Zurück nach Denali
Bellas POV
Der schönste Abend, seit unserer Zeit in Highlands, findet ein jähes Ende. Nach ungefähr einem halben Jahr Frieden und Ruhe, vor allem Ärger, ist unsere Familie wieder in Gefahr.
Ungefähr fünf Minuten stehen wir nur da und schauen uns gegenseitig an. Keiner kann es fassen. Renesmee kämpft erneut mit den Tränen, doch sie versucht tapfer zu sein und schluckt sie runter.
„Wer wird es sein?", fragt Esme.
Ich kann mir nur eine Gruppe Vampire vorstellen, die sich nach Rache an uns sehnen. Kein anderer Zirkel, als die Volturi sind mit uns so verfeindet wie sie. Und die die Mittel haben, den Denalis das an zu tun, was man auf dem Bild erkennen kann.
„Alec", meldet sich Renesmee leise.
Sie schaut mich mit ihren großen, braunen Augen an, als ein Flashback in mir erwacht.
Die Straßen von Volterra in einer ganz bestimmten Gasse. Jane, eine von Aros Wachen, wird von einem Blitz getroffen, der sie Sekunden später in Milliarden kleine Staubpartikel verwandelt. Wölfe, Cullens, Denalis und die anderen Vampire, die uns zur Hilfe kamen, stehen den Volturi gegenüber, die geschockt auf Janes Asche schauen.
„Ich würde sagen, Jane ist Geschichte", höre ich jemanden sagen. Ich glaube, es war Emmett.
„Du bist frei Renesmee", hört man dann einen verängstigten Aro.
Aber es ist nicht Aro, der meine Aufmerksamkeit erregt. Alec. Der Bruder von Jane. Er schaut wutentbrannt in unsere Richtung. Vielmehr brennen seine blutroten Augen auf Renesmee, als er sagt:
„Du wirst dafür büßen, Renesmee Cullen. Eines Tages kriege ich dich dafür doch, was du meiner Schwester angetan hast."
Man sieht ihn nur noch in der Gasse verschwinden. Und der Flashback ist vorüber.
„Ich wusste, der Tag würde kommen, aber nicht so schnell. Damals konnte ich in seinen Augen sehen, dass es nicht nur daher gesagt war. Er würde es vollziehen. Mich büßen lassen, für die Vernichtung seiner Schwester. Seiner einzigen Familie die er wohl hatte."
Wir schauen alle geschockt zu Renesmee. Sie sagt es, als hätte sie wirklich auf den Tag gewartet. Sie wirkt gelassener als wir alle, was mir Sorge bereitet. Ihr Blick wandert zu Edward.
„Ich muss büßen, für das, was ich getan habe."
„NEIN!", brüllt Scott und fliegt an Renesmees Seite.
„Hast du vergessen, was sie mir angetan hat? Was sie dir angetan hat? Du kommst doch auch nicht ins Gefängnis, wenn du jemanden aus Notwehr getötet hast", findet er die Worte, die mir nicht über die Lippen wollen.
„Das ist…"
„Nein, das ist nichts anderes. Sie hat bekommen, was sie verdient hatte. Die anderen sind nur entkommen, Renesmee. Du bist hier nicht die Schuldige. Hör auf damit."
Wir alle sind geschockt von Scotts Worten, die er ohne Rücksicht aussprach. Aber er hat recht. Renesmee schaut ihn erst böse an, aber als seine Worte abklingen, wirft sie sich in seine Arme.
„Es geht niemand ans Telefon", berichtet Jasper, der sein Handy am Ohr hat.
„Also sind die Bilder echt. Wir müssen nach Denali, um zu sehen, was vor sich geht", sagt ein nachdenklicher Carlisle.
„Sie leiden", kommt es von Alice gequält.
„Ich konnte nicht sehen, was sie ihnen antun und ob es wirklich Alec und die Volturi sind, aber die quälen sie aufs äußerste."
Ich habe Alice genau beobachtet und irgendwas verschweigt sie uns. Ein Blick zu Edward sagt mir, dass ich recht habe.
„Renesmee, Scott, geht ein paar Sachen packen", sagt er, ohne den Blick von Alice zu nehmen.
„Aber…"
„Kommt, ich helfe euch", unterbricht Esme Renesmees Protest und schiebt sie mit Scott nach oben, wo sie schon bald aus der Hörweite sind.
„Was verschweigst du uns, Alice?"
„Auch wenn wir uns jetzt sofort auf den Weg machen, wird es für einen der Denalis zu spät sein. Einer wird sterben, ich kann nur nicht genau sehen, wer. Auf jeden Fall eine Frau."
Sofort gehen mir Tanya, Carmen, Irina und Kate durch den Kopf. Eine von ihnen müsse ihr Leben lassen? Der Gedanke versetzt mir einen Stich in die Brust.
„Kannst du in unserer Zukunft etwas bedeutsames sehen?", fragt Carlisle.
Jasper merkt, unter welchem Druck Alice mal wieder steht und zieht sie in seine Arme. Seine Fähigkeiten bekomme auch ich zu spüren und etwas Furcht fällt von mir ab.
„Nein. Sie sind alle offen. Wir alle sind in Gefahr, befürchte ich", antwortet Alice betrübt.
„Sollten wir dann nicht lieber fort bleiben, von Denali?", wirft Rose ein.
Kaum, dass sie die Entscheidung getroffen hat, bekommt Alice eine Vision. Ihre Augen, als die Vision endet, würden mich in meinen schlimmsten Albträumen verfolgen, würde ich noch schlafen können.
„Dann werden sie alle vernichtet. Und sind sie mit ihnen fertig, werden sie den nächsten Zirkel vernichten. Wir müssen sie aufhalten."
Alice Aussage geht mir durch Knochen und Mark. Ich kann Rosalie verstehen, aber wir können nicht zulassen, das unseretwegen ganze Zirkel vernichtet werden. Nie war ich eine Kämpferin, verglichen mit Jasper, Emmett und Edward, dennoch kann ich es nicht mit ansehen. Zumal wir anscheinend auch noch der Auslöser sind.
Ich bin mir sicher, dass es keine Unbekannten für mich sind. Renesmee hat es gesagt und ich bin da ihrer Meinung, dass es die Volturi sind. Ich kann mich an keine anderen Vampire entsinnen, die so bestialisch sind.
„Sollten wir nicht Renesmee und Scott hierlassen?", mische ich mich mit ein.
Ich werde es nicht nochmal durchstehen, sie so leiden zu sehen, wie damals in Volterra. Beide sind sie noch so unerfahren, auch wenn sie die besten Lehrer haben.
„Bella, ich kann verstehen, dass du dir um Renesmee Sorgen machst. Aber wenn es hart auf hart kommt, werden wir sie brauchen. Du hast mit eigenen Augen gesehen, wozu sie fähig ist."
„Renesmee ist doch keine Waffe, die man raus holt, wenn man sie braucht", wüte ich über Carlisles Worte.
„Du solltest mich besser kennen, als dass ich meine eigene Enkelin benutzte. Es geht hier nicht nur um sie."
Ich wollte Carlisle ganz sicher nicht verletzen, aber so, wie er mich anschaut, habe ich es geschafft.
„Mach dir keine Gedanken, Bella. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, Renesmee in diese Gefahr zu bringen. Aber wir brauchen sie."
Ich nicke ihm nur zu, nicht fähig, etwas zu sagen. Edward nimmt mich seitlich in den Arm und ich kann seine Intensität spüren. Ihm geht es nicht anders als mir. Aber anders als ich, konnte er schon in Carlisles Gedanken sein Bedauern sehen, darüber, Renesmee in diesen Kampf zu schicken.
„Lasst uns schnell die wichtigsten Sachen packen, die wir brauchen. Unsere Freunde brauchen uns jetzt, wie wir sie gebraucht haben. Wir sollten keine Zeit verschwenden."
Und so machen wir uns alle auf. Innerhalb fünf Minuten sind wir alle bereit, obwohl keiner die heile Welt von Highlands verlassen will. Und so wie Renesmee sich an Scott klammert, sie am wenigsten. Carlisle gibt ihr noch eine Ration Blut, um auf alles vorbereitet zu sein.
Mit dem Privatjet geht es Richtung Alaska. Der Flug kann schlimmer nicht sein. Alle sind angespannt und in Sorge, was uns dort erwartet. Nicht Gutes, das ist uns bewusst. Mittlerweile hat Renesmee sich an ihren Vater und mich geklammert. Als ahne sie Schlimmes.
Scott hat mit Jasper und Emmett die Köpfe zusammengesteckt und bereden alle Eventualitäten. Nicht mal Emmett kann sich auf diesen möglichen Kampf freuen. Alle wissen, dass Unheil über unsere große Familie kommen könnte. Rosalie nimmt es dabei am meisten mit.
In dem letzten halben Jahr lernte ich erneut eine neue Seite von Rose kennen, die man lieber nicht haben konnte. Denn sie fühlte sich endlich mal, mit Ausnahme des Jagens, nicht als Vampir. Wir sind eine Familie, bestehend aus mittlerweile zehn individuellen Vampiren. Die sich trotz ihren unterschiedlichen Eigenschaften so sehr lieben. So wie es sich Rosalie immer wünschte.
Alice hat sich als einzige in eine Ecke verzogen. Sie versucht wie besessen eine weitere Vision zu bekommen und ich kann sehen, wie sehr es meiner besten Freundin und Schwester zusetzt. Ich löse mich von Renesmee und Edward, die mich beide verwirrt anschauen. So sehr mich die beiden brauchen, und wenn ich in Renesmees Augen sehe, vor allem sie, möchte ich Alice beistehen, auch wenn sie bisher jeglichen Beistand abwimmelte.
Ich deute meinen beiden Liebsten zu Alice und sie verstehen sofort. Doch bevor ich mich endgültig lösen kann, zieht mich Renesmee nochmal in ihre Arme und drückt mich so fest sie kann. Sie sagt kein Wort, aber diese Geste sagt mehr als tausend Worte. Mit einem Kuss auf ihre Stirn und auch einen für Edward, setze ich mich gegenüber von Alice.
Sie nimmt mich noch nicht wirklich wahr. Ihre Knie hat sie an ihre Brust gezogen und ihr Gesicht in ihre Arme vergraben, die auf ihren Knien ruhen. Sie ist völlig in sich gekehrt und hoch konzentriert. Im ersten Moment weiß ich nicht, was ich tun kann, um ihr zu helfen.
Ich greife nach ihrer kleinen Hand und drücke sie sanft. Als Antwort drückt sie nur sanft zurück, hält aber meine Hand nun fester als zuvor. Was mir zeigt, dass ihr meine Präsenz nicht unerwünscht ist. Drum setze ich mich neben sie, weiterhin ihre Hand haltend und ziehe sie an meine Schulter.
Sicher kann ich ihr nicht helfen, eine Vision zu bekommen, das kann niemand. Aber ich kann ihr den Druck nehmen, den sie sich selbst auferlegt.
„Wir lieben dich alle, Alice. Vergiss das nie. Niemand wird es dir übel nehmen, wenn du keine Vision mehr bekommst. Was immer auch kommt, wir werden es überstehen."
Alice lugt ganz kurz unter ihrem ‚Versteck' hervor und lächelt mir zu.
„Danke, Bella."
Und schon vergräbt sie sich wieder, woraufhin ich sie nur enger an mich ziehe. Jasper schaut mich fast entschuldigend an. Ich weiß genau, dass er jetzt denkt, dass es eigentlich seine Aufgabe wäre, Alice beizustehen. Aber wir haben alle unsere Spezialitäten. Und Jasper ist nun mal der Kampferprobteste. Deshalb freut es mich, dass ich Alice somit helfen kann.
Ich lächle ihm nur zu und versuche ihm meine Freude zu zeigen, dass sich Alice von mir helfen lässt. Er nickt mir zu und widmet sich wieder seiner Runde, der nun auch Edward und Carlisle beigetreten sind. Rosalie und Esme kümmern sich um Renesmee. Wobei es da nicht viel zu tun gibt, denn meine Tochter schläft mal wieder, in den Armen ihrer Großmutter, während Rosalie mit Renesmees Haaren spielt.
Ich versuche mir so meine eigenen Gedanken zu machen, was auf uns zukommen könnte. Was in Denali auf uns wartet. Das eine von den Denalis-Frauen sterben wird, zeigt, wie ernst und wie gefährlich es werden wird.
Natürlich geht meine Sorge um meine ganze Familie. Aber doch am meisten um Renesmee, meine Tochter, mein eigen Fleisch und Blut. Sie hat schon so viel durchmachen müssen und es erstaunt mich immer wieder, wie sie ihr Lachen wiederfindet.
Wobei es in einer Familie mit Alice und Emmett eigentlich nicht schwer fällt. Die ganze Familie hält in solchen Momenten zusammen.
Am Flughafen angekommen, bilden sich wieder die gewohnten Paare, wobei es ein Vierer-Pärchen gibt, denn Renesmee weicht nicht mehr von der Seite ihres Vaters und Scott nicht von ihrer. Renesmee fühlt sich eben genauso sicher bei Edward, wie ich. Als könnte er Böses und Schreckliches abweisen und uns vor allem beschützen.
Das hat er nun davon. Hat seine manchmal überbeschützende Art uns doch geprägt. Aber so wie Edward Renesmee und mich wieder ansieht, hat man das Gefühl, nichts könnte passieren. Alles wird gut.
Die Realität wird uns aber schon bald einholen. Mit Leihwagen fahren wir noch an den Waldrand Denalis, wo wir sie verstecken und den Rest des Weges zum Denali-Schloss laufen. Auch wenn protestierend, nimmt Scott seine Freundin Huckepack. Carlisle und Edward sind der Meinung, dass sie jede Energie sparen sollte, die sie kann. Ich denke, sie befürchten das Schlimmste, was mir den Magen umdrehen lässt.
Schon als wir das Schloss erreichen, wird uns bewusst, dass Alice Vision und das Bild mit der Notiz, kein Traum war, denn das Schloss ist so dunkel wie nie. Normalerweise leuchten in allen Zimmern die prunken Kronleuchter. Auch der sonst so blühende Garten gleicht einer Einöde voller Unkraut.
„Wer immer auch die Denalis gefangen hält, muss schon länger hier sein. Carmen würde ihren Garten nie so eingehen lassen", spricht Esme meine Gedanken aus.
Was das angeht, sind sich Esme und Carmen sehr gleich. Sie lieben die Arbeit am und im Haus.
Plötzlich gehen die Türen des Schlosses auf. Niemand steht da, dennoch wird uns bewusst, wir werden erwartet.
„Kannst du etwas hören, Edward?", fragt Carlisle.
„Es ist Alec", antwortet er mit zusammengebissenen Zähnen.
Renesmees Wimmern bestätigen die Gedanken nur noch einmal. Auch wenn sie es mir nie sagte, weiß ich, dass Janes Bruder ihr öfter in ihren Träumen nachjagte. Dafür ist sie viel zu sehr wie ich und redet im Schlaf. Und ich kenne keinen Alec, der ihr solche Angst einjagen kann.
„Er will, dass wir reinkommen und uns stellen."
„Ist es nicht vielleicht doch besser, wenn wir Renesmee nicht mit reinnehmen?", mische ich mich ein, denn der Ernst der Lage wird mir immer bewusster und die Angst um meine Tochter größer.
„Nein. Komme ich nicht mit rein, werden alle sterben. Das kann ich nicht zulassen", sagt Renesmee in einem Ton, der mich erschaudern lässt.
Ihre Augen gehen starr Richtung Tür. Nichts wird sie mehr aufhalten. Auch nicht ihre flehende Mutter. Also bleibt mir nicht anderes über, als mich dem zu beugen und alles dafür tun, um Renesmee zu beschützen.
Langsamer als gewohnt gehen wir ins Schloss, die bekannte lange Treppe hinauf. Edward und Renesmee gehen voran. Ihre Gedanken zeigen ihnen den Weg, der alles zum Ballsaal deutet, der allerdings nur als Trainingsraum genutzt wurde. Wird es die heutige Kampfarena sein?
Wir haben den Saal noch gar nicht richtig erreicht, da kann ich schon Kate und Irina an die Wand gepresst sehen. Sie hängen in Ketten, wie Sklaven aus dem Mittelalter in den Kerkern.
„Sind es die gleichen Fesseln, wie im Keller der Volturi?", fragt Emmett.
Edward und Renesmee nicken. Ich erkenne die beiden kaum wieder. Nichts mehr zu sehen von meinem kleinen Mädchen. Sie gleicht momentan eher einer Kämpferin auf Mission. Kaum, dass wir ganz den Raum betreten haben, sehe ich alle Denalis. Alle gefesselt. Alle sehen mitgenommen aus. Sie müssen einiges durchgemacht haben.
Esme will zu Carmen, doch bevor sie nur zwei Meter an sie rankommt, fliegt sie quer durch den Raum und endet an der Wand. Wie erstarrt blicken wir ihr hinterher. Nur Carlisle reagiert sofort und ist an Esmes Seite. Es ist für mich eine noch nie da gewesene Situation.
Esme dort liegen zu sehen, unter Schmerzen, zerreißt mir das Herz. In Carlisles Augen spiegeln sich meine Gefühle wieder. Seine Frau verletzt am Boden zu sehen, muss für ihn eine Qual sein. Nur gut, dass sie ein Vampir ist und sich Sekunden später wieder erholt hat.
Ein Blick in die Gesichter der Denalis zeichnet ab, unter welche Qualen sie leiden mussten. Sie tragen keine körperlichen Schäden, aber dennoch ist es ihnen anzusehen.
Mein Schild hat sich schon fast wie von selbst über meine Familie gelegt, auch wenn es nicht verhindern konnte, dass Esme durch den Raum flog.
Noch konnten wir nicht ausmachen, wie es passierte. Niemand anderes ist im Raum. Erst jetzt fällt mir auf, dass wirklich nur die Denalis und die Geschwister Tyra und Dolton gefangen sind. Aber wo sind die anderen Vampire?
„Tot", antwortet Edward auf meine Frage, die sich sicher auch alle anderen gestellt haben.
Und kaum, dass Edward seine Stimme erhob, geht eine weitere Tür auf und niemand anderes als Alec kommt hinein. Gefolgt von Vampiren die ich nicht kenne. Auf jeden Fall sind auch neugeborene Vampire dabei. Aber keiner der Volturi. Aro muss Wort gehalten haben, uns nicht noch Mal anzugreifen.
Nichts mehr ist zu sehen von dem jungen Alec. Er mag zwar noch immer so jung aussehen wie damals, aber dafür viel verbitterter. Seine Augen auf niemand anderes als Renesmee gerichtet. Könnten Blicke töten, es wäre Renesmees Ende.
Sie greift nach meiner Hand, um unser gemeinsames Schild zu bilden. Das bringt ein müdes Lächeln auf Alecs Gesicht.
„Das wird euch nicht lange helfen", meint er sicher.
„Warum tust du das den Denalis an? Sie haben dir nichts getan", meldet sich Renesmee zu Wort.
„Nichts getan? tst.. Sie haben dich und deine Familie unterstützt. Sie sind mit schuldig, dass meine Schwester tot ist. Sie büßen genauso, wie du es tun wirst, nur habe ich für dich die besonders schmerzvolle Weise aufgehoben", lacht er und bringt Renesmee zum zusammenzucken.
Bis auf Alice, Esme und mir, muss er sich dem wütenden Geknurre der Familie stellen. Esme, Alice und ich sind wohl zu geschockt. Wobei mich sein dreckiges Lachen ebenfalls sehr wütend macht.
„Aber nicht sie haben Jane getötet. Das war allein ich", sagt Renesmee mit einem Lächeln im Gesicht, das mir Sorge bereitet.
Was tut sie da? Will sie ihn noch mehr reizen? Seine ganze Wut auf sich leiten?
Natürlich. Sie will uns beschützen.
Ich werfe ihr einen flehenden Blick zu, doch sie reagiert gar nicht. Ihr Blick weicht nicht von Alec.
„Mach mit mir was du willst, aber lass die anderen gehen."
„NEIN", grollt es nicht nur aus meiner Kehle.
„Keine Sorge Cullens. Nur die alles geliebte Renesmee zu töten, wäre keine Rache für mich. Um mich zu rächen, werde ich dir das antun, was du mir angetan hast, nur werde ich es dir mehrfach zurück zahlen", sagt er und rückt Renesmee immer näher.
„Ich werde einen nach dem anderen quälen. Sie werden leiden und du wirst zusehen, wie dann einer nach dem anderen stirbt. Und es wird deine Schuld sein", zischt er sie an.
Seine blutroten Augen funkeln vor Wut und man hat das Gefühl, er könnte durch sie uns Schmerz zufügen. Er versucht es erst gar nicht, seine Fähigkeit anzuwenden.
„Darf ich euch vorstellen? Das ist Levin. Levin und ich sind beste Freunde, seitdem wir herausgefunden haben, dass wir etwas gemeinsam haben."
Ich weiß natürlich nicht, wovon er redet Jasper ist plötzlich ganz verkrampft. Seine gefletschten Zähne zeigen mir, welche Wut in ihm tobt, nachdem er den Namen Levin hörte.
„Wir haben beide die Familie Cullen als Feind und wünschen uns nichts sehnlichster, als sie zu vernichten, nicht wahr?"
Levin nickt seinem Freund nur zu.
„Wie ich sehe, hat euch Jasper noch nicht aufgeklärt, wer Levin ist und was er wohl gegen euch haben könnte? Na Edward und die liebe Renesmee wissen es mittlerweile. Aber klär doch die andere mal auf", sagte Alec mit seinem süffisanten Lächeln.
Im Gesicht der Anderen kann ich sehen, dass sie genauso unwissend sind wie ich. Aber am meisten überrascht mich Alice verdutztes Gesicht. Die beiden sind der Inbegriff von Liebe. Würde man bei Wiki Traumpaar als Schlagwort eingeben, müsste dort ein Bild der beiden prangen. Und Geheimnisse, so dachte ich, haben die beiden nicht voreinander.
Alice wirft ihrem Mann einen fragenden Blick zu, der daraufhin ihre Hand nimmt, aber ihr nicht in die Augen sehen kann. Was kann so schlimm sein?
„Zu meiner Zeit, als ich noch Maria diente, gab es eine Vampirin namens Elenor", begann er und Alice scheint eine Ahnung zu haben, worauf er hinaus will.
„Was ich bis dahin für unmöglich hielt, war, dass sie die gleiche Fähigkeit hatte wie ich. Dadurch lernten wir uns besser kennen und kamen uns näher", sagt er und blickt Alice diesmal in die Augen.
Es ist zwar nicht ihr gewohntes liebevolles Lächeln, dennoch ist keine Enttäuschung in ihrem Gesicht zu erkennen. Sie drückt seine Hand und zeigt ihm somit ihre Liebe, die über alles hinaus geht.
„Sie verliebte sich in mich. Ihre Gefühle waren unbeschreiblich, da ich sie von einem anderem Empath noch intensiver spürte. Dadurch konnte ich ihr kaum widerstehen. Und als ich ihr völlig erlegen war, zeigte sie mir ihr wahres Gesicht."
Jasper schaute wütend zu Alec und Levin. Ich hätte wetten können, dass er gleich Feuer speit, so schnaufte er.
„Sie war ein Spion, für eine Gruppe Vampire, die Maria und ihr Gefolge vernichten wollten. Mich eingeschlossen. Damals war Maria noch mein Befehlshaber und ich hab sie bis auf mein Leben verteidigt. Elenor hätte sie vernichtet, wenn ich sie nicht daran gehindert hätte…"
„Du hast meine Schwester getötet, obwohl du sie geliebt hast", schrie Levin.
Jetzt wird mir einiges bewusst. Da haben er und Alec wirklich etwas gemeinsam. Beide haben sie ihre Schwestern durch die Hand eines unserer Familienmitglieder verloren. Wobei die Schwestern nicht unschuldig starben. Ich weiß von Janes Vergangenheit und die von Elenor kann ich nur erahnen.
Damals war es nun mal eine andere Zeit. Der Rest der Familie mag zwar enttäuscht sein, dass sie nichts davon wussten, wir stehen aber dennoch alle hinter Jasper. Dies ist seine Vergangenheit. Wir kennen den wahren Jasper, der unter Maria Sachen machte, die er eigentlich nicht wollte. Und sicher auch nicht den Tod von Levins Schwester. Denn es ist Jasper ins Gesicht geschrieben, wie sehr er es bereut.
Das bringt uns allerdings nicht aus dieser Lage.
Auf einmal merke ich, wie ein starker Energieschwall auf unser Schild trifft. Und ich merke, wie sehr es Renesmee zusetzt. Aber wir halten stand. Ich drücke weiter ihre Hand, so wie Edward nun ihre andere, was ihr zusätzlich Energie zu geben scheint.
„OK. Ich muss zugeben, du bist stärker geworden, Renesmee Cullen", sagt Alec.
„Aber wir wissen doch alles, was für ein Sensibelchen du bist. Levin."
Dieser dreht sich zu den Denalis um. Mit einer Handbewegung bringt er ihnen Schmerz bei, der schlimmer nicht sein kann. Ihre Schreie sind unerträglich. Ich merke, wie Renesmee am liebsten losstürmen möchte, doch ich lasse sie nicht los.
„Hör auf", schreit sie.
Und als würde er auf sie hören, lässt Levin ab. Alec geht stattdessen auf Tyra zu, die ziemlich mitgenommen aussieht. Zu schwach, um ihre Kraft des Zeitanhaltens, einzusetzen.
Er löst ihre Ketten, die innen glühen. Ich will gar nicht wissen, was es für Fesseln sind, die solche Kraft haben müssen, dass selbst wir Vampire sie nicht durchbrechen können.
Tyra fällt auf die Knie und schaut uns gequält an. Ihr Blick bleibt auf Renesmee hängen, die zusammenzuckt, wohl der Gedanken ihrer besten Freundin. Alec und Levin schauen sich an und grinsen sich zu.
„Nein, nein. Das könnt ihr nicht machen. Bitte tut das nicht. Sie hat nichts damit zu tun", fleht Renesmee neben mir, ihr Blick voller Trauer. Edward sieht nicht anders aus.
Was auch immer Alec und Levin in den Gedanken spielten, es ist nichts Gutes. Und kaum, dass ich es dachte, hebt Levin seine Hand. Tyra schreit urplötzlich auf, es schmerzt in den Ohren. Noch kann ich nicht ausmachen, was er für eine Kraft hat, aber ich weiß schon jetzt, dass er sehr mächtig ist.
„Bitte", fleht Renesmee weiter.
Doch das scheint die beiden nicht zu interessieren. Alec deutet zwei weiteren Vampiren etwas zu, die daraufhin ein Feuer entfachen. Ich muss mittlerweile Renesmees Hand festkrallen, damit sie sich nicht losreißt und somit das Schild auflöst.
Ich kann Jaspers Kraft spüren, der versucht, alle zu beruhigen, obwohl er selbst gerade noch ziemlich geschockt ist, von der Anwesenheit Levins. Dieser macht eine weitere Bewegung mit seiner Hand, und Tyras Kopf löst sich vom Rest ihrer Körpers. Mit einem ‚wumm' fällt er auf den Boden und rollt in unsere Richtung. Als er stehen bleibt, blicken uns ihre Augen noch immer entsetzt an. Ich weiß nicht wie, aber mir wird plötzlich ganz schlecht.
Ein entsetzlicher Schrei hallt durch den Raum. Als ich hoch schaue, von wem er kommt, sehe ich Dolton, wie ich ihn noch nie gesehen habe. Völlig am Ende, der sonst so selbstsichere, lustige junge Vampir.
Aber noch mehr schockt bzw. verängstigt mich die Reaktion meiner Tochter. Sie ist ganz still. Blickt auf den kopflosen Körper von Tyra, der bis eben noch aufrecht stand und dann zu Boden fällt. Als würde er Renesmee mitziehen, fällt sie auf die Knie. Noch immer kommt kein Ton von ihr.
Ich blicke Edward an, der genauso ratlos ist wie ich. Der Rest der Familie steht eben so geschockt da. Also war es nicht Carmen, Irina, Kate oder Tanya von den Denali-Frauen, sondern Tyra. Wir können nur noch starr mit ansehen, wie sie Tyras gepeinigten Körper ins Feuer werfen.
„Na, Renesmee, hat dir die Show gefallen? Hat es dir damals genau solchen Spaß gemacht, Jane zu töten?"
Noch immer halten Edward und ich Renesmees Hand, während sie ihren Kopf schüttelt. Natürlich hatte es ihr damals keinen Spaß gemacht. Monatelang hat sie es bereut, obwohl Jane, im Gegensatz zu Tyra, den Tod verdient hatte.
„ANTWORTE MIR!", brüllt Alec, und im selben Atemzug macht Levin erneut eine Handbewegung, die die restlichen Denalis zum Aufschreien bringt.
Und diesmal quält er sie auf eine andere Weise, indem er sie auseinander zieht und dabei auch die Gliedmaßen der geschwächten Denalis. Noch nie habe ich die sonst so hübsche und selbstbewusste Tanya so hilflos gesehen. Und noch nie wollte ich ihr so sehr helfen wie jetzt. Und wenn ich in die Gesichter meiner Familie schaue, weiß ich, dass es ihnen genauso geht. Aber wie sollen wir ihnen helfen, wenn wir dadurch unseren einzigen Schutz, mein und Renesmees Schild, dabei auflösen müssten? Wiederrum haben auch die Denalis ihr Leben für unseres riskiert.
„Alec hat dich gefragt, ob es dir gefallen hat", redet nun auch noch Levin auf meine Tochter ein, die nah am Zusammenbruch scheint.
Immer wieder spüre ich, wie fremde Energie auf unser Schild trifft und auch mir langsam meine Kräfte raubt. Ich weiß nicht, wie lange wir es noch standhalten können. Von Weitem nehme ich wahr, wie Eleazar uns auffordert, zu verschwinden, es gebe keine Hoffnung für sie. Doch würden wir sie jetzt sicher nicht ihrem Schicksal überlassen.
Als Renesmee noch immer nicht mit Worten antwortet, attackiert Levin erneut die Denalis. Mit Grauen müssen wir mit ansehen, wie durch das Zerren der Ketten, Irina ein Arm abgerissen wird. Ihr Schmerzensschrei ist so laut und qualvoll, dass ich mir die Ohren zuhalten möchte.
Und als wäre es ein Auslöser bei Renesmee, steht sie auf und schaut Alec wutentbrannt an. Noch nie habe ich sie so gesehen, außer, als sie Jane tötete und ihre Augen rot waren. So wie jetzt. Wieder sind sie blutrot. Bis auf Edward und mir, geht die Familie ein paar Schritt zurück, im Wissen, dass das kein gutes Zeichen ist.
Doch, auf was dann geschieht, ist niemand gefasst. Renesmee löst sich von uns und stürzt sich auf Alec und Levin. Alle drei gehen zu Boden. Sie drückt sie zu Boden, an ihren Kehlen. Ihr Gesicht macht mir regelrecht Angst. Die anderen Vampire stehen wie erstarrt da.
„Befreit sie endlich", knurrt Renesmee uns an.
Sie scheint die beiden starken Vampire unter Kontrolle zu haben. Während ich sie weiter beobachte, befreien die Anderen die Denalis, die sich kaum auf den Beinen halten können.
Renesmee drückt immer fester zu. Als sich einer der anderen Vampire ihr nähert, springe ich dazwischen und knurre ihn an, was ihn wieder etwas vertreibt. Als ich mich gerade zu Renesmee umdrehen will, sehe ich nur noch, wie Levin seine Hand hebt und Renesmee im hohen Bogen durch den Saal fliegt und an einer Wand endet.
Schnell laufe ich zu ihr. Sie ist bewusstlos, was Panik in mir aufsteigen lässt. Ich kann keine äußerlichen Verletzungen erkennen.
„Renesmee, Schatz. Bitte wach auf", zittert meine Stimme, als ich sie anflehe die Augen zu öffnen.
Ich nehme ihre leblose Hand, die kälter ist, als ich es von ihr gewohnt bin. Nicht mehr die angenehme Wärme, die sie sonst ausstrahlt. Um mich herum nehme ich nichts mehr wahr. Nur noch meine leblose Tochter, die von Trümmern der Wand umgeben ist. Ihr Haar lange nicht mehr so perfekt, wie es Rosalie ihr sonst so herrichtet.
In meinem Leben war ich noch nie so verzweifelt wie in diesem Moment. Nicht zu wissen was mit ihr ist. Und erst jetzt fällt mir auf, dass etwas fehlt. Etwas, dass Edward und ich immer so an unserer Tochter lieben, dass zeigt, wie viel Leben noch immer in ihr steckt. Ihr Herzschlag. Ihr Herzschlag den ich nicht mehr hören kann.
Vielleicht täusche ich mich auch, aber als ich meine Hand auf ihre Brust lege, spüre ich nichts. Keine Atmung, kein Herzschlag. Was hat Levin ihr angetan? Meine Kleine ist tot? Nein, nein, nein. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein.
Ich ziehe sie aus den Trümmern und nehme sie in meine Arme, drücke sie fest an meine Brust. Noch immer spüre ich nichts. Das Leben, was sonst in ihr steckte, nicht mehr da. Entschwunden. Ihr Leben, der Sinn meines Daseins. Ohne sie, gibt es mich nicht.
Wo ist Edward? Warum hat er es nicht aufgehalten? Er hat es versprochen, dass wir bis in die Ewigkeit glücklich sein werden, mit Renesmee.
Endet hier die Ewigkeit?
Ich schaue in das blasse Gesicht meiner Tochter. Die Farbe völlig aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre Augen geschlossen. Werde ich ihre strahlenden braunen Augen nie wieder sehen? Ihr blühendes Lächeln, was ein ganzes Zimmer erhellen kann, verpufft?
„Bella?", dringt es zu mir durch. Die Stimme Edwards.
Ich drehe mich zu ihm, doch bevor ich in sein Gesicht blicken kann, wird plötzlich alles dunkel. Nichts mehr da. Keine Stimmen mehr zu hören. Alles weg.
TBC
