Kapitel 28 Geduld

Nur eins rettet. Einen Schritt zu tun. Und noch einen Schritt. Es immer der gleiche Schritt, den man wieder anfängt....

Antoine de Saint-Exupéry aus "Worte wie Sterne"

Das Abendessen war nicht leicht. Fast kam es Dumbledore so vor, als ob man ein verschrecktes Tier an den Tisch bat. Hagrid stellte einen Topf auf den Tisch und machte eine einladende Bewegung. Schlagartig verschwand die Ruhe aus Snape, Albus spürte es. Er hatte immer noch eine Hand auf der Schulter von Snape liegen. Sein Spion zitterte.

"Ganz ruhig", versuchte es Dumbledore.

Plötzlich bebte der Grund, Hagrid hatte mit dem Fuß auf den Boden gestampft. Sofort huschte der Blick von Severus zu dem Halbriesen.

"Das Essen wird kalt, wir sollen anfangen!" sagte dieser im normalen Tonfall. Langsam ließ Albus die Hand sinken und begab sich an den Tisch. Rubeus wies auf einen Stuhl. "Setzen Sie sich hierher, Direktor. Es gibt einen Eintopf."

"Danke Hagrid", sagte Albus.

Snape stand immer noch da und machte keine Anstalten sich zu bewegen.

"Severus komm!" sagte Hagrid schlicht.

Snape bewegte sich nicht.

"Jetzt komm endlich! Vorher hat es doch auch geklappt", seufzte der Wildhüter und schob schließlich seinen fast tauben Freund auf den Tisch zu. Den Direktor überkam eine Gänsehaut, er kannte diese hölzernen Bewegungen, diesen starren Gesichtsausdruck. Severus Snape war wieder zu einer Puppe geworden, den man überall hinschieben konnte. Das hier waren keine eigenständigen Bewegungen. Ja, vorhin hatte es Snape gewagt, die Umarmung von Dumbledore vorsichtig zu erwidern. Das war eine selbstständige Handlung gewesen, das hier nicht mehr.

Sanft aber dennoch fest drückte der Wildhüter seinen Freund auf einen Stuhl. Sofort zog der ehemalige Todesser seinen Kopf ein, legte seine Hände in den Schoß und wartete ab.

'Worauf wartet er?', fragte sich Dumbledore. 'Das ich ihn verfluche, weil er mit mir an einem Tisch sitzt? Verdammt, diese Zeiten sind doch endlich vorbei!'

Hagrid übersah die Angst von Snape und tat jedem von ihnen reichlich Eintopf auf den Teller. Zaghaft sah Severus auf, um das Gesicht seines großes Freundes zu sehen. Mit einem zufriedenen Seufzer ließ sich Hagrid auf seinen Stuhl fallen. "Guten Appetit!"

Dumbledore nahm den Löffel und begann zu essen. Genau so tat es Hagrid, nicht so Snape. Dieser hatte wieder den Kopf gesenkt und sein langes schwarzes Haar verdeckte sein Gesicht fast vollständig. Mit einem fragenden Gesichtsausdruck sah Albus zu Hagrid. Sollte er eingreifen? Doch Hagrid schüttelte nur leicht den Kopf. Also nicht eingreifen.

"Kommt noch, Geduld!" flüsterte der Wildhüter.

Hagrid begann mit einem leicht gezwungenen Gespräch, fragte nach den Neuigkeiten in der Zauberwelt, wie es in der Schule lief, ob das Ministerium Dumbledore immer noch mit Eulen bombardierte und und und...

Albus beantwortete freundlich alle Fragen und erzählte etwas von seiner Zeit in London.

"Nun, die Longbottoms sind aber für immer verloren", sagte Dumbledore gerade und warf einen Seitenblick auf seinen Spion.

Snape hatte den Kopf etwas gehoben und beobachtete sie.

Immer noch der Informationssammler, dachte Albus, immer noch der Spion.

Gerade löffelte er seine Suppe weiter, als Severus leise frage: "Was ist mit den Longbottoms passiert?"

Dumbledore ließ fast seinen Löffel fallen, Severus sprach mit ihm! Er wandte schnell den Kopf zu dem ehemaligen Todesser. Dieser zuckte zurück, duckte sich unter dem überraschten Blick seines Herrn.

Innerlich verflucht sich Albus für diese schnelle Reaktion. 'Bewege dich langsamer, du alter Narr!', schalt er sich selber.

Betont ruhig legte Dumbledore den Löffel auf die Seite und faltete die Hände auf dem Tisch. Er wollte Snape zeigen, kein Zauberstab in den Händen, keine Gefahr.

"Nun, eine Gruppe von Todessern hat die Longbottoms überfallen, kurz nach dem Fall Voldemorts."

Hagrid zuckte bei dem Klang des Namens zusammen, Snape sah Dumbledore gezwungenermaßen an.

"Sie wollten wissen wo sich der Dunkle Lord aufhält. Doch die Longbottoms wußten es nicht und so folterte man sie in den Wahnsinn. Dem kleinen Neville geht es zum Glück gut. Er wohnt jetzt bei seiner Großmutter, eine nette Dame, wirklich."

Neugierig beobachtete Dumbledore seinen Spion. Snape kannte die Longbottoms, immerhin war er in ihrem Haus beinahe umgekommen. Nein, eigentlich war er vor den Augen von Frank Longbottom ein bisschen gestorben. Es war Ironie, denn es gab den Ausdruck 'ein bisschen tot' gar nicht. Entweder man war es oder nicht. Severus Snape konnte etwas sterben. Doch nur etwas.

Für einige Zeit starrte Snape ins Leere, dann nickte er kaum merklich. Dumbledore konnte sehen wie er diese Informationen verarbeitete, klassifizierte und in seinem Kopf abspeicherte. Wie viel Wissen war noch in diesem Geist? Wie viel konnte ihm sein Spion, sein Eigentum, wirklich noch sagen?

Der weitere Abend ging ohne Zwischenfälle vorbei. Dumbledore verabschiedete sich herzlich von ihnen. Zu seiner Erleichterung verzichtete Snape auf den Kniefall. Er stand nur sprunghaft auf als Dumbledore sich erhob.

Als Hagrid die Tür hinter dem Direktor geschlossen hatte, drehte er sich langsam um. Sein Freund stand starr und still neben dem Tisch und starrte auf den Boden. Der Halbriese konnte nur ansatzweise ahnen, was in dem jungen Magier vorging. Es war eine wahre Schocktherapie gewesen. Natürlich hatte er gespürt wie sich Snape dagegen gewehrt hatte sich an den Tisch zu setzen. Doch würgende Wasserspeier! Er hatte oft genug mit Hagrid am Tisch gesessen und gegessen. Jetzt war nun mal eine dritte Person dazugekommen. Er trat auf Severus zu und sah ihn fragend an. Ok die dritte Person war niemand geringerer als Albus Dumbledore gewesen. Immerhin war Severus nicht aufgesprungen und hatte sich in eine Ecke in seiner Hütte verzogen.

Snape erwachte aus seiner starren Haltung und sah auf. Wie fühlte sich sein Freund? Hagrid beobachtete ihn genau. In den Augen stand ein eigenartiger Glanz, keine Angst, nein eher etwas wie Freude.

"Er war da!" flüsterte Snape mit gebrochener Stimme.

"Ja das war er", bestätigte Hagrid.

"Er war froh mich zu sehen!" raunte Severus.

Hagrid nickte, irgendwie war er froh, dass Dumbledore noch nicht erwähnt hatte was er nun eigentlich mit Snape vor hatte. Für einen Abend hatte er genug durchgestanden.

Plötzlich schwankte der Magier, aber Hagrid hielt ihn sicher fest.

"Genug Aufregung für einen Tag? Hm?" fragte Hagrid und es war an Severus zu nicken.

"Er kommt morgen Abend wieder. Er möchte dich jetzt öfters sehen und diesmal solltest du wirklich etwas essen! Oder sind meine Kochkünste so miserabel?" Hagrid führte den Magier in sein Bett.

Snape schwieg und ließ sich ohne Gegenwehr ins Bett gleiten. Hagrid half ihm in sein Nachthemd und breitete zum Schluß die weiche Decke über ihn aus. Kurz darauf hantierte Hagrid am Spülbecken, wischte den Tisch ab und stellte den restlichen Eintopf in den Kühlraum. Als er mit allem fertig war warf er einen letzten Blick auf seinen Freund. Severus Snape war eingeschlafen. Ganz friedlich lag er da mit einem entspannten Gesichtsausdruck und es schien als ob ihn diesmal keine Alpträume plagten. Vielleicht kam jetzt eine Zeit, wo sein Leben ruhiger verlaufen könnte. Vielleicht konnte er jetzt einige Erinnerungen bekommen, die ihn ruhiger schlafen lassen könnten.

Es war der Abend, an dem der Winter langsam seinen Abgang ankündigte. In den folgenden Tagen wurde es langsam wärmer und obwohl noch einmal Schnee fiel, blieb er nicht mehr so hoch liegen. Es wurde langsam aber sicher Frühling und nicht nur in der Natur wurde es Frühling. Für Snape begann der Frühling für sein Leben. Dumbledore kam nun fast jeden Abend. Immer nach Einbruch der Dunkelheit und nachdem fast alle Lehrer im Bett waren. Obwohl Hagrid es immer wieder versuchte, Snape zum Essen zu bewegen wenn sie am Tisch saßen, war es nur dem beherzten Eingreifen von Albus zu verdanken, dass Snape am nächsten Abend etwas aß. Der Direktor schob den Teller mit Essen näher an Snape heran und meinte halb im Scherz: "Also so übel ist das Essen von Hagrid auch nicht. Iß etwas!"

Dumbledore stellte mit Überraschung fest, wie gut Snape sein fast fehlendes Gehör ausglich. Wobei es auch für ihn eine Umstellung war, so genau von Severus beobachtet zu werden. Selten hatte sein Spion ihm mehr als eine Minute ins Gesicht gesehen. Wenn Severus von den Lippen las hatte man seine vollständige Aufmerksamkeit und es war selbst für die Zauberwelt ungewöhnlich, dass man bei einem Gespräch die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Gegenübers hatte. Wobei er auch schnell bemerkte was Snape tat wenn er nicht "hören" wollte. Er starrte stur auf den Boden und sah einen nicht an.

Das mit dem Kniefall hatte sich spätestens beim dritten Besuch geregelt. Dumbledore hatte Snape bestimmt aber sanft an das Gespräch erinnert, das sie damals in seinem Büro hatte.

"Jetzt können wir es uns leisten Severus! Ich möchte dir nicht befehlen damit aufzuhören, ich möchte, dass du verstehst warum es nicht mehr notwendig ist!" hatte er ihm gesagt.

Aber es dauerte alles unendlich lange. Albus hatte immer das Gefühl, wenn er die Hütte des Wildhüters betrat von vorne beginnen zu müssen. Es waren immer wieder die gleichen Schritte. Es waren neue Rituale für ein neues Leben.