tonks' Überraschung nicht zu bemerken und fuhr fort. „Also, meine Liebe, wer sollte denn in Ihren Augen noch eine Bedrohung für die magische Gesellschaft darstellen?"
Tonks hielt es für sinnlos in dieser Situation auf Voldemorts Rückkehr, deren einziger Zeuge Harry Potter war, hinzuweisen. Auch, dass er hochrangige Ministeriumsbeamte wie Lucius Malfoy als Todesser bezeichnet hatte, würde hier kaum ins Gewicht fallen.
In diesem Augenblick flogen in Tonks' Rücken fast gleichzeitig mehrere Türen auf und zwei Zauberer rauschten mit wehenden Umhängen an ihr vorbei in den Saal. „Du hast mich herbestellt, Rufus.", sagte der eine, während der andere wutentbrannt rief: „Was, bei Merlin, geht hier vor?" Erst als die Männer sich schwer atmend einander zuwandten, erkannte Tonks, wen sie vor sich hatte.
„Dawlish." Kingsley nickte seinem Gegenüber knapp zu.
„Shacklebolt.", erwiderte Dwalish ebenso kalt.
Nachdem sie sich einen Moment misstrauisch beäugt hatten, richtete ihre Aufmerksamkeit sich wieder auf Scrimgeour. Dawlish setzte zum Sprechen an, doch Kingsley ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Wie kannst du es wagen, meine Schülerin mitten in der Nacht hier festzuhalten?", fuhr er den Abteilungsleiter an.
„Das hat sie sich selbst zuzuschreiben." Umbridge baute sich angriffslustig vor Kingsley auf, wirkte aber wegen ihrer geringen Körpergröße nicht im mindesten bedrohlich. Ungeachtet dessen keifte sie weiter zu Kingsley hinauf: „Mir erschließt sich auch nicht, was Sie die Maßregelung einer Kollegin durch die Abteilungsleitung anginge. Wie haben Sie überhaupt davon erfahren?"
„Ich habe meine Wege.", entgegnete Kingsley unbeeindruckt. „Und das hier geht mich etwas an, weil Tonks meinem Kommando unterstellt ist. Ich trage die Verantwortung für sie."
„Aber nicht mehr lange.", meldete Scrimgeour sich überraschend zu Wort. Offenbar endlich überzeugt, dass von der gefesselten Tonks keine Gefahr ausging, steckte er seinen Zauberstab weg. Mit einem abschätzigen Blick auf Kingsley erklärte er: „Eigentlich ganz gut, dass Sie auch da sind. Ich habe in letzter Zeit nicht den Eindruck, dass Sie ihre Schützlinge – ganz besonders Tonks hier – im Griff haben. Ich habe Sie gewarnt, Kingsley. Sollte ich noch einmal Grund haben, an der Loyalität ihrer Auroren zu zweifeln, werde ich hart durchgreifen." Mit einem einzigen Blick erstickte er jeden von Kingsleys Einwänden im Keim. „Ich stelle Nymphadora Tonks hiermit unter die Aufsicht von John Dawlish. Dies ist eine offizielle Verwarnung für Sie, Miss Tonks. Sie sind bis auf Weiteres vom Dienst suspendiert. Zudem wird Ihnen und Mr. Moody für die Dauer eines Monats der Zauberstab abgenommen. Und sollten Sie noch ein einziges Mal versuchen, mich zu hintergehen, werde ich meine Konsequenzen mithilfe der magischen Strafverfolgung ziehen müssen." Mit einem einfachen Wink seiner Hand löste er Tonks' Fesseln. „Dawlish, begleiten Sie Miss Tonks nach oben."
Tonks fühlte sich, als würde man ihr den Boden unter den Füßen wegreißen. Ihr Kopf war wie in Watte gepackt, sodass sie – während Dawlish sie am Arm hinausführte – nur undeutlich die aufgebrachte Stimme von Dolores Umbridge vernehmen konnte: „Was soll das heißen? Nur suspendiert? Rufus, diese Frau ist eine Gefahr, wir müssen ...", die Tür fiel ins Schloss und schnitt der Sekretärin des Ministers das Wort ab. Das Letzte, was Tonks über die Schulter noch vom Inneren des Anhörungssaals erhaschen konnte, war Kingsleys anklagende, enttäuschte Miene.
Tonks konnte noch immer nicht glauben, was da soeben geschehen war. Fassungslos entfaltete sie das Urteilsschreiben erneut. Es erschien ihr unmöglich, dass es sich tatsächlich nicht um Entlassungspapiere sondern nur eine Suspension handelte. Sie ließ den Brief sinken und sah zu Dawlish auf, der neben ihr an der Fahrstuhlwand lehnte. „Wieso?", fragte sie misstrauisch.
Ihr neuer Vorgesetzter schnaubte ungehalten. „Wenn ich das wüsste. Irgendwer da oben scheint Sie und ihren verrückten Freund mächtig gern zu haben. Aber lassen Sie sich eins gesagt sein: In meinem Team erlaubt sich keiner solche Ausfälle." Drohend beugte er sich zu ihr hinunter, bis sein Gesicht nur wenige Zentimeter von Tonks' Nase entfernt innehielt. „Haben wir uns verstanden?" Sein Atem roch nach Asche und süßlich zugleich. Von Proudfoot wusste Tonks, dass Dawlish einer gesundheitsschädlichen Erfindung der Muggel – sogenannten 'Zigaretten' – frönte, um sich zu entspannen. Der Geruch gefiel ihr nicht.
Bemüht, möglichst wenig davon einzuatmen, antwortete sie knapp: „Ja, das haben wir."
Zu ihrer Erleichterung entfernte Dawlish sich darauf wieder von ihr. Der Lift kam zum Stillstand, die goldenen Gitter glitten ratternd auf. „Kommen Sie mit."
Tonks beeilte sich, seiner Anweisung Folge zu leisten. „Wo ist Mad-Eye … ich meine, wo ist Mr. Moody?"
Nun war es Dawlish, der ihr über die Schulter einen misstrauischen Blick zuwarf. „Er bleibt bis auf Weiteres in Gewahrsam des Ministeriums." Als er Tonks' entsetzte Miene sah, fügte er genervt hinzu: „Eine Deportation nach Askaban ist nicht vorgesehen. Er befindet sich immer noch im Verhör mit Mrs. Bones. Also kommen Sie ja nicht auf die Idee, Ihn zu befreien." Er brach in schadenfrohes Gelächter aus.
Tonks wurde rot und verkniff sich jedes weitere Wort.
Sie wusste, wohin Dawlsih sie führte: Das Büro gegen den Missbrauch der Magie. Sie war schon oft hier gewesen, um Akten einzusehen oder magische Artefakte überprüfen zu lassen. Nicht selten war sie bei diesen Gelegenheiten an das Büro gegen den Missbrauch von Muggelartefakten, wo Bills Vater arbeitete, verwiesen worden.
Doch ihr heutiger Besuch führte sie, auf Dawlishs Anweisung, zu einem wuchtigen Schalter, über dem die Worte Zauberstab-Kontrolle: Eichung, Archiv, Neuzuteilung, Fundbüro, Einlagerung prangten.
Beim Anblick des Schilds wurde Tonks von nackter Angst gepackt. Sie verlor alle Gewalt über ihre Glieder und blieb wie angewurzelt stehen. Sie sah Dawlish flehend an. „Bitte nicht.", flüsterte sie, so als würde das irgendetwas bewirken.
Für einen kurzen Augenblick meinte sie Mitleid im Blick des Aurors zu erkennen. Dann war der altvertraute, missgünstige Ausdruck auf Dawlishs glattrasiertem Gesicht zurück. „Das liegt nicht in meiner Hand, Miss Tonks."
Breitbeinig baute er sich vor dem Schalter auf, hinter dem ein noch recht junger, etwas verloren wirkender Ministeriumsbeamter hockte.
„Guten Tag, Sir, was kann ich für Sie tun?", fragte das blondgelockte Bürschchen mit einem neugierigen Blick auf Tonks' abgerissenen Aufzug.
„Sie können aufhören zu gaffen und einen Zauberstab für mich einlagern.", erwiderte Dawlish äußerst barsch.
Ehrfürchtig nahm der junge Zauberer Haltung an. Er zog ein kompliziert aussehendes Formular aus einer Ablage und zückte einen Federkiel. „Selbstverständlich, Sir. Ähm, wie lautet denn der Name der Person, deren Zauberstab entzogen werden soll?"
„Nymphadora Tonks.", antwortete Dawlsih.
„Entschuldigung, schreibt man das mit f oder ph?", fragte der Beamte eifrig.
Dawlish stieß Tonks sacht an, die immer noch fassungslos zu ihm hoch starrte. Sie fühlte, dass ihr Tränen in die Augen traten. Langsam wandte sie sich dem Schalter zu und flüsterte heiser: „Mit ph."
Dankbar nickend schrieb der junge Mann alle weiteren Angaben zu ihrer Person auf.
„Kommen wir zum Zauberstab." Für einen kurzen Moment hob er den Blick von seinen Papieren, sah Tonks' tränenüberströmtes Gesicht und senkte den Kopf schnell wieder. Die Situation war ihm furchtbar unangenehm. „Also … der Zauberstab … Länge?"
Tonks dachte an den Tag in der Winkelgasse zurück, als sie mit elf Jahren eben den Zauberstab gekauft hatte, den Dawlish gerade süffisant aus der Jackentasche zog und auf einer kleinen goldenen Apparatur, einer Waage nicht unähnlich, platzierte.
Wie stolz sie damals gewesen war. Wie aufgeregt und ungeduldig, ihn endlich zu benutzen. Seit ihrem siebzehnten Lebensjahr war kein Tag vergangen, an dem Tonks ihn nicht gebraucht hatte. Egal ob in Hogwarts, Zuhause, England oder Äthiopien, im Kampf oder in Sicherheit … immer war er ihr steter Begleiter gewesen.
Dem Beamten blieb ihre tiefe Bewegtheit nicht verborgen. Offenbar bekam er die Menschen, denen er die Zauberstäbe nahm, nicht oft persönlich zu Gesicht.
Mit einem Blick auf die Anzeige des goldenen Geräts setzte er sichtlich verunsichert die Befragung fort: „Zwölf Zoll, sehr schön. Aus welchem Holz besteht er denn? Und der Kern?"
„Kirsche, unbiegsam. Einhornhaar." Tonks fürchtete, die Stimme würde ihr gleich versagen.
Der Zauberer schrieb alles gewissenhaft auf, setzte das Datum und irgendeinen amtlichen Stempel darunter und schob Tonks den Bogen zu. „So, das hätten wir. Eine Stabsignatur, bitte."
Tonks konnte ein tiefes Schluchzen nicht unterdrücken, als sie ihren Zauberstab von der Apparatur nahm und seine Spitze sacht in das vorgesehene Feld auf dem Formular setzte.
Sofort erblühte auf dem Papier eine tintenschwarze Zeichnung. Tonks wusste selbst nicht genau, was sie darstellen sollte oder was sie bedeutete, nur dass sie die einzige Person auf der ganzen Welt war, die mit eben diesem Zauberstab genau dieses Symbol erschaffen konnte. Das Symbol ihrer Verbindung.
Dawlish entriss ihren zusammengekrallten Fingern ungeduldig den Zauberstab und drückte ihn dem Ministeriumsbeamten in die Hand. Der verstaute das magische Stück Holz in einer länglichen Schachtel und platzierte diese auf einem Wagen mit großen schweren Rollen. „So, der kommt nachher ins Archiv.", sagte er, zufrieden die Sache zu einem guten Ende gebracht zu haben.
Scheu hob er noch einmal den Blick und sah Tonks direkt an. „Na na, Sie erhalten ihn in einem Monat zurück. Am ...", er warf einen Blick auf das ausgefüllte Formular, „fünften Oktober. Und so lange passe ich gut auf ihn auf."
Tonks fühlte sich, als würde man ihr den Boden unter den Füßen wegziehen.
„Genau so lange wird Ihre Suspension übrigens anhalten. Nur falls Sie sich das gefragt haben.", setzte Dawlish spöttisch hinzu.
Tonks musste sich tatsächlich kurz an dem Schalter abstützen. Sie fühlte sich einem Nervenzusammenbruch entsetzlich nahe.
Und dennoch konnte sie sich gewiss nicht beklagen. Dawlish hatte Recht: Jeder andere, der sich wie sie einen Schlitzer nach dem anderen erlaubte, wäre vermutlich nicht so glimpflich davongekommen.
Das alles wäre nicht nötig gewesen, wenn sie auf die, die es gut mit ihr meinten, gehört hätte. An allem, was geschehen war, hatte allein sie selbst schuld. Sie musste sich zusammenreißen. Das war sie Alastor schuldig.
Es kostete Tonks unendlich viel Kraft, ihre Hand vom polierten Holz des Schalters zu lösen, die Schultern zu straffen und Dawlish ein weiteres Mal zu den Aufzügen zu folgen.
„Ah, da ist sie ja. Die kleine Gesetzesbrecherin. Welche Schande! Kreacher hatte schon gehofft, ihr wechselhaftes Gesicht nie wieder sehen zu müssen."
„Hallo, Kreacher.", erwiderte Tonks auf diese überaus herzliche Begrüßung.
Da sie ohne ihren Zauberstab natürlich nicht apparieren konnte, hatte sie das Ministerium mithilfe des Flohnetzwerkes verlassen. Ihre eigene Wohnung hatte keinen Kamin, daher beschloss sie, zunächst beim Grimmauldplatz Halt zu machen und dann die U-Bahn zu nehmen. Insgeheim hoffte sie, vielleicht noch von Mollys Kochkünsten profitieren zu können.
Doch als Tonks auf den alten Kaminrost trat und sich in der verwaisten, dunklen Küche umsah, wurde ihr klar, dass die Weasley mitlerweile entweder in Hogwarts oder daheim im Fuchsbau waren. Sie hatten ein Leben außerhalb des Ordens, Pflichten, Familie.
Enttäuscht trottete Tonks zur Speisekammer. Sie hatte so großen Hunger, dass sie mit ihrer eigenen kulinarischen Kreativität Vorlieb nehmen musste.
Mühsam tastete sie sich durch die spärlichen Vorräte. Erst ohne die Hilfe eines Lumoszaubers fiel ihr auf, wie dunkel es hier drin war.
„Kommt rotzfrech reingeplatzt. Schleicht herum. Stiehlt Essen." Kreacher lauerte vor der offenen Schranktür und beschimpfte sie kontinuierlich weiter.
Tonks ignorierte ihn, so gut sie konnte, griff nach Toast und Butterbier und setzte sich an den Küchentisch. Die Aussicht, das Brot ohne Zauberstab in einer Pfanne zu erhitzen, war so entmutigend, dass sie sich die Scheiben einfach so in den Mund stopfte. Dazu trank sie große Schlucke Bier. Sie fühlte sich wie Mundungus, der den Tag ebenfalls gerne mit Alkohol begann.
„Trinkt und isst. Spaziert herum, als würde ihr das Haus gehören. Meine arme Herrin … wenn sie nur wüsste ..."
„Kreacher, bitte! Lass mich allein." Tonks versuchte, ihre Stimme nicht allzu gereizt klingen zu lassen, auch wenn dieser Elf sie langsam in den Wahnsinn trieb.
Die Kreatur grinste nur triumphierend und fuhr fort, Tonks zu provozieren. „Kreacher nimmt keine Befehle von einem schmutzigen Halbblut an. Schon gar nicht von einem wie diesem. Alles, was es anfasst, endet in einer Katastrophe. Wenn Kreachers arme Herrin nur wüsste ..."
Tonks ertrug es nicht länger. Langsam stand sie auf und ging drohend auf Kreacher zu. „Was hast du gesagt? Alles, was ich anfasse …?" Sie blieb mit dem Fuß an einem Stuhl hängen, warf ihn um und fegte, beim Versuch, ihn aufzufangen, auch noch die Flasche Butterbier vom Tisch.
Kreacher konnte vor Lachen kaum an sich halten. Heiser prustend stützte er sich in sicherer Entfernung an einem Tischbein ab.
„Du!" Tonks griff in ihre Jackentasche und fand … nichts. Kein Zauberstab. Verzweifelt und wütend über diese Erkenntnis, brüllte sie Kreacher an: „Kreacher, halt die Klappe! Hörst du, halt einfach deine beschissene Klappe!"
Der Elf verstummte überrascht und wich unsicher Richtung Küchenzeile zurück.
Tonks stampfte auf ihn zu. „Ja genau, hau ruhig ab! HAU ENDLICH AB!"
Blitzschnell war Kreacher in dem Schrank unter dem Boiler verschwunden.
Im selben Moment flog die Küchentür auf und Sirius stürmte in die Küche. „Verdammt, was ist hier los?" Mit zerrauftem Haar und wildem Blick sah er sich um. „Tonks!" Er starrte sie völlig verdattert an. „Was machst du hier?"
Die Frage war nur zu verständlich und vermutlich weniger rüde gemeint, als sie klang.
Immerhin hatte Kingsley dem Rest des Ordens wahrscheinlich von Tonks' Himmelfahrtskommando erzählt. Sie wurde rot, wenn sie nur daran dachte, wie sie alle über ihre absolut hirnrissige Aktion denken mussten.
Bevor Tonks irgendwas erklären konnte, hörten sie Schritte auf der Treppe. „Was ist los, Tatze?" Remus betrat die Küche.
„Wer schreit da –?" Er brach ab. Sein Gesicht wurde kreidebleich und er musste sich am Türrahmen abstützen. Ein seltsames, trockenes Schluchzen entrang sich seiner Brust. Mit wenigen langen Schritten war er bei Tonks, schloss sie fest in die Arme. „Es geht dir gut. Kingsley hat gesagt, sie würden … aber es geht dir gut." Seine Stimme klang äußerst belegt.
Etwas steif erwiderte Tonks die Umarmung. Sie hörte Remus' schnellen Herzschlag und spürte die unregelmäßigen Atemzüge, die stoßweise aus ihm herausbrachen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, um ihn zu beruhigen.
Glücklicherweise überhäufte Sirius sie mit allerhand Fragen, scheinbar vollkommen unbeeindruckt von der heftigen Reaktion seines Freundes. „Wie hat Kingsley dich raus geholt? Bist du eigentlich bescheuert, da nur mit Mad-Eye reinzugehen? Wo ist er überhaupt? Wurdest du verhört? Von wem?"
In Remus' Augen konnte Tonks dieselben Fragen lesen. Und da war noch mehr. Etwas wie 'Geht es dir wirklich gut?' oder 'Wieso hast du nicht auf mich gehört?'.
Ja, das war Tonks ebenfalls ein Rätsel.
„Es tut mir Leid.", sagte sie mit aller Aufrichtigkeit. Sie spürte zum zweiten Mal an diesem Tag Tränen in sich aufsteigen. Bevor sie sie am Sprechen hindern konnten, fügte sie hinzu: „Ich hab's vermasselt. Es tut mir so Leid, Remus ..."
Ohne sie ausreden zu lassen, zog er ihren Kopf wieder an seine Brust, wo Tonks ihren Tränen freien Lauf ließ. Sie hoffte so sehr, dass diese versöhnliche Geste bedeutete, dass Remus ihr ihre dumme Sturheit nicht nachtrug.
Er hatte von Anfang an Recht gehabt. Was Tonks getan hatte, wäre auch dann unverzeihlich blöd und riskant gewesen, wenn sie nicht erwischt worden wäre. Und so sinnlos! Sturgis war immer noch in dieser Zelle. Vermutlich wurde sein Abtransport nach Askaban wegen Tonks' Pfuscherei sogar noch beschleunigt. Sie hatte alles aufs Spiel gesetzt und jetzt stand sie mit leeren Händen da … Nur, dass das nicht ganz zutraf.
Und Tonks fiel das Entscheidende, was sie in der vergangenen Nacht erfahren hatte, wieder ein.
Wie von der Tarantel gestochen hüpfte sie ein Stück zurück, aus Remus Armen. „Sturgis Podmore steht unter einem Imperius-Fluch!"
Ohne die Reaktion der beiden abzuwarten, plapperte sie weiter: „Ich weiß nicht, wieso sie es bisher noch nicht bemerkt haben, aber das würde erklären, wieso er sich Zutritt zur Mysteriumsabeilung verschaffen wollte. Oder vielmehr sollte … nicht wollte, sondern musste!" Sie spürte, wie ihre Wangen sich vor Aufregung röteten. „Er wird noch einmal überprüft. Sie können ihn so einfach nicht für schuldig erklären! Er kommt nicht nach Askaban!"
Überschwängliche Freude, so wie Tonks es erwartet hatte, war auf den Gesichtern ihrer Freunde nicht zu sehen. Ihren Mienen nach zu schließen waren sie sich nicht einmal sicher, ob sie ihr glauben sollten.
Schließlich ließ Remus sich zu einem Lächeln hinreißen. „Das sind gute Neuigkeiten. Aber auch ziemlich … besorgniserregend."
„Welches Schwein hat ihn nur dazu gebracht?" Sirius wedelte, scheinbar ohne nachzudenken, mit dem Zauberstab und beseitigte so die zerbrochenen Überreste von Tonks' Butterbierflasche vom Boden.
„Malfoy!" Tonks begann unruhige auf und ab zu gehen. „Nicht wahr, Remus? Es muss Malfoy gewesen sein. Er hat versucht, Sturgis zu erpressen. Als das nicht geklappt hat, hat er ihn einfach verflucht." Beim Gedanken an das überhebliche Gebaren von Lucius Malfoy, der glaubte, ungestraft durchs Ministerium spazieren zu können, um unverzeihliche Flüche auszusprechen, packte sie kalte Wut.
Sirius, der weniger mit den Machtstrukturen des Ministeriums vertraut war, sah sie fragend an. „Malfoy … heißt so nicht Zissys Ehemann?"
Tonks nickte stumm.
„... Was ihn zu deinem Onkel macht.", fügte Sirius amüsiert hinzu.
Augenrollend erwiderte sie: „Ja und Bellatrix Lestrange, die Verrückte, ist meine Tante. Nicht zu vergessen, Sirius Black, der Massenmörder, der mein Großcousin ist. Ich würde sagen, familientechnisch habe ich auf ganzer Linie einfach Pech gehabt."
Sirius lachte bellend. „Das ist wohl war!"
Remus schien ihr Gespräch hingegen nur mit halbem Ohr verfolgt zu haben. Seine Augen ruhten immer noch auf Tonks, so als könnte er nicht glauben, dass sie tatsächlich da war. Endlich meldete auch er sich zu Wort: „Du siehst müde aus. Willst du dich vielleicht im Salon ein bisschen hinlegen?"
Er meinst es gut, aber Tonks wollte gerade wirklich nicht allein in einem Zimmer unter der Beobachtung ihrer engstirnigen Ahnen sein. Aber Remus hatte Recht, es fehlte nicht viel und sie würde sich, wo sie stand, auf dem Boden ausstrecken und einschlafen.
„Nein, ich gehe lieber nach Hause …"
Sofort lenkte Remus ein. „Apparierst du? Ich begleite dich hoch."
Tonks zögerte. „Nein … Ich denke nicht, dass ich apparieren werde. Sirius, du weißt doch sicher, wo die nächste U-Bahnstation ist?"
Er nickte mit hochgezogenen Augenbrauen. „Nur vor zur Hauptstraße und dann –"
„Bei Merlin, wieso willst du denn die Bahn nehmen?", wollte Remus ungläubig wissen. „Du bist zu erschöpft für solche Abenteuer."
Gut möglich, dass er Recht hatte. Aber im Moment kam für Tonks kein magisches Transportmittel in Frage. Ohne ihren Zauberstab konnte sie nicht einmal den Fahrenden Ritter rufen. Abgesehen davon hatte sie – wie ihr nun einfiel – weder Zauberer- noch Muggelgeld bei sich, um ihre Heimfahrt zu bezahlen.
Vielleicht sollte sie einfach laufen …
„Ich komme klar, macht euch keine Sorgen … Bis bald, Sirius. Remus." Hastig verdrückte sie sich aus der Küche und lief hinauf in die Eingangshalle. Dass sie nicht zaubern konnte, wurde allmählich ein richtig großes Problem. Zwar wusste sie, in welcher Straße sie wohnte, aber wie sie zu Fuß dorthin gelangen sollte, war ihr schleierhaft. Ihre Ortskenntnis von London war peinlich lückenhaft.
Tonks überlegte schon, Bill – der vermutlich gerade in der Winkelgasse unterwegs war – eine Eule zu schicken, damit er sie abholte, als Remus sie einholte und prüfend musterte.
„Was ist los?"
In der Einsicht, dass sie die Situation im Augenblick allein nicht meistern konnte, hob Tonks ergeben die Schultern. „Ich habe keinen Zauberstab."
Remus riss die Augen auf. „Wie bitte? Ist das die Strafe, die über dich verhängt wurde?"
Tonks nickte kläglich. „Ich kriege ihn nächsten Monat wieder.", gestand sie.
Drauf und dran, sie wieder in den Arm zu nehmen, besann Remus sich offenbar eines Besseren. Er nahm ihre Hand. „Komm, ich bring dich heim."
Gemeinsam traten sie hinaus in den wolkenverhangenen Septembermorgen, nur, um im Bruchteil einer Sekunde spurlos von den Steinstufen des Hauses zu verschwinden.
