I hope I will someday forgive me

Rilla-meine-Rilla,
wie geht es dir, kleine Schwester? Darf ich denn überhaupt noch ‚kleine Schwester' zu dir sagen? Es ist immerhin bald vier Jahre her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben und ich vermute, dass aus dem kleinen Mädchen von damals mittlerweile eine Frau geworden ist. Aber du musst mir verzeihen, in meinen Gedanken bist du immer noch fünfzehn, auch wenn ich eigentlich gut genug weiß, dass niemand von uns noch der ist, der er im Frühjahr 1914 war.
Es scheint einerseits unglaublich, dass es erst vier Jahre her ist, wo es mir manchmal wie ein Lebensalter vorkommt. Und andererseits kann ich manchmal nicht glauben, dass ich euch alle wirklich seit vier Jahren nicht gesehen habe. Dich, Mutter und Vater, die Zwillinge, Susan, das gute alte Ingleside, das Regenbogental. Nur auf Jem bin ich das ein oder andere Mal getroffen und Shirley habe ich einmal gesehen, als er hier war. Ken sehe ich recht häufig in letzter Zeit, da wir in der Nähe seines Regiments stationiert sind und ich bin mal gespannt, ob ich nicht auch Faith zu Gesicht kriege, wenn sie demnächst nach Frankreich versetzt wird. Jerry ist mir ein paar Mal über den Weg gelaufen, bevor die Deutschen ihn gefangen genommen haben, Carl dagegen nicht einmal, allerdings war er ja auch nicht sehr lange hier.
Ich muss sagen, an düsteren Tagen frage ich mich manchmal, ob er es nicht besser hat als wir. Das ist morbide, das weiß ich, aber er wird wenigstens nicht sein Leben mit den Erinnerungen an das verbringen müssen, was wir alle hier erlebt haben. Denn manchmal frage ich mich, ob es noch Schönheit geben kann, nachdem die Welt so viel Schrecken erlebt hat.
Ich habe ein Gedicht dazu geschrieben. Ich schreibe nicht mehr oft, aber dieses Gedicht ist mir eines Abends in den Sinn gekommen, als wir vor einigen Wochen auf die neusten Verwundeten der deutschen Offensive gewartet haben. Es ist kein schönes Gedicht, deswegen werde ich es dir nicht schicken, aber vielleicht helfen einige Zeilen daraus, zu zeigen, was ich denke.

Die Toten sind glücklicher als wir, die wir leben,
Denn im Sterben haben sie ihre Erinnerungen gereinigt
Und das Vergessen gewonnen; aber was kann uns
solche Vergessenheit bescheren?

Nun, ich habe gesagt, dass es nicht sehr schön ist, Rilla-meine-Rilla, aber es gibt auch keine Schönheit hier. Ich bin jetzt seit über drei Jahren in Frankreich und ich bin mir bewusst, dass ich einer der Glücklichen bin. Wenigstens kann ich von mir sagen, dass es nirgendwo in Deutschland eine Frau gibt, die wegen mir ewig auf die Rückkehr ihres Mannes warten muss, eine Mutter, die ihr Leben lang um ihren Sohn trauern muss, oder Kinder, die niemals ihren Vater kennenlernen werden. Ich habe nie jemanden getötet und ich habe keine Worte dafür, wie dankbar ich deswegen bin.
Außerdem lebe ich noch, bin unversehrt. Carl ist tot, Jerry gefangen, Shirley an den Rollstuhl gefesselt und selbst Jem war bereits zweimal verletzt, auch wenn er sich wieder erholt hat (aber glaube nicht, dass ihn beide Verletzungen nicht sein Leben lang begleiten werden). Ich bin bisher ohne einen Kratzer hier durch gekommen und das nicht, weil ich nicht in genug kritischen Situationen war. Ich habe genug Kameraden an Scharfschützen verloren, in den endlosen Nächten, in denen wir nach Toten und Verwundeten im Niemandsland gesucht und zu viele Tote gefunden haben.
Trotz allem hat es mich bisher nicht erwischt und manchmal frage ich mich, woran das liegt. Ob es Gott oder das Schicksal so gewollt haben? Oder ob noch irgendetwas mich erwartet. Denn dieser Krieg zeigt keinerlei Anstalten, zu Ende zu gehen. Ken hat vor einiger Zeit gesagt, ein Teil von ihm wartet seit Jahren darauf, dass ‚der andere Schuh fällt' und ich weiß, was er meint. Es scheint unmöglich, dass ich unversehrt hier durch kommen soll, wo doch alle anderen es nicht tun, und will ehrlich mit dir sein, Rilla-meine-Rilla – der Gedanke macht mir Angst.
Nicht der Tod an sich, denn ich halte den Tod nicht für etwas Schlimmes. Wenigstens nicht für den, der stirbt. Den Preis zahlen immer die, die zurückbleiben. Deswegen fürchte ich meinen Tod nur um eurer Willen, aber nicht um meiner Selbst. Aber eine schlimme Verwundung, das stelle ich mir schrecklich vor. Ich bewundere Shirley, wie gut er mit seinem Los klar kommt. Es muss unendlich schwer sein, aber ich habe vollste Hochachtung davor, dass er sich nicht unterkriegen lässt, dass er weitermacht. Studiert. Heiratet.
Da, jetzt ist es heraus. Di hat mir geschrieben, dass er und Una heiraten werden – vielleicht sind sie schon verheiratet, wenn du diesen Brief erhältst. Die Wahrheit, die tatsächliche Wahrheit, ist, dass ich froh für die beiden bin. Der rationale Teil in mir weiß, dass sie einander gut tun werden, so wie Una und ich einander vielleicht nie hätten gut tun können. Aber der andere Teil muss zugeben, dass es weh tut.
Es liegt eine besonders merkwürdige Ironie darin, dass sich beide Meredith-Mädchen je einen meiner Brüder ausgesucht haben, findest du nicht? Nicht, dass ich jemals eine Chance bei Faith hatte – ich glaube, niemand hatte jemals eine echte Chance bei Faith. Sie ist Jems gewesen, vom Moment an, an dem die beiden einander das erste Mal angesehen haben, und er ihrs. Ken hat erzählt, dass er sich mal geküsst hat, als sie vielleicht vierzehn oder fünfzehn war, aber wir wissen ja alle (er auch), dass das nichts zu bedeuten hat. Ich meine, welches Mädchen hat er nicht ‚mal geküsst'?
Für mich war Faith in jedem Fall niemals erreichbar – und ich vermute, dass war ein Grund, sich in sie zu verlieben. Sie war unerreichbar, also konnte ich sie ungestört aus der Ferne anhimmeln und heimlich Gedichte über sie schreiben. Alles andere hätte mich vermutlich auch in helle Panik versetzt. Ich war nicht sehr souverän, in meiner Jungenzeit, und ganz besonders nicht im Umgang mit hübschen Mädchen.
Una – Una ist etwas anderes. Ich schätze, ich habe immer gewusst, dass sie mich ein wenig netter findet, als man unter Kinderfreunden erwarten würde. Ich mochte sie, aber ich wusste nicht, ob ich sie liebe. Als der Krieg kam, war es gleichzeitig Grund und Ausrede, nicht weiter darüber nachzudenken. Es ist eine Sache für Jem und Jerry, wenn sie Faith und Nan bitten, auf sie zu warten, weil ohnehin jeder weiß, dass sie heiraten werden, wenn der Krieg vorbei ist. Aber wenn ich Una im Weggehen gebeten hätte, zu warten, wie lange es auch immer dauern würde, dann wäre mir das ungerecht vorgekommen. Es weiß doch niemand, was in vier, fünf, sechs Jahren passieren kann.
Also habe ich abgewartet und im Warten habe ich sie verloren. Rückblickend schätze ich, ich war mir ihrer die ganze Zeit hinweg etwas zu sicher und habe deswegen so lange nichts gesagt. Was, das sehe ich jetzt auch, genauso ungerecht ihr gegenüber war, wie sie um ein Versprechen zu bitten. Tief in mir drinnen
habe ich erwartet, dass sie auf mich warten würde, obwohl ich zu ihr die ganzen Jahre nie etwas gesagt habe. Das war feige und es war arrogant jetzt habe ich die Quittung bekommen.
So, da hast du die Wahrheit. Die Wahrheit ist auch der Grund, warum ich Una und Shirley keinen Groll entgegenbringe. Wenn Una und ich jemals hätten sein sollen, dann habe ich sie durch meine eigene Schuld verloren – und wenn wir ohnehin nie füreinander bestimmt waren, dann macht es keinen Sinn, irgendjemandem einen Vorwurf daraus zu machen. Ich bereue mein Verhalten, weil ich sie sehr mag und sie vielleicht geliebt hätte, aber den Vorwurf deswegen verdient niemand außer mir Selbst.
Und – und wenn ich ganz ehrlich zu dir bin und zu mir selbst, dann kann ich dir immer noch nicht sagen, ob ich Una wirklich
liebe. Ich mag sie sehr gerne und ich hätte mir ein Leben mit ihr vorstellen können, aber ‚Liebe' ist ein großes Wort. Ein Wort, von dem ich nicht sicher sein kann, ob es auf meine Gefühle zutrifft. Was, wenn ich noch ein wenig ehrlicher sein soll, auch heißt, dass der Heiratsantrag, den ich ihr letztes Jahr gemacht habe, nicht ganz aufrichtig war. Ich habe es natürlich ernst gemeint und wenn sie ja gesagt hätte, hätte ich sie geheiratet (vorausgesetzt, ich überlebe diesen Krieg), aber meine Motive waren vielleicht nicht so aufrichtig, wie sie hätten sein können.
Denn, dieser Krieg macht etwas mir einem. Man sieht die Menschen sterben und man sieht, wie man Zeit verliert. Wie das Leben einem zwischen den Fingern zerrinnen kann. Also klammert man sich an allem fest, was vielleicht Halt bieten kann. Und als ich gemerkt habe, dass ich Una verliere, derer ich mir doch so sicher war, habe ich versucht, sie festzuhalten. Mehr um meiner Selbst Willen als um sie glücklich zu machen, fürchte ich. Deswegen habe ich das, was passiert ist, nicht anders verdient. Und deswegen ist es besser, dass sie Shirley heiratet, wenn er es denn tut, um sie glücklich zu machen. Sie hat verdient, glücklich zu sein.
So, genug der Seelenforschung für heute. Ken ist gerade gekommen und wir wollen doch mal sehen, ob es uns nicht gelingen kann, genug Rotwein zu trinken, um diese Welt für eine Weile zu vergessen. Er hat seine eigenen Sorgen, armer Kerl – nach Passchendaele haben sie ihn ja zum Major gemacht und seit sein Lieutenant Colonel vor zwei Wochen versetzt wurde, haben sie ihm das Kommando über sein Bataillon gegeben. Ich schätze, über kurz oder lang werden sie ihm die Position des CO dauerhaft übertragen, aber ehrlich gesagt –
ich würde nicht die Verantwortung für 1000 Männer haben wollen…
Nun denn, wie dem auch sei, ich soll dich schön von ihm grüßen und er hofft, dass deine Schulkinder dir nicht allzu sehr die Nerven rauben.
Alles Liebe, Rilla-meine-Rilla,
dein Bruder Walter

Langsam ließ Rilla den Brief sinken.

Es war an sich kein ungewöhnlicher Brief, nicht von Walter. Er war immer ehrlich und seine Schilderungen waren ungeschönt. So sehr, dass sie sich manchmal fragte, was Jem dazu sagen würde, wenn er wüsste, dass all seine mühevollen flapsigen Erzählungen, die darauf abzielten, dass nur je niemand sich Sorgen machte, regelmäßig durch Walters düstere Briefe zunichte gemacht wurden.

Trotzdem, dieser hier hatte es in sich gehabt. Walters Gedanken zum Krieg kannte sie, auch wenn es sie jedes Mal wieder schlucken ließ, das in aller Deutlichkeit zu lesen. Aber seine Offenheit über seine Gefühle, zu Faith, zu Shirley, zu Una, das war auch für ihn keine Alltäglichkeit.

Es machte es aber einfacher. Sie wusste jetzt, dass Walter die Entwicklung zwar schmerzte, aber dass es ihn nicht so hart getroffen hatte, wie sie befürchtet hatte. Denn er war mit sich selbst genauso schonungslos ehrlich wie in seinen Beobachtungen zum Krieg und wenn er schrieb, dass er Shirley und Una nicht grollte, dann war das die Wahrheit.

(Allerdings – „Nun, wie dem auch sei, ich soll dich schön von ihm grüßen und er hofft, dass deine Schulkinder dir nicht allzu sehr die Nerven rauben." – was zur Hölle?)

Sie faltete den Brief wieder zusammen und legte ihn auf ihren kleinen Schreibtisch. Sie würde Walter später antworten. Heute Abend, wenn die Aufregungen des Tages vorüber waren. Stattdessen stand sie auf, strich ihr Kleid glatt und macht sich auf den Weg nach unten.

Sie fand Shirley wie erwartet in seinem Zimmer, das er mit kritischem Blick beäugte.

„Alles in Ordnung?", fragte Rilla ihn statt einer Begrüßung.

Er nickte langsam. „Ich denke, es ist okay, ja", gab er zurück, drehte dann den Rollstuhl, um sie besser ansehen zu können. Er war im vergangenen Jahr immer gewandter im Umgang mit dem Gefährt geworden und man merkte es.

„Keine Nerven?", sie hob grinsend eine Augenbraue, „letzte Bedenken?"

„Nein, nichts", antwortete Shirley und klang dabei so bestimmt, so sicher, dass Rilla fast ein bisschen neidisch war.

Sie trat weiter in den Raum herein, schloss die Tür hinter sich und war erst versucht, sich auf das Bett zu setzen, zog sich aber im letzten Moment doch einen Stuhl aus der Ecke heran. Irgendwie war es ihr komisch, sich jetzt auf dieses Bett zu setzen, auch wenn sie wusste, dass er vermutlich albern war.

„Ich hatte heute einen Brief von Walter", berichtete sie dann und betrachtete Shirley aufmerksam.

Er verzog allerdings keine Miene: „So?"

Rilla seufzte. Er hatte also beschlossen, schwierig zu sein. „Es geht ihm – nun, nicht sehr gut, fürchte ich. Der Krieg macht etwas mit ihm, dass mir nicht gefällt", erklärte sie vorsichtig.

„Der Krieg macht Dinge mit uns allen, die niemandem gefallen", gab Shirley zurück und lachte bitter, „wusstest du, dass die Deutschen an der Aisne durchgebrochen sind?"

Erschrocken schüttelte Rilla den Kopf. Sie hatte die Zeitungen heute noch nicht gelesen, hatte es also noch nicht gewusst.

„An der Aisne?", hakte sie nach, „aber danach kommt die Marne und das heißt…"

Shirley vervollständigte, als sie abbrach: „…sie bewegen sich auf Paris zu. Mal wieder."

Und plötzlich fühlte es sich an wie 1914. Als begänne alles wieder von vorn.

Langsam, ungläubig schüttelte Rilla den Kopf. Gleichzeitig schalt sie sich für ihre eigene Naivität. Ein halbwegs ruhiger Monat und sie hatte vergessen, mit dem Schlimmsten zu rechnen. Dumm von ihr.

„Was schreibst Walt noch?", fragte Shirley da und Rilla wusste nicht, ob er sie ablenken wollte oder ob er es wirklich wissen sollte, aber sie ging dankbar auf sein Angebot ein.

„Er hat über – naja, über Una geschrieben. Una und ihn, Una und dich. Er war sehr ehrlich und… sehr hart mit sich selbst, denke ich", antwortete sie mit Bedacht, „aber um es kurz zu machen: er wünscht euch beiden alles Gute. Er möchte, dass du sie glücklich machst."

Shirley nickte. „Da sind wir schon mal zwei", erwiderte er nachdenklich. Dann: „Ist er wütend?"

„Höchstens auf sich selbst, aber eigentlich nicht mal das. Ich würde es eher als… als ‚wehmütig' beschreiben", versuchte Rilla, ihre Gedanken in Worte zu gießen, „aber nicht einmal wegen Una selbst, sondern mehr wegen dem, was sie für ihn darstellt. Es ist etwas kompliziert."

„Was du nicht sagst", murmelte Shirley und nahm den bösen Blick seiner Schwester gelassen in Kauf.

„Das wichtigste ist, dass er sich für euch freut und niemandem böse ist. Ist das nicht gut?", herausfordernd sah sie Shirley an.

Der hob beschwichtigend die Hände: „Doch, natürlich ist das gut. Muss ich mich ihm gegenüber wenigstens nicht mehr schuldig fühlen, wenn er sich selbst die Schuld gibt."

Das letzte war offensichtlich ein Scherz, denn er grinste dabei, was Rilla aber nicht daran hinderte, ihn erneut tadelnd anzusehen.

„Nur damit es weißt", informierte sie ihn, während sie vom Stuhl aufstand, „das lasse ich dir nur durchgehen, weil heute dein Hochzeitstag ist. Ab morgen solltest du dir solche frechen Kommentare lieber vorher überlegen!"

„Ab morgen ist Una für meine frechen Kommentare zuständig", schoss Shirley, immer schon schlagfertig, sofort zurück.

Rilla lachte. „Stimmt", gab sie zu, „und deswegen sollten wir uns jetzt langsam fertig machen. Oder willst du zu spät zu deiner eigenen Hochzeit kommen?"

„Würde mir im Traum nicht einfallen!", versicherte Shirley grinsend und hob eine Hand zum Salut.


Der Titel ist dem Lied „The power of one" der Band Sonata Arctica entnommen.

Die Gedichtzeilen sind der selbst übersetzte Teil eines Gedichts namens „The Aftermath" aus dem Buch „The Blythes are quoted" von L. M. Montgomery, veröffentlicht im Jahr 2009 bei Penguin Canada, Toronto.
Originalstrophe:
„The dead are happier than we who live,
For, dying, they have purged their memory thus
And won forgetfulness; but what to us
Can such oblivion give?"
(S. 509)