Snape - Zeit2

Severus sah der Hexe noch nach, bis diese die Tür hinter sich geschlossen hatte, dann wanderten seine schwarzen, durchdringenden Augen zu dem alten Zauberer neben ihm, der ihn aus seinen tiefblauen, gütigen Augen freundlich ansah. Dankbar spürte er dessen helfende Hand, die seinen Oberarm umklammerte und ihm somit bei dem Bemühen half, sich halbwegs aufrecht hinzusetzen. Dabei unterdrückte den stechenden Schmerz in seiner Brust, den aufkommenden Schwindel, der von ihm Besitz ergreifen wollte. Kurz schloß er die Augen, um das unangenehme Gefühl zu unterdrücken. Er mußte einfach einmal eine andere Stellung einnehmen. Zwar schaffte er es lediglich, den Oberkörper ein wenig zu heben, gestützt von zahlreichen Kissen, doch es war zumindest eine angenehmere Position als das ständige Liegen.

"Danke", flüsterte er Albus dann zu, der nickend seine Hand wieder zurückzog. Eine Weile beobachtete der Direktor den jüngeren Mann noch, bis sich dessen – zuvor durch die Schmerzen verzerrten - Gesichtszüge wieder entspannten. Dann räusperte er sich und strich sich mit der rechten Hand durch den langen, weißen Bart. Eine Geste, die Severus wohl vertraut war. Wenn Albus Dumbledore jemals so etwas wie Unsicherheit verspürte, so brachte er sie auf diese Weise zum Ausdruck. Für einige Augenblicke war Severus fast amüsiert darüber, doch der Ernst der Lage verhinderte, daß sich seine Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen.

"Severus", begann Dumbledore schließlich, "ich habe dir Antworten versprochen. Du wolltest wissen, was genau geschehen ist", er machte eine kurze Pause, "nun, du weißt inzwischen, wie ich überlebt habe."

"Ja, allerdings. Nur was danach geschehen ist, hast du mir noch nicht erklärt. Daß du ein beträchtliches Stück von der Brüstung gestürzt, ist nur einer die unklaren Punkte."

"Das bin ich. Ich muß zugeben, ich habe auch einige blaue Flecken davongetragen."

Nun mußte Severus doch lächeln. "Das ist ja wohl das Mindeste."

Auch Dumbledore schmunzelte, und wie es Severus besser ging, ohne Frage. "Nun ja", fuhr er dann lächelnd fort, "der Avada Kedavra wurde dahingehend abgeschwächt, daß ich einfach nur geschlafen habe. Zugegeben, sehr tief und sehr lang, doch ohne Folgen für meine Gesundheit."

Severus spürte, wie eine tiefe Erleichterung von seinem Herzen Besitz ergriff. Irgendwo in sich drinnen hatte er all die Zeit befürchtet, daß es doch einen Haken gab, irgend etwas. Doch offensichtlich hatte er sich getäuscht. Albus lebte und würde es auch weiterhin tun, ohne irgendwelche Einschränkungen. "Das, freut mich Albus", erwiderte er dann nur.

"Hagrid hat mich in seine Hütte gebracht und dort versteckt. Später hat er Aberforth dann eine Eule geschickt, der mich in der folgenden Nacht hierher, in den Eberkopf, gebracht hat."

Bei diesen Worten verkrampften sich die Eingeweide des Tränkemeisters für einen Moment. "Hagrid hat es gewußt?", preßte er hervor, wobei in seiner Stimme nun doch einen Anflug von Wut, Schmerz und Enttäuschung aufflammte. "Warum... warum hat er es mir nicht gesagt verdammt?"

"Wer? Hagrid?", Dumbledore schien irritiert, wußte nicht so recht, wovon Severus sprach.

"Ja, Hagrid. Ich, ich war dort, vor zwei Tagen. Ich wollte... ich war nicht bei deiner Beerdigung und...", die Stimme des jungen Mannes brach ab, mit schmerzverzerrtem Gesicht schloß er die Augen, unfähig seine gegensätzlichen Gefühle weiterhin zu unterdrücken.

Damit hatte Dumbledore nicht gerechnet. Er hatte nicht geglaubt, daß die Erkenntnis, daß Hagrid in den Plan eingeweiht gewesen war, Severus so treffen würde. Eine Weile beobachtete er still den inneren Kampf des jungen Mannes, dann zog er Severus in seine Arme, spürte, wie ein leichtes Zittern den Körper packte, sich - entgegen seiner Befürchtung - jedoch nicht ausweitete.

"Ich konnte es dir nicht sagen Kind, es, es ging einfach nicht. Ich habe Hagrid und auch Aberforth schon zuvor das Versprechen abgenommen, es niemandem zu sagen, komme, was da wolle." Albus Stimme war zunehmend leiser geworden, nun schloß kurz die Augen und atmete einige Male tief durch. Severus Schmerz quälte auch ihn in einem Maße, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Vorsichtig stich der dem Tränkemeister über den Rücken, bis der Tränkemeister sich aus der Umarmung löste und sich sich – mit einem tiefen Seufzer – wieder zurück in die Kissen lehnte.

"Warum nicht, warum konntest du es Hagrid sagen und nicht mir?" Severus Stimme klang hohl und leer. Warum hatte Albus ihm das angetan? Er hätte ihm all die Pein der letzten beiden Wochen ersparen können, hätte er ihn nur eingeweiht. War das Vertrauen des Direktors in ihn so gering, daß er ihm das nicht hatte sagen können? Fragend sah er Albus an, der nun fortfuhr:

"Versuche mich zu verstehen Severus. So groß dein Schmerz, deine Qualen auch gewesen sein mögen Junge, so groß sie auch jetzt noch sind, wie schlimm wäre es für dich gewesen es zu wissen, wenn sich meine Vermutung, meine Hoffnung auf einen Ausweg nicht bestätigt hätte?"

Severus schloß erneut kurz die Augen, versuchte die Worte zu begreifen, sie sacken zu lassen, seine Wut zu unterdrücken. Dumbledore hatte recht. Er war über seine Tat am Rande der Verzweiflung gewesen. Doch hätte der Direktor es ihm gesagt, hätte er gewußt, daß seine Liebe, die er dem Direktor – dem Menschen, der für ihn einem Vater am nächsten kam – entgegen brachte, diesen hätte retten können und Albus wäre dennoch gestorben, mit diesem Wissen, mit diesem Versagen, hätte er nicht leben können. So akzeptierte er es, atmete er tief durch und nickte.

"Es ist gut so, wie es ist.", erklärte er dann entschieden. Er durfte nicht länger zulassen, daß seine Gefühle mit ihm Walzer tanzten, er mußte sie wieder unter Kontrolle bekommen. Je früher, desto besser.

"Es tut mir leid Severus, was auch geschehen ist, was noch geschehen muß, es tut mir leid. Glaube mir, ich hätte jeden, jeden Schmerz, alle Qualen, die dir oblagen gerne auf mich genommen um sie dir zu ersparen."

"Nein Albus, jeder von uns muß seinen Part spielen und das, das ist eben meiner."