Bella´s POV:
Für einige Sekunden herrschte absolute Stille, dann beschloss ich, Jasper hinterher zu laufen. Er musste sich wirklich nicht die Schuld geben, und das würde ich ihm auch sagen.
„Ich komme mit!" , zwitscherte die kleine Alice plötzlich und tanzte dann zu mir. Mit einem erstaunlich festen Griff zog sie mich hoch und sah dann erwartungsvoll zu mir hinauf. Sie war wirklich winzig, maximal 1,50 m groß.
„Wir kommen in..." , ihr Blick wurde glasig, „... 19 Minuten zurück!" und damit zerrte sie mich durch die Küche zur Hintertür und in Richtung Wald.
Ihre Gabe war wirklich beeindruckend, wie sie die Zeit genau vorhergesehen hatte... Ich rannte los und folgte dabei Jasper´s Fährte, Alice holte bald auf und rannte neben mir. Auf einer kleinen Lichtung hielt sie an und ich sah ungeduldig zu ihr. „Was ist?" , fragte ich und konnte den genervten Unterton nicht aus meiner Stimme heraushalten.
„Jasper will alleine sein, das habe ich gesehen, wir können in... genau 3 Minuten weiterrennen" , informierte sie mich. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich viel zu sehr auf ihre Gabe verließ, das hatte ich ja auch während unseres kleinen Kampfes gesehen. Ich wollte sie gerade fragen, warum sie eigentlich so aggressiv reagiert hatte, doch sie kam mir zuvor.
„Mir tut es sooo Leid, Bella, wirklich. Jasper ist mir wichtig, das verstehst du doch, oder?" , sprach sie mit einer bemerkenswerter Geschwindigkeit und sah mich dann mit großen Augen an. Ich traute ihr immer noch nicht so ganz, dieses ganze unschuldige Verhalten kam mir irgendwie verdächtig vor. Trotzdem nickte ich zögernd, ich kannte das nur zu gut, aber fragte mich trotzdem, warum sie meine Frage nicht direkt beantwortet hatte.
Der Zwerg erstarrte und fokussierte anscheinend einen dicken Baum neben uns, doch ihr Blick war seltsam leer. Bestimmt hatte sie eine Vision. Ich blieb einfach stehen, was sollte ich auch tun?
Nach einigen Sekunden fing sie sich wieder und sah mich dann freundlich an, doch für mich wirkte ihr Blick irgendwie drohend, ich nahm sicherheitshalber meine Kampfstellung ein. „Komm, Jazz ist in dieser Richtung!" , flötete sie fröhlich und rannte dann einfach los.
Ich starrte ihr misstrauisch nach, was hatte sie vor? Sie führte irgendetwas im Schilde, da war ich mir ziemlich sicher.
Egal, Jasper ging vor, also rannte ich immer den nun vereinten Fährten von Alice und Jasper nach.
Bald schon hörte ich Jasper´s unverwechselbare Stimme und wurde langsamer. „... Ich war nur... etwas geschockt" , sagte er und ich hörte das leichte Rascheln von Blättern, als er aufstand.
Ein leises Kichern hallte durch den Wald und ich schlich langsam näher. Was trieben die da?
Lautlos schwebte ich über den unebenen Waldboden und folgte immer dem Rascheln von Stoff und dem nun mit Vanille vermischten Geruch von Jasper.
Als erstes nahmen meine scharfen Augen die eng umschlungenen, kreidebleichen Körper der zwei Vampire wahr, die sich verliebt in die Augen sahen.
Erst einige Millisekunden später realisierte mein Verstand, dass es Jasper und Alice waren, die dort kurz davor waren, sich zu küssen, und ich musste meine beißende Eifersucht unterdrücken.
Stattdessen lehnte ich mich an einen Baum und beobachtete die beiden fasziniert.
Es sah nicht so aus, als würde es Jasper sonderlich beschäftigen, was er mir damals angetan hatte, er hielt Alice eisern in seinen starken, narbenüberzogenen Armen und sie klammerte sich an ihn. Die schwarzhaarige Elfe hatte ihre zarten Beine um seine Hüfte geschlungen und sah ihn an, bevor er sich mit Vampirgeschwindigkeit zu ihr beugte und ihre Lippen regelrecht verschlang. Jasper hatte seine Augen geschlossen und schien völlig zufrieden, doch Alice sah mich einen Moment lang vergnügt an, bevor sie ihre Lider senkte und sich ihm ebenfalls hingab.
Fassungslos starrte ich sie an und vergaß kurz, meine Eifersucht und die nun hinzukommende Wut zu unterdrücken. Schnell überdeckte ich meine Gefühle, doch Jasper hatte sie schon wahrgenommen.
Er versteifte sich, hob seinen Kopf und ließ seinen wachsamen Blick umherwandern, ich schaffte es gerade noch, eine teilnahmslose Maske aufzusetzen, bevor er mich bemerkte.
Seine hungrigen, schwarzen Augen trafen meine, weiteten sich kurz und wurden einige Nuancen heller, bevor er Alice runterließ und verschämt seinen Blick senkte. Sein gieriger Blick würde niemals mir gelten, selbst wenn ich nicht seine Schwester wäre, er wurde einfach viel zu sehr von einer bestimmten schwarzhaarigen Vampirin abgelenkt. Dieser Gedanke war niederschmetternd, doch ich war es ja schon gewöhnt. Der Zwerg sah jetzt wieder ganz harmlos aus und musterte Jasper besorgt.
War ihm in dieser Sekunde der Fakt wichtiger, dass ich ihn mit Alice gesehen hatte, als der, dass er mich vor 100 Jahren beinahe umgebracht hatte? Was tat diese Frau nur mit ihm?
Ja, ich hatte vorhins gesagt, dass er sich nicht die Schuld geben solle, doch natürlich wollte ich innerlich, dass er sich filmreif bei mir entschuldigte und mich dann ganz fest umarmte. Ich konnte meine Gefühle einfach nicht mehr richtig aussprechen, das hing wahrscheinlich damit zusammen, dass ich dieses riesige Geheimnis um Jasper schon seit mehr als hundert Jahren für mich behalten musste.
„Hey Jasper, ich wollte dir nur sagen, dass du keine Schuldgefühle haben musst und fragen, ob ihr wieder zurück zum Haus kommt, die anderen warten." Natürlich sagte ich nichts. Ich konnte ihm nicht böse sein, dafür liebte ich ihn einfach zu sehr. Ich hätte seiner lieben Alice gern etwas sehr unladyhaftes an den Kopf geschmissen, doch das hätte Jasper verletzt.
Eigentlich hatte sie ja auch nichts gemacht, sie hatte mich ja einfach nur angesehen. Vielleicht hatte ich mir diese Schadenfreude auch einfach nur eingebildet.
Nachdem ich mir diese zwei Sätze eingeredet hatte, konnte ich meine unterschwellige Wut einigermaßen kontrollieren. Ich winkte Jasper´s Entschuldigung ab und lächelte die beiden nett an, bevor ich mich umdrehte und unsere Fährten zurückverfolgend zum Haus rannte.
Hinter mir konnte ich hören, wie die beiden redeten, doch ich ignorierte sie. Ich versuchte einfach nur, schnell aus Jasper´s Emotions-Radius hinauszukommen, damit ich meiner Enttäuschung und Eifersucht freien Lauf lassen konnte. Andererseits würde Edward bald wieder meine Gedanken hören können, also würde ich meine Gefühle einfach unterdrücken, wie ich es schon so oft gemacht hatte.
Tatsächlich konnte ich durch einige kleine Schlitze im dichten Wald vor mir schon das nun hell erleuchtete Haus sehen, ich hatte gar nicht mitbekommen, wie es dunkel geworden war. Mit meinen guten Augen konnte ich auch nachts einwandfrei sehen.
Ich dachte nicht an das Geschehene, als ich die große Wiese erreichte. Stattdessen wanderten meine Gedanken absichtlich zu meinem Job im Krankenhaus, zu den OP´s und der Notaufnahme, das war langweilig genug, um Edward aus meinem Kopf rauszuhalten.
Mit leichten Schritten trat ich auf die Veranda und atmete einmal tief ein, bevor ich ein Lächeln aufsetzte und die Hintertür öffnete. In Menschentempo durchquerte ich die moderne und wahrscheinlich noch nie benutzte Küche und trat ins Wohnzimmer, wo schon fünf Vampire ungeduldig auf mich warteten.
Esme sah besorgt aus, als sie nur mich erkannte. „Bella, wo sind Jasper und-" , sie stellte ihre Frage nicht fertig, denn alle konnten nun die zwei Personen hören, die sich rasch dem Haus näherten.
Carlisle musste sich anscheinend die Fragen verkneifen, die ihm schon auf der Zunge lagen, als er mich vorsichtig anlächelte. Ich nickte ihm zu und ließ meinen Blick weiter zu Emmett und Rosalie schweifen. Beide saßen genauso da, wie wir sie vor 20 Minuten verlassen hatten, aber Vampire mussten sich auch nicht bewegen, es war eine reine Gewohnheitssache. Edward hingegen saß gespannt auf der vordersten Kante des Sofas und klopfte auf den leeren Platz neben sich, als er meinen Blick auffing.
Gezielt elegant schwebte ich zu ihm hinüber und beobachtete amüsiert, wie sich seine Augen leicht weiteten. Er erinnerte mich so an einen kleinen Schuljungen, es war irgendwie niedlich.
Als ich neben ihm Platz genommen hatte, lehnte er sich zu mir und flüsterte: „Ich bin schon lange kein Schuljunge mehr, aber schön, dass du mich süß findest." Dazu schenkte er mir wieder sein schiefes Grinsen und zwinkerte mir zu. Oh, er hatte meine Gedanken gelesen. Ich hatte zwar „niedlich" gedacht und nicht „süß" , da gab es einen ziemlichen Unterschied, aber sollte Edward doch glauben, was er wollte. Diese Gedanken hörte er nicht mehr, ich beschäftigte ihn mit einer komplizierten Rechenaufgabe.
Genau in diesem Moment kamen Jasper und Alice hinein, und ich war erfreut zu sehen, wie Jasper Edward mit seinem „wage es nicht, mit meiner Schwester zu flirten"-Blick durchbohrte, als er ihn so nah bei mir sah. Immerhin war ich ihm noch nicht ganz egal.
Esme sprang sofort auf und umarmte ihren Sohn. „Jasper, du kannst doch nicht einfach so plötzlich wegrennen! Ich habe mir riesige Sorgen gemacht!" , mahnte sie und nahm als nächstes Alice in ihre Arme.
„Esme hat Recht," unterstützte sie Carlisle, „trotzdem würde ich gerne den Grund für dein Verhalten erfahren." Er war echt neugierig. Jasper sah ängstlich zu mir, als er sich zwischen Alice´ Beinen auf dem Boden vor dem Sessel niederließ. Wieder wollte Eifersucht in mir hochsteigen, doch ich musste sie mir verbeißen. „Willst du es erzählen?" , fragte er mit einer noch raueren Stimme als sonst.
„Ihr habt es beide erlebt? Habt ihr euch getroffen?" , fing Carlisle mit seiner ruhigen, eindringlichen Stimme an, Fragen zu stellen.
Ich sah Jasper an. Wollte er wirklich, dass ich es erzählte? Er nickte mir entschlossen zu, bevor er nach oben griff und Alice´Hand in seine nahm. Eine leichte Brise wehte durch die zerbrochenen Scheiben und bewegte sanft seine honigblonden Locken.
Ich starrte sie gebannt an, doch wurde von einer harten Hand unterbrochen. Edward berührte mich kurz und ich wandte mich ihm zu. „Was geschah, Bella?" , fragte er und sah mir tief in die Augen.
Ich ignorierte seine verführerische Stimme und antwortete.
„Ich war noch immer in Tinsleys Armee, bald sollte ein großer Kampf stattfinden. Der gegnerische Zirkel war um einiges größer und mächtiger als unserer, aber ich machte mir keine Gedanken, wir hatten bis jetzt jede Schlacht gewonnen. Ich trainierte gerade die Neugeborenen, als Tinsley mich zu ihr rief. Sie befahl mir, im Kampf ihre Gestalt anzunehmen, denn sie war keine so gute Kriegerin wie ich. Ich versprach, es zu tun und bekam den Auftrag, den stärksten Vampir unserer Gegner auszuschalten." Bei diesen Worten lächelte ich Jasper anerkennend an und die Anderen folgten meinem Blick. Er verzog sein perfektes Gesicht und sah mich unglücklich an, doch ich fuhr einfach fort.
„Als ich nun auf dem Schlachtfeld Maria und ihrer Armee gegenüberstand-" „Maria? Hey Jazzman,da warst du doch auch!" , stellte Emmett als letzter mit begeistertem Gesichtsausdruck fest. Rosalie schüttelte nur bedauernd ihren Kopf und legte eine Hand auf Emmett´s breiten Rücken. „Manchmal bemitleide ich mich selber" , murmelte sie und sah mich dann aufmunternd an.
„Als ich Maria´s Armee gegenüberstand," fuhr ich fort, „konnte ich es nicht glauben: Dort, rechts von Maria, stand Jasper." So, nun würde ich einen Grund erfinden müssen, warum ich ihm nicht gesagt hatte, wer ich war. „Ich war einfach nur fassungslos, konnte nichts tun. Dann gab Maria den Befehl, anzugreifen." Die anderen ahnten, was passiert war, denn alle sahen mitleidig zwischen mir und Jasper hin und her, er selbst starrte mich nur gequält an.
„Er sollte mich, die angebliche Anführerin des Clans, beseitigen. Natürlich griff er an." Ich lächelte leicht bei der Erinnerung an seine burgunderfarbenen Augen und sein katzenhaftes Verhalten. Mir fiel jetzt erst auf, wie unwiderstehlich er eigentlich gewesen war.
„Wie konntest du deine eigene Schwester angreifen?" , wollte Edward wissen und sah ihn fassungslos an.
„Es war nicht seine Schuld, er erkannte mich ja nicht" , erklärte ich Edward und warf ihm einen Blick zu, der ihn zum Schweigen brachte. „Ich konnte mich auch nicht wehren", fuhr ich an die Anderen gewandt fort, „ Ich war wie gelähmt. Ich konnte gar nicht glauben, dass es wirklich mein Bruder war, der mir da gerade einen Arm ausriss" , scherzte ich. Niemand fand es lustig, Jasper sah mich nur entsetzt an. „Das habe ich wirklich getan?" , flüsterte er und stand auf.
Oh, hätte ich nur nichts gesagt.
Ich musste dieses Kapitel teilen, es wäre sonst zu lang gewesen. Der zweite Teil kommt bald!
