Absage wäre am Besten

Was… Was… Was hatte er nur getan? Wozu hatte er sich hier hinreißen lassen? Wo war Remus Lupin in diesem Augenblick gewesen, als er seinem Schüler erlaubt sich ihm so zu nähern? Sonst war sein Verstand doch immer da und er dachte über vieles vielleicht sogar zu oft und lange nach, aber… Remus schämte sich im Grund und Boden und wollte am liebsten im Letzteren versinken.

Nicht nur, das Draco da gerade stand, wie ein Häufchen Elend und sich selbst im Arm hielt, als ob Remus ihm gerade das Herz gebrochen hatte… Was sein Schüler nicht wissen konnte, war das ihm gerade das Herz in zwei gebrochen war, als er den Patronus gesehen hatte. Erst sein zweiter Gedanke galt Draco, der wohl nicht einfach so einen Wolf als Patronus hatte.

Dora… Doras Patronus war ein Wolf gewesen, seit sie ihre Gefühle für Remus entdeckt hatte und jetzt? Remus verfluchte sich selber dafür, Lehrer in Verteidigung gegen die dunklen Künste zu sein, sonst könnte er sich vielleicht einreden, das es möglich war, das zwei Patroni dieselbe Gestalt annahmen. Aber er konnte sich das nicht schön denken…

Entweder war Dora etwas passiert oder sie hatte… Nein, nein, nein! So schnell doch nicht! Remus schlug unbewusst mit der Faust auf die Tischplatte und brachte Draco zum erschrockenen Zusammenzucken. Oh, Merlin! Den hatte er annähernd vergessen und das konnte er doch nicht, nach gerade eben.

„Entschuldigen Sie…", murmelte er Gedanken versunken und schluckte bei dem schmerzvollen Gesichtsausdruck, den Draco ob dieser Anrede aufsetzte. Oje, das ertrug Remus nicht. Bitte nicht so ansehen… „Macht der Gewohnheit.", sagte er schnell.

„Warum… entschuldigst du dich?", fragte Draco und schien sich noch fester im Arm halten zu wollen. Als wollte er lieber, das sein Lehrer ihn in dem Arm nahm. Aber sein Lehrer durfte das nicht, auch wenn er Draco gerne das Gefühl geben wollte, das er nicht alleine war und jemand hier war, der ihn halten konnte.

„Für den Schlag…", sagte Remus vorsichtig und ging auf Draco zu, der sich leicht duckte, als hätte er Angst vor Remus. Nein, nein! Das war falsch! Aber richtig im Moment… Nur was nach dem Moment?

Zögerlich legte Remus die Hände auf Dracos Schultern und drückte den Kleineren an sich. „Du bist nicht allein…", sagte er und Draco hob augenblicklich den Kopf.

„Was?", fragte er. „Was hast du gesagt, Remus?" Draco hörte auf sich selbst im Arm zu halten und krallte sich an Remus Brust fest um ihn von unten anzusehen. Seine Augen hielten keinen Blickkontakt, aber sie strahlten silbern, wie das Mondlicht auf dem Seewasser. Gespannt biss Draco sich auf die immer noch stark gerötete Unterlippe und wartete auf Remus Antwort.

„Ich kann dich halten, Draco.", sagte Remus ohne genauer darüber nachzudenken. Nur nicht mehr so zittern… „Das musst du nicht selber machen."

Dracos Gesichtszüge hellten sich auf und ein verklärtes Lächeln schlich sich darauf. Langsam lehnte Draco sich vor und lehnte die Wange gegen Remus Schulter um sich an seinen Professor zu kuscheln. Seinen Professor! Professor! Das ging nicht, nein! Er ruinierte Dracos Zukunft damit… aber wenn er jetzt etwas Falsches sagte, über das er noch nicht ansatzweise nachgedacht hatte, dann würde Draco ihn hassen und nie wieder sehen wollen…

„Remus…", sagte Draco sanft und es klang wie das Geräusch von leichten Nieselregen, wenn man sonntags nicht aufstehen musste. Etwas das Remus eben gerne hörte und Dracos Stimme klang so anders, wenn er sich dazu durchrang seinen Lehrer beim Vornamen zu nennen.

Er konnte ihn nicht wegstoßen, nein… Aber er konnte ihn auch nicht halten. Vielleicht sagte er, dass er konnte, aber nein, er konnte nicht. Es ging nicht um wollen oder nicht wollen, sondern um können. Ohne können gab es auch kein wollen, das hatte Remus immer so gemacht. Gar nicht erst darüber nachdenken, dass man diese andere Marke Earl Grey mal probieren wollte, weil man es eben nicht konnte. Das machte es einfacher.

„Woran hast du gedacht, Draco?", fragte Remus leise und bewegte seine Hand langsam auf das weißblonde Haar zu. So weich… Er lächelte nur für einen kleinen Moment, als er das seidige Haar berührte. Merlin, er kam sich vor wie ein perverser, lüsterner alter Mann, der sich über seine Schutzbefohlenen hermachte und das gehörte sich absolut nicht.

Das war jetzt passiert und das bedeutete schon Verantwortung. Remus durfte nichts falsch machen und konnte sich später dafür bestrafen, das er es überhaupt soweit hatte kommen lassen. Er hätte es merken müssen, dass sein Schüler solche Gefühle hatte. Aber das war ein Malfoy und wie er es gewohnt war, lag diese Mauer vor den Augen, die einen unsicher werden ließ, was man in ihnen las.

„Draco? Woran hast du gedacht?", fragte Remus und senkte das Kinn um auf den Scheitel seines Schülers zu schauen. Selten hatte sich jemand so fest an ihn gekrallt und Remus bezweifelte, das Draco wirklich realisierte, wen er hier als menschliche Stütze gebrauchte.

„Das du mich im Arm hältst…", wisperte Draco und schob die Hände unter Remus Arme hindurch auf dessen Rücken, bevor er sich noch dichter an seinen Lehrer drückte. Leise seufzend rieb Draco die Wange an dem zerschlissenen Stoff von Remus altem Umhang und das schien ihn tatsächlich nicht zu stören. Aber Remus störte es! Meine Güte, er könnte Dracos Vater sein und nicht mal dessen Schuhe bezahlen!

Das er ihn im Arm hielt? Das machte Draco Malfoy so glücklich, das er nach so vielen Misserfolgen endlich einen gestaltlichen Patronus erzeugen konnte. Remus lächelte leicht. Dieses Gefühl war wunderbar. Gebraucht zu werden und auch helfen zu können, aber…

„Komm mit.", seufzte Remus und nahm die Hände von Draco.

Ein bisschen perplex schaute Draco ihn wieder von unten an und strich mit den Fingern über die Brust von Remus, bevor er die Hände ineinander verknotete. Einen Moment kaute er auf seiner Unterlippe herum, was er ziemlich oft tat, wie Remus aufgefallen war, und zuckte dann mit den Schultern.

„Das geht mir ein bisschen schnell…", murmelte Draco und schaute Remus entschuldigend an.

Ach, du… Remus wandte den Blick ab. Was dachte der Junge von ihm? Das er ihn jetzt hier auf ein Pult pressen und sich über ihn hermachen würde?

„Remus?" Draco griff nach Remus Hand, die der ihm schnell wieder entzog.

„Hm?", machte Remus fragend und schüttelte den Kopf, bevor er Draco anlächelte.

„Du darfst nicht ‚Hm' machen…", murmelte Draco unsicher auf Grund von Remus Reaktion und glücklich wegen dem Lächeln das er geschenkt bekam. Remus hatte keine Ahnung was er darauf antworten sollte und ließ Draco weiter reden. „Es ist nur…" Er verzog die Mundwinkel. „Ich kenn mich da nicht aus, in…"

„Draco, ich will dir nur deine Entschuldigung für Professor McGonagall schreiben.", unterbrach Remus den Slytherin, bevor er etwas sagte, das Remus so rot wie eine überreife Tomate werden ließ. Er konnte sich zwar denken, was Draco hatte sagen wollen, aber sowas wollte er nicht hören.

„Oh…", machte Draco und klang tatsächlich ein bisschen enttäuscht. Oh, Merlin! Das würde Remus aber nicht zulassen. Niemals… Hatte er bei einem Kuss auch mal gesagt, oder? Nein, aber soweit sicher nicht.

„Komm bitte einfach in mein Büro.", sagte Remus unsicher und fasste Draco an der Schulter.

„Willst du mich loswerden?", fragte Draco, ließ sich aber auf die kleine Steintreppe zudrücken, die in das Turmzimmer mit Remus Büro führte. „Remus?"

„Du hast noch Unterricht, Draco.", sagte Remus und lächelte Draco kurz an, worauf der sich kurzerhand gegen seinen Professor lehnte und die Arme um dessen Taille schlang. „Ähm…" Remus räusperte sich, während Draco sich weiter an ihn kuschelte. Überhaupt ein Wunder, das er jemanden so nah heranließ, aber dann ausgerechnet Draco Malfoy? Vielleicht Nebenwirkungen des Wolfsbanntrankes? Aber Severus würde nichts falsch machen und 

absichtlich irgendwas unterjubeln, das ihn zu solchen Handlungen trieb auch nicht. Das musste etwas anderes sein…

„Wann soll ich nachher wieder kommen?", fragte Draco und musste sich jetzt von Remus lösen, damit der die Treppe hochgehen konnte.

„Ähm…" Remus kratzte sich an der Schläfe und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. „Ich denke…"

„Remus? Weißt du was Gummibärchen sind?", fragte Draco und ließ sich ungefragt auf den Stuhl fallen, den er sonst so gerne ignoriert hatte. Sein Blick haftete an dem Tebo-Frischling, das gerade ein wohlverdientes Nickerchen hielt.

„Natürlich.", sagte Remus ein bisschen verwirrt und bekam ein strahlendes Lächeln von Draco zu sehen. Als ob es so etwas Besonderes sei zu wissen, was Gummibärchen waren… Aber Remus konnte nicht anders als zurückzulächeln.

„Wo kriegt man sowas?", wollte Draco wissen und inzwischen schien sein Lächeln festgetackert zu sein. Fragend legte er den Kopf schief und strich sich fast fahrig durch die weißblonden Haare, bevor er sie schnell wieder richtete.

„Im ‚Honigtopf' wahrscheinlich nicht…", sagte Remus und massierte sich die Schläfen, da er einfach kein leeres Stück Pergament finden wollte. „Aber sonst in jedem Süßwarenladen."

„Süßwaren?", fragte Draco und verzog leicht die Mundwinkel, bevor er den Kopf schüttelte. „Ach, deswegen Gummi…"

„Wohl eher Gelatine.", sagte Remus und suchte immer noch ein neues Pergament. „Warum fragst du? Muggelsüßigkeiten sind nicht sehr spannend." Und das sich ein Malfoy dafür zu interessieren schien, war merkwürdig. Draco musste anders sein… oder? Anders als sein Vater und… Nein, nein, nein! Nicht jetzt denken!

„Das wird eine Überraschung.", sagte Draco und grinste fast fies. Wenn Remus Snape gewesen wäre, dann würde er sich jetzt sehr unwohl fühlen und gerne wissen, was Malfoy vor hatte, wollte er eh…

„Ah…", machte Remus, als er endlich ein Pergament gefunden hatte und kritzelte schnell eine Notiz für Minerva darauf.

„Wo hast du die Tinte her?", fragte Draco und zog die Augenbrauen zusammen, als Remus den Kopf hob um ihn anzusehen.

„Wieso?", fragte Remus zurück und Malfoys Mundwinkel zuckten kurz.

„Ich hab deine doch an… die Wand geworfen.", sagte Draco und klopfte mit den Fingern auf der Armlehne herum.

„Ich bin durchaus im Besitz von mehr als einem Fass Tinte, Draco.", log Remus, der sich in Wahrheit eines von Charity geborgt hatte. Die Federkiele waren mit Reparo schnell wieder repariert und die Hauselfen hatten ihm ebenfalls geholfen Dracos Chaos zu beseitigen.

Draco schrumpfte leicht zusammen. „Entschuldige, ich wollt nicht…", fing er schon wieder an sich zu entschuldigen. Das passte mal so gar nicht und war Remus mehr als unangenehm. Er wollte ja niemanden beeinflussen.

„Du brauchst dich nicht entschuldigen.", sagte Remus und schob Draco die Notiz für die Hauslehrerin von Gryffindor zu. „Jetzt aber los mit dir."

Dracos Unterlippe war nur noch an der Stelle gerötet, auf der er ständig herum kaute, aber noch nicht so fest, dass sie blutete. „Wann soll ich wiederkommen?", fragte er noch einmal.

„Heute ist es schlecht.", sagte Remus und schluckte unauffällig.

Enttäuscht ließ Draco den Kopf hängen und zuckte mit den Schultern. „Schon klar…", sagte er kühl und betrachtete wieder das Tebo.

„Ich würde sagen am Donnerstag Abend.", sagte Remus und bemerkte den niedergeschlagenen Blick, den Draco ihm aus den Augenwinkeln schenkte. „Wegen dem Praxistest gab es keine Hausaufgaben, also… Du wirst Verteidigung weiter belegen, nicht wahr?"

Draco nickte. „Ich kann es…", fügte er leise hinzu und Remus musste lächeln.

„Das freut mich.", sagte Remus. „Dann sehen wir uns am Donnerstag im Unterricht."

„Erst am Donnerstag?", fragte Draco und drehte ruckartig den Kopf. Er lehnte sich leicht nach vorne und klammerte sich an Remus Tischkante fest. „Aber ich…" Er stockte und zuckte mit den Schultern. „Okay, in Ordnung.", sagte er und machte keine Anstalten aufzustehen.

„Du solltest jetzt gehen, Draco.", sagte Remus und nickte zum Abschluss. „Verwandlung ist keineswegs ein Fingerschnippen, nicht wahr?"

Langsam nickte Draco, steckte das Pergament von Remus ein und richtete sich auf. Die Hände stemmte er auf der Tischplatte ab und lehnte sich soweit er konnte vor, um seinem Professor dann einen sehnsüchtigen Kuss auf die Lippen zu geben. Remus war zu überrascht um zurückzuweichen oder zu erwidern und blinzelte ein bisschen perplex.

Schwer durch die Nase ausatmend löste Draco sich wieder und schaute für einen Moment in Remus Augen, bevor er sich der Stirn zu wandte. „Ich seh dich beim Essen.", hauchte er und richtete sich schnell auf, um sich verlegen durch die Haare zu fahren. „Bis dann, Professor Lupin." Draco presste sich eine Hand auf den Mund, damit man sein Kichern nicht so deutlich hören konnte und verschwand dann aus Remus Büro, wobei er es sich nicht nehmen ließ, noch einmal zurückzuschauen und zu grinsen, bevor er mit voller Wucht gegen den Türrahmen prallte.

Remus fuhr ruckartig hoch und beobachtete, wie Draco sich mit beiden Händen übers Gesicht rieb, bevor er sich wieder Remus zuwandte. „Nichts passiert…", murmelte er, hob die Hand zum Abschied und verschwand jetzt wirklich.

Seufzend ließ Remus sich wieder auf seinen Stuhl sinken und schnappte sich hastig noch ein Pergament. Er musste wissen, ob mit Dora Alles in Ordnung war…