"Unprotected, defenseless, drifting through the void.

Forever at the mercy of all starving wolves."

- 'Beyond Redemption', Heaven Shall Burn

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Daryl dachte die ganze Nacht darüber nach, was er davon halten sollte, dass Rick Pete erschossen hatte. Auch wenn Deanna ihm das Kommando dazu gab, so war Rick dennoch verantwortlich für den Tod des Mannes und irgendwie wurde Daryl den Eindruck nicht los, dass er ihn ebenfalls in gewisser Weise provoziert hatte.

Ricks Verhalten machte ihm Sorgen. Aber nicht nur das war ein Problem, um das er sich kümmern musste. Auch Judiths Verschwinden gehörte zu den Dingen, die die Welt nicht leichter machten.

Im Innersten hoffte er darauf, dass sie vielleicht wirklich nur davongelaufen war und sich nie wieder blicken ließ, doch ging ihm das, was Morgan gesagt hatte nicht aus dem Kopf.

Männer, die sich für Wölfe hielten... Das war kein gutes Zeichen. Er wischte sich die Haare aus der Stirn und erhob sich von seinem Nachtlager.

Wenn er nicht sofort etwas tat und einen Suchtrupp zusammenstellte, dann würde er noch verrückt werden.

Entschlossen schritt er aus dem Haus in die kühle Morgenluft, auf dem Weg zu Deannas Haus. Zwar war die zu sehr vom Tod ihres Mannes erschüttert, doch wollte er nicht ohne ihre Erlaubnis losziehen und Judith suchen.

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„Zieh deine Sachen aus, ganz langsam. Und dann wirfst du das Zeug zu mir rüber", befahl ihr ein Mann mit längeren dunklen Haaren. Er sah sie aus irren Augen an und sie zögerte für einen Moment. Die Schusswaffen außerhalb des Gebäudes zu deponieren war vielleicht nicht die beste Idee gewesen, doch waren die Chancen fair verteilt - die Menschen, die hier lebten trugen auch nur Messer bei sich.

Judith schluckte ihren augenblicklichen Selbsthass herunter und kam der Aufforderung nach. Resigniert zog sie Maske, Handschuhe und Jacke aus und schmiss sie achtlos auf den schmutzigen Betonboden vor sich.

Sie war alleine mit dem Kerl, was genau die anderen machten, wusste sie nicht. Die Hoffnung, dass es nichts mit Alexandria zu tun hatte, ließ sie weitermachen und einen Plan ausfeilen. Sofern es überhaupt etwas brachte, irgendwas auch nur im Ansatz zu planen.

„Sehr gut. Und den Rest auch..."

Judith stutzte. In seiner Art mit ihr umzugehen erinnerte er sie an den Mann, der Rick in seiner Gewalt gehabt hatte. Ein Irrer. Das sah sie bloß an der Art und Weise wie er sie betrachtete. Gierig und zurückhaltend. Wie jemand, der noch nie ein weibliches Wesen freiwillig zu Willen gehabt hatte. Tolle Aussichten also auf das, was ihr bevorstand.

Um sich von diesem Gedankengang abzulenken, zog sie sich besonders langsam aus und versuchte einen Überblick über den Raum zu bekommen. Er war etwas größer als die Kammer, in der sie Aarons Rucksack verbrannt hatte, doch genau so spartanisch eingerichtet. Nichts also, was sie zu einer Waffe hätte machen können. Es war idiotisch gewesen ohne die Waffen loszuziehen... Darüber wollte sie sich später ärgern.

Wenige Augenblicke darauf stand sie splitterfasernackt vor ihrem Problem. Einem männlichen Problem mit einem W auf der Stirn und einem lüsternen Blick.

Judith ekelte sich vor ihrer eigenen Verletzlichkeit und ihrem hässlichen Körper, der gerade kritisch beäugt wurde. Niemandem hatte sie sich jemals aus freien Stücken nackt gezeigt, außer ausgerechnet Daryl und eigentlich war sie froh darüber. Es ging niemanden etwas an.

„Du bist perfekt", murmelte der Fremde.

„Halt die Fresse", spuckte sie verächtlich aus.

„Nana, wir wollen doch nicht frech werden, oder? Aber ich werde darüber hinwegsehen. Stress verdirbt sonst dein Fleisch. Und wir Wölfe mögen gerne frisches Fleisch..."

Judith schluckte. Na super, und auch noch ein Hobby-Metzger. Interessante und zugleich scheißgefährliche Kombination. Zumal er sich selbst und seine Mitstreiter für Wölfe hielt. Sie hatte bisher nicht die Gelegenheit gehabt zu zählen wie viele Menschen diese kleine, aber organisierte Gemeinschaft umfasste. Das machte sie momentan umso gefährlicher.

„Was passiert jetzt, hm? Ihr fesselt mich an einen Baum und weidet mich aus, so wie das andere Mädchen im Wald?" fragte sie trotzig.

Er lächelte und senkte den Blick. Dann ging er ein paar Schritte auf sie zu und hob die Hand, um ihr Gesicht zu berühren. Sie wich ein Stück zurück, wieder grinste er.

„Wenn sie dich mögen, dann vielleicht. Aber das müssen wir erst herausfinden."

Was meinte er nur damit? Es konnte nichts Gutes sein. Wieder schluckte sie und verkrampfte unter seiner Berührung.

„Und jetzt mitkommen, los, los. Da raus."

Er zeigte ihr wo sie langgehen sollte und Judith setzte sich in Bewegung. Schweigend führte er sie zu einem der LKWs, die auf dem Gelände standen. Es war früher Morgen und noch recht kühl, sie bekam eine Gänsehaut.

Vor dem letzten LKW der Reihe hielt er sie an der Schulter und wollte, dass sie stehenblieb. Aus dem Inneren des Laderaumes vernahm sie das Stöhnen und Keuchen zahlreicher Beißer. Die Lautstärke passte zu etwa fünfzehn bis zwanzig von ihnen. Für einen kurzen Moment schloss Judith die Augen und atmete tief ein. Vielleicht das letzte Mal bevor sie zerfleischt werden sollte.

„Das ist dein neues zu Hause", verkündete der Mann hinter ihr und zog an einer Kette, die den Laderaum krachend öffnete.

Das Tageslicht ermöglichte ihr einen Blick auf den Inhalt. Die Beißer waren alle ohne Arme und Unterkörper an der Wand befestigt oder lagen lose auf dem Boden herum. Das machte sie nicht weniger gefährlich, denn sie bissen und schnappten immer noch nach allem, was nicht nach Verwesung stank.

„Und jetzt rein da."

Eine Frau hatte sich dazugesellt und schien mit wachsender Begeisterung zu beobachten, wie die Beißer Judith bemerkten. Ihr schrilles Lachen unterbrach die augenblickliche Stille und wütend drehte Judith den Kopf in die Richtung der Frau. Sofort verstummte sie, denn sie wusste wohl, dass ihr Opfer nicht verängstigt war.

Judith spürte eine warme Hand an ihrem entblößten Rücken und wurde unsanft in die Todesfalle gestoßen. Augenblicklich verschloss sich die Öffnung mit einem Scheppern und ließ sie in der Finsternis zurück.

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„Unsere Suche hat bisher nichts ergeben", sagte Aaron an Rick gewandt.

„Hmm", brummte der und sah Aaron und Daryl mit gerunzelter Stirn an. „Ich werde mich mit Morgan auch mal genauer umsehen, wenn wir Pete draußen vergraben."

Daryl seufzte. „Muss das wirklich sein, Rick? Seine Kinder sehen in ihm vielleicht nicht das, was du in ihm gesehen hast."

„Sie werden damit leben müssen. Wie ich bereits gesagt habe, werde ich hier in Alexandria keine Mörder begraben."

Ricks Entscheidung war gefällt. Daryl wusste, dass er nicht mit ihm zu diskutieren brauchte. Er sagte es und es wurde gemacht. In solchen Momenten erinnerte er sich daran zurück, wie er für Rick fühlte, als der gerade erst in der Gruppe das Kommando übernommen hatte: Skepsis, Widerwille und Abneigung seiner Person gegenüber hatten eine große Rolle gespielt.

Gerade fühlte er diese Mischung wieder in sich aufsteigen. Dennoch widersprach er Rick nicht. Er würde weiter nach Judith suchen und wenn Rick seinen Teil dazu beitrug, sollte es ihm egal sein, wie er dies zu tun gedachte.

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Als Rick und Morgan aus dem Wald zurückkamen, hatten sie Ron bei sich, den älteren Sohn von Jessie und Pete. Er war ihnen anscheinend gefolgt.

Daryl sah allerdings, dass dies nicht der einzige Zwischenfall gewesen sein konnte. Er schraubte gerade an dem Motorrad herum, während Rick auf ihn zukam.

„Wir haben ein Problem...", begann dieser unglücksverheißend.

„Das kommt ja unerwartet." Daryl legte seinen Maulschlüssel bei Seite und richtete sich auf.

Rick zog die Augenbrauen nach oben, kommentierte Daryls sarkastische Bemerkung aber nicht, sondern fuhr fort:

„Draußen gibt es eine Lichtung, nicht sehr weit von hier. Ein alter Steinbruch oder so etwas. Darin befinden sich mindestens dreihundert Beißer, bloß eingesperrt von LKWs. Die ersten können sich bereits befreien und streifen nun durch den Wald. Ich kann nicht ruhig schlafen, solange diese Biester direkt vor unseren Mauern nur darauf warten, dass es regnet und die LKWs abrutschen. Ich brauche dich hier. Du musst die Suche nach Judith unterbrechen, bis wir das in den Griff bekommen haben."

Rick sah Daryls Widerwillen, doch sprach er sofort weiter.

„Wir werden sie finden, doch nützt es nichts, wenn wir danach von einer Herde niedergetrampelt werden, hörst du?"

Er war sehr nah an Daryl herangetreten und sprach eindringlich mit ihm.

„Ich werde die Gruppe fragen, wer bereit wäre uns zu helfen. Wir müssen einen Plan entwickeln wie wir die Beißer loswerden. Und dazu brauche ich dich unbedingt, Daryl. Ich werde mich nicht auf jemanden von diesen unerfahrenen Leuten verlassen."

Daryl blinzelte mehrmals und drehte das Werkzeug in seinen Händen. Dann nickte er und sah Rick fest ins Gesicht.

„Ich hoffe für dich, dass sie dann noch lebt, Sheriff", erwiderte Daryl und widmete sich wortlos wieder dem Motorrad.

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Sie hatten fast zwei Wochen gebraucht, um ihre Route für die Beißer mit Zäunen und Wellblechen abzustecken. Es war viel Arbeit gewesen und hatte sie noch mehr Geduld gekostet, während die Beißer sich weiterhin aus dem provisorischen Gefängnis befreien konnten.

Von Judith immer noch keine Spur. Daryl war nach der Arbeit an der Straße immer mit Aaron oder Michonne in den Wald gegangen, um nach ihr zu suchen.

Sie konnte überall sein. Und schon wieder hatte er keine Ahnung wo zum Teufel er nach ihr suchen sollte.

Doch im Gegensatz zum ersten Mal, das er sie zurückgelassen hatte, schrieb er sie nicht einfach als tot ab. Dafür war sie zu zäh. Außerdem musste er sich eingestehen, dass er nicht wollte, dass sie tot war.

Zwar hatte er das nie gewollt, doch war ihm der Gedanke erträglicher gewesen als die Vorstellung, dass sie allein irgendwo litt bis sie schließlich in dem Wissen starb, dass er sie nicht gerettet hatte.

Rick war permanent damit beschäftigt die Gemeinschaft zu übernehmen und den Entscheidungen seinen Stil aufzudrücken.

Bisher funktionierte es reibungslos, doch würde sich früher oder später jemand ernsthafter gegen ihn auflehnen als Carter es versucht hatte.

Daryl dachte weiter nach, doch musste er sich für ihren Aufbruch bereitmachen. Das Motorrad stand fertig am Tor von Alexandria, er musste es nur noch starten, dann konnte ihr Vorhaben in Angriff genommen werden.

Der Plan war recht simpel, damit auch die Unerfahrenen mithelfen konnten. Sein Part war darauf beschränkt in mäßigem Tempo vor einem Wagen herzufahren, in dem Sasha und Abraham saßen, um die Aufmerksamkeit der Beißer pausenlos auf sich zu lenken, damit sie folgten.

Daryl hoffte, dass nichts schiefging.