Kapitel 29
„Was habe ich getan?" Eine Frage die immer wieder durch Jacobs Gedanken geisterte. Sein Kopf drehte sich dabei immer wieder nach rechts, in Richtung der bewusstlosen Hermine. Fast wäre er sogar ein, zwei Male von der Straße abgekommen, so sehr nahm ihn der Zustand seiner Gefährtin mit. Sie sah so schutzlos aus, so zerbrechlich. Doch das durfte nicht passieren. Er musste sich konzentrieren, ermahnte sich Jacob selbst und umfasste das Lenkrad noch verkrampfter.
Zum Glück für den Lederbezug der Steuereinheit des Volkswagens passierte Jacob kurz darauf die Dorfgrenze und nur Minuten später hielt er vorm Haus an. Das Haus, in welches er Hermine heute sowieso bringen wollte, allerdings unter sehr viel anderen Umständen. Und dass es nicht nach Plan lief, schien auch Billy Black zu spüren, denn er kam raschen „Rades" auf die Veranda und bedachte seinen Sohn mit fragendem Blick.
„Ist alles in Ordnung, Jake?", rief der geschafft wirkende Indianer. Und Billy wirkte nicht nur so, er war es auch. Jacob war ja nicht der einzige gewesen, der heute im Haus geputzt hatte. Allerdings war es bei Billy einer der Routineputztage, an welchen ihm Harry Clearwaters Witwe Sue immer tatkräftig unter die Arme griff. Eine Geste, die Billy dankend annahm, denn seine Diabetes verlangte ihm in letzter Zeit eine Menge ab. Wobei es dann da noch den Bonuspunkt gab, dass die beiden sich gut verstanden und Billy Sue nach Harrys Tod ebenso beigestanden war, wie sie ihm damals als Jacobs Mutter gestorben war.
Jetzt galt sein Blick jedoch erst einmal seinem Sohn, als dieser sein Auto umrundete und antwortete: „Ja … nein Dad, doch ich kann es dir jetzt nicht erklären. Ruf bitte die Ältesten zusammen. Es ist was passiert, von dem sie erfahren müssen."
Billys Blick versteinerte und entsetzt schaute er auf die Person in Jacobs Armen. Es war ein Mädchen, ohne Zweifel Hermine, die sein Sohn aus dem Auto hob und sie vorsichtig in Richtung Haus brachte. Was war mit ihr geschehen? Hatte es etwas mit den Cullens zu tun? Hatten sie etwa …? Billy wurde aus seinen Gedanken gerissen, da Jacob auf dem Weg zum Haus ihm noch zurief: „Und informiere Sam und das Rudel, dass Carlisle gleich ins Dorf kommt. Er hat meine Erlaubnis und bringt Hermines Eltern mit."
Dieser Satz schien Billy aus seiner Starre zu reißen. Er wollte erwidern, dass Jacob verrückt sei, ein kaltes Wesen auf ihr Land zu lassen. Doch dann kam ihm in den Sinn, dass es Carlisle war, der kam und dass dieser schon einmal hier war, um ihnen zu helfen. Schließlich hatte der Vampir damals Jacob geholfen, als dieser beim Kampf gegen Victoria verletzt worden war. Billy vertraute Carlisle mehr als jedem anderen Vampir und machte sich rasch daran, die anderen zu informieren. Jacob würde ihm schon erklären, was geschehen war und sah, nachdem er die Haustür passiert hatte, wie sein Sohn Hermine vorsichtig auf das Sofa bettete.
`Wie eine Maschine´, dachte Harry bei sich, als er die Gesten und Manöver von Carlisle beobachtete. Kein Zittern und keine hastige Bewegungen waren zu erkennen, als der blonde Arzt seinen Wagen über die Schotterpiste in Richtung Indianerreservat lenkte. Es dauerte gut zwanzig Minuten bis die ersten Häuser auftauchten, nachdem sie den Highway verlassen hatten. Eine ganz schöne Strecke, dachte sich der Gryffindor und ihm kam in den Sinn, dass Jacob diese sonst in seiner Wolfsform zu Fuß zurücklegte.
„Dort vorne ist es", erklärte Carlisle und steuerte in Richtung eines der kleinen Holzhäuser, welches zusammen mit einer Art Stall und einer kleinen Scheune eine Art Gehöft bildete. Hier lebte Jacob also und Harry betrachtete alles mit Neugier. Doch er war nicht der einzig Neugierige in der Umgebung. Denn als Carlisle Mercedes die Straße entlang fuhr, konnte man mehrere Einwohner des Ortes sehen, die dem Wagen Blicke hinterher warfen. Wobei einige Blicke, vor allem die der Frauen und Kinder, eine Mischung aus Unglaube und Skepsis wiederspiegelten. Harry erkannte, dass es weniger das Auto war, was diese Blicke hervor rief, sondern vielmehr der Fahrer. Denn wir sprachen hier davon, dass ein Vampir auf dem Land der Werwölfe anzutreffen war.
Minuten später endete ihre Fahrt vor Billy Blacks Haus und Hermines Eltern stiegen mit einer Geschwindigkeit aus, die Harry glauben ließ, sie hätten ähnliche Fähigkeiten wie Carlisle. „Wo ist Hermine?", fragte Henry ohne Umschweife und wurde von Jacob an der Tür empfangen.
„Sie ist im Wohnzimmer, Doktor Granger", erwiderte dieser und geleitete dann beide Grangers ins Haus. Harry und Carlisle folgten und trafen drinnen auf zwei neue Gesichter. Sie gehörten einerseits einer Frau im mittleren Alter, welche Harry sanft anlächelte und sie stellte sich als Sue Clearwater vor. Und die andere Person war Jacobs Dad Billy Black. Allerdings war das Gesicht, welches er zeigte nicht sanft und freundlich, wie man es vielleicht erwartet hätte sondern es spiegelte Unglaube und Überraschung wieder, vor allem als er Henry Granger gegenüber stand. Es sah fast so aus als stände ihm ein Geist gegenüber.
Harry wusste nicht wie er diese Szene einordnen sollte, denn im nächsten Moment galt seine Sorge einzig und allein seiner besten Freundin, die immer noch bewusstlos auf dem Sofa lag. Neben ihr kniete Carlisle und fühlte ihren Puls. „Alles in Ordnung, sie wird bald erwachen", sagte er und schaute dann zu Billy, der gerade Jane die Hand gegeben hatte.
Den Grangers schien ein Stein vom Herzen zu fallen, als sie Carlisles Worte hörten. Doch danach galt es erst einmal Billy und Sue zu erzählen, was der Grund für ihr doch sehr ungewöhnliches Zusammenkommen betraf. Schließlich war das Treffen heute ganz anders geplant. Zum einen wollte Jacob nur Hermine hier ins Reservat bringen, sie seinem Vater und seinen Freunden am gedeckten Kaffeetisch vorstellen und danach stand eigentlich eines der in La Push so beliebten Lagerfeuer am Strand auf dem Plan.
Doch es sollte halt nicht sein und so ließ Jacob den Kaffeetisch einfach Kaffeetisch sein und erklärte seinem Dad und Sue in groben Zügen was bei den Cullens geschehen war. Dabei bekam er von Billy ein Grinsen und von Sue einen bösen Blick zugeworfen, als er zu der Stelle mit dem Sich-lustig-machen kam. Allerdings wurden beide sofort ernst als Jacob ihnen erzählte, dass Hermine in der auf den Scherz folgenden Wut kurz davor gewesen war, sich zu verwandeln.
Am Ende schauten alle nachdenklich auf die schlafende Gryffindor hinab und es war Jane Granger, welche die eine Million Dollar Frage stellte. „Also wie nun soll dies alles möglich sein, Jacob? Wie soll Hermine ein Werwolf geworden sein, wenn nicht durch einen Biss von dir? Denn soweit ich es weiß, haben wir keine Indianer in unsere Familie."
Janes Stimme blieb während ihrer Fragen ruhig und sachlich. Vorbei war ihre Wut wie vorhin im Haus der Cullens und Harry schien zu spüren, dass Jane ihr Ausbruch schon etwas peinlich war. Allerdings bestand sie hier und jetzt auf eine Antwort und sah daher erwartungsvoll in Richtung von Hermines neuen Freund.
„Es tut mir leid, Mrs. Granger. Aber ich weiß es nicht. Ich habe keine Antwort", erwiderte Jacob ehrlich und sah leicht niedergeschlagen in Richtung der beiden Erwachsenen. Und bevor sich sein Sohn noch schlechter fühlen konnte, schritt Billy Black ein.
„Mrs. Granger ich glaube niemand kann ihnen darauf eine Antwort geben. Wir selbst kennen nur die alten Legenden, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Und so komisch es jetzt klingen mag, so ist es Carlisle und seiner Familie zu verdanken, dass die jüngeren Generationen, wie die von mir und Jacob überhaupt noch von den alten Geschichten gehört haben. Viel Wissen ist seit jener Zeit , der Zeit in welcher unser Stamm zum ersten Male auf die kalten Wesen getroffen ist, schon verloren gegangen und noch mehr hätte man vergessen, wären die Cullens nicht von Zeit zu Zeit hier aufgetaucht und hätten damit die Erinnerung an die kalten Wesen wiedererweckt."
„Und gibt es vielleicht eine Antwort in ihren Legenden, Mr. Black?", fragte Henry Granger.
„Sie können mich ruhig Billy nennen, Dr. Granger", erwiderte Jacobs Dad. „Und was ihre Frage angeht, so denke ich, sollten wir noch warten. Ich persönlich weiß es nicht. Doch ich bin auch nicht der Älteste im Stamm. Diese Ehre und die Aufgabe des Wahrens des Wissens obliegen dem alten Quil Alteara."
„Dann sollten wir ihn fragen", schlug Jane sofort vor, worauf Billy sie anlächelte: „Das werden wir, Mrs. Granger. Ich habe allen aus dem Stammesrat Bescheid gegeben und ich habe von Quil eine Nachricht erhalten, dass er sich beeilen und seinen Wachrundgang verkürzen würde."
„Er geht auch noch patroulieren? Wie alt ist den euer Stammesältester?", fragte Jane überrascht und Billy lachte auf: „Oh das ist wohl etwas falsch heraus gekommen, Mrs. Granger. Der alte Quil, richtig gesehen Quil Alteara III geht natürlich nicht mehr auf Patrouille. Ich meinte vielmehr seinen Enkel Quil Alteara V. Er gehört mit zum Rudel und bringt seinen Großvater nachher zu uns herüber."
Harry hörte dem Ganzen aufmerksam zu. Es war schon interessant zu erfahren, wie das Leben hier in einem Stamm so von statten ging. Allerdings fragte er sich im nächsten Moment, ob der Raum in dem sie sich befanden nicht vielleicht ein bisschen klein werden könnte, wenn noch mehr Leute kamen.
Eine Frage, die er sich offenbar nicht allein gestellt hatte. Sue schien ähnlich zu denken und stand plötzlich auf. Sie wandte sich an Jacob und meinte, dass es vielleicht besser wäre, wenn sie den Tisch mit dem Kaffee und dem Kuchen etwas an die Seite stellen würden. Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Die Altearas waren eingetroffen und ein junger, ähnlich wie Jacob gebauter Indianer half seinem Großvater durch die Tür ins Wohnzimmer.
„Oh Quil mein alter Freund, es ist schön, dass du kommen konntest", begrüßte Billy seine Gäste.
„Nun Billy, du klangst ja auch sehr besorgt und geheimnisvoll am Telefon. Wie kann ich da widerstehen?", erwiderte der alte Indianer und Harry horchte plötzlich auf. Etwas in der Stimme, die Tonlage und ihr Klang erinnerten den Gryffindor plötzlich an jemanden. Bevor er aber zu der Person schauen konnte, hatte man den alten Quil auch schon in Richtung Hermine geführt. Was folgte war eine Reaktion, die fast schon an eine Herzattacke heran reichte. Der alte Indianer ließ nämlich plötzlich seinen Stock fallen, starrte ungläubig auf das vor ihm liegende Mädchen und flüsterte kaum noch hörbar: „Beim Geist des Großen Bären … Blue Moon". Dann sackte er zusammen und sein Enkel konnte ihn gerade noch vor einem Sturz bewahren.
„Beruhige dich Alice. Harry wird schon nichts geschehen."
Esme versuchte nun schon fast eine halbe Stunde den Sorgen ihrer Tochter entgegen zu arbeiten. Aufgeregt wuselte Alice im Haus umher und immer wieder ging ihr Blick aus den großen Fenstern in Richtung wo das Indianerreservat lag.
Emmett und Rosalie nahmen das Ganze gelassener und vertrauten auf ihren Vater und Harry. Wieso sollten die Wölfe sie auch angreifen? Jacob hatte Carlisle schließlich die Erlaubnis gegeben und sie selbst hatten nichts getan was den Zorn der Werwölfe schüren könnte.
„Komm her Alice. Lass uns etwas Sport gucken. Das lenkt ab und du kannst dich vielleicht etwas entspannen. Nun komm scho …" Mitten im Satz brach der Vampir plötzlich ab und horchte auf. Sein Blick ging in Richtung Haustür und auch Rosalie und Esme waren alarmiert.
„Es kommt jemand. Oder vielmehr steht jemand vor der Tür. Frag nicht wie, aber es ist so", erklärte Esme, wobei Rosalie sie anschaute und verunsichert fragte: „Wie kann das sein. Wir haben niemanden kommen gehört?" Zwei Sekunden später läutete die Glock und dies wohl zum ersten Male seit langer Zeit. Denn sonst schafften es die Cullens immer an der Tür zu sein, bevor ein möglicher Gast auch nur dazu kam, die Klingel zu betätigen. Esme ging zur Tür und öffnete sie.
„Sie wünschen?", fragte sie freundlich und zwei blaue Augen leuchteten ebenso freundlich über eine Brille mit halbmondförmigen Gläsern zurück.
„Ich wünsche ihnen einen guten Tag, Mrs. Cullen", erwiderte ein alter Mann im langen Umhang und Esme wurde sofort klar, wer dies sein musste. Harrys Freund und Direktor seiner Schule.
„Oh Professor Dumbledore , was für eine Überraschung. Mit Ihnen haben wir ja nun gar nicht gerechnet", sagte Esme und bat den alten Mann ins Haus. Dabei entging ihr auch nicht der leichte Rotschimmer hinter dem weißen Bart. Er hatte so einen Anschein von ertappt worden sein und mit dem für ihn so typischen Funkeln im Auge entgegnete er: „Ich sehe also meine kleine Charade ist entdeckt worden. Ich hoffe sie nehmen es einem alten Mann nicht übel, Mrs. Cullen."
Im selben Moment schienen es die restlichen Familienmitglieder für richtig zu halten, sich auch vorzustellen. Wobei der Blick von Rosalie eher kühl blieb, während Alice und Emmett sich freundlich lächeln zu Esme gesellten und dem alten Zauberer die Hand gaben.
„Ich bin Alice Cullen, Carlisles jüngste Tochter und Harrys …"
„Alice, warte damit noch", unterbrach Esme den Enthusiasmus ihrer Tochter. Vielleicht sollte man dem alten Zauberer noch nichts von ihrer Beziehung erzählen. Emmett auf der anderen Seite sah Dumbledore nur fasziniert an und schien Parallelen mit einem Bildnis von Merlin aus den Geschichtsbüchern zu ziehen.
„Und ich bin Emmett, Harrys Trainer", stellte sich der bullige Vampir vor und fragte dann auch noch, ob Dumbledore ihm einige Zaubertricks zeigen könne. Etwas, das Esme einmal mehr in Verlegenheit brachte, Dumbledore jedoch nur schmunzeln und seinen Zauberstab hervor holen ließ.
„Was darf es denn sein, Mr. Cullen?"
„Ähm, weiß nicht", erwiderte Emmett auf diese Frage. Er hatte wohl nicht damit gerechnet. Allerdings schien Dumbledore zu denken, dass wenn er schon einmal den Zauberstab heraus geholt hatte, dass er ihn dann auch benutzen sollte. Und somit richtete er ihn auf seine linke Hand und ließ die Spitze über ihr kreisen. Das Ergebnis schien den Vampir in Verzückung geraten zu lassen, hatte sich doch in Dumbledores Hand einen kleine Schale wie aus dem Nichts gebildet, gefüllt mit kleinen, dunkelroten Perlen.
„Hier Mr. Cullen, greifen sie zu. Man nennt sie Blutdrops und sie sollen sehr gut schmecken. Nun ja, jedenfalls für Angehörige ihrer Gattung."
Sofort hatte der alte Zauberer die Aufmerksamkeit aller im Raum und jeder schaute auf die kleine Schale. Emmett griff natürlich sofort zu, nahm einen Drops in den Mund und rief zwei Sekunden später überrascht: „Wow Erdbeere, ich schmecke Erdbeeren. Wie ist das möglich? Oh ich liebe Erdbeeren, oder besser habe sie geliebt ... damals als ich noch lebte."
„Zauberei, Mr. Cullen und natürlich Zaubertrankkunde. Genießen sie sie ruhig. Ich glaube für jeden werden sie anders schmecken", entgegnete Dumbledore und stellte die Schale auf den Tisch, damit auch die drei Frauen kosten konnten.
Dann aber wandte er sich an Esme und meinte, er wäre eigentlich hier, um nach Harry zu schauen. Es überraschte ihn schon, dass sein jungen Freund noch nicht hier war. Ging es ihm denn wieder schlechter? Die letzten Briefe von Carlisle klangen doch so positiv.
„Oh Professor", antwortete Esme, „ es ist heute etwas kompliziert. Wir hatte vorhin einen kleinen Vorfall mit Harrys Freundin Hermine und sie sind jetzt mit Carlisle und den Grangers im Indianerreservat von La Push."
Das Gesicht von Albus Dumbledore schien es vielleicht nicht oft zu zeigen, doch spiegelte sich in diesem Moment eindeutig Überraschung wieder. „Verzeihung Mrs. Cullen, sagten sie eben Hermine Granger? Heißt das sie ist auch hier?"
„Ähm ja, Professor", antwortete die blonde Vampirfrau und nachdem sie dem alten Mann einen Platz angeboten hatte, erzählte sie ihm von den Geschehnissen der letzten Tage. Auch kam nun Alice zu Wort und brachte ihre Beziehung zu Harry ins Spiel. Überrascht wurde sie dann aber dahingehend, dass Dumbledore dies nicht weiter kommentierte oder sich sogar dagegen aussprach und dies erleichterte Harrys Freundin immens. Dumbledore schien ein sehr weiser Mann zu sein und nach gut einer halben Stunde, beschloss er sich auf den Weg nach La Push zu machen. Jedoch nicht ohne das Versprechen zurückzukehren.
„Oh Shit, Grandpa was ist los?", rief der jüngere Quil und sah hilflos auf. Doch zum Glück gab es ja heute gleich mehrere Ärzte im Raum. Carlisle reagierte sofort und untersuchte den alten Mann. Ein Unterfangen, welches wohl unter normalen Umständen niemals zustande gekommen wäre. Ein Vampir hilft einem Werwolf. Ging es noch verrückter? Eine Minuten später gab Carlisle jedoch Entwarnung und sagte: „Es ist alles in Ordnung, Quil. Dein Großvater ist nur ohnmächtig. Allerdings würde es mich interessieren, wieso gerade Hermines Anblick dies ausgelöst hat. Hat er sie vielleicht schon einmal gesehen?"
„Ich habe keine Ahnung, Dr. Cullen. Ich meine, ich selbst kenne sie nicht einmal und glaube mein Großvater noch weniger. Er kommt ja kaum noch aus dem Dorf heraus", erwiderte Quil und fügte hinzu: „Genauso wenig weiß ich davon, was oder wen er mit Blue Moon meint."
Letzteres schien alle im Raum zu beschäftigen. Allerdings gab es da eine Person in ihrer Runde deren Geist noch stärker arbeitete als der der anderen und dieser Jemand schien der Lösung dieses Rätsels immer näher zu kommen. Einmal mehr erkannte Harry, dass Doktor Granger ein sehr schlauer, durchdenkender Mensch war. Immer wieder flüsterte er den Namen „Blue Moon" und schaute dabei zwischen dem alten Indianer und seiner Tochter hin und her. Allerdings wandelte sich seine Stimme dabei immer weiter von fragend zu ungläubig, bis er schließlich aufstand und mit zittrigen Händen sagte: „Oh mein Gott, das kann nicht sein."
„Henry, was hast du? Was kann nicht sein?", fragte Jane ihren Mann und ein merklich aufgeregter Henry Granger flüsterte: „Ich weiß jetzt, woher ich den Namen Blue Moon kenne."
„Wirklich?", fragte Jacob und schaute neugierig zum Vater seiner Freundin. Doch da erging es ihm nicht allein so, denn auch die anderen im Raum bedachten den Zahnarzt jetzt mit einem erwartungsvollen Blick.
„Ja. Nur kenne ich diesen Namen aus einem Märchen, einer Gutenachtgeschichte, die Oma Cathrin meiner jüngeren Schwester Elizabeth immer erzählt hat. Später dann auch Hermine, woher sie wahrscheinlich auch von den Quileute weiß."
Natürlich horchten jetzt alle Angehörigen des Stammes auf und verfolgten das Gespräche der beiden Erwachsenen voller Neugier. „Du meinst die Prinzessin und der Indianerjunge? Das Märchen, welches Hermine fast bei jedem Besuch deiner Mutter hören wollte?", fragte Jane ihren Mann und dieser nickte. „Ja genau diese Geschichte."
„Also von dieser Geschichte habe ich noch nie gehört, Doktor Granger", sagte Billy Black und schaute den ihm gegenüber sitzenden Mann nachdenklich an. „Ich meine, wenn unser Stamm, die Quileute darin vorkommen, dann sollte doch zumindest wir davon wissen. Oder meinen sie nicht?"
„Ich denke schon, Billy. Doch in meinem Kopf, und unter diesen Umständen, gibt es da vielleicht eine durchaus schlüssige Antwort darauf. Eine Antwort die vielleicht ein wenig verrückt klingt und doch logisch sein könnte." Mit diesen Worten stand Doktor Granger plötzlich auf, nahm sein Mobiltelefon aus der Sakkotasche und ging in Richtung Fenster. Dort angekommen hielt er das Handy in die Höhe, als wollte er sehen, ob er Empfang hatte und wandte sich dann wieder an Billy Black. „Allerdings habe ich da noch eine Frage an dich, Billy. Und zwar ist mir etwas aufgefallen, als wir vorhin rein gekommen sind. Etwas, dass du vielleicht nicht einmal bewusst machen wolltest. Doch du hast mich mit einem für mich sehr sonderbaren Blick angesehen. So als wäre ich ein Geist oder so. Warum?"
Alle schaute Henry Granger überrascht an und Harry wurde klar, dass er nicht der einzige gewesen war, der diese Geste von Billy Black bemerkt hatte. Jedoch schien der Dad von Jacob ob dieser Frage etwas überrumpelt und es brauchte einige Augenblicke, bevor er sich straffte, kurz zwischen den Alteras und Henry Granger hin und her blickte und erwiderte: „Nun Henry, du hast recht. Ich war überrascht und glaubte in dir jemanden zu sehen, den ich kannte. Ein guter Freund, der leider schon von uns gegangen ist."
„Und wen meinst du?", hakte Henry nach und sah schon wieder in Gedanken zu Quil und seinem Großvater.
„Ich denke niemanden den du kennst, Henry. Woher auch. Ich denke, ich habe mich getäuscht und mein Geist hat mir einen Streich gespielt", versucht Billy die ganze Sache zu beenden.
„Das war nicht meine Frage", sagte Henry Granger plötzlich streng und alle horchten auf. Einen solchen Tonwechsel hatte sie nicht erwartet, am wenigsten wohl Billy. Keiner konnte ja ahnen, dass Henry so etwas nur machte, wenn ihn etwas sehr beschäftigte. Allerdings schien der forsche Ton auch Billy aus der Bahn zu werfen und obwohl er eigentlich hätte gekränkt sein müssen, antwortete er wie ein Schuljunge verdattert: „Ich dachte für einen Moment ein alter Freund steht mir gegenüber. Ich dachte ich sehe Quils Vater in dir."
Alle im Raum schauten Billy Black an und vor allem bei der Gruppe der Indianer konnte man sehen, dass sie plötzlich Quil und Henry verglichen. Dieser jedoch ging nicht weiter auf die Aussage von Jacobs Vater ein und dies verwunderte Harry schon ein wenig. Vielmehr beschäftige sich Henry wieder mit seinem Telefon und wählte eine Nummer.
„Henry, was meinst du damit? Wen willst du anrufen?"
Jane schaute fragend in Richtung ihres Gatten, doch der hob nur die Hand, als wolle er um etwas Zeit bitten. Zeit, die Billy Black nutzte, um Jane nach der Geschichte um die Prinzessin und den Indianerjungen zu fragen. Hermines Mum überlegte kurz und sagte dann im erklärendem Ton: „Also Billy, ich selbst habe die Gesichte nicht ganz so oft gehört wie Henry oder Hermines. Doch sie handelt, wie schon der Titel es sagt, von einer jungen Prinzessin, die sich auf einer Reise durch die Welt unsterblich in einen Indianerjungen verliebt hat. Doch ihre Liebe durfte nicht sein, da sie weder von der einen noch von der anderen Familie geduldet wurde. Schließlich war das Mädchen eine Prinzessin und schon seit ihren Kinderragen einem Prinzen in ihrem eigenen Land versprochen…"
„… doch in der letzten Nacht vor der Abreise in die ferne Welt ihrer Ahnen …", erklang mit einem Male Hermines verwirrte Stimme, „… schlichen sich beide, die Prinzessin und ihr Indianerjunge, aus dem Haus und während der Mond in dieser Nacht hell leuchtete, gab er ihr den Namen Blue Moon. Dann schenkte der Junge der Prinzessin zum Abschied ein Samenkorn für die wohl schönste Blume der Welt, genannt die Blume der wahren Liebe, auf dass sich die Prinzessin auf ewig an ihn erinnern würde …"
„Oh Hermine, du bist wieder wach", rief Jane Granger überrascht und unendlich erleichtert. Sie nahm ihre Tochter in die Arme und drückte sie ganz fest an sich. Unterbrochen wurde sie dabei nur von der Stimme ihres Mannes, der offenbar denjenigen, den er versuchte anzurufen auch erreicht hatte. Sofort lagen alle Blicke auf ihm, sogar die des alten Quil, der auch wieder zu sich gekommen war und seinen Blick weder von Hermine noch von ihrem Vater nehmen konnte.
„ … bei Grangers …", erklang eine ältere, weibliche Stimme.
„Hallo Martha, ich bin es Henry", meldete sich Hermines Dad.
„Henry, hast mal auf die Uhr geschaut? Ihr Frau Mutter ist gerade zu Bett." Die Stimme, auch wenn sehr leise, klag für Harry auch so als wäre die Person am anderen Apparat ziemlich müde.
„Ja Martha, ich weiß wie spät es ist. Ich habe den Zeitunterschied nicht vergessen. Aber es ist wichtig, dass du mir meine Mutter kurz ans Telefon holst."
„Oh mein Gott. Hermine, was ist mit ihr? Habt ihr das Rehlein gefunden? Geht es ihr gut?" Von einer auf die andere Sekunde war eine andere Stimme aus dem Hintergrund zu hören. Und nachdem Martha, die Haushälterin von Mrs. Granger sen. den Hörer weitergegeben hatte, konnte man ein ziemlich muntere, aufgeregte Stimme hören und wie diese Henry mit Fragen löcherte.
„Rehlein? Wölflein trifft es wohl eher", entfuhr es Jacob und der Indianer handelte sich einen bösen Blick seitens Jane Granger ein. Sofort kuschte er und schaute aus dem Fenster, das Ohr aber trotzdem in Richtung Henry Granger gerichtet.
„Es geht ihr gut, Mutter. Den Umständen entsprechend und daher ist es ja auch so wichtig, was ich dich fragen will." Henry blieb sachlich und förmlich, wie seine Erziehung es ihm einst gelehrt hatte. Harry wurde dabei etwas an Draco Malfoy erinnert und wie dieser sich in Begleitung seiner Mutter gegeben hatte. Doch nie hätte der Gryffindor vermutet, dass Hermines Dad ebenfalls solch ein Benehmen an den Tag legen konnte. Nicht nachdem, wie sich der Arzt in den letzten Tagen gegeben hatte. Eine ganz andere Frage war für Harry, wieso Henry Hermines Großmutter plötzlich so dringend sprechen musste? Hatte es etwas mit Hermines Zustand zu tun? Alles Fragen die dem Gryffindor ein mulmiges Gefühl im Bauch bescherten.
„Nun gut Henry, dann sag mir, was du wissen willst.", erklang erneute die Stimme aus dem Telefon und Henry Granger schien einen Moment zu zögern, um seine Worte richtig zu wählen. Offenbar fiel es ihm nicht leicht, doch das Wohl seiner Tochter ging vor und so erwiderte er: „Ja Mutter. Ich habe im Prinzip zwei Fragen. Fragen unsere Familiengeschichte betreffend und auch deine Jugend."
„Henry was soll das?"
„Mum", Doktor Granger änderte plötzlich seinen Ton. „Es geht um die Geschichte, die Geschichte von der Prinzessin und dem Indianerjungen, welche du Elizabeth und mir früher immer erzählt hast. Mum sag mir bitte, ist sie es wirklich nur eine Geschichte? Oder steckt in ihr auch eine gewisse Wahrheit oder haben Teile von ihr gar eine andere Bedeutung als es vielleicht für ein Kind den Anschein hat? Mum, es ist wirklich wichtig. Du weißt schon, den Samen für die Blume der Liebe schenken. War es wirklich eine Blume?"
Es dauerte einige Sekunden bis sich Henrys Mutter wieder meldete und erneut fragte: „Henry was soll das? Was hat das alles mit Hermine zu tun?" Man konnte aber merken, dass die Worte sehr verkrampft heraus kamen und daher legte Henry nach.
„Nun Mum was es damit zu tun hat? Vielleicht gar nichts, vielleicht alles. Doch unter Umständen hilft es dir ja, wenn ich dir sage, dass wir uns derzeit in den USA, im Bundesstaat Washington und noch genauer im Reservat der Quileute Indianer befinden. Vielleicht hilft es dir, wenn ich sage, dass ich hier gerade mit einigen Stammesmitgliedern zusammen stehe und Hermine sich vor einer Stunde fast vor meinen Augen in etwas verwandelt hätte. Ein Wolf wenn man die Zeichen richtig deutet."
Und noch bevor Hermines Mutter eine Chance für eine Antwort bekam, ließ Henry Granger die Bombe platzten. Er atmete noch einmal tief durch und stellte die Frage, die ihn wohl in den letzten Minuten mehr beschäftigt hatte als alles andere. Die Frage die ihm, seit er von Billy gehört hatte, dass seine Tochter nicht durch einen Biss zum Werwolf geworden, sondern es genetisch veranlagt war, auf der Seele brannte und die Henry wohl am schwersten zu stellen fiel. Wie stellte man seiner Mutter auch so einen Frage?
„Mum, ich weiß du bist als junges Mädchen viel gereist. Du hast die Welt und viele Länder kennen gelernt, genau wie die Prinzessin in der Geschichte. Mum, ich weiß es, denn ich habe die Bilder in deinem Alben gesehen. Bilder aus den Anden und Indien und auch, wie du mit dem jungen, großen Indianer auf den wilden Pferden geritten bist. Mum, du sahst dabei immer so glücklich aus. Etwas in deinem Blick, eine Strahlen in deinem Gesicht, welches du nicht einmal auf deinem Hochzeitsbild hast. Und daher muss ich es jetzt wissen. War Henry Granger mein Vater?"
Jedes Geräusch im Raum war verstummt und jeder war schockiert über Henry Grangers Frage. Am meisten überrascht schien jedoch seine Mutter selbst, denn von ihr hörte man keinen Ton aus dem Telefon. Es kam keine Empörung oder eine andere Antwort… nur Stille. Eine Situation, die bei Hermines Vater mit einem Male ein wirklich besorgtes Gesicht hervor rief. Was hatte er getan? Seine Mutter war keine Zwanzig mehr. Was wenn sie plötzlich einen Schock bekam, der ihrem Kreislauf nicht gut tat?
„Henry, wie kannst du so etwas fragen?", rief Jane und schaute ihren Mann entgeistert an. Allerdings wusste sie, dass Henry niemals etwas grundlos tat und daher wechselte ihr Blick zwischen Hermine und Henry hin und her, bis sich plötzlich ein leises Schluchzen in die Stille mischte. Es kam aus dem Telefon und man konnte Henry Granger leiser sagen hören: „Alles in Ordnung Mum. Ich wollte dich nicht schocken."
„Henry … oh Henry … ich weiß nicht wie …"
„Schon gut Mum …"
„Nein Henry lass mich. Du musst verstehen … du sollst wissen, das … Ich trage diese Geheimnis nun schon so lange mit mir herum. Henry ich weiß nicht wie ich es dir sagen soll …"
„Sag es einfach, Mum. Ich bin schließlich schon groß und würde und werde dich niemals anders sehen, als das was du bist… meine Mutter", versuchte Henry seine Mutter weiter zu beruhigen.
„Henry du hast Recht, ich bin in meiner Jugend viel gereist und war auch in den Staaten. Ich … ich wollte einfach so vieles mitnehmen wie möglich, bevor ich deinen Vater heiraten sollte."
„Meinen Vater?", fragte Henry hoffend worauf Mrs. Granger ihn sofort unterbrach, damit ihr Sohn keine falschen Schlüsse zog. „Henry bitte, du darfst eines nie vergessen. Henry Granger hat dich über alles geliebt. Er hat dich groß gezogen und du bist sein Sohn in allem, außer dem Blute."
Harry sah wie Hermines Vater seinen Arm mit dem Mobiltelefon sinken ließ und geradeaus starrte. Wobei er nicht der einzige im Raum war, dem es die Sprache verschlagen hatte. Hermine, Jane, Jacob alle mussten sich für einen Moment sammeln und keine schien mit zu bekommen, wie Mrs. Grangers Stimme sorgenvoll aus dem Hörer schallte.
Sekunden verstrichen bis Henry das Telefon wieder aufnahm und er seine Mum fragte: „ Wenn Dad nicht mein leiblicher Vater war, Mum, liege ich dann richtig, dass mein biologischer Vater Quil Alterra heißt?"
„Henry woher?", entgegnete Kathrin Granger überrascht.
Doch ihr Sohn sagte nichts weiter, sondern schaute nur zum Sofa wo Hermine lag und zum Sessel daneben, auf welchem sich der alte Quil niedergelassen hatte. Zu ihm ging er schließlich und reichte ihm das Mobiltelefon. Zitternd und nur langsam verstehend, was ihm hier gerade offenbart wurde, nahm der alte Indianer das Gerät, führte es an sein Ohr und sagte mit tiefer Stimme: „Hallo Blue Moon."
