Kapitel 22

Eine Frage des Respekts

Balian hatte die vergangenen Tage dazu genutzt, immer wieder in der Schmiede seine Kraft zu trainieren, indem er Meister Yves bei seiner Arbeit half. In dieser Nacht hatte er so tief und fest geschlafen, wie lange nicht mehr, wenn man die Zeit seiner Genesung mal außer acht ließ. In den letzten Tagen hatte sich so viel in seinem Leben getan, so viel geklärt, was sich vorher wie eine undurchdringliche Wand vor ihm aufgetürmt hatte. Und er hatte neue Ziele, so daß er sich voller Tatendrang fühlte, wie an jenem Abend, als er in Jerusalem vom ersten Treffen mit dem König in sein Haus zurückkehrte und beauftragt war nach Ibelin zu gehen. Gâtinais war wie Ibelin für ihn nun eine Herausforderung, ein neuer Abschnitt, aber damals hatte er noch sich selbst gesucht, war sich seines Standes selbst noch nicht ganz sicher gewesen. Dieser Tage aber hatte er um eben die Anerkennung seines Standes gekämpft, sich behauptet, und die Gespräche mit König Richard und seiner Familie hatten ihn gefestigt.

Besonders Hugh spürte dies und freute sich darüber, als sein Neffe ihn um ein persönliches Gespräch bat und sie sich nun, nach dem Mittagsmahl in seinem Arbeitszimmer dazu trafen.
"Nun, Balian, wie ist dein Befinden als neuer Graf von Gâtinais, Ritter und Lehnsherr der französischen Krone?"
Hugh lächelte bei diesen Worten. Er wollte auf lockere Art das Gespräch beginnen, von dem er vermutete, daß es um die Vorbereitungen für Balians Aufbruch ging, und Abschied nehmen von dem jungen Mann würde ihm wahrlich schwer fallen.
Balian erwiderte das freundliche Lächeln seines Onkels, begann aber ernst:
"Eigentlich wie immer Onkel, nur mit dem Unterschied, daß ich jetzt weiß, daß ich eine Zukunft haben werde und wo zumindest in Teilen diese liegen wird."
"Keine Befriedigung, keine Genugtuung gegenüber Philipp? Macht es dich nicht stolz, daß du deinen Willen durchgesetzt und Recht bekommen hast?"
Der junge Ibeliner blickte seinen Onkel nachdenklich eine Weile schweigend an, bevor er entgegnete:
"Nein, Onkel, nichts von alledem. Aber ein gewisses Gefühl der Freiheit spüre ich in mir, denn ich habe nicht nur nach dem Recht Titel und Würden verliehen bekommen, sondern ich konnte durch dich und Tante Eleanor, vielleicht auch durch König Richard verstehen lernen und annehmen, wer ich bin oder besser gesagt, was die Menschen in mir sehen, und damit kann ich leben."

Hugh betrachtete seinen Neffen mit ernstem Blick aber durchaus liebevollen Gedanken:
"Dann läßt du nun also deine Vergangenheit hinter dir und nimmst die neue Herausforderung Gâtinais in Angriff. Gut! Und ich denke, deshalb hast du auch um dieses Gespräch gebeten, oder?"
"Ja, Onkel, ich brauche wieder einmal Euren Rat und Eure Kenntnisse, damit ich nicht gleich zu Beginn einen Fehler mache, der mir später das Leben schwer machen könnte."
"Gut, Junge, was willst du wissen ..., aber halt, vorher noch will ich dir dein Schwert, das Schwert des Hauses Ibelin zurückgeben, das du mir anvertraut hast. Nach dem gestrigen Abend ist es an der Zeit, daß du es wieder stolz an deiner Seite trägst und vielleicht noch das Zeichen Gâtinais hinzufügst."
Hugh du Blois trat an die Truhe, in die er das Schwert in ein samtnes Tuch eingeschlagen gelegt hatte, öffnete diese und ent nahm das Bündel. Er trat Balian gegenüber und enthüllte die Waffe, und Balian nahm mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit das Schwert seines Vaters, sein Schwert wieder an sich.
"Habt Dank, daß Ihr es gehütet habt, aber mein Wunsch, daß dieses Schwert in der Erde Ibelins begraben wird, wenn mir etwas geschehen sollte, bleibt erhalten. Darf ich Euch darum bitten?"
"So soll es sein, Junge, sollte dir in deinem Heimatland einmal der Tod widerfahren und du keine Nachkommen oder Freunde haben, die dir diesen letzten Wunsch erfüllen können, so werde ich an diese Stelle treten oder ein Nachkomme aus deiner Familie. Das gelobe ich dir, Neffe."
Balian ließ seinen Blick in Hughs Augen versinken. Er dankte ihm still für dieses Gelöbnis und sein Onkel erkannte das tiefe Empfinden und die Dankbarkeit seines Neffen in dessen Augen.

"Nun, Neffe, was hast du auf dem Herzen, was deinen Aufbruch anbetrifft? Womit kann ich dir helfen?"
Balian nahm in dem Sessel, den ihm sein Onkel wies, Platz, stellte das Schwert behutsam an dessen Lehne und begann:
"Ich bin mir nicht sicher, wie ich als Graf den Einstieg in meine Herrschaft finden soll. Wie trete ich den Rittern des Seignieur Geoffroy Ferréol gegenüber, die hier im Lager sind, um dem Kreuzzug zu folgen? Es gibt unter ihnen einige, die mehr der Sache als dem Grafen dienen wollten. Lang Gediente und solche, die unter ihm ihren eigenen willkürlichen Launen frönen konnten, werden mein Recht nicht so leicht hinnehmen wollen. Es gibt aber auch Ritter, Soldaten und Knappen, die sich bislang relativ neutral verhalten und deren Gesinnung ich noch nicht einschätzen kann. Wie soll ich beginnen? Mit allen zur Grafschaft zurückkehren, den Eid fordern und sehen, was dann geschieht und mich mit jenen auseinandersetzen, die trotz Eides zögerlich und widerspenstig sind? Und die anderen einfach fortschicken, wo sie mir aber aus der Ferne immer noch gefährlich werden könnten? Oder sollte ich nicht schon hier bei den anwesenden Männern reinen Tisch schaffen, um vielleicht schon etwas Rückendeckung in Gâtinais zu haben? Jene, die nicht bei mir bleiben wollen, könnten sich dann möglicherweise unter einem anderen Herrn oder Philipp direkt dem Kreuzzug anschließen und würden mir in der Grafschaft keinen Ärger mehr bereiten."

Hugh nahm einen Schluck Wein aus seinem Becher und lachte still in sich hinein.
"Balian, du hast dir die Antwort doch schon selbst gegeben was wirklich Sinn macht. Warum fragst du mich also? Traust du dir nicht zu, das Land sowie die Männer zu übernehmen und dich durchzusetzen, oder warum zögerst du?"

Balians Lippen verzogen sich zu einem gezwungenem Lächeln:
"Nein, Onkel, darüber mache ich mir wahrlich keine Sorgen und Ihr habt Recht. Ich werde keinen alten Ballast mit nach Gâtinais nehmen, wenn es möglich ist, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich noch vor der Zeremonie, bei der jeder seine Entscheidung treffen muß und diese durch Eid oder Gehen kund tut, zu einer solchen Handlung das Recht habe. Ich konnte, seit ich Vaters Erbe angetreten habe viel lernen, und doch gibt es noch so vieles, was mir fremd ist, daß ich mich unsicher fühle und gestehe, daß mir deine Weisheit und Rat fehlen werden."

Hugh lachte, trat zu Balian und legte seine Hand schwer auf dessen Schulter.
"Ich habe hingegen keine Bedenken, daß du diese Aufgabe auch ohne meinen Beistand lösen wirst. Ich gebe dir nur noch einen Rat mit auf den Weg. Mach dir den Knappen Sylvain zum Vertrauten, näher als er war keiner an Seigneur Geoffroy Ferréol und weiß um die Machenschaften, auch seiner Umgebung. Und sieh dir das Haus an und beobachte das Volk genau, wenn du auf die Burgherrin triffst. Ist sie eine gute und kluge Frau, wird sie Wege gefunden haben, sich auch um die Menschen zu kümmern, egal was für ein Despot Ferréol auch war. Und du weißt, was ich an deiner Tante habe. Sichere dir ihre Freundschaft. Daß du sie nicht gnadenlos ihres Heimes verweisen wirst, damit rechne ich bei dir fest."
Hugh hatte bei seinen letzten Worten mild gelächelt.

"Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, Onkel, Frau und Kind einfach zu verstoßen. Was können sie für die Taten ihres Mannes oder Vaters?"
"Ich weiß, Junge, ich weiß. Und ich kann dir noch verraten, daß du nicht allein nach Gâtinais reisen wirst. König Richard wird mit seinem Heer sich ebenfalls dorthin begeben. Ich war bei dem Gespräch anwesend, als sie die Teilung des Heeres beschlossen, um das Land nicht auszubluten und auf getrennten Wegen trotz des Wintereinbruchs besser voranzukommen. Das Kreuzzugsheer wird nicht mehr lange vor diesen Toren verweilen."
Er hielt einen Moment inne und legte sich die nächsten Worte zu recht:
"Balian, König Richard will dein Freund sein, zumindest denke ich, dies aus meinen Beobachtungen schließen zu können. Wie immer du dich da entscheiden magst, er wird es respektieren. Und weil er dies tut, wird er dir auch zur Seite stehen, wenn du seinen Rat benötigst. Ich denke, dies solltest du mit in deine Überlegungen einbeziehen."
Hugh beobachtete seinen nun nachdenklichen Neffen, trank nochmals vom Wein, schenkte auch Balian einen Becher ein und reichte ihm diesen. Balian dankte, nippte gedankenverloren daran und wurde schließlich von seinem Onkel aus seinen Grübeleien gerissen:
"Und noch etwas, Balian, wir lieben sehr deine Sanftmut und deine Güte, aber du bist so jung in den Besitz der Grafschaft von Gâtinais gekommen, wie es sonst nur bei Erben geschieht, wenn das Familienoberhaupt vorzeitig das Zeitliche segnet, und auch wenn du nun vor Gott und der Krone unbestreitbar das Recht hast dich Ritter zu nennen, werden altgediente erfahrene Ritter, die glauben mehr als du zu sein, versuchen, ihre Grenzen und die Grenzen deines Durchsetzungsvermögens auszureizen. Weise sie nicht zu spät in ihre Schranken, sonst wirst du dir deinen Respekt bei anderen verspielen."

Balian schmunzelte und erwiderte:
"Ihr glaubt wirklich, daß ich ein sanfter Mann bin? Habt Ihr schon vergessen, daß ich im Jähzorn einen Priester tötete?"

"Nein, Junge, ich glaube, daß du um deine Fehler weißt, wozu auch der Jähzorn gehört, und du dich deshalb zurückhältst, andere Wege suchst. Dies mag sonst immer eine deiner Stärken sein. Daß du um deine Fehlbarkeit weißt, ist vielleicht auch der ausschlaggebende Grund, warum du den Respekt und die Liebe der Menschen so leicht eroberst, aber gegen solche Männer kann es auch zum Schaden sein, sich immer in der Gewalt zu haben."
Balian schwieg dazu, und nach einer Weile, in der jeder seinen Gedanken nachhing, fragte Hugh du Blois:
"Es gibt Geschichten über dich und deinen Kampf in Jerusalem. Es wird dabei auch von einem Turm berichtet, der bereits in den Händen der Sarazenen war und den du zurückerobert haben sollst, allein gegen ein Dutzend Männer. Was davon entspricht der Wahrheit, Balian?"

Balian blickte seinen Onkel an und seiner Mimik war zu entnehmen, daß er sich eigentlich nicht dazu äußern wollte, aber er erkannte auch, wie viel Hugh seine Aussage zu diesen Geschichten bedeutete, wie sehr sein Anverwandter seine Version der Geschichte nun brauchte, um seine Sorgen um ihn zum Schweigen zu bringen. Trotz manch kraftvollen Einschreitens von Balian, waren seine Ausbrüche doch nur kurzes Aufflackern gewesen, das für wenige Momente eine ganz andere Seite von Balian zeigte und erkennen ließ, woher die Erzählungen stammten, sie aber nie wirklich bestätigte.
"Unsere Verteidigung an einem Wehrturm war durchbrochen. Almaric, mein erster Mann, kam von seinem Platz der Verteidigungsstellung nicht an den Turm heran und mein Bereich hatte gerade erst einen harten Ansturm zurückgeschlagen."

Hugh unterbrach Balian:
"Warst du immer bei den Verteidigern? Stimmt es also, daß du immer in vorderster Linie zu finden warst und für alle wie ein Fels in der Brandung standest?"

Balian schüttelte ob so viel Ausmalung den Kopf und erwiderte:
"Ich habe um Jerusalem und für die Menschen gekämpft, wie je der andere dieser Tage. Ich war einer der Verteidiger. Einer von vielen und doch viel zu wenigen im Angesicht des riesigen Heeres, das Salah-al-Din in den Kampf führte. Aber auch ich benötigte Pausen und zwischendurch sogar Schlaf, genau wie alle an deren."
Balian nahm einen tiefen Schluck des Weines, bevor er fortfuhr, während ihn sein Onkel sehr genau beobachtete und jede Regung wahrnahm.
"Der Turm durfte nicht in ihren Händen bleiben, die Flagge mit dem Halbmond durfte nicht zum Hoffnungszeichen für die Angreifer werden, und so kämpfte ich mir mit meinem Schwert den Weg zu dem Turm frei, brachte den Fahnenträger zu Fall und verhinderte, bis ich Unterstützung bekam, die erneute Aufnahme des Wimpels durch einen Sarazenen. Und mit der Hilfe von Männern aus beiden Verteidigungsbereichen um den Turm herum gelang es, die Eroberer zurückzuwerfen."
Balian hatte diesen kurzen Bericht des Geschehens sehr trocken und ohne Pathos beendet, bevor er erneut einen Schluck des hervorragenden Weines seines Onkels zu sich nahm.
"Die Narbe auf deinem Schwertarm, sie stammt von diesem Kampf, sagt man", sprach Hugh in die entstandene Stille.
"Ja, sie stammt von diesem Kampf. Ein Hieb, der mir beinahe die Hand abgetrennt hätte. Nur eine zufällige Bewegung meinerseits und das Kettenhemd verhinderten Schlimmeres."
"Und dennoch hast du weiter gekämpft?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, wie Hugh die Worte sprach.
"Ja, Onkel, wie jeder andere, der müde, erschöpft oder verletzt war. Keiner hielt sich zurück. Jeder wußte, streckten wir die Waffen, würde es keine Gnade geben."

Hugh war sich nun sicher, daß alle Geschichten um Balian weitestgehend der Wahrheit entsprachen und man ihnen Glauben schenken durfte, denn so zurückhaltend wie Balian berichtete und sich selbst in dem Bericht immer wieder gleich allen anderen gestellt hatte, war es durchaus denkbar, daß die Geschichten ohne jede Ausschmückung das Erlebte der Überlebenden wieder gaben.
"Nein, Balian, nicht wie jeder andere. Du warst, wie ich jetzt sicher glaube, Herz und Seele der Verteidigung. In deiner Person verankert lag der ganze Mut der Menschen Jerusalems, und ein Mann, der es vermag, die Kraft vieler völlig unterschiedlicher Menschen auf sich zu vereinen, der muß mehr können als kluge Reden zu schwingen. Der muß zuvor schon seinen Mut und sein Geschick bewiesen haben."
Hugh sah seinem Neffen an, daß dieser nur mit Unbehagen an diese Tage dachte, aber er wollte gerne noch eine Frage, die ihn bewegte, beantwortet haben.
"Die wenigen Male wo du Ibelin erwähnt hast, hörte man die Verbundenheit und Liebe in deiner Stimme, sah man deine Augen leuchten. Du hast von deinen Freunden gesprochen, als wären sie noch dort. Wie kannst du dir da so sicher sein, daß du sie selbst jetzt noch versuchst zu schützen?"
Balian blickte von seinem Becher auf, den er in seinen Fingern drehte, und ein sehnsuchtsvolles Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er seinem Onkel antwortete:
"Ich bot Salah-al-Din mein Leben für das ihre. Für ein freies Leben unter seinem Gesetz, aber unbescholten als wären sie schon immer Teil seines Volkes."
Balian zögerte: "Der Sarazenenführer nahm mein Angebot an, beließ es aber dann bei meiner Geste der Unterwerfung und gab mir meine Freiheit. Seine Worte waren: 'Ibelin bleibt, was es war', und so will ich hoffen, daß es Almaric und Salem mit ihren Familien gut geht und sie nun einen gnädigen Herrn auf Ibelin haben."

Hugh du Blois betrachtete seinen momentan sehr melancholischen Neffen. Er schenke dem jungen Ritter nochmals ein, bevor er äußerte:
"Damit hast du mir viel von dir preisgegeben, Junge. Ich danke dir dafür, denn nun kann ich das Bild vervollständigen, das ich durch Tiberias' Brief", – er hielt grinsend inne, als er Balians Erstaunen sah, und sprach erst weiter, nachdem er seinem Neffen durch ein Kopfschütteln verdeutlicht hatte, daß er dazu keine weiteren Auskünfte bekommen würde – "die Berichte und dein Verhalten hier bei deiner Familie von dir erhalten habe. Und fürwahr, Balian, es zeichnet den Charakter eines sehr starken Mannes, der aber seine Kraft nicht zum eigenen Vorteil, sondern immer für die ihm Anvertrauten einsetzt. Es mag so manchem im ersten Moment als Vergeudung von Fähigkeiten vorkommen, aber was du bei deinen Mitmenschen erreichst, kann dir kein Gold oder Edelsteine vergüten."
Hugh du Blois lachte, als er anfügte:
"Tiberias faßte dies mit den Worten 'Wenn nicht er, was ist oder was macht dann einen vollkommenen Ritter aus?'"

Balian verzog das Gesicht, denn diese Bezeichnung hörte er nicht gerne. Sie klang in seinen Ohren vermessen und überheblich, aber bevor er etwas dazu erwidern konnte, erklärte sein Onkel, dem der Widerwille nicht entgangen war:
"Junge, was Tiberias hier versucht zu beschreiben, ist nicht die Vollkommenheit des Charakters in Form eines fehlerfreien Mannes, sondern Tiberias bezeichnete als vollkommen denjenigen, der um seine Fehler weiß, der dennoch den Verlockungen entsagen kann und selbst wenn es ihm zum Nachteil gereicht, auf die Reinheit seines Herzens und seiner Seele achtet. Dies alles ist dir zu eigen, bewahre es dir, mein Sohn. Und nun geh, Balian, kümmere dich um deine Angelegenheiten. Ich werde mich immer um dich sorgen, aber nicht mehr darum, daß du vielleicht scheitern könntest."

Mit diesen aufmunternden Worten trat Hugh zur Türe und öffnete sie weit. Es gab nichts mehr zu sagen.

Balian trat an seinem Onkel vorbei aus dessen Arbeitszimmer und dieser klopfte ihm dabei nochmals aufmunternd den Rücken. Der Jüngere wußte nun, wie er vorgehen würde, und er beabsichtigte, den Rat seines Onkels in zweierlei Hinsicht gleich in die Tat umzusetzen. Er wollte König Richard aufsuchen und um eine Gefälligkeit bitten, sofern der junge Ritter Anglesley damit einverstanden war und dann Sylvain im Lager aufsuchen und sich von ihm Hab und Gut Seigneur Geoffroy Ferréols, das nun das seine war, zeigen lassen. Dabei würde er gleich die Männer um ihn beobachten können und sein Vorgehen überdenken.

Balian sah sich im Saal suchend nach dem englischen König um, aber er konnte ihn nicht entdecken und ging deshalb zu Anglesley, den er stattdessen am Feuer entdeckt hatte.
"Ihr seht verfroren aus, mein Freund, nehmt von dem Wein, er wird Euch gut tun."
Balian reichte dem jungen Engländer einen Becher, den er sich zuvor von einem Bediensteten mit warmem Rotwein, der mit würzigen Kräutern versetzt war, hatte einschenken lassen. Er selbst bat um Tee. Den Wein bei seinem Onkel spürte er bereits wohlig, mehr als dieses Gefühl wollte er aber denn doch nicht.
"Trinkt Ihr nicht gerne Wein, Balian? Ich habe schon öfter bemerkt, daß Ihr am Tag andere Getränke bevorzugt."
Balian blickte einen Augenblick leer in die Flammen und sein Blick war voller Schmerz als er ihn schließlich zu Anglesley wandte:
"Ich habe am eigenen Leib erfahren, was ein Zuviel davon aus einem Mann machen kann, und bei einem Schmied mit Zugriff auf glühende Eisen kann dies grausame Gestalt annehmen."
Nach diesen Worten wandte er sich wieder ab. Er brauchte den Augenblick, um sich wieder in den Griff zu bekommen, denn noch heute spürte er die Male, die ihm sein Meister Lambert bei gebracht hatte, wie am ersten Tag.

Anglesley war schockiert. An der Reaktion von Balian konnte er ablesen, daß Balian das Opfer und nicht der Täter der Grausamkeit durch solch einen Exzeß gewesen war. Er gab dem Freund den Augenblick, den dieser brauchte um sich zu fassen. Ein Diener trat mit einem Becher Tee an den jungen Herrn heran und Balian nahm diesen, dankte und tat einen tiefen Schluck, atmete noch einige Male tief ein und wandte sich dann wieder dem Ritter an seiner Seite zu:
"Verzeiht meine Schwäche. Es gibt Erinnerungen, die auftauchen wie ein Hammerschlag, so hart und unerwartet, daß man ihnen im Augenblick nichts entgegenzusetzen hat."
"Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen, Balian. Sagt mir nur, wie alt wart Ihr zu jener Zeit?"
"Elf. Ich war elf und in der Lehre von Meister Lambert, der fast immer betrunken war. Besonders schlimm wurde es, wenn ich mich den Männern entzog, denen er mich für die Nacht andiente, denn er verlor dabei Geld, das er erhalten sollte, wenn sie zufrieden waren."
Balian hatte völlig tonlos gesprochen und drehte mit gesenktem Haupt auf den Becher blickend, diesen unentwegt in seiner Hand, als müsse er sich von etwas ablenken. Anglesley schluckte schwer, denn so etwas hatte er nicht erwartet. Der junge Ritter hatte auch schon alle möglichen Geschichten aus der Jugend des Mannes vor ihm gehört und bekam dabei immer mehr das Gefühl, daß diese in weiten Teilen der Wahrheit entsprachen und nicht, wie sonst üblich, mit der Zeit immer mehr ausgeschmückt wurden.
Der junge englische Ritter versuchte Balian aus seinen Erinnerungen zu reißen:
"Kommt, mein Freund, laßt uns Waffenübungen machen und Abwechslung suchen. Die Bewegung wird Euch gut tun und helfen, die trüben Gedanken an die Vergangenheit zu verscheuchen."

Balian blickte nun lächelnd auf, nickte und wandte sich mit dem Ritter aus dem Saal hin zum Waffenplatz des Heerlagers vor der Burg. Er hatte ein wärmendes Wams an und den Rest gegen die winterliche Kälte des trüben Tages würde die Bewegung tun. Am Platz legten beide ihre Schwerter ab und griffen zu den Übungsschwertern. Es war das erste Mal, daß Balian sich hier maß, und der englische Ritter erwies sich als ein sehr geschickter Schwertkämpfer, doch der junge Ibeliner zeigte sich rasch als ebenbürtig, aber sie gaben beide nicht alles. Es war ein Spiel zwischen ihnen, das rasch seine Zuschauer fand. Endlich gelang es Balian, Anglesley aus dem Gleichgewicht zu bringen, er strauchelte und fiel. Nun war der Kampf entschieden, denn Balian stand über dem liegenden Ritter und sein Schwert zeigte mit seiner Spitze auf dessen Kehle. Dann lachte Balian, wie die Ritter es bislang von ihm noch nicht gehört hatten, warm und anziehend, reichte dem Freund die Hand und half ihm in die Höhe.

"Wenn Ihr glaubt, Euch mit einem so lächerlichem Schwertgeplänkel Respekt und Achtung bei uns zu verdienen, dann täuscht Ihr Euch aber, Ibelin!", kam es schneidend von einem älteren Ritter mit den Farben Gâtinais'.
„Der Graf hatte ein ganz anderes Format als Ihr es je erreichen werdet und wir, er wies auf zwei andere Kämpen, werden immer dem Grafen die Treue halten. Für uns ist, da ihn der Herr zu sich geholt hat, sein Bruder nun rechtmäßiger Herr über Gâtinais und wir werden seinen Anspruch verteidigen, egal was dieses Gottesurteil auch sagen mag, denn Gâtinais hatte Euch bereits am Boden."

Aufgebrachte Rufe waren zu hören und barsche Beleidigungen für den Sprecher.
Aber Balian blieb ganz ruhig, trat zu seinem Schwert, nahm es auf und zog es langsam und bedächtig aus seiner Scheide. Dem jungen Graf von Gâtinais, der diese Konfrontation mit den Rittern Seigneur Geoffroy Ferréols zwar erwartet hatte und diese auch suchen wollte, noch bevor er zur Grafschaft aufbrach, war dieser überraschende und frühe Händel nicht recht, aber wenn es denn sein sollte, würde er nicht weichen:
"Dann kommt, wenn es das ist, was Ihr wollt. Tragen wir es hier und jetzt aus. Ich bin der Graf von Gâtinais und Euer Ansinnen ist nichts weiter als Verrat, und verdient nichts weniger als den Tod."
Balian hatte hart gesprochen und seine Gestik zeigte, daß er wahrhaftig gewillt war, gegen alle drei Ritter anzutreten, aber im Stillen hoffte er, daß sich die beiden anderen Ritter von seiner Selbstsicherheit einschüchtern lassen würden, denn selbst der Rädelsführer würde ein harter Brocken für ihn werden. Er hatte bei dem Übungskampf mit Anglesley schon gemerkt, daß, hätte dieser wirklich seine ganze Kraft und Wendigkeit eingesetzt, er keine Chance gehabt hätte. Sie waren alle nur mit ihren Schwertern ausgestattet, keiner trug Rüstung oder Schild. Einige Ritter wollten einschreiten, darunter auch solche mit den Farben Gâtinais, aber Balian hielt sie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete zurück:
"Haltet Euch raus! Dies ist eine Angelegenheit, die nur mich und diese drei dort betrifft!"
"Das werde ich nicht tun!", ertönte es rechts von Balian, der sogleich Anglesleys Stimme erkannte.
"Ihr hattet mich darum schon einmal gebeten und ich sagte Euch, daß ich Eurem Wunsche nur folgen kann, solange er sich mit meinem Gewissen vereinbaren läßt."
Anglesley hatte ebenfalls sein Schwert genommen, sich an die Seite Balians gesellt und grinste ihn frech an.

Anglesley hatte kaum fertig gesprochen, da folgte bereits der erste Angriff des Redners und die anderen beiden versuchten um den Engländer herum an Balian heranzukommen. Als Balian dann durch einen Ritter gestellt wurde und seine ganze Abwehr für den harten Hieb in Anspruch genommen wurde, versuchte der dritte Kämpfer ihn gleichzeitig von hinten anzugreifen. Im letzten Moment gelang es dem Ibeliner, sich aus der Reichweite des Schwertes dieses feigen Ritters zu bringen. Balian konnte sich gegen die beiden Mannen nur verteidigen und wich immer weiter zurück, während Anglesley in einem harten Zweikampf mit dem Hünen dieser Gruppe stand und sich zunächst nicht frei kämpfen konnte, als er plötzlich, nach einer Reihe von Hieben des Gegners, sich aus seiner Verteidigungshaltung in den Schlag des Angreifers drehte, sein Schwert von unten herauf führte und zunächst mit dem Knauf gegen die Kehle des Ritters schlug. Der Kämpe ließ daraufhin sein Schwert fallen und taumelte zurück, während er sich an die Kehle griff. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor, denn Anglesley hatte sich nicht damit begnügt nur einen Schlag gegen die Kehle zu führen, sondern er hatte in einem Zug auch sein Schwert entlang des Halses geführt. Er hatte keine Gnade mit diesem Mann und konnte sie sich auch in dieser Situation nicht erlauben. Der junge Ritter sah, daß Balian um sein Leben kämpfte, aber für einen Moment die Oberhand hatte. Auch sein erster Gegner brach röchelnd zusammen, denn er war in eine Finte des Ibeliners gelaufen, aber der Kampf war noch lange nicht vorüber.
Wutentbrannt stürmte der übriggebliebene Ritter auf Balian zu und dieser mußte sich vieler rasch und die Seiten wechselnd geführter Hiebe erwehren. Er tat dies instinktiv und mit all der Erfahrung, die er im Kampf um Jerusalem gesammelt hatte. Der Ritter kam ihm nicht bei, aber auch er vermochte es nicht, in diesem Schlagabtausch sich einen Vorteil zu erarbeiten, als plötzlich hart und gebieterisch die Stimme Philipps zu vernehmen war und fast zeitgleich zwei berittene Ritter zwischen die Kämpfer gingen und sie trennte:
"Waffen nieder oder Ihr alle seid des Todes! Waffen nieder!"

Im Gegensatz zu Anglesley, der sichernd in seiner Nähe stand, und des anderen Ritters, der wutentbrannt den Ibeliner anstarrte, ließ Balian sofort sein Schwert sinken und trat zurück, wendete sich zum König und neigte sein Haupt. Philipp, der von einem Ausritt zurückkam und auf die Ansammlung auf dem Übungsplatz aufmerksam geworden war, hatte sich sofort mit seinem Pferd durch die Mengen gedrängt, als er des ungleichen Kampfes und des Toten ansichtig wurde. Man konnte die Wut Philipps förmlich spüren, als er schnarrte:
"Eine Erklärung für diesen Kampf, auf der Stelle! Was hat er zu bedeuten?"
König Richard trat hervor und nahm Balian die Möglichkeit zu antworten, warf ihm aber dabei einen warnenden Blick zu:
"Mein Herr, diese beiden Ritter des Hauses Gâtinais und der Gefallene haben Balian von Ibelin seinen Anspruch auf Gut und den Titel abgesprochen, trotz Gottesurteil und Eures Gebotes. Balian von Ibelin, Graf von Gâtinais hat lediglich sein Recht wahrgenommen diesem Angriff mit entsprechenden Mitteln entgegen zutreten."
"Ist das so?", echote der König, während er seinen Blick, die Situation einschätzend, über den Platz gleiten ließ.
"Herr, mit Verlaub es ist allein meine Angelegenheit mein Recht zu verteidigen und mich als Graf von Gâtinais zu behaupten", kam es fest von Balians Lippen.
Aber der König erwiderte diesen Einwurf scharf:
"Nein, das ist es nicht, Balian von Ibelin, Graf von Gâtinais! Ihr habt wohl das Recht Eure Ehre zu verteidigen, wenn diese angegriffen wurde. Aber es wurde das Gebot des Königs mißachtet, und damit ist es ein offener Angriff gegen die Krone und nichts anderes als Verrat, der den Tod nach sich zieht."
Und er wandte sich mit seinen folgenden Worten direkt an den noch lebenden aufsässigen Ritter:
"Ich sollte Euch auf der Stelle durch meine Leibwache hinrichten lassen!"
"Mein Herr, bitte!", Balian hatte sehr leise diese Worte hervorgebracht, so daß nur König Richard, Philipp und die allernächsten sie hören konnten, und dennoch gingen sie geschwind wie der Wind durch die Reihen.
Philipp wandte sich zu Balian und betrachtete den jungen Ritter sehr genau. Er verstand, was der Ibeliner mit diesen Worten sagen wollte, der hoffte, daß nicht der König diesen Kampf für ihn entschied, und schließlich nickte er.
"Gut, so möge dieser Kampf in meinem Namen fortgesetzt werden, aber Mann gegen Mann und nicht in diesem ungleichen feigen Verhältnis. Ihr seid noch nicht wieder bei Kräften, das allein läßt mir schon die Galle überkochen, also werdet Ihr das Schwert niederlegen und diesen Kampf einem Eurer Männer überlassen. Dieser wird nicht nur für Euer Recht, sondern auch für seinen König kämpfen, dessen Gesetz gebrochen wurde."

Balian verneigte sich vor seinem Herrn. Er war mit dessen Entscheidung keineswegs zufrieden, aber er wußte auch, daß nach dem bereits erhaltenem Tadel, er besser nicht mehr widersprach. Dennoch war er versucht es zu tun, denn er kannte seine Männer noch nicht und sie hatten ihm noch nicht den Treueeid geleistet. Der nächste Augenblick konnte eine böse Demütigung für ihn bringen, und so wandte er sich langsam wieder dem Kampffeld zu.
Anglesley blickte zu König Richard, denn auch er befürchtete eine Demütigung Balians, aber der englische Herrscher schüttelte nur minimal den Kopf. Er durfte hier nicht intervenieren.
Aber noch während Balian sich umwandte und nicht recht wußte, wie er dem kommenden Schweigen entkommen sollte oder welcher Art nun seine Worte sein mußten, um einen Kämp fer für sich zu finden, trat ein Ritter vor, ging die wenigen Schritte über den Kampfplatz auf Balian zu und beugte sein Knie vor dem überraschten Ibeliner:
"Erlaubt, mein Herr, daß ich Euch in diesem Kampf vertrete. Ich war der Waffenmeister des Grafen und Ausbilder der Knappen Gâtinais' am Schwert. Es wäre mir eine Ehre, obwohl der Treueeid noch aussteht, wenn ich für Euch das Schwert führen dürfte."
"Wie ist Euer Name, Ritter?"
"Herr, ich bin Guillaume de Maintenac."
Ein kleines, kaum merkliches Lächeln verzog Balians Gesicht:
"Ich danke Euch für Euer Anerbieten, de Maintenac. Ihr bewahrt mich dadurch vor einem Gesichtsverlust, das wißt Ihr!"
Der Waffenmeister erhob sich wieder und sah Balian offen in die Augen.
"Ich war Waffenmeister auf dem Stammsitz der Gâtinais, weil Seigneur Geoffroy Ferréol selten dort anwesend war und seine Gemahlin eine gute Herrin ist, die Unterstützung bedurfte, wenn sie den Menschen half, die unter ihrem Gemahl bluteten."
Die Stimme des Mannes wurde etwas sanfter:
"Die Witwe Ferréols war die kleine Tochter des Herrn, bei dem ich zum Ritter geschlagen wurde und immer gut zu mir. Als ich sie als Gemahlin des Grafen wiedersah, habe ich mich vom Moment, als sie auf Gât eintraf, an ihre Seite gestellt."
Er hatte seinen Blick einen Moment abgewandt, und als er nun abermals in das Gesicht Balians sah, konnte er keine Mißbilligung entdecken, und dadurch ermutigt erklärte er weiter:
"Ich will Euch beistehen, Herr, weil ich glaube, daß Ihr ein guter Mensch seid und Euch die Menschen Eures Gutes wichtig sein werden. Indem ich Euch zur Seite stehe, helfe ich der Herrin und den Menschen."
Balian schwankte, der Ritter griff mit einer Hand an den Oberarm Ibelins und stützte ihn:
"Der König hat Recht, Herr, Ihr mögt zwar auf dem besten Wege sein, Eure Kraft wiederzuerlangen, aber noch fehlt Euch die Ausdauer", und fast flüsternd fragte er vorsichtig:
"Es war doch wohl nicht Euer Ernst, gegen alle drei von der Bande anzutreten?"
Balian, der sich nach einigen tiefen Atemzügen wieder gefangen hatte, grinste schief und erwiderte genauso leise:
"Es war Aufschneiderei, in der Hoffnung sie so zu beeindrucken, daß wenigstens zwei einen Rückzieher machen würden."
"Dann könnt Ihr froh sein, einen Freund an Eurer Seite gehabt zu haben, Herr."

Balian mochte den Mann, er erinnerte ihn in seiner ruhigen Art an Almaric.
"Guillaume de Maintenac, laßt uns hier und jetzt eine Übereinkunft treffen. Ihr werdet mein Waffenmeister bleiben und mir immer ehrlich Eure Meinung sagen", Balian grinste frech, "und ich verspreche Euch, ab und an auch darauf zu hören. Aber vor allem der Witwe Seigneur Geoffroy Ferréols ein Leben wie bisher zu ermöglichen."
Balian wartete auf eine Erwiderung, wurde aber nur der überraschten Miene des Ritters gewahr, weil sie in diesem Moment durch ihren König unterbrochen wurden:
"Ibelin, habt Ihr einen Kämpfer, der gemäß meiner Order Eure Ehre verteidigt und für die Krone kämpfen wird?"
Balian wandte sich zu seinem Monarchen und erwiderte:
"Ja, Herr, mein Waffenmeister und erster Ritter, Guillaume de Maintenac, wird die Ehre des Hauses von Ibelin, Graf von Gâtinais vertreten."

Balian nickte dem Mann nochmals zu und Guillaume schlug seine Faust gegen seine Brust als Zeichen seiner Ehrerbietung, bevor er sich zu dem letzten Kämpfer der aufsässigen Männer wandte. Der Ritter war jener, der den Streit herausgefordert hatte, und er wußte, daß er sein Leben in dem Moment verwirkt hatte, als er so offen seine Meinung kundgetan hatte, weshalb er nun auch mit einer Vehemenz angriff, die den Waffenmeister zu nächst in die völlige Defensive drängte. Aber nach einigen Attacken hatte der die Angriffstechnik des Ritters durchschaut und war nun seinerseits in der Lage, diese zu durchbrechen und immer öfter dem Ritter Paroli zu bieten, bis sie schließlich Hieb für Hieb gleichwertige Gegner waren. Nun würden das Glück, das Geschick und die Ausdauer, wenn man nicht vom Schicksal sprechen wollte, entscheiden. Der Ritter kämpfte darum, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. De Maintenac kämpfte dagegen um sein Leben und das Recht seines Herrn. Und so war der Kampf hart und verbissen und beide wiesen bereits eine Reihe von Schnittwunden auf, und je länger der Kampf anhielt, um so unsicherer wurden ihre Aktionen.
Balian beobachtete den Waffenmeister aufmerksam, studierte seine Technik. Beide Kämpfer waren immer näher an den Standort des Ibeliners und des Königs in ihrer Auseinandersetzung gekommen, aber Philipp zog sich nicht zurück und so mußte auch Balian seinen Platz einbehalten.

Balian konnte sich des Eindruckes nicht erwehren, daß der Rädelsführer diese Annäherung bewußt und sehr geschickt vor nahm und war auf der Hut. Eben in diesem Augenblick, als er diese Ahnung hatte, wandte sich der französische Ritter von seinem Gegner ab, überbrückte mit hoch erhobenem Schwert die in zwischen kurze Distanz zu Balian und wollte es wuchtig auf Balian niederfahren lassen. Was auch immer Balian mißtrauisch gemacht hatte, er erkannte die Gefahr und ließ den Mann ins Leere laufen, indem er sich im Moment, als die Klinge nieder sauste, zur Seite drehte. Der mächtige Kämpe hatte zuviel Schwung geholt und kam dadurch ins Straucheln. Balian zögerte keinen Augenblick, denn das Leben dieses Mannes war durch den Angriff auf die Krone verwirkt, und er hatte sich durch die sen heimtückischen Angriff selbst noch dazu verurteilt, wie ein Verbrecher zu sterben. Balian ließ seine Schwertklinge über den Rücken seines Gegners sausen und als dieser mit einem Aufstöhnen in die Knie sank, setzte er nach und enthauptete den Ritter mit einem einzigen Hieb. Daß Balian hier unmittelbar und ohne Gnade gehandelt hatte, wurde auch von den Umstehenden als Fingerzeig wahrgenommen.

Balian stand leicht schwankend, sein Schwert mit der Spitze zu Boden seitwärts gerichtet und richtete seinen Blick zu seinem König.
"Maintenac, Ihr habt gut gekämpft und die Ehre Eures Herrn an ständig verteidigt, aber Ihr, Ibelin, scheint, auch wenn Ihr dies mal dazu gezwungen wart, immer das letzte Wort haben zu müssen!"
Philipp ließ diese Worte als Mahnung etwas in der Luft hängen, bevor er weitersprach:
"Ihr habt gut reagiert und ganz in meinem Sinne gehandelt. Die Angelegenheit ist erledigt."

Dann wendete der König sein Pferd und brach mit seinen Leibwächtern Richtung Burg auf. Philipp kümmerte sich nicht um die niedergestreckten Ritter. Seinem Gesetz und Urteil war Genüge getan. Niemand ahnte, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen. Es dauerte ihn, daß Balian abermals wegen seiner Herkunft angegriffen worden war, obwohl er sich seine Anerkennung in einem Gottesurteil erstritten und er, Philipp von Frankreich, König von Gottes Gnaden, ihn zum Ritter geschlagen hatte. Abermals war der Ibeliner durch Mannen, die sich die Ritterehre groß auf ihr Banner geschrieben hatten, in eben dieser Ritterehre verletzt worden und hatte sie doch mehr verteidigt, als jene Übeltäter. Philipp kannte die vielen Geschichten der Troubadoure, die von Kämpfern edler Gesinnung und Ritterlichkeit sangen. Er fragte sich inzwischen, ob es nicht einen realen Grund für diese sehnsuchtsvollen Geschichten gab, die scheinbar so gar nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatten, wenn er vom Verhalten vier seiner Ritter auf die Wirklichkeit schließen durfte. Wenn dem so war, dann mußte der junge Ibeliner in den Augen der einfachen Menschen fürwahr als etwas Besonderes gelten. Er entsann sich des Eides der Ibeliner, der in aller Munde war, und ein unangenehmer Gedanke machte sich in seiner Brust breit. 'Wenn ein solcher Mann, der von Gott schon mehrfach gesegnet wurde, einen Kreuzzug ablehnte, aber ihn dennoch begleitete, um seinem Eid gerecht zu werden, was sagte dies dann über ihren Auftrag, über ihre Annahme von Gottes Willen aus?'

Philipp schüttelte sich. Zweifel wollte er nicht aufkommen lassen, aber der junge Mann erinnerte ihn immer wieder bitter daran, daß nicht alles zum Rechten in seinem Land stand. Daß es viele in seinen Reihen gab, die willkürlich handelten. Männer wie Balian und sein Onkel erinnerten ihn daran, wie es sein sollte, und daß, statt einen Kreuzzug zu führen, er besser für die Menschen des Landes da sein müßte. Aber er hatte König Friedrich Barbarossa, dem deutschen Kaiser sein Wort gegeben und stand ihm in der Pflicht. Und so schwor er sich nun selbst, wenn Gott es wollte, daß er zurückkehrte, würde er mit der Macht eines Königs für sein Volk da sein und dafür sorgen, daß es in nicht nur Arme und Leibeigene oder Herrschende gab. Er würde für die Verbreitung von Wissen und Einhaltung der Pflichten der Rittersleute sorgen.