27. 4 a.m.

The night is the hardest time to be alive

and 4 am knows all my secrets."

Poppy Z. Brite

Er hatte geglaubt, er hätte all das verlernt. Es war so lange her. Außerdem konnte sich seine Erfahrung nicht mit ihrer messen, aber es war ihm scheiß egal.

Vielleicht war es auch seinen Hormonen scheiß egal. Adrenalin jagte durch seinen Körper. In jeder Pore spürte er die Erregung, und er hasste jeden unnötigen Atemzug, für den er ihre Lippen verlassen musste.

Er nahm an, seine Hände griffen zu hart in ihre Taille, seine Küsse waren zu hungrig und fordernd, und kein Hauch Romantik schaffte es an die Oberfläche. Nein, es war nur Lust, Verlangen, und der unstillbare Wunsch nach mehr!

Wie oft er davon geträumt hatte! Wie scheiß egal ihm Weasley war, war beinahe schamlos, und es erinnerte ihn nur daran, dass er niemals der Gute sein würde. Er würde immer Draco sein. Immer ein Arschloch.

All die Worte, die sie einander gesagt hatten! Es machte das hier umso dringender. Er wollte sie einatmen, wollte sie nie wieder loslassen, und seine Erektion brachte ihn um den Verstand. Er konnte sich keine Gedanken darum machen, dass es zu schnell ging – er musste sie haben. Jetzt.

Fetzen der Vergangenheit rauschten durch seine Synapsen. Er glaubte, sich zu erinnern, wie sie sich angefühlt hatte. Aber er glaubte, auch ihr Körper drängte nach seiner Berührung. Sie wollte ihn spüren.

Und hart küsste er sie, öffnete ihre Lippen mit den seinen, während er beinahe zornig vor Erregung ihre Bluse zerriss. Er begriff es nicht mal wirklich, aber er spürte sie schaudern, als sich seine Finger ihre weiche Haut gruben.

Er war sich nicht wirklich sicher, ob sie sich in seine Berührung lehnte, aber es kam ihm so vor. Vielleicht spielten ihm die Hormone diesen Streich. Zumindest hatte er sich in seinem ganzen Leben noch nicht so lebendig gefühlt wie jetzt gerade. Vielleicht fühlten sich normale Menschen immer so, dachte er dumpf. Menschen, denen durch Ersatznahrung und Unterdrückungszauber nicht die natürliche Körperentwicklung genommen wurde.

Wenn es so war, dann wollte er dieses Gefühl nicht mehr vermissen. Er hatte keine Zeit, unsicher zu sein, sich zu fragen, ob es ok war, was er tat.

Er wusste nicht, weshalb er das Verlangen verspürte, weshalb seine Finger nicht anders konnten, als beinahe grob den dunklen Stoff ihres BHs zur Seite zu drängen, warum sein Kopf sich fast süchtig neigte, warum sein Gehirn diesen Impuls sandte, aber mit fast bebenden Lippen presste sich sein Mund gegen ihre Brustwarze.

Sofort richtete dieses sich auf, und seine Zunge leckte heiß und hungrig über die harte Knospe, während ihre Nägel verlangend über seine Kopfhaut kratzten.

Er war so unerfahren, dass er nichts hätte verlernen können, aber alles, was er jetzt tat, war so instinktiv, dass es nichts mit Lernen zu tun hatte.

Seine Arme schlangen sich um ihre Taille, pressten sie noch näher an sich, und das Gefühl ihrer weichen, warmen Haut machte ihn beinahe willenlos. Er küsste eine heiße Spur zu ihrer anderen Brust, um das Spiel von neuem zu beginnen, und er glaubte, ihre Knie gaben nach, denn sie sank praktisch gegen ihn, ihr Kopf fiel vor Lust zurück gegen die Tür, und seine Hände wurden ungeduldig, öffneten ihre Hose, vielleicht zu grob, denn sie machte ein zischendes Geräusch, als er den lästigen Jeansstoff über ihre Hüften zog. Seine Bewegungen waren schnell, ungehalten, so triebgesteuert, dass es ihn wahnsinnig machte, wie sie sich allein bewegte. Er unterbrach alles, um sich das Shirt über den Kopf zu ziehen, denn jeder Fetzen Stoff störte. Er spürte ihre Hände plötzlich auf seinen Wangen. Sein Blick hob sich abwesend zu ihrem schönen Gesicht, und mit nur größerem Verlangen küsste er ihre Lippen erneut. Es war nicht genug, und seine Zunge drängte sich verzweifelt zwischen ihre Lippen, kostete, spielte, kämpfte mit ihrer, und wieder machte sie diese Geräusche, die ihn in den Wahnsinn trieben.

Hastig glitt seine Hand tiefer. Seine Finger hakten sich in den schmalen String ihres Höschens und zogen es blind ihre Hüften hinab. Sie atmete keuchend in seinen Mund, denn ohne Zögern, ohne jeden rationalen Funken Geduld, glitten seine Finger zwischen ihre Beine. Technische Feinheiten waren ihm fremd, und er wusste nur, er wollte sie berühren, er wollte sie zum Schreien bringen.

Er spürte die Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln, spürte ihre Hitze, fast grob strichen seine Finger über ihre Mitte, fanden den Eingang, und tief stieß er zwei ungeduldige Finger in sie. Sie krallte sich in seinen Nacken, vertiefte den hungrigen Kuss noch mehr, und er entfernte die Finger aus ihr, nur um sie tiefer in sie zu stoßen. Allein das bloße Gefühl ihrer Enge um seine Finger, ließ seine Erektion noch härter werden. Seine andere Hand öffnete seinen Reißverschluss, mühte sich ab, die lästige Kleidung über seine massive Erektion zu schieben, und er konnte sich kaum erinnern, wann er das letzte Mal eine Erektion gehabt hatte.

Es kam ihm vor, als hätte er siebzehn Jahre lang keine mehr gehabt. Dies war die Erektion aller Erektionen, und er konnte nicht mehr.

Sie half ihm, wurde ihm abwesend klar. Ihre Hände zogen ebenfalls an seiner Hose. Sie bewegte ihre Beine, stieg aus ihrer Kleidung, und er war so nahe. Seine Erektion war frei, berührte bereits die Haut ihres Schenkels, und sanfter Schweiß perlte über seine Stirn. Ihre Hände waren überall, berührten seine Brust, verharrten über dem Spiel seine Muskeln, lagen auf seinen Schultern, und ehe er überhaupt einen Gedanken abschließen konnte, hatte er seine Finger aus ihr entfernt, die Arme wieder um sie geschlungen, und dann verließen ihre Füße den Boden.

Und wieder war es instinktiv. Ihre Schenkel legten sich um seine bloße Hüfte. Er lehnte sie hart gegen die Tür, und seine Hand griff zwischen ihre Körper, umfasste seinen steinharten Schaft, und er spürte, wie der Winkel passte, wie seine Eichel ihren Eingang teilte. Gleichzeitig hoben sich ihre Blicke. Er suchte in ihren Augen. Suchte nach irgendetwas, was ihm vielleicht sagen würde, dass sie nicht wollte, aber gleichzeitig wusste er, er würde solch ein Verbot nicht finden. Hitze hatte ihre Wangen gerötet, Lust spiegelte sich in ihren Augen, wie sie in seinen stehen musste.

Ihre Brust hob und senkte sich schnell, und er konnte nicht länger. Auf keinen Fall länger. Er bewegte sein Becken verzweifelt nach vorne. Seine Hände griffen um ihren Po, und vor Erlösung fiel sein Kopf in seinen Nacken, als er sich mit seiner gesamten Länge in ihr vergrub. Fuck. Fuck, Fuck! So verflucht eng, dass er kaum klar denken konnte. Er bemerkte kaum, dass er sich entfernte, um sich härter in sie zu rammen. Seine Ohren vernahmen das dumpfe Bersten der schmalen Holztür. Sie ächzte und knirschte unter der Kraft, die in seinen Stößen lag. Er kam nicht mal auf die Idee, dass er ihr wehtun könnte, denn sie keuchte jetzt. Laut atmete sie, griff wieder in seine Haare, zog ihn zu einem heißen Kuss zu sich, und wieder und wieder stieß er wild nach vorne.

Er bestimmte den Rhythmus, er bestimmte das Tempo, aber sie schien nichts daran auszusetzen zu haben. Er konnte sich auf nichts konzentrieren. Sie waren einfach zwei Körper, verschmolzen im uralten Tanz.

Sein Name… Irgendwo in ihrer Kehle hörte er ihn, und es schickte ihn über die Klippe. Grollend riss er den Kopf von ihren Lippen, als er es spürte. Mächtig und wild pulsierte es in ihm. Sein Orgasmus brach unaufhaltsam aus ihm heraus, er pinnte sie ein letztes Mal mit voller Wucht gegen die Tür und scharf kratzten ihre Fingernägel über seinen Rücken.

Ihr Kopf fiel gegen die Tür zurück, und seine Augen schlossen sich. Er sah Sterne tanzen, und sein Atem ging flacher, während seine protestierenden Muskeln weiterhin ihr Gewicht gegen die Tür hielten. Unkontrolliert bockte seine Hüfte noch nach vorne, auch nach dem er sicher war, dass jeder Samenstrang seinen schlaffen Penis längst verlassen hatte.

Er wollte für immer in ihr sein, wollte immer dieses Gefühl von Macht und Erlösung spüren, aber die Erschöpfung gewann diesen Kampf.

Er zog sich zurück, stellte sie auf ihre eigenen Füße, und nur vage nahmen seine Augen ihr Gesicht war. Sanft hob sich ihre Hand zu seiner Wange, und instinktiv legte er seine Hand über ihre, hielt sie dort, und sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um seine Lippen federleicht zu küssen.

Wow. Er konnte die Hormone nicht kontrollieren, denn schon richtete sich seine Erektion wieder auf. Frisches Adrenalin pumpte durch seinen Kreislauf, und sie schien es zu merken. Ein wenig verblüfft löste sie sich von ihm. Ihre Lippen teilten sich, und er nahm an, der Hunger stand ihm erneut ins Gesicht. Er griff nach ihrer Hand und zog sie wortlos mit zum Gästebett. Er wollte sie noch mal.

Er wollte nicht darum bitten, er wollte es nicht erklären. Er wollte mehr. Mehr von ihr. Alles von ihr. Und er wollte es jetzt. Sein Körper gab ihm nicht mal die Zeit, seine Hose vollständig auszuziehen. Scheiß egal!

„Draco-", wisperte sie heiß gegen seine Lippen, aber er küsste sie wortlos, spreizte ihre Beine weiter, als er über ihr lag, und sie war noch so feucht von seinem Samen, dass er mühelos zurück in ihre Enge glitt.

Und wieder verlor er den Verstand.

Es war spät, als sie spürte, dass er wach wurde. Oder früh. Je nach dem.

Sie war wund. Sie spürte es bei der leisesten Bewegung. Und sie wusste, es lag an der Hormonbehandlung. Er hatte praktisch eine Dauererektion, und tatsächlich konnte sie nicht unbedingt behaupten, dass sie seine Lust irgendwie wirkungsvoll hätte unterbinden wollen.

Fast schämte sie sich dafür, dass sie sich so schamlos seinem Verlangen hingegeben hatte, aber nur fast, denn allein der Gedanke an seine Kraft, an seine wilde Erregung, schickte erneute Schauer ihre Wirbelsäule hinab.

Draco war… ein anderer Mann als damals. Es machte ihr Angst und gleichzeitig weckte es schrecklich schamlose Gefühle in ihr. Sie schluckte, als sie spürte, wie trocken ihr Mund war.

Er räusperte sich geräuschvoll. Wahrscheinlich war seine Kehle ebenfalls rau. Sie sah aus den Augenwinkeln, wie sich sein Kopf in ihre Richtung wandte.

„Hey", entkam es ihm tonlos. Sie drehte ebenfalls den Kopf.

„Hey", wiederholte sie scheu, obwohl sie sich kaum leisten konnte, so scheu zu klingen. Sie wusste, er musste erschöpft sein. Sie wusste nicht genau, wie oft sie Sex gehabt hatten. Sechsmal? Acht? Irgendwo dazwischen, und jedes Mal war unbeschreiblich gewesen. Nicht jedes Mal war auch sie gekommen, aber ihre wenigen Orgasmen waren absolut erdbebenartig gewesen. Merlin, damit hatte sie nicht gerechnet.

Er sah unglaublich müde aus. „Bist du…?" Er sah sie einen Moment lang überfordert an. „Bist du ok?", beendete er dann die Frage, und fast wollte sie lächeln. War sie ok? Sie nickte bloß. Was sollte sie sagen? War sie ok, nachdem er sie sechs bis achtmal genommen hatte, weil er nicht anders konnte? So hart und wild, dass sie fünf Wochen nicht würde sitzen können? Nein, sie war nicht vollkommen ok, aber… sie würde es sofort wieder tun. So viel konnte sie sagen.

Wie viel Uhr war es wohl? Sie konnte die Sonne durch die Vorhänge erahnen. Aber sie war noch nicht vollständig aufgegangen.

„Ich… sollte gehen", sagte sie plötzlich, mit dem Wissen, dass sie nicht alleine in diesem Haus waren, und mit der unangenehm eiskalten Erkenntnis, dass Snape wahrscheinlich die Nacht nur mit dem Muffliato um seinen Kopf hatte schlafen können, sollte er seine Ohren nicht sogar vollständig betäubt haben. Oh Gott.

Etwas legte sich über seinen Ausdruck. Etwas Dunkles, sehr kurz.

„Du willst gehen", wiederholte er, aber es war keine Frage.

„Snape…", begann sie unsicher, und er nickte unwirsch. Sie war sich nicht sicher, ob er… reden wollte. Ob er…- was genau er jetzt wollte. Sie war sich nicht einmal sicher, was jetzt passieren würde. Ob er einfach nur seinen Trieben nachgegangen war, ob es etwas bedeutete, ob… er es wieder tun wollte…?

Die Stille war unangenehm und sie setzte sich auf. Blinzelnd sah sie sich im Zimmer um, suchte nach ihren Sachen und, sich ihrer Nacktheit peinlich bewusst, beeilte sie sich, sich im Halbdunkeln wieder anzuziehen. Ihre Beine schmerzten. Es schmerzte zwischen ihren Beine, und lautlos verzog sie den Mund, als sie ihre Jeans verschloss.

Merlin! Sie würde ein Bad nehmen heute. Oder zwei.

„Hermine", riss sie seine raue Stimme aus ihren Gedanken. Er war ebenfalls aufgestanden, aber ihm schien es egal zu sein, dass er nackt vor ihr stand. Und wahrscheinlich gab es auch keinen Grund mehr, so zu tun, als müsse man sich schämen. „Ich…" Sie wünschte, er würde die Sätze beenden. Sie wünschte plötzlich, sie wären bei ihr Zuhause und nicht bei Snape.

Fast kam sie sich vor wie ein Teenager, der etwas sehr Verbotenes getan hatte. Und fast wünschte sie sich, dass ihr Gewissen noch warten würde, bis sie Zuhause war. Aber immer mehr Gedanken trieben an die Oberfläche, immer mehr Sorgen. Wie hatte sie so rücksichtslos sein können? Wie hatte sie so triebgesteuert und schamlos ihre ganze Beziehung mit Ron wegwerfen können? Für ihn? Für einen Mann, der ihr nicht mal damals im Angesicht des Todes die Wahrheit gesagt hatte?

Sie gestand sich ein, dass sie jahrelang von Draco Malfoy geträumt hatte. Von seinen Küssen, seinen Berührungen, und manche Träume glichen vollständig dieser versauten Version, die sie diese Nacht hatte erleben dürfen. Es trieb sofort wieder die Hitze in ihre Wangen. Gestern Abend war es genau das gewesen, was sie wollte. Genau das, was sie brauchte. Aber im Licht des neuen Tages, vielleicht war es vier Uhr oder fünf, da überkam sie die Angst. Es überkamen sie die Sorgen. Und die unbeantworteten Fragen.

Denn was passierte jetzt? Was würde Draco jetzt tun?

Und Merlin – was zur Hölle bedeutete diese Nacht?!

Er hatte sie nicht mehr berührt, hatte sie nicht in seine Arme gezogen, war einfach vor Erschöpfung nach der letzten Runde eingeschlafen – und nicht, dass sie es ihm verdenken konnte. Nicht, dass sie tatsächlich erwartet hatte, in seinen Armen aufzuwachen! Wie sollte er darauf kommen? Er war ein Mann, der siebzehn Jahre in einer Zelle gesessen hatte. Sie und Rutherford hatten ihm seine Gefühle zurückgegeben, aber… alles andere musste ihm fremd sein.

Und sie sah es! So deutlich, als würde er die Worte sagen. Er schämte sich. Für das, was er getan hatte. Gestern, mit ihr. Und Merlin, sie sollten sich beide schämen!

Gesund war es nicht gewesen, nahm Hermine an. Sie verarbeitete man nicht, was sie beide zu verarbeiten hatten. Sie hasste ihren Verstand, der schon in aller Frühe so scharf die Dinge verurteilte, die ihr Herz gar nicht wahrgenommen hatte.

„Wir… sehen uns bald", sagte sie schließlich sehr leise. Verschlossen war sein Ausdruck, und fast nagte sanfte Unsicherheit an seinem Blick. Sie wusste, er würde annehmen, sie bereute diese Nacht. Das tat sie auch, aber nicht aus diesen Gründen. Nicht aus den Gründen, aus denen sie es sollte. Sie bereute nicht, dass er sie genommen hatte, als wäre sie seins. Sie bereute keine Sekunde, in der sie seinen Namen gestöhnt hatte. Sie bereute nur, dass sie gestritten hatten. Vorher. Dass sie nichts geklärt hatten. Dass sie genau da waren, wo sie vorher auch gewesen waren.

Er hatte sie belogen. Er hatte Harry getötet. Und er hatte sie belogen.

Und es tat noch immer weh.

Und er schien sich alles, was er sagen wollte, zu verkneifen. Oder er wusste nicht, wie er es sagen sollte. Fairerweise wusste sie nicht mal, was sie hören wollte. Es gab im Moment nichts, was die Dinge ändern konnte. Nichts, was er sagen könnte.

Und plötzlich wusste sie, würde sie weinen, wenn sie nicht ging. Und es wäre nicht richtig, denn ihn traf keine Schuld, dass sie nicht mit der Wahrheit umzugehen wusste. Alles war neu und… es fühlte sich noch immer falsch an, sich zu ihm hingezogen zu fühlen, denn ihre Vergangenheit hatte sich in den letzten Tagen von innen nach außen gekehrt.

Und es machte nicht besser, dass sie nie aufgehört hatte, an ihn zu denken.

Und noch schlimmer war, dass er vielleicht recht hatte. Und dass sie falsch lag.

Dass er Harry nicht aus Hass getötet hatte, sondern… um ihn zu erlösen. Es machte alles tausendmal schlimmer. Und es macht sie zu einem noch größeren Feigling, weil sie einfach nicht so weit war, darüber zu reden und in ihm das zu sehen, was er wahrscheinlich war.

Denn… wie könnte sie je wieder gut machen, was Draco widerfahren war? Es war unmöglich. Er hatte alles aufgegeben.

„Hermine", entfuhr es ihm plötzlich und er kam umstandslos näher, schloss den Abstand, denn sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie bereits weinte, dass heiße Tränen aus ihren Augen quollen, und wie dumm es von ihr war! Und er musste denken, es war wegen ihm! Was es auch war, aber nicht…- Seine Hand legte sich um ihren Hals und sanft wischte er mit seinem Daumen eine heiße Träne fort.

„Es ist nicht-", begann sie schniefend, und Verwirrung und Angst lagen auf seinem Gesicht. Auf seinem schönen Gesicht, was über die Jahre so viel Schmerz erfahren hatte, dass man es in seinen Augen sehen konnte. Immer. Seine Brust war mit Narben übersät. Sie hatte es gestern Nacht auch gemerkt, auch gesehen, aber ihr Gehirn hatte es ignoriert. Sein schöner Körper war äußerlich so zerstört, dass sie noch mehr weinen musste.

Er zog sie in seine Arme. Und die Wärme seiner Haut hatte etwas Tröstliches. Und es tat ihr so leid, dass sie weinte. Dass sie ihm diese Bürde auch noch auferlegte.

„Bitte, weine nicht", flüsterte er rau gegen ihre Haare. „Ich wollte nicht-"

„-Draco", unterbrach sie wimmernd, und er wich ein wenig zurück, um sie anzusehen. „Ich… muss gehen. Es tut mir so leid. Und es nicht… nicht wegen…", stotterte sie, und noch immer stand die Sorge in seinem Blick. Sie versuchte, tief einzuatmen, sich zu fassen. Und sie wusste, sie konnte ihn so nicht hängen lassen. Sie wusste das! Sie hob den Blick, so tapfer, wie sie konnte. „Komm heute Abend zu mir, ok? Wir… sollten… reden. Einfach… reden, ok? Ohne…" Sie schwieg, denn allein die Gedanken daran, ließen die Schuld und die Scham nur wieder aufreißen, und fast sah sie Erleichterung auf seinen Zügen.

„Ok", sagte er nur. Er wich sofort zurück, schien ihr seine Nähe nicht aufdrängen zu wollen, und sie vermisste ihn sofort. Und gleichzeitig war sie froh, dass der Abstand da war, denn Abstand war, was sie brauchte, um die Dinge begreifen zu können.

Und ohne einen weiteren Abschied drehte sie sich um, während sein Duft sie wieder vollständig umgab.

Sie floh leise aus Snapes Haus und war unendlich dankbar, dass er noch nicht wach war, denn sie wusste, sie wäre vor Scham im Erdboden versunken, hätte er sie bei diesem Gang der Schande auch noch erwischt.