Disclaimer: Wenn ich JKR wäre, hätte ich Kohle. Ich schreibe, weil es mir Riesenspaß macht. Bitte nicht klagen!
Viel Spaß beim Lesen!
Cassie
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Kapitel 28 – Seine Augen/Setis Sicht
Die schwarzen Edelsteine, welche von dem prächtigen Kronleuchter hinabhängen, drehen sich träge um ihre eigene Achse. Die Flammen der Kerzen flackern als ein Hauself gehorsam ein paar Fenster öffnet und dann leise verschwindet, um die Zauberer und Hexen nicht zu stören.
Der lange, polierte Tisch, der wahrscheinlich eine Tonne wiegt, weil er aus schwerem Eichenholz angefertigt wurde, ist heute vollgepackt. Löffel und Gabeln klirren als man sie auf ihren Teller ablegt und Weingläser werden zu den Lippen gehoben. Die schwarzweißen Tapeten bringen gut die Gemälde zum Vorschein, welche einsame Schlösser und Berge zeigen, ein Motiv, das im dunklen Orden sehr beliebt ist. Ein einzigartiger Geruch liegt in der Luft, und damit meine ich nicht den Zigarrenrauch von Erebus.
Wir haben etwas Großes erschaffen. Aus ein paar Steinen, welche Lord Grindelwald hinterlassen hat, hat Lord Voldemort ein einsames Haus gebaut, mit seinen zwei Händen und mit seinen Anhängern, welche nach Macht strebten. Welche sich nicht dafür schämten, sich Schwarzmagier zu nennen. Heutzutage haben wir das – den Sitz des dunklen Imperiums, das Heim von mehreren hunderten Todessern und das Zentrum unserer Welt. Wir haben eine ganz andere Welt erschaffen, in der unsere Gesetze, die schwarzmagischen Gesetze, gelten. Unsere eigene Gesellschaft, welche jedoch in die äußere Welt getragen worden ist, wo wir die Herrscher sind.
Uns ist es gelungen, was den Schwarzmagiern in der Vergangenheit nicht gelungen ist. Wir sind ein Imperium – und alle senken den Kopf vor unseren lauten Stimmen. Wir sind das Gesetz und der Körper des dunklen Imperiums. Verschiedene Länder und verschiedene Kulturen sind endlich unter einer Fahne vereinigt worden und sind zu Provinzen des Imperiums geworden. Wohin auch immer man geht, innerhalb der Grenzen des Imperiums, dort gibt es einen Zweig des dunklen Ordens und einen Minister. Es gibt immer Todesser, die bereit sind einem Schwarzmagier zu helfen. Ich werde mir dieser Tatsache bewusst jedes Mal wenn ich durch eines der Appariertore hindurch gehe und von Todessern begrüßt werde. Es ist diese Gemeinsamkeit, die ich im Orden so sehr schätze und welche das Imperium so stark macht. Rumänisch spreche ich nicht, aber wann auch immer ich ins rumänische Ministerium gehe, warten die Todesser und der Minister auf mich. Es ist ein Stück von Zuhause das überall im Ministerium anwesend ist, unabhängig davon, welche Sprache man spricht. Aber wir haben doch eine Sprache gemeinsam – wir alle sprechen Schwarzmagie.
Der neue dunkle Lord ist vielleicht auch kein Fan von Menschenmengen, aber ab und zu hält er solche Treffen ab und lädt die Minister, ihre Vertrauten und auch ein paar Auserwählten, zum Abendessen ein. Nicht weil er es genießt sondern weil solche Treffen, welche in solch einer entspannten Atmosphäre stattfinden, viel wirksamer als normale Treffen in einer großen Halle sind, wenn er spricht und die anderen zuhören. Er versucht den Kontakt zu den Todessern auf diese Weise lebendig zu behalten und auch da zu sein, wenn jemand Fragen oder Vorschläge hat. Es ist diese Zugänglichkeit welche ihn so von Lord Voldemort unterscheidet. Das heißt natürlich nicht, dass er mit ihnen freundlich und über unwichtige Sachen plaudert, bietet ihnen aber einen Einblick in das, was wir beide zusammen tun, in das, was er plant, und dadurch schließt er einen Kreis um sich der aus treuen Dienern besteht, welche ihn nicht länger als eine einsame und erschreckende Figur in der Ferne sehen, sondern als einen Schwarzmagier, mit dem man während des Abendessens reden kann. Ich habe auch bemerkt, dass sich ihr Benehmen und ihre Arbeit sehr geändert haben seit Erebus diese Tradition eingeführt hat. Es ist beinahe so, als seien sie durch seine bloße Anwesenheit im selben Raum inspiriert und zu unglaublichen Sachen bewegt.
Aideen Delaney Black lächelt den rumänischen Zauberminister an und nimmt anmutig einen Schluck ihres Rotweins. Vor kurzem hat sie Sirius Black geheiratet und das waren große Nachrichten in der Zauberwelt. Warum solch eine Tatsache aus dem Privatleben von zwei Todessern in die Zeitung gehört weiß ich nicht aber es gibt immer Menschen, welche so was wissen wollen. Aideen wollte es so und Black, so angetan von ihr er schon ist, konnte ihr nicht nein sagen. Es ist mir klar, wer die Fäden in dieser Beziehung zieht. Die Irin, welche von Natur aus leicht ausrastet, hat auch bestimmt, wo sie wohnen werden. In einem Haus in der Grafschaft von Laois, wo sie aufgewachsen ist. Natürlich muss so Black jedes Mal, nachdem er mit seiner Arbeit für diesen Tag fertig ist, zuerst durch das Appariertor das nach Irland führt, gehen und dann apparieren aber anscheinend stört es ihn nicht. Er hat Aideen bekommen und nichts scheint ihm schwierig zu sein, was mit ihr in Zusammenhang steht. Der dunkle Lord hat dazu gar nichts gesagt, aber natürlich erwartet er von ihm dass er auch weiterhin pünktlich zur Arbeit kommt und auch Überstunde macht wenn die Arbeit das von ihm verlangt. Da aber Aideen genauso lang arbeitet war es noch nie ein Problem gewesen. Oder zumindest kommt es dem Auge eines Beobachters so vor.
Auf der anderen Seite des rumänischen Ministers, der noch immer so aussieht, als müsse er sich an solche Treffen gewöhnen, sitzt Gerard Lacroix, der Zauberminister Frankreichs. Wie immer kleidet er sich nach der reinblütigen Tradition und heute trägt er eine Festrobe, was vielleicht etwas übertrieben ist, aber Gerard Lacroix ist ein Mann der es mag auf diese Weise seinen Status und seine Macht zu zeigen, insbesondere dadurch, dass er jedes Mal eine ganz neue Festrobe trägt, als sei die alte dreckig geworden nachdem alle sie gesehen haben. Momentan läuft alles in Frankreich wie geölt und der Minister kann sich nicht beklagen. Sein Englisch hat sich etwas verbessert aber er scheint ihn nicht zu nerven dass er seinen Akzent nicht loswerden kann. Ganz im Gegenteil – dadurch zeigt er seine Herkunft und jeder weiß, dass Lacroix stolz darauf ist, ein Franzose zu sein.
Der Minister Belgiens sitzt schweigend auf seiner linken Seite und nippt an seiner Limonade. Er scheint seiner Kleidung nicht so viel Aufmerksamkeit zu schenken wie Lacroix aber er scheint sie zwei Größen kleiner zu kaufen. Mich erinnert er an einen Blumenkohl mit all seinen Muskeln die durch sein für ihn viel zu kleines Hemd sichtbar sind aber vielleicht bin ich nur neidisch. Seine dunklen Augen blicken von einer Person zu der anderen und man sieht, dass er die Gesprächsteile welche ihn interessieren würden sammelt, obwohl er selbst mit keinem wirklich geredet hat seit er sich an diesen Tisch gesetzt hat. Seit er in Belgien an die Macht gekommen ist, hat er das Ministerium in eine Armee verwandelt. Vielleicht ist er an die militärische Disziplin gewöhnt, weil er ja ein Profisportler war, aber den anderen belgischen Todessern sind seine Methoden ein wenig fremd. Der dunkle Lord hat ihm aber nie etwas in Bezug darauf gesagt weil er selbst solche Methoden bevorzugt.
Der ägyptische Zauberminister redet die ganze Zeit – obwohl im Unterton, was für ihn schon Fortschritt ist – mit der dänischen Ministerin. Die Dame ist vor kurzem für dieses Amt ausgewählt worden weil der ehemalige Minister im Kampf ums Leben gekommen ist. Und wenn ich Dame sage, dann meine ich das auch. Der Ägypter kann mit jedem ein Gespräch führen aber dieses Gespräch findet er zweifelsohne sehr angenehm. Ob es daran liegt, dass er nicht verheiratet ist und auch in keiner Beziehung ist, bleibt ein offenes Thema. Ich bin mir auch nicht mal so sicher ob der Mann schwul ist oder nicht. Seinen Handbewegungen und seinem Benehmen im Allgemeinen nach zu urteilen, würde man behaupten, dass er schwul ist. Aber man weiß ja nie. Es gibt schwule Männer an denen man nicht sehen kann, dass sie schwul sind.
Die dänische Ministerin ist eine hübsche Blondine, die genau weiß, wie sie all ihre Attribute zu ihren Gunsten benutzen kann, ob wir von ihrem Äußeren oder von ihrer Macht reden. All das steht ihr auf der Stirn geschrieben. Es ist für mich schwer festzustellen, ob der ägyptische Minister von ihr angetan ist oder ob ihn das was sie ihm gerade erzählt, so fasziniert. Als sie ihre Hand anmutig hebt um eine verirrte Haarsträhne hinter das Ohr zu stecken fällt einem gleich ein Runentattoo auf ihrem rechten Arm auf. Das ist mir schon bei meinem ersten Interview mit der Frau aufgefallen und ich habe sie gefragt, was das Tattoo für sie darstellt. Sie hat mir erklärt, dass dies ein Wort sei, das ihr viel Kraft gebe. Ansonsten war ich diejenige, die sie für den nächsten Minister vorgeschlagen habe. Die Frau hat sich als sehr kompetent erwiesen und dazu auch als eine hinterhältige Hexe, welche alles benutzt was ihr zur Verfügung steht. Es ist nicht ihre Macht oder ihr Wissen, die mir aufgefallen sind. Sondern eher diese ihr angeborene Fähigkeit, alles zu ihren Gunsten zu benutzen. Das an sich ist ein Merkmal einer Schwarzmagierin, welche ein Land sehr gut regieren kann und der nichts entgeht. Sie ist ein guter Zusatz zu unseren regierenden Kräften und ist auch eine Person, auf die man sich verlassen kann.
Und dann haben wir natürlich den Zauberminister für Spanien, einen pompösen und eingebildeten Zauberer, der die Welt als einen Markt ansieht. In seinem Kopf geht es darum, was verkauft und was gekauft werden kann und wie viel davon in seine Tasche geht. Ich bin mit dieser Wahl nicht sonderlich begeistert aber der dunkle Lord hat ihm dieses Amt zugewiesen und hat mir erklärt, dass Spanien momentan solch einen Minister braucht. Der Mann weiß sehr wohl, dass er keine Grenzen überschreiten soll und im gewissen Sinne erinnert er mich an Lucius Malfoy, mit dem er gerade etwas ernst diskutiert. Wahrscheinlich reden sie über die Export- und Importgesetze, ein Thema, das Lucius in letzter Zeit sehr beschäftigt. In diese Sache soll ich mich nicht einmischen denn offensichtlich hat der dunkle Lord etwas im Kopf dieses Spaniers gesehen, was ich nicht sehen konnte. Und außerdem scheint er sich oft mit Lucius zu treffen. Lucius hat mit seinem Amt viel Erfahrung und der dunkle Lord hat ihn gut trainiert. Wahrscheinlich profitieren die beiden von ihren geschäftlichen Treffen und mir kommt es so vor, als hätte der Topf seinen Deckel gefunden.
Der deutsche Minister, die Ministerin für Österreich und der winzig kleine Minister für die Schweiz haben die Chance genutzt, um sich zusammen zu setzen und die Übersetzungen der Reichsgesetze zu diskutieren. Der deutsche Minister, den Lord Voldemort für dieses Amt ausgewählt hat, ist ein pummeliger Zauberer mit Schnurrbart, der kurz tief durchgeatmet hat nachdem ihm diese Ehre zugeteilt geworden ist, hat sich aber dann die Hände gerieben und sich gleich an die Arbeit gemacht. Er ist kein Mann der es pflegt etwas zu lange hinauszuzögern und bevorzugt schnelle Lösungen, auch wenn sie etwas drastisch sind. Weswegen er wahrscheinlich dem ehemaligen dunklen Lord aufgefallen ist. Die Ministerin für Österreich habe ich selbst ausgewählt. Dünn, ungefähr vierzig Jahre alt, mit viel Erfahrung und einer Einstellung dem Leben gegenüber, die mir sehr gefällt. Sie hat mir gesagt, das Leben sei eine Reise und dass sie alle Überraschungen und Herausforderungen auf ihrem Weg als Teile dieser Reise betrachte. Sie ist eine fröhliche Person, immer in einer guten Laune, immer bereit alles zu besprechen und alles in Betracht zu ziehen. Aber sie hat keinerlei Probleme damit, in diesem bestimmten Moment dem deutschen Minister das Wort abzuschneiden und mit einem breiten Lächeln einen Vorschlag zu machen, wobei man merkt, dass der Schnurrbart des Ministers bei dieser Unterbrechung etwas zuckt. Den Schweizer kann ich nur mit einem Wort beschreiben – flüssiges Feuer. Wahrscheinlich liegt es an seiner Größe – vielleicht hat er etwas Koboldblut in seinen Adern? Das habe ich ihn nicht gefragt – aber der Mann ist einfach überall und im selben Moment, wie der Wind. Er redet so schnell dass einem schwindelig wird. Bei ihm hat man den Eindruck, dass die Welt und alles was in diesem Moment vorgeht doppelt so schnell läuft und er gestikuliert wild als er sich auf die Diskussion mit den beiden einlässt.
Dass sie zusammen sitzen und reden wäre vor ein paar Monaten als ein Wunder betrachtet worden, jetzt aber ist es ganz gewöhnlich. Die Ursache der ursprünglichen Meinungsverschiedenheit lag darin, dass der deutsche Minister sein Land als ein Opfer betrachtete, was man nach der Tragödie in Hamburg nachvollziehen kann. Die Verluste auf der dunklen Seite waren minimal wenn man die Verluste auf der Seite des Polarisordens in Betracht zieht. Aber die Kugel von Lord Voldemort hat nicht nur Menschenopfer verursacht sondern auch materielle Schäden angerichtet. Klar, das Ministerium wurde wieder gebaut, das Loch in der Straße ist mit Asphalt überzogen worden und die, das Ministerium umgebenden Häuser, sind wieder aufgebaut worden. Aber nichts kann die deutschen Archive, das Geld, die wichtigen Urkunden und den Rest zurückbringen. Das Ministerium in Wien wiederum ist so schnell angegriffen worden dass es nicht lange dauerte bis die schwarze Fahne aufgehängt worden ist. Es gab fast keine Opfer und das Ministerium steht noch immer. Die Schweizer hatten nicht mal so viel Glück. Am Anfang wollten ein paar Vertraute von Erebus mit dem Ministerium verhandeln, was er ihnen erlaubte. Es stellte sich aber heraus, dass sie am Ende gefangen genommen worden sind und dass das Ministerium versucht hat, die Position der dunklen Armee aus ihnen herauszukitzeln. Der Fluch des dunklen Mals aktivierte sich und sie starben. Es schien aber dass die Ministerialbeamten doch etwas herausgefunden haben, auch wenn die Todesser nur genickt oder die Köpfe geschüttelt haben, und die Armee von Erebus wurde angegriffen. Ich kam rechtzeitig dort an, um ihm dabei zu helfen und zusammen haben wir uns durch die Reihen der Hellmagier gedrängt und das Ministerium eingenommen.
So kann man natürlich verstehen, warum jedes Land dachte, dass sie es einer speziellen Behandlung bedarf und warum sie sich am Anfang weigerten, zusammen zu arbeiten. Aber nachdem sie der dunkle Lord zu sich gerufen hat und ihnen ein paar Sachen 'erklärt' hat, gingen sie zum ersten Mal schweigend in den Salon im Erdgeschoss und setzten sich zusammen, um über die Arbeit zu reden. Der dunkle Lord toleriert solches Benehmen nicht und möchte dass jeder Todesser, insbesondere die Minister, miteinander kooperieren und sich wenigstens erdulden, wenn sie sich nicht schon als Kumpel betrachten. Er ist gegen die Feindseligkeiten im dunklen Orden allergisch. Erwähne man wie sich zwei Todesser gezankt haben, und seine Augen blitzen gleich gefährlich auf. Die drei hätten es besser wissen sollen aber jetzt scheint alles in Ordnung zu sein. Der deutsche Minister hat sich persönlich vorgenommen, das dicke Buch der Reichsgesetze zu übersetzen, da er als Kind in England gewohnt hat und Englisch gut kann. Jetzt hat er aber eingesehen dass seine Arbeit viel schneller geht wenn er sie mit den beiden teilt. Normalerweise werden die Gesetze von einem ganzen Team der Zauberer und Hexen übersetzt aber der deutsche Minister wollte davon nichts hören. Was eigentlich sehr schlau von ihm ist. Wenn er die Gesetze schon übersetzt, wird er sie auch kennen und wird nicht, wie Lucius Malfoy, das Buch unter seinem Schreibtisch aufbewahren müssen um ja einen verstohlenen Blick darauf zu werfen weil er sich nicht erinnern kann, wie ein bestimmtes Gesetz lautet. Der dunkle Lord bestand von Anfang an darauf, dass jeder Minister die Gesetze gut kennt. Denn derjenige der auf der Spitze sei, müsse mehr als alle anderen wissen, hat er gesagt.
Und dann gibt es Artaius. Artaius, der Henker des dunklen Ordens, dessen Name und Gesicht schon weltweit bekannt und gefürchtet sind. Normalerweise wäre er zu solchen Treffen nicht eingeladen weil er Aufträge erfüllt, aber momentan versucht ihn der dunkle Lord zu 'trainieren'. Damit meine ich nicht nur seine Selbstkontrolle sondern auch seine sozialen Fähigkeiten. Dazu gehören nicht nur die Bräuche oder die Weise, auf die er sich ausdrückt, sondern auch die Fähigkeit, mit Menschen die er nicht gut kennt zu reden und dazu fähig zu sein, in einer Menschenmenge nicht auszuflippen. Klar, Artaius hat sich an die Gesellschaft von Daphne, Theodore und den anderen gewöhnt aber wenn er sich unter vielen Menschen befindet die er nicht gut kennt, pflegt er sich einfach aus dem Staub zu machen oder in einer Ecke alleine zu sitzen und auf die Chance zu warten, sich aus dem Staub zu machen. Der dunkle Lord selbst ist auch kein Gesellschaftswesen aber er kann eines sein wenn es sein muss. Und er möchte Artaius das gleiche beibringen.
Es wundert mich manchmal, dass er ihm so viel Aufmerksamkeit schenkt und dass er ihm ehrlich helfen will, aber je mehr ich über ihn lerne, desto mysteriöser kommt er mir vor. Er erinnert mich an eine Zwiebel – nehme man eine Schicht, findet man eine andere. Gerade wenn man denkt, dass man schon damit fertig ist und alles weiß, was man wissen soll, entdeckt man eine weitere Schicht. Langsam entdecke ich Tiefen in seiner Persönlichkeit die ich früher nicht gesehen habe. Und wenn ich denke dass ich ihn endlich verstanden habe macht er so etwas was er in den USA gemacht hat. Der dunkle Lord scheint aber all seine Tiefen gut zu verstehen und Artaius weiß es. Nach dem Vorfall in Amerika macht er kommentarlos das was er ihm sagt und so ist er auch heute hier, trägt sein bestes Hemd und versucht mit Menschen zu reden. Ihn aus dem Augenwinkel beobachtend muss ich zugeben, dass er Fortschritt macht obwohl man deutlich sehen kann wie er darüber nachdenkt, was er sagen wird und was nicht. Auch wenn es für mich schwer zu verstehen ist, wie eine Person die Gesellschaft der anderen so lästig finden kann und nicht weiß, wie sie sich benehmen soll, wenn sie von vielen Menschen umgeben ist, muss ich zugeben dass er sich bemüht. Aber unter der Fassade der Ruhe sieht man deutlich wie sehr ihn das Ganze nervt.
Und dann gibt es natürlich Draco, der auf der rechten Seite des dunklen Lords sitzt, mit einem Lächeln sein Abendessen isst und versucht mit Artaius zu reden. Draco scheint die übermenschliche Kraft finden zu können, um zu Erebus zu stehen auch wenn es so aussieht, dass der dunkle Lord ihn ignoriert oder ihn in den Hintergrund schiebt. Ich weiß ja, dass Erebus es nicht absichtlich macht und dass er manchmal wirklich fort gehen und Draco all seine Arbeit überlassen muss. Obwohl es normal wäre, dass der dunkle Lord mit seinem Mann während solch eines Abendessens redet und nicht mit mir, wäre es Erebus' Meinung nach unangebracht dass er lieber mit seinem Mann und nicht mit mir, seiner Erbin, redet. Dadurch würde er auch seinen Anhängern zeigen, dass ihm sein Privatleben viel wichtiger als seine Pflichten ist und das möchte er nicht tun. Wenn sie aber alleine sind, weiß ich dass sie über allerlei Sachen reden. Aber so bald sie ihre Gemächer verlassen zieht der dunkle Lord eine Linie zwischen seinem Privatleben und seinen Pflichten. Da draußen ist er der dunkle Lord und Draco ist sein Anhänger. Vielleicht mag so was einem Zuschauer unbarmherzig vorkommen aber ich denke dass ich es verstehe. Und Draco erträgt alles mit einem Lächeln und unterstützt Erebus in allem was er macht. Es bleibt eine offene Frage ob er auch wenn sie alleine sind seine Rolle als die des dunklen Lords vor der Tür zurücklassen kann, aber ich bin zuversichtlich dass es Draco nicht stört. Auf einer Ebene die ich nicht verstehe mag er es, wenn Erebus seine Rolle des Herrschers alles Lebendigen spielt weil es ihn erregt. So viel weiß ich. Aber ich weiß auch dass er Erebus Vorschläge gibt und dass sie auch über die Arbeit reden.
Ich werde auch nie verstehen können, wie jemanden erregen kann wenn ihn Erebus durch den Wald jagt, aber na ja. Das ist nicht meine Sache.
Ein paar Wochen nach dem Tod von Lord Voldemort hat Erebus wieder mit seiner Arbeit angefangen. Er wollte die Gesetze verbessern und das Imperium von innen verstärken. Er wollte sich den kleinen Details widmen für die er nie die Zeit hatte und die manchmal zu Missverständnissen führten, weswegen die Minister ihn immer kontaktiert und über ihre Vorgehensweise in irgendeiner Sache gefragt haben. Nachdem er die Gesetze der einzelnen Provinzen in Einklang gebracht hat soll es zu solchen Vorfällen nicht mehr kommen. Ich habe eine sehr hohe Meinung von Lord Voldemort aber irgendwie schien es dass er zu solchen Sachen nie kam und Lücken hinterlassen hat. Bei Treffen wie diesen wird einem gleich klar, wie sehr sich der dunkle Orden nach seinem Tod verändert hat. Früher gab es keine solchen inoffiziellen Treffen und das ist nur eine der Sachen, die sich unter der Führung von Erebus verändert hat. Er scheint auf manche Sachen mehr Acht zu geben und auf manche überhaupt keine. Natürlich kommt es auf den Imperator an, wie das Imperium funktionieren wird und das ist ja nichts Neues. Und vielleicht bin ich voreingenommen aber ich habe den Eindruck, dass unter der Regierung von Lord Erebus das dunkle Imperium viel besser funktioniert.
Zum Beispiel überlässt er den Ministern fast alle Entscheidungen. So müssen sie nicht länger ihn oder mich für jede Kleinigkeit fragen, was sie tun sollten sondern können zusammen mit den anderen im Ministerium tätigen Todessern die Entscheidungen treffen. Ich statte meinen regelmäßigen, monatlichen Besuch jeder Provinz ab und dann werfe ich einen Blick auf ihre Arbeit und überprüfe sie wenn ich denke, dass ich mich mit etwas genauer beschäftigen soll. Das vereinfacht nicht nur meine sondern auch die Arbeit der Minister. Natürlich falls irgendwelche Zweifelfälle auftauchen wenden sie sich an mir. Aber ansonsten muss ich nicht mal so oft wie früher reisen und alles überprüfen. Erebus erwartet von seinen Ministern, dass sie ihre Arbeit ohne Fehler machen. Aber falls ihm etwas auffällt was ihm nicht gefällt, wird es dieser Person schlecht ergehen.
Die strikte Hierarchie, welche schon früher im Orden zu merken war, ist jetzt wie das Imperium funktioniert. Die Aufseher und die Leiter der einzelnen Abteilungen statten ihre Berichte dem Minister ab und er schreibt seine monatlichen Berichte an mich. Ich lese sie durch und unterschreibe sie. Falls ich nicht weiß, was ich in einer Situation tun soll – was noch nicht vorgekommen ist – soll ich Erebus fragen. So geht es. Was am seltsamsten ist, ist dass diese Anordnung die Minister nervös macht und man merkt, dass sie sich mehr bemühen als früher. Ich habe das besonders bei Lucius bemerkt. Zu seinem letzten Bericht hatte ich wirklich nichts zu sagen und bei meinem Besuch dem britischen Ministerium sind mir keine Formfehler oder Unvorschriftmäßigkeiten aufgefallen. Auf den ersten Blick hat Erebus den Ministern mehr Freiheit gegeben, aber das scheint einen guten Einfluss auf sie zu haben.
Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich zusammen mit Erebus und Lord Voldemort aus der Loge auf das Quidditchfeld hinunter geblickt habe. Hunderte, tausende Menschen standen in Stille und uns auf diese Weise begrüßten. Bei diesem Anblick bekam ich Gänsehaut. Es ist leicht zu vergessen wie viele Todesser es eigentlich gibt und beim bloßen Gedanken, dass sie etwas von mir erwarten, spüre ich noch immer manchmal Nervosität, welche mir die Fähigkeit, klar zu denken, raubt. Es ist leicht von der großen Menschenmenge eingeschüchtert zu werden obwohl es bei mir seltener und seltener vorkommt. Schließlich habe ich schon viel Erfahrung damit.
Ich werde nicht den Tag vergessen, als ich und Laetitia gingen um meine Eltern zu besuchen und als mein Vater breit grinsend mit einer Kopie der französischen Zauberzeitung gewedelt hat. Er sagte, er habe über mich gelesen. Er war außer sich vor Freude und Stolz wobei meine Mutter nichts dazu sagte, sondern mich etwas unsicher anlächelte. Ich habe diesen Moment gefürchtet. Dass meine Eltern mehr über mich und das, was ich eigentlich tue, erfahren. Natürlich bin ich von ihnen in keinem Sinne abhängig aber so sehr ich mich bemühe, die Lage zu rationalisieren, spüre ich noch immer manchmal einen Stich von Unsicherheit, von Angst, was sie mir sagen werden. Ob sie mit mir zufrieden sind, ob sie sich für mich schämen, ob sie mich hassen. Das würde gar nichts ändern denn jetzt habe ich mein eigenes Leben und mein eigenes Geld. Aber sie sind meine Eltern. Ich wünsche mir, ich könnte mir selbst erklären, wie die Sachen stehen und sie nicht durch das Prisma meiner Gefühle ihnen gegenüber sehen, aber ich bin noch nicht perfekt.
Erebus wollte dass das dunkle Imperium mehr über mich erfährt weil ihm die verschiedenen Gerüchte, welche über mich zirkulierten, auf die Nerven gingen. Früher war es vielleicht nicht mal so wichtig, jetzt aber da ich seinen Platz eingenommen habe, wollte er, dass die Welt weiß, wer ich bin. So musste ich eine kurze Biografie verfassen und einige Tatsachen über mich und mein Leben aufzählen. Was mich interessiert, womit ich mich in meiner Freizeit beschäftige und so weiter. Mein Vater hat diesen Artikel mit einem großen Foto von mir einrahmen lassen und hat ihn im Wohnzimmer aufgehängt. Er wollte auch eine Fahne des Imperiums haben, welche ihm Laetitia gleich geschenkt hat, und hat auch sie im Flur aufgehängt. Seit er die französische Zauberzeitungen entdeckt hat, sammelt er Artikel über mich und ich muss mir die Frage stellen, wann er etwas über mich lesen wird, was ihn enttäuschen, ja sogar erschrecken wird.
Der dunkle Lord klatscht in die Hände und ich konzentriere mich auf die Gegenwart. Die Teller und das Essen verschwinden und Kaffee, Schnaps und Wein erscheinen auf dem langen Tisch. Aber wie immer wartet man dass der dunkle Lord als der erste nach einer Flasche greift und dann fühlen sich die Todesser frei, auch etwas zu trinken. Als sich der dunkle Lord etwas Scotch einschenkt, greift der deutsche Minister bereitwillig auf Feuerwhiskey zu.
„Obwohl dies kein Arbeitstreffen ist," sagt der dunkle Lord und alle verstummen, „möchte ich doch mit euch über ein paar Sachen reden."
Er lehnt sich zurück mit seinem Glas in Hand und lässt seinen Blick über die anwesenden Todesser schweifen.
„Manche von euch fragen sich, warum wir uns so schnell den USA zuwenden," sagt er ernst. „Wenn es noch viele Länder in Europa gibt, welche noch nicht auf der Weltkarte in der Bibliothek schwarz sind."
Er schaut zu mir und ich lächele flüchtig. Erebus gefällt meine Karte.
„Die dunkle Fackel über den Ozean zu tragen ist keine leichte Aufgabe," fährt er fort. „Und vielleicht ist sie ein wenig ehrgeizig. Aber wir haben starke Unterstützung der Todesritter und sie arbeiten hart an meinen Plänen."
Er fährt über seine Zigarrenschachtel, als denke er darüber nach, wie er sich ausdrücken soll und alle warten ab, dass er fortfährt.
„Es ist eigentlich ganz einfach," sagt er, den Blick hebend. „Die USA ist der Sitz des Polarisordens. Der Polarisorden ist momentan das größte Hindernis in unserem Weg, das weggeräumt werden muss. Wenn das passiert, kann man sagen dass wir schon viel näher an unserem Ziel stehen. Wenn die USA untergeht, dann wird auch der Rest Amerikas schnell nachgeben. Wir fangen von der Spitze an und das an sich ist eine Meisterleistung. Aber wenn wir die Spitze erobern wird der Rest des Berges einfach wie ein Kartenhaus in sich zusammen stürzen. Die USA ist die Säule auf der Amerika steht und wenn sie weg ist, ist es vorbei. Wir haben gewonnen."
„Das wird auch ernste Folgen auf Europa haben," fährt er fort, wobei ihn die Todesser wie gebannt anschauen. Der deutsche Minister hat vergessen, dass er sein volles Glas in der Hand hält und nicht trinkt. „Zweifelsohne werden auch manche Länder Europas gleich dem Beispiel Amerikas folgen. Vielleicht werden wir einen ernsten Kampf haben, aber unser Sieg wird den Rest der Welt beeinflussen."
„Nichtsdestotrotz möchte ich eine Novität einführen, welche uns weiterhelfen wird. Ich werde ein paar Vertreter des Ordens in jene Teile der Welt, wo wir nur wenige Todesser haben, schicken. Ihre Aufgabe wird natürlich den Orden und dessen Ideale zu vertreten sein aber auch Informationen über das Land und dessen Bewohner zu sammeln, mit Todessern dort zu reden und langsam den Boden für entweder einen Putsch oder einen direkten Angriff vorzubereiten. Es kann auch sein, dass der dunkle Orden alleine aufgrund der gesammelten Informationen in der Lage sein wird, ohne einen Konflikt das Land einzunehmen aber deswegen schicke ich meine Vertreter dorthin um ja die Lage einzuschätzen. Dies ist keine Aufgabe, die leicht genommen werden soll, weil die Vertreter keinen Schutz haben, sich auf die wenigen Todesser dort verlassen und im Allgemeinen im Geheimen arbeiten müssen, sowie es früher der Fall war, als es noch kein dunkles Imperium gab."
„Natürlich ist euch klar, dass ihr die besten Kandidaten für den Job seid," sagt er, in die Runde blickend. Die Mehrheit der Minister versucht nicht nervös auszusehen. „Obwohl ihr nicht die einzigen Kandidaten seid. In der Zwischenzeit soll der Rest des dunklen Ordens an meinen Plänen für die USA weiter arbeiten, was momentan unsere Priorität Nummer eins ist."
„Seti, hast du vielleicht einen Vorschlag, mit welchem Land wir anfangen könnten?" fragt er mich.
Die Blicke der Todesser werden gleich auf mich fixiert und ich erinnere mich an das Gefühl der Nervosität das mich in solchen Situationen immer begleitet hat, aber in diesem Moment spüre ich keinerlei Zweifel.
„Neuseeland und Australien, mein Meister," antworte ich gleich.
Der dunkle Lord nickt langsam und nimmt einen langen Zug von seiner Zigarre.
„Na gut," sagt er, sich wieder den Todessern zuwendend. „Wir fangen mit diesen Ländern an."
Die Todesser widerstehen den Drang, auf ihren Stühlen nervös hin und her zu rutschen als der Blick des dunklen Lords über den Tisch schweift.
„Lucius," sagt er schließlich.
Der blonde Zauberer zuckt beinahe sichtbar zusammen und hebt den Blick.
„Wedigo," sagt er weiter. „Und Barty. Ich werde ihn davon benachrichtigen. Eure Arbeit wird eine Person, welcher ihr vertraut, übernehmen und in eurer Abwesenheit als euer Stellvertreter tätig sein. Wir werden uns morgen um achtzehn Uhr treffen, um die Einzelheiten zu besprechen."
Es ist ganz offensichtlich, warum er Lucius ausgewählt hat. Er ist gerade der Typ, der den reinblütigen Fanatikern gefallen würde. Zudem ist er ein guter Schwarzmagier, ist weltweit berühmt und weiß, was man sagen soll und in welchem Moment. Und ich denke dass ihm diese Aufgabe besser gefällt als im Ministerium zu hocken und Berichte zu schreiben. Die Augen des deutschen Ministers wiederum, als er seinen Namen gehört hat, haben geglitzert. Er kann Englisch sehr gut, ist vielleicht kein reinblütiger Zauberer was auch den anderen nicht reinblütigen Zauberern und Hexen gefallen wird, und hat schnelle Lösungen für Probleme. Falls Lucius etwas viel zu lange hinauszögern wird, wird er Zustände kriegen und die Sache beschleunigen. Barty Crouch wiederum ist ein guter Taktiker und Kämpfer, falls es dazu kommt. Alles in allem, ein gutes Team. Falls sich die Mitglieder dieses Teams nicht gegenseitig totschlagen, was unter den Todessern immer in Betracht gezogen werden muss.
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„Wie geht es dir?" frage ich Draco, den ich heute nach einer langen Zeit wieder sehe.
Er sieht mager aus und hat dunkle Ringe unter den Augen, ist aber gepflegt wie immer. Er riecht nach drei verschiedenen Düften und seine Frisur sieht so aus, als könne sie die Kräfte mit einem Tornado messen. Aber ich kenne ihn. Unter dieser Fassade steckt ein sehr müder Zauberer.
„Mir geht es gut," sagt er, an seinem Erdbeersaft nippend.
Ein Nachteil seiner Berufung ist dass man genau weiß, was einem guttut und was nicht. Glücklicherweise weiß ich nicht viel über die Heilkunst sonst würde ich mir den Kopf mit allerlei Sachen zerbrechen. Ich kenne mich. Wenn ich schon etwas über etwas weiß, werde ich dieses Wissen anwenden.
„Das würdest du auch sagen wenn dir ein Bein fehlen würde," sage ich zu ihm. „In dieser Hinsicht ähnelst du Erebus."
Draco lächelt flüchtig und schaut auf sein Getränk hinunter. Mir fällt auf, dass seine Nägel makellos sind. Wie immer.
„Du solltest mich fragen, wie es meinen Patienten geht, denn so geht es auch mir," sagt er.
Ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe. Höre ich da einen Hauch von Wut?
Ich nehme noch einen Schluck meines Rotweins.
„Komm, gehen wir spazieren. Ich muss etwas mit dir besprechen," sage ich laut genug dass die Todesser, welche im Salon herumsitzen, reden und trinken, mich hören können. Dass mich Erebus gehört hat ist selbstverständlich. Auch wenn ich nicht möchte, dass er davon Bescheid weiß, ist es unvermeidlich. Hoffentlich ist er zu beschäftigt um uns zu folgen.
Draco begleitet mich etwas mürrisch in den Garten. Wir sollten nicht über unsere Probleme und unser Privatleben vor den Todessern reden aber Draco weiß ganz genau dass ich mit ihm nicht über irgendwelche Aufgabe reden möchte.
Als wir an Blaises Schlangenbrunnen vorbeigehen schnaubt er und schaut zu mir.
„Ich weiß, du möchtest eine echte Antwort auf die Frage wie es mir geht," sagt er etwas genervt. „Und die Antwort lautet: ich weiß es nicht."
„Hattest du zu viel Arbeit während wir fort waren?" versuche ich.
„Ja aber ich habe es wirklich genossen," sagt Draco. „Wirklich," fügt er hinzu als er meinen skeptischen Blick bemerkt. „Und ich genieße es, Menschen zu heilen. Ich hätte mich nicht für diese Laufbahn entschieden wenn es mir nicht gefallen hätte. Aber..."
Er schaut zum dunklen Himmel hoch und atmet tief durch.
„Es ist einfach zu viel," murmelt er. „Ich kann nur an ein Rad denken, das sich unablässig dreht, ohne Pausen, Tag und Nacht."
Ich kenne Draco schon gut genug dass ich auch durch seine Rätsel hindurch sehen kann und seufze.
„Du brauchst Urlaub," sage ich. „Du hast nach der Schlacht in den Alpen hunderte Todesser gerettet und geheilt. Und danach hast du einfach weitergemacht. Vielleicht kann der dunkle Lord es so tun, du aber nicht. Ich auch nicht. Aber ich habe mich in den USA entspannt. Es war wirklich ereignisreich."
Draco schüttelt den Kopf.
„Er wird mir nie erlauben, das Hauptquartier zu verlassen," sagt Draco. „Und außerdem bin ich nicht müde. Ich habe meine Arbeit nicht satt. Ich liebe meine Arbeit. Aber vielleicht brauche ich eine Veränderung. Ich habe mich dabei ertappt wie ich versuche etwas an meinem Alltag zu ändern weil mich die Routine erstickt. Ich tue diese Sachen unbewusst. Aber als mir klar geworden ist, was ich da tue, habe ich darüber ernst nachgedacht."
„Vielleicht könntest du einen Ausflug mit ihm machen, sowie ich einen mit Laetitia gemacht habe," schlage ich vor. „Das hat wirklich Spaß gemacht. Es war natürlich nicht lange, nur ein Wochenende. Aber wir waren alleine und haben den ganzen Tag zusammen verbracht, über Sachen geredet, einfach die Gesellschaft der anderen genossen. Vielleicht solltest du Erebus so was vorschlagen."
Draco lacht – und mir gefällt die Bitterkeit in seiner Stimme nicht.
„Erebus soll einen Ausflug mit mir machen?" fragt er rhetorisch. „Sei nicht lächerlich. Wenn es nicht um die Arbeit geht, dann geht er nirgendwohin."
„Aber es hätte auch um die Arbeit gehen können," sage ich. „Du könntest einen Ort vorschlagen, der ihm gefällt. Wir drei haben oft Ausflüge gemacht und haben gearbeitet. Rituale gemacht, geredet, geübt. Und doch waren wir nicht im Hauptquartier. Du brauchst einen Tapetenwechsel. Das hilft immer."
Sogar als ich ihm das gesagt habe, habe ich mich schuldig gefühlt. Denn während wir drei Ausflüge gemacht haben, hockte der arme Draco im Hauptquartier und erledigte seine Arbeit. Kein Wunder, dass er am Ende seiner Kräfte ist. Und mit dem ankommenden Angriff auf Amerika stehen seine Chancen für eine Pause sehr schlecht.
„Wenn du irgendwelche Vorschläge hast, jetzt ist eine gute Zeit dafür," murmelt er.
Wir haben eine der Gartenlauben erreicht und gehen rein.
„Ich bin eine wirklich komische Mischung," sagt er als er sich setzt. „Ich beschäftige mich mit der Heilung, was eine hellmagische Kunst ist. Und zugleich bin ich ein Schwarzmagier. Erebus hat mir schon früh genug gesagt, dass einem Schwarzmagier die Veränderungen natürlich vorkommen. Das ist sehr wahr. Vielleicht bevorzuge ich manchmal die Sicherheit und die Ruhe des Alltags aber irgendwann wird es auch für mich zu viel."
„Du bist einzigartig," sage ich zu ihm. „Du musst nur herausfinden, wie du funktionierst, dich selbst besser kennenlernen. Und ich denke dass du keine Zeit dafür hast weil du ja den ganzen Tag lang Menschen heilst und deinen Pflichten nachkommst."
Er schaut mich seltsam an. In seinem Blick sehe ich Vorwurf und Bitterkeit und mein Magen verkrampft sich. Draco ist immer da, wie ein Stern der unabhängig von der Jahreszeit immer im Himmel zu sehen ist. Aber dieser Stern ist menschlich und kann diese Kontinuität nicht ertragen.
Und all diese Zeit treibe ich mich mit Erebus herum und er unterrichtet mich. Draco erkennt in meinen Worten die Lehre seines Mannes und fühlt sich wahrscheinlich als rede er mit ihm. Ich kann nicht die Weise ändern, auf die Erebus ihn und mich behandelt aber ich wünsche mir, er würde einsehen, dass auch Draco seine Bedürfnisse hat und dass er vielleicht weniger braucht, um zusammenzubrechen.
Es ist sehr leicht, sich an jemanden zu gewöhnen und diese Person als etwas anzunehmen, was immer da sein wird. Man bemerkt nur dass sie nicht mehr da ist, wenn sie weg ist. Ich möchte nicht Erebus, seine Beziehung mit seinem Mann oder wie er ihn behandelt kritisieren. Das ist nicht meine Sache. Aber ich kann versuchen, Draco mit Ratschlägen zu helfen. Als eine Freundin, die ihn sehr gerne hat.
Die silbernen Augen schauen mich etwas vorsichtig an und ich weiß dass er mir nie direkt sagen wird, dass er sich wünscht, er wäre ich, die Person, mit der sein Mann so viel Zeit verbringt. Vielleicht ist es für Erebus logisch, dass dem so ist und vielleicht würde es auch Draco logisch sein, wenn er an die Sache objektiv herangehen würde. Aber er liebt ihn. Er möchte in seiner Nähe sein und er möchte Zeit mit ihm verbringen. Und Erebus ist momentan mit seinen Plänen für die USA beschäftigt. Aber immer wird es einen Angriffplan geben, der ihn beschäftigen wird. Er wird immer an etwas arbeiten. Das ist Erebus. Und wenn ich besser darüber nachdenke, das bin auch ich.
Ich denke darüber nach, wie oft ich lieber zu Erebus und zu Lord Voldemort ging statt zu meiner Freundin und senke den Kopf. Laetitia erträgt es und beklagt sich nicht mehr. Sie arbeitet mit Draco zusammen, trifft sich mit ihren Freundinnen, geht meine und ihre Eltern besuchen und scheint ihr eigenes Leben zu führen, was richtig ist. Als sie einsah dass sie einfach nicht von mir erwarten kann, dass ich immer Zeit für sie habe und dass ich immer da bin, hat sie Beschäftigungen für sich gefunden und freut sich wenn ich doch für sie Zeit habe. Aber die Frage, ob sie es mir übel nimmt, bleibt offen. Es ist etwas, worüber wir in letzter Zeit überhaupt nicht gesprochen haben. Vielleicht bin ich diejenige, welche dieses Thema nicht anschneiden will, weil ich Angst vor der Wahrheit habe.
„Es ist nicht dass wir nicht Zeit miteinander verbringen," platzt es aus Draco heraus.
Mir fällt dabei ein Ring auf, den er früher nicht getragen hat. Er hat ein weiß-graues Auge und in den Tiefen dieses Auges sehe ich ein kleines Blättchen, das irgendwie in den Stein eingebaut worden ist. Wunderschön. Woher hat er diesen Ring?
„Das hat er mir zum Beispiel aus Amerika gebracht," sagt er als er meinen Blick bemerkt, mir den Ring zeigend. „Er denkt an mich. Er zeigt es auf seine typische Weise. Und ich habe nichts gegen seine Arbeitsgewohnheiten, ganz in Gegenteil. Ich unterstütze ihn darin. Ich versuche ihm zu helfen wie ich kann. Ich wusste, wer er war als ich ihn geheiratet habe. Ich wusste worauf ich mich eingelassen habe. Es hat nichts mit Erebus an sich zu tun, sondern eher mit mir."
„Würdest du dann vielleicht einen Ausflug mit Laetitia machen?" frage ich ihn. „Ich weiß, dass es sie freuen würde."
Sein Ausdruck erhellt sich.
„Ich habe deine Freundin wirklich gerne," sagt er lächelnd. „Und das wäre sehr schön. Wir würden viel Spaß haben. Aber ich denke nicht, dass Erebus es billigen würde. Er macht sich Sorgen um mich und auch das kann ich verstehen. Aber ich wünsche mir, er würde mir mal vertrauen und mich nicht wie ein Kind behandeln, das seinen Schutz braucht. Es schmeichelt mir, dass er sich so viele Sorgen um mich macht. Deswegen verbietet er mir das Imperium zu verlassen und verlangt dass ich immer von Bodyguards begleitet bin. Es ist süß."
Er lächelt als er an ihn denkt und sowie immer wenn er über Erebus redet merkt man die Liebe und die Bewunderung in seiner Stimme.
„Wäre ich eine Frau, würde ich denken, dass ich meine Tage bekomme," sagt er und ich lache. „Vielleicht ist es nur eine Phase. Du musst dir keine Sorgen darum machen."
„Aber wenn ich helfen kann, das werde ich," sage ich. „Ich werde mit Laetitia reden. Ich kann ihm nicht vorschlagen..."
In diesem Moment erscheint der dunkle Lord vor der Gartenlaube und ich verstumme. Es gibt einen unangenehmen Ausdruck in seinem weißen Gesicht und Draco wird blass und schluckt, als hätte man ihn bei etwas ertappt. Ich hoffe, dass ihn Erebus nicht weiter misshandelt und tatsächlich habe ich keine Anzeichen davon bemerkt. Manchmal ist er grob zu ihm aber ich hoffe dass es nichts Ernsteres ist. Aber trotzdem sieht man Draco Angst im Gesicht wenn er plötzlich so auftaucht und wenn Draco über ihn mit mir redet, als sei er ein Kind das seine Eltern beim Rauchen im Garten ertappt haben. Schuldig, steht ihm auf der Stirn geschrieben, auch wenn er weiß, dass er sich nicht schuldig fühlen soll.
„Was kannst du ihm nicht vorschlagen?" fragt der dunkle Lord mit einer kalten Stimme. Sogar ich fühle mich nervös.
„Es ist nichts, Erebus," sagt Draco eilig. „Seti hat nichts getan. Ich wollte mit ihr über etwas reden."
„Worüber?" fragt er, die Stufen in die Gartenlaube empor steigend.
Draco scheint hin und her gerissen. Er kann ihn nicht anlügen denn Erebus würde es wissen. Er muss ihm die Wahrheit sagen. Andererseits wenn sich Draco schon seit einer Weile so fühlt würde er auch etwas darüber wissen.
„Ich habe vorgeschlagen, dass Draco und Laetitia zusammen einen Ausflug machen, Meister," melde ich mich zu Wort. Draco wirft mir einen 'bitte nimm nicht die Schuld' Blick zu, aber ich reagiere nicht. „Er arbeitet zu viel und braucht eine Pause. Er muss sich vor dem Angriff auf die USA ausruhen denn sicherlich wird er danach viel Arbeit haben. Es wird Verletzten geben. Laetitia arbeitet den ganzen Tag lang im Labor und braucht auch eine Pause. Vielleicht könnten die beiden auf die Farm von Laetitias Eltern gehen?"
Dracos Augen glitzern. Ja, ich wusste, dass er so was interessant finden würde. Abraxaner und eine Menge andere Tiere, die Natur, Französisch. Ein Ort, wo er einfach Draco und nicht der Stellvertreter des dunklen Lords sein kann.
„Ich schätze es, dass du dir Sorgen um Draco machst, aber es ist nicht notwendig," sagt der dunkle Lord kalt. „Ich werde darüber entscheiden. Komm, Draco."
Er dreht sich um und verlässt die Gartenlaube und Draco steht schnell auf, ihm gehorsam folgend. Manchmal habe ich den Eindruck dass Erebus nur pfeifen muss sodass Draco zu ihm geht.
„Geh zurück zu den Ministern," befiehlt mir der dunkle Lord als er Draco grob am Ellbogen packt und mit ihm disappariert. Eine Sekunde früher habe ich Dracos Ausdruck bemerkt. Er sah geschlagen aus. Ich seufze, stehe auf und gehe alleine zurück zum Schloss. Hoffentlich wird er ihm nichts antun. Es tut weh meinem Freund nicht helfen zu können aber ich weiß dass ich mich nicht einmischen soll. Denn Erebus ist nicht nur der Mann meines Freundes sondern auch mein Chef. Mein Meister.
Ich trete wütend gegen einen Stein und fluche. Ich hasse es, Draco nicht helfen zu können.
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Am nächsten Tag spaziere ich mit Laetitia im inneren Hof. Ich habe noch eine Stunde bevor ich zu dem dunklen Lord gehen muss. Ich habe Draco seit gestern nicht gesehen und ich hoffe, dass alles in Ordnung ist.
Laetitia war begeistert als ich ihr einen Spaziergang vorgeschlagen habe und sie wollte sehen, wie viel die Pflanzen in den neuen Treibhäusern gewachsen sind. Wir folgen dem mit Kopfsteinen gepflasterten Pfad zu den Treibhäusern und die warme Luft da drin schlägt mir entgegen als Laetitia die Tür aufreißt und reingeht. Sie schaut sich begeistert um und hüpft von einer Pflanze zu der anderen und begutachtet ihre Blätter und ihre Blumen. Ich wiederum für einmal habe keine Lust auf Pflanzen und bemerke sie auch nicht. Gedankenverloren folge ich ihr langsam als sie durch das Treibhaus schlendert, in dem nur die Pflanzen welche viel Feuchtigkeit und Wärme brauchen, wachsen.
Sie sieht glücklich aus. Ich versuche festzustellen, ob sich meine Freundin noch immer vernachlässigt fühlt und ob sie etwas braucht. Vielleicht habe ich letztes Mal etwas übertrieben. Sie ist zusammen mit Draco geflohen und sie sind ohne seine Begleitung in Paris spaziert und haben ein paar Sachen gekauft. Sie hat mir ein schönes Top mit einem Eulenmuster, welche Brillen tragen, gekauft und ich war davon begeistert. Aber als ich erfahren habe, dass Draco ohne Begleitung mit ihr unterwegs war, hielt ich sie für verantwortlich. Ich habe sie angebrüllt. Ihr gesagt, sie kann sich als Glückspilz betrachten, dass nichts passiert ist sonst hätte der dunkle Lord ihren Kopf auf einem Tablett verlangt. Aber das war typisch Laetitia. Sie bekommt eine Idee und sie geht. Wie ein Schmetterling, welcher von dem Wind von einer Blume zu der anderen getragen wird, flattert sie weg und kommt wieder zurück wenn sie mit ihrem Ausflug fertig ist. Sie denkt über die Folgen nicht nach. Vielleicht habe ich es übertrieben. Vielleicht habe ich ihr Sachen gesagt, die sie nicht verdient hat. Aber ich war so wütend auf sie weil ich mir eigentlich Sorgen um sie gemacht habe. Natürlich auch um Draco. Aber dass sie nur so in Zauberparis auftaucht und beginnt zu shoppen, wie nur noch eine Hexe, das konnte ich ihr nicht vergeben. Natürlich gibt es in Zauberparis in jeder Ecke Todesser, die ihr gleich helfen würden, falls etwas passiert, aber jeder konnte Laetitia und Draco erkennen und sie entführen. Ihnen etwas antun. Ihr wehtun... Beim bloßen Gedanken spüre ich kochendheiße Wut und bekomme den Drang, gegen etwas zu treten.
(„Schatz,") höre ich ihre Stimme.
Die Realität schlägt mir mit voller Wucht entgegen als ich ihre stahlblauen Augen vor mir sehe, welche mich besorgt anschauen.
Götter, ich würde wirklich dumme Sachen tun um diese Augen glücklich zu sehen...
(„Geht es dir gut?") fragt sie. („Möchtest du, dass wir zurück gehen?")
(„Nein, nein,") sage ich abwinkend. („Gehen wir weiter. Ich möchte die Kaktusse sehen.")
Das habe ich mir auf der Stelle ausgedacht aber Laetitia kauft es mir nicht ab. Sie kennt mich zu gut.
(„Was ist los?") fragt sie mich, zärtlich meine Schulter reibend.
Zwei Todesser, welche sich um die Pflanzen kümmern, kommen an uns vorbei und verbeugen sich.
„Guten Abend, meine Prinzessin," sagt einer. Ich nicke ihm nur zu und sobald sie weg sind, greife ich Laetitias Hand und ziehe sie aus dem Treibhaus heraus und direkt zu einer Bank.
Laetitia setzt sich und schaut schweigend zu wie ich mit meinem Stab wedele und einen Antibelauschzauber ausführe.
(„Hast du heute mit Draco gesprochen?") frage ich meinen Engel.
(„Nein, er war nicht im Labor,") sagt sie achselzuckend. („Er hat einen Zettel mit Anweisungen auf den Kessel geklebt. Sagte, er müsse sich um ein paar Patienten kümmern. Ist was passiert?")
(„Nein,") sage ich gleich. („Sag mal, hast du bemerkt, dass er sich seltsam benimmt? Dass er geistesabwesend ist? Dass er untypisch ernst ist?")
(„Nun...") Sie denkt darüber nach. („Ja. Aber ich habe nur gedacht, dass er sich Sorgen um einen Patienten macht. Draco ist eine sehr empathische Person.") Sie lächelt flüchtig. („Du hattest Recht. Ich lerne eine Menge von ihm und die Arbeit im Labor macht Spaß.") Sie hebt den Blick und wird wieder besorgt. („Sagst du mir endlich, was los ist?")
Ich erzähle ich ihr schnell, manche Details ausfallen lassend, über das Gespräch das ich und Draco geführt haben und wie ihn der dunkle Lord weggezogen hat. Wie vorausgesehen werden Laetitias Augen nass.
(„Der arme Draco,") flüstert sie. („Ich weiß nicht, wie er es schafft. Er ist so selbstlos und ist immer bereit, zu helfen. Und der dunkle Lord...") Sie schaudert. („Er jagt mir Angst ein. Ich kann mir nicht vorstellen wie es wäre, mit solch einer Person zusammen zu sein.")
In diesem Moment stelle ich mir die seltsamste Frage auf der Welt. Wenn der dunkle Lord allen Angst einjagt, soll ich es auch tun? Wie kommt es, dass Menschen keine Angst vor mir haben? Ist das etwas Positives oder nicht? Soll ich etwa nicht, als dunkle Prinzessin, auch Menschen Angst einjagen?
Kann man jemandem gehorchen und jemanden respektieren, ohne ihn zu fürchten?
(„Aber du kannst dem dunklen Lord sagen, dass meine Eltern begeistert wären,") sagt Laetitia und greift nach meiner Hand. („Sie werden alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen treffen und wir würden die Farm nicht verlassen. Dort wären wir sicher. Und es würde mich sehr freuen, dort ein paar Tage mit Draco zu verbringen. Ich wette, die Abraxaner würden ihm sehr gefallen.")
Sogar jetzt beginnt sie das Ganze zu planen und ich rümpfe die Nase. Ich bin mir nicht sicher, dass es je passiert. Natürlich würde ich Laetitia gleich erlauben, so was zu tun. Sie besucht ihre Eltern sowieso – warum soll sie Draco nicht mitnehmen? Aber wahrscheinlich das, was den dunklen Lord am meisten nervt, ist die bloße Vorstellung dass man hinter seinem Rücken etwas plant. So was treibt ihn in den Wahnsinn. Er möchte alles über alles wissen.
(„Schau, der Mond hat sich endlich gezeigt,") sagt sie, ihre Finger um meine wickelnd und ihren Kopf auf meine Schulter legend. Sie lächelt. („Es ist eine wunderschöne Nacht.")
Wir sitzen im Stillen und schauen hoch zum Mond, ihr Kopf auf meiner Schulter, unsere Hände auf meinem Schenkel. Ich kann mir das Leben ohne Laetitia nicht vorstellen. Ja, wir hatten Auseinandersetzungen und unsere Beziehung war nie perfekt. Aber sie unterscheidet sich sehr von der Ehe zwischen Erebus und Draco. Ich könnte Laetitia Befehle geben aber das möchte ich nicht. Nur einmal habe ich ihr einen Befehl gegeben – dass sie ab jetzt überallhin von Bodyguards begleitet werden soll. Wobei der dunkle Lord Draco ständig Befehle gibt. Ist das eine Beziehung? Und doch als ich sie in jener Nacht zusammen im Gras unter unserem Fenster gesehen habe, splitternackt, ein Haufen der Beine und der Arme, ein Feuerwerk der Leidenschaft, ist mir klar geworden, dass ihre Beziehung vielleicht anders ist, aber sehr tief geht. Es gibt sicherlich Sachen, von denen mir Draco nichts erzählt. Ich kann nicht alles über ihre Beziehung wissen aber sie funktioniert. So seltsam wie sie schon ist, funktioniert sie jahrelang.
(„Beantworte eine Frage für mich,") sage ich zu ihr. („Hast du Angst vor mir?")
Sie hebt den Kopf und schaut mich verwundert an.
(„Warum würdest du mich so etwas fragen?") fragt sie. („Möchtest du, dass ich Angst vor dir habe?")
(„Nein, nein,") sage ich sanft, über ihr Haar fahrend. („Ich frage mich nur, wie das geht. Ich bekleide jetzt das Amt des Prinzen. Ich habe seinen Platz eingenommen. Und Menschen hatten immer Angst vor ihm. Man merkt, dass man in seiner Gegenwart darauf achtet, wie man sich benimmt und was man sagt. Sogar Draco tut das. Du tust es.")
(„Na ja, es gibt etwas in seinen Augen was Menschen Angst einjagt,") flüstert Laetitia, einen verstohlenen Blick über meine Schulter werfend um sich wahrscheinlich zu vergewissern, dass der dunkle Lord nicht in der Nähe ist. („Bei ihm weiß man nie wo man steht. Er kann ruhig sprechen und gelassen dasitzen und dann in einem Moment ist die Hölle los. Er springt auf die Füße und beginnt alle zu verhexen.")
(„Ich bestrafe auch Menschen,") sage ich. („Und ich benutze die gleichen Flüche wie er. Ich kann auch ausflippen. Aber ich habe nicht bemerkt, dass man vor mir Angst hat. Die Todesser, die an uns vorbeigekommen sind, zum Beispiel. Sie haben mich mit Respekt begrüßt aber ohne Angst.")
(„Ja, Schatz, aber der dunkle Lord hat eben diese Wirkung auf Menschen,") sagt Laetitia. („Ich weiß nicht warum. Bist du denn besorgt, ob du deinen Pflichten gut nachkommst? Aber natürlich. Du bist im Orden sehr respektiert. Sicherlich weißt du das.")
Ich senke den Blick und denke darüber nach. Sollen Leute vor mir Angst haben? Wie kommt es, dass ich erst jetzt darüber nachdenke?
Ist es wegen seines Paktes mit Memphisto? Ich habe auch einen dämonischen Begleiter. Ich foltere auch Menschen wenn sie ungehorsam sind. Ich kämpfe auch und habe schon viele im Einsatz getötet. Was hat der dunkle Lord was ich nicht habe?
(„Denkst du, ich solle ihn suchen gehen?") fragt Laetitia leise. Sie meint Draco natürlich. („Unter dem Vorwand dass ich nicht weiß, was ich morgen im Labor tun soll?")
(„Unter gar keinem Fall,") sage ich zu ihr. („Das ist ihre Sache. Wir sollten uns nicht einmischen, auch wenn wir um Draco besorgt sind. Und außerdem muss ich mich heute mit dem dunklen Lord treffen.")
Ich schaue auf meine Uhr.
(„Ich soll auch bald gehen,") sage ich zu ihr.
Laetitia steht schnell auf. Das letzte, was sie möchte, ist dass ich zu spät komme und dass mich der jetzt saure dunkle Lord mit einem Crucio belegt.
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Wie schafft er das, geht mir durch den Kopf während der dunkle Lord weiter redet?
Lucius, Wedigo und Barty hören ihm todernst zu. Dass Wedigo Notizen macht, das wundert keinen. Aber hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass ich heute Lucius mit einem kleinen Ledernotizbuch in seinem Schoß sehen würde wie er sich Notizen wie ein guter Schüler macht, hätte ich mich krumm gelacht.
Ich denke über Laetitias Worte nach, als ich jede von Erebus' Bewegung studiere. Laetitia hat gesagt, es gebe etwas in seinen Augen, was einem Angst einjagt. Jetzt aber sitze ich auf seiner linken Seite und kann nicht in seine Augen schauen. Ich überprüfe meine Gefühle. Habe ich in diesem Moment Angst vor ihm? Nicht wirklich. Ich bin vorsichtig, ja, aber ich bin immer vorsichtig wenn ich mit Todessern oder mit Erebus rede. Vielleicht ist dem so weil er mein Lehrer ist? Weil er Sachen mit mir teilt und weil ich ihn ja besser als die anderen Todesser kenne? Laetitia sieht ihn durch die Augen einer Todesserin die nur jenes Gesicht von ihm sieht, das er der Öffentlichkeit zeigt. Ich habe auch das andere Gesicht von ihm gesehen. Aber wie erklärt man die Tatsache, dass sogar Draco Schiss vor ihm hat? Weil er ihn misshandelt hat? Natürlich prägt sich so was in die Erinnerung von einem für immer ein und kann nicht wie durch einen Zauber gelöscht werden. Ist das der Grund, warum er ihn fürchtet?
Ich hasse es, wenn mir solch eine Frage stelle welche mich danach tagelang plagt. Ich bekomme keine Ruhe bis ich die Antwort finde. So geht es bei mir.
Ich schaue erst auf als die Todesser aufstehen, sich verbeugen und gehen. Erebus schaut mich nicht an, sondern schlägt die Beine übereinander und lehnt sich zurück.
„Wieder in einer philosophischen Laune, Seti?" fragt der dunkle Lord.
Ich bin gar nicht überrascht, dass er weiß worüber ich nachdenke. Ich denke darüber nach seit ich mich mit Laetitia getroffen habe und seit dem arbeitet mein Gehirn wie eine Lokomotive.
„Ich habe eine Übung für dich, mein Lehrling," sagt er ruhig.
Ich ziehe mein Notizbuch und meinen Kugelschreiber wortlos hervor und schreibe das heutige Datum auf dem obersten Teil der leeren Seite.
Ohne mich anzuschauen, ins Leere starrend und rauchend, redet er weiter.
„Ich möchte dass du in einem abgedunkelten Zimmer eine einzige Kerze anzündest, einen Spiegel auf den Tisch stellst und dann dein Spiegelbild anschaust. Die Fragen, auf die du dich konzentrieren sollst, sind die folgenden: Wer bin ich? Was jagt mir Angst ein? Was möchte ich? Du sollst alles aufschreiben, was dir einfällt. Gibt es Fragen?"
„Wie lange soll ich das tun, Meister?" frage ich dumpf.
„Bis du spürst, dass du all die Antworten bekommen hast, welche du bekommen konntest," antwortet er.
„Dann habe ich keine Fragen mehr," sage ich und schließe mein Notizbuch.
„Gut," sagt er. Er dreht sich mir zu und ich schlucke. Laetitia hatte Recht. Es gibt etwas in seinen Augen, was unheimlich ist. Was ist es?
„Deswegen habe ich dir diese Übung gegeben," sagt er ruhig, meine Frage beantwortend, die ich ihm jedoch nicht laut gestellt habe.
„Nachdem du mit dieser Übung fertig bist, werden wir darüber reden," fährt er fort. „Wir werden auch manche deiner Ängste inszenieren können. Natürlich könnten wir für diesen Zweck einen Irrwicht benutzen aber die Resultate wären nicht so präzise. Der Kopf eines Menschen kann ein sehr verwirrender Ort sein und deine Ängste müssen nichts Materielles sein oder etwas, was dargestellt werden kann. Es kann sich um ein Gefühl oder einen Endruck handeln. Um etwas Abstraktes."
Es ergibt einen Sinn.
„Ich schätze es, dass du dir Sorgen um Draco machst," spricht er endlich über das, was mir auch im Kopf ist. „Und ich bin auch der Meinung, dass es für die beiden gut ist, dass sie Freunde geworden sind. Aber du sollst keine Pläne für Draco machen. Ich tue das."
„Bei allem Respekt, Meister," höre ich mich selbst wütend sagen, „ich möchte das beste für Draco, wie Ihr. Ich möchte mich nicht einmischen und auch keine Entscheidungen statt Euch treffen, aber ich kann Vorschläge machen, nicht als dunkle Prinzessin, sondern als Dracos beste Freundin und eine Person, die ihn gerne hat. Und ich bin der Meinung, dass Draco eine Pause braucht. Er ist ein Schwarzmagier und ihn erstickt die Routine. Er arbeitet seit Jahren in diesem Tempo. Und wenn er nicht eine Pause macht, wird es ihn umbringen. Ich denke dass die Farm von Laetitias Eltern ein sicherer Ort ist wo er sich entspannen kann. Und das ist mein Vorschlag. Macht damit was auch immer Ihr wollt."
Die Augen des dunklen Lords blitzen auf und ich beiße mir die Lippen. Jetzt wird er ausrasten und mich mit Crucio belegen.
„Sehr gut, Seti," sagt er stattdessen mit einer Stimme, die leicht vor Wut zittert. „Widerspreche mir."
Ich schaue ihn verwundert an. Soll das etwa noch eine Lektion sein?
„Ich akzeptiere deinen Vorschlag und werde darüber nachdenken," sagt er aufstehend. „Jetzt darfst du gehen."
Obwohl ich es nicht jedes Mal tue wenn wir uns treffen, denn so was wäre lästig und auf Dauer sinnlos, halte ich bei ihm inne und blicke lang und prüfend in seine grünen Augen, welche mich wortlos anschauen. Langsam nehme ich seine linke Hand und küsse sie. Soll das eine Botschaft für ihn sein, die lauter als Worte spricht. Ich respektiere dich und würde dir bis zum Ende der Welt folgen. Aber ich werde meine Meinung äußern, unabhängig davon, was du davon hältst.
Er neigt den Kopf zur Seite und nickt. Ich warte aber nicht ab, dass er etwas sagt, sondern verlasse seine Gemächer. Als ich die Tür hinter mir schließe wird mir auf einmal klar, dass mein Herz rast.
Ja, ich habe Angst vor ihm, die ich nicht rational erklären kann.
