Promises Unbroken
Kapitel 28: Wunderbare Aussichten
„Wie du weißt, besteht die Ausbildung eines Auroren aus sieben Basissektionen.", begann Hestia in trockenem Tonfall. „Vor dem Krieg nahmen diese Sektionen zusammen mit dem Basistraining und der Mentorenzeit drei Jahre in Anspruch. Mittlerweile haben wir den gesamten Prozess auf ein Jahr reduziert, weil wir zu viele Auroren verlieren, als dass wir sie noch ersetzen könnten. Bei dir wird sich das Training noch einmal verkürzen.
Die meisten Auroren, die das Feld verlassen, kommen nicht mehr zurück. Die meisten sind ohnehin nicht mehr am Leben.", fuhr sie fort. „Daher ist dein Fall in gewisser Weise einmalig, insbesondere, wenn man bedenkt, wie lange du keinen Zauberstab in der Hand gehalten hast. Ich nehme an, dass deine Basiszauberei während deiner Gefangenschaft ziemlich gelitten hat, also müssen wir zurück zum Anfang."
Sirius rutschte leicht in seinem Stuhl hin und her, blieb jedoch still und schluckte eine ungeduldige Antwort herunter. Jones machte natürlich einfach weiter, als habe sie überhaupt nichts gemerkt.
„Entsprechend werden wir ein paar Wochen mit einfachen Zaubern üben und uns dann langsam zu etwas anspruchsvollerer Magie vorarbeiten. Für die Zeit danach habe ich für jede der sieben Sektionen einen einwöchigen Crashkurs organisiert, der mit Verstecken und Verbergen beginnt und mit Kampfflüchen endet. Dann legst du für jede der Sektionen einen Test ab, damit wir sicher sein können, dass du dem Aurorenstandard entsprichst. Davon ausgehend, dass du bestehst" (und nichts in ihrer Stimme ließ Sirius annehmen, dass sie im Geringsten daran glaubte) „folgt eine sechsmonatige Mentorenzeit mit einem erfahrenen Auroren."
„Also, ich wiederhole, damit mir auch ja nichts entgeht", sagte Sirius langsam. „Ich verbringe beinahe drei Monate mit dem Training und mache dann weitere sechs eine zweite Mentorenzeit mit?"
Er versuchte, seine Verärgerung aus seinem Ton herauszuhalten, doch er war sich sowieso nicht sicher, ob Jones sie bemerkt hätte. Ihre Antwort war schlicht: „Präzise."
„Ich habe keine neun Monate."
Erst jetzt schien sie seine mangelnde Begeisterung zu registrieren. „Entschuldigung?"
„Ich sagte, ich habe keine Zeit, um neun Monate zu verschwenden", erwiderte Sirius mit eisiger Deutlichkeit. „Und die Zentrale hat sie auch nicht."
„Vergib mir, wenn ich nicht glaube, dass deine Beteiligung den Unterschied zwischen Leben und Tod für die Aurorenzentrale ausmachen wird.", bemerkte sie sarkastisch.
Sirius zügelte sein Temperament; zurzeit konnte er es wirklich nicht gebrauchen. „Das habe ich auch nicht behauptet", gab er zurück. „Aber es gibt einiges anderes, was ich dir völlig versichern kann. Erstens: Voldemort will mich und ist zu allem bereit, um mich zu bekommen. Zweitens: Meinen Basiszaubern geht es hervorragend. In den letzten drei Tagen war ich in zwei Duelle verwickelt und habe beide gut überstanden. Drittens: Ich bin weder verrückt noch inkompetent, und mein Gedächtnis funktioniert auch noch. Ich mag zehn Jahre im Gefängnis verbracht haben, aber wie man kämpft, weiß ich noch."
„Bist du fertig?", fragte Jones kalt.
„Sollte ich?", schoss Sirius zurück, nicht bereit, auch nur einen Zoll nachzugeben, und in Jones' Augen funkelte Zorn.
„Mich interessiert nicht im Geringsten, was du weißt oder nicht weißt", schnappte sie. „Ich bin hier, um dich zu trainieren, und das bedeutet, du machst, was ich sage, oder du machst gar nichts. Wenn dir das nicht passt, kannst du gerne gehen."
Sirius stand auf und verließ den Verschlag ohne ein weiteres Wort.
„Also, was haben wir denn, Perkins?", fragte Arthur neugierig, unmittelbar nachdem er appariert war.
„Was ziemlich Interessantes eigentlich", erwiderte sein Kollege. „Sieht so aus, als hätte der alte Martook sich neben dem ganzen anderen Zeug auch eine alte Muggelyacht frisiert."
„Fragt sich also, was wir damit machen", überlegte Arthur besorgt und kratzte sich am Kopf. „Es ist ja nicht so, als könnten wir sie schnell ins Ministerium fliegen. Wohin damit also?"
Arthur und Perkins ermittelten zurzeit in Sachen des Nachlass Dennis Martooks, und die Untersuchung nahm bereits Tage in Anspruch. Natürlich musste Arthur seit seiner Beförderung keine Ermittlungsarbeit mehr leisten, doch er fand sie einfach zu faszinierend. Martooks Hinterlassenschaften stellten da sicherlich keine Ausnahme dar; tatsächlich entwickelte er sich zu einem der außergewöhnlichsten Fälle, von denen Arthur je gehört hatte. Es hatte mit explodierenden Muggeltelefonen und verrückt spielenden Fernsehern begonnen. Dann waren sie auf beißende Vorhänge und selbstzündende Mülleimer gestoßen; als Perkins über eine selbstschaufelnde Schaufel stolperte, war es noch schlimmer geworden. Kurz darauf wurde Arthur in einen Kampf mit einer Tür verwickelt, die ihn schließlich mit einem gut gezielten Tritt nach draußen beförderte, und an diesem Punkt hatte Perkins schließlich von der Anlegestelle aus nach ihm gerufen.
Vor seinem Tod hatte Martook direkt am Strand in Aberdeen gelebt. Die Region war unter Zauberern und Hexen nicht sonderlich beliebt, was wahrscheinlich erklärte, wie er unentdeckt jeden verfügbaren Muggelgegenstand in seinem gesamten Haushalt hatte verzaubern können. Ansonsten hätte jeder Zauberer sofort geahnt, dass dieses Boot - Wie nannte Perkins es, eine Yecht?, fragte sich Arthur - alles andere als normal war.
„Keine Ahnung. Vielleicht könnten wir es hier lassen" Perkins zuckte mit den Schultern, und plötzlich zuckte die Inspiration durch Arthurs gesamten Körper, und er hörte nicht mehr zu.
„Was meinst du, hat es einen Motor?", fragte er atemlos.
Perkins lachte (als Sohn von Muggeln verstand er mehr von diesen Dingen, als Arthur sich je erträumen könnte). „Natürlich hat es einen Motor. Sieht dieses luxuriöse Boot in deinen Augen aus, als verstecke es irgendwo Segel?"
Arthur ignorierte die Ironie und sprang an Bord. Das hier versprach interessant zu werden!
„James, wir haben ein Problem."
Sirius durchquerte die Tür zum Büro seines Freundes, ohne sich die Mühe machen zu klopfen. Er ließ sich auf einem Stuhl vor dem ziemlich feschen Holztisch nieder - Sirius hatte James' Büro zuvor noch nie betreten, entschied sich aber, dass es passte - und sah seinen alten Freund an. James seinerseits erwiderte den Blick, als sei ihm ein zweiter Kopf gewachsen.
„Was?"
„Jones", spuckte Sirius geradezu aus.
James atmete tief ein, bevor er ihn sehr genau ansah. „Was ist passiert, Sirius?"
„Sie ist passiert!" Schließlich gelang es ihm, seinen Ärger zu zügeln. „Hestia Jones und ihr neunmonatiges Aufwärmtraining."
„Sie - was? Neun Monate? Worüber im Namen Merlins redest du?"
„Tja.", antwortete er bitter. Er war es so satt, dass die Leute ihn behandelten, als sei er aus Glas. „Offenbar bin ich genauso unfähig wie verrückt."
„Ich weiß, dass Hestia so was nicht sagen würde", erinnerte ihn sein Freund.
„Zugegeben, so sagte sie es auch nicht. Aber sie hat es verdammt sicher impliziert."
„Ist es zumindest möglich, dass du sie missverstehst?"
Sirius seufzte. „Hör zu, ich weiß, sie soll eine gute Aurorin und alles sein, und ich bezweifle es auch gar nicht. Wahrscheinlich ist sie auch ein netter Mensch." - kalt wie ein Fisch, aber sie bekommt die Befriedigung eines Zweifels - „Aber sie will einen dreimonatigen Crashkurs und eine sechsmonatige Mentorenzeit. Um Gotteswillen, James, ich war gerade selbst dabei, mich als Mentor einzuarbeiten, als ich dein Geheimniswahrer wurde!"
„Ich weiß, Sirius, ich weiß", versicherte James ihm. „Beiß mir nicht den Kopf ab."
„Sorry." Noch einmal riss er sich zusammen. Es wurde mit jeder Minute schwieriger, und Sirius wusste nicht, was er tun sollte, wenn auch noch James begann, an ihm zu zweifeln.
Sein Freund winkte nur ab. „Schon gut. Was hat Hestia also gesagt?"
„Kurz gesagt ist sie sich wohl ziemlich einig mit Kimmkorn." Sirius schüttelte den Kopf und widerstand dem Drang, sein bösartigeres Vokabular auszupacken. Er war nicht sicher, ob er es gegen die Aurorin oder die nervende Journalistin wenden wollte, allerdings hätte es kaum einen Unterschied gemacht. „Sie redet davon, zurück zum Anfang zu gehen und jeden Fetzen Aurorentraining zu wiederholen... Eine ganze Besenladung von dem Mist, den ich einfach nicht brauche. Ich habe in den letzten Wochen schon selbst trainiert, und ich kenne meine Schwächen. Meine Reflexe sind im Arsch, und mir gehen die komplizierten Zauber zu schnell aus. Also muss ich einfach das Kampftraining wiederholen und herausfinden, wie ich unter Druck reagiere. Was ich nicht brauche, ist Miranda Goshawks Standardbuch der Sprüche."
James schmunzelte. „Hast du das überhaupt je gelesen?"
„Sicher, irgendwann so mit sechs." Endlich gelang Sirius ein Lächeln. Leute wie Jones machten ihn einfach verrückt; er konnte es nicht ausstehen, dass man ihm nichts mehr zutraute. Er war nicht aus Askaban entkommen, um sich als Lügner bezeichnen zu lassen, und es begann wirklich, ihm auf die Nerven zu gehen.
Sie grinsten beide, erinnerten sich an die Tage, während denen sie unter jenem Baum gesessen hatten, einer alberner als der andere, jedoch alle erinnerungswürdig. Doch der geteilte Augenblick der Nostalgie konnte nicht ewig anhalten; mittlerweile herrschte Krieg, und sie waren keine Kinder mehr. Unglücklicherweise mischte sich immer die Realität ein.
Endlich sprach James. „Ich spreche mit ihr, Sirius. Du hast Recht damit, dass sie es dir furchtbar schwer macht, aber Hestia hat Recht damit, dass du eine Wiederholung brauchst." Sirius runzelte die Stirn, doch James gab ihm keine Gelegenheit zu widersprechen. „Und sei es nur, um Leuten wie Arabella zu bestätigen, dass du bereit bist und deine Fähigkeiten nicht verloren hast."
„Wie schön zu hören, dass Figg mir vertraut", knurrte Sirius, unfähig, die Verbitterung in seinem Ton zu unterdrücken. James teilte sie jedoch nicht.
„Du musst verstehen, dass sie allen Grund hat, an dir zu zweifeln. Bella kennt dich nicht so gut wie ich, und die ganze Angelegenheit erscheint wie ein Wunder. Also schlag dich so schnell wie möglich durch die Tests, damit wir anfangen können, an Askaban zu arbeiten."
Dies war das erste Mal, dass einer von ihnen sich in diesem Kontext auf das Gefängnis bezog, und Sirius registrierte, wie besorgt James' Blicke sich auf ihn konzentrierten. Eindeutig hatte James die Angelegenheit nicht so früh ansprechen wollen, doch Sirius nickte überzeugt. „Auf jeden Fall."
Erleichterung überzog die Miene seines Freundes, wurde allerdings von einem Anflug von Zweifel überschattet. „Ich will dich nicht drängen", sagte James leise.
„Du hast Angst, dass ich nichts damit zu tun haben will, was? Dass ich diesem Ort mit allen Mitteln fernbleiben will?", fragte Sirius.
„Das ist schon früher passiert.", wich der Auror aus.
„Ich bin nicht Dung Fletcher, James", erwiderte er und atmete insgeheim tief durch, in der Hoffnung, dass sein Freund es nicht bemerkte. „Ich verstehe seine Entscheidung, aber ich halte sie trotzdem für falsch. Ich werde mich nie erholen, wenn ich mit verstecke. Und mit Sicherheit kann ich mich nicht für immer verstecken."
Nicht, wenn mich Voldemort so sehr will. Er sprach den Gedanken nicht aus, doch der Punkt war so oder so gemacht. Und vielleicht hatte James die kurze Pause nicht bemerkt, die er gebraucht hatte, um sich versichern zu müssen. Es zählte nicht wirklich. Freunde, hatte Sirius vor langer Zeit gelernt, interessierten sich nicht für das, was einmal gewesen war. Wenn es um notwendige Entscheidungen ging, standen sie einem einfach bei - egal, wie lang oder dunkel der Weg sein würde. Er lächelte leicht und überraschte sich selbst, als er merkte, dass er es ungezwungen tat.
„Ich musste mir sicher sein", sagte James.
„Ich verstehe."
Arabella Figg stürmte das Büro des Ministers wie ein Hurrikan. Ihre abrupte Ankunft verwirrte selbst Lily und verschreckte Fawkes, als sie Dumbledores inneres Heiligtum stürmte und die Tür hinter sich zuknallte. Wäre es möglich, es hätte sie nicht gewundert, wenn flüssiger Stahl aus ihren Augen gespritzt wäre.
„Er ist weg", keuchte sie. Wut ließ ihre Worte knapp und abgehackt werden und erregte definitiv Dumbledores Aufmerksamkeit. Der ehrwürdige Zauberer musterte sie vorsichtig über die Ränder seiner Brille hinweg.
„Setz dich, Arabella.", sagte er ruhig. „Wer ist weg?"
Mit einem Kopfschütteln blieb sie stehen und widerstand dem Drang, irgendetwas zu zerbrechen. „Crouch. Junior", spuckte sie aus. „Meine Leute haben ihn vorhin festgenommen, und jetzt ist er weg. Verschwunden. In Luft aufgelöst mitten in einer Hochsicherheitszelle."
„Ach herrje."
„Hast du nicht mehr dazu zu sagen?", fauchte sie und starrte ihren Vorgesetzten an. „Ein Todesser verschwindet und du sagst ‚ach herrje'?".
Albus sah sie mit plötzlich alarmierten Augen an. „Setz dich, Arabella", wiederholte er leise, doch seine Stimme hatte sich verhärtet und duldete keinen Widerspruch. Sie folgte der Aufforderung, und sein Blick fixierte sich auf sie. „Ich habe, wie du weißt, sehr viel mehr zu sagen", antwortete er. „Doch ich neige nicht zu voreiligen Schlüssen. Erzähl, was passiert ist."
Sie nahm einen tiefen Atemzug und sortierte ihre wütenden Gedanken. Von allen Leuten wusste Arabella Figg am besten, dass die Kontrolle zu verlieren bei der Leitung von gar nichts half; leider machte es das Wissen auch nicht leichter. Als Kind war sie für ihr explosives Gemüt bekannt gewesen, insbesondere in den Tagen, in denen ihre Eltern davon überzeugt gewesen waren, dass sie ein Squib sei. Ein zufälliger Unfall hatte sie jedoch vor diesem Schicksal bewahrt, und Jahre des Kampfes gegen die Dunklen Künste hatten sie Selbstkontrolle gelehrt. In Situationen wie diesen allerdings wirkte das Gegenteil viel verlockender.
„Alice Longbottom und ein komplettes Team sehr erfahrener Auroren haben Crouch heute Morgen hergebracht. Er wurde kurz nach Blacks Pressekonferenz inhaftiert" - Arabella musste nicht erst sagen, was sie davon hielt - „und in eine unserer sichersten Zellen gesteckt. Am frühen Nachmittag tauchte sein Vater auf und wollte die Beweise sehen."
Dumbledores Miene verdüsterte sich. „Was geschah danach?"
„Ich habe ihm die Akten gezeigt, die du gestern Nacht gesehen hast", erwiderte sie sofort. „Du weißt ja, die Beweislast ist überwältigend. Crouch Senior war nicht gerade glücklich, hat aber nicht gestritten. Unglücklicherweise forderte er dann sein Besuchsrecht ein, das der Auror im Dienst gewährte" - sie schnitt eine Grimasse - „und ging kurz darauf."
„Und dann entkam sein Sohn", beendete der Minister mit dunkler Stimme.
„Ja. Exakt zwei Stunden nach dem Besuch seines Vaters." Sie biss sich auf die Lippe, um den sarkastischen Kommentar zurückzuhalten, den die Übereinstimmung herausforderte. „Das war vor fünfzehn Minuten."
„Ich verstehe."
„Ja, ich auch", kommentierte Bella finster. „Ich glaube nicht an Zufälle, Albus."
Dumbledores Stirn legte sich in tiefe Falten, und sie wusste, was er sagen wollte. Barty Crouch war nicht nur der stellvertretende Zaubereiminister, sondern auch ein Zauberer mit nicht unbeträchtlicher Macht. Dabei ging es nicht nur um magische Macht - sondern auch um die, die ihm der Einfluss und die politische Autorität seiner Position zugänglich machten. Seinen Stellvertreter anzuklagen, würde Dumbledore nicht bekommen; der Versuch würde Crouch lediglich eine Entschuldigung dafür geben, den Zaubereiminister abzusetzen und selbst seinen Platz einzunehmen, was, wie sie beide wussten, zu einem Desaster führen würde. Dennoch, es gab Dinge, die nicht durchgehen durften. Schließlich seufzte Dumbledore.
„Stell Ermittlungen an, vorsichtig, Bella.", sagte er. „Nutz die Ressourcen des Ordens, wenn du kannst. Ich würde es bevorzugen, einen Skandal zu vermeiden."
„Betrachte es als erledigt."
Dumbledore nickte und wirkte mit einem Mal älter denn je. Sein Ton war leise und schwer. „Danke dir."
Spät an diesem Nachmittag hielt ein bis auf die Knochen erschöpfter Sirius Black auf die öffentlichen Kamine des Ministeriums zu. Den gesamten Tag lang hatte er sich in den sorgfältig eingerichteten Übungsräumen der Aurorenzentrale durch Übungen gearbeitet und sein Gedächtnis und seine Reflexe an ihre Grenzen getrieben. Für diese Übungsräume war er sehr dankbar, von denen jeder über ein Netzwerk sorgfältig ausgewählter Zauber verfügte, die auf unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen aktiviert werden konnten und dem Auroren (oder Rekruten) ermöglichten, sich auf Zauberarbeit, Kampfreflexe und Techniken zu konzentrieren. In Abwesenheit Hestia Jones', die er stark im Verdacht hatte, sehr unglücklich mit ihm zu sein, arbeitete er hart. Zu hart, vielleicht.
Aber auf merkwürdige Weise fühlte es sich gut an. Obwohl Sirius mittlerweile neunzig Prozent seiner Konzentration darauf richten musste, sein rechtes Bein zu schonen, erfüllte ihn ein Gefühl der Befriedigung. Schmerz, das wusste er, hielt nicht ewig an, und etwas Schweiß im Training glich das Blut aus, das später im Kampf nicht floss. Außerdem konnte Sirius mit einer ganzen Menge Schweiß umgehen.
Er lächelte leicht, als er sich erinnerte, wie oft Alastor Moody ihm diese Worte eingehämmert hatte. Natürlich verfügte Sirius über eine ungewöhnlich dicke Haut, doch Moody hatte das Problem mit seiner üblichen Effizienz bewältigt, indem er Sirius einfach immer und immer wieder drillte, ihn immer wieder antrieb, bis die Bedeutung von Training zu etwas wurde, was sein Schüler noch im Schlaf verstanden hätte. Sein Einfluss hielt jedenfalls bis heute an; Sirius trieb sich noch immer bis an die Grenzen, weil er wusste, dass ihn umbringen könnte, wenn er sie erst im Kampf austestete. Selbst tot und begraben hatte Alastor ‚Mad-Eye' Moody noch erstaunlichen Einfluss.
Er war zu beschäftigt mit den Erinnerungen, um das plötzliche Auftauchen einer Hexe zu bemerken, bevor es zu spät war.
„Doris Macintosh, Hexenwoche", stellte sie sich vor und trat ihm in den Weg. Er erkannte die blond gelockten Haare und blauen Augen natürlich von der Pressekonferenz wieder, war jedoch darin überfordert herauszufinden, wie und warum sie ihn gerade abfing. Doch die Hexe streckte bereits ihre Hand aus, die Sirius trotz besseren Wissens ergriff.
In Askaban trainierte Instinkte sagten ihm, was die Zeit für eine Flucht gekommen war, doch er widerstand dem Drang. Er befand sich jetzt in der richtigen Welt und konnte nicht vor Journalisten wegrennen - obwohl er jederzeit einen Todesser vorziehen würde. Immerhin wusste er von ihnen genau, was er erwarten musste.
„Miss Macintosh", antwortete er wachsam und löste den Griff, sobald die Höflichkeit es zuließ. Sirius wünschte, dass Fremde ihn nicht noch immer mit solchem Unbehagen erfüllen würden. Und er wurde nicht gerne berührt.
„Ich bin so froh, dass ich Sie erwischt habe, Mr. Black", fuhr sie eilig fort und warf ihm ein blendendes Lächeln zu. Sirius' Einschätzung nach waren ihre Zähne eindeutig zu weiß; sie strahlten. „Nach der Pressekonferenz heute Morgen habe ich mit meinen Redakteuren gesprochen, und wir haben uns dazu entschieden, Sie mit dem Preis der Hexenwoche für das Charmanteste Lächeln auszuzeichnen.
„Entschuldigung, wie war das?" Sirius starrte sie an. Sicherlich hatte er sich verhört.
Macintosh hielt ihm ein Foto entgegen. Es war heute Morgen aufgenommen worden und hatte den einen Moment erwischt, bei dem er über die Frage nach seinen romantischen Interessen etwas schief gelächelt hatte. „Der Preis für das Charmanteste Lächeln", erwiderte sie. „Sicher haben Sie schon von ihm gehört."
„Ich war letzte Zeit außer Lande", erinnerte er sie trocken. „Und davor habe ich eher selten Zeit für Hexenmagazine gehabt."
„Es tut mir so..."
„Macht nichts." Sirius wischte die Entschuldigung mit einer Geste davon. Diese Phrasen machten ihn krank. Sie lächelte dankbar, nicht ahnend, dass ein weiteres funkelndes Grinsen ihn krank machen würde.
„Nun, wie auch immer, ich wollte Sie nur darüber informieren, dass Sie auf dem Titelblatt der morgigen Hexenwoche erscheinen werden", informierte Macintosh ihn strahlend.
Kann ich ablehnen?, fragte sich Sirius säuerlich. Anstatt dessen antwortete er jedoch so höflich, wie ihm möglich war. „Danke."
In seinen Augen klang es eigentlich nicht sonderlich nett, ihr jedoch schien es offenbar zu reichen. Mit einem weiteren brillanten Lächeln (das Sirius die unverdauten Rückstände seines Mittagessens aufstoßen lassen wollte) verschwand Doris Macintosh und wurde zum Problem des Rests der Welt, offensichtlich selbstzufrieden. Mit einem amüsierten Gesichtsausdruck sah Sirius ihr nach, zuckte schließlich mit den Schultern und setzte seinen Weg fort. In ein paar Minuten würde er wieder in Hogwarts sein und sich einreden, dass das alles nur wieder ein schlechter Traum sei.
„Denkst du noch manchmal über die Welt draußen nach?", fragte Frank leise.
Bill blinzelte über die unerwartete Frage. „Ja. Warum fragst du?"
„Schoss mir nur durch den Kopf", erwiderte sein Kamerad. „So kann man sicher sein, dass man nicht verrückt ist... die Verrückten denken nicht oft an daheim."
Erinnerungen an seine Familie schossen ihm durch den Kopf. Nacheinander sah Bill die Gesichter seiner Eltern, dann Percy und die Zwillinge, dann Ron und Ginny - und zuletzt Charlies Gesicht. Charlie. Trauer drohte ihn zu überwältigen, doch Bill rang sie nieder. Oft genug scheuchten die Dementoren jene schreckliche Erinnerung an den Tag auf, an dem Arabella Figg die Weasleys aufsuchte und ihnen mitteilte, dass man Charlie verraten hatte... Manchmal hatte Bill sich früher gefragt, warum James nicht selbst gekommen war, doch heute verstand er. Während der Vorbereitung auf Operation Eisbrecher hatte er den Seniorauroren recht gut kennen gelernt und hinter Fassade und Ruf sehen können. Er wusste, dass Charlies Verlust James, seinem Mentor, das Herz gebrochen hatte.
Manchmal fragte er sich, ob Charlie ihn jetzt sehen konnte. Wenn ja, hoffte Bill, dass er ihn stolz machen konnte.
„Zu vergessen muss die Hölle sein", stieß er schließlich aus.
„Umso länger du hier bist, um so schwerer wird es, sich zu erinnern", bemerkte Frank. Seine raue Stimme klang jetzt bitter.
„Worüber denkst du nach?", fragte Bill aus einem Impuls heraus.
Seiner Frage folgte eine lange Pause, und einen Augenblick lang wünschte er sich, nicht gefragt zu haben. Er wusste, dass Frank schon sehr viel länger als er in Askaban lebte; vielleicht sprach er aus Erfahrung und konnte sich nicht mehr recht an die besseren Zeiten und die Welt draußen erinnern. Vielleicht wurde Frank so still, weil er befürchtete, den Verstand zu verlieren...
„Ich denke an meine Familie", sagte der andere schließlich leise. „Ich frage mich, wie sich mein Sohn macht..."
In der Zaubererwelt galt Mitternacht als die unheimlichste aller Stunden. Seit dem Beginn des Krieges galten die Stunden tiefster Dunkelheit als Zeit des Bösen, und gute Hexen und Zauberer hatten gelernt, sie zu fürchten. Daher verbargen sie sich des Nachts in ihren Häusern, wenn möglich schlafend. Dunkles geschah um Mitternacht, und wenige wünschten ein Teil davon zu sein. Um Mitternacht, sagten sie, kamen die Todesser und spielten.
Mitternacht war definitiv nicht der ideale Zeitpunkt für einen Frühjahrsputz.
„KREACHER!"
Endlich hatte Remus das Ende seiner Geduld erreicht, und den Zauberstab bereits erhoben zielte er drohend auf den degenerierten Hauselfen. „Wenn du auch nur daran denkst, diesen Irrwicht rauszulassen, schwöre ich, dass ich dich in das nächste Jahrhundert hexe!"
Ein Stück entfernt zu seiner Linken unterbrach Sirius seinen Ringkampf mit einem Regenschirmhalter, um zu lachen. „Er ist unglaublich, nicht wahr?"
„Ich dachte, du übertreibst", schnaubte Remus, der noch immer seinen Zauberstab auf den wütend murmelnden Kreacher richtete.
„Der Werwolf spricht mit Kreacher, als ob es Kreacher interessiert, was solche Monster zu sagen haben..."
„Kreacher, noch ein Wort und es gibt Kleider!", bellte Sirius und unterbrach den Hauselfen. Große, wässrige Augen richteten sich auf ihn, und er starrte ihn an, während er auf den Familiendiener der Blacks zuging und den Schirmhalter sich selbst überließ. „Fordere mich nicht heraus."
„Der Meister muss tun, was der Meister wünscht." Kreacher verbeugte sich so knapp wie möglich und setzte sein Murmeln fort. „Oh, Kreachers arme Herrin würde hassen, das zu sehen. Verräter und Verrückte und Monster im Haus..."
„Also mir reicht es", spuckte Remus plötzlich aus, ungeduldiger, als Sirius ihn je erlebt hatte. „Ich bin gleich wieder da."
Knack. Remus disapparierte und ließ einen verwirrten Sirius und den murmelnden Kreacher zurück. Schließlich wandte Sirius sich an den Hauselfen. „Mit anderen Leuten kannst du einfach nicht umgehen, was?"
Kreacher sah ihn mürrisch an.
„Wo ist Remus hin?", fragte James, der mit Peter eintrat. Nach einem vierstündigen Krieg mit Grimmauld Platz Nummer 12 und ebenso geringfügigen Fortschritten wie Sirius und Remus hüllte sie eine mehrlagige Decke aus Staub und Schmutz ein.
„Gute Frage", erwiderte Sirius. Kreacher war sowieso in die Küche entwischt, als seine Freunde sich näherten. „Das kleine Monster hat ihn in den Wahnsinn getrieben. Er sagte, er sei gleich zurück."
„Remus wütend?", schmunzelte Peter. „Zu dumm, dass ich das verpasst habe."
„Ich glaube, Kreacher verletzt seinen Ordnungssinn", bemerkte James lächelnd. „Bei Merlins Bart, ich könnte so einen Hauselfen nicht ertragen."
„Naja, wie ich schon sagte, meine Mutter war nicht ganz normal."
„Ja, so viel hat uns dieses Portrait in der Vorhalle schon verraten", kommentierte Peter. „Lily führt immer noch Krieg mit ihm."
„Lily gegen meine Mum?" Sirius grinste. „Da bemitleide ich die alte Fledermaus ja fast. Aber nur fast."
„Ich nicht", erwiderte James düster. „Wenn Lily mich nicht aufgehalten hätte, hätte ich das verdammte Bild einfach hochgejagt. Du hättest hören sollen, wie sie Lily genannt hat..." Ein verwirrter Blick huschte über James' Gesicht. „Aber Lily hat sie nur ausgelacht. Nichts für ungut, Sirius, aber deine Mutter hätte nach St. Mungo gehört."
Doch Sirius schnaubte nur. „Ich habe euch ja vorgewarnt, und außerdem war es eure Idee."
„Der du zugestimmt hast, Tatze."
„Unter Vorbehalt."
„Vorbehalt, Hölle!" Peter kicherte. „Das hier wird mal ein großartiges Haus, sobald wir ein bisschen geputzt haben."
„Ein bisschen?" James schnaubte.
Sirius verdrehte die Augen, als er Peter antwortete. Sein Ton wurde grimmig. „Du bist hier nicht aufgewachsen, Wurmschwanz. Damals war es anders."
Alles war damals anders. Sirius erinnerte sich daran, wie er mit sechzehn von daheim fortlief und schwor, niemals zurückzukehren. So wunderschön, historisch und geräumig das Haus sein mochte, damals hatte er es gehasst. Für Sirius repräsentierte Grimmauld Platz Nummer 12 eine Familiengeschichte, die hinter sich zu lassen sein gesamtes Leben lang sein größtes Ziel gewesen war: Voller Vorurteile, Arroganz und Dunkelheit. Selbst als er vom Tod seiner Mutter und seinem Erbe erfuhr, hatte er nicht zurückkehren wollen. Erst als James und Remus darauf bestanden, hatte er sich zu einem Besuch überreden lassen. Doch als die Fünf das Haus früher am Abend aufsuchten, hätte Sirius beinahe wieder aufgegeben. Nicht nur, dass hier das reine Chaos herrschte, der Ort erinnerte ihn auch an Zeiten, die besser vergessen bleiben sollten.
Er atmete tief durch und warf einen Blick auf den Wandteppich an der entfernten Wand. Das fürnehme und gar alte Haus der Blacks. Natürlich konnte er nicht leugnen, dass es unter ihnen auch gute Menschen gegeben hatte, und gute vermischten sich mit den schlechten Erinnerungen - doch Dunkelheit und Übel übertrafen sie weit. Sirius seufzte. Vielleicht würde er den Wandteppich behalten. Vielleicht behielt er ihn als Erinnerung an die Vergangenheit, gegen die er sich entschieden hatte, und daran, was ihn zu dem gemacht hatte, was er heute war. Unterschiedliche Kräfte hatten ihn in seinem Leben angetrieben und verändert, und nicht alle von ihnen waren gut. Vielleicht sollte er sich an diese eine Lektion weiter erinnern.
Auf jeden Fall war seine Familiengeschichte eine Tradition, die sich hervorragend zu brechen eignete.
Pop. Remus apparierte plötzlich vor ihnen; die Anti-Apparationszauber um das Haus hatten so sehr gebröckelt, dass Sirius sie komplett entfernt hatte. Sobald er einzog, würde er sie und die anderen Verteidigungsmechanismen des Hauses erneuern. Immerhin ließ sich über die Vorteile eines unaufspürbaren Hauses nicht streiten, insbesondere angesichts Voldemorts verrückter Jagd auf ihn. Und ihm gefiel die Ironie, als der letzte Black hierher zurückzukehren, insbesondere nachdem seine Mutter geschworen hatte, dass er nie irgendetwas erben würde.
„Willkommen zurück", sagte Sirius amüsiert. „Was hast du gemacht?"
„Rekrutierungsarbeit."
Knack.
Die anderen sahen Remus befremdet an.
Knack.
Sirius runzelte die Stirn und versuchte herauszufinden, was vorging. Im Hintergrund hörte er, wie das Portrait seiner Mutter wieder auf Lily losging, die sich offensichtlich einem Sieg näherte.
Knack. Knack. Knack. Knack.
Eine ansehnliche Armee aus Hauselfen war hinter ihrem Freund erschienen, der sehr zufrieden grinste. „Ich hatte plötzlich eine Offenbarung", erklärte Remus düster. „und habe erkannt, dass wir uns völlig unnötig angestrengt haben."
„Du warst in Hogwarts." Erkenntnis dämmerte in James' Gesicht.
„Das war ich." Remus grinste. „Kommenden Mittwoch wird dieses Haus bezugsbereit sein."
„Remus, du bist ein verfluchtes Genie", verkündete Sirius innig.
Der Schulleiter schmunzelte. „Ja, nicht wahr?"
„Oh Gott. Das wird er uns jetzt Monate vorhalten.", grummelte Peter. Doch er lächelte ebenfalls. Alles, was ihnen mehrere Wochen Arbeit an diesem verdammten Haus ersparte, war Freudensprünge wert.
„So." Sirius ließ seine Handknochen knacken. „Also greifen wir jetzt meine Mum an? Ich bezweifle, dass sie mit den Rumtreibern mithalten kann."
Tbc...
