Kapitel 29
-Nachts-
Ich stand am Strand und sah mir die blinkenden Sterne an. Es war immer noch sehr warm. Adhara war wirklich sehr müde gewesen, sie hatte den ganzen Tag gespielt und war herumgetobt. Das würde bald zu Ende sein, ich ahnte es. Sie hatte schon erste weibliche Rundungen und bald würde sie zur Frau werden. Dieser Sommer würde der letzte sein, in dem sie noch mein kleines, wildes Mädchen sein würde. Und Sirius hatte alles verpasst.
Ich sah ihn auf mich zukommen. Mein Herz machte bei seinem Anblick sofort einen Sprung. Ob aus Freude oder Angst, vermochte ich nicht zu sagen.
„Baby, du bist wirklich unglaublich schön", flüsterte er abwesend und küsste mich auf die Stirn. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er den ganzen Tag über Severus und mich nachgedacht hatte. Darüber, dass Severus seine Tochter aufgezogen hatte, darüber, dass Severus mit mir geschlafen hatte. Darüber, dass wir mit dem Rücken an der Wand standen und es keine Lösung geben würde, die uns helfen könnte. Aber genau wie ich hatte er wohl entschieden, dass Adhara das Wichtigste war und der Rest warten konnte.
„Wo ist sie?" drängelte er.
„Sie liegt im Bett und schläft."
„Darf ich sie sehen?" Diese Frage brach mir fast das Herz.
„Natürlich darfst du das. Komm mit mir mit." Ich wandte mich um und bedeutete ihm, mir zu folgen. Während ich ihm den Weg zu unserem Bungalow wies, hatte ich das unbestimmte Gefühl, dass er ein paar Mal zum Sprechen ansetzte, aber es kam kein Ton aus seinem Mund. Ich fühlte nur seinen Blick auf meinen Schulterblättern wie Feuer brennen. Wahrscheinlich hasste er mich in diesem Moment dafür, dass ich Severus geheiratet hatte.
Clot wartete schon auf uns. Sie begrüßte Sirius mit einem strahlenden Lächeln; ich wusste, dass sie ihn immer sehr gemocht hatte.
„Clot, danke." Sirius küsste sie auf die Wangen. Kurz fühlte ich einen Stich der Eifersucht, aber mir war ja klar, dass wir ohne sie nicht hier stehen würden und ich überhaupt kein Recht hatte, eifersüchtig zu sein.
Sirius fühlte sich sichtlich unwohl, als er sich an unseren Tisch setzte. Clot hatte ein zweites Abendessen zusammengestellt und öffnete eine Flasche Weißwein. Sie sah sehr entspannt aus. Ich wusste, dass Sirius lieber Rotwein trank, aber er sah ohnehin nicht so aus, als wollte er irgendetwas zu sich nehmen.
„Diese Situation ist so irrsinnig.", flüsterte er. „Ich kann es nicht fassen. Ich muss mich in dieses Haus schleichen wie ein Dieb, um mein eigenes Kind zu sehen."
„Ja, es ist vielleicht verrückt, aber anders geht es nun mal nicht. Das wirst du akzeptieren müssen, Sirius.", sagte Clot überaus sachlich. „Der Rest der Welt glaubt, dass du ein Massenmörder bist und ein Todesser obendrein. Adhara hat ein schönes, behütetes Leben geführt als die Tochter von einem Tunichtgut, der ihre Mutter verlassen hat, bevor er überhaupt wusste, dass sie schwanger war. Und sie hat jetzt jemanden, der ihr ein Vater ist. Du willst das alles doch nicht kaputt machen, nur um deinetwillen?"
Man musste sie einfach lieben. Sie hatte die Situation vollkommen im Griff. Sie würde weder ihm noch mir gestatten, etwas völlig kopfloses und dummes zu tun. Sirius sah sie an und schüttelte langsam den Kopf.
„Es ist nur…wenn ich es doch nur gewusst hätte!" Er litt.
„Ja, und wenn Sadra es nur gewusst hätte…es macht keinen Sinn, sich jetzt darüber aufzuregen. Was passiert ist, ist passiert. Man weint nicht über vergossene Milch. Es ist nicht mehr zu ändern. Iss doch was. Wir haben eine Menge Bilder für dich, die wir dir zeigen wollen."
Sirius stopfte sich wahllos ein paar Bissen in den Mund, aber er aß ohne Appetit. Seine Augen schienen den Raum nach Anzeichen für die Existenz seiner Tochter abzusuchen. Natürlich gab es eine ganze Menge davon. Ihr Bikini trocknete über eine Stuhllehne, einige ihrer Bücher lagen herum, ein Block, auf dem sie herumgekritzelt hatte, ein Paar ihrer Schuhe, verstreute Haarspangen.
„Trink was.", befahl Clot ihm und hievte die Fotoalben auf den Tisch. Ich selbst hatte mir diese Alben seit Ewigkeiten selbst nicht mehr angeschaut. Ich stand hinter Sirius und sah ihm über die Schulter. Ich konnte die riesige Anspannung in seinem Körper fühlen, als er begann, die Bilder durchzublättern. Alles war da- Adhara gleich nach ihrer Geburt, ihr erstes zahnloses Lächeln, ein Babygähnen, ihre ersten Schritte. Sirius sah sich jedes einzelne Bild für eine entnervende Ewigkeit an. Clot trank mittlerweile allein weiter von dem Wein, weil Sirius sein Glas nicht anrührte.
„Komm her.", murmelte er, als die erste ihm unbekannte Person auf einem der Bilder auftauchte. Er zog mich auf seinen Schoß. Sein linker Arm war fest um meine Taille geschlungen und mit der rechten Hand blätterte er weiter. Ich presste meine Hände in den Schoß. Ich fühlte mich unwohl in dieser Situation. Meinen Ring trug ich heute nicht. Clot sah uns gespannt zu.
„Wer ist das?"
"Madame DuPret. Sie war Adharas Kinderfrau als sie noch viel kleiner war."
„Warum hast du dich nicht selbst um sie gekümmert?", sein Tonfall war anklagend.
„Weil…", ich musste mich bemühen, meine aufflammende Wut über diesen Ton unter Kontrolle zu halten. „Ich Geld verdienen musste, weißt du. Ich konnte meine Kleine nicht von Luft und Liebe ernähren."
„Du hast doch Geld." Konnte oder wollte er es nicht gut sein lassen?
„Meine Eltern sind reich. Nicht ich."
„Warum haben sie dir dann kein Geld gegeben?"
„Weil ich es ihnen nie gesagt habe. Ich habe dir doch gesagt, dass Clot und Severus die einzigen Menschen sind, die wissen, wessen Kind das ist."
„Du hast deinen Eltern nicht mal erzählt, dass du schwanger warst?" verblüfft sah er mich an.
"Nein. Sie hätten wohl gewusst, wessen Kind das ist. Sie waren von dem Umstand, dass du dich als Todesser entpuppt hast, ziemlich angetan. Zu angetan für meinen Geschmack."
„Aber ich war niemals…"
„Das weiß ich jetzt. Aber sie waren damals sehr zufrieden, als sie hörten, dass du entgegen den Behauptungen deiner Mutter doch die ganze Zeit auf der richtigen Seite warst. Was hätte sie da für Leben führen sollen? Ich wollte meiner Tochter das alles ersparen. "
„Hast du mich so sehr gehasst?"
„Ich habe mein Kind so sehr geliebt. Deswegen bin ich verschwunden und habe es keinem gesagt."
Er umfasste meine Taille noch fester.
„Warum weiß Snape davon?"
Ich seufzte. Diesen Teil der Geschichte hätte ich nur zu gerne übersprungen, aber ich wollte ehrlich sein. „Dumbledore hat damals gedacht, dass es sicherer für mich wäre, wenn ich eine Weile in Hogwarts bleibe. Es wusste damals keiner, ob die Todesser mich deinetwegen jagen würden und ich hatte wohl auch so eine Art Nervenzusammenbruch. Severus hat herausgefunden, dass ich schwanger war, als er deswegen eine Blutprobe von mir untersucht hat. Er konnte natürlich zwei und zwei zusammenzählen." Ich zögerte. „Er war es auch, der mir geraten hat, das Kind zu behalten."
„Du hast überlegt, es…?"
Ich lachte bitter. „Natürlich habe ich das. Jeder hat mir andauernd erzählt, dass du der Geheimniswahrer warst und obendrein ein Todesser und die rechte Hand von Voldemort auch noch. Nach allem, was ich deinetwegen durchgemacht habe, wollte ich sie zuerst nicht mehr haben."
Sirius sah mir in die Augen und ich konnte in seinem Gesicht sehen, wie sehr ihn meine Worte verletzt hatten. Aber ich empfand kein Mitleid für ihn. Ich hatte das schließlich damals auch alles alleine durchstehen müssen und keiner hat mir geholfen. Außer Severus…
Sirius erwiderte nichts, sondern blätterte weiter. Adhara im Alter von vier Jahren in einem von diesen grässlichen Prinzessinnen-Kleidchen, in denen sie heute nicht mehr würde begraben werden wollen; Adhara in London, als sie das Feuerwerk ansah. Das war die Nacht, in der Severus und ich geheiratet hatten. Und natürlich tauchten ab diesem Bild dann und wann auch Bilder mit ihm auf. Er und Adhara, die sich zusammen über ein Buch beugten, beide, die in ihren Blick auf etwas nicht Sichtbares in der Ferne gerichtet hatten, Adhara schlafend auf Severus Arm.
Ich konnte Sirius Kummer beim Anblick dieser Bilder körperlich spüren.
„Warum tut er das?", murmelte Sirius und starrte das letzte Bild an. Adhara saß aus wie ein kleiner Engel mit dunklen Locken, der schlafend in Severus Arm lag. Er stand aufrecht, trug sein übliches schwarz und hatte einen strengen Gesichtsausdruck, aber doch konnte man selbst auf diesem Bild sehen, dass er sich um sie kümmerte und sorgte. Ich blätterte einfach weiter. Dieses Bild tat mir selber weh und ich wollte jetzt nicht an ihn denken.
Als wir mit den Alben fertig waren, musste es fast zwei Uhr morgens gewesen sein.
„Lass mich zu ihr." Ich nickte. Clot blieb am Tisch sitzen als wir in Adharas Zimmer schlichen. Ich öffnete behutsam die Tür und der Geruch ihres schlafenden Körpers drang aus dem Zimmer. Obwohl er zwei Schritte hinter mir war, konnte ich Sirius Herz wild schlagen hören. Wir schlichen hinein. Adhara lag auf dem Rücken, ihre schwarzen Haare waren wild auf dem Kissen verteilt und ihr Mund war ganz leicht geöffnet. Sie sah so friedlich aus, ihr Atem ging tief und langsam. Sirius stand vollkommen regungslos in der Mitte des Zimmers. Ich sah seine versteinerte Miene und bekam Angst. Vielleicht war das alles zu viel für ihn? Ich stieß ihn leicht an und er kam wieder zu sich. Er wankte zu ihrem Bett und sank auf die Knie wie ein Schlafwandler. Seine Augen strahlten voller Bewunderung für seine Tochter.
„Darf…ich sie berühren?" Seine Hand über ihrer Wange zitterte entsetzlich.
„Pass auf, dass du sie nicht weckst.", flüsterte ich, wohlwissend, dass seine Berührung leichter sein konnte als eine Feder. Sanft nahm er ihr Gesicht in seine große Hände.
„Oh mein Gott.", es war nur ein Hauch voll unfassbarer Liebe.
"Sirius?"
„Lass mich bitte bei ihr bleiben! Ich will sie nur ansehen! Sieh nur, wie sie schläft!" Er strahlte mich so voller Stolz an, dass ich fast lachen musste. Soso, es war zwei Uhr morgens und sein Kind schlief. Na, so was.
„Sollte sie aufwachen, musst du gehen, verstehst du? Sie würde zu Tode erschrecken, wenn sie aufwacht und dich sieht! Ich bin im Wohnzimmer." Er nickte und wandte sich sofort wieder zu ihr um, so beseelt, dass sein Gesicht fast einen dümmlichen Ausdruck angenommen hatte.
Ich ging ins Wohnzimmer, wo Clot gerade irgendwo in der Mitte der zweiten Flasche Wein angekommen war. Ich zweigte mir selber ein Glas ab und ließ mich in einen Sessel fallen.
„Das hier ist alles so richtig Scheiße." Ich schüttelte unwillig mit dem Kopf, während Clot verständnisvoll nickte.
„Was macht er denn?"
„Er guckt sie an. Er bewundert sie gerade, weil sie schläft." Ich grinste.
„Das muss ja so schrecklich für ihn sein."
Jetzt war es an mir, zu nicken. „Hast du schon eine Idee, was wir ihr sagen sollen? Ich bringe es nicht übers Herz ihn dahin zurückzuschicken, wo er gewesen ist. Nicht jetzt."
„Adhara wird sich ohne Probleme damit zufrieden geben, wenn wir ihr sagen, dass er unschuldig ist und sich eine Weile bei uns verstecken wird. Wir müssen ihr nur sagen, dass war mal Freunde waren oder so. Sie wird schon verstehen, dass du es ihr verheimlich hast, bis du selber von seiner Unschuld wusstest."
„Aber wir müssen ihr klarmachen, dass sie es auf keinen Fall Severus erzählen darf. Er wird sich keineswegs mit dieser Situation ‚zufrieden geben'."
Clot prustete in ihr Glas. „Nein. Ganz besonders nicht, wenn du nebenbei noch mit Sirius ins Bett steigst."
Ich starrte die Wand an. „Das stimmt. Aber das wird nicht mehr passieren."
Clot schien da ihre Zweifel zu haben, aber sie sagte nichts weiter dazu.
„Ich denke, dass sie den Mund halten wird, wenn wir ihr sagen, dass Severus die Wahrheit noch nicht kennt, wir Erwachsenen es ihm aber so bald wie möglich sagen werden."
„Ja, das denke ich auch."
„Er wird hier aber nicht einfach auftauchen, oder?"
„Severus? Ich glaube nicht. Er hat mir gesagt, dass im kommenden Jahr in Hogwarts so eine Art Turnier stattfinden soll. Genaues weiß ich noch nicht, aber sie müssen da wohl jede Menge vorbereiten. Und außerdem wollte er uns ja unseren Frauenurlaub gönnen. Und außerdem ist auch noch die Quidditch Weltmeiterschaft."
„Er mag Quidditch?"
„Nicht wirklich. Ihn geht es, glaub ich, mehr darum, einige seiner…Leute zu treffen. Ich glaube, es wäre auch kein Problem, wenn ich ihm sagen würde, dass wir hier um ein oder zwei Wochen verlängern. Das einzige Problem könnte Adharas Geburtstag sein. Da könnte er vielleicht kommen wollen, wenn wir denn verlängern."
„Weiß Sirius denn, dass er mal ein Todesser war?"
„Nein. Er hat es schon immer vermutet, aber er weiß es bis heute nicht mit Sicherheit. Und bitte sag ihm das auch nicht, sonst rastet er wieder aus." Sie nickte. Und ich wusste, dass ich auf sie zählen konnte.
„Und du? Was willst du tun?"
„Ich weiß es nicht." Ich zuckte mit den Achseln.
Clot schlief bald ein. Ich fühlte mich überhaupt nicht nach Schlafen. Ich nahm mein Glas Wein, setzte mich auf die Stufen vor dem Bungalow und sah hinauf in den Sternenhimmel. Der Horizont färbte sich schon von schwarz zu blau als Sirius zu mir kam.
„Du hast nicht zufällig eine Zigarette?"
Ich warf ihm mein Päckchen zu und er setzt sich neben mich.
„Sie sieht aus wie ich." Er klang völlig benommen und überwältigt.
„Sei nicht unfair, sie ist immerhin ein Mädchen.", witzelte ich.
„Du weißt genau, was ich meine. Und sie ist so unglaublich perfekt. Ich kann nicht fassen, dass ich ihr ganzes Leben verpasst haben soll. Ich kann es nicht fassen, dass ich sie nie in den Schlaf wiegen konnte, oder ihr vorlesen oder…" Seine Stimme verlor sich, gedankenverloren atmete er den Rauch tief ein.
„Ich hätte mir auch gewünscht, dass alles anders gelaufen wäre."
„Und jetzt? Ich meine, was soll jetzt werden? Jetzt, wo du weißt, dass ich unschuldig bin? Können wir nicht jetzt endlich eine Familie werden?" Es war eine verzweifelte Frage, die mir fast das Herz brach.
Ich zündete auch eine Zigarette an. „Sirius, ich bin verheiratet. Ich werde Severus nicht so hängen lassen. Er verdient so viel mehr."
„Aber du liebst ihn nicht wirklich. Du denkst doch auch die ganze Zeit daran, wieder zu mir zurückzukehren, nicht wahr? Ich bin dein wahrer Mann und du weißt es."
Wie ich seine schreckliche Selbstsicherheit hasste. „Ich kenne dich nicht einmal, Sirius. Wir waren einmal zweieinhalb Jahre zusammen und das ist jetzt fast fünfzehn Jahre her. Das ist fast die Hälfte meines Lebens."
„Aber du hast mich geliebt. Denk an gestern. Du liebst mich."
„Ich…ich habe mich gestern hinreißen lassen. Ich …bitte bedräng mich nicht, Sirius. Das ist gerade alles zu viel auf einmal für mich."
„Was soll ich denn sagen? Ich habe plötzlich ein Kind. Und ich will mich um sie kümmern."
„Das geht nicht. Ich habe es dir gesagt."
„Ich werde dir nicht erlauben, mich wieder zu verlassen. Ich werde Schnüffelchen töten, wenn es sein muss."
„Ich habe dich nie verlassen. Du bist gegangen." Wir rauchten schweigend.
„Was soll denn nun werden, Sadra?"
„Clot und ich haben beschlossen, dass du erst mal bei uns bleiben kannst. Wir werden Adhara sagen, dass wir mal Freunde waren und jetzt erst herausgefunden haben, dass du unschuldig bist. Wir werden hier noch für zwei oder drei Wochen bleiben. Ich werde Adhara aber nicht sagen, dass du ihr Vater bist. Und das wäre im Moment alles."
„Das ist mehr, als ich verlangen kann, oder?" Dieses unwiderstehliche Lächeln.
„Sehr richtig!"
Er drückte seine Zigarette aus und sah mir direkt in die Augen. „Du hast ihn auf keinen Fall so sehr geliebt wie mich."
Ich hatte Sirius ins Bett geschickt, als die Sonne an diesem Tag aufgegangen war. Weil Adhara- zwar nur noch selten, aber doch ab und an- morgens zu mir ins Zimmer kam, um mich zu wecken, hatte ich ihn gebeten, in Clots Zimmer zu schlafen. Sie hatte ein Kingsize-Bett in ihrem Zimmer genau wie ich, aber Sirius hatte sich kommentarlos auf den Boden geworfen und war sofort eingeschlafen. Clot, die ich aufgeweckt hatte, grinste.
„Der wird sich wohl nie in mich verlieben, was?" Sie gähnte. „Jetzt sei eine liebe Freundin und lass mich noch ein bisschen schlafen. Ich habe furchtbare Kopfschmerzen."
Obwohl es meine zweite Nacht fast ohne Schlaf war, fühlte ich mich nicht müde. Vielleicht hielt das Adrenalin mich wach. Gedanken schossen durch meinen Kopf, eckten hier und da an, aber nichts fügte sich wie ein Puzzle zusammen, alles blieb wirr. Er war unschuldig, ich war verheiratet, Adhara. Es war seine Schuld. Klar gab es Sachen, die man nicht in einem Brief schrieb, aber meine Schwangerschaft war sicher das bessere Argument, es nicht getan zu haben. Eine Schwangerschaft war wie ein süßes Geheimnis, man wollte doch dem Vater des Babys in die Augen sehen, wenn er es erfuhr. Es hatte aber keine Notwendigkeit bestanden, mir in die Augen zu sehen, um mir zu sagen, dass sie den Geheimniswahrer getauscht hatten. Er war nur leichtsinnig, rücksichtslos und sorglos gewesen, so wie er es immer schon gewesen war. Wer hätte auch ahnen können, dass es auf dieser Welt tatsächlich Dinge und Menschen gab, die den supertollen Black und seine Freunde würden stoppen können? Er selber hätte sicher keinen Knut darauf gewettet.
Und doch hatte ich mit ihm geschlafen und konnte keine Reue fühlen. Angst- ja. Aber Reue? Echte Reue? Nein. Hätte Severus eine Gelegenheit bekommen, um mit Lily so zusammen zu sein, würde er sie auch genutzt haben und ich hätte es ihm nicht verübeln können…Ja, genau. Selbstgerechtigkeit, dein Name sei Sadra. Ich wäre ausgerastet; ich versuchte nur, trotzig zu sein. Aber was jetzt? Jetzt war die Phase blinder Leidenschaft vorbei und es wurde Zeit, wieder das Gehirn zu benutzen. Ich würde mir etwas einfallen lassen müssen. Was sollte ich Severus nur sagen? Die Wahrheit war sicher nicht meine erste Wahl.
Ich biss mir auf die Lippe und begann, das Frühstück zu machen. Es war noch sehr früh, aber was sollte ich machen? Würde eine übernächtigte Hexe, deren Welt plötzlich Kopf stand und die binnen kürzester Zeit zu viele dumme Fehler gemacht, jemals wieder zur Ruhe kommen?
Sirius und Clot schliefen beide noch, als Adhara wenig später in die Wohnküche sprang. Sie war schon richtig braun geworden und sah ausgeschlafen aus.
„Wow, Mama! Was ist denn hier los? Pfannkuchen, Waffeln, frische Brötchen, Rührei, Spiegelei, Croissants und Schinken? Kommt die Queen vorbei?"
Sie erlöste mich endlich von meiner ratslosen Denkerei.
„Guten Morgen, Adhara." Ich küsste sie auf die Stirn. „Hast du gut geschlafen?"
„Ja, eigentlich super- ich hab nur geträumt, dass ich mich mit Yvette gestritten hätte und es tat mir nachher so leid, aber sie wollte meine Entschuldigung nicht annehmen! Und du?", plauderte sie, während sie sich auf den erstbesten Stuhl fallen ließ. Dass wir uns gegenseitig unsere Träume erzählten, war ein Ritual, was ich von meiner Mutter übernommen hatte.
„Nichts. Adhara, wir müssen uns mal unterhalten.", seufzte ich und hoffte, dass sie gut mit der Sache würde umgehen können.
„Über was denn?" Sie hatte keine Angst, es war nur Neugier in ihrer Stimme. Noch hatte sie keine Geheimnisse vor mir, die ihr wegen einer solchen Ansage Sorge bereiten könnten.
„Kannst du dich noch an Sirius Black erinnern? Wir haben von ihm gesprochen."
„Ja, klar."
„Es gibt da eine Sache, die ich dir in den Weihnachtsferien nicht über ihn gesagt habe."
„Was denn?" Sie schien mehr an dem Frühstück vor ihrer Nase interessiert zu sein.
„Er war einmal ein Freund von mir."
„Was echt?" Sie sah mich mit riesigen Augen an. „Du warst mit einem Massenmörder befreundet?"
„Nein, wir waren befreundet, bevor er ein Massenmörder geworden ist. Oder besser gesagt: bevor ich dachte, dass er ein Massenmörder geworden wäre. Aber ich weiß jetzt, dass ich Unrecht hatte."
„Warte, warte. Jetzt mal ganz langsam."
Ich musste lachen, diesen Satz hatte sie von Clot übernommen. Ich setzte mich. „Adhara, Sirius und ich sind Freunde geworden, nachdem ich nach England gekommen war. Wir waren beide mit den Potters befreundet und einem Haufen anderer Leute. Das war in der Zeit, als noch der Dunkle Lord regiert hat. Ich habe dir ja davon erzählt. Er war es, der damals die Potters umgebracht hat- unsere Freunde. Wir alle haben damals gedacht, dass es Sirius Black gewesen wäre, der die Potters an ihn verraten hat. Das habe ich ja damals schon versucht, dir zu erklären mit dem Versteckspiel. Er war es aber nicht. Er hat ihnen nicht verraten, wo die Potters versteckt waren; es war jemand anderes."
Adhara sah mich zögerlich an. „Aber er hat doch auch all diese Muggel getötet, oder nicht?"
„Nein, als das passiert ist, wollte er eigentlich den wahren Verräter der Potters gerade töten, aber der war schneller. Dieser andere Mann hat die Muggel getötet und ist dann verschwunden, so, dass es aussah, als wäre es Black gewesen. Black ist dann auch festgenommen worden von den Auroren."
Adhara lachte. „Und das glaubst du, Mama? Also echt- doch nicht im Ernst?"
„Doch, ich tue es. Aber aus gutem Grund. Es würde jetzt zu weit führen, dir alles jetzt auf einmal zu erklären, aber er ist unschuldig. Ich weiß das jetzt, Clot weiß das und auch einige andere wichtige Leute wissen das jetzt."
„Aber warum stand es dann denn noch nicht in der Zeitung?" Sie bediente sich munter am Rührei, das sie auf ein aufgeschnittenes Brötchen matschte.
„Weil die meisten Menschen noch nicht wissen, dass er unschuldig ist. Und viele Menschen werden es wahrscheinlich auch nicht glauben wollen." Ich musste an Severus denken.
„Aber warum sagt ihr, die ihr es wisst, nicht einfach die Wahrheit?" Sie biss in ihr Brötchen.
„Es gibt zu wenige Augenzeugen, die die Wahrheit bestätigen könnten."
„Naja, so gesehen gibt es ja auch ziemlich wenige Augenzeugen dafür, dass die Muggels immer Aliens sehen, aber es glauben trotzdem ziemlich viele Leute dran."
„Adhara, das ist kein Witz. Sirius Black ist unschuldig, aber wenn die falschen Leute ihn in die Finger kriegen, wird er sterben. Das Ministerium hat erlaubt, dass der Dementorenkuss an ihm durchgeführt werden darf.", meine Stimme war zu drängend.
„Was ist denn das?" Sie futterte weiter munter ihr Brötchen, während sie mich skeptisch ansah.
„Du weißt doch, was Dementoren sind, oder?" Sie nickte. „Der Kuss eines Dementoren heißt, dass er dir die Seele aus dem Leib saugen darf."
„Ihhhhhhhhh!"
„Es bedeutet, dass deine Seele niemals Frieden finden wird, auch wenn dein Körper irgendwann wegen deines Alters sterben sollte. Es ist eine viel schlimmere Strafe als der Tod."
„Warum erzählst du mir das jetzt, Mama?" In ihrer Stimme lag Angst.
„Weil er jetzt hier ist."
„WAS?", kreischte sie und sprang auf, als hätte sie gerade einen Geist gesehen.
„Pssst, keine Panik, alles ist okay. Clot und ich möchten, dass er ein Weilchen hier bleiben kann, weil er sonst nirgendwo bleiben kann, bis seine Unschuld erwiesen ist und hier wird ihn sicher keiner suchen."
„Aber was, wenn die Dementoren kommen und dann uns küssen?"
„Adhara, beruhig dich. Guck mal, was Black angeblich gemacht hat! Der Kuss der Dementoren ist ja erst erlaubt worden, als sie gemerkt haben, dass sie ihn nicht kriegen können. Keiner würde jemals erlauben, dass uns so was passiert! Wir würden nicht mal nach Askanban kommen, vor allem nicht du, weil du noch minderjährig bist!" Es war wirklich das erste Mal, dass auch mir der Gedanke kam, dass ich womöglich nach Askaban würde gehen müssen, weil ich einem Ausbrecher geholfen hatte.
„Was sagt Severus dazu?"
Meine Güte- das sie so schnell auf ihn kommen musste! „ Er gehört zu den Leuten, die die Wahrheit bisher noch nicht kennen. Du darfst ihm nichts davon sagen, was wir hier machen, okay?"
„Aber Mama, wie kann er das noch nicht wissen? Normalerweise weiß er immer alles!"
„Naja, dieses Mal eben nicht. Adhara, vor ein paar Monaten hast du die ganze Sache noch für das Coolste der Welt gehalten." Sie sah mich aufmerksam an. „War es so oder war es so? Sirius Black ist jetzt hier. Aber du darfst es Severus nicht sagen. Auf gar keinen Fall. Erst muss ich mit ihm reden! Wenn ich das erledigt habe, wird alles in Ordnung sein."
Severus hatte einmal mehr Recht gehabt- Lügen fiel mir wirklich leicht.
Adhara schien trotzdem nicht überzeugt.
„Adhara, komm schon. Du willst doch nicht, dass Sirius den Kuss bekommt, weil du Severus davon erzählt hast, bevor ich es ihm erklären konnte? Severus würde sich selbst ewig Vorwürfe deswegen machen müssen. Er würde es niemals wollen, dass ein Unschuldiger seinetwegen stirbt!" Ich traute meinen eigenen Ohren kaum. Was trieb ich hier eigentlich? Ich setzte meine eigene Tochter mit Fehlern von Severus unter Druck, die er nur zu gern machen würde? Aber es schien zu funktionieren.
„Ich muss das Geheimnis also für mich behalten?"
„Ja, es ist unser Geheimnis. Deins, Clots und meins. Keiner von uns sagt ein Sterbenswörtchen, bis ich sage, dass es okay, ist."
„Okay." Adhara war plötzlich ganz aufgeregt. „Aber wo ist er denn?"
„In Clots Zimmer, er schläft."
„In Clots Zimmer, Mama? Sind die beiden verliebt?"
Ich lachte. Adharas Denken war eben manchmal doch noch das eines Kindes, wenn es um solche Dinge ging. Sie benutzte all diese großen Begriffe von Liebe, ohne zu wissen, was eigentlich für eine Bedeutung dahinter stand. Natürlich waren sie und ihre Freundinnen schon stets und ständig in Jungs verliebt, aber das Gefühl, das die Erwachsenen meinten, fehlte dahinter noch. Noch. Ich wusste, dass sich das jeden Tag würde ändern können.
„Wer ist verliebt?", fragte Clot, die gerade gähnend auf der Bildfläche erschien. „Merlin- was ist denn das für ein Frühstück?" Sie flog förmlich zum Tisch und nahm sich Kaffe und ein paar Croissants.
„Du! Und Sirius Black!" Adhara strahlte und kam sich gerade sehr wichtig vor.
Clots Augen suchten mich nur für eine halbe Sekunde. „Deine Mutter hat dir also schon gesagt, dass er hier ist?" Adhara nickte entzückt. „Und du weißt auch schon, dass du die Klappe halten musst, egal, was passiert?"
„Ja, das Mama mir schon gesagt. Es ist ein Geheimnis zwischen uns dreien!"
„Okay. Und auf gar keinen Fall darf Severus davon wissen, okay?"
„Adhara schien sehr abgelenkt und dachte gerade sicher nicht an Severus. „Ja."
„Gut." Clot warf Zucker in ihren Kaffee. „Warum gehst du ihn nicht wecken, Sadra? Er ist bei weitem nicht der beste Bettvorleger, den ich bisher hatte." Sie sah mich an.
„Ihr seid also verliebt?", fragte Adhara Clot in aufgeregtem Ton.
Ich musste grinsen. Dann sieh mal zu, wie du aus der Nummer wieder raus kommst, Clot. Ich hörte sie ehr gelangweilt sagen: „Nah."
Kurz überlegte ich, ob es nicht wirklich sinnvoller wäre, Adhara zu erzählen, dass Clot in Sirius verliebt wäre, sodass sie würde verstehen können, dass es besonders wichtig war, Severus gegenüber den Mund zu halten. Aber das würden wir noch klären müssen.
