Kapitel 27: Der Fall des Klosters
„Draco ..."
Mit weit aufgerissenen und ungläubigen Augen sah Harry auf den schlaffen Körper, den er in den Armen hielt, hinab. Er nahm die Aufruhr, die sich um sie herum gebildet hatte, kaum wahr und war nur zu einem Gedanken fähig:
Nein!
Draco konnte nicht tot sein!
Mit zittrigen Händen suchte er nach seinem Puls und der Atmung, fand aber weder das Eine noch das Andere.
Daraufhin legte er Draco voller Zärtlichkeit auf den Boden und stand langsam auf. Ein grünes Feuer loderte in seinen Augen. Niemals hatte er sich so gefühlt, so leer und gleichzeitig so voller Wut und Hass. Die Luft um ihn herum begann zu vibrieren, Blitze in allen Farben durchzuckten sie. Die vier Todesser, die noch standen, hatten ihn ausgelacht ohne die Zauberstäbe zu senken, aber ihr Lachen erstarb bei seinem Anblick schnell und alle traten einen Schritt zurück.
„Ihr habt ihn getötet ...", sagte Harry mit einer Stimme, die er nicht als seine erkannte.
Lestrange setze eine siegessichere Miene auf.
„Wir sind zu viert und du ..."
Aber Harry machte eine Handbewegung und zwei Dutzend Zauberstäbe erhoben sich in die Luft.
„AVADA KEDAVRA!"
Aus den Zauberstäben schossen grüne Blitze auf die vier Todesser zu. Drei von ihnen wurden so hart getroffen, dass sie nach hinten an die Wand geschleudert wurden. Der vierte, mit viel besseren Reflexen, konnte hinter einem Regal rechtzeitig in Deckung gehen. Es sollte ihm nicht helfen. Harry ließ das Regal verschwinden und zielte auf den Zauberer.
„Nein, bitte nicht …"
„CRUCIO!"
Der Todesser wälzte sich schreiend vor Schmerzen auf dem Boden und Harry lächelte erfreut und grausam, obwohl ihm die Tränen in Strömen über die Wangen liefen.
Oh, er würde ihn nicht töten. Harry würde aufhören, damit der Todesser sich erholen konnte und ihn dann wieder mit dem Crucio quälen. Er würde das so lange machen, bis dieser so litt wie er. Er nahm kaum wahr, dass Hermione sich ihm, so weit es die Energie, die ihn umgab, es erlaubte, genähert hatte und seinen und Dracos Namen ein ums andere Mal rief.
„Harry, hör auf ...!" Hermione versuchte, sich über die Schreie des Todessers hinweg, Gehör zu verschaffen. „Draco lebt ... Harry, du musst aufhören! Hörst du mich nicht? DRACO LEBT!"
Langsam drangen die Worte durch Harrys Besinnungslosigkeit durch.
„Was?"
„Er lebt, Harry. Hör auf … Hör auf, bitte. Draco lebt!"
Harry senkte langsam den Zauberstab und blinzelte, sein Blick war verwirrt und leer. Die Schmerzensschreie des Todessers reduzierten sich auf ein schwaches Stöhnen.
„Draco ... atmet nicht."
Hermione nickte.
„Er ist sehr schwach. Wir müssen ihn ins Krankenhaus bringen."
Draco lebte! Harry reagierte endlich mit einem gebrochenen Aufschluchzen. Die magische Gewitterwolke, die ihn umgeben hatte, löste sich auf, als er zu ihm eilte. Theo war an Dracos Seite, versuchte, ihn wieder zu beleben. Harry kniete neben Draco nieder und streichelte vorsichtig über seine bleiche Wange, sich so sehr wünschend, diesen Lebensfunken, von dem Hermione geredet hatte, mit eigenen Augen zu sehen. Ein Blinzeln, ein Luftholen. Irgendetwas, dass seiner Welt wieder einen Sinn gab.
„Draco ... Draco, wach bitte auf."
Hermione kniete sich auch neben ihn hin.
„Etwas stimmt nicht, Harry", sagte sie, während sie Dracos Puls fühlte. „Ich kann nicht mehr zaubern und es geht ihm sehr schlecht. Wir müssen ihn sofort ins St. Mungos bringen."
„Ja, ja", antwortete Harry und wollte Draco auf seine Arme nehmen.
Da hörten sie Schritte näher kommen und Narcissa betrat vorsichtig das Lager. Als sie ihren Sohn sah, eilte sie mit verzerrtem Gesicht an seine Seite.
„Nein! NEIN!"
„Er lebt", sagte Hermione schnell. „Er ist schwach, aber er lebt. Wir müssen ihn schnell in ein Krankenhaus bringen."
Harry nickte, aber plötzlich fiel ihm etwas ein, unsicher zog er die Kette hervor.
„Das sind Phönixtränen. Können sie ihm helfen?"
Hermione schaute ihn überrascht an. „Selbstverständlich, gib sie mir, schnell!"
Harry zog die Kette über den Kopf und reichte sie ihr. Hermione öffnete die Phiole vorsichtig und bat ihn, ihr zu helfen, Dracos Kopf etwas anzuheben.
„Draco, wach auf ...", sagte sie und gab ihm ein paar Ohrfeigen. „Draco ... Du musst das trinken. Draco, los, du musst das trinken!"
Draco blinzelte und Harry dachte, er müsste vor Erleichterung und Glück sterben, mit Tränen verschleierten Augen schaute er zu Hermione. Sie führte das kleine kristallene Gefäß an Dracos Lippen und flößte ihm die Flüssigkeit nach und nach ein. Die Hälfte des wertvollen Gutes lief ihm über das Kinn, aber er schaffte es, die andere Hälfte zu trinken.
„So ist es gut, Liebling!", sagte Narcissa und versuchte nicht einmal, ihre Tränen zu verstecken. „Gut gemacht."
Die Wirkung dieser magischen Flüssigkeit war fast sofort zu spüren. Draco hustete etwas, während Farbe in sein Gesicht zurückkehrte. Harry lachte Hermione an, die zurücklächelte. Harrys Lächeln wurde noch breiter, als Draco die Augen öffnete und alle verwirrt anschaute.
„Was ist passiert?"
Harry drückte fest seine Hand.
„Du hast dich zwischen einen Avada Kedavra und mich geworfen", antwortete er mit einem Kloß im Hals.
„Ich?" Draco war überrascht.
„Was?", rief Narcissa aus.
„Das ist ernst, Harry", sagte Theo leise. Dann schaute er fast ehrfürchtig zu Draco. „Ich weiß nicht, wieso du noch lebst ..."
Draco schien auch keine Antwort darauf zu haben und versuchte, sich etwas aufzusetzen. Harry half ihm, damit er bequemer in seinen Armen lag, denn er war wirklich nicht bereit dazu, ihn loszulassen. Da bemerkte er etwas Hartes in der Nähe von Dracos Herz.
Der Flachmann, dem ihm seine Mutter geschenkt hatte. Der Flachmann, in dem Draco immer den Vielsafttrank mit sich führte.
Harry suchte das Innere von Dracos Robe ab und zog ihn heraus. Er war verbeult und am Einschlagspunkt sogar etwas verschmolzen. Als er diesen Draco zeigte, schnappte dieser überrascht nach Luft. Seine Augen wanderten von Harry zu Narcissa und wieder zurück zu Harry.
„Er war noch vom letzten Mal, als ich ihn gebraucht hatte, dort", sagte er, als könnte er sein Glück kaum fassen.
Harry lachte und beugte sich dann herunter, um Draco so leidenschaftlich zu küssen, wie es seine Sorge um Dracos Zustand erlaubte, während er versuchte zu verhindern, dass ihm Tränen der Erleichterung über die Wangen liefen.
„Ich dachte, du bist tot, du Idiot!"
Draco streichelte ihm über die Wange und lächelte ihn an, aber Hermione, die sich beunruhigt umsah, unterbrach sie.
„Draco, wo ist Ron?"
Harry zuckte besorgt und sich schuldig fühlend zusammen. Das eben Vorgefallene hatte ihn seinen Freund vollkommen vergessen lassen.
„In der Krypta", antwortete Draco mit noch schwacher Stimme. „Ein Regal fiel auf uns und er hat den Schlag voll abbekommen. Er war halb bewusstlos, also habe ich ihn dorthin gebracht und bin dann wieder zurück gekommen."
Hermione nickte beruhigt. Harry und Narcissa halfen Draco aufzustehen. Theo war mittlerweile gegangen, um den letzten überlebenden Todesser, der Vater von Reuben Summers, zu fesseln, aber er kam mit besorgter Miene zurück.
„Ich kann nicht zaubern. Narcissa, kannst du es versuchen?"
Etwas verwundert, versuchte es Narcissa und konnte aber kein anderes Ergebnis erzielen. Schließlich riss Theo ein Stück seiner Tunika ab, um den Todesser damit zu fesseln. Dann machte er das Gleiche mit seinem Elf, der immer noch bewusstlos war. Hermione, die alles nachdenklich beobachtet hatte, schaute zu Harry.
„Ich glaube, dass du das verursacht hast. Als du das ... gemacht hast, hast du die ganze magische Energie um dich herum absorbiert."
Harry versuchte einen Lumos, aber es war, wie zu versuchen, einen Baumstamm zu bewegen. Das Gefühl, nicht zaubern zu können, war nicht angenehm, aber es erschien wenig wichtig, verglichen mit Dracos offenen Augen und seiner Brust, die sich im Takt seiner Atmung hob und senkte.
„Wird sie wiederkommen?"
„Ja, in ein paar Tagen."
Schritte näherten sich und trotz des eben Gehörten zielten sie aus reiner Gewohnheit mit ihren nutzlosen Zauberstäben in diese Richtung. Aber dann hörten sie Blaise, wie er nach Draco rief und dieser antwortete ihm. Blaise, Pollux und Pansy betraten das Lager und schauten sich verwundert um, sich fragend, was hier wohl geschehen war. Sie richteten sich an Draco und Narcissa.
„Habt ihr alle getötet?", fragte Blaise.
„Bis auf einen."
„Wir haben auch einen gefangen genommen, einen Ausländer, aber etwas stimmt nicht. Wir können nicht mehr zaubern. Eure Hauselfe meinte, dass etwas mit dem Kloster nicht stimmt. Ich glaube, wir sollten alle evakuieren.
Die Einzigen, die nach dem Kampf noch ihre Kräfte zu haben schienen, waren die Hauselfen. Draco und Narcissa befahlen ihnen, alle Toten der Gemeinschaft, Tips und die überlebenden Todesser zu bergen und sie raus zu bringen. Neben Abigail, Miles Bletchey und der Mutter von Marina Solange war noch Caradoc gefallen. Drei Todesser hatten versucht, die Krypta zu stürmen und ihn ermordet, bevor Blaise und der Rest sie aufhalten konnten. Der alte McNair war, kurz nachdem sie in die Krypta geflohen waren, an einem Herzinfarkt gestorben.
Harry war erschöpft, aber er stützte Draco, dem die Beine immer noch zitterten, so sehr dieser auch versuchte, es zu verstecken. In seinem Kopf wirbelte ein Sturm an Gedanken und gleichzeitig war er leer. Er war nicht fähig, das Geschehene zu verarbeiten oder Schlüsse aus Gedankengängen zu ziehen. Harry konnte nicht aufhören, an den Verrat des Elfen zu denken. An die Leichen, die der Verrat mit sich führte, an seinen Rachefeldzug; an die Gefahr, in der sie noch schwebten, und vor allem an den schrecklichen Horror, dass er kurz davor gewesen war, Draco zu verlieren. Jedes Mal, wenn er daran dachte, musste er zu Draco sehen, um sich zu versichern, dass dieser wirklich an seiner Seite war, lebend, wundersamerweise lebend.
Als sie am Ausgang ankamen spürten sie, wie erste Erschütterungen das Gebäude durchliefen. Harry tauschte einen alarmierten Blick mit den anderen aus. Das Beben war schnell vorbei, aber es war ein Anreiz, die letzten Kräfte zu sammeln und schneller zu gehen. Die Gruppe, die sich in der Krypta versteckt hatte, hatte die Tür genommen, die Harry und Draco zuvor benutzt hatten und erwartete sie schon draußen. Abigails Mutter vergoss bittere Tränen, als sie den toten Körper ihrer Tochter sah. Altair warf sich in die Arme seiner Mutter und Ron, der sehr schlecht aussah und beide Kinder im Arm hatte, rannte mit offensichtlicher Erleichterung zu Hermione.
„Geht es dir gut? Haben sie dir etwas getan?"
„Mir geht es gut."
Ron drehte sich schnell zu Harry.
„Wie geht's dir? Ich habe einen Schlag bekommen und das Nächste, an was ich mich erinnere, ist in der Krypta gewesen zu sein."
„Wir werden später alles erzählen, wir müssen erst weiter weg von hier."
Als wollte das Gebäude zeigen, dass dieser Vorschlag richtig war, begann der keine Glockenturm bedenklich zu schwanken. Blaise und Narcissa, die keine Verletzungen davon getragen hatten, schrieen alarmiert auf und befahlen den Leuten, dass sie sich ruhig und geordnet entfernen sollten, sie ließen das Kloster hinter sich.
„Ich weiß nicht, was wir machen sollen", sagte Draco müde. „Wo können wir so viele Leute verstecken?"
Harry und Draco gingen mit den anderen, da Draco nicht so schnell gehen konnte, um voraus zu gehen. Ron, Hermione und ihre Kinder waren neben ihnen, ernst und mit dem gleichen erschütterten Ausdruck wie ihn der Rest hatte.
„Wir gehen nach Hogwarts", antwortete Harry und schaute seine Freunde an. „McGonagall kann uns einige Tage verstecken, falls wir weiterhin ein Versteck benötigen sollten Slytherin steht schließlich leer." „Das ist bestimmt kein Problem", sagte Hermione überzeugt.
Nach einigen Metern räusperte sich Ron.
„Malfoy ... Hermione hat mir erzählt, dass du mich in die Krypta gebracht hast, nachdem das Regal auf mich gefallen ist."
Es waren die Vorboten einer Bedankung. Harry schaute zu Draco, der den Blick abgewandt hatte und sich auf die Lippen biss.
„Das Regal hätte mich getroffen", erklärte er schließlich etwas schlechtgelaunt. „Du hast dich vor mich gestellt, um den Schlag abzufangen."
Es schien Draco sehr zu stören, selbst etwas so Gutes über Ron sagen zu müssen, so dass Harry lächeln musste. Plötzlich brach aber vor ihnen Panik aus und sie sahen, wie die Leute, die vor ihnen gingen, schreiend versuchten zu fliehen.
„Alle auf den Boden!", befahl jemand.
„Auf den Boden und die Hände über den Kopf!"
„Auroren", dachte Harry angstvoll.
In einer Sekunde verwandelte sich die geordnete Evakuierung in ein Chaos. Mindesten fünfzehn Auroren waren aufgetaucht und schossen mit Expelliarmus und Stupors um sich, ohne zu verstehen, dass sie es mit unbewaffneten Zauberern zu tun hatten. Die Leute des Klosters versuchten, vergebens zu fliehen, rempelten einander an, während sie von den Auroren schnell eingekreist wurden. Harry wechselte einen bedeutungsschweren Blick mit Ron, der ebenso eingeschüchtert wie Harry aussah.
„Sie haben Kinder!", hörte er Williamson rufen.
„Bringt sie hierher!"
Die Auroren begannen, die Kinder aus den Armen der Mütter und älteren Geschwister zu reißen. Ron und Hermione krallten ihre Kinder so fest an sich, dass diese zu weinen begannen. Harry hörte Draco nach Altair schreien und sah, wie das Kind begann, sich nach seiner Mutter rufend zu winden, um den Auroren zu entkommen.
„Lasst ihn los!", rief Narcissa.
Sie war vielleicht nicht in der Lage zu zaubern, aber sie griff den Auror mit so viel Raserei an, dass sie kurz davor war, ihm die Augen auszukratzen, bevor der Zauberer sie mit einem kräftigen linken Haken von sich stoßen konnte.
„Mama!" Harry überrumpelnd riss Draco sich los und rannte so schnell es ging zu ihr. „Ich bring dich um, du Hurensohn!"
Harry rannte hinter ihm her.
„Draco!"
Ein anderer Auror, Battlefield, der ein guter Freund von Belby gewesen war, stoppte Dracos Angriff mit einem unerwarteten Cruciatus. Draco, der seine Mutter schon erreicht hatte, fiel stöhnend zu Boden. Harry stürzte sich auf Battelfield und unterbrach somit den Crucio, aber ein anderer Auror namens Padfoot packte ihn hart und warf ihn zu Boden. Harry spürte, wie seine Hände mit Magie auf den Rücken gefesselt wurden.
„Nein! Draco!"
Harry war nervös und verängstigt. Wenn er noch ein Fünkchen Magie übrig gehabt hätte, hätte er so reagiert wie eben im Lager. So gut wie er konnte bewegte er sich, um zu Draco zu sehen. Dieser kniete nun zwischen seiner Mutter und dem Auror, schützte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht. Battlefield schaute ihn hasserfüllt und verächtlich an.
„Über den Rest soll der Zaubergamot entscheiden, aber ihr werdet dafür bezahlen, was ihr Belby und Robards angetan habt", sagte er und zielte mit seinem Zauberstab auf Draco.
„Nein!", schrie Harry und versuchte, sich ohne Erfolg zu befreien. „Draco! Er hat nichts getan! Draco!"
In Mitten der Schreie, der Tränen und den Flüchen, die diejenigen ausknockten, die versuchten, sich zu wehren, trafen sich ihre Blicke. Dracos Augen, die mit ausreichend Stolz gefüllt waren, um seine Angst zu verstecken, ließen einen Moment all ihre Barrieren fallen. Sie sagten ihm so viele Sachen, dass Harry dachte, er müsste verrückt werden. Draco schluckte, wandte den Blick ab und schaute mit der ganzen Verachtung, zu der er fähig war, dem Auror ins Gesicht, obwohl er von Kopf bis Fuß wie Espenlaub zitterte.
Plötzlich hörten sie hinter sich ein schweres und donnerndes Geräusch. Alle, auch Harry, Draco und Battlefield, drehten sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam, nur um zu sehen, wie der Glockenturm des Klosters donnernd in einer Staubwolke verschwand . Das Schauspiel war so beeindruckend und ungewöhnlich, dass sich alle einen Moment lang überrascht ansahen. In dieser Stille hörten sie plötzlich noch etwas Anderes.
Das Lied des Phönix, der gerade aus der Staubwolke auftauchte.
„Fawkes", murmelte Harry und fühlte, wie viele andere auch, neue Hoffnung in sich aufkeimen.
„Das ist Dumbledores Phönix", sagte Dawlish, nicht weit von Harry entfernt.
„Das ist Fawkes!", rief jemand anderes aus.
Die Ankunft des Vogels hatte alle effektiver als der Einsturz innehalten lassen. Außer den Kindern gab es niemanden, der nicht wusste, wem Fawkes gehört hatte und der Großteil der Auroren brachten ihm denselben Respekt wie dem verstorbenen Direktor von Hogwarts entgegen. Der Vogel sang weiter, während er zu Harry flog, etwas zwischen den Krallen tragend. Als er über Harry angekommen war, ließ er den Gegenstand vor dessen Füße fallen.
Es war das Schwert von Godric Gryffindor.
Harry schaute es überrascht und verwirrt an und fragte sich, was er damit machen sollte. Seine Hände waren immer noch fest auf dem Rücken gefesselt, so dass er sie nicht benutzen konnte. Und auch wenn er es hätte tun können, wäre es ein Leichtes für die Auroren gewesen, ihn zu entwaffnen.
Fawkes drehte eine Runde um seinen Kopf und anstatt sich auf seine Schulter zu setzen, wie er es die anderen Male getan hatte, flog er weiter. Zur Überraschung aller positionierte er sich zwischen Draco und dem Auror und flatterte wild mit den Flügeln, um still in der Luft stehen bleiben zu können. Die Botschaft hätte nicht eindeutiger sein können. Auch in seinem verwirrte Zustand verstand Harry, dass Fawkes´ Schutz mit dem von Dumbledore gleichzusetzen war. Harry schloss die Augen einen Augenblick und ein halbes Dutzend erleichterter „Danke" verließ seine Lippen.
Draco war genauso sprachlos wie der Rest. Er schaute Fawkes an, als würde er träumen. Harry beobachtete die Auroren und bemerkte, dass viele begannen zu zweifeln. Sie mussten sich fragen, wieso Dumbledores Phönix einen Mörder beschützte. Wenn sie die Gerüchte über Robards´ Verrat gehört hatten, glaubten sie vielleicht jetzt, dass diese wahr waren.
Als der Phönix aufhörte zu flattern, setzte er sich ruhig auf den Boden, immer noch vor Draco. Dieser wandte den Blick von dem Vogel ab und tauschte einen mit Harry aus, der ihm ein Lächeln voller Vertrauen und Hoffnung schenkte.
Nun, da Fawkes aufgehört hatte zu fliegen, war das Einzige, was man hören konnte, das Weinen einiger Kinder. Sogar die Auroren zuckten erschrocken zusammen, als sie die leisen Plopps hörten, die Apparationen ankündigten.
„Keiner bewegt sich!", befahl eine bekannte Stimme.
Es war Scrimgeour und er war nicht alleine. Minerva, Lavender, Shacklebolt, die Weasleys und zwei Mitglieder des Zaubergamot waren bei ihm. Alle hatten die Zauberstäbe gezückt.
„Herr Minister ...", begann Dawlish.
Aber der Minister ließ ihn nicht ausreden. Während er ihn am Arm packte und ihn zur Seite zog, um leise und vehement auf ihn einzureden, zielte Minerva mit dem Zauberstab auf Harry und befreite ihn von seinen Fesseln.
„Geht es dir gut?"
„Ja, ja."
Einige Meter entfernt kümmerten sich die Weasleys um Ron und Hermione, die ebenfalls unbeweglich gemacht worden waren und darauf brannten, mit ihren Kindern wieder vereint zu werden. Draco lag auf dem Rücken neben seiner Mutter, die sich etwas aufgesetzt hatte und einen weinenden Altair tröstete. Harry stolperte zu Draco und umarmte ihn mit den letzten Kräften, die er aufbringen konnte. Draco erwiderte die Umarmung ebenso stark, murmelte etwas gegen sein Haar, das Harry nicht verstehen konnte, was aber auf alle Fälle zärtlich klang. Er hätte sich niemals wieder von hier weg bewegt, er wollte sich keinen Millimeter mehr von ihm trennen. Aber Harry fühlte sich sehr schwach und frei von der nervösen Anspannung, die ihn auf den Beinen gehalten hatte. Er verlor das Bewusstsein mit einem Lächeln auf den Lippen.
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