Bodenlose Schwärze
Charlie
Das erste, was ich sah, nachdem ich die bodenlose Schwärze verlassen hatte, die mich nach meinem Bewusstseinsverlust ergriffen hatte, war meine Familie. Damit meinte ich nicht nur Mom, Dad, Zoë und Silena, sondern auch all die anderen Leute aus den Camps. Was mich allerdings überraschte war, dass auch Julian und Laura mit ihren Familien und Kara dabei waren. Alle starrten mit Trauermienen auf etwas, dass hinter mir war und ich drehte mich um. Hinter mir brannte ein Leichenfeuer und mitten drin lag eine Person in einem meergrünen Leichenhemd, auf das eine graue Eule gestickt worden war.
Das war ich. Ich war auf meiner eigenen Beerdigung. Ist das so eine Art Familienfluch, dass man seine eigene Beerdigung sah? Dad hatte es schließlich auch geschafft, mit dem Unterschied, dass er noch lebte. Was wiederum voraussetzte, dass ich tot war. Auch wenn das ein zwingender Umstand dieser Situation war, lies mich diese Erkenntnis zurückstolpern. War ich überhaupt tot oder war das so ein verrückter Traum? Die Szenerie löste sich auf und ich spürte wie ein Sog mich ergriff. Ich fand mich in einer Lobby wieder. Das hier waren die DOA – Aufnahmestudios. Ich war also tot. Charon stand mir gegenüber.
„Ich glaube, deine Zeit ist noch nicht gekommen, Heros. In dir steckt noch Leben", dann er drehte sich einfach um und verschwand mitsamt des Raumes. Was sollte das nun wieder?
„Wenn du jetzt stirbst, schwöre ich, dass ich Hades bitten werde dir eine ganz eigene Strafe auf den Feldern der Bestrafung zu geben, dafür, dass du uns hast hängen lassen, Eulenfreak!", Reynas Stimme drang in mein Bewusstsein.
Ich schwebte wieder in der Schwärze und so sehr ich es auch versuchte, ich konnte Reynas Stimme nicht näherkommen, die noch weiter fluchte. Die Stimmen von Laura und Kara mischten sich im Hintergrund und irgendwann gab ich es auf, den Stimmen näher zu kommen. Fast augenblicklich wurden die Stimmen hektischer.
„Sag mal, hast du mein Drohrung etwa nicht ernst genommen, Charlie?!", schimpfte Reyna, „Du wirst hier jetzt nicht einfach aufgeben und sterben! Hast du das endlich verstanden?"
Dann wurde mir bewusst, was Charon gemeint hatte. ‚In dir steckt noch Leben', hieß nicht ‚Du wirst gesund aufwachen und weiterleben", sondern ‚Kämpfe oder wir sehen uns wieder!" Und ich entschloss mich zu kämpfen.
Ich versuchte weiter zur Quelle der Stimmen zu kommen, zwar mit dem selben Erfolg wie beim letzten Mal, jedoch entschlossener, da ich die Folgen des Aufgebens kannte. Langsam wurden die Stimmen leiser und undeutlicher und ich spürte, wie ich einschlief. Hoffentlich hatte das nicht denselben Effekt, wie das Aufgeben, war mein letzter Gedanke, bevor alles um mich herum still wurde.
Ich hatte ausnahmsweise mal Glück, denn ich konnte gefahrlos einschlafen. Ich träume nicht und wurde auch nicht mitten in einer Tiefschlafphase geweckt, was alles in allem eine ziemliche Seltenheit bei Halbgöttern war.
Nach einer gefühlten Minute, obwohl ich mir sicher war Stunden geschlafen zu haben, wachte ich auf. Diesmal aber wirklich. Ich öffnete blinzelnd die Augen und fand mich in meiner Kajüte wieder. Ich war allein, warum auch immer man einen Schwerverletzten alleine ließ. In meiner Brust brannte ein unbändiger Schmerz und ich bekam nur röchelnd Luft.
Trotz der Schmerzen inspizierte ich meine Umgebung. In meinem Arm steckte eine Kanüle, durch die Nektar in meinen Körper gepumpt wurde. Neben meinem Bett auf dem Nachtschränkchen stand eine Schüssel mit Salzwasser, in die ein Schwamm gelegt worden war. Ich konzentrierte mich darauf das Wasser zu mir hinzubewegen, doch es brachte nichts. Anscheinend war ich durch die Verletzung zu schwach dazu. Ich hörte Stimmen draußen vor der Zimmertür, die diskutierten. Die Tür öffnete sich und Julian kam herein.
Er blickte nicht sofort auf meinen Kopf, denn er schien noch zu denken, dass ich bewusstlos war. „Hi", krächzte ich und er machte einen Satz rückwärts aus der Tür.
