Da es inzwischen schon fast auf Mittag zuging, ließ Thorin neben einem üppigen Frühstück auch warme Speisen auffahren, lud Oin und seinen Gehilfen dazu ein und als dann noch die Tür aufging und Dáin und Veri, gut gelaunt wie stets, hereinkamen, saß man bald in großer Runde zusammen an der langen Tafel und aß.
Für Dan und Kan hatte Oin noch ein Pulver gegen den schweren Kopf parat und so langsam kehrten auch ihre Lebensgeister zurück. Nach dem Essen gingen Dáin und Veri in ihre Zimmer zurück, um zu packen. Und Thorin verabschiedete sich zusammen mit Oin und seinem Lehrling, um im Amtszimmer nach dem Rechten zu sehen und der Familie Gelegenheit zu geben, eine Weile unter sich zu sein.
Nachdem sich die Brüder noch einmal vergewissert hatten, dass mit ihrer Schwester alles zum Besten stand, zogen auch sie sich noch einmal in ihre Zimmer zurück, um sich aufs Ohr zu legen. Ban wollte sich ein wenig die Beine vertreten und ging hinunter in die Halle. So blieben die Zwerginnen alleine zurück. Sie gingen hinüber in Alwas Gemächer, wo zwei Zwerge mit Putz- und Aufräumarbeiten beschäftigt waren. Einer rieb gerade noch die letzten Flecke aus dem Teppich, dann verließen sie rasch und leise mit einer Verbeugung die Gemächer. Juwa sah sich neugierig um und Ama, die die Räume vom Einräumen her ja schon kannte, lächelte freudig.
„Schön, nicht wahr?", fragte sie.
„Wirklich sehr schön. Und alles genauso wie Du es liebst. Ach, Alwa Kind! Denkst Du, Du wirst hier glücklich werden?", fragte Juwa ihre Tochter wehmütig.
Alwa nickte.
„Ich habe meinen Platz hier gefunden. Aber die vielen Bildern! Es stürmt alles auf mich ein", sagte sie und sah Ama hilfesuchend an.
Ama setzte sich an Alwas freie Seite und nahm ihre Hand.
„Hab Geduld. Du wirst lernen, es zu lenken. Wala hat fast ein viertel Jahr gebraucht, um es einigermaßen zu beherrschen. Und selbst danach, hat es immer wieder Dinge gegeben, die sie so tief berührten, dass sie ihr Angst machten. Das hat sie mir viele Male erzählt, als ich nach Juwas Geburt in ihre Dienste trat. Sie hat mich viele Dinge aufschreiben lassen. Alles Dinge, die Du wissen musst. Diese Notizen werden wir alle zusammen durchgehen. Zuallererst darfst Du nicht dagegen ankämpfen. Lass die Bilder kommen und ziehen. Aber eins nach dem anderen! Eins nach dem anderen!", sagte Ama zuversichtlich und rieb ihr den Rücken.
Alwa lehnte sich an ihre Mutter und gähnte.
„Ruhe Dich aus. Die letzten Tage waren wahrlich aufregend genug. Ich bin so froh, dass wir Ama haben und sie bei Dir bleiben wird", sagte ihre Mutter und sah die alte Ama dankbar an.
„Und ich bin froh, dass ich doch noch erlebe, dass unsere Alwa erwacht", sagte die Alte glücklich, „Du musst große Angst gehabt haben, dass sich die Gabe Bahn brach. War es so schlimm?", fragte sie behutsam.
Alwa nickte.
„Heute sehe ich, dass es keinen echten Grund gab, aber gestern dachte ich, ich sterbe", antwortete sie.
Den Nachmittag über reisten die meisten Gäste wieder ab, nur Alwas Familie blieb noch ein paar Tage und auch Bilbo hatte sich entschieden, die Heimreise nicht gleich anzutreten und eine Weile im Erebor zu Gast zu sein. Am Abend lud Thorin noch einmal alle Gefährten zum gemeinsamen Essen ein, sodass sie Gelegenheit hatten, seine Gemahlin und ihre Familie persönlich kennenzulernen. Alwa saß still neben dem König und betrachtete die Zwerge der Reihe nach eindringlich, während Dwin, die an ihrer anderen Seite saß, ihr die Namen und Verwandtschaftsbeziehungen erklärte und die eine oder andere Geschichte hinzufügte. Sie kannte die zehn inzwischen schon recht gut. Auch Karla und die beiden ältesten Töchter von Bombur waren gekommen, genau wie Gloins Gemahlin und sein Sohn Gimli.
Trotz der nicht unbeträchtlichen Nachwehen der gestrigen Feier wurde es bald laut und ausgelassen. Thorin, der heute Abend im Kreis seiner Freunde endlich ungezwungen sein konnte, genoss es, entspannt mitfeiern zu können. Immer wieder sah er zufrieden auf Alwa hinab. Bilbo wurde genötigt ein Lied zum Besten zu geben und danach begann auch Bofur mit einem Ständchen, bis Dwalin ihn zu packen bekam und dem Elend ein Ende setzte. Thorins Schwiegereltern wurde es langsam zu lärmig und sie zogen sich zurück. Alles erhob sich und wünschte ihnen eine gute Nacht. Danach ging es mit Trinken und Gesang weiter. Thorin bemerkte, dass Alwa auch müde war, aber sie lächelte tapfer und blieb an seiner Seite sitzen.
Plötzlich verlor sich ihr Blick wie träumend und sie sagte:
„Der Zauberer".
„Was hat sie gesagt?", fragte Oin und hob sein Hörrohr.
„Sie meint Bofur mit seinem idiotischen Hut!", antwortete Nori.
„Armleuchter!", grölte Bofur und warf ein Hühnerbein nach ihm.
Alles lachte.
Da klopfte es und ein Diener meldete Gandalf.
Es wurde ganz still im Raum. Die Gefährten und Bilbo starrten die Königin ehrfürchtig an. Alwas Brüder und Thorin aber warfen sich wissende Blicke zu.
Gandalf betrat den Saal, verwundert über die respektvolle Stille.
Thorin hieß den alten Zauberer gut gelaunt willkommen, ließ ein frisches Gedeck bringen und ihm einschenken. Gandalf grüßte in die Runde und setzte sich neben Bilbo.
„Schön, dass ich Euch alle hier zusammen antreffe. So lässt sich doch viel besser erzählen als gestern", sagte er und prostete Thorin zu.
Langsam wurde es wieder laut und lustig, aber alle warfen Alwa hin und wieder verstohlene Blicke zu.
Bald konnte die Königin kaum mehr die Augen aufhalten und Thorin ließ Ama kommen, die sie in ihre Gemächer begleitete. Kurze Zeit später kam Ama mit rotem Kopf noch einmal in den Saal geschlichen und stand unschlüssig in der Tür.
„Was ist denn?", fragte Thorin stirnrunzelnd.
Ama kam verlegen zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: „Sie möchte gerne, dass Ihr die Türen offen lasst, Hoheit".
Er lächelte und nickte.
Als der König spät in der Nacht in sein Schlafzimmer kam, standen die Doppeltüren nach nebenan tatsächlich weit offen und es brannten noch etliche Kerzen in Alwas Zimmer. Er zog sich um und ging leise hinüber, löschte die Kerzen bis auf das Nachtlicht und betrachtete seine Gemahlin einen Moment. Sie schlief unruhig. Er überlegte kurz, ob er sich zu ihr legen sollte, verwarf den Gedanken aber rasch wieder. Weder wollte er sie unabsichtlich wecken noch in Versuchung geraten ihr noch einmal zu nahe zu kommen. Auch nicht im Namen von Mittelerde. Es sollte zumindest alles verheilt sein. Und selbst dann war es nicht richtig. Er kam nicht von Dís los und sie wusste es.
Er kehrte in sein Zimmer zurück und ging zu Bett. Ihm fiel ein, dass er zudem sein Versprechen vergessen hatte, mit ihr hinunter zur Quelle zu gehen und nahm sich mit seinem letzten wachen Gedanken vor, dass morgen früh gleich als erstes zu tun. Sollten doch seine verdammten anderen Aufgaben warten. Er hörte noch, wie sie sich im Schlaf nebenan im Bett herumwarf und schlief dann selber rasch ein.
Am nächsten Vormittag machten sie sich also auf den langen Weg hinunter zur großen Quelle. Sie gingen langsam, denn eine Hälfte des Zehennagels hatte sich nachts gelöst und Alwa trat nur vorsichtig und behutsam auf. Die Zwerge an denen sie vorbeikamen grüßten ehrerbietig und starrten besonders Alwa neugierig an. Sie schien davon keinerlei Notiz zu nehmen. Als sie endlich unten ankamen, setzte sie sich ohne Rücksicht auf die Nässe der Bank auf den Platz auf dem Dwalin geschlafen hatte, als Thorin ihn nach Dwins Fehlgeburt hier unten fand.
„Ich mag ihn", sagte sie.
Thorin nickte und brauchte nicht fragen, wen sie meinte.
„Er ist ein guter Kerl und mein bester Freund. Du kannst ihm jederzeit voll vertrauen".
Dann saßen sie schweigend ein ganze Zeit lang nebeneinander. Alwa zog die Füße auf die Bank und blickte auf das wabernde, dampfende Wasser.
„Weißt Du eigentlich, dass seine Gemahlin Dich für mich ausgesucht hat?", fragte er sie lächelnd.
Sie sah ihn erstaunt an, schien in seinem Blick zu forschen und schüttelte langsam den Kopf.
„Wieso habt Ihr mich nicht ausgesucht?", fragte sie.
„Dwin ist ja aus den Eisenbergen und kannte Euch. Da habe ich sie gebeten, diejenige auszusuchen, die am besten für mich ist", antwortete er und wünschte plötzlich, er hätte doch lieber nicht mit diesem Thema angefangen.
„Wer war die andere?", wollte Alwa gleichmütig wissen und sah wieder auf das große Becken.
„Sie heißt Utt. Ihr Vater ist im Waffenhandel, glaube ich".
„Utt", sagte Alwa, zog die Brauen zusammen und schauderte.
„Ich mag Dwin", sagte sie dann lächelnd.
„Ich auch", meinte Thorin schmunzelnd.
Alwa lehnte sich an die Wand, schloss die Augen und seufzte tief und erleichtert.
„Das Wasser kommt kochend aus der Tiefe und trägt keine Bilder. Dies ist ein wunderbarer Ort", murmelte sie.
Als sie später die Quellhalle verließen und Thorin die Türen gewissenhaft hinter ihnen zuschloss, sagte Alwa beiläufig.
„Ihr hättet Utt gewählt".
Thorin stutzte kurz, nickte dann aber.
„Ich hatte nur die Bilder. Und Utt...".
„Ich verstehe schon", unterbrach ihn Alwa sachte.
Sie stiegen die vielen Stufen langsam empor und als sie kurz vor der Höhe der Eingangshalle waren, kam ihnen Karla schwer atmend entgegen. Sie hielt inne und verbeugte sich, als sie den König erkannte. Thorin sah, dass sie verweint und völlig aufgelöst war.
„Was ist passiert?", fragte er alarmiert.
„Unser Jüngster! Er ist wie vom Erdboden verschwunden! Ich habe schon überall gesucht!", keuchte sie und war den Tränen nahe. Sie hielt eine kleine Mütze umklammert. Alwa griff nach der Mütze und Karla ließ sie ihr. Alwa schloss die Augen.
„Ein braunes Pony", sagte sie.
Karla stöhnte auf und schlug sich klatschend auf die Stirn.
„Natürlich! Da wird er sein! Danke! Vielen Dank, Hoheit!", rief sie, rannte weiter hoch zur Eingangshalle und hinaus zu den Ställen.
Thorin und Alwa folgten ihr langsam hinauf. Sie waren gerade auf dem ersten Treppenabsatz hinauf in den königlichen Flügel, als sie sahen, dass Karla mit einem kleinen Jungen fest im Arm durch die Tore wieder hereinkam.
Zwei Tage später zog der Alltag allmählich wieder in den Erebor ein. Dwin, Dwalin, Ori und Balin waren wieder an ihren Arbeitsstellen und so ging Bilbo alleine umher und bewunderte erneut die neu erschaffene Pracht der Hallen und Säle, der Freitreppen und Gewölbe. Er passierte die Wachen vor der Ausstellung im kleinen Saal, die ihn, als Ehrengast des Königs, höflich grüßten und passieren ließen. Bilbo ging herum und bestaunte die kostbaren Schmuckstücke, juwelenbesetzten Gefäße, die prächtigen Waffen und die Schatulle mit den weißen Steinen. Dort blieb er stehen und freute sich am gleißenden Blitzen dieser Kostbarkeit.
„Hobbit", sagte jemand und Bilbo fuhr zusammen. Er hatte beim Hereinkommen niemanden im Saal gesehen.
Auch jetzt sah er erst niemanden, bis er auf einer der hinteren Bänke Alwa entdeckte. Sie rieb sich die Augen, als wäre sie gerade erwacht. Bilbo ging zu ihr, verbeugte sich lächelnd und sie rückte ein Stück, damit er sich neben sie setzen konnte. Sie blickte ihn ernst an und nahm bedächtig seine Hand. Bilbo schluckte.
„Ihr tragt etwas Dunkles, etwas Böses bei Euch. Ich bitte Euch, meidet es. Es vergiftet Eure Seele", sagte sie.
Bilbo griff an seine Westentasche und ließ die Hand aber wieder sinken.
„Ich weiß gar nicht, was Ihr meint, Herrin", sagte Bilbo, aber er war noch nie ein guter Lügner gewesen.
Alwa lächelte jetzt.
„Doch, das wisst Ihr", sagte sie, erhob sich und ging.
Es sprach sich herum.
Alwa hatte begonnen nach einem gemeinsamen Frühstück mit dem König durch die vielen Gänge und Ebenen des Berges zu gehen und so den Erebor kennenzulernen. Immer öfter näherten sich ihr dabei hoffnungsvoll und ehrfürchtig Zwerge und Zwerginnen mit einer Frage oder einer Bitte um Rat.
Binnen eines Monats, ihre Familie war schon lange abgereist und Dan schon zweimal zu Besuch gewesen, war es soweit, dass kaum dass die Königin aus der bewachen Tür zum königlichen Flügel trat, schon Wartende dort standen und sie sich auf die Treppe setzte und bis zum Mittag nicht weiter kam. Nie wies sie jemanden ab oder wurde ungeduldig. Allein der Rückstau auf der Treppe störte den Ablauf im täglichen Getriebe dermaßen, dass eine andere Lösung gefunden werden musste und es wurde überlegt, wie man den stetig wachsenden Strom der Ratsuchenden am besten kanalisierte.
Balin war der Meinung langfristig müsste man an feste Räumlichkeiten für Alwa denken, mit Wachpersonal, geregelten Zeiten, groß angelegten Wartebereichen mit Sitzgelegenheiten, Verpflegung und Toiletten. Vielleicht sogar Schlafplätze für Gäste von weit her. Aber Thorin wollte davon nichts wissen. Er hoffte, dass das Interesse mit der Zeit wieder abflauen würde. Dass seine Gemahlin derart beschäftigt war, passte ihm gar nicht. Manchmal zeigte sie ihm abends, was sie von den dankbaren Besuchern als Geschenk bekommen hatte. Meist waren es Dinge wie ein Korb mit Eiern oder Gemüse, frisch gefangene Forellen oder ein Ballen Tuch, feine Haarseife oder einige Seiten gutes Pergament. Manchmal auch Gold. Alwa forderte nie etwas, nahm die Gaben aber mit Dank und gab sie an die Küche und die Bedürftigensammlung weiter. Hin und wieder aber waren es kleine Kunstfertigkeiten, Schnitzereien, hübsch gestaltete Lesezeichen oder selbstgemalte Bilder der Kinder. Diese Dinge verwahrte sie wie Kostbarkeiten in einer Truhe. Thorin schüttelte nur den Kopf, als er sah, mit welcher Freude sie diese, im Grunde wertlosen, Schätze betrachtete und das teure Geschmeide, mit dem er sie überhäufte und für das sie sich stets höflich bedankte, eher achtlos in den Kästen verstaute. Der Schmuck, besonders die Krone, schien ihr lästig. Er ahnte, dass sie sich alles nur ihm zuliebe anlegen ließ und trug, aber es freute ihn tatsächlich sehr, wenn er sie in den von ihm gewünschten Farben und mit seinem Schmuck behangen vor sich sah. Ama hatte seine Wunsch sofort entsprochen und die roten, dunkelgrünen, gelben und braunen Sachen aussortiert. Er hatte den Schneider kommen lassen und etliche Kleidungstücke nach seinen Vorstellungen in Auftrag gegeben. Dís hätte ihn ausgelacht und gefragt, ob er noch bei Trost sei, aber Alwa nahm alles so hin. Alles außer Schuhen und Strümpfen.
Als nun ihre Gespräche im Treppenhaus störende Ausmaße annahmen, ging sie mit den Wartenden hinunter in die Halle, ließ sich einen Stuhl bringen und setzte sich an die Stelle, die Dwalin ihr an ihrem allerersten Tag im Erebor gezeigt hatte. Dort wo man die heiße Quelle unter den Füße spüren konnte. Sogleich bildete sich eine Traube von Schaulustigen um sie, die den Gesprächen lauschte.
Am häufigsten wurde nach dem Schicksal von Vermissten gefragt. Und wenn Alwa in den allermeisten Fälle auch nur deren Tod bestätigen konnte, war es doch für die Hinterbliebenen trotzdem ein Trost, Gewissheit zu haben und die eine oder andere Einzelheit der letzten Stunden zu erfahren. Manchmal nur den ungefähren Ort. Und manchmal sah sie den Orkpfeil in der Brust, sah die Qualen, das einsame, langsame Sterben mitten im Kampfgetümmel und dann litt sie mit den Angehörigen. Aber sie beschönigte nichts und ließ nichts aus. Die Familie brachte meist ein Erinnerungsstück an den Verschollenen mit. Eine Tabakpfeife, eine Zeichnung, ein Musikinstrument oder ein Kleidungsstück. Und Alwa nahm es, schloss die Augen und erzählte tonlos von den Bildern, die sich ihr daraufhin zeigten. In einigen Fällen kamen auch gar keine Bilder, ohne dass sie den Grund dafür wusste. Und in zwei Fällen konnte sie die Familie mit einer guten Nachricht überraschen. Auch nach verlorenen Dingen wurde gefragt. Belangloses manchmal. Kindheitserinnerungen aus lange vergangenen Zeiten wurden lebendig und das Geschlecht eines ungeborenen Kindes in Erfahrung gebracht. Und ob der oder die Geliebte der richtige Bundpartner sei. Manche fragten vor einer wichtigen, persönlichen Entscheidung um Rat. Und obwohl Alwa so ganz und gar nicht erfahren war in den Herausforderungen des täglichen Lebens, sah sie im Gespräch plötzlich einen tiefer liegenden Beweggrund, eine Angst, eine Neigung oder Zusammenhänge die ihrem Gegenüber gar nicht bewusst waren. Vielen war nach diesem Gespräch das Herz leicht und der Entschluss plötzlich getroffen.
Eines Tages an einem heißen Tag im Sommermonat Úrimё stürzte eine aufgebrachte Schar Menschen in die Halle. Die beiden Wachen, die mehr oder weniger dösend am Eingang gestanden hatten und eher das Geschehen in der Halle verfolgt hatten als den Vorplatz im Auge zu behalten, waren zu überrascht, um sie am Hereinkommen zu hindern.
Vorneweg ging eine Frau mittleren Alters. Sie trug ein lebloses Kind im Arm, ihr Gesicht war schmerzverzerrt. Maßlose Trauer und Wut brannten in ihren Augen. Hinter ihr zerrte eine Schar Dörfler einen Mann mit sich. Schlugen auf ihn ein, stießen ihn zu Boden. Abscheu in den Gesichtern.
„Die Seherin! Wo ist die Seherin?", schrie die Frau völlig außer sich und ihre Stimme überschlug sich.
Alwa erhob sich und ging auf sie zu. Die Frau hob ihr mit Tränen in den Augen den toten kleinen Körper entgegen.
„Wer war das? Sagt! War er es?", stammelte sie und zeigte auf den am Boden liegenden Mann hinter sich.
Alwa sah den geschundenen Mann an, der inzwischen fast ohnmächtig mitten in der Halle lag und dann den kleinen Jungen, der deutliche Würgemale am Hals trug. Sie legte ihre Hände auf das Gesicht des Toten und schloss die Augen.
Sie keuchte.
„Nein", sagte sie endlich gepresst, „Der war es nicht. Er hat ihn gefunden und noch versucht, ihm zu helfen. Getan hat es ein alter Mann. Jemand, den der Junge kannte, dem er vertraute. Sie haben zusammen Unkraut gezogen auf dem Feld und gelacht und er hat… er… er hat ihn zum Wald geführt und… und sich vergangen an ihm. Der Kleine fing an zu schreien und zu weinen und der alte Mann hat ihn aus Angst vor Entdeckung erwürgt und dort am Waldrand liegen lassen. Sein einer Fuß ist verkrüppelt. Der rechte…", murmelte Alwa.
„Nein! Nein! Nicht mein Stiefvater!", schrie die Frau entsetzt und schwankte.
Die erbosten Bauern ließen von dem Verdächtigen ab und kamen der Frau zu Hilfe, stützten sie und einer nahm ihr das Kind ab. Sie begann verzweifelt zu weinen.
„Komm, Helen. Wir gehen ihn fragen. Kommt alle mit!", rief der Mann grollend, der das Kind trug. Er verbeugte sich tief vor Alwa zu, drehte sich um und die Menschen verließen schweigend und eilig die Halle. Zurück blieb der offenbar verletzte Verdächtige. Er trug eine zerrissene Uniform mit dem Stadtwappen Thals. Alwa zeigte auf ihn.
„Helft ihm", sagte sie.
Dann verlor sie das Bewusstsein.
