Kapitel 23
Vertrauen und Freundschaft

Neubeginn

Es graute bereits, als Aragorn schweißgebadet mit einem Aufschrei aus seinem unruhigen Schlaf erwachte: "Legolas!" Estel schlug seine Hände vor das Gesicht und atmete heftig. Arwen, bereits seit Stunden wach am Fenster stehend und in die mondlose Nacht blickend, mit einem vagen, aber nicht zu greifenden Gefühl, schwankend zwischen Unglaube und Glück, eilte zu ihrem Gemahl, umarmte ihn und versuchte zu trösten, wie schon so viele Nächte seit Wochen. Aragorn schmiegte sich in ihre beschützenden Arme und ließ sich treiben, gehalten von ihrer Wärme und Stärke. Lange saßen sie so in ihrem Bett und hingen ihren Gedanken nach, bis Aragorn leise und zögerlich zu sprechen anfing, als könnte er durch zu laute Worte etwas verscheuchen, von dem er noch gar nicht fassen konnte, daß er es wirklich gespürt hatte. Ein sachter Windhauch zog durch das Zimmer, bewegte die Vorhänge. Aragorn hatte das Gefühl, als wollte diese sanfte Brise den Traum und seine Empfindungen von ihm nehmen.

"Arwen, ich habe ihn gespürt", sprach Estel furchtsam, als würde sie ihm nicht glauben können.

Aber seine Gemahlin strich ihm sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht, lächelte und erwiderte nur: "Ich weiß."

Aragorn hob überrascht seinen Kopf und blickte seine geliebte Frau ungläubig fragend an:

"Du weißt?"

Die Elbin lächelte. Ihre Augen strahlten und sie antwortete:

"Ich habe ihn auch gespürt. Tastend, zögerlich, noch nicht der Legolas wie wir ihn kannten, aber er war es. Der Hauch seiner Seele war so sanft und schwach, daß ich mich nicht getraute wirklich zu glauben ihn wahrgenommen und nicht nur geträumt zu haben. Aber du hast ihn auch gefühlt, also ist es wahr."

Aragorn umarmte seine Arwen zärtlich und küßte sie sanft und behutsam. Er hatte noch immer ein unwirkliches Gefühl, legte seinen Kopf in ihrem Schoß nieder und träumte eine Weile vor sich hin, während sie mit ihren langen, schlanken Fingern immer wieder durch sein dichtes, dunkelbraunes Haar strich. Es dauerte eine Zeit bevor Aragorn eine Frage aussprach, die seine ganze Unsicherheit und Angst offenbarte:

"War es ein Abschied?"

Arwen beugte sich tief zu ihrem Gemahl, ihre Haare fielen einem Schleier gleich über ihr Haupt und verbargen den zärtlichen Kuß, den sie Aragorn gab, bevor sie voller Zuversicht leise flüsterte:

"Er kommt heim."

Arwen hatte ganz bewußt diese Worte gewählt. Sie hatte in den vergangenen Jahrhunderten Legolas wie einen kleinen Bruder zu lieben gelernt und in den vergangenen Wochen erkannt, daß neben Eryn Lasgalen es wohl nur einen Platz in Mittelerde gab, den der junge Elb ‚Zuhause' nennen würde. Dieser Platz war an der Seite seines Bruders Aragorn, außer, und sie lächelte leicht, es gäbe da jemanden, an den er sein Herz verloren hätte.

Aragorn hielt ihren Blick fest und suchte ihn ihren Augen Halt und Bestätigung dieser Hoffnung.

Nach einer Weile schlief Estel in ihrem Schoß ein und Arwen lächelte auf ihn nieder. Eine leise Melodie summend streichelte sie zärtlich seine Wange und flüsterte in die Stille ihres Schlafgemaches:

"Komme bald, Bruder!"

In Eryn Lasgalen

Legolas schlief lange an diesem Morgen und Nefhithwen hielt ihn in ihren Armen, bis er sich von selbst regte. Vorsichtig drehte er sich zur Seite und blickte in ihre Augen. Ein Lächeln flog über sein Gesicht, liebevoll streichelte er ihre Wange und hauchte einen Kuß auf ihre Lippen. Dann fragte er, sich des strahlenden Sonnenscheins bewußt werdend, der in das Zimmer fiel:

"Es ist spät. Warum hast du mich so lange schlafen lassen? Hat der König nicht nach uns verlangt?"

Nefhithwen lachte und erwiderte:

"Allerdings! Bereits zwei Mal! Erst schickte er einen Boten, danach kam Eluchíl. Und wenn du nicht bald wach geworden wärst, hätten meine guten Worte wohl beim Nächsten nicht mehr genügt, ihn vom Eindringen abzuhalten und nach deinem Befinden zu sehen."

Legolas fiel in ihr Lachen ein und einem unbemerkten Zuhörer unter dem Balkon tat dieses Lachen wohl. Thranduil hätte nicht im Leben daran gedacht, noch jemanden nach seinem Sohn zu schicken. Nein, dies wollte er gerade selbst erledigen. Er schmunzelte. Auch wenn er jetzt mitbekommen hatte, daß sein ungewöhnlich lange schlafender Sohn endlich erwacht war, den kleinen Schrecken ihn aus den Federn zu scheuchen, wollte er sich nicht nehmen lassen, und so schlich er die Treppen zum Balkon empor, um dann mit gebührendem Getöse eines Königs in das Schlafzimmer seines Sohnes zu platzen. Thranduil hatte sich fest vorgenommen tief ernst zu bleiben und Legolas zu tadeln, aber beim Anblick seines erschrockenen Sohnes und seiner Geliebten konnte er nicht mehr an sich halten, jede ernstgemeinte Absicht war dahin und er fing schallend zu lachen an.

Legolas, der seinen Vater besser kennen sollte, war dennoch im ersten Augenblick heftig zusammengefahren um dann, im Moment des Begreifens ohne langes Nachdenken ein Kissen nach ihm zu werfen. Sehr schnell und ohne Rücksicht auf königliche Umgangsformen, entwickelte sich in dem Zimmer eine kleine Kissenschlacht, in der Legolas, nur mit einer Hose bekleidet und Nefhithwen in dünnem Nachthemd gegen einen in vollem Ornat mitten im Raum stehenden König antraten, bis ihnen allen vor Lachen die Luft wegblieb.

Thranduil ließ sich lachend auf das Bett sinken und zog seinen Sohn an sich. Es war lange her, daß sie miteinander so gelacht hatten. Auch Legolas genoß diesen Moment, denn es gab nicht viele, in denen er sich seinem Vater so nahe fühlte. Seine Ausbildung und sein Erbe waren etwas, das trotz aller Liebe seines Vaters für ihn die ganz persönlichen Augenblicke hatten rar werden lassen.

Nach einigen Augenblicken lösten sich Thranduil und Legolas voneinander. Der König fischte zärtlich Nefhithwen eine Feder aus ihren Haaren und sprach ernst:

"Bei allem Spaß, ihr beiden Langschläfer. Es wird Zeit aus den Federn zu kommen. Ich erwarte euch im kleinen Lesesaal der Bibliothek. Frühstück wird dort für euch gerichtet sein."

Mit diesen Worten und einem Wuschler durch das wirre, offene Haar seines Sohnes, was dieser eigentlich gar nicht mochte, wie er wohl wußte, stand der König vom Bett auf und verließ den Raum, wie er ihn betreten hatte. Noch auf der Schwelle des Balkons warf er über die Schulter zu seinem Sohn hin:

"Du bist mir für gestern noch eine Erklärung schuldig", und damit verschwand er.

Thranduil schritt die Treppe hinunter und erblickte Lómion und Eluchíl. Beide standen unweit des Balkons und konnten sich nur mühsam ein Lachen verkneifen. Er blitzte die Beiden an und ging ohne ein weiteres Wort in Richtung Bibliothek, wo er auf seinen Sohn und Nefhithwen warten wollte. Aber als er an ihnen vorüber war, mußte er sich eingestehen, daß er einen kleinen Stich der Eifersucht in seiner Brust auf die beiden Brüder Elenas verspürte. Auch wenn es seine eigene Schuld war, sie hatten mehr Zeit mit Legolas verbracht und waren ihm so oft viel näher gewesen als er selbst. Er dachte an die kleine Schlacht in dem Zimmer eben und mußte sich bitter eingestehen, daß durch die eigene Härte er an seinen Händen abzählen konnte, wie oft er seinen Sohn so ausgelassen hatte lachen sehen. Wütend auf sich selbst erinnerte er sich daran, daß er genau darüber mit seinem Bruder mehr als einmal gestritten hatte. Thranduil verhielt einen Moment seinen Weg, atmete tief durch und schüttelte dann diese trüben Gedanken ab. Es machte keinen Sinn der Vergangenheit nachzutrauern und er wollte sich lieber über die Entwicklung seines Sohnes freuen. Einmal mehr war er zutiefst dankbar für die Stärke, welche die Valar seinem Sohn mit auf den Lebensweg gegeben hatten. Es erstaunte ihn immer wieder, woher sein Sohn trotz der Leiden, die er bereits durchlebt hatte, seine Lebensfreude nahm und so immer wieder aufs Neue zum Licht von Rhovanion, zum Vorbild für alle Elben des Eryn Lasgalen wurde.

Kurz vor der Bibliothek begegnete ihm ein Diener und er beauftragte ihn, ein Frühstück für Legolas und Nefhithwen im kleinen Lesesaal richten zu lassen. Thranduil wollte bereits in die Räumlichkeiten eintreten, als er es sich nochmals anders überlegte und seine Gemahlin aufsuchte. Dem König war es mit einem Mal sehr schwer um das Herz geworden. Ihm wurde plötzlich bewußt, daß er im Begriff war, seinen Sohn in ein neues Leben zu schicken. Auch wenn er ihn anfangs begleiten würde, Legolas Zukunft lag nicht im Eryn Lasgalen und die Augenblicke, in denen sich solchermaßen ausgelassene Momente wie im Zimmer Legolas' wiederholen konnten, wurden schwindend gering. Thranduil hatte plötzlich Angst davor seinen Sohn gehen zu lassen. Er trat in das Gemach seiner Gemahlin, die von ihrem Schreibpult aufsah, sogleich ihre Feder niederlegte und auf Thranduil zueilte. Still nahm sie ihn in ihre Arme. Seine Augen hatten ihr sein ganzes Leid geklagt. Diese Augen, die wie Legolas' nie auch nur irgend etwas hatten vor ihr verbergen können.

Leise sprach sie auf ihren Mann ein:

"Er ist dein Sohn. Er liebt dich und wird immer wieder hierher zurückkehren. Dies ist seine Heimat, auch wenn er in einer neuen seine Familie gründet. Er wird dir Enkel schenken und er wird sie in den Eryn Lasgalen bringen, damit sie seine Heimat ebenso lieben lernen wie er es tut. Du wirst ihn nicht verlieren!"

Thranduil seufzte und erwiderte, nachdem er sich aus ihren Armen gelöst hatte und ihr Gesicht zärtlich mit seinen Händen umfangen hielt:

"Ich bin ein törichter, alter Mann, aber in den letzten Wochen bin ich meinem Sohn näher gekommen als in den vielen Hundert Jahren zuvor und es soll jetzt schon vorbei sein? Ich weiß, daß es sein muß. Es tut weh, und ich will es nicht, aber wenn ich ihn jetzt nicht gehen lasse, begehe ich denselben Fehler wie bei meinem Bruder. Was soll ich tun?"

Elena lächelte milde, denn die letzte Frage war rhetorisch, hatte er doch schon erkannt, daß er nur das Eine tun konnte und so sprach sie:

"Sei ihm der Vater, der du immer warst. So liebt er dich. Mach es ihm nicht schwerer und zeig ihm, daß er jederzeit mit offenen Armen willkommen ist. Mehr bleibt dir nicht zu tun."

Zärtlich küßte sie ihn und lehnte sich sanft an ihn, damit er ihre Nähe und Liebe spürte. Irgendwann löste er sich von seiner geliebten Frau, gab ihr einen Hauch von Kuß auf die Stirn und verließ sie. Er wurde in der Bibliothek erwartet.

Legolas und Nefhithwen hatten noch eine kurze Weile herumgealbert, sputeten sich aber nun sich anzukleiden und fertig zu werden, denn sie wollten ihren Vater nicht länger warten lassen und ihn vielleicht verstimmen. Legolas schoß der letzte Satz seines Vaters durch den Kopf: 'Du hast mir noch etwas wegen gestern zu erklären' und mit einemmal wurde er stiller, was Nefhithwen nicht verborgen blieb:

"Legolas, was hast du?", fragte sie, betroffen über die rasante Geschwindigkeit, mit der sich Legolas in sich zurückzog.

"Bitte sprich mit mir!"

Legolas blickte sie verlegen an und antwortete schleppend:

"Aragorn. Mir wurde gestern bewußt, wie sehr er mir fehlt, und ich fragte Vater, wo er sei. Mir kamen Erinnerungen an Momente in der Feste in den Sinn, und Vater erklärte mir, warum Aragorn nicht da ist. Ich..." Legolas zögerte weiterzusprechen.

Nefhithwen unterbrach ihn nicht, hielt aber seine Hand, streichelte diese fast ohne sie zu berühren und zog ihn mit zum Bett. Sie setzten sich und schließlich sprach Legolas weiter:

"Ich habe ihn weggeschickt und Vater sagte mir, daß Aragorn ging, weil er glaubte an mir Verrat begangen zu haben. Er hatte mir einmal sein Wort auf Leben und Tod gegeben. Wir haben nie wieder darüber oder über unsere Freundschaft gesprochen, aber Lómion hat Recht, jetzt müssen wir darüber reden, wollen wir unsere Freundschaft neu knüpfen. Ich weiß nur nicht wie. Und Vater erwartet jetzt sicher eine Erklärung von mir, denn ich habe ihn gestern im Garten wohl ziemlich verwirrt stehen lassen."

Die junge Königin von Galen gab Legolas einen leichten Kuß auf die Wange, stand auf und zog Legolas mit sich:

"Es hat keinen Sinn das nun hinauszuzögern, Legolas, und mit Aragorn zu reden wird nicht schwer sein, denn ich bin mir sicher, daß er auf dich wartet und seit dem Tag an dem er uns verließ darauf hofft, daß du zu ihm kommen würdest.Komm, Thranduil wartet."

Banges Erwarten

Von jenem Morgen an beherrschte Aragorn eine Ungeduld, die er nur mühsam zügeln konnte. Er ging, um sich abzulenken, seine Aufgaben als König mit einer Energie an, die viele ungläubig staunen ließ und sogar in Furcht vor ihrem Herrscher versetzte. Allen war diese Wandlung ihres Königs unerklärlich und nur Arwen wußte um seine Beweggründe, seine Angst, die er zu bändigen suchte. Nun war es keine Furcht vor dem Verlust mehr, es war seine Sorge vor dem Moment, in dem er Legolas in die Augen blicken mußte. Sie wußte um seine Liebe zu dem jungen Elben, aber warum hatte er nur so wenig Vertrauen in ihre Freundschaft? Arwen, die bislang ohne zu fragen ihm Stütze und Halt war, mußte sich nun eingestehen, daß sie dennoch nicht verstand, nicht begreifen konnte, was ihren Gemahl erst selbstzerstörerisch und nun vor Kraft und Ungeduld umtrieb. Sie hoffte, daß Legolas bald kommen würde, denn wie schnell konnte Aragorns banges und doch zugleich frohes Erwarten in lähmende Zweifel umschlagen! Er stützte sich im Moment auf seinen Traum und ihr Empfinden, aber wie lange würde er dem Glauben schenken, wenn keine Nachricht folgte?

Arwen stand am geöffneten Fenster, wandte sich von dem sternenreichen Himmel ab und blickte auf ihren schlafenden Gemahl. Wie so oft in den vergangenen Wochen, waren seine Träume unruhig und immer wieder sprach er in stockenden, kurzen Sätzen von Begebenheiten, die ihn und Legolas in einer Weise verbanden, die wohl keiner wirklich je verstehen konnte. Während sie ihn so betrachtete, schob sich ein lang vergessenes Bild in ihre Gedanken. Wohl der einzige Moment, wenn sie sich richtig besann, in dem sie sowohl Legolas als auch Aragorn lachend beieinander gesehen hatte. Den Jahrhunderte alten und dem Menschen gegenüber sehr viel weiseren Elb, der doch in aller Augen immer ein Sinnbild für die Jugend war und den, in den Augen der Elben noch immer jungen Menschen, der aufgrund seiner Vergangenheit, der Bürde seiner Herkunft, soviel älter und weiser erschien, als er wirklich war. Der Mensch, vom Schicksal für ein Ziel, eine Aufgabe auserkoren, immer an sich zweifelnd und der Elb, in eine Aufgabe, eine Stellung hineingeboren, von der er doch immer schon wußte, daß er sie nie würde antreten müssen, weil es nie von ihm verlangt werden würde. Der eine mit einer Aufgabe aber voller Zweifel, der andere, seiner Aufgabe beraubt aber voller Glauben. Wer brauchte hier wen mehr? Arwen stellte sich still die Frage: 'Was wäre aus Aragorn ohne Legolas geworden, oder was wäre Legolas ohne Aragorn?' Sie merkte, wie sich Unruhe in ihr breit machte. Was würde geschehen, wenn sie sich täuschte und Aragorns Hoffen auf einem Traum beruhte? Was würde geschehen, wenn Legolas zwar kam, sie aber das Band zwischen sich nicht wieder erneuern konnten? Die Elbin fröstelte. Sie hatte Angst um die beiden Wesen in Mittelerde, die ihrem Herzen so nahe standen. Arwen wandte sich abrupt ab und wieder den Sternen zu. Erneut flehte sie gleichermaßen zu ihren wie zu den Göttern der Menschen. Flehte um Weisheit und Mut für Legolas und Estel.

Die Entscheidung

Legolas und Nefhithwen betraten den kleinen Lesesaal und wurden von Thranduil mit einer einladenden Handbewegung aufgefordert, ihr Morgenmahl einzunehmen. Er setzte sich zu ihnen, und es entspann sich ein leichtes Gespräch über Nichtigkeiten. Schließlich hielt es der junge Elb nicht mehr aus und er platzte heraus:

"Adar, du willst wissen, was gestern mit mir los war und warum ich vor deinen Fragen floh? Es fällt mir schwer es zu erklären..."

Der König unterbrach seinen Sohn und sprach:

"Du brauchst mir nichts zu erklären, Legolas, das hat Lómion bereits getan, wenn es mich auch etwas verletzte, daß er von diesem Schwur wußte und ich nicht: Aber dies sollte ich wohl mir selbst zuschreiben, denn ich war nicht immer der Vater, den du brauchtest, als vielmehr der König, der nur befahl."

Thranduil unterband mit einer Handbewegung eine Entgegnung seines Sohnes und fuhr fort:

"Nein, Sohn, was ich von dir wissen will, ist, wie du nun zu Aragorn und seinem Handeln stehst. Was willst du tun?"

Als Legolas nicht antwortete, fragte Thranduil:

"Daß Aragorn Angst hat zu weit gegangen zu sein, mag ich jetzt, wenn auch nicht vom Herzen, aber doch vom Verstand her verstehen, aber wovor fürchtest du dich, Sohn? Vor deinen eigenen Empfindungen oder den Erinnerungen?"

Legolas äußerte sich noch immer nicht und Thranduil merkte wohl, wie sehr es in seinem Sohn arbeitete. Der König versuchte seinem Jungen zu helfen und fragte weiter:

"Legolas, hast du das Gefühl Aragorn hätte dich betrogen, seinen Schwur gebrochen?"

Endlich fand der junge Elb Worte um das, was ich ihm vorging, zu äußern. Er schüttelte den Kopf und versuchte zu erklären:

"Vater, Aragorns Sinnen, es könnte so sein, erschreckt mich. Der Schwur liegt so weit zurück und wir hatten seither nie wieder diesen Augenblick erwähnt."

Er hielt einen Moment inne, weil er erneut nach Worten suchte. Thranduil unterdessen wartete geduldig, denn in diesem Gespräch würde es sich entscheiden, ob und wann sie nach Minas Tirith aufbrechen würden. Daß er dies bereits ins Auge gefaßt hatte, behielt er seinem Sohn gegenüber noch für sich. Schließlich sprach Legolas weiter:

"Aragorn hat sich nichts zu Schulden kommen lassen und es ist an mir, ihm dies zu verdeutlichen, aber ich weiß nicht wie, und ich habe Angst vor meinen Erinnerungen. Aragorn zeigt mir mit seiner Sorge seine Nähe zu mir, über die er noch nie ein Wort verlauten ließ."

Abermals stockte seine Rede. Etwas hilflos blickte er seinen Vater an, bevor er fortfuhr:

"Wie nehme ich das Band, das stets ohne ein Wort zwischen uns bestand mit Worten wieder auf?"

Thranduil fuhr seinem Sohn, der ihn verzagt anblickte, sanft mit seiner Hand über die Wange und antwortete:

"Oft ist es viel einfacher als man denkt, mein Sohn. Geh erst einmal zu ihm, wenn du der Ansicht bist, daß er sich umsonst grämt, alles andere wird sich finden."

Er ließ Legolas einen Moment darüber nachdenken, dann fragte er erneut:

"Was willst du also tun?"

Legolas blickte seinen Vater direkt an und antwortete:

"Können wir nach Minas Tirith gehen?"

Thranduil hatte nichts anderes von seinem Schon erwartet, aber dessen Wortwahl zeigte ihm, wie unsicher Legolas noch war.

Er nickte und antwortete:

Ich werde einen Trupp zusammenstellen, und wir können dann aufbrechen, wenn du es willst, aber sei dir sicher, mein Junge, denn du wirst dich mit Aragorn auseinandersetzen müssen. All das, was ihr gemeinsam erlebt habt und vor allem, was in der Feste geschehen ist, wird möglicherweise zur Sprache kommen.

Legolas erwiderte:

"Ich weiß, Vater, und ich habe Angst davor, aber ich sorge mich auch um Aragorn."

"In Ordnung, Legolas", sprach Thranduil: "Ich werde alles vorbereiten lassen. Nefhithwen, kommst du mit uns oder willst du die Gelegenheit nutzen nach Galen zurückzukehren?"

Die junge Frau blickte Legolas in die Augen und sah seine stumme Bitte, warm legte sie eine Hand in die seine und blickte dann den König an. Als sie antworten wollte, sah sie in seinen Augen, daß er hoffte sie käme mit ihnen und nur aus Höflichkeit gefragt hatte, und so nickte sie nur mit einem leisen Lächeln, das Thranduil signalisierte, daß sie verstanden hatte.

An diesem Tag nun traf Thranduil seine Vorkehrungen für die Reise, wie Nefhithwen mit Elena die ihren. Nur Legolas wanderte eine ganze Weile allein im Garten umher, bis sich Gimli an seine Seite gesellte, der natürlich von Thranduil bereits über die Reise informiert worden war. Gimli hatte in den schlimmen Wochen von Legolas' Heilung, in denen er nicht viel für ihn tun konnte, alte Freundschaften zu Elben des Waldes wieder aufgefrischt und war zum Boten um Nachricht vom Prinzen geworden. Thranduil hatte gemerkt, daß Gimli die Elben über den Zustand von Legolas informierte, und ließ es stillschweigend zu, weil er einerseits erkannte, wie behutsam dabei der Zwerg vorging und wie sehr er selbst dies brauchte, um sich in der Not seines Freundes nicht völlig nutzlos zu fühlen. Seitdem Legolas deutliche Fortschritte machte, war Gimli oft mit ihm durch den Wald gegangen und hatte den Prinzen auf seine Weise wieder zum Lachen gebracht. Er hatte dabei das Thema Feste tunlichst vermieden, aber immer wieder auch von Aragorn gesprochen. Legolas hatte dazu stets geschwiegen und Gimli hatte nie erkennen können, ob er sich erinnerte und es schmerzte oder ob er die Erinnerung floh. Gimli barst beinahe vor Ungeduld, seit er durch einen Boten von Thranduil Nachricht erhalten hatte, daß sie nach Minas Tirith noch am nächsten Tag abreisen würden. Als er endlich Legolas gefunden hatte und nun mit ihm durch den Garten schlenderte, konnte er sich nicht mehr zurückhalten und platzte mit seiner Frage heraus:

"Kannst oder willst du dich endlich erinnern oder hat dein Vater die Reise angeordnet?"

Legolas blickte zu seinem Freund hinunter und lächelte sanft als er antwortete:

"Ich kann mich wieder erinnern und es schmerzt mich sehr, Gimli, aber aus Sorge um Aragorn muß ich nach Gondor und um meiner selbst willen, will ich zu ihm."

Nach einer Weile, in der Gimli selbst auch schwieg, weil ihn die Heftigkeit der Antwort überraschte, sprach Legolas weiter:

"Aragorns Verhalten erschreckt und beglückt mich zugleich. Ich weiß nicht, wie ich ihm gegenübertreten werde, weil ich auch nicht weiß, wie ich mit meinen Erinnerungen in dem Moment zurecht kommen werde."

"Dann machst du Aragorn keinen Vorwurf?", fragte Gimli vorsichtig.

"Vorwurf? Wofür? Daß er bereit war wegen eines Schwures unsere Freundschaft zu opfern, damit ich leben konnte? Lómion machte mir klar, daß mein Leben an einem seidenen Faden hing und meine Erinnerung an die Qualen Aragorn veranlaßten zu gehen, um mir den Wunsch nach Leben nicht zu nehmen. Als er mir damals beim Lichte Eärendils diesen Schwur gab, wußte ich, daß er nie den einfachen Weg gehen würde und mein Leben in seinen Händen immer wohl behütet sein würde. Kennt er mich so schlecht, daß er mir so wenig Vertrauen in seine Stärke zugesteht?"

Gimli mußte glucksen, da hatte er zwei Freunde, wie er sie noch nie zuvor in Mittelerde gesehen hatte und doch verstanden sie einander so wenig. Oder war gerade dieses Hinterfragen ihrer Beweggründe der Nährboden auf dem ihre Freundschaft gewachsen war und immer wieder neue Nahrung erhielt? Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander, bis Gimli fragte:

"Was hatte es damals mit dem Schwur auf sich, Elblein?"

Legolas lachte ob dieser Bezeichnung, die Gimli gerne für ihn verwandte und die seinen Vater immer zum Schäumen brachte, dann erwiderte er ernst:

"Um meinen Vater und mein Volk zu retten war ich einen Handel mit der Dunkelheit eingegangen. Als alle sicher waren, kämpfte ich einen unerbittlichen Streit mit dem beherrschenden Zauberer aus, um meine Seele wiederzuerlangen. Als dann Aragorn und ich mit Elben aus Imladris gegen die Korsaren kämpften, hatten wir es auch mit Dunkelelben zu tun und ich konnte sehen, was der Zauberer aus ihnen gemacht hatte, und ich spürte tief in mir immer noch seine Präsens, obwohl es schon Jahrhunderte her war. Da bat ich Aragorn um diesen einen Freundschaftsdienst. Ich bat ihn mich zu töten und meine Seele freizugeben, wenn er jemals merken sollte, daß die Dunkelheit nach mir greift und ich keine Kraft mehr zum Kämpfen hätte. Er sollte mich durch den Tod davor bewahren, daß sich mein Geist der Dunkelheit ergab."

Gimli seufzte und äußerte: "Ein schwere Aufgabe, die du ihm da auf die Schultern gelegt hast, mein Freund, denn er hätte sich nie sicher sein können, daß er wirklich richtig gehandelt hatte. Die Frage, ob du nicht doch noch Kraft gefunden hättest, wenn er hartnäckig genug geblieben wäre oder er dich dann an das verloren hätte, was du am meisten fürchtest, hätte ihm nie jemand beantworten können."

Legolas legte ein Hand auf Gimlis Schulter und antwortete nur: "Ich weiß."

Träume

Aragorn stand auf der Terrasse mit Blick gen Eryn Lasgalen und hoffte einen Reiter, noch lieber einen Reitertrupp aus dieser Richtung kommen zu sehen, aber wie schon in den letzten drei Tagen verschwand die Sonne langsam hinter dem Horizont und er konnte nichts entdecken. Abermals ein Tag vorbei und sein Sehnen seit jenem Traum blieb unerfüllt. Arwen stand mit dem Rücken an ihn gelehnt, von seinen starken Armen umschlungen und summte leise vor sich hin. Und als wenn er ihre Gedanken erraten hätte, sprach er:

"Ich weiß, ich bin zu ungeduldig. Der Traum war vor drei Tagen. Selbst wenn er am gleichen Tag aufgebrochen wäre, könnte er erst in ein bis zwei Tagen hier eintreffen und wenn er noch nicht ganz genesen und bei Kräften ist, auch erst später. Wäre das so, würde auch sicher Thranduil mitreisen, also ein kleiner Trupp kommen, der wiederum langsamer als ein einzelner Reiter unterwegs ist. Ach, Arwen, aber laß mich doch bitte träumen. Ich habe es mir so sehr gewünscht."

Mit diesen Worten schmiegte er sich noch mehr an seine Gemahlin und küßte zärtlich die Kuhle zwischen Hals und Schulter. Ein leichter Schauer durchlief ihren Körper ob dieser sanften Liebkosung. Sie drehte sich in seinen Armen, blickte ihn voller Liebe an und sagte mit einem Lächeln auf ihren Lippen leicht tadelnd:

"Es tut so gut, dich wieder voller Leben und Träume zu sehen, aber du verschreckst alle mit deiner Ungeduld. Nicht nur die einfachen Diener, selbst deine Ratgeber zucken zusammen, wenn du wieder einen Soldaten auf die Zinnen scheuchst um zu hören, was du doch selbst gerade wissend zugeben mußtest: "Es kann noch gar nicht soweit sein."

"Hm", grummelte er, sein Gesicht in ihren Haaren verborgen und meinte dann: "Aber es könnte jederzeit ein Bote eintreffen."

Arwen lachte auf: "Auch dieser kann nicht vor morgen oder übermorgen hier eintreffen. Wo ist deine sprichwörtliche Ruhe als Waldläufer geblieben, Geliebter?"

Aragorn atmete den Duft seiner Gemahlin nach Rosen tief ein. Er liebte diesen Duft und flüsterte, sanft an ihren Ohren knabbernd:

"Laß mich träumen, mein Schatz, laß mich träumen."

Und seine Lippen suchten die ihren, liebkosten sie, neckten sie und forderten schließlich einen hungrigen Kuß, als wolle er all seine Ungeduld mit dieser Geste besiegen. Wie sollte er nur noch zwei weitere Tage überstehen?

Aragorn mußte sogar noch einiges länger warten als zwei Tage, aber ein Bote brachte ihm Nachricht über ihr Kommen und so war wenigstens der Traum jener Nacht Gewißheit geworden, was ihm aber das Warten nicht leichter machte und Arwen zog ihn ein um das andere Mal damit auf. Thranduil hatte geschrieben:


"Arwen, liebe Freundin, endlich darf ich Euch Nachricht senden, die Hoffnung auf ein gutes Ende allen Leids der von uns so geliebten Personen macht. Wir sind auf dem Weg nach Minas Tirith, weil Legolas es will. Höre, Arwen, er will! Ich weiß nicht, wie sich Aragorn und mein Sohn gegenübertreten werden, aber glaube mir, Hoffnung gibt es mehr denn je.

Thranduil"


Nachdem diese Nachricht eingetroffen war, zog sich Aragorn für den Rest des Tages zurück. Die Worte des Elbenkönigs "...weil Legolas es will" machten ihn froh und zugleich ängstlich. Ihm war inzwischen klar geworden, daß er in der langen Zeit, in der er mit Legolas durch die Wälder und Landen gegangen war, nicht ein einziges Mal dem Elben gegenüber den Schwur nochmals zur Sprache gebracht, noch über seine tiefe Freundschaft, sein tiefes Empfinden zu ihm gesprochen hatte. In den Nächten seit dem Traum, in denen er auf dem Söller gestanden hatte, war ihm bewußt geworden, wie selbstlos und ohne je etwas einzufordern Legolas immer an seiner Seite gewesen war, bis es für ihn schon selbstverständlich geworden war. Aber das war es nicht, sondern daß er nicht wußte, ob er in seinem Sinne gehandelt hatte, zeigte ihm, wie wenig er in Wirklichkeit seinen Freund kannte und dies bereitete ihm tiefe Schuldgefühle. Er mußte sich eingestehen, daß es nicht der Schwur, oder sein Ansinnen, daß er ihn gebrochen haben könnte, war, das ihn beinahe zerbrochen hatten, nein, es war das intuitive Wissen darum, wie viel ihm Legolas bedeutete und wie wenig er doch von ihm wußte - was bleiben würde, wenn er ging. Und nun würde Legolas kommen. Er würde kommen, abermals würde er an seine Seite eilen. Wie konnte er das zulassen? Wie konnte er das wieder gut machen, was er über so viele Jahre versäumt hatte? Aragorn flehte zu den Valar, daß sie ihm halfen Legolas all das, was in seinem Herzen vorging zu sagen, und daß Legolas ihm nicht nur vergab.

Noch lange bevor der Troß der Elben die Ebene von Pelenor überquert hatte, waren sie von den Wachen auf den Silbernen Türmen Minas Tiriths entdeckt und ihr Kommen dem König angekündigt worden. Aragorn hielt nichts mehr in seinem Thronsaal. Jedwede Ratsbesprechung wurde für diesen Tag aufgehoben und er eilte so schnell er konnte zu seiner Lieblingsstelle, von wo er die Ebene Richtung Eryn Lasgalen überblicken konnte. Arwen hatte er dabei an der Hand fast schon hinter sich hergezerrt, da sie mit ihren langen Röcken nicht so frei laufen konnte wie er. Dann stand er da und starrte hinaus in die Ebene. Er sah den Troß aber einzelne Personen konnte er nicht ausmachen, und seine Ungeduld stieg ins Unermeßliche.

"Arwen, Arwen! Kannst du ihn sehen? Siehst du Legolas? Bitte sag mir, daß du ihn siehst! Wie sieht er aus?" sprudelte er fast wie ein ungeduldiges, kleines Kind hervor und Arwen konnte die Anspannung in ihm, seine Nervosität fast körperlich fühlen, und sie beeilte sich, ihm gewünschte Antworten zu geben:

"Ja, Estel, er ist bei ihnen. Er ist es wirklich. Schmal wirkt er, aber mehr kann ich dir nicht sagen."

Aragorn konnte sich vom Anblick des Trosses nicht lösen und sein Blick blieb an ihnen kleben, bis sie auf ihrem Weg zum Tor entlang der Stadtmauer durch die Gebäude der Stadt aus seinem Blickfeld verschwanden. Dann schnellte Aragorn herum, griff seine Frau, wirbelte sie einmal mit sich im Kreis, stellte sie wieder behutsam ab, gab ihr noch einen flüchtigen Kuß und rannte dann auch schon hinunter. Er mußte ihnen entgegen, er konnte nicht anders. Arwen blieb allein stehen und ihr helles Lachen folgte ihm.