A/N: Es sollte Weihnachten werden, aber das hab ich nicht mehr geschafft. Alles Liebe nachträglich und ein frohes neues Jahr! Morgen gehts zurück nach England!
Soundtrack: An einem Morgen im April - Rosenstolz, Blaue Flecken - Rosenstolz, The River Lea - Adele, Stitches - Shawn Mendes
Disclaimer: das hier basiert mehr auf film als auf buch, aber trotzdem: das gehört alles austen;)
Kapitel 27: Das Licht, das Licht
Sie wachte auf, als das Auto in den schmalen Waldweg einbog.
Es war Abend. Sonnenlicht fiel durch die Blätter und tanzte in Flecken und Mustern über Asphalt, über gelb lackiertes Metall und zerbissene Finger.
Sie fühlte wie sie sich der Wasseroberfläche näherte, wie der Druck nachließ und das Wasser wärmer wurde. Da war Licht, das sich in den Wellen brach; Stimmen und Laute, die sie aus der Tiefe lockten und wenn sie nach unten sah würde sie die Steine fallen sehen.
Jemand hatte die Seile durchtrennt.
Als würden die Zahnräder wieder ineinandergreifen, Sinne sich wieder zusammensetzen, driftende kleine Teile, die in der Schwerelosigkeit von tiefem Wasser schwebten, wieder aufeinander zu treiben und Lungen zitternd einrasten bis…
Ah…
Der erste Atemzug schmeckte nach Regen. Frische Luft, feuchte Erde und Blätter. Jemand hatte das Fenster heruntergekurbelt.
Der zweite Atemzug war Kaffee. Warm, aromatisch… Ein Blick nach vorne zeigte ihr die Thermoskanne und den Becher der in den Halter bei der Konsole geklemmt war. Mus sang lauthals und schief im Takt zur Musik – ein beinahe antiker Country-Pop Song und irgendetwas – das dumpfe Pochen in ihrem Kopf - sagte ihr, dass das Lied seit Stunden in einer Dauerschleife lief.
Sie konnte sich nicht erinnern.
Sie runzelte die Stirn, krümmte einen Finger. Die Bewegungen waren steif und seltsam unbeholfen und gleichzeitig vertraut so als hätte jemand in ihrer Abwesenheit ihren Körper in Besitz genommen.
Da war Watte in ihrem Kopf und sie schluckte, schluckte staubige, trockene Worte herunter, die ihre Kehle hinauf gekrochen und dort auf ihrer Zunge gestorben waren.
Wie Fliegen auf der Fensterbank.
Sie griff nach ihrem Handy, wusste irgendwie dass es in der Tasche ihres Sweatshirts steckte und konnte kaum glauben, was ihr die Zahlen auf dem Display zeigten.
Es war Mitte März.
Ihre Augen wurden groß und weit als sie versuchte zurück zu rechnen, sich an das letzte Datum zu erinnern nur um zu realisieren, dass sie fast drei Wochen im Ozean verbracht hatte.
Der halb erstickte Laut, den sie ausstieß, schien Mus Aufmerksamkeit zu erregen, denn er blinzelte in den Rückspiegel und lächelte, als er den wachen, hektisch hin und her flitzenden Blick in ihren Augen sah.
„Willkommen zurück, Prinzessin", grüßte er und ihre Augen - grün und weit und panisch – ruhten auf ihm für einen Moment. Sie öffnete den Mund, doch ihre Kehle war Staub und sie hustete.
„Wo sind wir?", fragte sie dann ein wenig heiser und das Lächeln auf Mus' Gesicht wurde, wenn möglich, noch breiter.
„Auf dem Weg nach Pemberley", verkündete er und sie schaffte es kaum Panik bei dem Gedanken zu verspüren.
„Warum?", fragte sie leise, dumpfe Erinnerungen an dunkle Räume und Geschrei flimmerten vor ihren Augen und sie blinzelte sie weg.
„Landluft", grummelte der kleine Mann auf dem Fahrersitz in seinen Schnurrbart. „Du bist viel zu blass."
Sie nickte, war überrascht als die Muskeln in ihrem Nacken ihr Kinn davor bewahrten auf ihre Brust zu knallen.
„Weiß er Bescheid?", fragte sie, ihre Stimme immer noch rau. Sie krümmte die Finger, hörte Knochen knacken und fuhr mit der Fingerspitze über abgebissene Nägel.
„Er wartet schon."
Lizzie musste blinzeln, als sie vor dem Herrenhaus anhielten und sie die Augen öffnete.
Es war so hell - das Haus in Pastellfarben, das glitzernde Wasser des Sees, der helle Kies der Auffahrt – beinahe gleißend und desorientierend in seiner Intensität.
Sie blinzelte, schirmte ihre Augen.
„Na los", sagte Mus von seinem Sitz aus und mit einem Klicken der Tür, einem Stoß und einem Stolpern, fiel Lizzie aus dem Auto, die Augen halb blind und auf den dunklen Fleck auf die Stufen der Eingangstreppe gerichtet.
Sie fühlte sich wie ihre Kehle zusammenschnürte. Je näher sie kam, desto deutlicher wurde die Gestalt auf den Stufen und sie spürte wie ihre Haut anfing zu prickeln.
Er lächelte und sie stand dort, blinzelnd, Arme um sich geschlungen und sie wollte weinen, weinen und schreien und die Arme um ihn schlingen und… Sie konnte nicht.
Sie konnte nicht weinen.
„Lizzie…", sagte er, dunkle, warme Augen, die zögerlich und zuversichtlich zugleich waren. „Willkommen in Pemberley."
Als sie aufwachte war es Morgen und ein paar eisblaue Augen blickten fast herrschaftlich auf sie hinab.
„Guten Morgen", sagte Lizzie nach einer Weile stummen Starrens, ihre Stimme rau vom Schlaf und zog eine Augenbraue hoch.
„Miau", machte das Ungetüm von einem grauen Puffball und reckte den zerknautschten Kopf in einer Geste herablassender Indignation ohne die Augen von ihr abzuwenden.
„Hast du gut geschlafen?", fragte Lizzie höflich. Die Katze stand mit allen vier Pfoten auf ihrer Brust und betrachtete sie aus unwahrscheinlich blauen Augen als überlege sie ob sie sie leben lassen sollte oder nicht.
„Miau."
Die Katze, die sie in ihrem Kopf Majestät nannte, führte sie mit der gleichen griesgrämigen Miene und federleichten Eleganz mit der sie sie geweckt hatte durch die langen Flure vorbei an goldenen Globen und überlebensgroßen Porträts von Menschen in Kleidern deren Stil sich durch die Jahrhunderte hinweg aus denen sie stammten veränderte und Lizzie hielt einen stetigen Fluss von Wörtern in mehr und weniger einseitigem Dialog mit Majestät aufrecht um die Panik herunterzuschlucken.
„Antoinette Pauline Darcy", las sie von einem der kleinen Goldschildchen ab. „Scheint so als hätten die Darcys französische Vorfahren, hmm?"
„Miau."
„Entfernt verwandt nehme ich an? Die Schmach französische Verwandte zu haben kann – was 1812? – nicht ganz so angenehm gewesen sein, nicht wahr?"
Majestät ließ bloß ein Schnauben hören und verschwand um die Ecke.
„Aber das stellt wichtige Fragen auf!", rief Lizzie aus und eilte ihr hinterher. Dieses Haus war ein Labyrinth, das Rosings an Unübersichtlichkeit noch übertraf. „Wie viel französisches Blut fließt denn nun in den Adern der heutigen Darcys, Majestät? Denn bislang war ich davon überzeugt, dass es blaublütig und kühl englisch ist. Du weißt schon-", sie deutete auf ihr Gesicht, „- die Maske und all das."
„Miau..."
„Ja, ich weiß. Guck mich nicht so an. Ich hör ja schon mit dem Ärgern auf, aber wirklich… Nett sein ist soo schwierig. Ich weiß gar nicht wie andere Menschen das Tag für Tag so machen…"
„Miau…"
„Und ich hab's versprochen… irgendwie", flüsterte Lizzie und blieb stehen. Majestät drehte sich um, ein fragender Blick auf dem zerknautschten Gesicht und mit einem Seufzen kam sie ein paar Schritte auf Lizzie zu und stupste sie mit ihrem Kopf an.
„Jane sagt, ich soll mit ihm reden", fuhr Lizzie leise fort und bückte sich um das zerfledderte, graue Fellknäuel zu streicheln, das sie mit wachen, blitzblauen Augen ansah. „Dass es Zeit wird. Anne hat das auch ganz oft gesagt."
„Miau."
„Ja, ich weiß. Ich verhalt mich wie eine Idiotin…" Lizzie seufzte und stand auf. „Wirklich ich unterhalte mich ja schon mit einer Katze…"
Majestät schnaubte und mit einem Wink ihres Schwanzes verschwand sie im Türrahmen.
„Bist du jetzt etwa beleidigt? Verlässt du mich jetzt?", rief Lizzie aus und folgte der Katze in den hell erleuchteten Raum. „Ach komm schon, nur weil ich dich eine Katze genannt habe? Das können Sie doch nicht machen, Majestät! Wer soll mich denn sonst durch's Haus führen, vorbei an Portraits von obskuren französischen Verwandten-"
„Antoinette war in der Tat Belgierin. Um genau zu sein stammte sie aus Namur", erwiderte eine Stimme, die ihr schmerzhaft, schmerzhaft bekannt war anstelle des klagenden „Miau's", das sie sich schon beinahe gewöhnt hatte.
„Oh", war alles was aus Lizzie's Mund kam und sie stand da wie erstarrt, das letzte Bisschen Farbe aus ihrem Gesicht gewichen.
„Miss Bennet", sagte Darcy nach ein paar Atemzügen voll Stille und lächelte. Er trug Jeans und war aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen barfuß, aber es war das T-Shirt, dasselbe hellgraue, dünne Langarmshirt, das so warm und weich war, dass sie ihre Finger zu Fäusten ballte um nicht in Versuchung zu gerate noch einmal darüber zu streichen, das sie innehalten ließ. „Ich sehe Mrs Reynolds hat Ihre Bekanntschaft gemacht."
„Mrs Reynolds?", fragte Lizzie ein wenig durcheinander und blinzelte.
„Das graue Fellbündel?", fragte er mit einem Lachen, das den ganzen Raum aufleuchten ließ. Er wirkte wie ein Teil dieses Gebäudes mit seinen endlosen Fluren und leuchtenden Zimmern und er war so… entspannt, dass sie ihn fast nicht wieder erkannt hätte. „Etwa so groß, besteht größtenteils aus grauer Stahlwolle, mit nur der Hälfte ihrer Schnurrhaare intakt und einem Gesicht das aussieht, als sei ihre beste Freundin eine Betonwand?"
„Du meinst ihre Majestät?", fragte Lizzie zurück und wurde ein bisschen rot als er leise lachte.
„Hat sie sich Ihnen etwa so vorgestellt?" Sie sah fasziniert zu, wie er sich leicht bückte, um das graue Ungetüm, das anscheinend als Mrs Reynolds bekannt war, zu streicheln. Die Katze schnurrte und schmiegte sich an seine Hand, das schiefe Gesicht beinahe zu einer Art Lächeln verzogen.
„Kann sie denn sprechen?"
Der Ausdruck in seinen Augen wurde beinahe spöttisch. „Als ob sie schweigen würde, Miss Bennet."
„Nun ich kann mir kaum vorstellen, dass sie ohne zu protestieren auf den Namen „Reynolds" hört."
„Mrs Reynolds, Miss Bennet. Der Titel ist entscheidend." Das graue Monster hatte sich mittlerweile in ein schnurrendes, anschmiegsames Haustier verwandelt und sie war überzeugt, dass der Blick, den sie ihr zuwarf nahezu triumphal war.
„Tatsächlich? Wann war denn die Hochzeit?", fragte Lizzie und wollte sich fast auf die Zunge beißen. „Ich meine nur weil… weil man eigentlich heiratet bevor…"
„… Man den Titel bekommt?" Er schüttelte den Kopf. „Es gibt meines Wissens keinen Mr Reynolds, aber", – und hier zwinkerte er ihr zu – „wer sind wir ihr zu sagen wie sie heißen kann und wie nicht?"
Lizzie starrte ihn an, völlig verblüfft ein schelmisches Funkeln in seinen Augen zu entdecken. „In der Tat…", sagte sie langsam und blinzelte, rieb sich über die Augen, halb davon überzeugt, dass sie immer noch schlief oder wie Alice zwar nicht dem Kaninchen sondern der Katze hinunter ins Kaninchenloch gefolgt war.
Sein Lächeln wurde breiter.
„Du…" Ihr klappte der Mund auf. „Du spielst mit mir!" Ein überraschtes Lachen sprudelte aus ihr heraus. „Du… und diese Katze… dieses Haus und du…" Sie machte einen Schritt auf ihn zu und strich mit einem Finger fast über sein Gesicht.
Sie hielt sich gerade noch so zurück.
„Du lachst", sagte sie dann, sah wie er schluckte, eine schwankende Sekunde bevor seine Augen wieder anfingen zu funkeln.
„Das hast du mitbekommen, hmm?" Seine Finger kraulten das weiche Fell unter dem Kinn von Mrs Reynolds – Majestät, die auch prompt schnurrte.
„Schwer zu übersehen, oder?" Sie runzelte die Stirn. „Leuchtreklame", sagte sie dann. „Es ist wie Leuchtreklame."
Er sah sie für einen Moment ausdruckslos an, bevor seine Mundwinkel zu zucken begannen und sich ein Grinsen auf sein Gesicht stahl. „Wie interessant", sagte er dann, bevor er sich umdrehte und ihr mit einem Arm bedeutete sich zum Frühstück zu setzen. „Und ich dachte es wären die Aliens gewesen. Vivisektionen und veränderte Persönlichkeiten und all das."
Leben auf Pemberley war seltsam.
Fast alles in diesem Haus war in Pastellfarben gehalten. Schattierungen von Weiß und Gelb mit Goldakzenten und Möbeln aus dunklem, warmem Holz mit roten Samtbezügen erweckten den Eindruck als hätte man permanent das Sonnenlicht in diesem Gebäude gefangen und es bis aufs Grundgerüst damit durchtränkt.
Sie konnte es in der Luft schmecken.
Es war friedlich, ruhig. Da waren Momente, in denen sie innehielt und es still war – absolut still - und es war diese fast beunruhigende Stille, die den größten Unterschied markierte. Sie hatte so lange im Chaos gelebt, im Lauter-schneller-und-hör-nicht-auf und selbst ihr Schweigen war nicht still, war nur dumpfes Dröhnen gewesen und zum ersten Mal seit langem hatte sie das Gefühl mit Körper und Geist intakt einfach nur zu existieren.
Doch Pemberley war nicht nur Stille und Licht und gleißende Farben. Es war auch verhallende Schritte hinter Türen, Toastkrümmel am Frühstückstisch und der Schatten von jemanden, den sie noch nicht kennengelernt hatte. Darcy schüttelte jedes Mal den Kopf wenn die Rede auf seine Schwester kam und rollte die Augen. Giana war ein Geist mit Spuren, eine Gretel im Wald, die unentdeckt bleiben wollte und Lizzie hatte genug mit dem einen Darcy zu tun, sie hatte kaum Nerven sich mit der anderen Hälfte des Genpools auseinanderzusetzen.
Sie war immer noch nicht wieder ganz zu Hause in ihrem Körper und sich zu bewegen war als hätte jemand all ihre Gelenke einzeln auseinander genommen und dann nach einer Weile im Nimbus wieder zusammengesetzt.
Es war verwirrend.
Fast genauso verwirrend wie ein Darcy, der sein Croissant in seinem Kaffee zerkrümmelte, gebackene Bohnen und Bacon mit einer Leidenschaft verachtete, die an einen Sechsjährigen und Brokkoli erinnerte und so beiläufig sarkastische Kommentare über Leute oder Ereignisse in der Zeitung verlor, dass er kaum merkte, dass Lizzie sich den Bauch vor Lachen hielt und fast an ihrem Toast erstickte. Ein Darcy, der sie über seine Lesebrille hinweg beobachtete, während er abends in einem der Sessel in der Bibliothek saß und keine Miene verzog, wenn Majestät – Mrs Reynolds – seine Schulter als Schlafplatz auserkor und mit einer grauen Pfote nach seiner Brille schnappte, die sie anscheinend für eine besonders schmackhafte Maus hielt. Ein Darcy, der so etwas wie Humor entdeckt hatte und so völlig unbemerkt komfortabel damit war, genauso wie er mit diesem Haus komfortabel war als hätte man ihn in die Szenerie hineingezeichnet, dass Lizzie, ein Finger auf der Seite in ihrem Buch verharrend, sich immer häufiger dabei ertappte, wie sie ihn beobachtete und auch wenn sie noch nicht ganz so weit war sich das einzugestehen, ihr Mund war dabei zu einem so weiten Lächeln verzogen, dass es sich anfühlte als würde es ihr Gesicht in zwei spalten.
Es war verwirrend.
„Ich habe gehört, dass Lobotomien sehr schmerzhaft sein sollen", sagte Lizzie Bennet eines morgens am Frühstücktisch ein paar Tage nach ihrer Ankunft in Pemberley und runzelte leicht die Stirn.
Darcy sah auf. „In der Tat", sagte er und goss sich Kaffee nach. Der Mann hatte die Angewohnheit seinen Toast in seinen Tee oder Kaffee zu tunken und seine Finger danach abzulecken und Lizzie hatte noch nicht entschieden ob sie das liebenswürdig oder entnervend fand. „Und sie haben diese fiesen Nebenwirkungen, die einen entweder in den sabbernden Schatten eines Menschen verwandeln oder einen wie einen betrunkenen Vollidioten nackt auf Autos tanzen lassen. Nicht zu vergessen, dass die Prozedur aufgrund ihrer barbarischen Natur seit den 1970er Jahren nicht mehr durchgeführt wird." Er blinzelte, rührte seinen Kaffee um. „Warum fragst du?"
„Nun ich habe die Aliens ausgeschlossen", sagte Lizzie und zerrupfte ihren Toast in kleine Stücke. Sie versuchte ein paar davon Majestät anzubieten, doch die Katze, die auf ihrem Samtkissen thronte und den gesamten Tisch überblickte, rümpfte bloß die Nase und drehte den Kopf zur Seite.
„Interessant", bemerkte Darcy. „Darf ich fragen was diese plötzliche Erkenntnis bewirkt hat? Ich dachte die von der NASA gefundenen Wasserspuren auf dem Mars würden Sie nur in der Idee bestärken, dass man bald den Rest meiner Familie finden würde."
Sie funkelte ihn und er lächelte während er selig seinen Kaffee umrührte. „Hast du eigentlich Spaß daran?"
„Was?" Er blinzelte unschuldig. „Daran Humor zu entwickeln? Ich denke das liegt in der Natur der Sache." Darcy beugte sich vor und seine dunklen Augen leuchteten im hellen Morgenlicht. „Glaub mir, es hat nicht so wehgetan mein Herz zwei Nummern wachsen zu lassen wie sie es im Film zeigen."
„Ich hab dich nie mit dem Grinch verglichen!", grummelte Lizzie und schob sich die zerfledderten Toaststücke in den Mund.
„Schwerlich", erwiderte Darcy amüsiert. „Bedenkt man, dass wir die Feiertage bedauernswerterweise nicht in gegenseitiger Gesellschaft verbracht haben."
„Bedauernswert in der Tat", erwiderte Lizzie und schauderte. „Besser den Grinch an Weihnachten als eine Aufreihung schlecht verkleideter Albträume im weihnachtlichen Horrorkabinett."
„Ah, glaub mir, du hättest es geliebt mich einen Grinch zu nennen", winkte er ihren Anflug von Bitterkeit ab. „Du hättest Wetten mit Charlie abgeschlossen und mich in schreckliche Weihnachtspullis gesteckt nur um die Fotos nachher auf Facebook oder ähnlich fürchterlichen Dingen zu veröffentlichen."
Lizzie schmollte. „Du lässt es so aussehen als wäre ich gemeingefährlich!"
„Haben wir das nicht bereits geklärt?", fragte Darcy. Das weiße Licht, das durch die hohen Fenster des Esszimmers einfiel stellte seltsame Dinge mit seinem Gesicht an, die ihr in den unpassendsten Momenten den Atem verschlagen konnten.
„Nur weil ich mit dem Hockeyschläger auf Wickham losgegangen bin, heißt das noch lange nicht, dass ich Aggressionsprobleme habe…"
„Ich erinnere mich distinktiv an Kommentare über Ingwer in diversen Körperöffnungen….?"
Sie warf ihm einen finsteren Blick zu und warf ein Stück Brot an seinen Kopf, das er mühelos mit einer Hand fing.
„Aliens, Grinche und jetzt Enten?", fragte er und schob sich das Stück in den Mund. „Ockham's Skalpell, Miss Bennet. Meistens ist die einfachste Erklärung die richtige."
„Darcy, die Frage ist nicht ob du ein Mensch bist, sondern mehr was für eine Art von Mensch-"
„Ein Enten-Mann?"
„Naja, du bist bekannt dafür bisweilen Krawatten mit Entchen zu tragen…"
„Einmal, Miss Bennet. Das ist keine repräsentative Stichprobe. Außerdem hat Giana mir diese Krawatte geschenkt."
Sie lachte als sie seine Miene sah. „Die Krawatte war sehr niedlich", sagte sie dann. „Aber Studenten – insbesondere Medizinstudenten – sind wie Haie. Die hätten dich lebend gefressen."
„Das würde implizieren, dass ich mich hätte fressen lassen." Darcy zog eine Augenbraue hoch. „Was ich nicht getan hätte und ihnen nicht geschmeckt hätte."
Nun war es an ihr eine Augenbraue hochzuziehen.
„Alien, schon vergessen?" Darcy deutete mit dem Finger auf sich und Lizzie konnte kaum ihr Lachen unterdrücken.
Sie schüttelte den Kopf. „Und da geht meine Theorie flöten." Sie winkte ihr durchs Fenster nach. „Bye, Bye – es war so schön mit dir!"
„Theorie, Miss Bennet?", fragte Darcy mit einem Gesichtsausdruck irgendwo zwischen argwöhnisch und amüsiert.
„Lobotomien", sagte sie mit einem Nicken und goss noch ein wenig Milch in Majestät's Schälchen, welche das graue Ungetüm mit Grazie akzeptierte. „Aber ausgehend von deiner immer noch intakten Fähigkeit zur Selbstironie muss ich diese Theorie wohl auch wieder verwerfen."
„Sie brauchen einen Waffenschein für ihre Theorien, Miss Bennet", sage Darcy mit einem Kopfschütteln.
„Oh", sagte sie. „Ich dachte ich bin schon gemeingefährlich. Denkst du nicht es wäre unverantwortlich mich mit einer Waffe auf die Straße zu lassen?"
„So wie der Hockeyschläger?" Er zog eine Augenbraue hoch. „Nicht, dass ich Ihnen dafür nicht dankbar wäre, Miss Bennet-"
Sie seufzte. „Lizzie."
„Ich bitte um Entschuldigung?"
„Nenn mich Lizzie. Dieses ständige „Miss Bennet" geht mir langsam auf die Nerven."
Er lachte leise. „Und du sagst, du wärst überhaupt nicht arbiträr in deinen Vorlieben."
Ihre Augen verengten sich. „Ich zeig dir gleich ‚arbiträr'. Gib mir einen Hockeyschläger und wir können es gleich herausfinden."
Darcy's Augen blitzten auf. „Ich kann dir nur Golfschläger anbieten… Lizzie."
Sie sah ihn mit einem spekulativen Ausdruck in den grünen Augen an. „Das könnte funktionieren."
Er lachte, stand auf. „Als ob du Waffen brauchst", sagte er leise. „Wilde, brillante Lizzie Bennet. Du musst nur mit bloßen Füßen und diesem Ausdruck in den Augen in einen Raum treten und du bist furchteinflößender als jeder Hockeyschläger in deinen Händen sein könnte."
Sie starrte das Klavier an, das im Morgenzimmer stand und wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Ich sprach mit meiner Schwester… über das, was du bei Lady Catherine's Dinner sagtest", sagte Darcy leise von hinten und schritt an ihr vorbei zum Klavier.
Lizzie blinzelte. „Es hat keinen Deckel", bemerkte sie das Offensichtliche und runzelte die Stirn. „Warum hat es keinen Deckel?"
„Nachdem ich mit Gina sprach-"
„Giana? Der Geist-in-diesem-Haus Giana? Der Gretel-im-Wald-ohne-Hänsel Giana? Die Giana?"
Darcy lachte auf, strich mit einem Finger über das glänzende Holz des Pianos, das vor den hohen Fenstern stand und in das Licht der Morgensonne getaucht war.
„Kannst du das wiederholen?", fragte er. „Vielleicht hört sie dich und merkt wie lächerlich ihr Verhalten ist." Er rollte die Augen.
„Darcy…", sagte Lizzie leise und rieb sich über die Stirn. „Warum… warum ist da kein Deckel?"
Er winkte ab. „Mir wurde gesagt, dass Teile eines solch alten Pianos regelmäßig restauriert werden sollten um schwere Verletzungen zu vermeiden", bemerkte er leichthin. „Und um ehrlich zu sein, es gefällt mir so gut wie es jetzt aussieht, dass ich wirklich überlege, den Deckel einfach komplett wegzulassen." Darcy sah sie an. „Was denkst du?"
Sie blinzelte nur, Mund halb offen. „Gut", sagte sie dann und ihre Finger zuckten. „Da…Darcy?"
Er sah sie an, summte.
„Danke."
An einem Morgen im April fand Lizzie ihn draußen auf der Terrasse.
Es war ein für Pemberley typischer Morgen mit heller, strahlender Sonne, einem blauen Himmel und dem Grün der umliegenden Hügel und sie hatte sich an diese konstante Helligkeit der Farben gewöhnt, aber dennoch blinzelte sie als sie ins Licht trat und in dem Sessel neben ihm Platz nahm.
„Ich habe Matthew Cavanaugh geliebt seit ich sechzehn war."
Das waren die ersten Worte, die sie sagte und sie sprach sie ohne ihn anzusehen, blickte nur auf die grünen Weiten von Derbyshire mit leise aufkommenden Verständnis dafür wie jemand diese lebendigen Farben vermissen konnte.
„Er war der große Bruder meiner besten Freundin. Florence und ich… wir waren unzertrennlich seit wir Babys waren. Meryton ist nicht besonders groß – es gibt eine Reihe alteingesessener Familien, von denen die Bennets und die Cavanaughs die… prominentesten waren."
Sie zog ihre Knie zur Brust, lehnte ihr Kinn in die Kuhle. „Er war immer da, weißt du? Seit ich mich erinnern kann war er da, strahlend und überlebensgroß und wenn wir Fangen spielten, dann führte er das eine Team an und Florence und ich das Andere. Wir waren ein Haufen wilder Kinder deren Königreich Morecambe Bay war und die den Schnee riechen konnten bevor die Wolken aufzogen. Selbst in der Schule waren wir die „Meryton Kids". Die die jeden Tag die 10 Meilen mit dem Zug zur Schule fuhren und ihre eigene kleine Gruppe bildeten…" Sie seufzte. „Es ist schwer zu erklären wie es war in Meryton aufzuwachsen… viel Freiheit, viel Isolation und das Gefühl etwas Besonderes zu sein kreierte dieses Gefühl von… Einzigartigkeit. Als wären wir das Zentrum der Welt und nichts außer uns wäre wichtig."
Darcy sagte nichts und Lizzie war dankbar dafür. „Ich war in ihn verliebt seit ich vierzehn war und ich dachte nie, dass er… dass er…" Sie brach ab. „Es war nur eine dumme Verliebtheit. Florence und ich würden uns an sie anhängen wenn er und seine Freunde etwas unternahmen – zum Strand, in die Stadt – und sie würden uns necken und wir würden kichern und lachen und… Es änderte sich als ich sechzehn wurde. In dem Sommer da änderte es sich. Die Art wie er mich ansah, was er sagte… als hätte er begriffen, dass ich nicht mehr eine Art von Pseudo-Kleine-Schwester war, sondern ein Mädchen und ich…. Ich war so begeistert." Lizzie brach in ein leicht ersticktes Lachen aus, schmeckte das Salz. „Ich war so verliebt und er war dieser… dieser übermenschlich große Typ, wunderschön und intelligent und alle wollten so sein wie er und ich war die beste Freundin seiner Schwester, Mitglied im Matheclub und im Förderprogramm für Naturwissenschaften, die mit den wilden Haaren und dem Talent auf dem Sessel eines fahrenden Rades zu stehen, die Beste im Kirschkernweitspucken… und er wollte mich…. Er wollte mich."
Sie war still einen Augenblick und sah aus dem Augenwinkel wie seine Mundwinkel zuckten. „Warum auch nicht", sagte er dann leise. „Die Beste im Kirschkernweitspucken… Das hört sich ganz ausgezeichnet an."
Sie lachte ein fast erwürgtes Lachen und wischte sich über die Augen. „Alle waren begeistert", fuhr sie dann fort. „Florence, weil ich dann ja „wirklich zur Familie gehören würde", meine Mutter, weil die Cavanaughs so reich und bedeutsam sind, meine Schwestern und der ganze Rest des Dorfes, meine Freunde, selbst die Lehrer in der Schule liebten die Idee von diesem wundervollen Paar. Schicksal, sagten sie alle. Es ist Schicksaal. Und ich… ich war mittendrin in diesem Märchen wo der Prinz meine Bücher trug und meine Hand hielt und mich küsste, dass ich kaum merkte wie aus einer dummen Verliebtheit erst geflüsterte und dann drei, laut ausgesprochene Worte wurden und als ich… als ich es tat, da bedeuten diese Worte plötzlich mehr als nur jemanden zu küssen und seine Hand zu nehmen.
Ich war siebzehn", sagte sie und ihr Blick verdüsterte sich. „Es war kurz nach meinem Geburtstag - er schenkte mir Konzertkarten und ein Medaillon an einer Kette und ich trug es… trug es jeden Tag." Lizzie biss sich auf die Unterlippe, starrte in den blauen Himmel. „Ich trug es auch am 15. Oktober. Sein Vater hatte ihn wieder unter Druck gesetzt, wegen der Zukunft, seinem Studium und all dem und er war… er war in schlechter Stimmung. Ich versuchte ihn aufzuheitern, ich… ärgerte ihn." Sie wurde still. „Ich triezte ihn weil er so eine Miene machte und sagte ihm er solle aufhören zu grummeln und er… wurde wütend, stieß mich weg mit mehr Kraft als er wahrscheinlich eigentlich nutzen wollte, aber es war genug um mich über den Kaffeetisch zu stoßen und mir dabei die Wange…" Sie fuhr mit den Fingerspitzen darüber und zitterte leicht. „Er war entsetzt", fuhr sie fort. „Er entschuldigte sich sofort, holte den Verbandskasten und wischte das Blut weg und ich… ich saß bloß dort und sah ihm zu wie er weinte weil er mir so wehgetan hatte und konnte selber nicht weinen. Nach einer Weile wusste ich nicht mehr warum er bettelte und ich wollte, dass er aufhört, dass er aufhört zu weinen, aufhört mich anzubetteln doch bei ihm zu bleiben. Es war doch nichts passiert."
Ihre Stimme war ganz leise. „Es war doch nichts passiert."
Für eine lange Weile sagten beide nichts. Darcy's Miene war ein makelloses Beispiel für Ruhe und Gelassenheit und wären seine zu Fäusten geballte Hände mit den weißen Knöcheln nicht gewesen, sie hätte geschworen ihre Geschichte hätte ihn kaum berührt. Ihre Finger zitterten, als sie die Hand ausstreckte und langsam, ganz langsam ihre Finger um seine wand und zudrückte.
„Er war mein erster, weiß du? Einer der ersten Punkte auf einer langen Liste von Dingen, die er von mir genommen hat und vielleicht einer der unwichtigsten, aber doch… Ich war zögerlich davor gewesen. Er hat mich nie bedrängt, aber ich hatte das Gefühl es war etwas, das ich tun… musste und in dem Moment… in dem Moment wusste ich, wusste ich, dass ich ihn liebte und es war so ein", sie lachte, „so ein unglaublich schlechter Zeitpunkt, dass zu bemerken, weil ich dann schon längst nicht mehr an der Wegscheide stand und einen anderen Weg hätte wählen können, Nein, ich war schon mittendrin und es waren zerstörte Kampflinien und Moral, die mir sowohl das Eine als auch das Andere riet und dann war er da und er liebte mich und ich liebte ihn." Lizzie schüttelte den Kopf. „Manchmal fühlte es sich so an als hätte ich nie eine Wahl gehabt."
„Darum… darum schweigst du am 15. Oktober?", fragte Darcy leise während er mit dem Daumen sacht über den kleinen Finger ihrer Hand strich.
„Es ist nicht Schweigen", sagte Lizzie. „Nicht willentlich, nicht geplant. Ich kann nur nicht reden." Sie schluckte. „Es ging dann immer so weiter, die Linien verwischten bis ich nicht mehr wusste wo oben oder unten, richtig oder falsch noch lag und es… ich erinnere mich viel an das Brennen, an unerträgliche Hitze und die Sonnenbrille, die ich zwei Wochen lang im Januar trug ohne dass jemand etwas sagte, weil niemand je einmal etwas sagte. Jane studierte und kam selten nach Hause, meine Schwestern waren zu klein und das eine Mal als ich meine Mutter vorsichtig danach fragte, sagte sie Frauen sollten alles tun um ihre Männer zu halten." Lizzie schnaubte. „Dass ich alles tun sollte um Matthew zu halten."
„Das hört sich an als stammten sie und meine Tante aus demselben, lange vergessenen Jahrhundert."
„Nicht nur meine Mutter", sagte Lizzie leise. „Alle, das ganze Dorf, die Schule… alle waren so verliebt in die Idee von Matthew und mir, dass sie alles übersahen. Wir waren das perfekte Paar – ein Cavanaugh und eine Bennet. Die alten Damen im Kirchenchor sind fast in Ohnmacht gefallen als sie es hörten. " Sie schüttelte den Kopf. „Da war ein Austauschstudent für ein Jahr, Dave oder Daniel oder so. Er war viel im Musikdepartment unserer Schule und du weißt ja von deiner Tante wie sehr ich Musik mag…"
„Das musste mir nicht meine Tante sagen", schmunzelte Darcy und Lizzie lachte leise.
„Sie hat mich als eine Art Wunderkind dargestellt, einen zweiten Mozart oder so etwas", winkte sie mit einer Hand ab. „Ich denke da haben eine Reihe von Leuten sehr übertrieben nachdem sie mich haben spielen hören. Ich liebte das Klavier, ich war gut darin es zu spielen, aber ich war nicht außergewöhnlich oder-"
„Nicht außergewöhnlich?", fragte er und sie hörte das Schmunzeln in seiner Stimme. „Lizzie Bennet und nicht außergewöhnlich gib es das?"
Sie drückte seine Hand und lachte leise.
„Matthew hat es nicht gefallen", sagte sie leise. „Dass ich so viel Zeit mit Dean – David – was auch immer sein Name war verbracht hab war ihm ein Dorn im Auge und eines Tages saß ich am Klavier – es war bei mir Zuhause. Meine Mutter war in der Küche, mein Vater in der Bibliothek und ich saß im Salon am Klavier, ganz versunken in das, was ich probierte. Matthew kam herein, erzählte aufgeregt von diesem und jenem und als ich nicht reagierte weil ich ihn nicht hörte, da… da wurde er wütend." Ihre Stimme war ein bloßes Wispern. „Deine Schwester hatte Recht, Darcy." Sie fuhr mit den Fingerspitzen über die schmalen Linien auf ihren Knöcheln. „Es tat ihm so fürchterlich leid. Nachher. Es tat ihm nachher immer leid. Und ich schrie – wir beide schrien - und als meine Mutter hereinstürzte und fragte, was um Himmels Willen denn passiert sei, plapperte er etwas von einem Unfall und ich sah ihn bloß an und sagte gar nichts."
Lizzie schluckte, lehnte den Kopf zurück und atmete tief durch.
„Ich bin danach rebellisch geworden." Ihr Kopf war leicht und sie fühlte sich beinahe schwindelig. Das letzte Mal, dass sie diese Geschichte erzählt hatte war fünf Jahre her und sie war nicht an die Worte gewöhnt, nicht an die Erinnerungen in dieser Reihenfolge. Darcy drückte ihre Hand, verankerte sie ein bisschen auf dieser Welt.
„Anfangs waren es nur kleine Sachen. Der Lippenstift zu dunkel für die Tageszeit oder das Kleid, der Ausschnitt zu tief, die Schuhe zu derb…. Dann für den Weihnachtsball…", sie lachte. „Dean oder David schlug vor dieses Lied von einer Punk-Band zu covern und es zu… visualisieren."
„Will ich mir das vorstellen?", fragte Darcy und sie wurde ein bisschen rot. „Lass es mich so ausdrücken", sagte sie mit leisem Lachen. „Die Anfangszeilen des Liedes waren ziemlich explizit und wir sangen es vor der gesamten Schule und unseren Familien." Sie wurde still. „Matthew hat es nicht gefallen….
Ich hatte das Gefühl zu schreien, weißt du? Als würde ich konstant nach Hilfe rufen und meine Stimmbänder schmerzten und mein Kopf dröhnte und gleichzeitig hielt ich den Mund und lächelte weit während ich brannte und lernte wie man Make-up und Concealer so aufträgt, dass man die blauen Flecken nicht sah. Er begann unsere ganze Zukunft zu planen, wo und was wir studieren würden, wo wir wohnen, wann wir heiraten und Kinder haben würden und ich hatte das Gefühl zu ersticken… Er wurde traurig wenn ich mit seinen Plänen nicht einverstanden war und ich fühlte mich schuldig und nach einer Weile gab ich es auf. Ich wurde immer stiller…" Ein Kopfschütteln. „Und dann kam Jane nach Hause. Sie studierte in Manchester und kam zur Sommerpause zurück. Ich glaube sie hat sich schon vorher Sorgen gemacht und als sie da war, brauchte sie nicht lange, um von leicht besorgt in den absoluten Panikmodus überzugehen." Sie lachte wieder dieses halb erstickte Lachen und Darcy's Daumen drückte ein wenig fester gegen ihre Hand. „Jane… Sie nahm mich beiseite und ich wollte es erst nicht hören – es konnte doch nicht sein, aber sie war hartnäckig und irgendwo in mir war ich einfach so erleichtert, dass da noch jemand war der aufpasste und die Linien wieder zog und sah, dass Sonnenbrillen im Januar nicht lustig, sondern verdammt besorgniserregend sind und ich saß wie erstarrt im Auto während sie Matthew erzählte, dass er die Finger von mir lassen sollte, dass er nie, nie wieder ihrer kleinen Schwester ein Haar krümmen würde und während er mit den Fäusten gegen mein Fenster hämmerte und mich anflehte herauszukommen, drückte sie auf's Gas und fuhr mit quietschenden Reifen davon. Glaub mir, sie war furchterregend an dem Tag."
Darcy sagte nichts.
„Zuhause brach das Chaos aus als meine Mutter von der Neuigkeit erfuhr, genau wie im ganzen Ort – meine Güte sogar in der Kirche beteten sie dafür, dass wir wieder zusammen kommen – und ich schloss mich in Jane's Zimmer ein und war… erleichtert ebenso wie völlig orientierungslos und nahm von dem riesigen Durcheinander um mich herum kaum Notiz. Doch dann…" Lizzie stockte. „Jane war immer sehr pragmatisch gewesen", sagte sie dann. „Als Matthew und ich ein Paar wurden, nahm sie mich gegen die Proteste meiner Mutter mit zum Doktor, damit er mir die Pille verschrieb." Sie schloss die Augen. „Jane entdeckte, dass die letzte Monatsration bloß aus Tic Tacs bestanden. Ich hab sie immer so schnell hinuntergeschluckt, dass ich es gar nicht gemerkt habe."
„Hat Cavanaugh…?" Darcy's Stimme war kontrolliert, doch sie hörte die Wut.
„Nein", sagte Lizzie leise, drückte seine Hand fester. „Meine Mutter."
„Deine-"
„Ja." Sie zuckte mit den Schultern. „Sie hat dasselbe mit Jane und Charlie versucht." Ein Stirnrunzeln. „Was auch immer Jane's Fehler sein mögen – und glaub mir, ich weiß, dass sie nicht perfekt ist – sie ist ein guter Mensch. Sie hätte es nie getan."
„Das habe ich nie in Frage gestellt."
Lizzie nickte einmal kurz. „Als der Doktor bestätigte, was die Tests schon zeigten…" Sie schluckte. „Ich sagte es ihm, weißt du? Ich wollte nicht zurück, aber ich dachte es wäre nur fair wenn er es wüsste selbst wenn ich noch keine Ahnung hatte, ob ich es behalten würde. Ich war erst siebzehn, Darcy. Ich war selbst noch halb ein Kind!
Matthew war begeistert", sagte sie dann und Bitterkeit schlich sich in ihre Stimme. „Er dachte ein Baby würde bedeuten, dass wir wieder zusammenkommen würden, dass auch wenn seine Pläne durcheinandergebracht worden waren, wir zusammengehörten und er war…" Sie stockte. „Er war am Boden zerstört als ich mich weigerte. Er packte mich und hielt so fest an den Armen, dass es wehtat und… Vielleicht war es Jane", wisperte Lizzie. „Vielleicht war es wegen dem Baby, aber es war wie die Szene am Anfang – ich mit der zerschnittenen Wange und er zu meinen Füßen – und ich liebte ihn immer noch, aber diesmal war es anders. Die Linien waren klar und wo ich vorher keine andere Wahl gehabt hatte als zu bleiben, sah ich nun keine andere Möglichkeit als zu gehen.
Und es machte keinen Sinn, dass es wehtat, dass es sich anfühlte als risse ich mein eigenes Herz heraus und es half nichts, dass er Jane's Warnung an jeder Stelle missachtete. Er kam nach Hause und meine Mutter empfing ihn wie einen zweiten Messias und ich schloss mich in meinem Zimmer ein und hielt mir die Ohren zu während er auf der anderen Seite der Tür saß und auf mich einredete. Seine Worte waren wie Gift", zischte sie, krallte eine Hand in ihr Knie, presste die Nägel gegen den Stoff der Jeans. „Langsam wirkend und tödlich. Er lief mir in der Schule hinterher und alle – Florence und meine Lehrer, selbst Leute auf der Straße redeten mir zu dem Elend des armen Jungen ein Ende zu bereiten. Eine Sommerhochzeit, seufzten sie alle. Wie schön, dass doch wäre. Er erzählte allen wir wären verlobt gewesen, hielt traurig den Ring hoch und ich…
Vielleicht war es der Stress", wisperte sie dann. „Vielleicht weil ich nicht schlief, weil ich kaum aß… ich weiß es nicht und die Ärzte konnten es mir nicht sagen. Ich verlor das Baby für das ich mich nie entschieden hatte als wäre es Karma, der letzte tragische Akt in der Farce eines Schauspiels und ich… ich sah Dinge während ich dort im Bett lag – schöne, schreckliche Dinge und als ich aufwachte war ich nicht mehr dieselbe."
Sie rang nach Luft, fühlte die Panik wieder in sich aufwellen, sah den kleinen Jungen mit den blonden Haaren wieder am Fuße ihres Bettes spielen und ihr Körper bäumte sich auf.
„Schh…", wisperte Darcy, drehte seine Hand in ihrer um, um jetzt sie festzuhalten, vorsichtig, ohne ihre Handgelenke zu berühren und er strich über ihren Handrücken bis sich ihre Atmung beruhigte und ihre Augen wieder mehr aus grüner Iris als aus weißem Augapfel bestanden.
„Danke", wisperte sie und für eine lange Weile saßen sie bloß da und schwiegen.
„Sie glaubten mir nicht, weißt du? Matthew nicht, meine Eltern nicht, Florence und der Rest der Schule nicht…. Nur Jane hielt zu mir und was vorher das traurige Zwischenspiel in der Romanze des Jahrhunderts gewesen war, entwickelte sich zu einer ausgewachsenen Hexenjagd. Mörder, wisperten die Leute in den Straßen, in den Fluren der Schule, selbst in der Kirche verfassten sie eine Predigt über die Untat einer Abtreibung. Sie spuckten mich an, weißt du? Und Matthew… er hielt das alles wie ein Verhandlungs-, ein Druckmittel über meinen Kopf. Ein kurzer Skandal, der eine Tragödie werden würde wenn ich wieder zu ihm zurückkäme. Die Cavanaughs hatten so viel Macht im Dorf und mein Vater… er war…", sie runzelte die Stirn, „…amüsiert desinteressiert. Er sah keinen Grund einzuschreiten. Dumme Leute werden sich immer über jemanden den Mund fusselig reden, sagte er als ich ihn anbettelte den Cavanaughs Einhalt zu gebieten. Es wäre nun an mir die Unterhaltung zu bieten. Dann nippte er an seinem Whiskey und blätterte weiter in seinem Buch.
Er hat mir nicht nur mich genommen, weiß du? Er nahm alles. Mein Baby, meine Familie, meine beste Freundin. Selbst der Ort, in dem ich aufwuchs gehörte nicht mehr mir. Es war alles. Alles."
Ein trotziger Ausdruck schlich sich auf ihr Gesicht. „Es gibt dieses Gesicht von Kim Addonizio ‚Was wollen Frauen?' und sie schreibt über dieses rote Kleid, dass sie tragen will, dünn und billig, ohne Ärmel und rückenfrei, um zu zeigen wie wenig sie sich um die Meinungen anderer schert. Ein Kleid als Provokation und sie endet damit, dass sie dieses Kleid tragen wird wie Knochen, wie Haut und dass es das gottverdammte Kleid sein wird, in dem sie sie beerdigen.
Ich trug dieses Kleid am Abschlussball", sagte sie dann. „Ich hatte das Kleid und immer noch die blauen Flecken auf meinen Armen und ich trug sie wie Juwelen. Alle starrten, flüsterten"
Zum ersten Mal sah sie Darcy an. „In der Nacht nahm ich den Zug und als ich am nächsten Morgen in London eintraf, trug ich immer noch das Kleid. So hat Anne mich dann gefunden und der Rest ist Geschichte."
Lizzie sah wie er leise lächelte und drehte sich im Stuhl herum bis sie auf der Sitzfläche kniete. Sie hob die Hand, die er noch immer hielt und strich mit der andere über seine Wange, fuhr die Linie von Stirn bis zum Kinn lang und fühlte wie das Kribbeln ihren Arm hochschoss.
„Du sagst, ich wäre furchteinflößend", sagte sie dann. „Mit bloßen Augen und Haaren und glaub mir, Monster, Vampire und Zombies kann ich damit in die Flucht schlagen, aber dich? Ich hab es versucht – Gott, wie ich es versucht habe - und du bist immer dann gerannt, wenn ich es nicht wollte. Du erschreckst mich zu Tode. Jede Stunde jeden Tages." Sie presste seine Hand gegen ihre Lippen, schmeckte die Sonnenstrahlen, die Fleisch rosig golden aufleuchten ließen und schloss die Augen für einen Moment. „Ich habe schon einmal alles verloren", sagte sie dann. „Ich weiß nicht, ob ich das noch einmal schaffe."
Sie stand im Türrahmen zu seinem Zimmer. Arme um das übergroße T-Shirt geschlungen, das sie trug und sah ihm zu wie er im Schein der Nachttischlampe in seinem Bett saß und las.
Diese Welt ist neu, dachte sie als sie auf Beinen, die noch lernten zu laufen, auf Gelenken, die frisch zusammengefügt waren in das Zimmer tapste und mit Augen, die andere Perspektiven sahen, die ihren Kopf lehrten neue Dinge zu denken, Darcy ansah bis er aufblickte und sie fragend über den Rand der Brille hinweg ansah.
„Ich kann nicht schlafen", sagte sie, Stimme noch irgendwie zwischen Insomnie und Albträumen gefangen, die die Worte, die Erinnerungen wieder aufgeweckt hatten und sie wrang Hände, die noch neu waren, fuhr über Fingerkuppen, die noch nicht gefühlt hatten.
Darcy nickte, hob die Decke an.
Der erste Atemzug war Regen gewesen, der zweite Kaffee. Da waren ein paar tausend dazwischen gewesen – Toast und Gras und Shampoo in einer warmen Dusche – und dieser, der tausend und dritte Atemzug war Wärme und Zuhause, Zigaretten und Zitronen, denn ganz egal wie lang der Tunnel war, am Ende wartet immer das Licht.
Und Lizzie Bennet atmete tief durch, nahm all ihren Mut zusammen und krabbelte ins Bett und unter die Decke.
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