Kapitel 29
Eine unheimliche Welle der Magie durchfuhr die ganze Halle, als Damion losrannte und bei Harry stellten sich die Nackenhaare auf. Nie hätte der Schwarzhaarige geglaubt, so etwas zu spüren, doch er musste einfach zugeben, dass es Furcht war. Und dieses Gefühl der Unsicherheit vor dem Kommenden in Harrys Bauch bezog sich eindeutig auf Damion, der sich in unvorstellbarer Geschwindigkeit durch den Raum bewegte. Styls Sohn steuerte geradewegs auf Gideon Greenstone zu und machte sich nicht einmal die Mühe, seinen Zauberstab zu ziehen.
Durch den Schrei des Braunhaarigen alarmiert standen Grabbe und Goyle sofort bereit, den Gryffindor zu stoppen. Doch das war einer der größten Fehler ihres Lebens. Damion überrannte sie förmlich. Es folgten zwei, drei gezielte Kicks und die beiden riesigen Fleischberge krachten mit schmerzhaftem Stöhnen rechts und links jeweils auf einen der Haustische.
Schließlich hatte Damion Greenstone erreicht und bevor dieser auch nur ansatzweise reagieren konnte, hörte man auch schon ein knackendes Geräusch. Rasend vor Wut schlug der Gryffindor immer wieder auf die Nase des Jungen ein, bis sich das Blut im großen Bogen in der Halle verteilte. Dann stemmte Damion sein Gegenüber nach oben und hebelte ihn dadurch vollkommen aus. Greenstone begann zu röcheln, doch dies schien seinen Gegner nicht zu interessieren. Damion schrie ihn nur wütend an und Harry verstand immer wieder nur ein Wort, „Warum?"
Diese Frage schienen sich alle im Raum zu stellen, obwohl die meisten es eher mit Damions Verhalten in Verbindung brachten. Was war hier los? Und wieso war der Gryffindor so ausgetickt? Und warum unternahm niemand etwas?
Besonders die Lehrer schienen durch Damions Verhalten regelrecht geschockt und so dauerte es, bis Professor McGonagall es überhaupt schaffte, ein Wort zu sagen. Sie ging auf die beiden kämpfenden Schüler zu und verlangte, dass sie aufhörten. Doch Damion schien sie nicht für voll zu nehmen. Ja, er drehte sich nicht einmal um. Für ihn gab es scheinbar nur den Slytherin und das Verlangen, diesen zu töten.
Schließlich war es dann Professor Styls der versuchte, zu seinem Sohn durchzudringen. Harry hatte den Mann noch nie so unsicher gesehen. Was sollte er denn tun? Seinen eigenen Sohn verhexen. Und während die Lehrer überlegten, was sie tun sollten, schrie Damion immer wieder „Warum?".
Greenstone sagte aber nichts. Er blieb einfach nur stumm und versuchte sich der Angriffe zu erwehren. Nach einigen Augenblicken hörten diese dann auch auf und es sah so aus, als wenn Damion etwas zu Besinnung gekommen währe. Doch das, so musste Harry feststellen, sah nur so aus. Zwar prügelte der Gryffindor nicht mehr auf sein Opfer ein, doch der Blick des Braunhaarigen schien keineswegs beruhigt. Schließlich fragte Damion noch ein letztes Mal. Aber er bekam keine Antwort, sondern nur ein völlig deplatziertes überhebliches Grinsen. Daraufhin griff Gryffindor, wieder um einiges wütender, in seine Tasche und holte etwas hervor.
Was es war, konnte kaum einer erkennen, doch die Tatsache, dass es mit Blut und Schleim überzogen war, ekelhaft roch und zwar nach Erbrochenem, brachte Harry und viele zu dem Schluss, dass es das Objekt sein musste, was Damion aus dem Eimer gefischt hatte und das überhaupt erst für seine Raserei verantwortlich war.
„Schluck es", rief Damion zornig und hielt Greenstone etwas direkt vor den Mund. Dieser Satz schien Wirkung zu zeigen, denn Greenstone wurde augenblicklich blass und drehte schützend seinen Kopf zur Seite.
„Ich sagte, du sollst es schlucken, du mieses Schwein." Wiederholte Damion seine Forderung, doch der Slytherin wehrte sich weiter. Im nächsten Moment schien Damion zu überlegen und stellte den Jungen vor sich vor eine andere Wahl.
„Also, entweder du sagst mir warum er sterben sollte, oder ich presse dir das Dinge hier selbst in den Rachen."
Gideon Greenstone schien in Anbetracht des mörderischen Gesichts des Gryffindor und dem nachdrücklichen Zusammenpressen der Hand um seinen Hals seine Möglichkeiten abzuwägen. Schließlich sah er in die Halle und schrie wütend über seine Niederlage verächtlich, „Er ... er sollte verrecken, da er sich gegen seinen Herren gestellt hat. Der Verräter hat sich geweigert, ihm die Treue zu schwören. Doch auch wenn ich gescheitert bin, so wird der dunkle Lord schon bald am Ziel sein und dann werden all die Schlammblüter und Muggelfreunde sich wünschen, nie geboren zu sein."
Kaum hatte die gesamte Halle die Worte des Slytherins gehört, verpasste ihm Damion einen letzten Hieb und schickte Greenstone damit ins Land der Träume. Danach drehte er sich zu seinem Vater. In seinen Augen konnte Harry jetzt allerdings keine Wut mehr sehen, sondern Tränen. Bevor sich der Gryffindor aber fragen konnte, warum sein Mitschüler plötzlich weinte, griff sich Damion an den Kopf. Er presste beide Hände ganz fest gegen die Stirn, schrie in Schmerzen auf und ging keine Sekunde später bewusstlos zu Boden.
Sofort stürmte Stephano Styls los, um seinen Sohn aufzufangen. Doch so wirklich geschafft hatte er es nicht. Eine kleine Platzwunde tat sich auf der rechten Kopfseite, direkt über dem Ohr auf und Blut floss langsam über den kalten Steinboden. Harry sah entsetzt zu seinem Freund herüber, blieb dann aber mit seinem Blick an etwas kleinem, schwarzen hängen. Es war das mit Schleim überzogene Ding, mit dem Damion Greenstone gedroht hatte und welches der Gryffindor kurz vor seinem Sturz hatte fallen lassen.
Harry richtete seinen Zauberstab darauf und sagte leise „accio". Doch kaum dass es zu ihm flog und er es in seinen Händen hielt, brannten auch schon seine Fingerkuppen. Sofort ließ Harry die schwarze Perle, ja es handelte sich um eine Perle, und um es besser zu sagen, um genau die schwarze Perle, die einst Greenstones Ring zierte, wieder fallen.
Mit besorgtem Blick schaute Harry auf seine Finger und begutachtete die leichte Rötung an den Spitzen. Dann kam ihm aber noch ein anderer Gedanke in den Sinn. Was musste wohl Damion gespürt haben, wenn es Harry schon nach einer Sekunde nicht mehr möglich war, die Perle zu halten. Sein Blick ging voller Sorge zurück zum braunhaarigen Gryffindor und dessen Vater, der versuchte, ihn wieder zur Besinnung zu bringen. Damion bewegte sich jedoch nicht und dies verstärkte bei Harry das leicht ungute Gefühl im Bauch.
Schließlich kam Madame Pomfrey in die Halle gestürmt und sofort wies sie einige umherstehende Schüler an, den bewusstlosen und verletzten Jungen in den Krankenflügel zu bringen.
Und während sich die Schulheilerin um den Gryffindor kümmerte, nahm sich die Direktorin Gideon Greenstones vor. Sie beschwor Fesseln, verlangte, dass man sich von ihm fern hielt und mit einem verachtenden Blick, den auch ein Großteil der Schülerschaft nun auf den Slytherin warf, gab sie Professor Slughorn die Anweisung, sich mit dem Ministerium und den Auroren in Verbindung zu setzen. Dann schaute sie in Richtung ihrer Schüler und bat alle, vorerst keine Gerüchte oder Mutmaßungen im Bezug auf Damion McKenzie zu verbreiten. Zwar sei ihr klar, dass Damions Verhalten im Normalfall inakzeptabel gewesen sei, doch zuerst müsste der Gryffindor wieder erwachen und dann mussten die Umstände seines Verhaltens geklärt werden.
Professor McGonagall war fast mit ihrer Ansprache fertig, als sie von der Stimme Professor Styls unterbrochen wurde. Alle Augen richteten sich nun auf den Lehrer für VgddK. Doch Styls schien dies nicht zu interessieren. Seine Aufmerksamkeit galt Harry und dessen schmerzverzogenem Gesicht.
„Harry, was ist mit dir los?" Fragte Styls besorgt, als sich der Gryffindor einfach nicht von seinen Fingern lösen konnte.
„Er hat das da angefasst." Antwortete Hermine für ihren besten Freund und deutete auf die schwarze Perle, die nun vor Harry auf dem Boden lag. Stephano Styls rief die Perle zu sich in die Hand und Hermine wollte ihn schon davon abhalten. Doch da bemerkte sie, dass Professor Styls, wie sonst auch, seine Handschuhe trug. Sie schaute den Mann hoffnungsvoll an und wurde um einiges besorgter, als sie das blasse Gesicht des Lehrers sah.
„Bei Merlin, das darf doch nicht wahr sein." Rief Styls aus und eine gewisse Wut zeichnete sich plötzlich auf seinem Gesicht ab.
„Stephano, was ist los?", fragte daraufhin Professor McGonagall überrascht und ihr Kollege drehte sich zu ihr um.
„Minerva, so etwas Niederträchtiges und Unmenschliches, wie es Mr. Greenstone versucht hat, ist mir in meiner gesamten Laufbahn noch nicht vorgekommen. Und du weißt, ich habe schon eine Menge schwarze Magier getroffen."
„Ich verstehe nicht ganz, Stephano. Was ist so besonderes an dieser Perle? Und was ist mit Harry und ihrem Sohn?" Fragte Professor McGonagall weiter und auch die gesamten Schüler warfen dem Lehrer für VgddK neugierige Blicke zu.
„Minerva", sagte Styls und hielt die kleine schwarze Kugel hoch, „dies hier ist ein Objekt schwärzester Magie. Es handelt sich dabei um eine Mayaperle. Sie ist auf der eine Seite das wohl seltenste Schmuckstück der Welt und kann auf der anderen Seite einen Elefanten oder Blauwal binnen kürzester Zeit töten."
Die Augen der Direktorin wurde im nächsten Moment immer weiter und sie sah geschockt auf die kleine Kugel in Styls Fingern. Dann formten sich die Wort „Wie und Woher" in ihrem Kopf, doch es war Harry, der diese laut aussprach. Styls blickte zu seinem Schüler und sah, bevor er weiter sprach, erst mal Harrys Finger genauer an. Dann zückte er seinen Zauberstab und murmelte „Aquadiccus". Sofort floss Wasser über Harrys Finger und spülten die Rückstünde der Perle ab. Kaum war dies geschehen schwächte sich auch schon der Schmerz ab und Harry tadelte sich innerlich, warum er nicht selbst daran gedacht hatte.
„Nun Harry, und auch ihr anderen hier im Raum könnt ruhig mit zuhören. Die Perlen stammen aus den Regionen Süd- und Mittelamerikas, genauer gesagt, aus den Gebieten, wo einst die hochentwickelten Kulturen der Mayas lebten. Sie wurden von den magischen Priestern dort gezüchtet und oft als Schmuck, oder aber auch als Bestrafung für Ungläubige verwendet."
„Bestrafung?", fragten mehrere Schüler und Lehrer und Styls nickte.
„Ja Bestrafung, denn auch während die Perle in ihrer ursprünglichen Form eher harmlos ist, so bildet sie in Verbindung mit einer Säure, im Falle der zu bestrafenden Personen, deren Magensäure, eines der stärksten Gifte dieser Welt."
„Aber sie ist so schön." Sagte Lavender Brown leicht ungläubig und konnte ihren Blick einfach nicht von der Perle lassen. Styls lächelte seine Schülerin daraufhin an, fragte im nächsten Moment aber mit ernsterer Stimme. „Das mag ja stimmen, Ms. Brown. Doch würden sie sie immer noch so schön finden, wenn sie wüssten, wie sie hergestellt wird."
„Ich... ich verstehe nicht ganz... Professor", erwiderte Lavender und anhand der Vielzahl von fragenden Blicken, holte Styls ein wenig weiter aus.
„Nun Ms. Brown, dann hören sie mal gut zu. Die Perlen entstehen, wie jede andere Perle auf dieser Welt auch, in einer Auster. Doch diese Austern haben eine Besonderheit, die sie doch wieder von ihren Artgenossen unterscheidet. Es handelt sich dabei um den Ort, wo sie leben. Ein Ort, der wohl viele beim bloßen Anblick eine Gänsehaut über den Rücken jagen würde. Die Perlen entstanden in einem unterirdischen See, gelegen unter einem riesigen Tempel, in dem es zu seiner Hochzeit nicht einen Tag gab, an dem nicht ein oder zwei Menschen, wohlgemerkt Muggel, geopfert wurden. Und sie wurden nicht etwa gehängt oder so, Ms. Brown. Nein, diesen Menschen wurde bei lebendigem Leibe die Kehle aufgeschnitten und man hat sie zum Wohlwollen der Götter ausbluten lassen. Und eben dieses Blut floss durch viele kleine Kanäle im Opferstein nach unten und tropfte in den See. Legenden besagen, dass dieser dadurch scharlachrot geschimmert haben soll und nur durch das Blut der Opfer überhaupt solche schwarzen Perlen entstanden konnten."
„Oh mein Gott", sagte Lavender und verlor jedwede Farbe aus dem Gesicht.
„Genau das habe ich damals auch gesagt, Ms. Brown und ich denke man sollte diese Perlen daher nicht nur einfach Mayaperlen, sondern besser Blutperlen nennen, die auch jetzt noch, so viele Jahrhunderte nach ihrer Entstehungszeit, Unheil anrichten. Denn mir persönlich, und das ist ja das Erschreckende, ist kein einziges Gegengift bekannt und daher war das, was Damion getan hat, wohl das einzig Sinnvolle. Er hat es aus dem Körper geholt."
„Ja, aber wie hat er das geschafft?", mischte sich nun Horace Slughorn ein, da ihm das Handeln des Gryffindors immer noch suspekt vorkam. Wie sollte eine Hand voll Ton dieses nur bewirken können?
Styls sah seinen Kollegen an und lächelte zum ersten Male nach seiner kleinen Geschichtsstunde wieder. Dann griff er sich, wie schon Damion vorhin, an seinen Hals und holte auch so einen kleinen Talisman hervor.
„Ganz einfach Horace. Er hat das hier verwendet. Es handelte sich dabei um gemahlenes und wieder zusammengepresstes Gestein aus Australien. Um genauer zu sein ist es ein kleiner Teil des Ayers Rock. Und vielleicht hast du schon mal gehört, dass dieser Felsen so seine magischen Besonderheiten haben soll. Eine davon soll ja sein, dass er so trocken ist, dass er binnen weniger Sekunden, alle Flüssigkeiten aufsaugen kann, die ihn berühren. Und genau das hat mein Sohn genutzt und somit die Verbreitung des Giftes verhindert."
Harry konnte sehen, wie Slughorns Gedanken anfingen zu arbeiten und einer davon war bestimmt mit der Frage beschäftigt, woher er eine Probe des Felsens bekommen konnte. Doch auch die anderen Lehrer schienen sich so ihre Fragen zu stellen. Diese musste aber warten, denn ein Schüler aus Huffelpuff, der Damion mit in den Krankenflügel gebracht hatte, kam aufgeregt in die Halle gerannt und rief lauf, dass Professor Styls unbedingt zu Madame Pomfrey kommen soll. Professor Styls bekam daraufhin ein mehr als nur ängstliches Gesicht und verschwand mit schnellen Schritten aus der Halle...
