Teil 28
Dean hatte das untrügliche Gefühl, von einer Dampfwalze zu Boden gepresst worden zu sein. In seinem Kopf hämmerten Schmerzen, die er zuletzt bei seiner Gehirnerschütterung einige Jahre früher gespürt hatte und sein Hals fühlte sich an, als hätte ihn jemand mit dem Reibeisen bearbeitet. Er konnte nicht schlucken.
Er wollte seinen Kopf drehen, die Haut in die Kissen drücken und irgendwie schaffte er es, sich zur Seite zu rollen und das Gesicht in den Laken zu vergraben, ungeachtet der Geräusche im Zimmer, die er wie durch Watte hörte.
Ganz undeutlich und sehr weit hinten in seinen Gedanken formte sich die Information an das, was geschehen war und Dean versuchte mit aller Macht Details aus der Verschwommenheit zu ziehen. Er hatte Rachel vor sich gesehen, die flackernden Lichter … Sam angerufen … und seit diesem Zeitpunkt war alles weg.
Sam … irgendetwas hatte er Sam –
Ein Ruck ging durch Deans Körper und er stemmte sich mit zittrigen Armen auf, blinzelte unter geschwollenen, schweren Lidern hervor in den Raum.
„S…mmy?", krächzte er. Die Welt begann zu rotieren, macht es schwer, etwas zu erkennen.
„Ich bin hier", kam es dicht neben Deans Ohr und der Angesprochene entspannte sich sichtlich und ließ sich in die Kissen zurück drücken. Als er jetzt aufblickte, konnte er Sam sehen.
Der seufzte und zuckte einseitig die Schultern bei der unausgesprochenen Frage. „Die Leitung war tot, nachdem du angerufen hast." Mehr sagte er nicht, aber für Dean erklärte sich damit vieles. Er nickte.
„Rae …?", flüsterte er, hasste sich für den Tonfall, den seine Stimme annahm und konzentrierte sich auf Sam, damit die Welt um ihn herum bestehen blieb. Sam schien abgelenkt und Dean fügte ein noch leiseres „Geist" hinzu.
Das brachte Sam zurück. „Rachel geht's gut. Sie hat sich um das Geisterproblem gekümmert." Er schien zwischen Wut und Sorge gefangen. „Warum hast du nichts gesagt, du Idiot?"
Dean hätte liebend gerne eine passende Antwort gegeben, so aber schwieg er, wissend, dass seine Worte nicht das gewesen wären, was Sam hören wollte. Geschweige denn etwas, worauf er positiv reagiert hätte.
Noch während er über eine mögliche Erwiderung sinnierte, fielen ihm fast die Augen wieder zu. „… Sam …?", murmelte er dumpf.
„Immer noch hier. Versuch zu schlafen. Ich hab' ein paar Tage frei genommen." Was bedeutete: er würde dieses Haus erst wieder verlassen, wenn es Dean besser ging. Im Moment war der Ältere zu mitgenommen von was auch immer ihn erwischt hatte – aber sobald es aufwärts ging, würde es ein Kampf werden, ihn ruhig zu halten. Und Sam hatte das dumme Gefühl, dass Rachel wohl mit Worten umgehen konnte, aber nicht die körperliche Kraft hatte, es auf einen Machtkampf ankommen zu lassen und zu gewinnen.
Oder doch? Sam sah hinüber zur Tür, durch die sie verschwunden war und fragte sich ein ums andere Mal, wie viel sie über die Welt wusste, in der Dean und er lebten. Wie viel sie selbst erlebt hatte.
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„Hey – Abby, richtig?" Sarah eilte zwischen den Reihen von Stühlen hindurch, die sie von ihrem Ziel trennten und streckte einen Arm aus, um die junge Frau aufzuhalten, den anderen hielt sie fest um ihre Bücher geschlungen.
„Abigail", berichtigte die etwas Kleinere automatisch, ehe sie sich die Zeit nahm ihr Gegenüber genauer zu mustern. Die dunkelbraunen Wellen, die dicht auf die schmalen Schultern fielen und die im Schatten liegenden Augen, die die Farbe nicht preisgaben. Die dünne Unterbrechung in einer der Augenbrauen, herrührend von einer Narbe. Es dauerte nur wenige Sekunden, dann stöhnte Abigail, als sie erkannte. „Du schon wieder."
„In Anbetracht dessen, dass du mich fast umgefahren hättest und ich trotzdem mit dir rede, könntest du ruhig etwas freundlicher reagieren", erwiderte Sarah ruhig und folgte als Abigail ihre Tasche schulterte und auf die Tür zuhielt.
„Die Frage, die ich mir stelle, ist eher: was willst du von mir?" Obwohl die Blonde leise sprach klang sie feindselig, beinahe aggressiv. „Mich anzeigen? Dann nur zu."
Sarah runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf. „Nein – das hatte ich nicht vor."
Schnaubend trat Abigail hinaus auf den Gang und versuchte, sich unter die Menschenmenge zu mischen, um der ungebetenen Gesprächspartnerin zu entkommen. Sie wollte keine großen Reden, keine Freundschaften schließen. Sie wollte nur ihre Ruhe vor all diesem Campus-Kram!
Der Griff, der sich um ihren Unterarm schloss, war unbarmherzig und passte so gar nicht zum Auftreten der Dunkelhaarigen. Angst flutete durch Abigail, sie fühlte sich in ihre Kindheit zurückversetzt; an ihre Mutter ausgeliefert, die betrunken, vollgepumpt mit Drogen, in ihrer Raserei nicht aufzuhalten war. Die Erinnerung verschwand, ehe Abigail sich ihrer direkt bewusst wurde.
Der Ruck ließ ihren Halt um ihre Unterlagen locker werden und als der Ordner zu Boden fiel, drehten sich einige Studenten nach dem Lärm um. Der Knall ließ Abby zusammenzucken.
Es wirkte surreal, wie der Gegenstand laut auf den Steinfliesen aufkam und in der kurzen Lautlosigkeit danach das metallische Klicken ertönte, als sich die Ringe öffneten und alle Blätter über den Flur flatterten.
„Miststück!", zischte sie Sarah zu, riss ihren Arm los und ging in die Hocke.
„Das wollte ich nicht – entschuldige", sagte Sarah und legte ihre Unterlagen auf das Fensterbrett, auf dem Weg, um zu helfen.
Abigail schloss die Augen und atmete tief durch. Man hörte das Knirschen ihrer Zähne, schließlich beugte sie sich zu Sarah hinüber. „Ich weiß nicht, was du willst. Oder dein Freund. Aber ich weiß, wer ihr seid. Und ich will mit euch nichts zu tun haben – hast du das verstanden?"
Die Augenbrauen hebend setzte Sarah sich von einem Knie zurück auf die Fußballen, dann stand sie auf. „Vielleicht möchte ich etwas ganz anderes verstehen."
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„Er fühlt sich an, als würde er verglühen", wisperte Rachel und Sam spürte die Hand an seiner Schulter, mit der sie ihn sacht rüttelte.
Die Augen aufschlagend konnte Sam seine Umgebung wieder wahr nehmen, seine innere Uhr gab ihm ein paar Anhaltspunkte, die sein Gehirn zusammensetzte. Es war immer noch mitten in der Nacht; die Lampe auf dem kleinen Tisch neben ihm brannte, Rachels Augen lösten sich nicht von Dean.
„Ist das Fieber gestiegen?"
„Ich weiß nicht – ich weiß nicht mal, wo du das Thermometer hingelegt hast", gestand sie und kehrte zurück an ihren angestammten Platz, von dem sie sich seit Stunden nicht wegbewegt hatte: auf Kopfhöhe neben Dean, seine Hand in ihren. „Aber es scheint so."
Sam nickte besorgt, schwang die Beine aus dem Bett und fischte neben dem Nachttisch nach dem Ohrthermometer. Rachel rutschte zur Seite, als der jüngere Winchester sich auf die Kante der Matratze fallen ließ, erst mit den Fingern über die verschwitzte Stirn seines Bruders fuhr und daraufhin ergeben die Luft ausstieß.
Es kam ihm falsch vor, Dean so … verletzlich vor sich zu haben. Er war es gewohnt, diesen – manchmal auch gespielt – starken Mann in seiner Gegenwart zu haben, der jede Hilfe in den Wind schlug.
Im Normalfall haute ihn keine Erkältung, keine Verletzung so schnell um, es sei denn, sie war wirklich schwer. Sam war da anders. Seit jeher war er anfälliger für Krankheiten gewesen und dass Dean dann immer für ihn da gewesen war überzeugte ihn davon, dass er einfach tun sollte, was getan werden musste.
Die flachen Atemzüge von Dean waren das einzige Geräusch, das die unerträglichen Sekunden überbrückte, bis das Thermometer einen Piepton von sich gab und Sam das Display ins Licht hielt, damit er die Zahlen ablesen konnte.
„Verdammt noch mal, Dean!", fluchte er und drückte den Oberarm des Bruders etwas fester als eigentlich nötig. Die bittere Galle in seinem Hals waren die ersten Anzeichen für beginnende Panik.
„Sam?"
Erst jetzt wurde ihm gewahr, dass er nicht alleine war und Rachel ihn fragend anstarrte.
„Zu hoch. Viel zu hoch", erklärte er, bereits auf dem Weg ins Bad. Er musste das Fieber senken, oder gleich 911 rufen. Und dann würde Dean ausflippen.
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Samstag, 14. Juni 2003
„Dean." Pastor Jim nickte dem jüngeren Freund zu, für den er so viele Jahre wie der nie vorhandene – und wenn, niemals aufgetauchte – Onkel war. Oder wenn nötig: der Freund und Vertraute.
„Jim", gab Dean mit einem Lächeln zurück und trat auf die von einer Lichterkette erhellte Veranda hinauf. Die Moskitos nutzten den lauen Sommerabend für ein träges Surren und Brummen, ein Windhauch brachte die Kerze auf dem Tisch zum Flackern. Die Sonne war längst untergegangen, aber noch war der Himmel hell.
Dean blieb stehen, sog die Abendidylle in sich auf und fühle die Ruhe einkehren, die Jims Haus mit sich brachte.
Wortlos folgte der Pastor und setzte sich an den Tisch, die Hände um eine Tasse Kaffee legend. Er forderte Dean nicht auf, sich zu setzen. Irgendwann in all den Jahren hatte er gelernt, wann er einfach nur warten musste, bis Dean von sich aus zu reden begann und erzählte, was er auf dem Herzen hatte. Danach war immer noch Zeit für den ein oder anderen Ratschlag.
Er konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen als Dean sich auf der Unterlippe herumzukauen begann und mit den Fingern über den Rand des hölzernen Geländers fuhr.
Dann, endlich, sah er auf: „Hast du noch einen Kaffee?"
Der Blick war mehr der eines kleinen Jungen, der nach einem Stück Schokolade fragte, obwohl er wusste, dass er etwas angestellt hatte, aber Jim lächelte nur warm und stand auf. „Ich bringe dir einen."
Dean nickte und lehnte sich gegen den Pfeiler, der das Vordach stützte, die Hände in die Taschen geschoben.
Die nahe gelegene Kirche hob sich dunkel gegen das Firmament ab, hinter den Buntglasfenstern schimmerte Helligkeit, die die biblischen Gestalten in den Scheiben zum Leben erweckte. Dean kniff die Augen zusammen und stoppte damit seine Fantasie, die bereits den Abbildungen einen Freibrief gegeben hatte, sich zu verselbstständigen.
„Du siehst aus, als wärst du dir nicht sicher, was du hier tust", meinte Jim leise und drückte Dean die Tasse in die Hand, als er zurückkehrte. Der Jüngere schielte zur Seite, dann lächelte er schief.
„Ich weiß genau, was ich tue."
Sein eigenes Getränk war inzwischen längst kalt, aber der Pastor hob es trotzdem an seine Lippen und trank ein paar Schlucke des schwarzen Gebäus. Es hinterließ einen ähnlich bitteren Nachgeschmack wie die Frage, die Dean nun stellte: „Wie geht's Sam?"
Jim ließ sein Gefäß sinken. „Es geht ihm gut."
„Hast du ihm … von Rachel und mir erzählt?"
„Nein, Dean. Du hast mich darum gebeten, also habe ich es nicht getan." Er klang nicht vorwurfsvoll.
„Gut" – die Antwort kam zu schnell, hastig herausgespuckt. Jim stellte die Tasse auf den Boden und legte die Hand auf Deans Schulter. Noch immer hatten sie sich nicht ins Gesicht gesehen.
„Er würde dir seinen Segen geben, wenn er nur wüsste, was passiert ist, Junge."
„Er will nicht zuhören."
„… und ich bin sicher, er würde kommen."
„Hast du nicht gehört? Es ist ihm egal, was los war! Es ist ihm egal, was ich tue – für Sam bin ich Schuld an dem, was geschehen ist und wenn er auf stur schaltet, dann ist er auch stur." Dean befreite sich aus dem tröstlichen Griff indem er seine Schulter nach vorne bewegte und brachte mit einem Schritt die Treppe abwärts Abstand zwischen den Freund und sich. „Sag ihm …"
Jim seufzte kaum hörbar als Dean abbrach und den Kopf schüttelte. Er hätte zu gerne geholfen, aber es gab nichts, was er tun konnte. Niemand hatte das Recht, das Vertrauen zu missbrauchen, das in ihn gesetzt wurde.
„Sag ihm gar nichts." Ohne etwas von seinem dampfenden Getränk zu sich genommen zu haben stellte Dean die Tasse auf dem Holzbalken ab und schüttelte den Kopf, als müsste er einen Gedanken loswerden. „Ich muss gehen … wir sehen uns in zwei Wochen, Jim."
„Fahr vorsichtig, Dean", erwiderte der Angesprochene, gerade noch hörbar und fragte sich, ob zu dem jungen Mann irgendwann wieder ein Durchkommen wäre. Ihm blieb nichts anderes als auf Gott zu hoffen und zu beten – und selbst das wirkte mit einem Mal nicht mehr richtig.
Dean Winchester brauchte keinen Gott – er brauchte Sam.
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„Falsches Bett …"
„Was?"
„Falsches Bett", wiederholte Dean krächzend und schloss die Augen, nachdem er den braunen Wuschelkopf auf der anderen Bettseite erkannt hatte. Die dazugehörige Person lag so zusammengerollt und inmitten von verdrehten Laken, Deans Körper schmerzte schon vom Hinsehen.
Sam wirkte wie ein zerfledderter Teddybär, als er sich aufrichtete und die Haare aus Stirn und Augen wischte. „Was willst du von mir?"
„Hey, mach' halblang, Kleiner … du liegst in … meinem Bett, nicht ich in deinem. Also was … willst du eher von mir?"
Stöhnend rieb Sam sich über die Augen, versuchte den letzten Schlaf zu vertreiben. „Schön, dass du wieder Witze reißen kannst …"
„So bin ich nun mal." Dean räusperte sich und blinzelte erneut in den Raum. Sams Hemd war zerknittert, ein Hosenbein nach oben gekrempelt – oder gerutscht? – und er benutzte nur einen Arm, als er sich aus den Decken schälte, in die er verwühlt war.
So kannte Dean Sam: er war ein unruhiger Schläfer. Wie oft hatte er nachts die Decken wieder über seinen jüngeren Bruder gezogen, nur um ihn am Morgen in derselben Lage erneut zu finden?
Er musste lächeln, bei der Erinnerung und versuchte es zu verbergen, indem er sich mit dem Handrücken über den Mund fuhr. Seine Zunge glich einem trockenen Lederstück und seine Lippen waren rissig. Stirnrunzelnd erinnerte Dean sich an sein letztes Aufwachen, bei dem es ihm wesentlich schlechter gegangen war.
„Wie lange …?", fragte er als Sam sich aufgerichtet hatte und sich streckte.
„Fast drei Tage", erwiderte Sam, blickte über die Schulter zurück, ehe er fortfuhr: „Wir dachten schon, wir müssten dich ins Krankenhaus schaffen, du hattest ziemlich hohes Fieber. Irgendwie haben wir dann doch genug Flüssigkeit in dich gekriegt, damit du nicht ganz ins Nirwana abgewandert bist. Und frag gar nicht erst, wie lange wir gebraucht haben, um dir ein paar Tabletten einzuflößen – du warst keine große Hilfe."
Mehr kam nicht und Dean wollte auch keine näheren Details. Es war ihm unangenehm genug, die Gewissheit zu haben, auf Sam angewiesen gewesen zu sein. Vielleicht sogar mehr als das … wäre er nicht so müde gewesen, hätte es ihm auch durchaus peinlich sein können.
„Tja … dann … danke", murmelte er Ältere und stemmte sich auf. Seine Haut war kühl und fühlte sich klebrig an. Es war ein ekelhaftes Gefühl und er war so selten krank, dass er sich auch nie daran gewöhnen würde.
„Rachel ist draußen."
Die Aussage war nicht gerade förderlich für Deans Kreislauf und der Schwindel setzte so abrupt ein, wie sein Herz einen Satz getan hatte. „Sie ist draußen?", echote er.
„Draußen, ja – vielleicht spazieren gegangen. Ich weiß nicht. Sie war die ganze Zeit hier. Ehrlich, es schien als hätte sie überhaupt keinen Schlaf gebraucht. Sie wollte wohl mal etwas frische Luft. Kein Wunder, hier herrscht auch nicht gerade Frühlingsduft."
Hätte sich in Deans Kopf nicht alles gedreht, er hätte ein Kissen nach Sam geworfen; so aber wandte er dem anderen den Rücken zu, setzte die Beine auf den Boden und hielt dann inne.
„Sam?"
„Yeah?"
„Erinnere mich daran, nie wieder Achterbahn zu fahren."
Sam stutzte, dann brach er bei Deans jämmerlichem Blick in schallendes Gelächter aus. „Ich such' dir ein Handtuch, vielleicht hilft eine Dusche."
Im Türrahmen blieb er stehen: „Bleib sitzen! Ich warne dich!"
