Die nächsten Stunden verbrachte Findrilas mehr oder weniger im Delirium. Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, was sich seit dem Abend ereignet hatte. Er wusste nur noch, dass sie scheinbar endlos durch das Gebirge geirrt waren und sein Denken sich ganz darauf ausrichtete, dass die Schmerzen endlich aufhörten. Teils erwischte er sich sogar dabei, dass er überlegte, sich nun endlich an den Wegesrand zu legen und zu sterben. Irgendwie schaffte er es dennoch immer wieder, sich aufzuraffen und weiterzureiten.
Zu einem unbestimmten Zeitpunkt, als die Sterne bereits am Himmel standen, verendete sein Pferd. Findrilas konnte sich weder an den Augenblick erinnern, noch, wie es passiert war. Auf einmal fand er sich am Boden wieder, laufend und von seinem Pferd keine Spur. Wahrscheinlich war es unter ihm zusammengebrochen, und er war einfach im Trott weitergestapft. Er schaffte es gerade noch, einen Anflug von Trauer zu verspüren, bevor die Taubheit erneut über ihn hinwegspülte.
Anscheinend spaltete sich der Pfad in der Tat irgendwann einmal auf. Sie nahmen wahllos einen der Wege und hofften, dass ihnen das Glück hold war. Das gesamte Heer oder das, was davon noch übrig geblieben war, schlich wie ein Haufen abgerissener Vagabunden entlang seines Weges. Niemand achtete mehr sonderlich auf Ordnung und Disziplin, denn selbst die Heeresführer waren zu erschöpft dafür. Dunkel meinte sich Findrilas durch seine umnebelten Gedanken zu erinnern, dass er einstmals gelernt hatte, dass ein Befehlshaber stets mit geradem Rücken und erhobenen Hauptes vor seinen Männern marschieren müsse, aber er tat es als Halluzination ab. Wie konnte so etwas jetzt noch möglich sein? Kein Wesen auf Erden konnte solch eine Kraft aufweisen!
Er freute sich förmlich darauf, Legolas seinen Zorn über das, was seine Befehle hier angerichtet hatten, ins Gesicht zu schleudern, und wahrscheinlich war es die Wut auf seinen Freund, welche ihn dazu bewog weiterzugehen.
Es schienen Zeitalter zu vergehen, bis die Kundschafter vor ihnen in der Tat eine Höhle ausmachten. General Maethor befahl ihnen, diese zu erforschen, und als die Kundschafter berichteten, dass diese Höhle groß genug für die traurigen Reste des Heeres und vor allem unbewohnt war, befahl der General, dass dies ihr Unterschlupf für die Nacht sei. Das gesamte Heer schritt daraufhin kräftiger aus. Die Veränderung war vergleichsweise winzig, fast unmerklich, und doch schlugen ihnen allen die Herzen höher.
Die Höhle selbst war recht unzugänglich, und es erforderte noch einmal eine kraftraubende und zumindest in ihrem Zustand enorm strapaziöse Kletterpartie, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. Jene, die die geringsten Verletzungen davongetragen hatten, wurden vorausgeschickt, um den Weg für die Elben zu berieten, welche selbst aus eigener Kraft kaum noch gehen konnten. Mit allerhand Plackerei und unter Aufbietung der letzten Kräfte gelang es ihnen schließlich nach noch einmal einer Stunde Quälerei, dass alle in der Höhle Platz gefunden hatten. Findrilas suchte sich den erstbesten noch freien Platz, legte sich ohne Nachtlager auf den nackten Fels und fiel sogleich in eine tiefe Ohnmacht.
Der nächste Morgen brachte kaum Linderung von seinen Leiden. Er fühlte sich noch immer unendlich erschöpft, doch zumindest meinte er jetzt, nicht mehr jeden Moment tot umzufallen. In der Tat fand er sogar seine schlimmsten Wunden notdürftig versorgt vor. Wann war dies geschehen und wer hatte dies getan?
Träge regte er sich und sah sich um. Am Höhleneingang fiel das erste Morgenlicht herein, also konnte er gerade einmal wenige Stunden geschlafen haben. Und doch sah er bereits General Maethor auf den Beinen und geschäftig umherlaufen. Die ersten Soldaten wurden ebenfalls bereits munter.
Die Stimmung war noch immer bedrückt und jeder sah wahrscheinlich bereits den Tod vor Augen. Nun aber, mit wenigstens einigen Stunden Schlaf und einem Unterschlupf, der wenigstens geringe Sicherheit bot, war der Tod zumindest nicht mehr in unmittelbarer Nähe. Wie Findrilas alsbald erfuhr, hatte General Maethor von irgendwoher einen Raben auftreiben können; wahrscheinlich war das Tier während der Schlacht irgendwie entkommen und hatte schließlich seine Herren gesucht. Mithilfe dieses Tieres hatte er bereits eine Botschaft an den König gesandt, in welcher er von ihrer Notlage berichtete und um dringende Hilfe bat. Findrilas hoffte, dass die Drachen genug Pfeile gefressen hatten, um den Raben nicht zu bemerken, sodass er sein Ziel erreichen konnte. All ihre Hoffnung hing an diesem einen Tier.
Eine Reihe von Soldaten hatte noch immer ihr Gepäck oder zumindest Teile davon. Das Essen wurde in Rationen an alle verteilt, auch wenn es nie und nimmer reichte. Zumindest aber hatten sie etwas im Magen, auch wenn es beinahe nur symbolische Mengen waren. Indes liefen Heilkundige umher, welche sich um die Verletzten kümmerten, jedenfalls so gut, wie es ihre begrenzten Möglichkeiten erlaubten.
Ihre Lage war nach wie vor verzweifelt. Sie hatten bei weitem nicht genügend Vorräte, um lange zu überleben. Zusätzlich lauerte irgendwo in diesen Bergen noch immer der Feind. Niemand konnte sagen, ob die Orks ihre Spur verloren hatten oder sie vielleicht gerade sogar beobachteten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie alle starben, war also noch immer sehr hoch, nahezu absolut. Dennoch klammerte sich jeder von ihnen an diesen winzigen Hoffnungsfunken, wie ein Ertrinkender. Niemand wollte der Wahrheit ins Auge blicken und lieber illusorischen Ideen anhängen.
Sobald die Heerführer weit genug gestärkt waren, dass sie sich wieder auf den Beinen halten konnten, berief General Maethor sie zusammen, um ihre Lage zu besprechen. Zu einem anderen Ergebnis als Findrilas kamen sie jedoch dennoch nicht. Sie konnten einfach nur weiter blind durch die Berge irren und hoffen, irgendwie wider aller Vernunft mit dem Leben davonzukommen. Sonderlich rosige Aussichten waren es bei weitem nicht, dennoch versuchte der General, nach dieser Besprechung halbwegs aufbauende und ermunternde Worte an die Soldaten zu richten. Sie wurden dennoch dankend aufgenommen.
Es war ein Kraftakt von enormen Ausmaßen, als sie sich nun aufrafften, ihre wenigen Habseligkeiten zusammenklaubten und sich auf den hoffnungslosen Weitermarsch machten. Ihre Odyssee durch das Land des Feindes begann und niemand konnte sagen, ob sie diese jemals lebend würden abschließen können.
