Ein herzliches Dankeschön für eure lieben Reviews/Messages :) Wenn ich die Story noch fertig gepostet bekommen will, dieses Jahr, müssen wir uns ein wenig ranhalten, deswegen folgt jetzt auf dem Fuße Kapitel 29 - wie immer bin ich für alle Fragen und Grübeleien zu haben ;)
Teil 29
Mit einem unguten Gefühl im Magen verfolgte Sarah, wie Abby den Gang hinunter verschwand. Sie hatte nicht viel Zeit mit Dean verbracht, aber auch er besaß diese Mauern um sich herum, die er jahrelang fein säuberlich aufgebaut hatte. Stein für Stein, immer höher und breiter. Was er hinter seinen Sprüchen zu verbergen versuchte, versteckte Abby hinter ihrem Zorn. Beides hatte das gleiche Endergebnis: die Leute drangen nicht zu ihnen hindurch.
Sarah wusste nicht, wo sie bei Abigail anfangen sollte und so tat sie das am nächsten Liegende: sie nahm ihre Unterlagen vom Fensterbrett.
Die anderen Studenten waren längst in ihren Vorlesungen und sie war hier, mutterseelenallein auf dem Gang der Universität.
Was tat sie hier überhaupt …?
Sie fühlte sich so fehl am Platz wie nach dem Tod ihrer Mutter, stellte alles in Frage, was sie tat. Irgendwo, ganz tief in sich drin, wusste sie, dass die Zweifel berechtigt waren.
Wie in Trance drehte sie sich um und bückte sich nach dem in Leder gebundenen Buch auf dem Boden, in der Annahme, es wäre von seinem Platz gefallen.
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Rachel hob den Kopf von den Armen, die sie zuvor auf dem Küchentisch verschränkt hatte um eine weichere Liegefläche zu erhalten und blickte Sam entgegen, der müde und angespannt aussah. Die letzten drei, vier Tage hatten ihm nicht gut getan. Obwohl sie ihn entlasten wollte, war er nicht von Deans Seite gewichen.
„Wie geht's deinem Arm?", fragte sie leise, als er sich ihr gegenüber auf einen Stuhl fallen ließ und den Kopf auf den Schultern rollte, um die verspannten Nackenmuskeln zu lösen.
Sie starrte wartend auf den Schopf, die zerzausten Haare, in denen sich Lichtreflexe spiegelten und konnte gerade noch unter den Spitzen Sams Wimpern ausmachen, die seine Wangen berührten - er hatte die Augen geschlossen.
„Sam?", hakte sie behutsam nach und berührte seinen Unterarm. Er zuckte zurück wie unter einem elektrischen Schlag und blinzelte verwirrt. Er war eingenickt.
„Dein Arm?", wiederholte sie auffordernd.
Er zögerte eine Sekunde zu lange mit der Antwort, als dass sie sie ihm noch hätte abnehmen können: „Ist schon okay."
So unterschiedlich Sam und Dean sein mochten – Rachel musste bei dem Gedanken lächeln – in dieser Hinsicht nahmen sie sich nicht viel. Langsam rutschte sie von ihrem Platz, trat hinter Sam und schlang die Arme um seine Schultern. Die Geste war tröstend, beruhigend. „Geh schlafen. Ich kümmere mich um Dean."
Er war so sehr zu einem kleinen, großen Bruder geworden, dass es sie selbst erstaunte. Nie hatte sie erwartet, diesen damals scheinbar egoistischen Sturkopf so lieb zu gewinnen, der Deans Leben trotz der Entfernung immer beeinflusst hatte – und somit auch ihres. Sie biss sich auf die Lippe, verdrängte das Brennen in ihren Augen mit aller Macht. Wie lange würde alles noch so sein, wie jetzt?
„Bist du okay?", war es an Sam zu fragen, dem der plötzliche Stimmungswandel nicht entgangen war und drehte den Kopf ein winziges Stückchen, ohne dadurch mehr zu erkennen.
„Ja", wehrte sie ab und lächelte, obwohl es sie schier alle Kraft kostete. Er brauchte nicht noch mehr Sorgen. Sacht drückte sie den Jüngeren, dann ließ sie ihn los und trat zurück. „Geh schlafen, ja?", schickte sie über die Schulter zurück, aber einen Moment später war sie bereits an der Treppe.
Sam hörte nicht, wie sie die Nase hochzog, beinahe trotzig, um ihre Selbstbeherrschung nicht zu verlieren. Er sah nicht, wie sie sich hastig die Tränen fort wischte und trotzdem fast blind die Stufen hinauf ins Obergeschoss stolperte.
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„… weißt du noch, der Abend der Hochzeit?", flüsterte Rachel, nur, um überhaupt etwas zu sagen und ließ die Arme sinken, mit denen sie die Knie umschlungen hatte. Sie saß auf dem Kissen neben Dean, an das Kopfende des Bettes gelehnt.
Sie wusste, er war wach, wenn er auch in der ganzen Zeit, die sie nun hier saß, keinen Ton von sich gegeben hatte. Im Halbdunkel konnte sie erkennen, wie er den Zeigefinger in unregelmäßigen Abständen auf dem Stoff krümmte, fast ein Kratzen in Zeitlupe.
„Es war wunderschön", fuhr sie fort und legte den Kopf in den Nacken, starrte zur Decke hinauf. „Bobby und John … sie waren so glücklich. Ich war so glücklich."
Die Laken raschelten, als ihre Handfläche darüber wanderte, näher zu Dean. Mit den Fingerspitzen tastete sie sich unter seine Decke, spürte die Wärme, die der vom Schlafen aufgeheizte Körper ausstrahlte, noch ehe sie ihn überhaupt erreicht hatte. Das elektrische Kribbeln wanderte in ihre Körpermitte, suchte sich seinen ursprünglichen Platz in ihrem Bauch und ihr Herz flatterte im selben Takt.
„Jim hat gestrahlt, bei der Zeremonie, erinnerst du dich?"
Sie ertastete Deans Schulterblätter und die Muskeln, die sich unter der Haut spannten und strich vorsichtig daran entlang. Dean blieb, wo er war, aber er verharrte in seiner eigenen Bewegung, wurde noch stiller, als hielte er den Atem an.
„Ich wünschte, Sam wäre dabei gewesen. Du hast ihn vermisst, das weiß ich."
Rachel hätte sie auch täuschen können, aber sie meinte, dass Deans Gesicht eine Regung zeigte, die einem schiefen Lächeln gleich kam. Sie rutschte tiefer in die Kissen und stützte sich auf einen Ellenbogen auf. Ihre Finger begannen Muster zu zeichnen, Buchstaben. Worte.
„Wir waren später so betrunken …", gluckste sie leise und schlich mit ihren Fingern zum Kragen des T-Shirts. Die feinen, hellen Härchen in Deans Nacken stellten sich auf, als sie über den Stoffrand strich, daraufhin seinen Hals entlang bis zum Ohr. „Du hättest mich nicht so abfüllen sollen."
Die Haut unter ihren Fingerkuppen war weich und sie erinnerte sich dadurch an viel mehr, als sie zu sagen fähig war. Abertausende von Sterne waren am Himmel gestanden und aus einiger Entfernung war Musik zu ihnen herüber gedrungen. Mit je einem Glas Sekt in der Hand hatten sie an dem kleinen See Halt gemacht, abgeschirmt von all den Bäumen. Selbst mit Deans Jackett um die Schultern hatte die laue Luft, die über das Wasser kam, sie enger zusammenrücken lassen.
All das hatte heute neben den verliebten Gefühlen einen anderen Beigeschmack. Einen traurigen Hintergrund.
„Vielleicht … sehen wir Blue Earth irgendwann wieder. Aber ohne Jim wird es nicht mehr dasselbe sein …"
Sie schluckte.
„Ich vermisse ihn … und John …" sie stockte, sammelte sich: „Wie muss es dir dabei gehen?" Sie wurde noch leiser, kroch näher, bis sie ihren Kopf ein klein wenig höher als Deans legen konnte und vergrub die Nase in den kurzen, frisch gewaschenen Haaren.
Deans ballte eine Faust und Rachel streckte sich, um ebendiese zu umschließen. Sie hatte erwartet, dass er wütend war … und sie hatte ebenso erwartet, dass er mit Sam nicht darüber gesprochen hatte. Irgendwo war die Hoffnung, dass er es jetzt mit ihr tat. Er zerstörte sich nur selbst und es war eine Qual, dem zuzusehen.
„Dieser Mistkerl!", brach es nach langem Schweigen schließlich bitter aus Dean heraus, seine Stimme klang belegt. „Wie konnte er so einen Scheiß machen? Sein Leben gegen meines … wer weiß denn schon, ob ich nicht von selbst wieder aufgewacht wäre? Seine Geheimniskrämerei, sein kaputtes Leben, seine Rache … - diese ganze Verantwortung hat er einfach auf mir abgeladen, er verlangt Dinge von mir, die ich nicht tun kann! Es war nicht fair! Er war einfach nicht fair … er hätte …"
So nutzlos sie bisher auch gewesen war, immerhin konnte sie Dean jetzt auffangen.
„Er hat dich geliebt", wisperte sie Dean ins Ohr und küsste seine Schläfe.
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Samstag, 28. Juni 2003
Die Umarmung war lang und herzlich und Rachel konnte ihr irrational breites Grinsen einfach nicht unterdrücken. Im Gegenteil: sie wollte es gar nicht. Sie hatten geglaubt, John würde es nicht schaffen, aber zwei Stunden vor der Hochzeit war er endlich eingetroffen. Die Erleichterung war Dean anzumerken.
„Rachel?"
Zuerst wollte die Jüngere zurücktreten, um John sehen zu können, aber er ließ sie nicht los.
„Ja?"
„Pass auf Dean auf. Egal, was passieren sollte, lass ihn nicht alleine."
Das waren die einzigen Worte, die John jemals in diese Richtung verloren hatte und Rachel war so überrumpelt, dass sie still nickte und nicht fragte, was er damit meinte. Sie hatte nicht vor, ihn zu verlassen.
„Gib ihm ein Leben, das er verdient hat."
„Versprochen."
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Sie war sich nicht sicher, inwieweit sie ihr Versprechen gehalten hatte.
„Warum konnte er nicht einfach nur ein ganz normaler Vater sein …?", durchbrach Dean ihren Gedankengang – aber Rachel wusste keine Antwort. Sie vermutete, dass es eine rein rhetorische Frage war.
„Wenn wir nie auf die Jagd gegangen wären …"
Diese Frage hatte sie sich unzählige Male selbst gestellt. Was wäre gewesen, wenn …doch sie konnte ihm nicht die Hoffnung nehmen. Das durfte sie nicht.
„Wärt ihr das nicht, dann hätten wir uns nie getroffen", fing sie an, merkte aber, dass Dean gerade keinen Spaß akzeptieren konnte. Nach einem Schlucken sprach sie ernster weiter: „Du hast so viele Menschen gerettet, Dean. Du hast Sam bei dir, ihr seid wieder eine Familie."
„Ja, weil er nichts anderes mehr hatte … wäre Jess nicht gestorben, dann …"
Rachel sah gerade noch aus den Augenwinkeln, dass Sams Gesichtszüge sich verhärteten. Kälte lief ihr in Schauern den Rücken hinunter und in ihrem Inneren schienen sich die Eingeweide in Eis zu verwandeln, das Zentner wog. Sie hatten ihn nicht bemerkt und sie wusste auch nicht, wie lange er schon im Türrahmen stand und ihnen zuhörte. Was musste er alleine aus diesem letzten Satz schließen?
Sie kniff die Augen zusammen, hatte zudem das Gefühl, den Erdboden unter den Füßen weggezogen zu bekommen. Dean schien nichts mitzubekommen, auch nicht, als sie flehend den Kopf ein wenig schüttelte, in der Hoffnung, Sam würde begreifen, dass Dean es nicht so meinte – aber da senkte Sam schon den Blick und stellte die zwei Tassen mit dampfendem Inhalt auf den Boden vor dem Zimmer.
Als er die Tür zum Gästezimmer geräuschlos ins Schloss zog, kam es Rachel vor, als hätte ihr jemand ins Gesicht geschlagen.
„Was Jess passiert ist … es war grausam. Sam war zerstört – er … es hat ihn verändert. Manchmal wünschte ich, er würde kein Wort mehr mit mir wechseln, aber dafür Jess bei sich haben und ein normales Leben führen können, wie er es immer wollte. Oder ich wäre an ihrer Stelle gewesen."
Geschockt und ärgerlich begehrte Rachel auf: „Dean, bitte! Hör auf, das Wohlergehen der anderen immer über dein eigenes zu stellen. Um Himmels Willen, bist du denn kein Mensch, der es verdient, zu leben? Wenn du mich fragst: du bist ein besserer Mensch als viele andere, die ich kenne und – zum Teufel noch mal! – wenn du mir nicht glaubst, wem dann? Es ist ja nicht so, dass ich dich betrogen oder belogen hätte oder dir sonst einen Grund gegeben hätte, mir nicht zu glauben! Mach dich nicht immer schlechter, als du bist!"
Sie wusste nicht, woher dieser Ausbruch kam, bei dem sie um jedes Wort ihre Zunge mit Gewalt schlingen musste und sie hatte Angst vor dem, was noch zwischen ihren Lippen hervorkommen könnte. Sie wollte Dean nicht verletzen, aber sie fürchtete, genau das gerade getan zu haben.
Tief durchatmend zwang sie sich zur Ruhe, presste die Lippen zusammen, weil es weh tat, Dean solche Dinge sagen zu hören.
„Die, die ich liebe, kann ich nicht retten … ich bin es Leid, meine Familie, meine Freunde zu begraben, Rae. Ich kann das nicht noch mal …" Deans Stimme verlor sich und Rachels versagte nun beinahe den Dienst, der Kloß in ihrem Hals kehrte zurück: „Du hast mich gerettet."
Der Angesprochene drehte sich auf den Rücken, suchte Rachels Blick. Sein eigener war dunkel, kalt. Voller Selbstvorwürfe. „Wann habe ich dich gerettet?"
„Was denkst du, wäre aus mir geworden, wenn du nicht zurückgekommen wärst?"
Die Lider schlossen sich über grünen Augen, Dean wandte sich ab; ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er dicht machte. Sie hatte es vergeigt. Von allen Dingen, die sie hätte sagen können, waren es genau die falschen Worte, die sie gewählt hatte.
Verzweifelt zermarterte sie sich den Kopf, suchte nach dem Moment, als dieses ganze Gespräch aus dem Ruder gelaufen war.
Sie waren wieder am Anfang.
