Freitag, 25.12.1992

An diesem Tag diskutierte die Familie Weasley sehr lange darüber, auf welche Schule Ginny gehen könnte. Die morgendliche Bescherung war ein eher mechanischer Ablauf mit den üblichen Wollpullovern, die Molly Weasley gestrickt hatte. Ginnys war dunkelblau, was ihr den Neid von Ron einbrachte, dessen Pulli wie immer in dem von ihm so verhassten kastanienbraun war.

Charly und Bill hielten sich in der Diskussion eher im Hintergrund. Hin und wieder warfen sie sich augenrollende Blicke zu und seufzten. Der einzige Vorteil, so dachte Bill im Stillen, war, dass er ausnahmsweise mal nicht von seiner Mutter dazu ermahnt wurde seine Haare zu schneiden, und seinen Drachenzahn-Ohrring abzulegen.

Zum x-ten male gingen sie nun die möglichen Alternativen durch.

Durmstrang? Kam gar nicht Frage, dort wurde dunkle Magie sogar unterrichtet.

Beauxbatons? Eine englische Schülerin allein unter Franzosen kam ebenfalls für Molly nicht in Frage. („Die Jungen dort sind viel zu aufdringlich!") Und es war zu teuer.

Drachenfels im Harz in Deutschland? Dort wurde wie in Durmstrang dunkle Magie gelehrt- und Magische Duelle als Unterrichtsfach. Dafür waren die Lehrer viel strenger als in Durmstrang- wegen der Duelle. („Duelle? Mein armes kleines Mädchen!")

Auch die übrigen europäischen Schulen hatten dunkle Magie im Stundenplan und die Schulsachen allein konnten sie sich nicht leisten, geschweige denn das Schulgeld.

Das Hexeninstitut von Salem in Amerika? Zu weit weg und ebenfalls zu teuer.

Und die anderen magischen Schulen nahmen keine europäischen Schüler auf- die Beziehungen mit Hogwarts waren nicht die besten, vor allem mit Indien stand es mehr als schlecht, denn sie verehrten Parselmünder und Schlangen- vor allem die als weise geltenden Jahrhunderte alten magischen Schlangen, die teilweise sogar in Muggeltempeln lebten.

(„Das kommt überhaupt nicht in Frage! Meine Ginny verkehrt nicht mit Parselmündern!")

Molly musste irgendwann nach Mitternacht einsehen, dass ein Schulwechsel nicht möglich war. Also wandte sie sich an Dumbledore und fragte ihn, ob ein Hauswechsel machbar sei. Doch Dumbledore erklärte ihr in seiner großväterlichen Art, dass sie nicht die erste Mutter sei, die mit dem Haus ihres Kindes nicht einverstanden sei, und bestimmt auch nicht die letzte sein würde. Aber, so sagte er, wenn der Hut seine Entscheidung einmal getroffen habe, sei daran nicht mehr zu rütteln. Die Magie von Hogwarts sei nicht darauf konzipiert, dass jeder Schüler nach Belieben das Haus wechseln könne. Das Punktesystem konnte sich darauf nicht einstellen, es würden nach einem Wechsel trotzdem dem alten Haus Punkte abgezogen bzw. hinzugefügt werden.

Und schließlich sei es äußerst fraglich, ob die Gryffindors Ginny überhaupt akzeptieren würden, nachdem sie drei Monate lang im Schlangennest zu Hause war.

Ginny war erleichtert. Das hätte ihr noch gefehlt, dass man sie zu den Gryffindors geschickt hätte. Ron würde sie gar nicht mehr aus den Augen lassen und Fred und George würden sie als Testobjekt für ihre Streiche benutzen. Percy- nun ja, er war eben Percy. Hilfe konnte sie von ihm nicht erwarten, nur Vorträge und Ermahnungen.

Für Arthur war dieses Thema abgehakt. Molly war jedoch äußerst schlecht gelaunt. Ginny sprach nicht mehr mit ihr und gab ihrem Vater nur knappe Antworten. Dieser bemerkte gar nicht, dass ihr Blick immer finsterer wurde, wenn er sich darüber ereiferte, wie mit den Muggeln dieser Tage umgegangen wurde. Ginny hingegen konnte es gar nicht fassen, dass es ihm scheinbar egal war, dass ihre Mutter sie fast von der Schule genommen hätte. Die Muggel schienen ihm wichtiger zu sein als seine Familie. Und das als Familienoberhaupt!

Selbst Molly wurde es irgendwann zu bunt. Als Arthur vorschlug, einige Muggel bei ihnen unterzubringen, machte sie ihm laut keifend klar, dass er sich nicht für alles in der Muggelwelt verantwortlich fühlen sollte und er jetzt ohnehin nichts daran ändern konnte. Und außerdem würde ihnen das Ministerium wegen der Geheimhaltung aufs Dach steigen.

Ginny sehnte sich nach der Ruhe im Slytherinkerker.

Samstag, 26.12.1992. Vormittags

Als die Draco, Harry, Andrew und Amanda an diesem Morgen zum Frühstück erschienen, waren sie noch ein wenig müde von ihrem nächtlichen Erlebnis und freuten sich schon auf eine Tasse Tee, welche ihre Lebensgeister erweckten sollte. Kaum hatten sie sich hingesetzt, als die Salontür aufging und Bryan hereinkam. Draco sah auf, und als er Bryan sah, musste er unweigerlich an den peinlichen Zwischenfall denken, den er letzte Nacht zu hören bekommen und an die Pickel, welche er ihm verpasst hatte. Bryan war es anscheinend gelungen, die Pickel wieder loszuwerden, denn es war nichts mehr von ihnen zu sehen.

Hastig schlug Draco sich die Hand vor den Mund, um ein prustendes Gelächter zu unterdrücken, als er sich einen betrunkenen, singenden und tanzenden Bryan vorstellte.

Harry, Amanda und Andrew, die natürlich begriffen, was in Draco vorging, mussten sich ebenfalls mit aller Macht ein Grinsen verkneifen. Zu ihrem Glück bemerkten die Erwachsen nichts, da sie damit beschäftigt waren, Bryan einen guten Morgen zu wünschen.

Dieser setzte sich, und die nun vollständige Tischgemeinschaft konnte das das Frühstück beginnen.

Doch die gemütliche Stille hielt nur so lange an, wie Draco seinen Lachkrampf unterdrücken konnte. Er schaffte es, sich eine Tasse Tee einzugießen und sich ein mit Wintersonnenblütenhonig gefülltes Croissant zu nehmen.

Doch als er seine Teetasse ansetzte, fiel sein Blick auf Bryan, der gerade ein Glas kalten Kürbissaft in wenigen, durstigen Zügen leertrank und schon war es mit Dracos Beherrschung vorbei. Kichernd verschüttete er fast seinen Tee, so dass Narcissa ihn daraufhin stirnrunzelnd ansah. Draco verstand die Warnung, konnte sich aber nicht lange zusammenreißen, da Bryan ihm direkt gegenüber saß. Als Bryan sich Tee eingoss, war es vorbei mit Dracos Selbstbeherrschung und ein prustendes Glucksen brach aus ihm heraus.

„Sag mal, habe ich noch was an der Nase oder was? Was ist los?", fragte Bryan irritiert. Er fürchtete schon, ein paar Pickel übersehen zu haben. Aber der Spiegel hatte ihm doch versichert, dass alle weg waren?

„Nein, deine Nase ist so krumm wie immer. Also keine Sorge.", zog Amanda ihn auf, während sie sich noch eine Tasse Tee eingoss.

„Meine Nase ist nicht krumm! Heiße ich etwa Albus Dumbledore? Also was soll das?", zischte er zurück, mit seiner rechten Hand fast sein Croissant zerquetschend. Heute verstand er keinen Spaß, wenn es um Gesichtsveränderungen ging.

„Die weißen Haare und der Bart wären kein Problem, wenn du Wert darauf legst!", sagte Amanda mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Wage es ja nicht! Sonst verpasse ich dir eine Glatze!", fauchte Bryan seine Cousine an.

„Eine Glatze wäre mir immer noch lieber als weiße Haare!", erwiderte Amanda mit hoch erhobenem Kopf.

Harry brach bei der Vorstellung an eine glatzköpfige Amanda und einen weißhaarigen Bryan in ein schallendes Gelächter aus, was in heftiges Husten überging, als er sich an seinem Croissant verschluckte. Andrew klopfte ihm auf den Rücken, während er verkündete:

„Cool, dann könntet ihr als altes Ehepaar durchgehen, die Falten bekommen wir auch noch hin!", was ihm empörte Blicke von Amanda und Bryan einbrachte und Harrys Husten noch verstärkte. Draco hingegen bemühte sich, dass er sein Croissant nicht wieder ausspuckte vor Lachen, was ihm aber nur halbwegs gelang.

„Kinder, es reicht jetzt. Bitte benehmt euch am Tisch.", mahnte Magnus.

„Das gilt auch für dich, mein Sohn.", fügte Lucius mit strengem Ton und einem Blick auf die Croissantreste auf Dracos Teller hinzu.

Daraufhin sagten die Kinder nichts mehr, konnten sich aber hin und wieder ein Kichern nicht verkneifen, wenn sie zu Bryan hinübersahen.

„Sagt mal, was ist denn so lustig heute Morgen? Habt ihr euch mit zu starken Aufmunterungszaubern belegt oder was ist los?", fragte Linda.

Daraufhin brachen sie erst recht in Gelächter aus. Die Erwachsenen sahen sich irritiert an.

„Sind wohl die Hormone.", murmelte Rose zu den anderen Erwachsenen, während Bryan den Kopf schüttelte über dieses kindische Verhalten.

„Vielleicht solltet ihr euch nach dem Frühstück draußen austoben, wenn ihr so viel überschüssige Energie habt.", schlug Narcissa vor.

„Gibt es eigentlich etwas Neues aus der Zauberwesenabteilung?", fügte sie noch hinzu.

Adonis und Sahrah stöhnten genervt und augenrollend auf.

„Richtig, ihr wolltet doch erzählen was gestern los war.", sagte Linda.

„Ach, das ist jetzt ein nerviges Hin und Her. Amos Diggory hatte bisher noch nicht viel Erfolg dabei, die Gemüter zu beruhigen. Vor allem seit die Muggelwelt jetzt völlig lahmgelegt wurde, sehen das viele als Beweis dafür, dass die Muggel zu schwach und wehrlos sind, als dass man ihnen Gleichberechtigung zugestehen könnte oder den Status als Zauberwesen. Im Moment werden sie ständig zwischen Tier-und Zauberwesenabteilung hin und hergeschoben. Es sind jetzt schon tausende erfroren und das wird als Beweis gewertet, dass sie zu abhängig von diesem Strom sind. Weasley glaubt, dass wir die Pflicht haben ihnen zu helfen und hat sich damit viele Feinde gemacht, weil in den letzten Tagen viele merkwürdige Aktivitäten in der Muggelwelt registriert wurden." , berichtete Adonis.

„Merkwürdige Aktivitäten?", fragte Lucius interessiert. Er ärgerte sich, dass er sich in den letzten Tagen nicht im Ministerium hatte blicken lassen.

Sahrah erklärte, während sie an ihrem Tee nippte:

„Es wurden mehrere muggelstämmige Schüler auf ihrem Weg in die Weihnachtsferien entführt, als sie aus dem Fahrenden Ritter stiegen und auf dem Weg zu ihrem Zuhause waren. Die Schüler selber können sich nicht dran erinnern, was mit ihnen geschehen ist. Sie tauchten gestern früh vor ihrer Haustüre auf. Normalerweise wäre das dem Ministerium ja egal, aber die Tatsache, dass die Entführer ihre Schulsachen behalten haben, und die Schüler gezielt entführt worden sind, spricht dafür, dass eine Muggelorganisation sich für uns interessiert und gezielt nach Informationen über uns sucht. Man hat auch Muggeldrogen in ihrem Körper gefunden, als man sie wegen ihrer Amnesie untersucht hat."

„Mit anderen Worten die Muggel werden langsam misstrauisch. Das kann schnell zur Feindseligkeit umschlagen. Gewisse Dinge wird dieser Umstand erleichtern.", bemerkte Lucius kryptisch.

„Und was sind noch für Dinge passiert?", fragte Bryan und griff nach einem weiteren Croissant.

Sahrah setzte ihre Teetasse ab fuhr fort:

„Christopher Lane, einer der besten Auroren, wurde letzte Woche auf eine ähnliche Weise entführt, indem man ihm einen Betäubungspfeil in den Hals geschossen hat, als er auf dem Weg in den Tropfenden Kessel war. Ihn hat man drei Tage später an der gleichen Stelle wiedergefunden, völlig orientierungslos, ohne Erinnerung an die letzten drei Tage, ohne Zauberstab, und ohne Geld. Er stand unter den gleichen Drogen wie die Schüler.

Ein paar Tage in St. Mungo dauert es wohl noch, bis sie nach Hause können. Aber die Erinnerungen an die fehlenden Tage kann man ihnen wohl nicht wiedergeben.

Tja, und dann waren da noch religiöse Fanatiker, die seit einiger Zeit durch die Muggelwelt ziehen und das Ende der Welt ankündigen. Sie haben einen 19- jährigen Muggelstämmigen dabei gesehen, als er dabei war, Kaminholz trockenzuzaubern, und es dann in sein Haus schweben ließ. Sie haben sein Haus angezündet, und als der Junge mit seinen Muggeleltern aus dem Haus flüchtete, haben sie ihm den Zauberstab weggenommen, alle drei mit Knüppeln zusammengeschlagen und sie dann lebendig verbrannt. Die Vergissmichs, die wegen der Anwendung von Magie vor Muggeln ankamen, waren viel zu spät, da Apparationssperren um das Haus gelegt waren. Sie konnten nur noch die Nachbarn befragen."

„Die Muggel sind echt nicht ganz dicht. Das Ende der Welt, also wirklich. Wer glaubt denn an so einen Schwachsinn? Und dann noch lebendig verbrennen! Das ist ja wie im tiefsten Mittelalter!", rief Amanda angewidert und legte ihr Käsebrötchen wieder auf ihren Teller.

„Soll das heißen, die fangen wieder an Hexenjagden zu veranstalten? Und was sagt der Minister dazu?", wollte Harry wissen, gerade die Hand nach der Teekanne ausgestreckt.

„Der Minister hält das für einen bedauerlichen Zwischenfall, weil es sich bei den Tätern nur um eine kleine Gruppe religiöser Verrückte gehandelt hat. So hat er das jedenfalls ausgedrückt. Und er hat dem Tagespropheten und den Ministriumsangestellten verboten, darüber berichten, damit es nicht zu eigenmächtigen Rachefeldzügen und Muggeljagden kommt", erwiderte Sahrah.

„War doch eh nur ein Schlammblut, das verbrannt wurde, wen stört das?", bemerkte Draco beim Kauen.

„Nicht mit vollem Mund, Draco!", zischte Narcissa ihm ins Ohr, so dass er zusammenzuckte.

„So einfach ist das in diesem Fall leider nicht. Diesen überreligiösen Muggeln ist es egal, welche Abstammung ein Zauberer hat. Die wissen ja nichts über uns. Das heißt, sie würden auch Reinblüter angreifen, wenn sie uns beim Zaubern erwischen. Und diesen Entführern war das ja auch herzlich egal. Christopher Lane ist reinblütig. Sie nehmen was sie kriegen können.", erklärte Sahrah und nahm die Teekanne von Harry entgegen.

„Wir sollten also nach Möglichkeit die Muggelwelt meiden. Das gilt insbesondere für euch Kinder. Wenn sie schon in der Lage sind Auroren zu entführen, dann euch erst recht. Verstanden?", sagte Magnus mit einem strengen Blick auf die jungen Slytherins. Diese nickten, völlig perplex darüber, dass sie sich ausgerechnet vor Muggeln in Acht nehmen sollten!

„Und was machen wir, wenn Gleis Neundreiviertel wieder zu ist? Dann müssen wir ja wieder in die Muggelwelt!", fragte Amanda empört.

„Dann sind wir viel zu viele, als dass sie uns alle entführen könnten. Das würden sie nicht wagen.", erklärte Linda, in deren Teetasse der zuvor hineingegebene Kandis knisterte.

„Das Ministerium sollte diesesmal darauf achten, dass das Gleis wieder frei ist und keine Muggel davor arbeiten.", sagte Lucius, der sich gerade ein Feige schälte.

Sollte. Die Realität wird vermutlich wieder anders aussehen. Ganz abgesehen davon wussten laut Weasley die Muggelbehörden nicht, dass da überhaupt gearbeitet wurde. Wieder so etwas Merkwürdiges. Als hätten sie extra den Eingang versperrt...", sagte Adonis nachdenklich und strich mit den Fingern über seinen Schnauzbart.

„Vielleicht hat da auch nur ein Muggel geschlampt und nicht Bescheid gesagt. Könnte auch Zufall gewesen sein.", vermutete Magnus.

„Das glaube ich nicht. Wenn keiner darüber Bescheid weiß, nicht einmal dieser Bahnhofschef? Nee, da ist irgendwas faul." , meinte Rose, mit ihrem Croissant in der Hand herumgestikulierend.

„Vielleicht hat ein Scherzbold den Muggeln einen Verwirrungszauber verpasst um sich dann in seinem Versteck kaputtzulachen, wenn wir wie blöd davorstehen.", schlug Bryan vor und biss zufrieden über seine Idee so herzhaft in sein Croissant, dass die Honigfüllung rechts und links an seinem Kinn herunterlief und auf seinen Teller tropfte.

„Bryan, also wirklich. Pass doch auf, du bist doch keine fünf mehr. Mach dich erstmal sauber.", bekam er von seiner Mutter zu hören.

Das vor wenigen Minuten verstummte Gekicher flammte wieder auf, während Bryan mit hochrotem Gesicht mit seiner Serviette sein Kinn abwischte.

„Die Muggel wurden natürlich darauf untersucht, aber es wurde kein Fluch oder Zauber gefunden, auch Zaubertränke waren nicht im Spiel gewesen.", antwortete Magnus, Bryans Missgeschick völlig ignorierend.

„Und was wird das Ministerium machen, wenn diese Muggelorganisation jetzt alles über und weiß und es an die anderen Muggel verrät?", fragte Harry.

„Tja, das weiß niemand so genau. Das wird wohl davon abhängen, wie die Muggel reagieren. Selbst deren Minister kann das nicht einschätzen, weil so etwas seit Jahrhunderten nicht vorkommen ist und die Muggelwelt sich seitdem drastisch verändert hat.", erwiderte Magnus schulterzuckend.

Daraufhin wusste keiner etwas zu sagen und es brach Schweigen am Tisch aus.

Jeder malte sich Gedanken aus, was zu was die Muggel fähig sein mochten, wenn sie wieder mit Hexenjagden beginnen würden. Harry stellte sich vor, wie wilde Muggel mit brennenden Fackeln und Mistgabeln hysterisch durch die Städte rannten aber nur Muggel fanden, die sie für Zauberer hielten. Kopfschüttelnd aß er sein Frühstück auf. Wie sollten normale Muggel ihnen gefährlich werden, solange sie nicht ihr Militär, diese Muggelkämpfer, einsetzten? Und musste das nicht dieser Muggelminister befehlen? Aber der wusste doch, dass sich Zauberer unauffindbar machen konnten. Gegen wen wollten sie dann kämpfen, wenn die Zauberer alle durch Muggelabwehrzaubern geschützt waren? Vielleicht ihre Schatten? Lächerlich.

Bei den Dursleys verlief Weihnachten weitaus weniger harmonisch. Das sonst so üppige Weihnachtsessen war vergleichsweise karg und alltäglich. Selbst Tante Magdas Bekannter Oberst Stumper hatte kein Jagdglück und so mussten sie das nehmen, was die Konserven und eingeschweißten Verpackungen hergaben und das, was ihnen das Militär zugeteilt hatte.

So mussten sie mit Reis, gepökeltem Schweinefleisch, Cornedbeef und Kartoffeln aus der Dose vorlieb nehmen. Für die erwachsenen Dursleys war diese Kost fast schon zur Gewohnheit geworden, Dudley jedoch war aus Hogwarts weitaus schmackhafteres und abwechslungsreicheres Essen gewöhnt, so dass er sich zusammenreißen musste um nicht zu protestieren.

Zu früheren Zeiten hätte er einfach seinem Unmut freien Lauf gelassen, aber da hätte er auch die volle Unterstützung seines Vaters gehabt. Nun wollte er nicht riskieren, dass sein Vater ihn in sein eiskaltes Zimmer einsperrte, denn seit Hogwarts gab es für seinen Vater keinen Sohn mehr, auf den er stolz sein konnte, und für den Dudley mit genauso viel Stolz seines Vaters Sohn war.

Sein Vater hingegen war ungewöhnlicherweise ausgesprochen guter Laune. Beim Weihnachtsessen verkündete er Magda und Dudley stolz, dass Petunia ein weiteres Kind erwarte, welches in etwa einem halben Jahr geboren werden würde.

Dudley war zu überrascht, jetzt noch ein Geschwisterchen zu bekommen, als dass er dazu etwas hätte sagen können, während Magda beiden nacheinander um den Hals fiel und eine weitere Flasche Wein aus ihrem reich gefüllten Weinkeller öffnete, den Petunia als werdende Mutter ablehnte.

Das war allerdings auch schon der einzige Grund zu feiern dieses Jahr. Auch wenn das Haus wie üblich sehr festlich geschmückt war und Tante Magda sogar einen Weihnachtsbaum aus dem Wald geholt hatte, wollte keine richtige weihnachtliche Stimmung aufkommen.

Der Strom war immer noch nicht wieder da, so dass das Wohnzimmer durch den Kamin das einzige geheizte Zimmer war. Dudleys Zimmer war klamm und kalt, genauso wie auch die übrigen Räume, und an den Fensterscheiben bildete sich bereits innen eine Eisschicht.

Auch die Geschenke waren dieses Jahr sehr einfach. Da der Weihnachtseinkauf dieses Jahr ausgefallen war, schenkte Tante Magda Dudley ein Set schöner bunter Schreibfedern, die von großen Papageien stammten. Diese Federn hatte sie von einem Bekannten, der im Londoner Zoo arbeitete.

Petunia versprach, dass sie mit Dudley bei nächster Gelegenheit in die Winkelgasse gehen und für ihn eine Eule kaufen würde.

„Aber dieses Vieh kommt nicht ins Wohnzimmer! Wenn ich hier auch nur eine Feder finde...", polterte Vernon los.

„Ach, hör auf Vernon, die Hundehaare stören dich doch auch nicht!", sagte Magda. Petunia rümpfte bei dem Wort Hundehaare die Nase, sagte aber nichts.

„Aber du solltest der Eule beibringen, dass sie sich von den Hunden fernhalten soll, damit sie nicht zu deren Beute wird.", fügte Magda noch hinzu, während sie Dudley beruhigend den Arm um die Schulter legte.

In den nächsten Tagen kam unweigerlich auch die Ursache für den Stromausfall in Großbritannien zur Sprache. Magda las den von Dudley abonnierten Tagespropheten vor, in dem beschrieben wurde, was die unbekannten Terroristen, wie sie dort genannt wurden, angerichtet hatten. Die Todesopferzahlen unter den Muggeln betrug inzwischen über zehntausend, die meisten waren entweder erfroren oder durch Unfälle zu Tode gekommen, da der Rettungsdienst nicht handlungsfähig war und Notrufe nicht abgesetzt werden konnten. Sogar die Notstromaggregate hatte man außer Kraft gesetzt, nur die Krankenhäuser waren verschont worden.

Wie erwartet bekam Vernon einen Tobsuchtsanfall, als er erfuhr, dass der Stromausfall magische Ursachen hatte.

„DAS IST DOCH WIRKLICH DER GIPFEL! UND SO ETWAS HAUST UNTER UNSEREM DACH!", schrie er mit dunkelrotem Gesicht, und sein großer Schnauzbart zitterte gefährlich, was Dudley an einen fellsträubenden Ripper erinnerte, wenn er den Postboten roch. Fehlte zu dem wütenden Bellen nur noch das Knurren. Aber das sagte er lieber nicht laut, wenn er nicht vor die Tür gesetzt werden wollte.

„Vernon, bitte, er hat damit doch gar nichts zu tun! Er ist dein Sohn!", versuchte Petunia ihn zu beruhigen.

„SO EIN ABNORMALER VERBRECHER IST NICHT MEIN SOHN!"

„VERNON DURSLEY! REISS DICH GEFÄLLIGST ZUSAMMEN! DUDLEY TUT SO ETWAS VERWERFLICHES NICHT! DIE MAGIE WURDE IHM VON DER NATUR GEGEBEN, DU SOLLTEST STOLZ DARAUF SEIN, DASS SEIN BLUT ETWAS BESONDERES IST!", brüllte Magda dazwischen.

Vernon glotzte sie an, als hätte sie verkündet, dass Dudley nun ein Mädchen sei.

„Hast du den Verstand verloren?", stammelte er verdutzt darüber, dass Magda ihm so hart in den Rücken fiel.

„Überleg doch mal, Vernon, eine Mutation kann das nicht sein, denn es gibt zu viele Zauberer und das schon seit vielen Generationen, also kannst du künstliche Genveränderung auch ausschließen. Dein Sohn ist etwas Besonderes, wann willst du das endlich einsehen?", wies Magda ihn mit erhobenem Zeigefinger zurecht.

„Etwas Besonderes! Verflucht noch mal, Magda, dieses Pack ist drauf und dran, unsere Gesellschaft zu vernichten!", entgegnete Vernon völlig entgeistert.

„Daran siehst du, wie viel Macht sie haben, Vernon. Und in jeder Gesellschaft gibt es Verbrecher. Man wird sie schon zu Rechenschaft ziehen.", sagte Magda.

„Ich verstehe nicht, wie du dieses abnormale Gesocks verteidigen kannst. Die leben doch wie im Mittelalter!", fauchte Vernon.

„Dann haben sie zumindest kein Smogproblem und saubere Luft. Und im Übrigen haben sie damit bewiesen, wie abhängig unsere Gesellschaft von Maschinen und Geräten ist. Richtige Handarbeit wird doch kaum noch gewürdigt. Ich habe schon immer gesagt, dass es nochmal ein schlimmes Ende nehmen wird, wenn Maschinen das Denken und Arbeiten für uns übernehmen. Es macht uns weich und dumm. Früher wurde noch hiermit gearbeitet!" Sie ballte ihre Fäuste und fuchtelte damit vor Vernons Gesicht herum.

Vernon schüttelte nur verständnislos den Kopf und brummte:

„Ist mir egal. Ich will wieder unser normales Leben zurück, und ich will keinen Freak in der Familie."

Er sah zu Petunia, und sein Blick fiel auf ihren noch flachen Bauch. Er zog die Augenbrauen zusammen, als sei ihm plötzlich etwas Wichtiges eingefallen.

„Auch keinen Freakzuwachs.", fügte er schließlich mit Nachdruck hinzu.

Petunia, die die ganze Zeit schweigend daneben gesessen hatte zuckte zusammen. Nachdem Dudley seinen Hogwartsbrief bekommen hatte, war es ein Schock gewesen, dass sie Magie vererben konnte. Doch irgendwann begann sie, diese Tatsache zu verdrängen. Jetzt, unter diesen Umständen, würde sie das nicht mehr ignorieren können.

Was würde Vernon tun, wenn das ungeborene Kind sich auch als magisch herausstellen würde?

Sie sah zu Dudley hinüber, der vor dem Kamin saß und ins Feuer starrte, während Magda Vernon einen Vortrag über Vererbungslehre hielt und wie wichtig es sei, einen Zuchtbestand gesund halten. Vernon war entsetzt und furios, dass sie von Menschen als Zuchtbestand sprach.

„WIR SIND DOCH KEINE VIEHHERDE!"

„Es wäre besser gewesen, wenn sich die Menschheit um sich selbst genausogut gekümmert hätte wie um ihr Vieh, dann hätten wir nicht so viele Weichlinge heutzutage!"

Dudley seufzte. So gern er Magdas Unterstützung schätzte, sie übertrieb es gerne, wenn es um ihr Lieblingsthema ging. Er bereute es zutiefst, überhaupt hergekommen zu sein, statt Weihnachten in Hogwarts zu feiern. Da alle sich die meiste Zeit des Tages im Wohnzimmer aufhielten, konnte er seinem Vater kaum aus dem Weg gehen. Für ihn war es das schlimmste Weihnachten, das er je erlebt hatte, und er würde alles dafür geben, jetzt sofort nach Hogwarts zurückfahren zu können. Was für ein Unterschied der jetzige Dudley zu dem vor noch zwei Jahren bot. Der eine voller Stolz und immer einen Vater habend, der ihn beschützte, und der andere kurz vor der Enterbung und ein Vater, der ihn verstieß. Niemals hätte er sich vorstellen können, dass seine heile Welt in einer so kurzen Zeit zusammenbrechen könnte.

Sonntag, 10. Januar 1993. Nachmittags

Es war bitterkalt. Mit lautem Geheule fegte ein heftiger Schneesturm über Großbritannien hinweg, kaum, dass sie in Hogwarts angekommen waren, diesesmal zum Glück ohne Zwischenfälle.

Durch die Fensterritzen in den Korridoren von Hogwarts pfiff es schrill und eiskalt, und jeder beeilte sich, so schnell wie möglich einen Platz an einem Kamin zu ergattern. Die Eulen, die gegen den Wind fliegen mussten, wurden vom Sturm einfach wieder zurückgeschleudert und mussten anschließend ihr völlig zerzaustes Gefieder ordnen. Sogar Severus Snape entfachte widerwillig seinen Kamin im Zaubertranklabor, nachdem einige seiner Zutaten, die er eigentlich verwenden wollte, steinhart gefroren waren.

Hagrids Hütte war in einer haushohen Schneewehe verschwunden, und der Halbriese glich jedesmal einem riesigen bezauberten Schneemann, wenn er sich durch den Sturm und die mittlerweile fast meterhohe Schneedecke kämpfte.

Im Gemeinschaftsraum der Slytherins war es gemütlich und warm, allerdings auch aufgrund des Wetters und der Tatsache, dass es Sonntag war, brechend voll. Viele der jüngeren Schüler waren mit Exploding Snap und Zauberschach beschäftigt, während die älteren sich auf ihre ZAGs und UTZe vorbereiteten und die jüngeren ermahnten, leiser zu sein.

Harry und seine Freunde gehörten zu den wenigen, die Hausaufgaben machten. Den Tag zuvor hatten sie damit verbracht, etwas über den Schlangensichttrunk herauszufinden, nachdem sie sie weder auf Malfoy Manor noch auf Dragon's Sheer Castle an Bücher über schwarzmagische Tränke herankommen konnten, da diese von den Erwachsenen wie andere gefährliche Bücher weggeschlossen waren. Nicht wegen ihres Inhalts, sondern wegen der gefährlichen Flüche, die darauf lagen. Erst mit siebzehn würden sie vollen Zugang zu diesen Büchern bekommen.

In Hogwarts standen diese Bücher in der verbotenen Abteilung, wenn sie denn überhaupt vorhanden waren, und in anderen Büchern wurde der Trank lediglich namentlich erwähnt. Genervt gaben sie die Suche schließlich auf.

Harry saß gerade an einem Aufsatz für Binns über die Themen des im Jahre 1653 abgehaltenen Internationalen Zaubererkonvent und deren Beschlüsse. Völlig gelangweilt saß er am Tisch, das Kinn auf die linke Hand gestützt, während er mit der rechten Hand mit der Feder spielte. Halb dösend und vom Heulen des Sturms eingelullt musste er urplötzlich herzhaft gähnen, so dass er nicht rechtzeitig die Hand vor den Mund bekam. Ein ihm wohlbekanntes Kichern riss ihn aus seinem Halbschlaf. Er schreckte auf und bemerkte Ginny, die mit ihren Freundinnen zu ihm hinüberblickte. Als sie seinen Blick bemerkten, Kicherten sie noch heftiger. Ginny grinste ihn an, und ihm wurde plötzlich bewusst, was für ein peinliches Bild er abgegeben haben musste. Schnell wandte er sich wieder seinem Aufsatz zu. Andrew, der neben ihm saß, stöhnte frustriert auf.

„Wie kann man freiwillig ein so langweiliges Zeug unterrichten? Aber vielleicht ist Binns ja selber vor Langeweile gestorben...", murrte er.

„Sein Geleier klingt wirklich nicht gerade begeistert, auch nicht für einen Geist. ", antwortete Harry gelangweilt.

„Ihr seid immer noch bei Binns Aufsatz? Den habe ich schon seit einer Stunde fertig!", sagte Amanda irritiert.

„Du hast ja auch das halbe Buch abgeschrieben.", kam es von Draco, der gerade über seiner Zaubertränkehausaufgabe brütete.

„Zwei Kapitel sind kein halbes Buch!", schnappte sie zurück.

„Aber ein Fünf-Rollen-Pergament-Aufsatz! Das ist Wahnsinn! Und Binns merkt nicht mal, dass es abgeschrieben ist! Bist du etwa immer noch sauer, dass Granger 3 Zoll mehr als du hatte beim letzten Geschichtsaufsatz?"

„Ich hasse es, wenn dieses Schlammblut sich für besser hält!"

Draco rollte die Augen.

„Die kann sich anstrengen, wie sie will, das wirklich wichtige wird sie nie begreifen. Wozu sich also mehr Mühe geben als nötig?"

Amanda zog die Augenbrauen hoch.

„Dein Vater sieht das aber anders. Der ist nicht begeistert, wenn sie bessere Noten hat als du."

„Weil er immer wieder beweisen will, dass wir besser sind, bis es selbst die Dümmsten begriffen haben. Und außerdem wird Granger doch von fast allen Lehren vorgezogen. Die kriecht denen doch schon fast in den Hintern."

Draco zog eine angewiderte Grimasse. Ein Malfoy kroch vor niemandem. Oder zumindest vor niemandem, der es nicht wert war. Oder, wie er sich selbst korrigierte, nur von dem sie dachten, dass er es wert war. Aber seinem Vater würde dieser Fehler nicht noch mal passieren.

Andrew schlug genervt mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Könnt ihr das vielleicht vertagen? Ich muss mich hier konzentrieren."

Einige Fünftklässler gaben ihnen missbilligende Blicke ob des Lärms, den sie verursachten, so dass sie schweigend ihre Hausaufgaben weitermachten. Harry wünschte sich inständig, dass endlich mal wieder etwas Interessantes in Hogwarts passierte.

Am nächsten Tag erfuhren sie durch den Tagespropheten, dass den Muggeln etwas gestohlen wurde, das sie „Kernreaktor" nannten und was sie offensichtlich für ihren Strom brauchten, damit sie ihn überhaupt nutzen konnten. Irgendwie waren sie wohl eine Art Quelle für diesen Strom, so schrieb Rita Skeeter.

„Wo haben die Muggel die Dinger her?", fragte Andrew stirnrunzelnd.

„Hier steht, die Muggel haben sie selber gebaut mit gefährlichen Stoffen.", kam es von Bryan, der den Tagespropheten in der Hand hielt.

Lautes Stimmengewirr von anderen Haustischen lenkte ihren Blick auf die übrigen Schüler.

Verwundert sahen sie, wie Hermine Granger entsetzt nach Luft schnappte und irgendetwas von Radio-Strahlung, oder wie es auch immer hieß, plapperte, und dass es viel zu gefährlich sei, damit herumzuspielen. Dann zählte sie alle möglichen merkwürdigen Krankheitssymptome auf wie Haarausfall, Übelkeit, und fuhr weiter fort mit Krebs und missgebildeten Babys, und ob die Leute von Tschernobyl nichts gelernt hätten?

Harry fragte sich verwundert, was in aller Welt diese Kerndings mit Krankheiten, missgestalteten Säuglingen, Radios und irgendeinem seltsamen osteuropäischen Namen zu tun hatten.

Die Muggelstämmigen und auch viele Halbblüter wussten aber offensichtlich, wovon sie sprach, und sahen sehr beunruhigt aus.

Dursley tönte unüberhörbar, dass man die Diebe wohl tot auffinden würde, wenn sie nicht schon längst explodiert seien und was für hirnrissige Idioten das sein müssten, um sich auf so ein Selbstmordkommando einzulassen.

Andrew schüttelte verwundert den Kopf.

„Die reden darüber, als wenn diese Kerndinger verflucht wären oder so was."

Amanda erklärte, sie wolle Tante Linda schreiben, ob sie etwas darüber wüsste.

Harry und Draco zuckten die Schultern. Wenn die Muggel mit so etwas gefährlichem herumhantierten, war es vielleicht besser, wenn man es ihnen wegnahm. Tante Linda betonte öfters, dass man Muggel führen müsse wie Kinder, streng und konsequent.

Lucius Malfoy sagte dagegen oft, dass Muggel keine guten Haustiere oder Diener abgaben, weil sie keine Magie besaßen und Magie deshalb auch nicht begreifen konnten. Deshalb bevorzugten Zauberer Hauselfen und in seltenen Fällen Squibs und magische Tiere, die nützliche Eigenschaften oder Fähigkeiten besaßen.

Die nächste Woche verlief ereignislos. Der Sturm flaute nach einigen Tagen ab, und der Schnee lag wie meterdicker Zuckerguss über den Ländereien. Die Lehrer mussten regelrechte Gänge zum Gewächshaus, Hagrids Hütte und zum Tor der Ländereien anlegen. Quidditchtraining fiel aus, da sich Quaffel und Schnatz ständig in Schneewehen verfingen. Den Mannschaftmitgliedern war ohnehin zu kalt auf den Besen. Nicht dass sich die Kapitäne daran störten, aber auch sie waren es leid, ständig Schnatze im Schnee zu suchen und Quaffel auszubuddeln. Madam Hooch duldete kein Fehlen der Übungsbälle und hatte auch keinen unbegrenzten Vorrat an Schnatzen.

Stattdessen gehörten nun Schneeballschlachten zur Tagesordnung. Fred und George Weasley hatten ihre Schneeballzauber so weit perfektioniert, dass niemand mehr gegen sie antrat. So blieb ihnen mehr Zeit für Unsinn. Eines ihrer Opfer war Professor Quirrell, dem die verhexten Schneebälle derart um die Ohren flogen, dass sein lilafarbener Turban weit in den meterhohen Schnee geschleudert wurde. Bevor er jedoch die Schneebälle auflösen und seinen Turban wieder auf seinen Kopf zaubern konnte, hatten viele Schüler einen Blick auf seinen nackten Hinterkopf erhaschen können. Erstauntes Gemurmel machte sich breit, als sie statt eines Haarschopfes oder makelloser Haut ein Geflecht von dicken Fluchnarben erblickten, die ebenso wie die Haut fast so weiß waren wie Schnee. Schnell sprach es sich herum, dass sein Hinterkopf genauso aussah wie Mad Eye Moodys Gesicht. Das gab dem nervösen Lehrer eine rätselhafte Vergangenheit und den Schülern neuen Stoff für die Gerüchteküche.

Harry und die anderen Slytherins lachten lauthals, als sie beim Mittagessen erfuhren, dass einige Schüler glaubten, Quirells Narben stammten von einem Kampf mit einem Grimm. Daher rechnete er angeblich jeden Tag mit seinem Tod und sei deshalb immer so nervös.

Tante Linda schrieb ihnen unterdessen in einer langen Erklärung, warum die Kernreaktoren so gefährlich waren, und dass so etwas niemals in Muggelhände hätte gelangen dürfen. Auch Zauberer waren nicht immun gegen radioaktive Strahlung und konnten an den Folgen zu hoher Strahlung ebenso sterben wie Muggel. Auch war es keinem Zauberer je gelungen, dagegen ein Mittel zu finden, sei es einen Trank oder Zauber. Das beunruhigende war, dass Muggel die Strahlung sogar als Waffe einsetzen konnten, die ganze Städte zerstören konnte.

Harry regte sich darüber auf, dass die Zaubererwelt nicht früher eingeschritten war. Ihm kam es so vor, als hätte man kleine Kinder unbeaufsichtigt neben einem schlafenden Drachen spielen lassen, der jeden Augenblick von ihrem Krach aufwachen könnte.

Auch Draco hatte Post von seinem Vater bekommen, den er grinsend an ihrem Haustisch in der großen Halle beim Frühstück las.

Danach erklärte er gehässig, dass der sogenannte Muggelspezialist Arthur Weasley nicht den geringsten Schimmer von der Gefährlichkeit der Kernreaktoren hatte und daher vom Minister als inkompetent bezeichnet wurde und kurz vor der Entlassung stand.

Einzig Dumbledore gelang es, den Minister zu beschwichtigen, indem er erklärte, dass selbst die besten Zauberer nicht alles wissen könnten.

Trotzdem bestand Fudge darauf, dass Arthur Weasley von nun an mit Alan Silverhill zusammenzuarbeiten habe.

„Steht alles in dem Brief hier von meinem Vater.", sagte Draco , mit dem Pergament herumwedelnd, nachdem er seinen Vater fast Wort für Wort genüsslich zitiert hatte.

„Die und zusammenarbeiten? Die werden vor lauter Diskutieren, ob Muggel nun zu bewundern oder zu bemitleiden sind, gar nicht zum Arbeiten kommen." meinte Andrew trocken.

„Ganz abgesehen davon muss Silverhill erst mal Weasleys Muggelmüll - Sammelsucht in den Griff kriegen.", fügte Harry hinzu.

„Wohl eher kurieren. Weasley hängt doch an seinem Muggelzeug genauso wie andere an ihren wertvollen Erbstücken.", erwiderte Amanda.

„Tolle Erbstücke. Selbst der Idiot Ron könnte damit nichts anfangen.", sagte Harry, der gerade beobachtete, wie besagte Person sich gerade mal wieder mit Hermine Granger stritt.

Dudley Dursley dagegen unterhielt sich entspannt mit Ernie Macmillan und Justin Finch-Fletchley.

Offensichtlich hatte er keine Probleme mehr mit seinen Hauskameraden, denn man sah ihn nicht mehr alleine schmollend oder wütend herumsitzen. Einer der Gründe, warum er inzwischen von den Slytherins in Ruhe gelassen wurde. Ein anderer war, dass er nicht durch asoziales Benehmen auffiel und überhaupt viel ernster und nachdenklicher geworden zu sein schien. Im Gegensatz zu Hermine Granger stellte er auch niemals alte Zaubererbräuche in Frage, wenn er von ihnen erfuhr.

Die Slytherins konnten nicht ahnen, dass Dudleys Tante Magda ihm eingebläut hatte, dass man alte Traditionen zu achten habe und dass er sie niemals grundlos in den Dreck ziehen durfte, ohne ihren Sinn und Zweck bzw. Ursprung zu kennen.

Während Hermine Granger sich lauthals darüber aufregte, dass Muggel niemals wirklich als gleichwertig betrachtet wurden, und ihre Eltern daher während des Stromausfalls keine Hilfe beim Zaubereiministerium beantragen konnten, erkannte Dudley, dass die Kluft seit der Hexenverbrennung einfach zu groß war. Und außerdem musste er sich eingestehen, dass es vor allem im Moment nicht einfach war, in den Muggeln mehr zu sehen als hilflose Geschöpfe, die ohne Technologie nicht überleben konnten. Da war es nur ein kleiner Schritt hin zu der Arroganz, mit der sogar reinblütige Hufflepuffs der Muggelwelt gegenübertraten. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass selbst ein Erstklässler einen Muggel bewegungsunfähig machen könnte, so dass dieser ihm vollkommen ausgeliefert wäre. Ein einfaches petrificus totalus würde schon die Dinge erst, die Dudley über Du-weißt-schon-wen erfahren hatte...brrr.

Dumbledores Platz am Lehrertisch war leer, wie so oft in letzter Zeit. Und wie so oft in letzter Zeit befand er sich in einem Büro zusammen dem Zaubereiminister - diesmal jedoch zu Gast beim Premierminister der Muggel, der langsam aber sicher genauso hysterisch wurde wie Fudge - aber gleichzeitig auch sehr, sehr wütend.

Eigentlich wollte Dumbledore längst den letzten magischen Erben der Kerr- Familie nach Hogwarts holen, nachdem einer seiner Kontakte ihn endlich ausfindig gemacht hatte. Seit zwei Monaten war er nun auf der Suche nach jemandem, von dessen Existenz er nur durch eine Prophezeiung erfahren hatte.

Ein Aufspürzauber, der in Verbindung mit dem Blut des Squibs William Kerr arbeitete, hatte tatsächlich einen Sohn ausfindig gemacht, von dem der alte, inzwischen über siebzig-Jährige Squib nichts wusste. Offenbar hatte er vor dreizehn Jahren Urlaub in Kapstadt gemacht, und sich im Rotlichtmilieu vergnügt - mit Folgen. Die Mutter hatte das Kind, einen kleinen Jungen, zur Adoption freigegeben, und ein steinreicher amerikanischer Zauberer, der dort lebte, hatte ihn adoptiert, als er feststellte, dass der Junge magisch war.

Soweit Dumbledores Kontakt herausfinden konnte, wurde er Zuhause unterrichtet. Es wurde höchste Zeit, dass Dumbledore ihm einen Besuch abstattete, aber in der Situation, in der sich Großbritannien gerade befand, war dies nicht möglich.

Darüber hinaus hatte er auch noch einen gewissen Ring zu suchen…

Und jetzt musste er sich anhören, welche Vorwürfe der Muggelminister Fudge machte, wie er denn gedenke, dieses Chaos wieder zu bereinigen? Und warum das Zaubereiministerium die Schuldigen noch nicht gefasst hatte? Und was sie sich vorstellten, wie er den Muggeln erklären sollte, dass er schon seit Amtsantritt von der magischen Gesellschaft wusste? Dass er nicht kontrollieren konnte, wie sie reagieren würden? Und dass das Verteidigungsministerium kurz davor war, die Zauberer als Terrorgruppe und damit Staatsfeinde einzustufen? Ob sie es denn auf einen Krieg anlegen würden?

Und wann in aller Welt würden sie eigentlich das Stromproblem lösen?

Sie hätten ja zumindest mal Heiler schicken können oder Lebensmittel!

Den letzten Vorwurf brüllte er fast - und Dumbledore konnte es ihm nicht verdenken. Der Premierminister hatte natürlich recht - tausende Muggel waren gestorben, und das Zaubereiministerium hatte eher hilflos zugesehen als etwas dagegen zu tun, da Fudge sich weigerte, die Geheimhaltung aufzugeben, obwohl die Muggel längst wussten, dass eine geheime Gruppe mit seltsamen Fähigkeiten existierte - nach den fliegenden Kutschen, den verzauberten Autos und den sich bewegenden Plakaten. Wer die Verursacher des Stromausfalls und der wild gewordenen Kirchenglocken waren ahnten sie längst, und würden früher oder später Gewissheit haben - sobald der Strom wieder da war und Radio und Fernseher wieder funktionierten - und deren Sender wieder den Betrieb aufnahmen.

Und dann die Unbekannten, die nun in Besitz von Schulsachen und Zauberstäben waren- und wer weiß wie viel Informationen, die sie von ihren Entführungsopfern entlocken konnten.

Leider erwies sich Fudge momentan als paranoid.

„Herr Premierminister, ich habe Ihnen doch schon bereits gesagt, dass unsere Geheimhaltung gerade alle unseren verfügbaren Mittel in Anspruch nimmt. Es wäre leichter, wenn nicht einige Ihrer Leute Schüler und Auroren von uns entführt, unter Drogen gesetzt und Gegenstände aus unserer Welt gestohlen hätten. Der entstandene Schaden ist schon fast nicht wieder gut zu machen. Wenn jetzt auch noch Muggel unsere Heiler beim Arbeiten zusehen und -"

„Wie oft soll ich ihnen noch sagen, Minister Fudge, dass das nicht meine Leute waren? Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer dahinter stecken könnte, und unsere Ermittlungen dahingehend wären sehr viel leichter, wenn Sie endlich unsere Kernreaktoren finden und unsere Kraftwerke wieder funktionsfähig machen würden!", unterbrach der Premierminister Fudge in barschem Ton.

„Ganz abgesehen davon sind hungernde und frierende Menschen da draußen, die dringend Hilfe brauchen und Sie sorgen sich um gestohlene Informationen und Kleinkram aus Ihrer Welt!"

Fudge machte ein sehr zerknirschtes Gesicht, und seine bis dahin herablassende Stimme nahm einen entschuldigenden Ton an.

„Wir versuchen ja, diese Kerndingens zu finden, das Problem ist nur, dass wer auch immer sie gestohlen hat, sie mit Magie versteckt hat -"

„Das Problem hierbei ist", unterbrach Dumbledore Fudge, „ dass die Reaktoren vermutlich unortbar gemacht wurden und keine Magie existiert, um radioaktive Strahlung anzuzeigen. Wir müssten mehrerer Ihrer Geigerzähler ausleihen und dann mit Magie verstärken, um den Standort des Lagers des Reaktors auch nur regional eingrenzen zu können. Da niemand aus unserer Welt ein Experte für radioaktive Strahlung ist, wäre ein Fachmann aus Ihrer Welt höchst willkommen, um mit uns zusammenzuarbeiten."

Fudge, erst empört darüber, unterbrochen worden zu sein, nickte heftig.

Der Premierminister , der zum ersten Mal seit Wochen außer Fudges Geschwätz nun endlich einen vernünftigen Vorschlag und so etwas wie eine Erklärung bekommen hatte, schickte sofort jemanden los, um so viele Geigerzähler wie möglich zu organisieren und samt Fachpersonal herzubeordern. Endlich gab es einen Lichtblick und einen Hoffnungsschimmer, dass die Welt bald wieder ihren gewohnten Gang nahm.

Warum hatten diese Zauberer nicht Dumbledore zu ihrem Minister gemacht? Er schien nicht nur Einfluss, sondern auch Verstand zu haben. War er nicht Direktor an deren Schule? Wahrscheinlich aus gutem Grund. Dieser Fudge als Schulleiter….nein, das mochte er sich lieber nicht vorstellen.

Freitag, den 23. Januar 1993, morgens

Dieser Morgen brachte der Tagesprophet die Nachricht, dass mit magischer Hilfe neue Kernreaktoren hergestellt werden mussten, da die gestohlenen offenbar auf unbekannte Weise unbrauchbar gemacht worden waren. Die Einzelteile wurden von der Muggelpolizei auf den Shetlandinseln gefunden, völlig abgekühlt und absolut strahlungsfrei - was eigentlich unmöglich sein sollte in der kurzen Zeit. Und sie waren ordentlich in große Holzkisten verpackt worden. Noch mehr Rätsel für die Muggelermittler - und auch die Auroren, die noch immer keine Magie gegen radioaktive Strahlung kannten. Selbst die Mysteriumsabteilung konnte ihnen da nicht helfen.

Während die Muggelwelt sich daran machte, ihren Normalzustand wiederherzustellen, überschlugen sich die Fernsehsender mit den wildesten Vermutungen, was die „Chaosmacher", wie sie inzwischen genannt wurden, wohl als nächstes tun würden, und zu was sie fähig sein mochten. Natürlich wollte niemand gleich an Magie glauben, doch wer glaubte schon an Außerirdische, die fliegende Kutschen mit geflügelten Pferden statt Ufos flogen? Und manche Kameraaufnahmen zeigten deutlich Menschen auf den Kutschböcken.

In Hogwarts indessen ging alles seinen gewohnten Gang. Beim Frühstück kam der Tagesprophet, dessen Nachrichten über die Muggelwelt die Slytherins mit Schulterzucken und Desinteresse hinnahmen, während diejenigen mit Muggelverwandtschaft erleichtert aufatmeten.

Am benachbarten Ravenclawtisch sah ein großer Uhu einer Fünftklässlerin zu Dracos Uhu Ares herüber und schuhute laut. Ares antwortete ebenso lautstark in Dracos Ohr. Dieser fuhr erst einmal erschreckt zusammen, sah dann aber verwirrt von Ares auf den fremden Uhu, der ihm bisher nicht aufgefallen war. Nur wenige konnten sich eine solche Eule leisten. Es war ein großes Weibchen mit einer hübschen, mit kleinen Spiegelplättchen geschmückten Ledertasche an ihrem linken Bein. Ihre Besitzerin war gerade damit beschäftigt, einen langen Brief zu lesen und schien gar nicht zu bemerken, wie aufgeregt ihr Uhu war. Ihr Benehmen war ungewöhnlich für normale Posteulen.

„Nein Ares. Ich weiß nicht, ob sie einen guten Stammbaum hat. Lass es lieber sein.", erklärte Draco seiner Eule, die langsam ungeduldig wurde.

Harry, der gerade seine Schneeeule Freya mit gebratenem Speck fütterte, kicherte.

„Armer Ares. Gönnst ihm nicht mal ein wenig Spaß. Schließlich muss sie ja brüten, nicht er."

„Aber dann müsste die Ravenclaw dafür bezahlen, dass er ihre Eule befruchtet. Ist doch bei euren Aethons auch so.", wandte Draco ein.

„Ja schon, aber das sind ja auch Zuchttiere. Und wie willst du Ares in der Eulerei überwachen?", mischte sich Andrew ein.

„Unsere Eulen sind auch Zuchttiere. Jedenfalls behandelt mein Vater sie so. Er will den Stammbaum unserer Eulen möglichst in unserem Manor halten und in die Eulerei soll Ares deswegen auch nicht. "

„Will er immer noch Uhus züchten, die Falken überholen können?", fragte Amanda. „Dein Vater hatte mal so etwas erwähnt."

„Ja genau.", antwortete Draco eher gelangweilt.

„Warum züchtet man dann nicht gleich Falken als Briefboten? Wäre das nicht einfacher?", fragte Harry, der sich nicht wirklich vorstellen konnte, dass Eulen jemals schneller als Falken sein konnten.

„Die werden zu schnell abgelenkt und vergessen, dass sie eigentlich Briefe überbringen sollen. Das wird wohl noch Jahre dauern, bis der Posteulenverband sie so weit hat.", erklärte ein Viertklässler, der drei Plätze weiter saß.

Endlich schien die Ravenclaw ihrer Eule Beachtung zu schenken, und schickte sie in die Eulerei.

Und damit begann wieder ein ansonsten ereignisloser Tag. Unterricht, Hausaufgaben, kalter Nieselregen, der glatte Eisflächen auf dem noch immer gefrorenen Boden bildete und damit mehr Arbeit für Madam Pomfrey verursachte.

Ab da tauchte das neue Uhuweibchen jeden Morgen zusammen mit den Posteulen auf, behelligte aber Ares nicht länger. Draco vermutete, dass das Weibchen nun mit einem Brutunterdrückungzauber belegt worden war, wie die meisten anderen Eulenweibchen, wenn man sie nicht zur Zucht einsetzen wollte.

Obwohl die Muggelwelt recht schnell wieder in ihren Alltag zurückfand, war Dumbledore noch immer die meiste Zeit abwesend. Laut Lucius Malfoy war er nur noch selten beim Minister im Büro, stattdessen verhandelte er mit dem Adoptivvater des Auserwählten, überraschenderweise ein Nachfahre des Kerr - Clans, diesen in Hogwarts einzuschulen. Offenbar hatte er ihn in Südafrika ausfindig gemacht.

Magnus dagegen war mit einem neuen Projekt in der Mysteriumsabteilung betraut worden, über das er nicht sprechen durfte - oder im Brief schreiben.

Freitag, 2. April 1993 morgens

In den letzten Wochen war es kontinuierlich wärmer geworden, und jeden Morgen veranstalteten die Vögel ein vielstimmiges Pfeifkonzert, das durch die Euleneinflugluken sogar bis in die Slytherinschlafräume hineinschallte. Die Ländereien waren von bunten Frühlingsblumen übersät, und die Sonne schien immer öfter in die große Halle hinein.

Während des Frühstücks teilte Professor Snape allen Zweitklässlern Slytherins Formblätter aus, auf denen sie mindestens 2 Wahlfächer für das 3. Schuljahr ankreuzen mussten.

Harry, Amanda und Andrew beschlossen, nach Hause zu schreiben, was Ihre Eltern bzw. Tanten und Onkel ihnen raten würden.

Dudley, der ebenfalls von Professor Sprout ein solches Formblatt bekommen hatte, wusste nicht, an welchen Erwachsenen er sich wenden sollte. Muggelkunde, Pflege magischer Geschöpfe und Wahrsagen erklärten sich ja noch von selbst, aber mit den Fächern Arithmantik und alte Runen konnte er nicht das geringste anfangen.

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als am benachbarten Ravenclawtisch ein großer Uhu versehentlich eine Kanne mit Kürbissaft umwarf, und die dort sitzenden Ravenclaws aufsprangen, um dem Saft zu entkommen, der sich auf dem Tisch ausbreitete.

Die anderen Schüler brachen in Gelächter aus, während die Aufgesprungenen fluchten.

Mit vor Scham rot angelaufenem Gesicht ließ eine Fünftklässlerin den Saft mit einem Zauberstabschlenker und einem gemurmelten Spruch verschwinden.

Dudley wünschte sich, dass ihm das Zaubern auch mal so leicht fallen würde. Er war zwar schon deutlich besser geworden als im ersten Jahr, musste aber noch immer viel üben, da es ihm noch immer schwer fiel, die feinmotorischen Bewegungen des Zauberstabs exakt genug auszuführen. Fast automatisch glitt seine rechte Hand in seine Tasche und zog seinen zwölf Zoll langen Zauberstab aus Pappel mit Drachenherzfaserkern heraus, von einem überaus wütenden Ungarischen Hornschwanz, wie Ollivander ihm erklärt hatte. Mit einem leisen klingschlugsein Zauberstaban die gläserne Milchkanne, die neben ihm stand, und Dudley kam eine Idee. Breit grinsend nahm er die Kanne, zeigte mit seinem Zauberstab hinein und sagte leise: „Rubesce!"

Sofort nahm die Milch einen blutroten Farbton an. Ein Kichern unterdrückend stellte er die Kanne wieder auf den Tisch.

Ernie Macmillan, der gerade in den Tagespropheten vertieft war, streckte die Hand nach der Kanne aus, um sein leeres Glas aufzufüllen.

Da die Kanne jedoch ein paar Zentimeter von ihrem ursprünglichen Ort entfernt stand, griff seine Hand ins Leere, und Ernie blickte auf.

„Wo ist denn - uäää! Was ist das denn? Das sieht ja aus wie Blut!"

Ein Dutzend anderer Hufflepuffs blickten auf und verzogen das Gesicht. Dudley musste sich sehr anstrengen, um nicht loszulachen.

Ein Sechstklässler nahm schließlich die Kanne und schnupperte daran.

„Das ist Milch, ist nur rot gefärbt.", war sein kurzer Kommentar.

„Cool, gib mal her!" Justin ergriff die Kanne und kippte sich die blutrote Milch über sein Müsli.

Hannah Abbott sah ihn entsetzt an. „Das willst du wirklich essen?"

„Ischt doch nur Milsch!", gab Justin nur kauend zurück. Sein Müsli nahm langsam die Farbe von rohem Hackfleisch an.

Dudley konnte nicht mehr, er brach in schallendes Gelächter aus, während die Mädchen angewidert die Gesichter verzogen.

Ernie schüttelte nur verwundert den Kopf. „Naja, solange dir keine Vampirzähne wachsen…"

Dudley schnaubte amüsiert. Magie machte einfach Spaß. Schade, dass seine alten Freunde Piers und Malcolm das nicht sehen konnten.

Nach einigen Minuten war wieder Ruhe eingekehrt, und die meisten Schüler verließen die große Halle, um die letzten Unterrichtsstunden vor den Osterferien hinter sich zu bringen.

Ein paar Tage später bekamen Harry und die anderen Post von zuhause, mit Ratschlägen, welche Wahlfächer im späteren Leben nützlich sein würden. Wahrsagen und Muggelkunde fanden ohnehin nur wenig Begeisterung. Professor Trelawney, die Lehrerin für Wahrsagen, hatte nur wenige Fans. Die meisten Schüler, die bei ihr Unterricht hatten, so erklärte Bryan, hielten ihr nebliges Geschwafel für reinen Unsinn.

Muggelkunde wurde nur selten von Slytherins gewählt, die meisten betrachteten es als reine Zeitverschwendung. Harry, Andrew und Amanda hatten ohnehin vor, Pflege magischer Geschöpfe und Runenkunde zu nehmen, jedoch waren sich Harry und Andrew bei Arithmantik nicht sicher, was sie damit anfangen sollten.

Linda und Magnus erklärten, dass sie dort Berechnungen der Zaubersprüche lernen würden, und wie man neue entwickelt. Es war jedoch ein sehr komplexes Fachgebiet, was ein großes mathematisches Verständnis voraussetzte.

Dudley hatte inzwischen Justin und Ernie mit Fragen gelöchert, wofür genau Arithmantik und alte Runen gut sein sollen, und was sie da überhaupt lernen würden. Ernie ihm daraufhin einen ellenlangen Brief von seinem Vater vorgelesen, der eher einer wissenschaftlichen Abhandlung über den Inhalt dieser Fächer glich als einem Brief.

Am ende des Briefes hatte Dudley den Anfang bereits wieder vergessen und war fast noch verwirrter als zuvor.

Schließlich entschied er sich für Pflege magischer Geschöpfe, Muggelkunde und alte Runen. Arithmantik war ihm zu kompliziert - alles was mit Mathematik zu tun hatte, war schon immer ein rotes Tuch für ihn gewesen.

Auch seine Mutter hatte ihm Briefe geschrieben, in denen sie ihm Ultraschallbilder seiner ungeborenen Schwester - soviel konnte man inzwischen sehen - schickte, und ihm mitteilte, dass es ihnen beiden gut ginge. Mitte Mai würde es dann so weit sein, dann sollte seine Schwester auf die Welt kommen.

Ernie war von den Ultraschallbildern sehr fasziniert, da es etwas vergleichbares in der Zaubererwelt nicht gab.

Dienstag, 13. April 1993

Seit Wochen hatte sich Dumbledore auf einen ruhigen, normalen, Wochenanfang gefreut. Selbst das Osterwochenende hatte er damit verbringen müssen, den Pergamentstapel abzuarbeiten, der sich inzwischen einen halben Meter hoch auf seinem Schreibtisch auftürmte und ihn zu verhöhnen schien, indem er einfach nicht kleiner werden wollte. Denn ständig sausten neue Eulen in sein Büro, die Briefe von besorgten Eltern brachten oder schlimmer noch die inzwischen 7839igste Pergamentrolle von Fudge innerhalb von 5 Monaten, in der er, wie kann es auch anders sein, um Dumbledores Rat bat.

Völlig vertieft in die neuesten Berichte des Zaubergamots über die Suche nach den Dunkelmagiern, die so viel Chaos verursacht hatten, bemerkte gar nicht, wie eine kleine Sphäre in seinem ausladenden Regal anfing, in einem blauen Licht zu leuchten. Eine plötzlich in sein Büro hereinplatzende McGonagall schreckte ihn jedoch abrupt auf.

„Albus, das musst du dir ansehen! Es kreisen schon seit fast einer Stunde mehrere Flugzeuge über Hogwarts, weit über den Abwehrzaubern! Hörst du das denn nicht?" Sie sah aus dem Fenster, durch das tatsächlich ein leises Brummen hereindrang.

„Der Muggelabwehrzauber ist ja auch angesprungen!", fügte sie noch mit einem Blick ins Regal hinzu.

Dumbledore blickte sie beruhigend an.

„Der Muggelabwehrzauber ist in letzter Zeit häufiger aktiviert worden. Ich bin aber sicher, dass meine Modifikationen ernste Vorfälle verhindert werden. Und wir können den Muggeln nicht verbieten, über den Hogwartsländereien zu fliegen. Und wie du sehr genau weißt, werden sie nichts verdächtiges sehen können."

Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wechselte die Sphäre rasch von blau nach violett, und dann plötzlich zu leuchtend rot, während ein immer lauter werdendes hohes Pfeifen ertönte.

Dumbledore und McGonagall sahen sich einen Moment erstaunt an, bevor Dumbledore zur Sphäre eilte und mit seinem Zauberstab antippte. Sofort verstummte das Pfeifen, und eine Karte aus Pergament breitete sich über der Kugel aus. Linien umrissen Hogwarts, die Ländereien und Hogsmeade. Ein goldener Kreis umfasste das Gebiet, welcher von dutzenden roten Punkten umzingelt war. Einige schienen in den Kreis eindringen zu wollen, wichen aber nach wenigen Sekunden wieder zurück.

„Was hat das zu bedeuten, Albus? So viele Muggel auf einmal? Das hat es noch nie gegeben!"

Dumbledore sah stirnrunzelnd auf die Karte. Sofort fiel ihm auf, dass einige der Punkte sich zwar bewegten, aber sofort von den anderen abgefangen wurden, als der Abwehrzauber ihnen weismachte, sie müssten etwas dringendes an einem anderen Ort erledigen. Zudem waren die Punkte strategisch um den ganzen Kreis verteilt. Das war keine zufällige Gruppe, die sich dorthin verirrt hatte. Das war ein geplante Auskundschaftung, eine Kartierung des Muggelabwehrzaubers.

„Es scheint so, Minerva, dass wir die Muggel gründlich unterschätzt haben. Sie haben eben die Grenzen der Abwehrzauber aufgedeckt."

McGonagall sah ihn entsetzt an, dann blickte sie auf die Karte. Nach einer Weile musste sie zugeben, dass er recht hatte.

Dumbledore ließ die Karte wieder verschwinden und nahm ein goldenes Fernrohr aus dem Regal. Mit wenigen Schritten war er am Fenster, öffnete es und blickte mit dem Fernohr hinaus. Langsam glitt sein Blick über den verbotenen Wald, bevor er sich aus dem Fenster beugte und angrenzenden Bergzüge absuchte. Plötzlich erstarrte er.

„Soldaten. Ich sehe mehrere Gruppen von jeweils fünf Personen... mit, wie es aussieht, reichlich Kartenmaterial und...roten Fähnchen als Grenzmarkierung."

„Wir müssen das Ministerium darüber informieren! Die Vergissmichs -"

„Minerva, die Gedächtnisse zu verändern würde jetzt mehr schaden als nutzen. Ich fürchte, wir werden uns damit abfinden ,müssen, dass unsere Geheimhaltung keinen Bestand mehr hat. Wir können ebenfalls davon ausgehen, dass die Auftraggeber dieser Mission diese Operation von langer Hand geplant und alle relevanten Informationen an verschieden Orten gespeichert haben, wie es in der Muggelwelt heutzutage üblich ist. Die Gedächtnisveränderung würde noch mehr negative Aufmerksamkeit auf uns lenken. Die Situation ist schon jetzt mehr als ernst. Eine Verschärfung können wir uns nicht leisten."

McGonagall sah nicht ganz überzeugt aus.

„Ich verstehe deine Gründe, Albus, aber von Muggeln umzingelt zu sein, gefällt mir nicht. Du weißt, was über deren Waffen gesagt wird. Ganze Städte können sie vernichten!"

Albus seufzte tief.

„Ich weiß, Minerva. Aus diesem Grunde habe ich die Muggelabwehr verstärkt. Sie werden nun nicht nur mental, sondern auch körperlich abgewiesen. Und da ihre Waffen auf Elektronik angewiesen sind, funktionieren sie hier nicht."

„Dein Wort in Merlins Ohr, Albus. Die vielen Kinder...Ich möchte mir wirklich nicht ausmalen..."

Albus nickte nur.