Kapitel 29
Zuerst dachte er, er sei tot. Es war völlig finster um ihn herum. Es gab kein Zeichen einer Explosion oder des Felsgerölls, der ihn bedecken sollte. Er wusste, dass er nicht im letzten Augenblick appariert war, da er nicht den Sog gespürt hatte, den er damit verband. Alles, was er wusste, war, dass er bäuchlings auf einer dunklen, kalten, harten und nassen Oberfläche lag.
Während sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, sah er, dass seine Handflächen übel zerschrammt waren, doch irgendwie hatte er es geschafft, am Stein der Wiederauferstehung festzuhalten. Sein Körper schmerzte von oben bis unten wie schon vor einigen Minuten. Nichttot?, dachte er hoffnungsvoll. Aberwobinichhier?
Wie um seine Frage zu beantworten, wurde seine Umgebung von einem blassgrünen Glühen erleuchtet, das vom Boden auszugehen schien und nicht von der Decke. Er rappelte sich auf, so gut er auf dem rutschigen Boden konnte, und der Raum um ihn herum wurde klarer. Sein Herz sank, sobald er die dunklen Felsen und das grünliche Wasser erblickte.
Die Höhle, in der er stand, hatte sehr viel gemeinsam mit derjenigen, in der er und Dumbledore gegen Hunderte von Inferi gekämpft hatten bei der Bergung eines Medaillons in einem Steinbecken. Er schien auf einer kleinen Insel gelandet zu sein, die aus einem einzigen flachen Fels bestand, und es gab nichts außer Wasser um ihn herum. Während er in die Tiefe spähte, konnte er blasse Lichter weit unten und die wogenden Umrisse von Leichen erkennen. EssindkeineLeichen,essindSeelen, dachte er sofort.
„Was hast du erwartet? Ein Kornblumenfeld? Einen Tunnel und ein weißes Licht? Sie denken immer, sie hätten es durchschaut."
Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er den Sprecher gefunden hatte, der sich in den Schatten verbarg, doch als er ihn sah, konnte Harry nur mühsam seinen Schock überwinden. Der Mann war groß, dunkelhaarig, gutaussehend und seine Gesichtszüge waren ihm nur allzu vertraut. Und doch zierte ein höhnisches Lächeln sein Gesicht und Stolz und Arroganz umgab ihm, weshalb Harry das Gefühl hatte, es müsse sich um eine Täuschung handeln.
„Du bist nicht Sirius", sagte er, bevor die andere Person weitersprechen konnte.
„Sehr gut!", lachte die nur allzu vertraute Stimme.
Er trat ein paar Schritte näher, so dass Harry seine gesamte Erscheinung betrachten konnte.
„Aber ich mag diesen Körper", fügte er mit einem selbstzufriedenen Feixen hinzu. „Ich finde, es macht mich liebenswerter und weniger angsteinflößend."
Harry widerte es an, eine solche Selbstgefälligkeit auf dem Gesicht seines Paten zu sehen, doch es war nicht besonders überraschend, wenn man bedachte, mit wem er es hier zu tun hatte.
„Du bist Hades."
„Was hast du dir vorgestellt? Einen großen roten Mann mit Hörnern und einer Mistgabel? Also bitte. Ich habe sehr viel mehr Stil."
Er umkreiste Harry nun und musterte ihn.
„Ja, es steckt ein wenig Peverell in dir. Die Ähnlichkeit ist da."
„Aber ich bin nicht der Erbe. Ich meine, ich bin ein Nachkomme, aber ich war nicht würdig."
Die Worte waren ihm schnell entschlüpft und er biss sich danach auf die Lippe, während er sich dafür schalt, so herausgeplatzt zu sein.
„Nicht würdig, was? Vielleicht. Aber du bist sehr interessant, nicht wahr?"
„Bin ich tot?"
Der Mann in Sirius' Körper lachte.
„Eine Menge Leute will dich tot sehen. Es will dich auch eine Menge Leute lebend sehen. Wenn der Tod ein Wettbewerb um Beliebtheit wäre, wäre niemand hier. Das ist auch der Grund, weshalb ich die Schicksäle habe. Ich lasse sie entscheiden. Das macht es viel leichter für mich."
Mit seinem Finger deutete er auf eine Öffnung in der Wand, die noch vor einigen Augenblicken verborgen gewesen war. Es war weit weg von Harrys Standort, doch er konnte darin die Umrisse von drei alten Frauen in schwarzen Kleidern ausmachen. Die erste Frau arbeitete an einem feinen silbrigen Stoff, die zweite verwob Fäden an einem Spinnrad und die dritte hielt die Kordel in einer Hand und eine Schere in der anderen. Die erste schaute auf und Harry begegnete ihrem Blick. Ihre Augen waren weiße Lichter, die direkt in seine Seele zu sehen schienen.
„Die Schwestern des Schicksals", flüsterte Harry ehrfürchtig.
Während er sprach, nahm die letzte der drei Frauen die Kordel und zerschnitt sie mit einem metallischen Schnappen.
„Das bedeutet eine weitere Seele für mich. Sie schneidet und ich sammle ein. Es ist viel weniger lästig als entscheiden zu müssen, wer lebt und wer stirbt."
Harry warf ihm unwillkürlich einen angewiderten Blick zu, doch der Herr der Unterwelt schien sich nicht daran zu stören.
„Aber du, du bist nicht wie der Rest von ihnen. Du bist ein Held. Du zerstörst die Bösewichte, ohne auf Unbequemlichkeiten zu achten."
„Du meinst, dass Voldemort nicht mehr die Gelegenheit bekommen wird, noch mehr Leute zu töten?", blaffte Harry.
„Ich meine das."
Plötzlich hob sich eine nasse, glitzernde Masse aus dem Wasser, als befände sich ein Fahrstuhl darunter. Es tropfte für einen Moment und kippte dann seitwärts auf den flachen Fels, auf dem Harry stand. Es war widerwärtig anzuschauen: ein Haufen aus grauen, knochenlosen, fauligen Eingeweiden. Es sah nicht so aus, als wären seine Teile am rechten Ort. Eins seiner Augen – glücklicherweise war es geschlossen – saß in der Mitte einer Struktur, die aussah wie seine Stirn. Der Rest seiner Gliedmaßen war grob über seinem Kopf verschränkt.
Harry musste nicht nachfragen, um zu wissen, wessen Körper das war. Nein,dasistnichtVoldemortsKörper, dachte er. DasistseineSeele.
„Was denkst du, was ich damit machen soll?" Hades schnaubte. „Normalerweise würde ich es einfach in den Abgrund werfen. Die Innereien der Erde, das Feuer der Hölle, ewiges Leiden… dahin schicke ich die Verruchten, weißt du, diejenigen, die kein schönes Jenseits verdienen. Aber was ist mit dem hier? Es ist völlig zerstört. Es ist, als würde ein Wagen auseinandergenommen und dann wieder verkehrt zusammengeschraubt. Man erwartet, dass es losrennt und sagt „Bitte! Bitte! Kein Höllenfeuer!", aber das tut es nicht. Es liegt nur da, nutzlos. Man fragt sich nur, ob es vielleicht gewisse Teile vermisst, weißt du?"
„Wirklich? Ich meine, die Teile sind doch überprüft worden, richtig?"
„Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass es noch einen Weg gibt, es herauszufinden."
In Hades' Stimme schwang etwas Spöttisches mit. Es war, als forderte er Harry heraus, nach einer Gewissheit zu fragen, einer Bestätigung, dass Voldemorts Seele ganz und vollständig war, wenn auch nicht in der richtigen Reihenfolge.
„Was werden Sie damit tun?", fragte Harry, bemüht, der unvermeidlichen Frage zu entgehen.
„Es ist Platzverschwendung, um ehrlich zu sein", kommentierte Hades mit einem angewiderten Schnauben. „Ich habe meine Prinzipien. Mir wird schon etwas einfallen."
„Warum verfüttern Sie es nicht einfach an die Dementoren", schlug Harry geradeheraus vor.
„Ah, ja! Meine treuen Diener. Sie wollen es nicht einmal kosten."
Es ertönte viel Geraune von oben. Harry blickte auf und sah, dass sie von dunklen Silhouetten umkreist wurden. Er war überrascht, nicht die plötzliche Kühle von der Nähe der Dementoren zu spüren, doch er schätzte, dass es daran lag, dass es ihr Reich war. Dennoch kamen sie Harry nicht mehr so beängstigend vor, vielleicht weil er ihnen so oft begegnet war oder vielleicht wegen der Anwesenheit vom Tod persönlich.
„Sie sind nicht gerade glücklich darüber gefeuert worden zu sein", sagte Hades, Harrys Blicks folgend.
„Ich bin sicher, sie werden eine andere Beschäftigung finden."
„Sie finden dich faszinierend, weißt du. Sie wussten schon immer, dass etwas in dir nicht ganz stimmte, und das zieht sie an. Sie fragen sich, ob da noch andere Brüche sind."
Harry schauderte unwillkürlich bei dem Gedanken, dass ein Teil der Eingeweide, die nun in dem Beutel neben ihm lagen, sich tatsächlich in seinem Körper befunden hatte, seine Seele berührt hatte. Aber er hatte schon entschieden, lange bevor er Hades getroffen hatte, dass er seine Meinung zu dem Thema nicht ändern würde: er war frei von Voldemort.
„Meine Seele ist völlig in Ordnung", erwiderte er.
„Bist du sicher?"
Harry stöhnte vor Ungeduld.
„Hören Sie, warum lassen Sie mich nicht einfach zurück oder lassen Sie mich hinübergehen, was auch immer es sein soll."
„Aber bist du sicher, dass du zurück möchtest? Ich kenne die Zukunft. Ich habe sie dir gezeigt, damit du eine Wahl hast."
„Sie meinen, ich kann mich dazu entscheiden, keine Kinder zu bekommen."
Hades' Grinsen war nun so teuflisch, dass es kaum mehr Ähnlichkeit mit Sirius aufwies.
„Nun, ja. Das ist der einzige Weg, wie deine Seele wahrlich mir gehören kann. Und kein gerissenes Zeug mit illegitimen Erben. Diesmal lasse ich mich nicht hinters Licht führen. Im Austausch werde ich dir natürlich geben, was auch immer du willst. Aber was will der berühmte Harry Potter? Der heroische, der tapfere, der selbstlose Harry Potter. Natürlich möchtest du etwas für deine Freunde tun. Es ist erstaunlich, wie du immer zuerst an andere denkst, genau wie ein Ritter es sollte. Es klingt für mich ein wenig ermüdend, um ehrlich zu sein. Aber schauen wir mal nach, wer auf meiner Liste der kürzlich Verstorbenen steht: Fred Weasley, Remus Lupin, Tonks – was soll Tonks überhaupt für ein Name sein? Aber wo war ich gerade? Du brauchst meine Hilfe nicht, oder? Du hast den Stein."
Harry öffnete seine Hand, um einen Blick auf den mächtigen schwarzen Stein zu werfen.
„Sie können ihn zurückhaben. Ich will ihn nicht."
Hades' Grinsen wurde breit vor Entzücken.
„Weise, sehr weise. Aber vielleicht solltest du ihn behalten, nur für den Fall."
Als Erwiderung schleuderte Harry den Stein unter Hades' verblüfften Blick so weit er konnte ins Wasser. Doch dann lachte der Herr der Unterwelt spöttisch.
„Tja, wie du meinst. Um ehrlich zu sein, empfehle ich es nicht, die Toten zurückzuholen. Sie drehen nach einer Weile immer etwas durch. Also was sonst? Was möchte der berühmte Harry Potter? Vielleicht normal sein? Du könntest ein Muggle sein, weißt du. Du könntest einen Neubeginn starten, ohne Erinnerungen an dein vergangenes Leben. Ich kann dich all die schrecklichen Dinge vergessen lassen und dir das Happy End zugestehen, das du verdienst."
Aber Harry wollte keinen Gedanken daran verschwenden.
„Ich begreife nicht, was für Sie drin ist", sagte er trotzig.
„Ich sagte doch schon, dass du etwas Besonderes bist. Ich habe große Pläne für dich. Also was sagst du? Haben wir einen Deal?"
„Was macht es für einen Unterschied, ob wir einen Pakt schließen oder nicht, wenn ich schon tot bin?"
„Naja, du bist nicht wirklich tot. Du liegst auf Eis. Es ist ein Zustand, mit dem du vertraut bist, oder nicht?"
Alsobinichnichttot, dachte Harry hoffnungsvoll. Das bedeutete, dass er zwar körperlich in der Unterwelt steckte, doch nicht daran gebunden war. Er musste nur noch herausfinden, wie er sie verlassen konnte.
„Was ist, wenn ich mich gegen einen Pakt entscheide? Werden Sie mich zurückschicken?"
„Wozu? Willst du wirklich noch mehr Schmerz und Leid erfahren?"
Harry hörte eine tiefere Bedeutung in einer solchen Antwort.
„Also können Sie mich nicht gegen meinen Willen hier behalten. Was ist mit Sirius?"
„Seine Zeit war gekommen", seufzte Hades. „Nicht jeder ist wie du. Glaubst du etwa, mich kümmert ein einfacher, unbedeutender Sirius Black? Ich habe nur sein gutes Aussehen angenommen."
„Er ist durch den Torbogen gefallen", beharrte Harry.
„Das Tor trifft keine Entscheidungen."
„Wer dann?"
Weit in der Ferne, halb verborgen in der Finsternis der Höhle, erhaschte Harry einen weiteren Blick auf die Schwestern des Schicksals oder wie auch immer sie hießen. Es war die dritte der Schwestern, die diesmal zu ihm hochsah.
„Was ist mit meiner Zeit?", fragte er.
„Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Aber glaub mir, in Anbetracht dessen, was dir bevorsteht, willst du nicht so lange leben. Würdest du nicht lieber Seelenfrieden und ein ruhiges, glückliches Leben haben?"
„Sie meinen, ein Leben, in dem ich nach Ihrer Pfeife tanze", blaffte Harry.
„Nur ein bisschen."
Aber Harry hatte genug gehört. Wenn seine Zeit noch nicht gekommen war, dann hatte er keinen Grund, in der Unterwelt zu bleiben. Hades hatte keinen Grund, ihn hier zu behalten.
„Nein."
„Wie bitte?"
„Es wird keinen Pakt geben. Schicken Sie mich zurück."
„Vielleicht hast du nicht genug gelitten, um die Gelegenheit wertzuschätzen. Wie kann ich den Pakt attraktiver für dich machen? Sag es mir. Ich kann dir alles geben!"
Harry konnte sehen, dass der Herr der Unterwelt ein wenig hektisch wurde.
„Sparen Sie sich die Mühe. Sie haben meine Antwort. Kein Pakt!"
„Möchtest du kein perfektes Leben erfahren? Ich kann es dir zeigen. Willst du es nicht probieren?"
Das Wasser wogte nun und da war Getuschel um sie herum. Hades hob die Hände, wie um den Stimmen zu befehlen zu verstummen.
„Ich bin noch nicht fertig mit ihm!", rief Hades, als spräche er mit einer dritten Person.
Diesmal konnte Harry die Stimmen deutlich hören. Sie raunten „Keiner von uns!" in einem beharrlichen Crescendo, das Hades nur noch mehr anzustacheln schien.
„Sie haben keine Macht über mich", sagte Harry und trug damit zu dem anwachsenden Lärm bei.
Der Herr der Unterwelt starrte ihn an und lachte grausam.
„Ich bekomme normalerweise, was ich will", sagte er höhnisch.
Doch für Harry war eine Sache sicher: Er gehörte nicht zu den Toten.
„Sie haben keine Macht über mich!", brüllte er aus vollem Hals.
Und dann fiel er ins eisig kalte Wasser.
AN: Hallo! Wenn ihr noch irgendetwas zu der Geschichte loswerden wollt, müsst ihr euch langsam ranhalten! Wir näher uns nämlich dem Ende!
