Kapitel 29: Der erste Kuss

Anne Elliot konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal mit der U-Bahn gefahren war. Es war schon richtig, dass sie auch ein Taxi nach Brooklyn hätte nehmen können, aber irgendwie schien ihr so ein Gebaren nicht angemessen zu sein. Nachdem sie eine neue MetroCard gekauft und sich erinnert hatte, welche Linie sie nehmen musste, stieg sie in den Zug und versuchte, das Hüpfen in ihrem Magen zu ignorieren. Sie war sich nicht sicher, ob sie aufgeregt oder einfach nur ängstlich war. Andererseits konnte es natürlich an dem Hochgefühl liegen, das sie nach ihrer kleinen Cocktail-Stunden-Show erlebte.

Lustig, wie jetzt alles vollkommen Sinn machte. Sie wusste genau, was sie zu tun hatte. Er hatte seinen Stolz für sie riskiert und nun war sie an der Reihe. Alles, was sie einstweilen tun konnte, war, sich auf ihren Platz zu setzen, den Kopf an das Glas zu lehnen und zu warten, während die Lichter auf ihrem Spiegelbild zu Streifen wurden.


Mary Elliot hatte die Tür geöffnet und fand einen keuchenden 16-jährigen Rick Wentworth draußen im Flur vor. „Oh, du bist es", gab sie von sich.

Rick musste fast lachen. „Wen hast du denn erwartet?"

Sie zuckte die Achseln. „Irgendjemand, schätze ich."

Er behielt sein Lächeln für sich. Manchmal amüsierte ihn dieses Mädchen wirklich.

Ohne überhaupt zu fragen, zeigte Mary quer durch das Penthouse auf Annes Zimmer. „Sie packt gerade, falls du dich entschuldigen willst. Der Streit, den ihr zwei hattet, war ja ziemlich episch."

Woher willst denn du das wissen?" fragte er, als er anfing in Richtung ihres Schlafzimmers zu gehen.

Sie lächelte verschmitzt. „Ich habe mitgehört."

Rick seufzte. So viel zu Privatsphäre.

Er klopfte zweimal an die Tür.

Ich packe gerade, Papa!" hörte er Anne von der anderen Seite rufen.

Er klopfte noch einmal.

Ich packe gerade, Tante Grace!"

Und noch einmal..

Lass mich in Ruhe, Mary!"

Ich bin es, Anne", sagte er zur Tür.

Er hörte Schritte näherkommen, der Knopf drehte sich und Annes Kopf spitzelte heraus. Ihr kurzes, dunkles Haar schwang ihr ins Gesicht.

Bist du gekommen, um auf Knien zu betteln?" fragte sie, sah eher selbstgefällig aus und gewährte ihm immer noch keinen Zutritt zu ihrem Zimmer.

Er trat zuversichtlich vor. „Vielleicht. Ich war ein ziemlicher –"

Dummkopf?" bot Anne an.

Er nickte. „Ja, ich denke, ich war vorher am Telefon ein Dummkopf. Also ... verzeihst du mir?"

Sie sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an, öffnete aber schließlich die Tür ganz. Rick nahm es als gutes Zeichen.

Was führt dich den ganzen Weg hierher? Letztes Mal, als ich mit dir gesprochen habe, dachte ich, du wolltest dir eine Anne-Elliot-Voodoo-Puppe basteln." Sie ging zu ihrem Himmelbett und begann, ihre Kleidung zu ordentlichen Stößen zusammenzulegen.

Ich habe es nicht ausgeschlossen", warnte er. Rick sah zu Anne hinüber. Offensichtlich hatte sie den größten Teil des Nachmittags mit Packen zugebracht. Sie trug Jeans und ein altes T-Shirt, als sie in ihrem Zimmer herumsprang und dabei ihre richtige Kleidung zurechtlegte. Rick entschied, dass er sie so am liebsten mochte.

Du hättest dich telefonisch entschuldigen können, weißt du", stellte sie klar.

Ich weiß."

Also ... warum bist du dann hier?" fragte sie neugierig.

Rick schluckte schwer und fuhr mit zittriger Hand durch seine langen braunen Haare. „Du hast noch die Sonnenblumentapete dran?" fragte er aufs Geratewohl.

Anne seufzte zerstreut. „Ja, ich werde sie vermissen. Sie ließ mein Zimmer morgens leuchten."

Dann solltest du vielleicht nicht weggehen. Weißt du, wenn du deine Tapete so sehr vermisst. Es bringt nichts, die ... äh ... gute Tapete zu verschwenden, wenn du sie hast. Oder?"

Anne ließ den Pullover los, den sie gerade zusammenfaltete, und hob die Augenbrauen. „Wentworth, du redest Unsinn."

Es ist nur ..." Er versuchte verzweifelt die richtigen Worte zu finden. Das ist das Problem mit Teenager-Jungs. Sie finden selten die richtigen Worte – auch wenn sie es versuchen.

Anne ging langsam auf ihn zu und drückte seinen Arm. „Ich werde dich auch sehr vermissen", sagte sie leise.

Rick zuckte zusammen. „Äh ... das ist nicht wirklich das, was ich sagen wollte, Anne."

Sie trat verwirrt zurück. „Moment mal. Du bist nach Upper East Side gekommen, um mir zu sagen, dass du mich nicht vermissen wirst? Im Ernst?"

Nein, das ist es überhaupt nicht –" stöhnte Rick frustriert.

Was, sag bloß, du bist gekommen, um mir zu sagen, dass du mit mir auf meine reine Mädchenschule kommst?" scherzte sie.

Nein!"

Bist du gekommen, um die CD zurückzubringen, die du –?"

Du solltest nicht gehen!" platzte er schließlich heraus.

Anne blinzelte. „Willst du wirklich schon wieder darüber streiten, Rick? Ich dachte, du seist in Frieden hergekommen", sagte sie und drückte Kleidungsstücke in ihr Gepäck.

Das bin ich!" beharrte er. „Aber warum musst du alles tun, was sie sagen?"

Sie sind meine Familie, Rick! Was soll ich denn sonst tun?" fragte sie hilflos.

Anne, ich weiß, dass du nicht gehen willst! Lass den Scheiß!"

Ich will schon gehen", log sie perfekt.

Er verschränkte die Arme; ihm war schwindelig von all den Einwänden, die sich an diesem Tag immer im Kreis herum drehten.

Rick", sagte sie. „Du musst mein Freund sein und mich gehen lassen, okay?"

Man musste es ihm lassen. Wenn es etwas gab, was Rick Wentworth sein konnte, dann war es stur sein. Er hielt stand wie eine Steinmauer und starrte sie nieder. Als sie klein waren, war alles, was Anne tun musste, ihn ein wenig zu kitzeln, um ihren Freund zum Einknicken zu bringen. Aus irgendeinem Grund glaubte sie nicht, dass diese Taktik jetzt funktionieren würde.

Du bist unmöglich", sagte sie, obwohl ihre Mundwinkel ein Lächeln verrieten. Er sah aus, wie wenn er fünf Jahre alt wäre und wieder Cowboys und Indianer spielte.

Ich schaue nicht weg."

Nun, ich schon, Rick. Ob du es willst oder nicht", warnte Anne.

Ich schaue immer noch nicht weg."

Irgendwann musst du nach Hause gehen."

Er zuckte die Achseln.

Könntest du fünf Sekunden lang vergessen, dass wir streiten und dich von mir verabschieden wie ein richtiger Mensch?" fragte sie verzweifelt.

Nichts.

Sie seufzte. „Bist du deswegen den ganzen Weg hierhergekommen? Wirklich? Das war's? Das war dein brennender Grund, mich zu besuchen? Du hast die Brücke überquert, um nochmals so richtig schön und schmerzhaft darauf herumzureiten? Du willst dich nicht einmal von mir verabschieden?"

Anne konnte ihn nicht täuschen, sie war dadurch verletzt. Sie war nur gut darin, es zu verbergen. Rick wollte etwas Aufrichtiges sagen – vielleicht sich ermannen und den wahren Grund gestehen, warum er hier war. Wo sollte er beginnen? Gab es eine poetische Übersetzung für „Also, ich habe meine Analysis-Hausaufgaben gemacht und gemerkt, dass ich in dich verliebt bin ...?" Sagten Menschen tatsächlich so etwas?

Schön." Er hörte ihre Stimme fast unmerklich einbrechen, als sie ihre verschränkten Arme wieder löste und versuchte, unbeeindruckt zu erscheinen. „Wenn du dich nicht verabschieden willst, dann werde ich es tun. Dann kannst du mich in Ruhe lassen."

Ohne ihn anzusehen, trat Anne vor und nahm einen vertrauten Ort an seiner Brust ein – einen Ort, wo sie, wie ihm plötzlich auffiel, perfekt hin passte. Er konnte nicht umhin, einen Seufzer auszustoßen, als sie sich schließlich berührten. Er fühlte, wie sich ihr Körper lockerte, wie er die Spannung verlor, die sie in den letzten Tagen beim Streiten aufgebaut hatten. Wie kam es, dass er nie bemerkt hatte, wie wunderbar sich das anfühlte? Rick fragte sich, wie viele von diesen Umarmungen er früher für selbstverständlich gehalten hatte. Wie viele hatte es gebraucht, bis er es wirklich spürte?

Anne verweilte ein wenig, ihre Körpersprache war zart. Offensichtlich verharrte sie nicht im Ärger. Andererseits, wenn dies ihre letzte Umarmung war, bevor sie ging, machte es Sinn. Rick verspannte sich bei diesem Gedanken, aber sie beachtete es nicht. In einer ausladenden und doch zwanglosen Bewegung hob Anne ihr Gesicht, um ihm ein Küsschen auf die Wange zu geben. Rick wusste genau, was sie tat. Sie hatte es unzählige Male zuvor getan und sein Herz hatte noch nie einen Schlag übersprungen. In diesem Augenblick jedoch hatte er keine Ahnung, was er tat. Sein gesunder Menschenverstand war übertrumpft. Er war nicht einmal sicher, ob er bewusst entschieden hatte zu tun, was er im Begriff war zu tun. Es ist passierte ... einfach.

Als sich ihre Lippen auf die Seite seines Gesichts zubewegten, drehte er sich im letzten Moment schnell zu ihr und fing ihre Lippen in einem Kuss ein. Sie waren überrascht. Sie waren weich. Er hielt so lange daran fest, wie er konnte, so lange, wie Anne überrumpelt war und irgendwie den Kuss aus lauter Verwirrung erwiderte. Ricks Herz hüpfte in seiner Brust. Sie schmeckte wie Vanille. Er fühlte sich wie der Kerl auf dem VJ Day Poster (*1), das an der gelben Wand hing – etwas, das sie einzupacken vergessen hatte. Rick hatte sich weiter zu ihm vorgebeugt, ohne sich klarzumachen, dass seine Arme nun um ihre Hüften geschlungen waren und ihr Körper sich rückwärts neigte. Sie hielt sich an seinem Hals fest, um nicht umzufallen, und wusste nicht, was sie sonst tun sollte – wusste nicht, was los war. Als er zurücktrat, sah er Anne an und er spürte, wie sein Magen absackte.

Sie stand da, schwindelig und wie gelähmt auf der Stelle, der Mund halb offen.

Anne?" fragte er.

Schweigen.

Anne?" fragte er wieder. „Hast du nichts dazu zu sagen?"

Endlich brachte sie es über sich, ihn anzusehen. „Warum hast du –?"

Ich liebe dich", unterbrach er sie plötzlich. Es drängte heraus wie ein Husten – wie etwas Eiliges, das er nicht mehr länger unterdrücken konnte. Rick sah, wie sich die Brust seiner besten Freundin stetig hob und senkte. Ihr Atmen schien für eine Weile das einzige Geräusch im Raum zu sein. Als er sie in diesem Moment beobachtete, erkannte er etwas Erschreckendes in der Art, wie sie ihn anblickte, etwas, das er noch nie zuvor gesehen hatte.

Sie traute ihm nicht.

Anne! Süße!" hörte er eine allzu bekannte Stimme vom Gang her rufen. „Anne, ich habe den Plan mit deinen Kursen gefunden."

Die Tür zu Annes Zimmer öffnete sich abrupt, aber keiner der Teenager bewegte sich auch nur einen Zentimeter. Tante Grace sah von einem zum andern, wobei sie ihre Abneigung schrecklich schlecht verbarg.

Oh, Rick", sagte sie. „Schön, dich wieder zu sehen."

Irgendwie bezweifelte er ihre Aufrichtigkeit. „Anne?" fragte er ein letztes Mal und weigerte sich, den Blickkontakt mit ihr abzubrechen.

Liebling, wir müssen einige Formulare unterschreiben", sagte ihre Tante von der Tür her. Annes Kopf drehte sich zu ihrer Stimme. Obwohl ihre Augen auf Tante Grace gerichtet waren, konnte Rick feststellen, dass sie nicht wirklich zu ihr hinsah. Sie schaute nicht wirklich auf irgendetwas.

Dann, als er den Atem anhielt, sah er, wie sich Anne zur Tür drehte. Das sagte so ziemlich alles. Als sie aus dem Zimmer ging, ohne ein Wort zu ihm zu sagen, fragte er sich, was sie dachte. Er fragte sich, ob sie abgestoßen, verwirrt oder geschockt war. So ist das nun mal. Es ist unmöglich, jemanden zu deuten, wenn er einem den Rücken zudreht.


Anne rutschte auf ihrem Sitz umher und fragte sich heimlich, ob die U-Bahnen langsamer geworden waren, seit sie zuletzt damit gefahren war. Die Leute um sie herum begannen zu starren. Allerdings konnte das auch an ihrer Kombination aus Sweatshirt, Cocktailkleid und Sportschuhen liegen. Als der Zug endlich anhielt, stürzte sie heraus und eilte auf den Gehweg zu. Sie ließ sich von ihren Instinkten zu einem allzu vertrauten Ort führen.


(*1) V-J Day: Victory over Japan Day, der Tag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg. Dazu gibt es ein bekanntes Bild von Alfred Eisenstaedt, auf dem ein Matrose stürmisch eine Krankenschwester küsst.